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Schenke man der Legende Glauben, so heißt es, dass es vor tausenden von Jahren einen erbitterten Kampf gegeben hat. Ein Gefecht in Gestalt mächtiger Götter, lieferten sie sich auf dem Erdreich eine folgenschwere Auseinandersetzung, um über das Schicksal von Gut und Böse zu entscheiden. So entstand ein riesiger Krater, den man seither "Das Tal der toten Götter" nannte. Das Blut der Götter ist nicht nur der Ursprung sterblichen Lebens, es fließt auch aus dem Auge eines jungen Mannes, dessen Gabe und gleichzeitig Fluch ein Spiegel unseres Selbst ist.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2021
Alexander Fiszbach
Red Tear
Das Tal der toten Götter
© 2021 Alexander Fiszbach
Umschlag, Illustration: Sarah Richter
Lektorat, Korrektorat: Janine Wittek
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-32937-9
Hardcover: 978-3-347-32938-6
e-Book: 978-3-347-32939-3
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Vorwort
Ich grüße Dich, ich bin der Autor, mein Name ist Alexander Fiszbach und ich heiße Dich willkommen im Tal der toten Götter. Das Werk erforderte viel Aufmerksamkeit und so führte mich der Weg zu meiner treuen Lektorin, Janine Wittek. Janine, ohne dich wäre das Buch nur halb so gut. Ich danke dir sehr für die vielen Stunden deiner Aufmerksamkeit und deiner Hingabe, die du für dieses Buch geopfert hast.
Und was wäre das Buch ohne meine Testleser? Ihr seid das Herzstück dieser Geschichte und habt einige Verbesserungen vorgeschlagen, die ich mir zu Herzen genommen und umgesetzt habe. Zum Glück wart ihr meist einer Meinung, denn man kann es ja nicht allen recht machen. An dieser Stelle möchte ich euch gerne von ganzem Herzen Danke sagen:
Jessica Hartung,
Anna Dremlyga,
Thilo Adam,
Thorsten Klimek,
Arthur Kaminski,
Matthias Bornemann,
meiner Schwester Maria Gerlach und
meiner Ehefrau Sandra Fiszbach.
Zudem würde ich gerne meinen Vater Wieslaw Fiszbach erwähnen, der mich bereits als kleines Kind künstlerisch und sportlich stets motiviert hat und ich somit meine kreative Ader ihm zu verdanken habe. Dziękuję ci bardzo tatuś! Jesteś moją inspiracją!
Zu guter Letzt danke ich Christian Promberger für die lateinische Übersetzung und der Illustratorin Sarah Richter, die den Großteil der Illustrationen bearbeitet hat. Ich spreche meine Empfehlung für sie aus!
Wie alles begann
Schenke man der Legende Glauben, so heißt es, dass es vor tausenden von Jahren einen erbitterten Kampf gegeben hat. Ein Gefecht in Gestalt mächtiger Götter, lieferten sie sich auf dem Erdreich eine folgenschwere Auseinandersetzung, um über das Schicksal von Gut und Böse zu entscheiden. So entstand ein riesiger Krater, den man seither „Das Tal der toten Götter“ nannte. Diesem Tal entsprangen vier Völker: die Erstgeborenen, Ungebrochenen, Entweihten und zuletzt die Abtrünnigen. Die Diskrepanz und Unentschlossenheit, welche der Mächte nun die Richtige sei, spaltete die Menschheit. Mittlerweile sind viele Jahre vergangen, in denen Kriege durch die Welt zogen. Niemand kann dem Schicksal entrinnen, auch nicht der junge Mann mit Namen Gabriel, dessen Bestimmung im Verborgenen auf ihn wartet.
Oh blaue Rose, wie wunderschön Du doch bist
Dich zu ehren ist unsere Pflicht
Blaue Rose, behüte uns vor der Finsternis
mögest Du uns für immer schützen mit Deinem Licht
Die Landkarte
Diese Karte basiert auf dem fundierten Wissen eines Gelehrten auf Seiten des Kaiserreiches. Der Kaiser eroberte alle obigen Teile der Helminsel sowie den ostsüdlichen Teil, der an der Schwertküste grenzt. Die Regentschaftsgebiete spalteten sich in die vom Herrscher benannten „Sieben Länder des Lichts“. Das Symbol ihres Glaubens, die Sonne, wendet sich gegen das Symbol ihres Feindes, den Mond. Im Glauben, das Richtige zu tun, hieß es, dass die Sonne alles Böse vertreiben möge und somit die Welt im neuen Glanze auferstehen lassen würde. Es kam jedoch anders: Der Monarch kümmerte sich nicht mehr um das Wohl seines Volkes, sondern war dem steten Streben nach Macht verfallen. Ein einziger Mann wandte sich gegen seinen Herrscher und floh mit seiner Gefolgschaft zum Tal der toten Götter; man bezeichnete ihn als einen Propheten und nannte ihn den Erbauer. Seit jeher sind viele Jahre ins Land gezogen und die Spuren, die sie beim Passieren der feindlichen Grenzen hinterließen, sind verblasst.
Red Tear
Das Tal der toten Götter
Während Du die Seiten dieses Buches aufschlägst, nehmen mich Deine Augen zum ersten Mal wahr. Sie sehen eine düstere Gestalt, die lediglich in einen mit Rabenfedern bedeckten Umhang gehüllt ist. Mein Gesicht – verschleiert hinter einer Kapuze, Mund und Kinn sind nur zu erahnen – möchte ich mich Dir noch nicht sichtlich offenbaren.
Du kennst mich zwar nicht und hörst von mir heute zum ersten Mal, doch lass Dir gesagt sein, ich kenne Dich bereits jetzt schon sehr genau. Seit Jahrtausenden beobachte ich stillschweigend das Geschehen der Welten und nun ist es an der Zeit, eine Geschichte zu erzählen, die Euer aller Denken in eine hoffentlich vernünftige Richtung zu lenken weiß.
Bevor es soweit ist und Du voreilige Schlüsse zu ziehen vermagst, erlaube mir, mich vorzustellen: Mein Name ist Balthasar! Du würdest mich vermutlich aufgrund meines alten Mantels und des Stabs als eine Art Zauberer bezeichnen.
Schau nicht so überrascht, Du hast schon richtig gedacht. Dabei bin ich mehr als das, was Du zu glauben scheinst. Nun denn, kommen wir zum Wesentlichen. Ich gehe davon aus, dass Du Dich mit einer gewissen Neugier für eben dieses Buch entschieden hast und daher einige Fragen an mich haben dürftest. Dieses Buch erzählt keine gewöhnliche Geschichte von Ritterschlachten und märchenhaften Wesen. Nein, es ist viel mehr als das! Du sollst lernen zu verstehen, welches Wesen Dir innewohnt und was beziehungsweise wer Du wirklich bist.
Wahrlich, Du bist ein Mensch und dennoch kann unser innerstes Wesen jeden von uns zu etwas Grauenhaftem werden lassen, so gut unsere Intentionen auch sein mögen. Begleite mich auf dieser Reise und ich werde Dich durch ein Zeitportal in eine andere Welt führen. Eine Welt, die das hierzulande lebende Geschöpf als unwahr bezeichnet. Doch bedenke, folgst Du mir, so bist Du mein Schüler und lediglich ein Betrachter dessen, was bereits geschehen ist. Die Welt, in die ich Dich führe, gleicht der Deinen und die auf Dich märchenhaft wirkenden Erscheinungen begegnen Dir als Symbole und Metaphern – sie spiegeln jeweils Teile der Individuen wider. Du hast die Aufgabe, achtzugeben und die lehrreichen Zeichen zu deuten. Du hast noch immer Fragen? Dafür haben wir keine Zeit.
Nachdem ich nun meinen Stab mit voller Wucht in den Boden ramme, spürst Du die Bewegung der Erde unter Deinen Füßen und die Vibration durchzieht Deinen gesamten Körper.
Zögere nicht zu lange, Du musst Dich beeilen, denn wir haben keine Zeit mehr – das Zeitportal ist rissig! Reich mir Deine Hand und wir können diese Reise gemeinsam antreten. Doch sei Dir bewusst, dass dieses Abenteuer nichts für zarte Gemüter ist! Also los, komm!
Ich sehe, dass Du mir Deine Hand reichen möchtest, indes greife ich Dich prompt am Unterarm und im nächsten Moment sind wir verschwunden. Nur wenige Sekunden später finden wir uns auf einem mächtigen Berg wieder und Deine Augen blicken auf ein Tal hinunter, das durch seine unberührte natürliche Schönheit Deinen Atem erstarren lässt.
Unglaublich, nicht wahr?
Du blickst mit großen Augen durch das nahe liegende Umfeld und siehst diese traumhafte Landschaft mit ihren Bächen, Flüssen und gewaltigen Bergen. Mit einer unglaublichen Kraft peitscht das Wasser hier durch Schluchten, die mächtige aber auch kleinere Wasserfälle entstehen lassen. Der Boden ist mit dichtem Gras und Blumen bedeckt, in dem auch hohe Dornenbäume wachsen, die das Tal mit einem süßen Duft erfüllen. Die Sonne strahlt besonders hell, viel heller, als Du es gewohnt bist. Zudem fällt Dir ein mächtiger Mond am Himmel auf, viel größer verglichen mit dem aus Deiner Erinnerung.
Ich sehe das Erstaunen über das, was soeben geschehen ist, in Deinen Augen.
Wir glauben meistens immer nur an das, was wir sehen, dabei ist die Fantasie eine Kunst, Dinge mit anderen Augen zu betrachten, Neues zu erfinden, Neues zu bauen, sich weiterzuentwickeln. Die Menschen, die hier leben, würden Maschinen, die sich scheinbar mühelos in die Lüfte erheben, ebenso als unwahr bezeichnen. Fantasie ist etwas Zeitloses.
Nun denn.
Unter uns liegt das Tal der toten Götter, befleckt mit viel Leid, Blut und Tränen. Nicht weit, nur wenige Meter unter uns, siehst Du einen Kirschbaum, alleinstehend auf einer Bergspitze. Dem Baum nähern sich zwei Personen. Ich denke, das wäre ein guter Zeitpunkt, um unseren Lehrausflug zu beginnen. Bist Du bereit für diese Geschichte? Und nein, Du hast keine Wahl. Von nun an gibt es kein Zurück mehr.
Lass uns diese Reise beginnen …
Kapitel 1
Das Ungewisse trägt unreife Früchte
Ein Kirschbaum, prächtig und schön, steht einsam auf einer verlassenen Wiese. Dunkle Wolken ziehen am Himmel vorbei, nur das Rauschen der Blätter ist in der Stille zu hören. Einsam und kalt wirkt diese Gegend, nichts vermag diesem Landstrich einen Funken Freude zu verleihen. Der Wind streift umher, sanft berührt er die Krone des Baumes. Die fallenden Kirschblüten sind das einzig Farbenfrohe und dennoch folgen sie trostlos dem Pfad des Windes.
Ein weiterer Windzug kommt auf, stärker als zuvor, und schiebt die dunkle Wolkenmasse beiseite, sodass die Schatten schwinden und die Sonne erstrahlen kann. Die Vögel zwitschern, ein Eichhörnchen kommt aus dem Baum zum Vorschein und schaut zur goldenen Scheibe hinauf. Mit einem Mal wirkt alles idyllisch und friedvoll, bis das helle Bild von einer schwarzen Feder, die vom Himmel herabfällt, durchbrochen wird. Krächzend nähert sich ein Rabe dem harmonischen Ort und erblickt durch seine scharf glänzenden Augen zwei Gestalten, an denen er rasant und graziös vorbeizieht.
Das laute Knallen eines Peitschenhiebs zerschneidet die Luft. Gekonnt wird der Schlag durch den kraftvollen Griff einer blutigen Hand abgefangen. Die düstere Gestalt des Angreifers, dessen Kopf durch eine Kapuze verschleiert und dessen Körper in ein langes, weißes Gewand gehüllt ist, hält die Peitsche in seiner Rechten und bestimmt somit die Entfernung, die ihn und seinen Kontrahenten voneinander trennt. Er wickelt die Schlinge um sein von zahlreichen Striemen gezeichnetes Handgelenk und zwingt sein Opfer, das deutlich jünger als er selbst ist, in die Knie. Dessen Kräfte schwinden und sein rasselnder Atem zeugt von seiner Erschöpfung, dennoch hält er tapfer die Schlinge fest.
Der Jüngere sucht den Blick des Älteren und seine zusammengezogenen Augenbrauen und die knirschenden Zähne zeigen deutlich, dass er den Willen hegt, nicht aufzugeben. Die Haltung seines Gegenübers hingegen lässt einen Hauch von Reue erkennen, dennoch steht dieser stramm und unbeschwert. Er scheint unversehrt, ganz im Gegensatz zu seinem Opfer, dessen dunkle Kleidung im Verlaufe des Gefechts zum Teil zerfetzt wurde. Blutige Peitschenspuren, besonders an Brust und Beinen, weisen auf einen harten Kampf hin, der eher nach einer Art Widersetzung und Bestrafung aussieht.
Während die rechte Hand des jungen Mannes die Schlinge umfasst, zieht ihn sein Gegner weiter gnadenlos zu Boden, bis er gedemütigt darniederliegt. Der Kampf scheint verloren.
„Gibst du auf?“, schreit ihm sein Gegner zu und zerrt an seinem Peitschengriff, bis der Jüngere die Peitsche kraftlos wieder freigibt.
Ungesehen schwebt eine der Kirschblüten herab, wird durch die Lüfte getragen und landet unversehens in der linken Handfläche des jungen Mannes. Im gleichen Moment, während er dieses Ereignis wahrnimmt, scheint die Zeit stillzustehen. Die Blüte erfüllt den Jungen mit neuer Kraft: Seine Muskeln spannen sich an und sein Blick wird hart. Die Zeit verstreicht und obwohl es nur ein Moment war, hat er das Gefühl, gänzlich zu sich selbst gefunden zu haben. Er öffnet langsam die Augen, deren Pupillen sich auf das Äußerste dehnen. Um ihn herum wird es still, nur seinen Herzschlag und das Pulsieren in seinen Schläfen nimmt er deutlich wahr. Auch sein Atem wird augenblicklich schwerfälliger, seine innere Unruhe steigert sich ins Unermessliche und die Natur vollzieht eine Parallele zum Befinden des jungen Mannes. Ein Schwarm zwitschernder Vögel fliegt ungestüm hinfort, währenddessen graue Wolken den Himmel erneut verdunkeln und sich ein Sturm anbahnt.
Der junge Mann richtet sich auf. Sein Gegenüber schwingt erneut die Peitsche und abermals wird diese mit dem letzten Zug abgefangen, doch diesmal mit einer überraschenden Kraft. Blitzartig dreht sich der junge Mann um die eigene Achse, zieht einen Dolch und trennt die lange Peitsche in der Mitte durch.
Die Kirschblüten toben und tanzen im Wind. Der Ältere wirkt ruhig, doch er zögert keinen weiteren Augenblick. Er lässt die Peitsche fallen, holt mit einer schnellen Bewegung eine Radschlosspistole unter seinem Gewand hervor und legt an. Die Feuerwucht der Waffe gleicht einer kleinen Explosion. Als hätte sein Kontrahent es bereits geahnt, weicht dieser der abgefeuerten Kugel aus. Bis auf einen Streifschuss, dem der junge Mann keine weitere Beachtung schenkt, bleibt er unversehrt. Sein Blick verharrt konzentriert auf seinem Gegner und der Ausdruck in seinen Augen verrät, dass er zu allem bereit ist und der Hass auf sein Gegenüber tief sitzt.
Der ältere Mann bleibt weiterhin ruhig, zieht eine zweite Pistole aus seiner Kleidung und schießt. Der Junge hat dieses Mal keine Möglichkeit, auszuweichen und dennoch trifft ihn der Schuss nicht, sondern streift lediglich dicht an seinem Haupt entlang.
„In einem richtigen Kampf wärst du nun tot“, stellt der Schütze fest.
Der junge Mann schenkt den Worten keine Aufmerksamkeit. In seinen Augen ist keine Furcht zu erkennen, als er seinen Gegner anblickt, aus seinem Unterärmel eine lange Klinge hervorzieht und auf ihn zu sprintet. Dieser hingegen lässt augenblicklich beide Pistolen fallen, kniet auf den Boden nieder und greift langsam hinter seinen Rücken, ohne den Blick von seinem immer schneller heranstürmenden Kontrahenten abzuwenden. Als der junge Mann seinen Gegner nahezu erreicht hat, schlägt er mit einem lauten Angriffsschrei zu. Der Ältere zückt sein Schwert und wehrt den Angriff nur einen Fingerbreit vor sich gekonnt ab. Beide sehen sich tief in die Augen, bis sich der Jüngere von seinem Gegner abstößt. Sie kämpfen, als hätten sie zuvor in ihrem Leben nichts anderes getan. Die Klingen zischen im Wind, ihre schnellen Bewegungen sind graziös, kraftvoll und dennoch geschmeidig, als würden sie lediglich ungestüm miteinander tanzen.
Nach Minuten des Zweikampfs wirkt der Junge sichtlich erschöpft, sein Atem geht schwer, Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn und laufen die Schläfen herab. Doch dann ergreift ein starker Windzug das Feld und wirbelt zahlreiche Kirschblüten umher, sodass sie das Sichtfeld der beiden kreuzen. Als die Sicht wieder klar wird, findet der Ältere eine Klinge direkt vor seinem Gesicht vor.
„Diesmal habe ich gewonnen, Vater!“
Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht fegt der Mann im weißen Gewand durch eine schnelle Beinbewegung die Füße seines Sohnes zur Seite und fängt geschickt dessen Schwert auf. „Das nächste Mal solltest du mich töten“, erwidert er leicht spöttisch und wendet sich von dem Unterlegenen ab.
Der Wind lässt langsam nach, der Himmel wird klarer und die Sonne sticht durch die dichten Wolken hindurch. Ihre Strahlen erreichen das Antlitz des Mannes, der nun am Boden liegt und den die Niederlage sichtlich bestürzt. Seine blonde Mähne, welche ihm ins Gesicht gefallen ist und die er nun nach hinten streift, offenbart sein Äußeres. Er scheint recht jung zu sein, nicht älter als zwanzig Jahre. Kantige Züge zeichnen sein Haupt und eine auffällige lange Narbe, die seine linke Gesichtshälfte am Auge durchzieht, lässt seine Züge trotz seines sanften Blicks grimmig und bitter wirken. Seine Haut ist voller Schweiß, Blut und Schmutz, seine Lippen sind schmal und seine Augen leer und kalt. „Gib mir meine Klinge zurück!“
Nun zieht sein Vater die Kapuze über sein langes, pechschwarzes Haar zurück. Bis auf den Stoppelbart ähneln sich die beiden äußerlich nicht. Seine Züge sind weicher und in seinem Blick verbergen sich Weisheit und Wissen, die er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat. „Willst du deine Waffe wiederhaben, so musst du sie dir beim nächsten Kampf eigenhändig zurückholen.“
Mit schmerzverzerrtem Gesicht versucht sich der junge Mann auf seine Knie zu stemmen und aufzurichten. Voller Zorn greift er nach den Kirschblüten, die ihm zuvor noch hoffnungsgebend erschienen. Trotz seiner Bemühungen, diese samt der Erde wutentbrannt in seiner Hand zu zerdrücken, bleiben die meisten der Kirschblüten in ihrer vollkommen schönen Gestalt unberührt. Der junge Mann ist entsetzt, dass er nicht einmal mehr die Kraft besitzt, eine einfache Blüte zu zerdrücken.
„Die Liebe ist wie eine Rose, Arend“, sagt sein Vater und blickt auf ihn nieder. „Doch auch, wenn man sich um sie kümmert, bleiben nicht alle Blüten erhalten. Sie wächst, gedeiht und mit der Zeit bilden sich langsam Stacheln an ihrem Stiel, damit sie keiner berühren oder ungestraft verletzen kann. Genauso ist es in der Liebe … und auch in der Freundschaft. Durch neue Wunden werden stärkere Fundamente gelegt.“
Doch die weisen Worte verhallen im Wind, statt Einsicht entsteht Hass und eine Träne der Enttäuschung fällt auf die Blüten in der Hand des Jungen, während er nach der Narbe in seinem Gesicht tastet. „Er ist kein Mensch, Vater. Er –“
„Schweig!“, unterbricht ihn der Ältere unwirsch.
Nicht nur Arend verleiht seinen Emotionen Ausdruck. Mit dem Rücken zu seinem Sohn gewandt, vergießt auch der Vater eine Träne, während er auf die herabsinkende Sonne in der Ferne schaut, die das Tal und ein Dorf darin noch einmal hell erleuchtet. Langsam versinkt der mächtige feuerrote Ball, wird eins mit dem Boden und verdunkelt die Welt um sie herum. Der Himmel scheint in diesem Moment genau das zu verkörpern, was Vater und Sohn fühlen: Ein inneres Brennen, das mit dem Untergang der Sonne schwindet. Was übrig bleibt, ist eine Träne der Reue, mit der nicht nur ein Kampf zwischen Vater und Sohn endet.
Lange sitzen die beiden erschöpft und tief atmend auf der grünen Wiese und betrachten die Natur, die ihnen einen Ausblick auf ein wunderschönes Tal gewährt, das idyllisch und friedlich unter ihnen liegt. Mächtige Berge und markante Felstürme, zwischen denen ein jahrtausendealter Fluss hindurchfließt, runden das Bild einer perfekten Landschaft ab. Das Wasser ist glasklar, die Ufer sind umgeben von schönen Sandsteinfelsen und Hängen. Wohl kaum ein anderes Tal weist einen so unmittelbaren Übergang von sanften grünen Wiesen zu solch einer mächtigen und bedrohlich erscheinenden Bergwand auf. Ein warmer Wind weht Vater und Sohn durchs Haar. Arend genießt den Augenblick und schließt kurzerhand seine Augen.
Der Beginn einer bevorstehenden Hoffnung
Es ist der gleiche Tag, der gleiche Ort, die gleiche Zeit, da sich Vater und Sohn duellieren …
Am Ufer eines ruhig fließenden Flusses schlendert ein einzelner Wanderer daher, ohne sonderliche Eile, ohne jegliche Begleitung. Lediglich das sanfte Rauschen des Gewässers begleitet ihn auf seinem Weg. Der Mann kniet am Ufer nieder, taucht beide Hände ins Wasser und erfrischt sein Gesicht. Das kühle Nass wäscht die Müdigkeit von ihm ab und rinnt in Tropfen an seinem langen, weißen Bart hinab. Nachdem er einen Schluck getrunken und seinen Wasserbeutel gefüllt hat, wendet er seinen Blick in Richtung der untergehenden Sonne. Sie wirkt bedrohlich und taucht die Umgebung in rötliches Licht, als würde sie den Fluss mit Blut tränken wollen. Der Wanderer deutet dieses Schaubild als Ankündigung eines bevorstehenden Ereignisses. Er schaut besorgt dem Berggipfel entgegen und rammt seinen Wanderstab in den Boden. „Panta rhei“, flüstern seine Lippen.
Ein Schrei aus weiter Ferne stimmt den alten Wanderer neugierig. Die Stimme kommt ihm bekannt vor und weckt eine böse Vorahnung in ihm. Besorgt horcht er ein weiteres Mal hin.
„Maria!“
Der Bergpfad, von dem die Stimme ertönt, führt durch einen tiefen Wald. Das Unterholz wuchert über die nur noch schlecht auszumachenden Wege und verhindert einen schnellen Durchmarsch. Zudem stehen die Bäume teilweise so dicht beieinander, dass das Sonnenlicht keinen Weg durch das Geäst findet und es selbst am helllichten Tage in diesem Wald so dunkel ist, wie in der wolkenverhangenen Düsternis vor einem aufkommenden Sturm.
Hektisch und zugleich ängstlich irrt ein junger Mann umher. Vor ihm läuft hechelnd ein Wolf mit silbergrauem Fell, der genauso aufgeregt zu sein scheint wie der Mensch. „Maria!“ Immer wieder ruft der Junge den Namen nach allen Seiten. Die Nacht bricht bald herein und die Möglichkeit, die Gesuchte nicht rechtzeitig zu finden, bereitet ihm große Sorge.
Schließlich erreicht der Junge das Ende des Waldpfades, bleibt vor Erschöpfung keuchend stehen und stützt sich mit den Händen auf seinen Oberschenkeln ab. Ihn überkommt ein Schauer, er blickt hinter sich und seine Züge spiegeln seine Furcht vor dem Wald wider. Er ist froh, den unheimlichen Ort endlich verlassen zu haben, doch sein umherziehender hektischer Blick verrät, dass er sich nicht vor dem Wald selbst fürchtet, sondern vor dem, was darin lebt. Als er wieder nach vorne blickt, erleuchtet die untergehende Sonne im Tal nun wieder den vor ihm liegenden Weg. Die eben noch herrschende Dunkelheit im Waldinneren scheint vergessen.
Die langen schwarzen Haare des jungen Mannes sind zu einem Zopf geflochten und die Strähnen auf der Stirn wehen sanft im Wind. Sein Äußeres ist von ästhetischer Natur, nicht groß, aber auch in keinster Weise klein. Seine Gesichtszüge sind zart, doch seine Augen sind etwas schmaler und sein stechender Blick strahlt Willenskraft und Entschlossenheit aus. Von seiner rechten Wange bis zur Stirn verläuft eine senkrechte dünne Narbe über das Auge, das auf wundersame Weise so rot wie die Hölle selbst ist, während das linke Auge das Blau des Himmels widerspiegelt.
Der junge Mann scheint nicht älter als zwanzig zu sein. Seine Bekleidung ist bescheiden, er trägt eine Art Hemd aus grob gewebtem Stoff mit engen Ärmeln, die seine leicht muskulösen Arme betonen, eine lange Hose aus leichtem Material, dazu einfaches Schuhwerk. An seinem Ledergürtel ist eine Scheide befestigt, in der ein Langschwert steckt. Einige hundert Schritte entfernt erblickt er eine Windmühle und eine angrenzende kleine Holzhütte. Ohne Ankündigung läuft plötzlich sein pelziger Begleiter voraus und lässt seinen jungen Herrn hinter sich zurück.
„Shiron! Nicht so schnell!“, ruft der Junge seinem wegweisenden Gefährten hinterher, der den Pfad an dem beschaulichen Fluss entlangläuft. Prachtvoll wirkt hier die Umgebung, umringt von mächtigen Bergen, die das gesamte Tal umschließen. Der Mond, der diesen Planeten in einer nahen Umlaufbahn umkreist und sowohl am Tag als auch in der Nacht sichtbar ist, schmückt den Horizont neben der untergehenden Sonne. Neben ihm schwebt ein wesentlich kleinerer, roter Planet, dessen Erscheinung jedoch in Angesicht des Mondes zu verblassen scheint.
An der Windmühle angekommen, bemerkt der junge Mann verwundert, dass sich das Windrad trotz des Zerfalls ganz langsam im Wind dreht. Auffällig sind die ungewöhnlich großen Wurzeln, die aus dem alten, fast in sich zerfallenen morschen Gebäude herausragen, in dessen Inneren eine wunderschöne blaue Rose wächst. Diese einsame Blume wird von einem einzigen schmalen Lichtstrahl erhellt, der sich durch die undichten Holzwände zwängt. Umzingelt von den starken, großen und stacheligen Wurzeln, die überall aus dem Boden ragen, macht es dieser ungewöhnliche Ort geradezu unmöglich, der blauen Rose nahe zu kommen. Und doch scheint sich ihr gerade jemand mit vorsichtigen Schritten zu nähern …
Wie durch Zauberei fangen die stacheligen Wurzeln an, sich zu bewegen und geben einen Pfad frei, der zur Rose hinführt. Doch es sind nicht die metallischen Schritte eines furchtlosen Ritters oder die dumpfen Tritte eines ausgeklügelten Alchemisten, sondern die zarten kleinen Füße eines hübschen Mädchens, das sich der prächtigen Rose immer weiter nähert. Das Haar ist lang und strahlt, als wäre es aus Gold. Die zartrosa Wangen stehen im Kontrast zu der sonst so blassen Haut des Mädchens, dass sich für das junge Alter recht tapfer an einen so gefährlichen Ort wagt.
Zögernd bleibt das Mädchen eine Weile vor der Rose stehen, bis es sich letztlich doch dazu entscheidet, die Hand auszustrecken und die Blume mit viel Feingefühl zu pflücken. Es umfasst die blaue Rose mit beiden Händen, schließt die Augen und nimmt ihren Duft wahr. Der Wind, der durch die morschen Holzwände hindurchzieht, streift sanft durch die langen Haare.
„Maria!“, ertönt ein lauter Ruf von draußen. „Was machst du da?!“
Das Mädchen geht langsam aus der Windmühle heraus, erblickt den besorgten Jungen und dessen Wolf. Mit einem Lächeln erwidert sie: „Schau mal, Gabriel, ich habe den Engel gefunden!“
Als dieser die blaue Rose erblickt, reißt er seine Augen auf und geht einen Schritt nach vorn. „Das ist doch … das ist doch die blaue Rose!“
Anstatt Reue zu zeigen, strahlt ihn das Mädchen voller Hoffnung an: „Meine Träume haben mich zu ihr geführt … Sie ist ein Engel und sie wird mich wieder heilen!“ Sie blickt auf die stachligen Ranken nieder, doch diese ebnen ihr weiterhin den Weg während sie mit beiden Händen den Stiel der Rose fest in der Hand hält.
Auch Gabriel wagt sich nun ins Dornengestrüpp, doch das Unkraut und die herausragenden Stacheln erscheinen wie eine undurchdringliche Mauer.
„Wie machst du das?“, fragt er seine Schwester entsetzt.
„Sie vertraut mir“, antwortet Maria ihm lächelnd.
Als sie nun vor ihm steht, greift er sie an die Schultern und schüttelt den Kopf. „Maria, diese Rose ist dem Dorf heilig! Wir haben jetzt ein großes Problem!“ Er atmet tief durch, beugt sich zu ihr hinunter und guckt ihr tief in die Augen: „Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung mit dir?“ Währenddessen schleckt der Wolf ihr die Hände ab, da sie sich an den Dornen des Stiels einige blutige Stichwunden zugefügt hat.
Sie nickt bevor sie ihm antwortet: „Papa hat gesagt, wenn man fest an etwas glaubt, dann wird es auch wahr!“
Mit einem Mal neigt Gabriel seinen Kopf zur Erde nieder. „Vater …“
„Er wird wieder zurückkommen, ganz sicher!“
Nachdem Gabriel den Blick von seiner Schwester abwendet und sich wieder aufrichtet, bewundern die beiden den Anblick, den die alte Windmühle ihnen bietet. Es scheint sich um eine ältere Konstruktion zu handeln. Die Form erinnert an einen Grundsegler, das Windrad reicht ungefähr einen Schritt an das Bodenniveau heran. Hier und dort finden sich einige undichte, zerfallende Stellen, trotzdem scheint das Gebäude all diese Jahre ohne größere Schäden überstanden zu haben.
„Das ist also die sagenumwobene Windmühle, von der alle sprechen“, meint Gabriel. „Wie konntest du sie überhaupt finden?“
„Ich sagte doch, der Engel hat mich zu ihr geführt!“
„Was für ein Engel?!“, schreit Gabriel frustriert empor. „Diese Mühle gehört der Ältesten, sie ist die Hüterin der blauen Rose. Wo ist sie überhaupt?“
Maria sieht ihren Bruder unschuldig entgegen und zuckt mit den Schultern.
„Es sollte besser niemand sehen, dass du sie gepflückt hast, sonst bekommen wir gewaltigen Ärger“, entgegnet ihr Bruder schnaubend.
„Man hat uns doch verstoßen“, meint das Mädchen, „was soll dann noch großartig passieren?“
„Hattest du denn keine Angst vor den Wölfen?“, fragt der Bruder ohne auf ihre Frage einzugehen.
„Ich glaube, die Geschichten über die bösen Wölfe dienen nur zur Abschreckung, damit wir unser Dorf nicht verlassen. Außerdem, Onkel Ragnar ist Holzfäller und er würde mich sicherlich hören, wenn ich nach ihm rufe.“
„Du glaubst an die falschen Dinge, Schwester. Denkst du, es wird in unserem Dorf zum Spaß so hart trainiert? Und selbst wenn Onkel Ragnar dich hier in den Wäldern finden würde, so wäre er dem Rudel unterlegen.“
„Niemals!“, protestiert Maria entrüstet. „Onkel Ragnar ist stark!“
„Er hat doch nur einen Arm, den er benutzen kann.“
Nach einem Moment des Schweigens weht ein sanfter Wind erneut durch Marias goldenes Haar.
„Niemand sollte kämpfen, niemand sollte jemanden verletzen … warum auch? Das ergibt doch keinen Sinn?“
„Tiere verfügen nun mal über keine Vernunft, sie folgen ihrem Instinkt und wenn es sein muss, werde ich gegen sie kämpfen!“
„Ich habe dich nie kämpfen sehen, Gabriel, und ich will es auch nicht. Mama hat gesagt, dass du damit aufgehört hast, nachdem du dich mit deinem besten Freund gestritten hast.“
Gabriel gleitet mit seinen Fingern über seine Narbe. „Arend ist nicht mehr mein Freund.“
„Du hast dich von allen anderen abgewandt, du verbringst nur noch Zeit zuhause und unternimmst mit deinen Freunden nichts mehr.“
„Ich brauche niemanden“, erklärt er und blickt abweisend zur Seite.
„Und was ist mit dem Jungen, dem du damals geholfen hast?“, hakt Maria nach. „Der mit den weißen Haaren. Wie hieß er noch gleich? Keiner hat ihn akzeptiert, nur du hast als Einziger an seiner Seite gestanden. Warum trefft ihr euch nicht wieder?“
Beinahe unmerklich schüttelt Gabriel den Kopf. „Hektor hat inzwischen bestimmt neue Freunde gefunden … Aber du lenkst vom Thema ab, pflanz die Rose wieder ein! Vielleicht wird die alte Hexe es nicht merken!“
„Sie ist keine Hexe! Sie ist die Älteste! Ich glaube an das, was der Dorfälteste über sie erzählt. Sie war schwach, der Fluch hat sie böse gemacht!“
„Ja und soweit ich weiß, soll die blaue Rose sie wieder zur Vernunft gebracht haben, oder?“
Die Brauen des kleinen Mädchens ziehen sich zusammen, ihre Augen werden glasklar. „Aber sie hat mich gerufen, sie wollte …“
