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Sarah hat alles verloren. Gezeichnet von einem grausamen Schicksalsschlag, zieht es sie immer wieder nach Sardinien, jene Insel, auf der sie die glücklichste, aber auch die schlimmste Zeit ihres Lebens hatte. Als sie in diesem Sommer zurückkehrt, hat das Schicksal besondere Pläne mit ihr. Durch ein unfreiwilliges Bad im Hafenbecken eines Jachtclubs begegnet sie dem attraktiven, aber verschlossenen Raffael Mancini. Sarah weiß sofort: Dieser Mann ist zu arrogant, zu reich und viel zu sehr von sich selbst eingenommen und sie sollte sich lieber von ihm fernhalten. Doch obwohl sie aus verschiedenen Welten stammen, erkennt sie in seinen Augen die Einsamkeit und den Schmerz einer verletzten Seele. Plötzlich weckt er Gefühle in ihr, die sie längst verloren glaubte. Doch gerade als die beiden sich näherkommen, drohen dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit alles zu zerstören, denn nicht nur Sarah hat etwas verschwiegen …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Prolog – Verlust
Kapitel 1 – Der Schmerz, der nie vergeht
Kapitel 2 – Ein Bad im Hafenbecken
Kapitel 3 – Kann mal jemand erklären, was hier los ist?
Kapitel 4 – Wenn einer sturer ist als der andere
Kapitel 5 – Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Kapitel 6 – Was glauben Sie, wer Sie sind?
Kapitel 7 – Ein überraschender Besucher
Kapitel 8 – Ein unverhofftes Wiedersehen
Kapitel 9 – Champagner und Kaviar
Kapitel 10 – Arielles geheimer Name
Kapitel 11 – Wenn dies ein Krimi wäre …
Kapitel 12 – Ab ins Blaue!
Kapitel 13 – Wenn das Meer etwas schenkt
Kapitel 14 – Was machst du denn hier?
Kapitel 15 – Antonella
Kapitel 16 – Das Atelier
Kapitel 17 – Was ist typisch?
Kapitel 18 – Trauma
Kapitel 19 – Ein Diamant zwischen Kohlesteinen
Kapitel 20 – Das Weingut
Kapitel 21 – Ein Meisterwerk
Kapitel 22 – Medaillon oder Collier?
Kapitel 23 – Ich behalte Sie im Auge!
Kapitel 24 – Wie man einen Skandal verhindert
Kapitel 25 – Marcello
Kapitel 26 – Dancing in the rain
Kapitel 27 – Sich fallen lassen
Kapitel 28 – Dem Feuer nachgeben
Kapitel 29 – Was willst du, amore?
Kapitel 30 – Der Morgen danach
Kapitel 31 – Ein Symbol von Bedeutung
Kapitel 32 – Wenn ein Herz heilt
Kapitel 33 – Wissen ist Macht
Kapitel 34 – Die zweite erste Begegnung
Kapitel 35 – Die Wahrheit
Kapitel 36 – Sarahs Geheimnis
Kapitel 37 – Ein Ozean an Gefühlen
Kapitel 38 – Ein Moment der Erkenntnis
Kapitel 39 – Es geht nicht immer nur um dich!
Kapitel 40 – Etwas, das das Risiko wert ist
Kapitel 41 – Ein Herz in Aufruhr
Kapitel 42 – Die Maske fällt
Kapitel 43 – Der größte Fehler seines Lebens
Kapitel 44 – Eine letzte Chance
Kapitel 45 – Nichts hat sich verändert! Oder doch?
Kapitel 46 – Ein letztes Lebewohl
Kapitel 47 – Lass los!
Kapitel 48 – Die Sache mit dem Timing
Epilog – Wo das Herz hingehört
Kleine Bitte
Danksagung
Impressum
Ihre Welt brannte. Alles war umhüllt von rotflammendem Schmerz, der in einem dumpfen Pochen in ihrem malträtierten Körper widerhallte. Ihre Nervenenden zischten, ihre Gliedmaßen wurden erbarmungslos verzehrt und ihre Kehle fühlte sich an, als würden winzige Glassplitter ihre empfindlichen Atemwege zerfetzen. Sie konnte sich nicht bewegen, konnte nicht einmal den kleinen Finger rühren, obwohl alles in ihr schrie und stöhnte. Undeutliches Gemurmel erfüllte ihre Ohren, das sie erst einen Atemzug später als menschliche Stimmen erkannte. Sie wollte etwas sagen, wollte den Mund öffnen, einen Laut von sich geben, irgendetwas … Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Das alles verzehrende Ziehen in ihrer Bauchgegend drohte sie den Verstand verlieren zu lassen. Ihr Geist schien wie in Watte gepackt, als würden ihre Sinne alles schemenhaft und ungreifbar wiedergeben, ohne eine klare Kontur. Sie hatte keine Ahnung, wie lange dieser Dämmerzustand anhielt, ob es Stunden, Tage oder nur wenige Sekunden waren. Irgendwann drang erneut eine Stimme an ihr Ohr, dieses Mal klarer und deutlicher. Sie durchbrach den Nebel, der in ihrem Kopf herrschte.
„Signora Meyer? Können Sie mich hören?“ Die Worte klangen einfühlsam und rüttelten etwas in ihr wach. Es war unverkennbar ein Mann. Italienisch. Er hatte Italienisch gesprochen. Sprach sie Italienisch? Das musste sie wohl, denn sie verstand jedes einzelne Wort.
„Signora Meyer?“ Wieder diese Frage.
Meyer …? Ihr Verstand begann zu arbeiten, kämpfte sich durch den Nebel aus Feuer und schwerelosem Wachzustand an die Oberfläche. Meyer …?
Richtig! Sarah Meyer. Das war sie selbst. Mit dem Aufbieten all ihrer Kräfte versuchte sie, den Kopf zu drehen. Da spürte sie es in ihrem Rücken und Nacken. Es war weich und kühl, roch frisch und ein bisschen blumig. Eine Matratze. Ein weiches Bettlaken. Und das über ihrer Brust? War das eine Decke, die über sie ausgebreitet worden war? Wo war sie?
Wieder begann ihr Kopf zu arbeiten. Bunte Punkte tanzten vor ihren geschlossenen Augen. Davon wurde ihr ganz übel. Ein stechendes Pochen zog über ihre Schädeldecke. Am liebsten wäre sie wieder in den süßen Nebel des Vergessens hinabgetaucht. Aber da – endlich! – entwich ihren Lippen ein leises Stöhnen.
„Signora Meyer?“ Sie wandte unwillkürlich den Kopf in Richtung dieser Stimme. Diese Stimme, die ihr vollkommen unbekannt war und doch ihren Namen kannte. Obwohl ihr geschundener Körper protestierte, zwang sie sich dazu, die Augen zu öffnen. Licht. Weißes Licht, das sie blendete. Sie kniff die Augenlider zusammen, versuchte zu blinzeln.
Wo war sie? Wer sprach da mit ihr?
Eine sanfte Berührung an ihrer Schulter. „Schon in Ordnung. Bleiben Sie ganz ruhig! Wir geben Ihnen gleich etwas gegen die Schmerzen.“
Sie zwang ihren Blick dazu, sich zu fokussieren. Das Licht stach in ihren empfindlichen Augen und drohte, ihren Kopf zum Explodieren zu bringen.
Etwas stimmte nicht. Da war etwas in ihrem Unterbewusstsein, das sie dazu drängte, gegen das bleierne Gefühl in ihrem Körper anzukämpfen. Etwas in ihr wollte nicht zurück in die erlösende Dunkelheit hinabgleiten. Sie brauchte all ihren Willen, um ihre Augen offen zu halten. Alles drehte sich. Ein bitterer und zugleich eisenhaltiger Geschmack lag auf ihrer Zunge, den sie nicht zuordnen konnte.
Ein Mann stand neben ihr. Ein Mann, den eine Aura der Ruhe zu umgeben schien. Ein Mann, der Italienisch sprach und der einen weißen Arztkittel trug.
Etwas in ihrer Brust zog sich zusammen, so fest, dass sie vor Schmerz nach Atem rang. Sofort hatte sie das Gefühl, als würden in ihrer Lunge weitere Glassplitter verteilt, die sie von innen heraus zu zerfetzen schienen, bis sie innerlich verblutete.
Dieser Mann dort …!
Eine wirre Abfolge von Bildern zog vor ihrem inneren Auge dahin. Sie begriff nicht, was das zu bedeuten hatte. Sie wollte es nicht begreifen. Aber da war dieses Drängen tief in ihrem Herzen. Es zwang sie weiterzugehen, sich zu konzentrieren. Und plötzlich begriff sie, was sie störte. Ein anderer Mann sollte dort neben ihr stehen.
Lähmende Angst erfasste sie. Wo war er?
Ihre Kehle zog sich zu. Sie hielt die Augen offen und starrte den Mann in Weiß an, obwohl ihr von dem grellen Licht Tränen über die Wangen liefen. Sie wollte den Mund öffnen, wollte die alles entscheidende Frage stellen. Aber es ging nicht. Da war ein Stück Plastik in ihrem Mund, das sie am Sprechen hinderte. Erst jetzt registrierte sie das leise Piepsen im Hintergrund, wie von einem elektronischen Gerät.
Der Mann in Weiß erwiderte ihren Blick. Er lächelte einfühlsam. „Keine Angst, Signora Meyer, entspannen Sie sich. Wenn Sie das nächste Mal aufwachen, wird es Ihnen etwas besser gehen.“
Besser? Sie wollte nicht, dass es ihr besser ging. Alles, was sie wollte, war eine Antwort auf die Frage, die in ihrem Kopf dröhnte und sie zu zerreißen schien. Wo war er?
Der Mann neben ihr bewegte sich. Sie fühlte den Einstich der spitzen Nadel kaum, fühlte nur eine seltsame Kälte durch ihren pochenden Arm fließen. Sie ließ den Mann nicht aus den Augen. Er schien die Frage in ihren Blicken zu lesen und begriff, dass ihr Geist keine Ruhe finden würde, solange ihr niemand die Wahrheit sagte. Genau dies war der Augenblick, in dem sich sein Mienenspiel veränderte. Tiefes Bedauern zeichnete sich in seinen klaren, dunklen Augen ab.
„Es tut mir leid, Signora Meyer.“ Kaum merklich schüttelte er den Kopf. „Wir konnten nichts mehr tun.“ Diese Worte, so ruhig und endgültig, fühlten sich an wie ein Donnerschlag. Ein Donnerschlag, der ihre Welt auseinanderbrechen ließ. Der wie eine todbringende Tsunamiwelle über ihr zusammenschlug und sie mit sich fortriss, um sie zu ertränken. Der Schmerz in ihrer Brust war wie eine Explosion. Er raubte ihr den Verstand, während die Erkenntnis sie zu ersticken drohte.
Er war … fort?
Nein! Und dann drangen sie doch auf sie ein – die Bilder. Vollkommen klar und deutlich, wie ein Film, den man im Kino sah.
Die Straße in der Dunkelheit … ein Lachen … der wundervolle Abend … zwei Lichtkegel, die urplötzlich auftauchten … Ihr entsetzter Schrei … Und dann nur noch Dunkelheit …
Ein ersticktes Geräusch entwich ihrer Kehle. Halb Wimmern, halb Schreien. Die Geräte piepsten alarmierend laut. Der Mann in Weiß ließ sofort von ihr ab und drückte einen Knopf außerhalb ihres Blickwinkels. Kurz darauf wimmelte es von Menschen. Doch sie achtete nicht darauf, nahm alles nur noch durch einen undurchsichtigen Nebel aus verschwommenen Schemen und Wortfetzen war. Ihre Brust fühlte sich an, als hätte man ihr das Herz herausgerissen, gleich nachdem man es mit einer Eisenfaust zusammengequetscht hatte, bis alles Leben aus ihr entwichen war, und sie außer einer beißenden, lähmenden Kälte nichts anderes mehr spüren konnte. Dieser Schmerz war schlimmer als jede körperliche Qual. Er war allumfassend, mächtig und unaufhaltsam. Sie spürte nichts mehr. Sie sah nichts mehr. Sie wollte nicht mehr sein. Er war fort. Ihre Welt brach auseinander.
Olbia, Sardinien, 2 Jahre später
Warme, feuchte Luft schlug Sarah entgegen, als die gläsernen Türen vor ihr aufschwangen. Sie blieb stehen, um ihrem Körper eine Sekunde Zeit zu geben, sich an die veränderten Klimaverhältnisse zu gewöhnen, und dehnte ihren schmerzenden Nacken. Es dauerte einen Augenblick, bis der leichte Schwindel nachließ. Ein Augenblick, in dem sie die feuchtwarme Luft tief einsog, ihre Nase mit diesem vertrauten Geruch erfüllte, als wäre sie erst gestern hier gewesen. Es roch nach Meer, nach Sonne und nach trockenem Holz. Sie schob sich die Sonnenbrille auf der Nase zurecht und legte den Kopf in den Nacken. Die blendend helle Scheibe am Himmel hieß sie mit ihrer Intensität willkommen. Helle Punkte tanzten vor ihren Augen. Langsam ließ Sarah ihren Blick über die Umgebung wandern. Es war alles noch genauso wie in ihrer Erinnerung. Direkt vor ihr der Parkplatz, verborgen vor ihren Blicken durch einige Sträucher und Büsche. Einige verglaste Häuschen, in welchen die typischen, europäischen Autoverleih-Firmen hausten, die den Reisenden am Flughafen die vermeintlich besten Mietwagen anboten. Die schmale Zufahrtsstraße für die vorbeifahrenden Taxis. Der wolkenlose, azurblaue Himmel, den es nur in den südlichen Gefilden Europas gab. Nichts schien sich geändert zu haben. Alles war beim Alten. Bis auf eines.
Es stach in ihrer Brust und dieser Schmerz beschwor ein Gefühl herauf, das Sarah in den letzten zwei Jahren sehr vertraut geworden war. Sie schüttelte sich und schulterte ihre Handtasche. Entschlossen legte sie die Finger um den Griff ihres Rollkoffers, straffte den Rücken und wagte einige Schritte nach vorn.
„Sarah!“ Der laute, erfreute Ruf erregte ihre Aufmerksamkeit. Ihre Lippen offenbarten ein Lächeln. Für den Bruchteil einer Sekunde war das bedrückende Gefühl in ihrer Brust vergessen. Jenes Gefühl, das sie jedes Mal lähmte, wenn sie in dem Flugzeug saß, das Kurs auf diese Insel nahm. Diese Insel, die sie einerseits liebte und andererseits hasste.
Eine zierliche Frau um die Sechzig kam auf sie zugelaufen, die Arme ausgebreitet und auf den Lippen ein so strahlendes Lächeln, das sogar der Sonne Konkurrenz gemacht hätte.
„Micaela! Wie schön, dich zu …“ Bevor Sarah sich versah, wurde sie in eine herzliche Umarmung gezogen, die ihr all die Luft aus der Lunge presste. Sofort wurde ihr ein bisschen leichter ums Herz und sie legte ihre Arme um diese zierliche Person, die ihr gerade so bis zum Kinn reichte. Ein Geruch, der sie an frisch geschnittene Kräuter erinnerte, stieg ihr in die Nase, als sie die Sardin fest an sich drückte.
„Ist das herrlich, dich zu sehen, bella“, erwiderte Micaela enthusiastisch. Ein vertrautes und zugleich nagendes Gefühl erwachte in Sarah. Eines, das sie an Heimat und Ferne, an die Fremde und das Vertraute denken ließ. Im Nachhinein erstaunte es Sarah, wie sehr man sich bei Menschen geborgen fühlen konnte, obwohl man mit ihnen nicht blutsverwandt war oder sonstige verwandtschaftlichen Bindungen bestanden. Dieses Gefühl von Sicherheit empfinden zu können, trotz dieser traumatischen Erfahrung, die sie damals unerwartet enger zusammengeschweißt hatte, war ein besonderes Geschenk. Sarah zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung. Es war besser, nicht daran zu denken. Nicht jetzt, wenn Micaela sich so sehr über ihr Wiedersehen freute.
Die strich ihr lachend über die Schultern, bevor sie einen Schritt zurücktrat. „Hattest du einen guten Flug? Wie war das Essen an Bord? Ich nehme an schrecklich, nicht wahr?“
Sarahs Lippen zuckten amüsiert. „Der Flug war sehr ruhig. Aber ja, das Essen war wirklich schrecklich.“ Und das war noch untertrieben. Wie bei vielen anderen Airlines war der kurze Snack, den sie auf dem zweistündigen Flug hierher bekommen hatte, bestehend aus einem Knäckebrot mit ein wenig Aufstrich, so trocken gewesen, dass ihr selbst jetzt noch Krümel zwischen den Zähnen steckten. Hungrig war sie natürlich immer noch.
„Das wundert mich nicht. Fluggesellschaften legen keinen Wert auf eine gute Küche. Und dann wundern sich alle, warum immer weniger Menschen fliegen“, sagte Micaela, bevor ihr Gesicht ernst wurde und sie Sarah prüfend von den Zehenspitzen bis zum Haaransatz taxierte. „Du siehst ein bisschen dünn aus, bella. Wie gut, dass ich etwas zu Essen für dich vorbereitet habe. Nach der langen Reise kannst du eine kleine Stärkung gut gebrauchen.“
„Der Flug dauerte doch nur zwei Stunden.“
„Keine Widerrede!“ Micaela stemmte streng die Arme in die Hüften. Einige Haarsträhnen lösten sich aus dem Knoten an ihrem Hinterkopf. Ihr dichtes Haar war inzwischen mehr von grauen, denn von schwarzen Strähnen durchsetzt, und um ihre Augen lagen diese Lachfältchen, die ihren unvergleichlichen Charme ausmachten. Das Leuchten in ihren Iriden kündete von Zufriedenheit und innerem Frieden. Sarah beneidete die ältere Frau ein wenig um diese Ausgeglichenheit. Es gab nur wenige Menschen, die an diesen Punkt in ihrem Leben kamen. Diesen Punkt, an dem sie entschieden, dass sie alles erreicht hatten, was sie erreichen wollten, und das Wohlsein sie umgab wie eine warme Umarmung. Micaela war eine Frau, die alles im Leben hatte, was sie glücklich machte: eine liebevolle Familie, ein gemütliches Zuhause, wundervolle Freunde …
„Na komm, Sarah. Giuseppe wird sonst ungeduldig“, sagte sie, wobei sie den typischen R-Laut betonte, den alle Italiener ausstießen, wenn sie ihren Namen aussprachen.
Sarah schmunzelte. „Deinen Worten entnehme ich, dass er sich kein Stück verändert hat.“
Micaela verdrehte gespielt theatralisch die Augen. „Wir sind seit über dreißig Jahren verheiratet und in all dieser Zeit hat er sich nicht ein Mal verändert. Ich bete jeden Tag dafür, dass es so bleibt.“ Sie lachte, bevor die beiden gemeinsam in Richtung Parkplatz liefen, auf dem ein kleiner, grauer Fiat parkte. An dessen Fahrertür lehnte ein älterer Mann mit Halbglatze, grauem Schnauzer und leichtem Bauchansatz. Seine Stirn zierten tiefe Falten und seine Augen wurden durch eine dunkle Sonnenbrille verdeckt, was seinem Ausdruck etwas Grimmiges verlieh. Als er Sarah erblickte, hellten sich seine Züge sofort auf. In einer fließenden Bewegung zog er sich die Brille von der Nase.
„Sarah!“ Mit zwei schnellen Schritten eilte er auf sie zu und zog die junge Frau in eine kräftige Umarmung, die zweite an diesem Tag. Fast hätte Sarah einen schmerzhaften Laut ausgestoßen, als seine überschwängliche Begrüßung ihre Rippen einen Hauch zu fest zusammenquetschte. Und doch schmolz ihr Herz dahin, als er von ihr abließ und sich seine Mundwinkel hoben.
„Es tut gut, dich zu sehen, mia cara.“ In einer entschiedenen Bewegung nahm er ihr den Koffer ab, um ihn in seinen Wagen zu wuchten. Sarah hatte keine Gelegenheit zu protestieren. „Komm, komm! Steig ein! Wir sollten so schnell es geht dieser brütenden Hitze entkommen.“
Micaela hob tadelnd einen Finger. „Du willst doch nur die dolci haben, die ich anlässlich ihrer Ankunft gebacken habe.“
„Kannst du mir das verübeln, amore? Für deine dolci würde manch einer töten.“
„Das stimmt wohl. Trotzdem würde es deiner Linie guttun, wenn du in nächster Zeit ein oder zwei weniger davon stibitzt.“
Sarah musste sich ein Kichern verkneifen. Diese liebevolle Kabbelei war so unendlich vertraut. Liebe war manchmal wirklich seltsam und dennoch die schönste Sache der Welt. Sofort schnürte es ihr wieder die Kehle zu. Schnell wandte sie sich ab, damit niemand das verdächtige Glitzern in ihren Augen sehen konnte. Sie rang tief und kontrolliert nach Atem, bevor sie ein Lächeln aufsetzte.
„Ich will dir ja nicht in den Rücken fallen, Micaela. Aber wenn es um deine dolci geht, stimme ich deinem Ehemann zu. Davon kann man nie genug bekommen.“
„Da hörst du es, amore.“ Giuseppe grinste triumphierend. „Auf nach Hause!“
Micaela verzog in gespielter Strenge das Gesicht, bevor sie auflachte und sie gemeinsam in den Wagen stiegen. Giuseppe trat entschlossen auf das Gaspedal. Sarah schloss die Augen und beschwor ihren Magen, sich während der kommenden, rasanten Fahrt ruhig zu verhalten.
***
„Ich habe alles so vorbereitet wie beim letzten Mal“, erklärte Micaela, als sie die Tür aufzog. „Ich hoffe, das war für dich in Ordnung?“
Sarah fühlte, wie ihr kalter Schweiß ausbrach. Ihre Hände begannen zu zittern, genau wie beim letzten Mal. Sie zwang ihre Lippen dazu, ihr Lächeln beizubehalten. „Vielen Dank, Micaela. Das ist wirklich nett von dir.“
Umsichtig betrat sie das Zimmer, stellte ihren Koffer ab und schaute sich um, ließ alle großen und kleinen Details auf sich wirken. Alles war genau wie in ihrer Erinnerung. Die hellen Wände, die an der Nordseite des Zimmers von einem einzelnen Bild geschmückt wurden, auf dem die sardische Küste dargestellt war, an der sich die Wellen brachen. Der helle Holzschrank direkt daneben mit den eingearbeiteten Mustern, die rustikal und kunstvoll wirkten. Das Doppelbett, dessen Kopfende ein ähnliches Muster zierte, und die bunte Tagesdecke darauf. Die kleinen Lampen, die direkt daneben in die Wand eingelassen waren. Insgesamt war das Zimmer recht spartanisch, aber gemütlich eingerichtet. Nur der breite Flachbildfernseher auf der Kommode war neu.
Sarah fühlte ein unangenehmes Kratzen in der Kehle, während sie vorsichtig auf das Fenster zutrat, dessen türkisfarbene Vorhänge aufgrund der Tageszeit zugezogen worden waren. Vorsichtig schob sie den Stoff zur Seite und riskierte einen Blick ins Freie. Immer noch der gleiche, atemberaubende Blick. Sie konnte den Garten sehen, in dem sich der Pool für die Gäste befand. Die umliegende, rustikale Felslandschaft. In der Ferne das blaue Glitzern des Mittelmeeres. Die breite Hofeinfahrt, auf der Giuseppe neben dem Wohnhaus seinen Fiat geparkt hatte, der aufgrund der rasanten Fahrt voller Staub war. Auf Sardinien herrschte in den Sommermonaten eine hohe Trockenheit, die insbesondere die versteckten Seitenstraßen in wahre Staubwüsten verwandelte. Die Erde war so trocken, dass man bei schnellerer Fahrt das Gefühl hatte, man würde durch einen Sandsturm fahren, was Giuseppe selbstverständlich nicht davon abgehalten hatte, gewaltig aufs Gaspedal zu treten. Sarahs Magen holperte immer noch. Ihre Knie waren noch immer ganz wackelig von seinem Kamikaze-Fahrstil. Dass sein Fiat mittlerweile mehr als eine Delle hatte, wunderte sie keineswegs. Ihm schienen diese kleinen „Schönheitsfehler“, wie er sie insgeheim nannte, nichts auszumachen.
Die Pension von Micaela und Giuseppe war ursprünglich einmal ein alter Bauernhof gewesen, den Micaela von ihrer Familie geerbt hatte. Die alte Scheune, in dem einst die Pferde und Ziegen untergebracht worden waren, hatten sie vor einigen Jahren zu Ferienwohnungen umgebaut, die sie in den Sommermonaten vermieteten. Micaelas Vater war mit Leib und Seele Landwirt gewesen. Von ihm hatte sie laut ihren eigenen Aussagen ihr Temperament und ihren unverbesserlichen Optimismus geerbt, genauso wie die Liebe zu ihrer Heimat. Ein Teil des Landes, auf dem sie und Giuseppe lebten, wurde immer noch zur Zucht und Haltung von Ziegen genutzt, aus deren Milch der berühmte sardische Käse hergestellt wurde. Was das Rezept und die Herstellung anging, schwieg Micaela sich selbstverständlich aus. Sarah erinnerte sich gut daran, wie erfreut ihre Gastgeberin jedes Mal gewesen war, wenn sie diese Speise mit Genuss verputzt hatte und nicht genug davon bekommen konnte. Es war eine Ewigkeit her, seitdem Sarah diese Köstlichkeit zum ersten Mal probiert hatte. Damals, als noch alles anders gewesen war.
Sie presste die Lippen zusammen und ließ den Vorhang los. „Du hast die Klimaanlage eingeschaltet.“
„Natürlich! Ich weiß doch, dass ihr Nordeuropäer immer etwas Zeit braucht, um euch an unser Klima zu gewöhnen.“
Sarah schmunzelte. Da war etwas dran.
„Pack erst einmal in Ruhe aus, bella. Sobald du fertig bist und dich ein bisschen frisch gemacht hast, kannst du gerne in unsere Küche kommen. Bis dahin habe ich uns schon ein paar Espressi vorbereitet.“
Sarah nickte. „Danke, das mache ich.“
Sie freute sich bereits auf das gemütliche Zusammensein mit ihren Gastgebern. Ein Teil von ihr fühlte sich, als wäre sie nach Hause gekommen. Aber es war zugleich auch jener Teil, der ihr Herz schwer werden und sie nie vergessen ließ.
Micaela lächelte warm und schickte sich an, zur Tür zu gehen. Doch bevor sie diese erreichte, machte sie unerwartet auf dem Absatz kehrt. Sarah wehrte sich nicht, als sie sie in eine warme Umarmung zog. Es war keine gewöhnliche Geste. Sarah spürte sofort, was sie zu bedeuten hatte. Und das war etwas, worüber sich niemals jemand zu sprechen traute. Sofort wurde ihr die Kehle eng. Der altbekannte Schmerz flammte mit aller Macht auf und drohte, ihr die Luft abzuschnüren.
Würde dieser Schmerz jemals vergehen?
Sarah zögerte, bevor sie die Geste stumm erwiderte und gegen das Gefühl in ihrer Brust ankämpfte, das mit jeder verstreichenden Sekunde anschwoll. Hinter ihren geschlossenen Augen brannte es verdächtig. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit ließ Micaela von ihr ab. Verständnis und unendliche Trauer ließen ihre Augen dunkler wirken, als sie eigentlich waren. Eine stumme Entschuldigung für etwas, das nicht in ihrer Macht gelegen hatte und niemals wieder sein würde wie zuvor. Kühle, schmale Finger berührten Sarahs Wange und klopften sanft dagegen. Es war dieselbe Geste, die sie auch ihren Enkeln zuteilwerden ließ, wenn diese sich bei ihrer Großmutter über die Ungerechtigkeit der Erwachsenenwelt ausweinten. Micaelas Lippen verzogen sich zu einem traurigen, mitleidigen Lächeln.
„Ist schon gut, Micaela“, sagte sie leise und hoffte, dass man ihrer Stimme das Zittern nicht anhören konnte. „Mir geht es gut.“ Nach all der Zeit kam ihr die Lüge erstaunlich leicht über die Lippen.
Micaela sah nicht überzeugt aus, bevor sie sich umwandte und das Zimmer verließ. Erst nachdem die Tür ins Schloss gefallen war und ihre Schritte sich entfernten, ließ Sarah sich auf die weiche Matratze fallen. Erschöpft vergrub sie den Kopf in ihren Händen und ließ den aufkeimenden Gefühlen in ihrer Brust endlich freien Lauf. Heiße Tränen benetzten ihre Wangen.
O ja, die Trauer war wieder da und es war genau wie beim letzten Mal. Sarah liebte und hasste Sardinien. Schluchzend zog sie ihre Beine an den Körper und presste ihre Stirn gegen die Knie, um endlich all die Tränen zu weinen, die sie seit ihrer Ankunft zurückgehalten hatte.
Micaelas dolci waren einmalig. Die verlockende Süße auf ihrer Zunge, als Sarah die kleinen Gebäckteilchen verschlang, linderte das pochende Ziehen in ihrer Brust zwar nicht, lenkte sie aber zumindest ab. Wenn ihre Gastgeber etwas von ihren rotgeweinten Augen bemerkt hatten, so sagten sie es nicht. Stattdessen erzählten sie ihr von ihren Enkeln, die laut ihren Eltern kleine Teufelsbraten waren, sprachen über den neuesten Dorfklatsch und redeten über die Renovierungsarbeiten in einer der Ferienwohnungen, die allmählich Gestalt annahmen. Sarah hörte sich alles ruhig und mit einem Lächeln auf den Lippen an. Sie genoss es, in Gesellschaft dieser beiden liebevollen Menschen zu sein. Die Ereignisse der Vergangenheit hatten auf eine merkwürdige Weise dafür gesorgt, dass sie Sarah wie eine zusätzliche Tochter betrachteten, obwohl es vor ihrem allerersten Urlaub vor einigen Jahren keinerlei Berührungspunkte ihrer Leben gegeben hatte. Micaela und Giuseppe hatten einfach schon immer einen Narren an ihr gefressen. Daher war es für die beiden eine Selbstverständlichkeit, ihr Unterkunft zu gewähren, wenn Sarah fragte, ob sie ein paar Wochen in ihrer Pension verbringen dürfe, um die Luft Sardiniens einzuatmen und den Geschmack der Insel ein weiteres Mal auf der Zunge zu schmecken. In Anbetracht ihrer Erfahrungen klang dies seltsam, aber ab und an brauchte Sarah dieses Gefühl. Ein Gefühl, das ihr ein bisschen Erleichterung verschaffte, ihr aber immer die Tränen in die Augen trieb, wenn sie nicht aufpasste. An manchen Tagen konnte sie es ignorieren, aber an anderen genügte selbst das nicht mehr. Dann brauchte sie … etwas. Genau das fand sie nicht zu Hause in ihrer Hamburger Wohnung. Meistens dauerte es in diesen Phasen weniger als einen halben Tag, bevor sie nach dem Telefonhörer griff und Micaela anrief.
Nachdem sie sich ausgiebig mit ihren Gastgebern unterhalten und einen Haufen dolci verputzt hatte, beschloss sie, einen Spaziergang zu machen. Die Pension lag ein Stück weit im Landesinneren in einer Region, in der die Landschaft ein bisschen felsiger, ein bisschen rustikaler war als in der Nähe der Küste, wo die Insel in weiten, weißen Stränden auslief. Häuser gab es in diesem Landstrich nur vereinzelt, sodass sich die kleinen, beschaulichen Gebäude mit den flachen Dächern und den meist weißen Fassaden so unauffällig zwischen der Vegetation wiederfanden, dass man diese erst beim zweiten Blick bemerkte. Das war eine Besonderheit Sardiniens. Wo andere Inseln ein Überangebot an mächtigen Gebäuden und gepflasterten Straßen für Touristen boten, achtete man auf Sardinien darauf, Hotels und Anzeichen von Zivilisation dezenter zu gestalten. Auf diese Weise wirkte das Bild der Insel natürlicher, ursprünglicher und ruhiger.
Sarah war bereits oft genug hier gewesen, um sich ein wenig auszukennen. Als sie von ihrem Spaziergang zurückkehrte, fühlte sie sich immer noch rastlos und aufgekratzt. Also beschloss sie, einen kleinen Ausflug zu unternehmen, in der Hoffnung, dadurch heute Nacht ein wenig Schlaf zu finden und sich nicht wie sonst unruhig hin und her zu wälzen, bis die Erschöpfung sie letztendlich übermannte. Giuseppe hatte vehement protestiert, als Sarah verkündete, dass sie mit dem Bus fahren würde und die beiden nicht mit dem Abendessen auf sie warten sollten. Bevor Sarah etwas erwidern konnte, hatte er ihr die Schlüssel seines Fiat in die Hand gedrückt und war aus der Tür marschiert, um ihr zu verdeutlichen, was er von der Idee hielt, dass sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wollte. Noch im Flur hatte er lautstark verkündet, dass er seinen Wagen heute Abend nicht brauchen würde. Damit war das Thema für ihn erledigt gewesen. Sarah war insgeheim froh über das Angebot, denn mit dem Auto zu fahren, bot mehr Flexibilität. Außerdem wusste sie zu gut, dass eine Diskussion mit Giuseppe nicht das Geringste brachte. Gegen die sardische Sturheit war kein Kraut gewachsen. Giuseppe war das beste Beispiel dafür. Kurze Zeit später war sie mit seinem Auto die schmalen, teilweise recht kurvenreichen Straßen entlanggefahren, während die Sonne allmählich tiefer sank und einen verträumten, goldenen Lichtschein zauberte.
Sarah hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, dass sie ausgerechnet den Weg in diesen Ort eingeschlagen hatte. Es war einfach passiert. Mit viel Glück hatte sie einen Parkplatz in der Nähe des Ortseinganges gefunden. Zu dieser Zeit des Jahres, also in der Hochsaison, war das kleine Städtchen so überfüllt, dass man froh sein konnte, wenn man einen Stellplatz bekam.
Gedankenverloren und mit einem leichten Unwohlsein spazierte Sarah die künstlich angelegten Betonwege entlang, die sie längst in- und auswendig kannte. All das, was die Touristen hierherzog, insbesondere die äußerst Vermögenden oder die, die es gerne wären, war ihr auch nicht mehr neu. Es gab Ortschaften an der Küste Sardiniens, die nicht älter als dreißig Jahre alt waren und in denen es nichts gab außer Luxusgeschäfte, deren Waren sich kaum ein Normalsterblicher leisten konnte. Modegeschäfte wie Louis Vuitton oder Valentino waren da noch erschwinglich. Die Restaurants waren in der Regel so extravagant, dass man die Speisen auf der Karte nur vom Hörensagen kannte und von denen ein winziger Happen so viel kostete, dass man sich fragte, ob die Gaumenfreude den Preis wirklich wert war. Es waren Ortschaften, in denen man einfach spürte, dass hier alles auf „Chic“ ausgelegt, aber nichts wirklich echt war. Es ging um das Sehen und Gesehenwerden, nicht mehr und nicht weniger. Natürlich besuchten die Touristen solche Gegenden genauso wie Olbia oder die wunderschönen Strände, an denen das Wasser so blau war, dass es wie ein klarer Kristall klirrte. Jeder war neugierig, wo die Reichen und Schönen sich in ihrer Freizeit aufhielten und ihren Urlaub verbrachten. Aber wenn man einmal hier gewesen und diese künstlich angelegten Wege entlanggelaufen war, hatte man alles gesehen. Etwas Spektakuläreres gab es in solchen Gegenden nicht.
Warum war Sarah ausgerechnet hierher gekommen? Sie horchte in sich hinein, fand aber keine Antwort darauf. Wenigstens kannte sie sich hier aus. Sie wusste, wohin dieser Pfad sie führen würde. Obwohl sich das Ziehen in ihrer Brust verstärkte, folgte sie dem Weg wie ein Dutzend anderer Touristen, die sich zwar in Schale geworfen hatten, denen man aber genau aus diesem Grund ansah, dass sie nicht zur Elite der Insel gehörten. Früher hätte Sarah sich gefragt, ob sie in ihrem einfachen Leinensommerkleid mit dem schmalen Gürtel um die Taille und den beigefarbenen Sommersandalen nicht noch mehr aufgefallen wäre. Aber das war in einem anderen Leben gewesen. Sie beachtete die Menschen um sich herum nicht, während ihre Füße wie ferngesteuert dem Weg folgten, bis sie schließlich die Richtung änderte. Still und leise folgte sie einem einsamen, schmalen Trampelpfad, der zwischen den angelegten Bäumen und Sträuchern fast unpassend aussah, einem Ziel folgend, das nur sie selbst kannte.
Als sie stehenblieb, befand sie sich am Ende eines kleinen Steges, der so unscheinbar und winzig war, dass sich so gut wie nie jemand hierher verirrte. Was aber weder die Touristen noch die Reichen und Schönen wussten, war die Tatsache, dass man von hier aus den perfekten Blick auf genau den Bereich hatte, zu dem es alle Schaulustigen hinzog: den Jachthafen.
Sarah rührte sich nicht und blickte gedankenverloren auf das sanft wogende Wasser. Sie registrierte kaum, dass der Tag sich dem Abend zuneigte. Die Sonne war hinter dem Meer versunken. Das nachtblaue Gewand der Dämmerung breitete sich aus und erweckte das Wasserspiel im Hafenbecken auf unerwartete Weise zum Leben. Das kristallblaue Wasser verwandelte sich in einen geheimnisvollen, dunkelblauen Spiegel, der die Lichter der Restaurants reflektierte. Langsam wogten die Schiffsrümpfe hin und her. Einige Lichterketten schlängelten sich um die eine oder andere Reling. Es sah aus wie ein Ballett auf dem Wasser, als das Licht auf der Oberfläche brach und die Wellen ein verzerrtes Bild der Realität erschufen. Ein unerwartet beruhigender Anblick, schön, still und geheimnisvoll.
Sarah schluckte. Ihre Finger zuckten und umschlossen das Medaillon, das an einem dünnen Lederband um ihren Hals hing und sonst verborgen vor neugierigen Blicken unter dem Ausschnitt ihres Kleides ruhte. Es war nicht größer als eine Briefmarke. Sie blickte in die Ferne, fixierte alles und nichts. Ein Kribbeln fuhr durch ihre Gliedmaßen. Ohne dass sie es bemerkte, verkrampften sich ihre Finger um das kühle Metall. Ihre Hand begann zu zittern.
Eine Erinnerung stieg in ihr auf, so klar und deutlich, als wäre es erst gestern gewesen.
Alles war wie damals. Nichts hatte sich verändert.
Die klare Luft. Das leise Plätschern des Wassers. Der warme Wind, der sanft mit ihrem Haar spielte. Selbst die Gerüche waren dieselben.
Fast glaubte sie, den sanften Druck einer Hand in ihrem Kreuz zu spüren, vertraut und warm …
„Ich verstehe nicht, warum wir jedes Mal herkommen müssen. Wenn man einmal hier war, hat man doch alles gesehen.“
Ein Lachen, tief, heiter und männlich. „Weil es einfach zu Sardinien dazugehört.“
„Findest du?“ Ein amüsiertes Kichern, weiblich und zärtlich. „Träumst du etwa davon, selbst eine Jacht hier vor Anker liegen zu haben?“
„Warum denn nicht? Man darf doch große Träume haben.“
Wieder ein zärtliches Schmunzeln. „Müsstest du dafür nicht erst einmal einen Segelschein machen?“
„Stimmt auch wieder.“ Ein tiefer, männlicher Laut, in dem so viel Liebe steckte, gefolgt von einem verträumten Seufzen. „Aber wenn ich einen hätte, würde ich ein altes Boot kaufen. Eines, das eine Geschichte hat, eine Seele. Ich würde es restaurieren und diesem Fleckchen oberflächlicher Dekadenz hier ein bisschen Leben einhauchen. Meinst du, das würde einen Skandal geben?“
„Es würde zumindest für einige Aufmerksamkeit sorgen. Wer rechnet zwischen all diesen Luxusjachten schon mit einem in die Jahre gekommenen Boot, das mit Liebe restauriert wird und nicht nur beeindrucken soll?“
„Siehst du! Genau das, was diese Neureichen hier brauchen, oder?“
Ein warmes Gefühl, gefolgt von tastenden Fingern, die sie sanft an den Rippen durch den dünnen Stoff ihres Oberteils kitzeln. Ein flatternder Herzschlag in ihrer Brust. Sein Mund ganz nah an ihrem …
Sarah presste die Lippen zusammen und blinzelte gegen das Brennen in ihren Augen an. Das Medaillon glitt zurück an seinen Platz unter dem Stoff ihrer Kleidung. Sie sog die frische Meeresluft tief in ihre Lunge und versuchte, sich zu beruhigen. Sie wusste selbst nicht so genau, warum sie hierhergekommen war. Sie hatte es einfach getan, als hätte sie irgendetwas hierhergezogen, wie eine unsichtbare Kraft.
Es gehört eben einfach zu Sardinien dazu. Mit einem tiefen Atemzug drängte sie das schmerzhafte Pochen in ihrer Brust zurück. Um sich abzulenken, ließ sie ihren Blick über die Schiffe schweifen, die im Hafen vor Anker lagen. Die meisten davon waren Motorjachten mit mindestens zwei bis drei Decks, eins protziger als das andere, und die nun in der anbrechenden Nacht durch die eigens installierten Scheinwerfer angestrahlt wurden wie eine abstrakte Museumsattraktion. Selbst auf die Distanz konnte man den Prunk und die blank polierten Schiffsrümpfe erkennen. Als Normalsterblicher konnte man sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, mit welchem Luxus diese motorbetriebenen Monster ausgestattet waren. Sarah schwirrte allein beim Gedanken daran der Kopf. Es gab nur eine Handvoll Segeljachten, die im Hafen lagen, aber sie waren prächtig anzusehen und wirkten weit weniger protzig als diese Motormonster, bei denen die Millionen praktisch am Heck klebten. Diese Jachten strahlten etwas Elegantes aus. Einen zeitlosen Geschmack, der Stil hatte und nicht aufdringlich wirkte.
Sarah fiel eine Segeljacht ganz besonders ins Auge. Ein Zweimaster, der es in Länge, Pracht und Geschwindigkeit mit jedem anderen Schiff hätte aufnehmen können. Sie kam nicht umhin, dieses Kunstwerk aus Holz und mit Sicherheit einer Menge Technik in seinem Rumpf zu bestaunen. Sie bewunderte die windschnittige Form, die prächtigen weißen Segel, von denen tatsächlich gerade eines eingeholt wurde, und die blank polierte Holzreling, die sich im dunklen Wasser zu spiegeln schien. Sie hatte nicht wirklich Ahnung von Schiffen oder Jachten, doch dass dieses Exemplar etwas ganz Besonderes war, erkannte sogar ihr ungeübtes Auge.
Die Lichter, die geschmackvoll und an dezenten Ketten zwischen den Masten hin und herschaukelten, hüllten die Jacht in einen warmen, goldenen Schein. Sarah konnte deutlich das Bordpersonal erkennen, ausnahmslos in saubere, weiße Shirts und schwarze Hosen gewandet, das geschäftig auf dem unteren Deck umherlief.
Eine kleine Menschentraube sammelte sich am Pier, wo die Segeljacht vor Anker lag. Eine Absperrung verhinderte, dass sich jemand unbemerkt dem Schiff nähern oder auch nur einen Fuß in einen Bereich setzen konnte, an dem man als Unbefugter nichts zu suchen hatte.
Gaffer! Sarah wandte sich angewidert ab.
Dass es Menschen gab, die reicher waren als andere, war ein ungeschriebenes Gesetz des Lebens.
Aber hatten sie deshalb kein Recht auf ein bisschen Privatsphäre?
Natürlich sah man bei solch einem Schiff zweimal hin. Wer wäre nicht neugierig? Doch musste man es gleich so übertreiben?
Sie schüttelte den Kopf und schulterte ihre Tasche, als plötzlich etwas ihre Aufmerksamkeit erregte. Aus dem Augenwinkel erkannte sie eine Bewegung, die nicht so ganz ins Gesamtbild passen wollte. Irritiert drehte Sarah den Kopf.
Sie hatte keine Ahnung, was sie dazu trieb zu verweilen, aber plötzlich schien ein inneres Flüstern sie daran zu hindern, einfach fortzugehen. Von ihrer Position aus konnte sie deutlich den Landungssteg erkennen. Genau dort hüpfte sorglos ein kleines Mädchen mit braunen Locken entlang.
Sarah erstarrte. Ihre Augen weiteten sich, als sie beobachtete, wie die Kleine leise kichernd einem Ball hinterherstolperte, der über das blank polierte Holz dahinrollte und direkt auf das Ende des Steges zuhielt. Eisiger Schreck erfasste Sarah. Das Kind war höchstens zwei oder drei Jahre alt, sein Gang war immer noch wackelig und sehr unsicher.
Sarah öffnete bereits den Mund, um eine Warnung zu rufen. Im letzten Moment überlegte sie es sich anders. Ein Schrei würde die Kleine sicherlich erschrecken. Sie schwankte bereits gefährlich nahe am Rande der Holzplanken. Beunruhigt warf Sarah einen Blick auf die Jacht. So selbstverständlich, wie das Kind sich in diesem Bereich aufhielt, musste sie von dort gekommen sein. Ob sie die Tochter von einem der Angestellten war?
Sarahs Herz schlug einen Takt schneller, als sie begriff, dass jemand gezielt über die Reling schauen müsste, um die Kleine zu entdecken. Wenn nun etwas Unvorhergesehenes passierte, würde es niemand mitbekommen. Wahrscheinlich waren alle zu beschäftigt, um die kleine Ausreißerin zu bemerken. Unsicher nagte Sarah an ihrer Unterlippe, während ihre Aufmerksamkeit zu dem Kind zurückkehrte, das genau in dieser Sekunde über die eigenen Füße stolperte.
Sarah stieß einen unterdrückten Schrei aus. Entsetzt presste sie die Hände auf ihren Mund und beobachtete hilflos, wie die Kleine ins Straucheln kam. Ihr weißes Sommerkleid bauschte sich auf wie eine Wolke am Himmel, schön und schwerelos. Ein leises, kaum hörbares Platschen erklang, als ihr Körper ins Wasser fiel und binnen Sekunden unterging. Kleine Wellen breiteten sich aus und verschluckten jedes Geräusch. Eine gespenstische Stille trat ein. Sarah war wie gelähmt vor Entsetzen.
Dann fuhr ein Ruck durch ihren Körper. Panisch sah sie sich um, aber niemand außer ihr schien das Unglück beobachtet zu haben. Hinter der Reling der Segeljacht rührte sich nichts.
Ihr Herz raste. Ihr Atem setzte aus.
Ohne zu überlegen, rannte Sarah los, riss sich mitten im Lauf die Sandalen von den Füßen und schleuderte ihre Tasche zur Seite. Mit einem Hechtsprung stieß sie sich vom Ende ihres Steges ab und streckte die Arme über den Kopf. Der Moment, als ihr Körper in das kühle Wasser eintauchte, fühlte sich an wie ein Schock. All ihre Nervenzellen erwachten kribbelnd zum Leben. Sie zögerte keine Sekunde. Mit geübten Arm- und Beinschlägen tauchte sie auf und durchbrach die Wasseroberfläche, wo sie prustend nach Luft schnappte. Ein kurzer, prüfender Blick, um sich zu orientieren, dann paddelte sie los, schnell und zielstrebig. Sarah war keine Athletin, aber eine schlechte Schwimmerin war sie auch nicht. Bis zu der Stelle, an der sich das Wasser kräuselte, war es nicht allzu weit. Die Angst spornte sie zu wahren Höchstleistungen an. Die Kleine konnte kaum laufen, da würde sie mit Sicherheit nicht schwimmen können.
Sarah zwang sich dazu, sich zu beruhigen, vollführte jede Bewegung geschmeidig, schnell und reibungslos. Das salzige Meerwasser brannte ihr in den Augen, schwappte ihr in Nase und Mund, doch sie unterdrückte den Hustenreiz in ihrer Kehle. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie benötigte, um ihr Ziel zu erreichen. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit.
An der Stelle angekommen, wo das Kind im Wasser untergegangen war, holte sie tief Luft und tauchte ab. Die anbrechende Dunkelheit erschwerte ihre Suche, doch das Licht und die Scheinwerfer am Hafen genügten, um den Körper des Kindes unter Wasser rasch zu entdecken. Die Kleine ruderte panisch und unkoordiniert mit ihren kurzen Armen, um sich irgendwie aus diesem unerwartet nassen Gefängnis zu befreien, das ihr die Atemluft nahm. Entsetzt öffnete sie den Mund, um einen stummen Schrei auszustoßen. Sarah vollführte ein paar Beinschläge, um näher an das Kind heranzukommen und streckte die Arme aus. Sie fühlte deutlich, wie die Kleine zusammenzuckte, als sie sie an sich zog und schützend an ihren eigenen Körper drückte. Mit drei kräftigen Beinschlägen schwamm Sarah Richtung Wasseroberfläche. Sarah spürte deutlich, wie das Herz des Mädchens heftig pochte und ihr kleiner Körper zitterte und sich verkrampfte. Mit einem Schlag durchbrachen sie die Wasseroberfläche.
Sarah prustete und keuchte, paddelte eine Sekunde etwas hilflos an der Oberfläche, bis sie eine Position fand, in der sie das Kind sicher im Arm halten konnte, ohne die Gefahr, dass ihr Kopf erneut unter Wasser tauchte oder sie beide erneut untergingen. Es half ein wenig, dass das salzige Meerwasser ihr zusätzlichen Auftrieb gab. Behutsam schlang sie einen Arm um den zitternden Körper der Kleinen.
„Alles gut. Ich hab dich“, sprach Sarah beruhigend und vorsorglich auf Italienisch auf sie ein.
Es dauerte nur den Moment eines Wimpernschlages, dann begann das Kind von Panik und Schock erfüllt wie am Spieß zu brüllen. Heftige Hustenanfälle unterbrachen ihre Schreie, doch sie lebte und das war die Hauptsache. Sarah atmete erleichtert auf und fühlte, wie sich zwei kurze Arme um ihren Hals schlangen und bei ihr nach Sicherheit und Halt suchten. Sie hätte die Kleine gerne beruhigend hin- und hergewogen, hatte aber genug damit zu tun, sie beide an der Oberfläche zu halten. „Schh! Alles wird gut! Du bist sicher!“ Ihre sanften Worte zeigten keine Wirkung. Das Mädchen brüllte ungehindert weiter.
Etwas unsicher paddelte Sarah um den Holzsteg herum und suchte nach einer Leiter, an der sie sich aus dem Wasser ziehen konnte. Aber sie entdeckte nichts, was ihr helfen würde.
Kein Wunder! Das hier war ein Jachthafen. Für gewöhnlich legte hier niemand ein spontanes Bad ein. Sarah reckte den Hals und versuchte einzuschätzen, ob sie es wohl bis zum Ufer schaffen würde. Genau in dieser Sekunde bemerkte sie, wie sich über ihr etwas bewegte. Sie hob den Kopf und begegnete einem Dutzend entsetzter Augenpaare, die über die Reling starrten.
Sarah versuchte, mit ihrer freien Hand ein Zeichen zu geben, fühlte aber, wie es ihren Körper dabei direkt unter Wasser zog. Sofort nahm die Intensität des Brüllens zu und die zitternden Arme umklammerten ihren Hals fester, sodass sie es lieber bleiben ließ.
Ein wenig hilflos versuchte Sarah dem Bordpersonal mit ihrer Mimik zu verstehen zu geben, was geschehen war. Ihr stiller Hilferuf wurde erhört, denn keine dreißig Sekunden später kam eine Gruppe Menschen in weißen T-Shirts mit einem aufgestickten Emblem den Steg entlanggerannt. Sarah prustete, als der Schatten von zwei Männern sie einhüllte. Beide ließen sich auf die Knie fallen und streckten mit kreideweißen Gesichtern die Arme nach ihr aus. Sarah kam nicht umhin festzustellen, dass diese breiten Schultern und muskulösen Oberarme anscheinend nicht nur zur Zierde dienten. Ihre Helfer zogen sie samt der Kleinen aus dem Wasser, als würde sie nicht mehr wiegen als eine Feder. Eine warme Brise fegte durch den Hafen. Da sie nun nass bis auf die Haut war, kam Sarah der Wind fast schon kühl vor. Wortfetzen und Teile von Sätzen rauschten an ihr vorbei, wie das Kleinod in einem Tsunami.
„Dio mio! Geht es Ihnen gut, Signora?“, fragte der Mann neben ihr. Es war einer der beiden, die sie aus dem Wasser gezogen hatten. „Und Estella? Geht es Estella gut?“
„Dio! Holt doch erst mal eine Decke oder ein Handtuch! Beide sind klatschnass!“
„Estella, wie bist du bloß an den Steg gekommen?“
„Ein Arzt! Ruft einen Arzt!“
„Verdammt! Sagt gefälligst dem Sicherheitspersonal, dass diese Meute verschwinden soll!“
Jemand versuchte, ihr das Mädchen abzunehmen. Aber die Kleine klammerte sich entschlossen an ihr fest, als wäre sie ihr einziger Halt und schüttelte vehement den Kopf. Nun, da Sarah ihre Arme endlich wieder halbwegs benutzen konnte, strich sie ihr beruhigend über Rücken und Hinterkopf.
„Alles gut!“, wisperte sie sanft. „Du bist sicher! Alles ist gut!“
Die Kleine brüllte ungehindert weiter, interessierte sich weder für den Auflauf um sie herum noch um die Meute weit hinter ihnen am Hafenpier, die von Neugierde getrieben nach vorn drängte und nun deutlich schärfer durch das Sicherheitspersonal zurückgehalten wurde. Instinktiv schirmte Sarah das Kind vor neugierigen Blicken ab, indem sie dem Pier den Rücken zudrehte.
Sarah schwirrte der Kopf. Etwas überfordert wandte sie sich dem Mann zu, der neben ihr kniete.
„Ich denke, es geht ihr gut“, sagte sie atemlos. „Sie ist nicht verletzt, hat aber etwas Wasser geschluckt.“
Der Mann neben ihr – es war überdeutlich zu erkennen, dass er Sarde war – blinzelte erstaunt ob der Tatsache, dass er von einer Fremden, die ganz und gar nicht wie eine Italienerin aussah, in seiner Landessprache angesprochen wurde. Dann entspannten sich seine Züge.
„Ein Glück! Danke, dass Sie zur Stelle waren. Keiner von uns hat bemerkt, dass Estella zum Steg gelaufen ist. Sie sollte eigentlich gar nicht hier sein.“
Sarah lächelte unsicher. Sie war schlichtweg zu überwältigt von dem, was gerade geschehen war. Immerhin sprang sie nicht alle Tage in ein Hafenbecken voller Luxusschiffe.
„Schon gut. Ihr ist ja nichts passiert“, erwiderte sie, bevor sie vorsichtig aufzustehen versuchte.
Ihre Beine zitterten und ihre Lunge brannte von der Höchstleistung, die sie ihrem Körper abverlangt hatte. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie doch eine recht beachtliche Strecke zurückgelegt hatte. Wenn sie dafür keine olympische Medaille verdient hatte!
Als Sarah halbwegs sicher auf den Beinen stand, legte ihr jemand eine trockene Decke um die Schultern. Bildete sie sich das eigentlich nur ein, oder wurde der Steg allmählich voller?
Sarah blinzelte irritiert. Konnte es sein, dass sich das gesamte Bordpersonal gerade auf den Holzplanken zu versammeln begann?
Als eine junge Frau auf sie zutrat und die Arme fürsorglich dem schreienden Kind entgegenstreckte, brüllte es protestierend und vergrub ihren Kopf an Sarahs Schulter. Sarah zuckte entschuldigend mit den Schultern und setzte eine hilflose Miene auf. Die Frau blinzelte erstaunt. „Ist alles in Ordnung? Mit Estella? Und mit Ihnen?“, fragte sie unsicher. „Dio! Ich weiß gar nicht, wie sie mir entwischen konnte.“
„Keine Angst. Estella ist nichts passiert“, sagte Sarah, bevor sie unsicher lächelte.
Was sollte sie denn jetzt tun? Sie wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass sie alle anstarrten wie das neueste Weltwunder. Und genau in dieser Sekunde teilte sich die Menschentraube und gab den Blick auf einen ihr unbekannten Mann fortgeschrittenen Alters frei. Sein Haar war längst ergraut, dennoch wirkte er für sein Alter gesund und körperlich fit. Gewandet war er in eine helle Freizeithose, ein einfaches, aber elegantes Poloshirt und hellbeige, italienische Markenschuhe, die auf Hochglanz poliert waren und nicht weniger teuer aussahen als der gesamte Rest seiner Kleidung.
„Estella!“, rief er entsetzt, als er vor Sarah stehenblieb, den Blick auf das schreiende Kind geheftet. „Dio mio! Was machst du denn hier unten?“
Beim Klang dieser Stimme hob Estella das erste Mal den Kopf. Mit rotgeweinten Augen, brennenden Wangen und schniefender Nase schaute sie den Neuankömmling an.
„Nonno!“, rief sie schwach und streckte die kurzen Ärmchen aus. Nur eine Sekunde später wurde Sarah Zeugin eines herzerweichenden Anblicks. Dieser Mann in seinen teuren Markenkleidern, die sich sicherlich kein Normalsterblicher leisten konnte, drückte das zitternde Kind so fest an seine Brust, als wäre dessen bebender Körper ein verloren geglaubter Schatz. Voller Erleichterung drückte er seine Nase in die klatschnassen Locken. Es glitzerte verdächtig auf seinen faltigen Wangen.
„Was machst du denn für Sachen?“, fragte er streng, bevor er Estella einen sanften Kuss auf die Stirn gab. „Du weißt doch, dass du nicht auf dem Steg spielen sollst. Das habe ich dir ausdrücklich verboten.“ Der Tadel und die vertraute Stimme schienen ihre Wirkung nicht zu verfehlen, denn Estella bekam einen Schluckauf, der ihren ganzen Körper erbeben ließ. In Anbetracht der Umstände war dies eine verkraftbare Reaktion.
Indessen zog Sarah sich diskret zurück, um den beiden ein wenig Privatsphäre zu gönnen. Sie nutzte einen Zipfel der Decke, die man ihr gegeben hatte, um sich das Salzwasser aus den Augen zu wischen. Unsicher blickte sie sich um, während sich alle dem Neuankömmling zuwandten, der seine Enkelin weiterhin leise tadelte. Das Kind nickte immer wieder abgehackt, während es sich an seinen Großvater klammerte. Sarah schlang den weichen Stoff um ihren Oberkörper, als eine sanfte Meeresbrise sie streifte. Was sollte sie nun tun? Sie konnte ja schlecht einfach gehen.
Es dauerte einen Augenblick, bevor sie realisierte, dass der ältere Mann seine Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hatte. Mit zwei ruhigen Schritten trat er auf sie zu, sodass Sarah den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. Für einen Sarden war er ziemlich groß, was sie erst jetzt bemerkte.
„Vielen Dank, Signora. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sprach er sie mit einem so erleichterten Lächeln an, dass sich Sarah fast ein bisschen unwohl fühlte. Sein Blick huschte zu dem zitternden Kind in seinen Armen. Sarah erwiderte sein Lächeln, trat aber verunsichert von einem Fuß auf den anderen. Man musste kein Genie sein, um zu begreifen, dass Estella offensichtlich nicht das Kind von einem der Angestellten war.
„Ist schon in Ordnung. Sie müssen sich nicht bedanken.“
„O doch, das muss ich, Signora. Wenn Sie nicht so geistesgegenwärtig reagiert hätten, hätte es viel schlimmer kommen können.“
„Unsinn! Jeder andere an meiner Stelle hätte dasselbe getan.“
„Sie scheinen aber nicht jeder andere zu sein, Signora.“ Ihr Gegenüber zog eine Augenbraue hoch. „Nicht jeder springt zu später Stunde ohne zu überlegen ins Hafenbecken, um ein unbekanntes Kind zu retten.“
Sarah stutzte irritiert. „Nun … Doch.“
Überraschung blitzte in den Zügen ihres Gegenübers auf, bevor sich dort ein Lächeln ausbreitete. Seine Augen leuchteten warm in der Dunkelheit „Sie glauben das wirklich, nicht wahr?“
Sarah wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Um ihren Händen etwas zu tun zu geben, knetete sie den Stoff der Decke zwischen ihren Fingern.
Estella hatte Hilfe gebraucht und sie war zur Stelle gewesen. Da verstand es sich doch von selbst, dass sie eingeschritten war, um die Kleine zu retten, oder nicht?
„Die Hauptsache ist doch, dass nichts Schlimmes passiert ist“, erwiderte sie in Ermangelung einer adäquaten Antwort.
„Das kann man wohl sagen.“ Ihr Gegenüber seufzte. „Estella weiß eigentlich, dass sie hier unten nichts zu suchen hat. Ich weiß gar nicht, wie sie sich von Bord geschlichen hat, ohne dass jemand ihre Abwesenheit bemerken konnte.“
Sarah lächelte zögerlich. „Kinder tun nicht immer das, was man ihnen sagt, nicht wahr?“
Das brachte ihn zum Grinsen. „Wohl wahr und klug gesprochen!“
Ein Moment der Stille senkte sich über sie, sofern man es „Stille“ nennen konnte, wenn das gesamte Bordpersonal um sie herumwuselte wie ein Bienenschwarm und sich in nicht gerade weiter Entfernung eine Gruppe Schaulustiger sammelte, die immer wieder streng vom Sicherheitspersonal zurückgedrängt wurde.
Aus dem Augenwinkel glaubte Sarah zu sehen, wie einige Smartphones in die Höhe gehalten wurden, um einen besseren Blick auf den Hafen zu erhaschen.
Sie wandte den Blick ab. „Tja, also“, setzte sie vorsichtig an. „Ich gehe dann besser. Für einige von uns war es ein aufregender Abend.“ Mit einem schüchternen Lächeln warf sie der noch immer schluchzenden Estella einen Blick zu. Zu ihrer Überraschung verbarg diese nicht länger ihr Gesicht am Hals des Mannes, sondern schaute in ihre Richtung. Ihre großen, dunklen Augen funkelten in einem Anflug von Neugierde.
„Sie wollen so gehen?“ Der ältere Mann starrte Sarah so verdattert und ungläubig an, als hätte sie soeben verkündet, ihr würden Federn wachsen und sie könnte fliegen. Tadelnd schnalzte er mit der Zunge. „Signora, Sie sind vollkommen durchnässt. Sie sollten sich wenigstens abtrocknen und etwas Sauberes anziehen.“
Sarah fühlte, wie ihre Wangen zu brennen begannen. „Ich habe doch die Decke“, sagte sie rasch. „Das wird reichen. Außerdem muss ich nur bis zu meinem Wagen, der …“
„Kommt nicht infrage!“, unterbrach ihr Gegenüber sie streng. Sein Tonfall verdeutlichte, dass er es gewohnt war, Befehle zu erteilen. „Sie sind gerade eben bei anbrechender Dunkelheit mitten ins Wasser gesprungen, um meine Urenkelin zu retten. Da lasse ich Sie sicher nicht patschnass bis auf die Knochen durch den Ort laufen. Egal, ob sie nun um die Ecke geparkt haben oder nicht.“
„Das ist nicht –“
„No, nichts da!“ Sein Blick wurde weich, aber auffordernd. „Sie haben heute etwas absolut Selbstloses getan und Estella vor dem Ertrinken gerettet. Da ist es das Mindeste, wenn ich wenigstens ein paar trockene Kleider für Sie besorge.“
„Das weiß ich zu schätzen, aber das ist wirklich nicht –“
„O doch, das ist es. Und außerdem“ Er unterbrach sich und warf einen Blick über die Schulter Richtung Hafengelände. Sein Ausdruck verdüsterte sich, als er die Gruppe Gaffer in Augenschein nahm, die bereit war, die Klauen in frisches Nährfutter zu schlagen. „Wollen Sie wirklich dort hindurchlaufen? Mit nassen Kleidern?“
Unbehagen erfasste Sarah, sodass sie unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass die Meute der Schaulustigen größer wurde.
Mit hochroten Wangen räusperte sie sich. „Ich könnte auch einfach wieder ins Wasser hüpfen und den gleichen Weg zurückschwimmen, den ich hergekommen bin.“
Das sorgte für überraschtes Schweigen. Sarah kniff die Lippen zusammen. Vielleicht war ihr letzter Satz ein bisschen zu viel des Guten gewesen. Warum konnte sie nicht einfach den Mund halten?
Eine Sekunde später drang ein herzliches Lachen an ihre Ohren. Erstaunt stellte sie fest, dass Estellas Urgroßvater den Kopf in den Nacken gelegt hatte und schallend lachte. Es dauerte einen Augenblick, ehe er sich beruhigte. Selbst dann blitzte noch immer Amüsement in seinen Augen. Er schmunzelte und ein Leuchten lag in seinem Blick, das man beinahe als Schalk bezeichnen konnte. Das Bordpersonal auf dem Steg wandte seine Aufmerksamkeit dezent auf etwas anderes, doch es war unübersehbar, dass selbst sie von seiner Reaktion überrascht waren.
„Und Humor hat sie auch noch.“ Er kicherte, bevor seine Miene wieder ernst wurde. „Ich sage Ihnen etwas, Signora: Sie haben einen erfrischenden Charakter. Aber das kann ich nun wirklich nicht zulassen. Eine Schwimmrunde im Hafenbecken sollte für heute Abend genügen.“
Sarahs Lippen zuckten. Sie lächelte, zwar immer noch ein bisschen verhalten, aber es war eine ehrliche Reaktion. „Ich komme zurecht, wirklich.“
„Das glaube ich Ihnen aufs Wort.“ Höflich streckte ihr Gegenüber ihr die Hand entgegen. „Bitte! Ich möchte mich erkenntlich zeigen. Es gibt genug trockene Handtücher an Bord und wir haben sogar einen Haarföhn. Lassen Sie mich wenigstens dafür sorgen, dass Sie frische Kleidung bekommen. Das ist alles. Danach können Sie ungehindert Ihrer Wege gehen.“ Er hielt inne und musterte ihre nasse Erscheinung mit einem amüsierten Ausdruck. „Oder haben Sie etwa andere Pläne für heute Abend?“
„Ich … Na ja …“ Sarah zögerte.
Was sollte sie darauf denn antworten, solange sie klatschnass und nur in eine dünne Decke gewickelt an einem Hafen voller Luxusjachten stand, noch dazu in einem Bereich, in dem sie eigentlich nichts zu suchen hatte?
„Wunderbar, dann ist ja alles geklärt“, erwiderte ihr Gegenüber, trat an ihre Seite und legte fürsorglich eine Hand auf ihr Kreuz, wie ein Großvater es bei einer nahen Verwandten tun würde.
„Aber meine Tasche! Und meine Schuhe!“, versuchte Sarah ein letztes Mal zu protestieren. Mit einer etwas hilflosen Geste deutete sie in Richtung des Steges auf der anderen Seite des Hafenbeckens. Estellas Urgroßvater folgte ihrem Blick.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kümmere mich darum.“ Sein Lächeln war warm, duldete aber keine Widerrede. Sarah folgte ihm zögerlich.
Was hatte sie für eine Wahl? Sich ihren Weg durch diese Meute dort hinten zu bahnen, klang wirklich nicht besonders reizvoll, und dass sie vollkommen durchnässt war nach ihrer Hals-über-Kopf-Rettungsaktion war keine Hilfe.
Was sollte schon groß passieren, wenn sie sich ein wenig frisch machte, danach zu ihrem Wagen zurückkehrte und so tat, als wäre all das nie geschehen?
Spätestens morgen würde sich niemand mehr an diesen Zwischenfall erinnern. Sie würde ihre Zeit auf Sardinien wie immer verbringen, am Ende in das Flugzeug steigen und nach Hause fliegen.
Das, was heute Abend geschehen war, würde in ein paar Wochen nur noch eine ferne Erinnerung sein. Eine kleine Anekdote, über die sie lachen oder den Kopf schütteln würde und die ihr zu Hause mit Sicherheit niemand glauben würde.
„Schicken Sie mir die überarbeiteten Verträge bis heute Abend und kontaktieren Sie Signore Rossi zur Überprüfung der zweiten Klausel. Danach geben Sie Signora Marino die Papiere zur Überarbeitung.“ Raffael unterbrach sich für einen Moment und ging noch einmal gedanklich alles durch, was heute auf seiner Agenda gestanden hatte. Hatte er auch nichts vergessen?
„Das wäre dann alles“, fuhr er schließlich fort. „Sollte in den nächsten zwei Tagen etwas Dringendes vorfallen, kontaktieren Sie mich bitte auf meinem Handy.“
„Natürlich, Signore Mancini“, sagte sein Assistent, bevor er mit einem freundlichen Gruß das Telefonat beendete.
Raffael atmete auf. Endlich! Er war so erschöpft, dass sein Nacken schmerzte. In den letzten Tagen hatte er so viel Zeit im Büro und vor den Monitoren seines Rechners verbracht, dass seine Augen brannten. Die jüngsten Verhandlungen waren hart gewesen, aber mit dem Ergebnis war er hochzufrieden, selbst wenn er dafür ein paar Stunden Schlaf hatte opfern müssen. Etwas, das sich nun allerdings rächte. Raffael hätte am liebsten erschöpft die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt, um seine verspannten Schultern zu lockern. In Anbetracht der Tatsache, dass er sich gerade in seinem Sportwagen mitten auf der Straße befand, war das allerdings keine besonders gute Idee. Es herrschte zwar nicht besonders viel Verkehr, doch die Straßen in diesem Teil Sardiniens waren sehr kurvenreich und man musste höllisch aufpassen, dass man nicht in einem Moment der Unachtsamkeit vom Asphalt abkam.
Raffael – von seiner Familie und den wenigen Freunden, die er hatte, liebevoll Raf genannt – freute sich auf die kommenden zwei Tage wie ein Kind auf Weihnachten. Zwei Tage, in denen er nicht arbeiten und sich keine Sorgen um die Geschäfte machen musste, sondern einfach die Zeit mit seiner Familie genießen konnte, auch wenn diese nicht vollzählig war.
Antonella war dieser Tage vollauf damit beschäftigt, die bevorstehende Präsentation ihrer Modekollektion vorzubereiten und Marcello würde ebenfalls nicht an der Segeltour teilnehmen, zu der ihr nonno sie eingeladen hatte. Einen Grund hatte er nicht genannt. Im Hinblick auf seine Eskapaden wollte Raffael gar nicht so genau wissen, warum er abgesagt hatte. Bei Francesca, Raffaels Schwägerin, sah die Sache anders aus. Sie hatte die Einladung sofort angenommen.
Eigentlich war das wenig überraschend, denn sobald Luxus, Kaviar und Champagner ins Spiel kamen, war Francesca schneller zur Stelle, als ein Formel-1-Wagen von der Startlinie losbrettern konnte. Raf kam einmal mehr zu dem Schluss, dass sein nonno zu gut für diese Welt war, denn er sah geflissentlich über Francescas Gier hinweg.
Die Familie Mancini würde an diesem Wochenende also nur zu viert sein: Raffael selbst, sein Großvater Franco, seine Schwägerin Francesca und seine Nichte Estella. Bei dem Gedanken an Letztere breitete sich ein Lächeln auf Raffaels Gesicht aus, das die dunklen Schatten unter seinen Augen vertrieb.
Estella war ein Kind des Glücks und der Liebe, was in seinen Kreisen äußerst selten vorkam. Zwar hatte die Liebe seiner Schwester Antonella eher tragisch geendet, was Raf damals schon geahnt hatte, doch das änderte nichts daran, dass Estella ein wahrer Sonnenschein und der Lichtblick in dieser Familie war. Raf liebte seine Nichte von ganzem Herzen und das nicht nur, weil Estella betonte, dass er ihr Lieblingsonkel sei.
Raffael setzte den Blinker und bog in eine kurvige Küstenstraße ab. Es dauerte weniger als eine Sekunde, bis er das Meer an diesem Punkt erblickte. Die Küste Sardiniens lief hier in eine langgezogene Landzunge aus, die sowohl von dichtem Gestrüpp als auch von kleinen Felsformationen dominiert wurde. In der anbrechenden Dunkelheit wirkte das Wasser wie eine nachtblaue Spiegeloberfläche, die von den Lichtern des nahegelegenen Städtchens erhellt wurde.
Raffael war froh um den Abstand vom Alltag. Er benötigte dringend eine Pause. Eine Segeltour mit der Giulia zusammen mit seinem nonno war genau das Richtige, um den Kopf freizubekommen. Das Schiff war groß genug, dass er Francesca, der Ehefrau seines jüngeren Bruders, aus dem Weg gehen konnte. Nonno zuliebe würde er beim Essen die Form wahren, mehr aber auch nicht.
Es gab genug Positives an den kommenden zwei Tagen, das er genießen konnte.
Er war nicht mehr allzu weit vom Jachthafen entfernt. Als er den Ort durchquerte und die schmale Privatstraße in Richtung Pier entlangfuhr, hatte Raffael das seltsame Gefühl, dass heute Abend etwas anders war. Das Sicherheitspersonal winkte ihn sofort durch, als sie sein pechschwarzes Cabriolet erkannten. Ein Muskel in seiner Wange zuckte, als er aus dem Augenwinkel eine Gruppe Schaulustiger bemerkte, die beim Erscheinen seines Wagens aufgeregt zu gestikulieren begann. Sicher waren wieder einige oberflächliche Individuen darunter, die sich über ihn und seine Familie Zutritt zur Welt der Schönen und Reichen erhofften, einfach nur, indem sie mit allen Mitteln seine Aufmerksamkeit erregten. Raffael presste gereizt die Lippen zusammen. Diese Menschen wurden jedes Jahr aufdringlicher. Er machte sich zusehends Sorgen um seine Familie, denn einige Bekannte hatten Raf berichtet, dass sie bereits des Öfteren von gewalttätigen Gaffern belästigt worden waren.
Wozu das Ganze? Raf verstand es einfach nicht. Ja, Geld bedeutete Einfluss und Einfluss bedeutete Macht und Luxus. Aber der Preis dafür war hoch und das war genau das, was manche Menschen nicht sehen konnten oder wollten.
Ruhig und sicher fuhr er die schmale Zufahrtsstraße entlang, die den VIPs des Jachtclubs vorbehalten war. Als er seinen Sportwagen endlich auf der gekennzeichneten Parkfläche bremste, erregte etwas in seinem Augenwinkel seine Aufmerksamkeit. Von seiner Position aus erhaschte Raffael einen Blick auf eine Menschenansammlung, die augenscheinlich die Giulia im Blick hatte. Irritiert runzelte er die Stirn. Heute Abend schien hier wirklich eine ganz eigene Dynamik zu herrschen. Woran das wohl lag?
