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Fernweh treibt die 26-jährige Caro zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Ohne das Wissen ihrer Familie und vor allem ihres langjährigen Freundes Sam bewirbt sie sich kurzentschlossen als Friseurin auf einem Kreuzfahrtschiff, um auf diese Weise die Welt zu erkunden. Diese Reise hält nicht nur allerhand Überraschungen für sie bereit, sondern auch Patrick, einen charmanten Kollegen, der ihre Gefühle Achterbahn fahren lässt. Wird sie sich am Ende für ihn entscheiden oder zurück in das beschauliche Allgäu gehen, um den bodenständigen Sam zu heiraten...
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2020
Und am Ende wird alles gut und wenn es dann gut ist,
dann sitzen wir endlich wieder am Meer!
Für meine Mutter,
auf die ich mich immer verlassen kann und die mich bei diesem Buch
tatkräftig, ermutigend und liebevoll unterstützt hat.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Caro konnte alles ganz deutlich erkennen, aber das war doch unmöglich. War das wirklich sie, die gerade durch einen Kreuzfahrt-Terminal schlenderte, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt? Sie trat durch die große Glastür hinaus und blieb abrupt stehen, erschlagen von dem Anblick dieses gigantischen Schiffes. Sie hielt sich die Hand schützend über die Augen, um trotz der blendenden Sonnenstrahlen alles genau zu erkennen. Ihre Blicke wanderten über die vielen Decks, die Gangway bis hin zu den orangefarbenen Rettungsbooten. Sie bestaunte die Größe des Kreuzfahrtschiffes und versuchte, dessen Länge abzuschätzen. Lächelnd beobachtete sie die Passagiere, die glücklich an Bord gingen und dort freundlich mit einem Glas Sekt oder Orangensaft empfangen wurden.
Gerade als sie sich auch auf den Weg machen wollte und Kurs auf die Gangway nahm, wurde sie durch ein lautes Geräusch daran gehindert. Ihr Wecker klingelte unbarmherzig und ließ ihren schönen Traum verblassen. Sie wollte nicht aufwachen, jedenfalls jetzt noch nicht. Sie wollte an Bord gehen und in See stechen. Doch der Wecker auf ihrem Nachtisch ließ nicht mit sich verhandeln und gab erst Ruhe, als Caro die letzten Bilder ihres Traums abschüttelte, sich aufrichtete und ihn ausschaltete. Sie schaute kurz auf die Zeiger der Uhr und erlaubte sich noch einen Augenblick, um ihren nächtlichen Ausflug Revue passieren zu lassen. Es war alles so real gewesen und die Erinnerung daran zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen. Sollte der Traum etwa das Zeichen sein, auf das sie gewartet hatte?
„So ein Unsinn“, schnell streifte Caro den Gedanken beiseite, schlug die Decke zurück und sprang aus dem Bett.
Im Bad betrachtete sie ihr Spiegelbild und war ganz zufrieden mit ihrem Anblick. Sie fuhr mit ihren Fingern durch ihre langen blonden Haare, um sie zu bändigen. Tagsüber frisierte sie sie gerne zu einem seitlich geflochtenen Zopf, der ihrer herzförmigen Gesichtsform noch mehr Ausdruck verlieh. Obwohl Caro nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Make-Up-Artistin in München gemacht hatte und viel Wert auf ihr Äußeres legte, benutzte sie selbst nur wenig Schminke, die sie aber gezielt einsetzte. So war sie sich der Wirkung ihrer tiefblauen Augen mit den langen dichten Wimpern bewusst und unterstrich diese noch mit ein wenig Wimperntusche. Auch benutzte sie gerne einen nudefarbenen Lippenstift, der ihren vollen Lippen etwas Sinnliches verlieh.
Als sie ihre Morgenroutine beendet hatte, drehte und wendete Caro sich noch einmal vor dem Spiegel und war mit ihrem Werk und ihrem Aussehen zufrieden. Sie war jedoch auch selbstkritisch genug, um zu wissen, dass ihretwegen der Verkehr niemals zum Stillstand kommen würde. Mit einer Größe von 1,67 m war sie weder zu klein noch besaß sie Modelmaße. Sie wirkte eher zierlich, doch durch die harte Arbeit auf dem elterlichen Hof war sie muskulöser, als ihr Anblick es erahnen ließ.
Als Caro das Schlafzimmer verließ, dachte sie noch einmal über ihren Traum nach und kurz überfiel sie wieder die Sehnsucht nach der Ferne abseits ihres kleinen idyllischen Dorfes im Allgäu, in dem auch ihre Familie und ihr Freund lebten. Ihre Eltern besaßen hier einen Hof mit umliegenden Feldern, die von ihrem Vater bewirtschaftet wurden. Ihre Mutter kümmerte sich um die Tiere. Anfangs waren es nur ein paar Hühner und Kühe. Mittlerweile gesellten sich noch drei Hunde, fünf Pferde und eine Herde Schafe hinzu. Ihr Bruder Tim war schon vor einigen Jahren mit in die Landwirtschaft eingestiegen und unterstützte ihre Eltern, wo er nur konnte. Eines der Pferde gehörte Caro. Sie hatte die Stute, die auf den Namen Penelope hörte, zu ihrem 18. Geburtstag bekommen und wann immer Caro es einrichten konnte, unternahm sie lange Ausritte in Begleitung ihrer Hündin Laila.
Caro hing an ihrer Heimat und ihrem Zuhause, dennoch verspürte sie stets den Drang, auch noch etwas anderes fernab des Hofes zu erleben. Das war auch der Grund dafür gewesen, dass sie sich an einer Make-Up-Artist-Schule in München beworben hatte. Ihre Mutter, die selbst aus einer Großstadt stammte, konnte Caro als Einzige verstehen und hatte sie bei ihren Ausbildungsplänen unterstützt. Caro war für drei Jahre nach München in eine Wohngemeinschaft gezogen, hatte unter der Woche dort gelebt und war über das Wochenende immer zwischen München und Kempten per Bahn hin- und hergependelt, um auch weiterhin mit auf dem Hof aushelfen zu können. Ein anderer Grund für ihre Stippvisiten war natürlich auch ihr Freund Samuel, von allen kurz Sam genannt. Er hatte sich beharrlich geweigert, Caro in München zu besuchen. In den drei Jahren ihrer Ausbildung war er nur vier Mal bei ihr gewesen und das auch nur, weil er zu Fortbildungen von der Bank aus nach München hatte reisen müssen. Sam mochte die Großstadt nicht, aber er bezweckte mit seinem Verhalten auch, dass Caro der Heimat nicht komplett den Rücken zukehrte.
Samuels Familie hatte den Hof direkt neben Caros Familie gekauft und die Nachbarn verstanden sich seither bestens. Von Konkurrenz war hier keine Spur. Umso begeisterter waren alle gewesen, als Sam und Caro vor sieben Jahren verkündet hatten, dass sie ein Paar waren. Obwohl Sam gelernter Bankkaufmann war und derzeit in einer Filiale in Kempten arbeitete, sollte er irgendwann gemeinsam mit seinem Bruder den Hof der Familie übernehmen. Er liebte es, direkt nach dem Bürojob in den Ställen noch zwei, drei Stunden weiterzuarbeiten. Für ihn war es ein Ausgleich und er wollte weder auf das eine noch auf das andere verzichten. Das führte allerdings dazu, dass Caro und Sam sich eigentlich nur bei der Hofarbeit sahen und, seitdem sie vor zwei Jahren zusammengezogen waren, kurz nachdem sie ihre Ausbildung in München abgeschlossen hatte, immerhin noch zum gemeinsamen Abendessen.
Das alles ging Caro durch den Kopf, als sie sich jetzt Frühstück zubereitete. Sam war bis Donnerstag auf einer seiner verhassten Fortbildungen und das ausgerechnet in dieser Woche, in der Caro praktisch Zwangsurlaub hatte. Der Friseursalon, in dem sie arbeitete, hatte wegen Betriebsferien geschlossen. Aber auch ihr Traum ließ sie nicht los.
„Hirngespinste“, schimpfte sie mit sich selber. „Daran ist nur Kim schuld!"
Kim war Caros beste Freundin und sie hatten sich während ihrer gemeinsamen Ausbildung in München kennengelernt. Als Caro am Abend zuvor wieder einmal die Sehnsucht nach der großen weiten Welt beschlichen hatte und ihr Wunsch, andere Länder zu bereisen, fast übermächtig geworden ist, klingelte das Telefon. Am anderen Ende des Hörers hatte sie die Stimme von Kim vernommen, die ihr von ihrem neuen Job bei einem Fernsehsender berichtet hatte und von einem Kollegen dort, der sowas von heiß aber leider vergeben war. Immer noch in ihre Wunschträume versunken, waren die Worte ihrer Freundin kaum zu ihr durchgedrungen. Die mangelnde Aufmerksamkeit war Kim natürlich nicht entgangen und als sie deswegen nachgehakt hatte, hatte Caro ihren Gedanken freien Lauf gelassen. Sie hatte ihrer Freundin anvertraut, dass sie so gerne einmal Deutschland verlassen und andere schöne Plätze auf der Welt erkunden wollte. Sie hatte aber auch ihre Bedenken darüber geäußert, dass sie nicht über das nötige Kleingeld verfügte, um irgendwo einfach ein paar Wochen Urlaub zu machen. Kim, die sofort Feuer und Flamme gewesen war und sowieso die feste Überzeugung vertrat, dass ein Leben auf dem Land viel zu eintönig sein musste, hatte ihr schließlich das Hirngespinst mit dem Kreuzfahrtschiff eingepflanzt. Sie hatte Caro von der Option berichtet, auf einem schwimmenden Hotel zu arbeiten und auf diese Weise die Welt zu bereisen. Schließlich gäbe es auf diesen riesigen Schiffen einen eigenen Beautysalon und damit würde man in kürzester Zeit viele verschiedene Länder und Städte besuchen und nebenbei auch noch Geld verdienen.
Caro hatte unsicher nachgefragt: „Es gibt Schiffe mit einem eigenen Beautysalon?“
Kim hatte nur gelacht und gewitzelt, auf welchem Planeten sie eigentlich leben würde und ob man im Allgäu eigentlich gar nichts von der Welt mitbekam.
Dann hatte sie ihre Freundin aufgeklärt: „Kreuzfahrtschiffe sind der neuste Reisetrend und es gibt viele verschiedene Anbieter. Clubschiffe für Familien, Luxusschiffe mit gehobener Klientel, kleine Schiffe, große Schiffe, Megaschiffe und so weiter.“
Caro hatte mit Erstaunen zugehört und war spontan von der Idee angetan gewesen. Sie hatte Kim freundlich abgewimmelt, mit dem Verspechen, sie bald zurückzurufen. Caro wollte sich erst einmal in Ruhe im Internet schlau machen und recherchieren, inwieweit ihre Freundin Recht hatte.
Schon bald war sie auf die Seite eines wohl sehr beliebten und großen Kreuzfahrtanbieters gestoßen und dort bei den Stellenanzeigen gelandet. Sie hatte erstaunt festgestellt, dass Jobs sowohl an Land als auch an Bord angeboten wurden. Schnell hatte sie sich entschieden, die Stellen an Land auszublenden, denn sie hatte andere Pläne und wollte schließlich nicht nur in einer Stadt sein. Sie war total nervös gewesen und hatte eine Stellenanzeige nach der nächsten durchgescrollt. Sie war sehr erstaunt darüber gewesen, wie unterschiedlich die Angebote waren. Barkeeper, Scout, Florist (es gab tatsächlich einen eigenen Blumenladen auf den Schiffen?), Koch, Rezeptionist … Und dann hatte ihr der Atem gestockt.
Sie war über die perfekte Stellenausschreibung gestolpert:
„Stellenangebot: Spa Friseur/in und Make-Up-Artist/in: Geh mit uns auf eine Reise an Bord unserer Kreuzfahrtschiffe und arbeite an einem der schönsten Arbeitsplätze der Welt. Wir suchen eine Friseurin und Make-Up-Artistin mit fachgerechtem Wissen und einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung. Wir legen hohen Wert auf qualifizierte Kundenbetreuung. Daher solltest du:
Erstklassige Kenntnisse in den Bereichen Haarpflege, Haarschnitt, Färbetechnik und Steckfrisuren mitbringen
Idealerweise über eine Weiterbildung für neueste Schnitte und Modefrisuren sowie vertiefende Zusatzausbildungen als Visagistin oder im Bereich dekorative Kosmetik verfügen
Gute Englischkenntnisse besitzen
Dienstleistungs- bzw. verkaufsorientiert arbeiten sowie
kommunikationsstark sein
Wenn diese Stellenausschreibung auf dich zutrifft, entdecke mit uns die Welt und sende uns deine aussagekräftige Bewerbung – idealerweise als Online-Bewerbung – zu.“
Eigentlich wäre es jetzt der richtige Weg gewesen, über alles in Ruhe nachzudenken und Sam sowie ihrer Familie ihre Pläne und Wünsche mitzuteilen. Doch aus einem Impuls heraus hatte sie anders gehandelt. Sie hatte sofort ihre Bewerbungsunterlagen herausgesucht, einen Bewerber-Account erstellt und damit begonnen, den Fragebogen auszufüllen, den Lebenslauf und ihre Zeugnisse hochzuladen und ein Anschreiben zu verfassen. Sie war so voller Tatendrang gewesen, dass sie nicht einmal Probleme bei den Formulierungen gehabt hatte und keine eineinhalb Stunden später war die Bewerbung abgeschickt.
Wie versprochen, hatte sie Kim zurückgerufen und ihr von der Stellenausschreibung und der abgeschickten Bewerbung erzählt. Kim war sprachlos gewesen und das sollte was heißen. Sie hätte nie geglaubt, dass Caro das wirklich durchziehen würde und dann noch so schnell. Caro hatte sie gebeten, die Sache für sich zu behalten, falls sie es sich doch noch anders überlegen sollte oder nicht angenommen werden würde. Kim hatte eingewilligt, ihr aber geraten, es wenigstens Sam zu erzählen.
Jetzt überkam Caro das schlechte Gewissen, als sie am Frühstückstisch saß und an ihrem Kaffee nippte. Wäre es nicht besser gewesen, mit Sam über ihre Wünsche zu sprechen, bevor sie eine Bewerbung abschickte? Doch hätte Sam dann nicht mit allen Mitteln versucht, sie davon abzuhalten? Und war es überhaupt richtig gewesen, so überstürzt eine Bewerbung abzuschicken? Diese Gedanken nagten an Caro und bereiteten ihr Kopfzerbrechen.
„Sicherlich antwortet sowieso niemand auf meine Bewerbung“, versuchte sie sich selbst zu beruhigen.
Um hierfür auch eine Bestätigung zu bekommen, klappte sie ihren Laptop auf und öffnete ihre E-Mails. Sie traute ihren Augen kaum, als sie eine Nachricht von der Reederei in ihrem Postfach entdeckte. Als sie sie öffnete, stellte sie erleichtert fest, dass es sich nur um eine automatische Empfangsbestätigung handelte.
Gerade, als sie ihre E-Mails wieder schließen wollte, verkündete eine Stimme: „Sie haben Post.“ und es traf eine neue Mitteilung auf ihre Bewerbung hin ein.
Caro rutschte das Herz in die Hose. Sie wusste, was das bedeutete.
„Bei einer so schnellen Antwort ist es bestimmt eine Absage“, dachte sie nicht ganz ohne eine gewisse Erleichterung. „Wie damals bei der Ausbildung als ich mich bei mehreren Schulen beworben hatte.“
Die Elite-Schule hatte auch nach zwei Tagen eine Absage geschickt. Die Zusage ihrer Schule, an der sie dann gelernt hatte, kam erst drei Wochen später. Damals war sie froh gewesen, dass sie letztendlich dort gelandet war. Immerhin hatte sie da Kim kennengelernt und überhaupt war die Schule sehr familiär gewesen.
Doch nun stach ihr die gerade neu eingetroffene E-Mail in die Augen und sie hatte keine Wahl und öffnete die vermeintliche Absage des Kreuzfahrtunternehmens. Sie fing an zu lesen:
Ahoi Carolin,
vielen Dank für deine Bewerbung und dein damit verbundenes Interesse an unserem Unternehmen. Aufgrund einer Vielzahl von Bewerbungen ist uns die Entscheidung nicht leichtgefallen.
An dieser Stelle wurde Caro klar, was nun folgen würde. Denn genauso fingen alle Absagen an. Sie wusste nicht, ob sie enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Immerhin müsste sie so ihrem Freund keinerlei Erklärungen abgeben. Gefasst las Caro weiter:
Trotzdem haben wir deine Unterlagen mit großer Begeisterung gelesen und freuen uns, dich zu unserem Bewerber-Casting am kommenden Samstag um 11:00 Uhr in München einladen zu dürfen. Bitte plane für das Casting einige Stunden Zeit ein.Wir möchten dich außerdem bitten, uns diesen Termin per E-Mail zu bestätigen.
Bei weiteren Fragen stehen wir dir selbstverständlich jederzeit gerne zur Verfügung.
Wir freuen uns sehr, dich nun bald persönlich kennenzulernen.
„Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel“
Alexander Riede
Nachdem Caro diese E-Mail wieder und wieder gelesen hatte und zu dem Entschluss gekommen war, den nächsten Schritt zu gehen, griff sie zu ihrem Handy und wählte Kims Nummer.
Sie berichtete ihrer Freundin von der Einladung zu einem „Casting“ und fragte Kim, was sie sich wohl darunter vorzustellen hätte. Sie ahnte bereits, dass es sich um kein gewöhnliches Vorstellungsgespräch handelte, sondern ihr mehrere Aufgaben bevorstanden, in denen sie sich beweisen musste.
Caro verabredete mit Kim, dass sie schon am Freitag zu ihr kommen sollte, damit sie zusammen die Vorbereitungen treffen konnten. Außerdem wäre sie bereits vor Ort und musste nicht bangen, dass ihre Züge am Samstag pünktlich fahren würden.
Im Stillen dachte Caro, dass sie auf diese Weise Sam erzählen konnte, dass sie am Wochenende bei Kim eingeladen sei, damit er keinen Verdacht schöpfte.
Sam brachte sie am Freitag widerwillig nach seinem Feierabend zum Bahnhof und wünschte ihr dennoch viel Spaß bei Kim. Er ahnte nicht im Geringsten, was Caro tatsächlich bevorstand.
Caro gab ihm einen Kuss und versprach ihm, sich zu melden, sobald sie gut angekommen war. Insgeheim hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie hatte Sam noch nie angelogen. Als sie noch einmal zu ihm hochblickte und in seine tiefen braunen Augen schaute, war sie kurz davor gewesen, ihm alles zu erzählen. Doch genau in diesem Moment traf ihr Zug ein und sie umarmten sich nur noch einmal kurz, bevor sie einstieg.
Während der Fahrt dachte sie flüchtig darüber nach, wie schwer Sam schon ein Abschied für zwei Tage fiel. Wie würde es wohl sein, wenn sie für ein halbes Jahr weggehen würde. Sie beschloss, diese Gedanken erst einmal zu verbannen und sich auf das Casting zu konzentrieren. Falls sie tatsächlich genommen werden würde, hätte sie noch genug Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.
Mit Kim überlegte sie am Abend, was für Aufgaben auf Caro zukommen würden. Sie hatten recherchiert, dass mit Gruppenaufgaben zu rechnen sei und auch alltägliche Szenen an Bord nachgestellt werden würden, in denen der potentielle künftige Mitarbeiter einen Konflikt lösen sollte. Außerdem musste man während eines Bewerbungsgespräches einen Teil des Dialogs auf Englisch führen.
Als Caro dann am Samstagmorgen neben Kim im Auto auf dem Weg zum Casting saß, war sie sehr aufgeregt. Sie hatte sich von ihrer Freundin einen Rock, eine Bluse und einen Blazer geliehen, sich eine schöne Flechtfrisur machen lassen und dezent geschminkt. Sie fühlte sich wohl mit ihrem Look und obwohl sie angespannt war, war sie auch neugierig auf das, was sie erwarten würde.
Kim wünschte ihr viel Glück, als Caro aus dem Auto stieg. Sie versprach ihr, sie hinterher wieder abzuholen. Bei einem gemeinsamen Abendessen wollten sie dann in Ruhe über alles sprechen, bevor Caro sich auf den Rückweg nach Kempten machen würde.
Die Tür fiel ins Schloss und Caro war nun auf sich allein gestellt. Als sie das Gebäude betrat, fielen ihr sofort die vielen Bilder der Kreuzfahrtschiffe ins Auge. Der Raum war hell und freundlich und hinter dem Empfangstresen saß eine ältere Frau, die sie bereits erblickt hatte. Caro ging auf den Tresen zu und sie erkannte, dass dieser wie eine Art „Schiffsbug“ aufgebaut war.
„Lustig“, dachte sie, „wie viel Mühe die sich geben.“
Sie stellte sich bei der Frau vor und teilte ihr mit, dass sie zum Casting eingeladen worden war.
Die Frau reichte ihr einige Unterlagen und einen Ablaufplan und bat sie, einen Moment lang Platz zu nehmen.
Caro setzte sich in einen Sessel und betrachtete den Ablaufplan. Als erstes würde eine Begrüßung stattfinden, anschließend eine Vorstellungsrunde der Bewerber, dann folgten ein Rollenspiel, ein Einzelgespräch und eine Fazitrunde – allerdings nur für den Fall, dass man soweit überhaupt kommen würde. Nach jeder Runde würden wohl einige Bewerber gehen müssen. Zwischendurch waren zwei kleine Pausen eingeplant.
Bevor Caros Nervosität überhandnehmen konnte, wurde sie von einem jungen Mann abgeholt. Er erklärte ihr auf dem Weg, dass er sie nun in den Konferenzraum bringen würde, wo es direkt mit der Begrüßung losgehen sollte.
Der Mann wirkte etwas gehetzt und Caro fragte sich, ob ihr Tag auch so laufen würde. Er hatte ihr nicht einmal seinen Namen genannt. Oder dachte er, es sei nicht nötig, weil er sowieso gleich vor allen sprechen würde. Wahrscheinlich hatte er keine Lust, sich jedem Bewerber einzeln vorzustellen.
Caro nahm in der zweiten Reihe Platz und inspizierte ihre Konkurrenten. Es waren ungefähr genauso viele Frauen wie Männer. Alle waren schick zurechtgemacht und sie dankte Kim im Stillen noch einmal für die Klamotten, die sie ihr geliehen hatte. Caro besaß zwar einige geschmackvolle Sachen, doch nichts, was sich für ein solches Gespräch geeignet hätte. Sie hatte schließlich noch nie ein richtiges Vorstellungsgespräch gehabt. Die Zusage von der Schule erhielt sie, ohne sich persönlich vorstellen zu müssen und anschließend arbeitete sie, quasi wie selbstverständlich, in einem Friseursalon in Kempten.
Auf der Bühne waren fünf Stühle aufgebaut. Auf dem einen nahm nun der Mann Platz, der sie abgeholt hatte. Neben ihm saßen noch drei weitere Männer und eine Frau. Einige der Bewerber schienen sich zu kennen oder hatten sich bereits kennengelernt und waren in ein Gespräch mit den Sitznachbarn vertieft. Als jedoch einer der vier Männer zum Mikrofon ging und das Wort ergriff, verstummte die Menge.
„Sehr geehrte Bewerberinnen und Bewerber, ahoi Kollegen. Es freut mich, dass so viele von euch heute zu unserem Bewerber-Casting erschienen sind. Mein Name ist Simon Fistel und ich habe selber bereits einige Jahre als Offizier an Bord gearbeitet, genau wie meine Kollegen links und rechts von mir. Ihr werdet heute einige Stationen durchlaufen und wir wollen auf diese Weise feststellen, ob ihr euch für ein Leben aber besonders auch für die Arbeit an Bord eines Kreuzfahrtschiffes eignet. Bevor wir beginnen, wollen wir jedoch noch einmal wissen, wer ihr seid und warum ihr euch bei uns beworben habt. Dafür möchten wir jeden einzelnen bitten, der Reihe nach nach vorne zu kommen und sich vorzustellen. Meine Kollegen werden beginnen und dann, würde ich vorschlagen, fangen wir in der ersten Reihe an.“
Caro rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sollte sich gleich vor allen präsentieren? Hier saßen bestimmt fünfzig Leute, die sie anstarren würden.
Nachdem sich die ehemalige Crew vorgestellt hatte, worunter sich der junge Mann, der sie abgeholt hatte, übrigens als Herr Müller und ehemaliger Chef-Rezeptionist entpuppte, meldeten sich die Bewerber der Reihe nach zu Wort. Caro hörte nur mit einem Ohr zu und versuchte nebenbei ihre eigene kleine Präsentation im Kopf zu erstellen.
Als sie jedoch die Frauenstimme einer Mitkonkurrentin vernahm, den Namen hatte Caro nicht mitbekommen, wurde sie hellhörig. Eine große und schlanke, augenscheinlich sehr modebewusste, junge Frau bewarb sich ebenfalls um die Stelle als Friseurin und Make-Up-Artistin.
Caro schluckte und dachte: „Gegen die habe ich sowieso keine Chance, so selbstbewusst und hübsch wie die ist, absolviert sie das Casting doch mit links!“
Ihre innere Unruhe wuchs ins Unermessliche und auf einmal war sie an der Reihe. Sie erhob sich wie von selbst und taumelte Richtung Bühne.
„Ganz ruhig, Caro. Du bist ganz ruhig und gelassen“, murmelte sie sich selber Mut zu.
Vorn angekommen, verharrte sie noch ein paar Sekunden, bevor sie zu sprechen begann: „Ahoi Matrosen. Mein Name ist Carolin Wecker. Ich komme aus einem beschaulichen Ort aus dem Allgäu und würde gern Berge gegen die Weite des Meeres eintauschen. Ich bin gelernte Make-Up-Artistin und sehne mich nach etwas Abwechslung. Mit meinen 26 Jahren habe ich Deutschland noch nie verlassen und finde, dies ist nun mehr als überfällig. Wenn ich nicht arbeite, reite ich gern oder treibe viel Sport.“
Caro überlegte, wie sie ihre Rede zu Ende bringen konnte und fügte noch hinzu: „Für die Zukunft wünsche ich mir immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.“
Blöd grinsend verließ Caro die Bühne wieder. Kaum saß sie auf ihrem Platz, lief sie rot an und fragte sich, ob sie tatsächlich die Floskeln „Ahoi Matrosen“ und „immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel“, wie sie Herr Riede in seiner E-Mail verwendet hatte, gerade eben vor allen Leuten zitiert hatte.
„Oh man, wie kann man nur so blöd sein“, dachte sie. „Hoffentlich ist das nicht schon direkt mein K.O.-Kriterium.“
Nachdem sich nach fast einer Stunde alle Bewerber vorgestellt hatten, wurde die Gruppe aufgeteilt. Caro sollte zunächst mit fünf anderen an einem Rollenspiel teilnehmen. Sie folgte den anderen in einen benachbarten, wesentlich kleineren Raum. Auf dem Tisch sah sie einige Dinge liegen. Einen Personalausweis, eine Karte, eine kleine Kamera und rechts neben dem Tisch befand sich eine Art Tresen.
Jeder bekam eine Arbeitsanweisung mit einer zugeteilten Rolle. Caro sollte eine Ehefrau spielen, die mit ihrem Mann in letzter Minute den Check-In-Schalter erreichte, um an Bord zu gehen. Sie sollte von der langen Anreise genervt wirken und es eilig haben.
„Gut“, dachte Caro, „ich spiele die mürrische Urlauberin, der man nichts Recht machen kann, das schaffe ich!“
Ziel der anderen war es, der Reihe nach die Urlauber trotz Zeitnot gemäß aller Vorschriften einzuchecken, ein Foto für die Zeit an Bord zu machen, das der Identifikation diente, die Bordkarten auszuhändigen und zu erklären, welche Funktionen diese besaßen, sowie das Bordprogramm zu erläutern und einen Schiffsplan mitzugeben.
Caro machte ihre Sache drei Mal nacheinander gut. Ihr „Ehemann“ und sie hauten ordentlich auf den Putz, so wie es verlangt war.
Die erste Frau kam gut damit klar und checkte sie ordnungsgemäß ein.
Die zweite Bewerberin hatte so ihre Probleme und lief feuerrot an.
„Die Arme“, dachte Caro und versuchte im weiteren Gesprächsverlauf nicht ganz so unfreundlich zu sein.
Leider bemerkte „ihr Mann“ das nicht, sodass die Frau den Faden verlor, vergaß, ihnen die Bordkarten zu geben, und checkte sie ohne Foto ein.
Der letzte Teilnehmer war ein Mann. Bei genauerem Hinsehen bemerkte Caro, wie hübsch er war. Er war bestimmt 1,90 m groß und trug einen blauen Anzug mit weißem Hemd und hellblauer Krawatte. Aber vor allem gefiel ihr sein Lächeln, das seine Augen erreichte. Um seine Mundwinkel herum bildeten sich kleine Grübchen, die ihn jünger machten, als er augenscheinlich war. Caro schätze ihn auf Ende zwanzig. Doch mit dem bubenhaften Grinsen sah er aus wie ein kleiner Junge.
Erst jetzt bemerkte Caro, dass sie ihn die ganze Zeit nur angestarrt hatte und er sie erwartungsvoll ansah. Ihr Einsatz!
„Genau und äh, wieso sind die Kabinen noch nicht bezugsfertig?“, stammelte Caro schnell.
Der unbekannte Bewerber lächelte weiter. Halb gespielt, halb über Caro amüsiert.
„Meine Dame, leider sind unsere Kollegen noch nicht ganz fertig mit allen Kabinen. Dafür verspreche ich Ihnen, dass sich das Warten lohnt. Wir wollen gewährleisten, dass jede Kabine sorgfältig geprüft und gesäubert wird, bevor die neuen Gäste sie beziehen können. Es dürfte sich aber um keine halbe Stunde mehr handeln, bis auch Sie Ihre Kabine beziehen können.“
Er zwinkerte ihr zu. Caro gab sich geschlagen und der Unbekannte überreichte ihr die Bordkarte sowie das Programmheft und schoss ein Foto von ihr, ohne sich die Bemerkung zu verkneifen, dass sie bitte ihr schönstes Lächeln aufsetzen sollte.
Er machte seine Sache gut, fand Caro. Sie dagegen war völlig aus dem Konzept gebracht worden. Hoffentlich hatte der Prüfer das nicht gemerkt.
Nachdem alle fertig waren, zog sich der Prüfer mit seiner Kollegin für einen Moment zurück, um sich gemeinsam zu beratschlagen.
Als sie wiederkamen verkündete er, dass vier von fünf in die nächste Runde kommen würden. Caro fühlte sich einen Moment lang wie bei „Germanys next Topmodel“, wo die Models ein Foto bekamen, wenn sie eine Runde weiter waren. Vor dem Fernseher hatte Caro sich immer lustig über die jungen Mädels gemacht, die bei der Entscheidung anfingen zu weinen. Jetzt hatte sie selbst einen Kloß im Hals. Hatte sie es in die nächste Runde geschafft?
Der Prüfer fing an, die Namen vorzulesen. „Vivienne Schmidt, du bist weiter. Ebenfalls weiter ist Jonas Richter. Patrick Winter, auch du bist weiter.“
Caro lächelte Patrick unwillkürlich zu. Patrick hieß also der Unbekannte, der sie vor ein paar Minuten so aus dem Konzept gebracht hatte. Sie freute sich für ihn, er hatte seine Sache wirklich gut gemacht. Auch wenn sie selber dadurch nicht unbedingt punkten konnte. Caro war angespannt. Blieben noch sie und die Kandidatin über, die als Zweite dran war. Sie sah den Prüfer gespannt an.
Dieser blickte nun auch in ihre Richtung und sprach sie direkt an: „Carolin Wecker, auch du hast es eine Runde weiter geschafft. Ausgeschieden ist damit leider Manuela List.“ Der Prüfer suchte ihren Blick. „Es tut uns sehr leid, aber wir finden, dass du schon bei der Selbstpräsentation und auch hier beim Rollenspiel zu leicht den Faden verloren hast und wir sind uns nicht sicher, ob du genug Selbstbewusstsein hast, um unseren anspruchsvollen Gästen gerecht werden zu können. Trotzdem freuen wir uns, dass du dich beworben hast und wer weiß, vielleicht versuchst du es in ein paar Monaten noch einmal. Alle die, die weiter sind, bitte ich, zurück in den Konferenzraum zu gehen. Wir werden Euch nun der Reihe nach zu einem Einzelgespräch aufrufen. Jonas Richter, du kannst direkt bei uns bleiben.“
Caro folgte den anderen zurück in den Raum. Sie merkte, dass Patrick seinen Gang extra verlangsamt hatte und kurz darauf neben ihr ging.
Er grinste sie verschmitzt an und sagte: „Ahoi, ich bin Matrose Patrick!“
Caro wusste nicht, ob sie lachen oder schreien sollte. Er hatte sich die Begrüßung von ihrem Bühnenauftritt gemerkt, wie peinlich.
Dennoch entschied sie sich zu lachen und antwortete: „Ahoi Patrick! Ich bin Caro! Dank dir wäre ich fast diejenige gewesen, die das Casting frühzeitig verlassen hätte.“
Er sah sie unschuldig an. „Meine Schuld? Warum das denn? Ich habe nur meinen Job gemacht“, verteidigte er sich grinsend.
„Allerdings – ziemlich gut sogar. Du schaffst es bestimmt durch das Casting! Für was hast du dich denn beworben?“, fragte Caro nach.
„Ich würde gern als Scout arbeiten. Ich bin sehr sportlich und interessiere mich für die Aktiv-Touren, die den Gästen angeboten werden. Fahrradtouren, Kayaking, Wandern oder Ausflüge mit einem Segway“, erwiderte Patrick. „Und du, Caro? Du möchtest als Friseurin und Make-Up-Artistin arbeiten? Hätte ich mir schon denken können bei deiner süßen Flechtfrisur und überhaupt siehst du sehr hübsch aus!“, fügte Patrick hinzu.
Caro wusste nicht, was sie sagen sollte und stammelte ein kurzes „Genau“.
Hatte er ihr gerad so offensiv ein Kompliment gemacht? Eigentlich war dies der Zeitpunkt, an dem Caro spätestens erwähnen sollte, dass sie seit sieben Jahren in einer Beziehung war. Aber aus irgendeinem Grund tat sie es nicht.
„Ich werde ihn sowieso nie wiedersehen“, dachte sie.
Sie redeten noch eine Weile weiter, allerdings nur über Belangloses und Unverfängliches.
Nach ungefähr eineinhalb Stunden wurde Caro zu ihrem Gespräch aufgerufen.
„Shit“, dachte sie. „Jetzt habe ich mich gar nicht mehr auf das Gespräch vorbereitet. Wie dumm von mir.“
Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, hatte sie sich von diesem, zugegebenermaßen sehr attraktiven, Kerl ablenken lassen.
Sie erhob sich von ihrem Platz und wollte schon losgehen, da griff Patrick nach ihrer Hand und sah ihr tief in die Augen.
„Caro, ich wünsche dir viel Glück! Du schaffst das. Es wäre doch schön, wenn wir bald Kollegen wären.“ Patrick legte seinen Kopf schief und grinste sie an.
Caro nickte kurz und beeilte sich, um den Prüfer nicht warten zu lassen. Ihr Herz pochte schnell. Doch sie ahnte, dass es nicht an dem bevorstehenden Interview lag, sondern, weil Patrick sie eben kurz berührt hatte.
„Was fällt ihm eigentlich ein?“, fragte Caro sich. „Wir kennen uns doch kaum, wieso fühlt es sich mit ihm schon so vertraut an? Und warum fährt mein Bauch Achterbahn?“
Caro zwang sich, diese Gedanken beiseite zu schieben, denn vor ihr saßen bereits ihre zwei Prüfer, die sie schon von dem Rollenspiel kannte.
Das Interview verlief erstaunlich gut. Zunächst hatte Caro ihren Werdegang erläutert, anschließend beantwortete sie einige Fragen. Warum sie sich für eine Anstellung interessierte, ob sie damit klarkäme, so lange von zuhause weg zu sein – gerade, weil sie noch nie wirklich die Heimat für längere Zeit verlassen hatte. Ab wann sie anfangen könnte zu arbeiten usw. Einen kleinen Teil haben sie auch auf Englisch besprochen, doch Caro reagierte souverän und die Prüfer erkannten schnell, dass man zurück zur Muttersprache wechseln könne.
Nach ungefähr einer Stunde hatte sie es geschafft und wurde erneut in den großen Konferenzraum geschickt. Patrick war nicht mehr da.
„Komisch“, wunderte sie sich, „müsste er nicht nach mir drangekommen sein?“
Sie nahm wieder Platz und sah sich um. Ungefähr 15 andere Bewerber saßen noch in dem Raum. Unter ihnen erkannte sie die große Blondine, die sich ebenfalls als Friseurin und Make-Up-Artistin beworben hatte.
Caro nahm ihren Ablaufplan heraus und sah, dass der letzte Punkt, die Fazitrunde, für 16:00 Uhr angesetzt war. Noch eine Stunde, bis es weitergehen würde. Sie entdeckte das Buffet am Ende des Raumes und beschloss, wie die anderen auch, sich zu bedienen.
Nach einer Stunde waren noch zwei weitere Bewerber dazugekommen. Von Patrick gab es aber noch immer keine Spur. Vorn hatten bereits vier von fünf Prüfern Platz genommen, ihre waren auch dabei.
Genau in dem Moment, als einer von ihnen das Wort ergreifen wollte, öffnete sich die Tür und Patrick betrat mit dem letzten Prüfer den Raum. Caro fiel ein Stein vom Herzen und sie lächelte ihm automatisch zu. Patrick war also noch im Rennen, genau wie sie.
Er setzte sich neben sie, doch bevor sie miteinander reden konnten, ergriff einer der Prüfer nun das Wort: „So, jetzt wo ihr es alle geschafft habt, freue ich mich, euch mitteilen zu können, dass ihr alle genommen werdet! Ihr seid die letzten Verbliebenen und wir begrüßen euch recht herzlich in unserer Crew.“
Caro war baff. So schnell und ohne lange Umschweife war sie ausgewählt worden? Vor einer Woche noch wusste sie nicht einmal, dass sie sich hier bewerben würde und nun war sie bereits angenommen?
Der Prüfer sprach weiter. „Wie ihr bereits dem Anhang unserer E-Mail entnehmen konntet, findet morgen eine Schulung zum Thema „Umgang und Sicherheit an Bord“ statt. Wir treffen uns also um 8:00 Uhr wieder hier. Morgen werden wir auch besprechen, wann und auf welchem Schiff ihr eingesetzt werden sollt. Also, noch einmal herzlichen Glückwunsch und bis morgen!“
Als Caro auf die Straße trat, atmete sie erst einmal tief durch. Tausend Sachen gingen ihr durch den Kopf. Aber vor allem fragte sie sich, wie sie Sam erklären sollte, dass sie doch erst Sonntagabend nach Hause kommen würde. Von der Schulung im Anschluss hatte sie nichts gewusst, sie musste den Anhang der E-Mail übersehen haben. Doch sie wollte daran teilnehmen – natürlich wollte sie das, sie musste sogar. Sie hatte es tatsächlich geschafft.
Sie griff nach ihrem Handy und wählte Kims Nummer. Bevor sie auf „Anrufen“ klicken konnte, sah sie bereits das Auto ihrer Freundin. Sie war erleichtert, dass sie nicht noch warten musste und stieg in den Wagen.
Kim und Caro fuhren zu einem ihrer Lieblingsrestaurants, das ganz in der Nähe ihrer alten Schule lag. Damals hatten sie es zufällig entdeckt und viele Pausen dort verbracht. Sie setzten sich an einen der freien Tische und nachdem sie bestellt hatten, berichtete Caro ihrer Freundin haarklein, was passiert war. Sie ließ nichts aus, weder ihre peinliche Begrüßung auf der Bühne, noch die Begegnung mit Patrick. Als sie zum Ende kam, berichtete sie ebenfalls, dass sie morgen noch an einer Schulung teilnehmen müsste und nun nicht wüsste, wie sie es Sam erzählen sollte.
„Das ist doch das kleinste Problem“, hatte ihre Freundin geantwortet. „Du sagst Sam einfach, dass es mir wegen meines neuen Jobs nicht so gut geht und ich dich gebeten habe, noch einen Tag zu bleiben.“
Caro dachte kurz darüber nach und griff zu ihrem Handy. „Das erledige ich am besten sofort, bevor ich es mir anders überlege.“
Caro ging kurz vor die Tür und wählte Sams Nummer.
„Hey Sam, ich bin‘s!“, begrüßte sie ihn. „Ja na klar, mir geht es gut. Nein, ich bin noch nicht im Zug. Wir waren heute viel unterwegs, daher konnte ich mich nicht so oft melden. Und wie geht’s dir?“
Caro wartete die Antwort ab und ergriff darauf schnell das Wort, damit Sam nicht noch weitererzählen konnte. „Sam, pass auf. Kim geht es nicht gut. Du weißt doch, ihr neuer Job macht ihr sehr zu schaffen. Sie hat mich gebeten, noch einen Tag länger zu bleiben. Ich werde also erst morgen Abend mit dem Zug zurückkommen.“
Caro hörte nichts außer einem Schweigen in der Leitung.
Dann holte Sam tief Luft und erwiderte: „Also gut. Ich vermisse dich zwar tierisch, aber eine Nacht ohne dich werde ich noch überleben. Melde dich bitte, wenn du morgen im Zug sitzt, ja? Wenn ich weiß, wann du ankommst, hole ich dich ab!“
„Ja na klar, das mache ich doch immer!“, antwortete Caro.
„Ach und Caro?“, entgegnete Sam, „Ich liebe dich.“
Caro beschlich erneut ihr schlechtes Gewissen, doch bevor Sam etwas bemerken konnte, erwiderte sie: „Ich dich auch, Sam! Bis morgen dann!“
Caro legte auf.
„Puh, das ist gerade noch einmal gut gegangen“, dachte sie und ging zurück ins Restaurant, wo bereits das Essen auf sie wartete.
Kim sagte nichts, als Caro sich setze und die beiden fingen an zu essen. Caro wunderte sich, dass ihre Freundin nicht nachfragte, wie das Telefonat gelaufen war. Nach ein paar Minuten sah Kim sie forschend an.
„Was ist denn auf einmal mit dir los?“, fragte Caro.
Kim antwortete streng: „Hattest du nicht gesagt, du wolltest es Sam auf jeden Fall erzählen? Hast du dich etwa bis jetzt heimlich beworben und nun auch noch eine Zusage bekommen, ohne dass Sam überhaupt etwas davon ahnt?“
Caros schlechtes Gewissen flammte wieder auf. „Ich hatte keine Wahl, Kim. Ich würde es ihm so gern erzählen. Glaub mir, ich habe so ein schlechtes Gewissen, ihn zu belügen. Aber er hätte alles darangesetzt, mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Das weißt du!“
Kim überlegte kurz, bevor sie sagte: „Vielleicht hast du Recht. Sam ist wirklich alles andere als ein Weltenbummler. Trotzdem sollte man sich in einer Beziehung unterstützen, auch oder vor allem die Träume seines Partners respektieren. Wie willst du ihm das Ganze denn jetzt noch beichten? Du weißt schon, dass du um einen Streit nicht mehr drumherum kommen wirst?“
Caro wusste, dass alles, was Kim sagte, wahr war. Betreten stocherte sie weiter in ihrem Essen herum.
„Wie würde Sam wohl reagieren?“, fragte sie sich resigniert.
Einen Tag später kannte Caro Sams Reaktion. Nachdem Caro die Schulung, die eigentlich nur daraus bestand, sich verschiedene Vorträge und Videos über die Sicherheit an Bord anzuhören, absolviert hatte, war sie zurück nach Kempten gefahren. Sam hatte sie, wie versprochen, abgeholt und gleich gemerkt, dass Caro etwas bedrückte. Als sie zuhause angekommen waren und Caro ihm die Wahrheit erzählt hatte, war er für einige Stunden abgehauen, ohne überhaupt auch nur ein Wort zu verlieren.
Erst als Caro schon drauf und dran war ins Bett zu gehen, hatte sie die Wohnungstür ins Schloss fallen hören. Sie war ihm bewusst nicht nachgelaufen. Sie kannte ihn und wusste, dass er in Ruhe über alles nachdenken musste. Er war schon immer so gewesen, dass er sich bei Problemen für einige Zeit in die Ställe verzog, um der Welt den Rücken zu kehren und seine Gedanken zu ordnen. So war es auch diesmal gewesen.
Als er das Wohnzimmer betrat, setzte er sich zu Caro aufs Sofa und sah sie zerknirscht an. Caro wusste, dass es ihn sehr getroffen hatte, dass sie ihm nicht von Anfang an die Wahrheit erzählt hatte. Sie rückte an ihn heran und nahm ihn in den Arm. Er erwiderte ihre Umarmung und so verharrten sie für einige Zeit, ohne dass einer der beiden das Wort ergriff.
Irgendwann brach Sam die Stille und flüsterte: „Ich liebe dich, Caro. Das weißt du. Aber dass du vor mir etwas verheimlichen musstest, enttäuscht mich sehr. Hinzu kommt, dass ich einfach nicht verstehen kann, warum du das Bedürfnis hast, von mir getrennt zu sein.“
Er verstummte wieder.
Caro wollte sich erklären, doch bevor sie etwas sagen konnte, sprach Sam weiter: „Ich kenne dich aber nun schon sehr gut und habe begriffen, dass wir in diesem Punkt verschieden sind. Ich weiß, dass du unsere Heimat liebst. Nur reicht es dir nicht. Du möchtest mehr von der Welt sehen. Natürlich möchte ich dir nicht im Weg stehen. Aber ich frage mich, wie das in Zukunft sein wird. Bist du nach diesen sechs Monaten zufrieden? Oder wirst du immer wieder für einige Zeit weg sein? Was ist, wenn wir einmal Kinder haben? Oder wir die Verantwortung für den Hof tragen?“
Caro ärgerte sich darüber, dass er sie so darstellte, als könnte man sich nicht auf sie verlassen. Doch sie wusste auch, dass sie gerade nicht in der Position war, ihm dafür einen Vorwurf zu machen.
Stattdessen antwortete sie ruhig: „Sam, ich wollte dich nie verletzen. Ich habe in keinster Weise geahnt, dass alles so schnell gehen würde. Anfangs war es nur ein Hirngespinst. Ich hatte ja nicht erwartet, dass ich tatsächlich genommen werden würde. Ich wollte es dir erzählen, aber ich hatte Angst, dass du mich davon abhalten würdest und irgendwie hat sich die ganze Aktion dann verselbständigt.“
Sie schwieg einen Moment.
Als Sam nicht reagierte, fuhr sie fort. „Ich möchte gern noch mehr von der Welt sehen und ich finde, dass genau jetzt der richtige und vielleicht einzige Zeitpunkt dafür ist. Wie du richtig gesagt hast, würde es nicht mehr in Frage kommen, wenn wir erstmal verheiratet sind und Kinder haben. Es sind nur sechs Monate und nach drei Monaten bin ich auf einer Tour in der Adria eingeteilt. Da könntest du mich sogar für einen Tag in Venedig besuchen kommen. Ich möchte dich nicht verlieren, Sam. Aber ich möchte in meinem Leben nicht nur das Allgäu gesehen haben.“
Sam schwieg. Er sah sie an und es blitzte in seinen Augen.
„Was hatte er nun wieder vor?“, fragte sich Caro.
Dann erhob er sich und kniete sich mit einem Mal vor ihr nieder. Caro hielt den Atem an und merkte, wie ihr Kopf anfing zu kribbeln. Hitze überkam sie.
Vor ihr knieend blickte Sam ihr direkt in die Augen und fing an, seine Lippen zu bewegen: „Wenn das so ist und du mich nicht für immer gegen das Meer eintauschen möchtest, bin ich beruhigt. Wir haben auch die drei getrennten Jahre in München irgendwie überstanden. Natürlich hätte ich es lieber, wenn du für immer bei mir bleibst, doch ein halbes Jahr kann ich noch warten. Aber nur, wenn du versprichst, auf dich aufzupassen und dich regelmäßig bei mir zu melden.“
Caro, die überrascht von der Gesprächswendung war und davon, wie schnell sich Sam damit abgefunden hatte, bejahte seine Bitte. Sie würde Sam doch genauso sehr vermissen. Doch das war nun mal der Preis, den sie zu zahlen hatte, wenn sie durch die Welt schippern wollte.
„Gut, das freut mich zu hören. Dann kann ich ja zum eigentlichen Teil des Abends kommen, den ich vor diesem Chaos hier für heute geplant hatte.“
Er grinste verlegen und rutschte auf seinen Knien umher.
„Eigentlich hatte ich es mir etwas romantischer vorgestellt und eigentlich hatte ich für heute Abend einen Tisch in Kempten reserviert, wo wir lecker gegessen und mit Sekt angestoßen hätten. Doch das können wir alles nachholen. Das Wichtigste ist, dass ich dich über alles liebe! Du bist die Frau meines Lebens und ohne dich wäre die Welt nur halb so schön. Dass wir damals den Hof neben euch gekauft haben, war das größte Glück. Denn dadurch habe ich die bezauberndste, hübscheste und engagierteste Frau getroffen, die es für mich auf der Welt gibt. Für mich bist du, abgesehen von dieser kleinen Lügengeschichte von vorhin“, er hielt inne und schmunzelte sie an, „die perfekte Freundin.“
Caro dankte ihm im Stillen dafür, dass er ihr verziehen hatte und strahlte ihn an.
„Carolin Wecker, möchtest du meine Frau werden?“, wollte Sam mit einem rührseligen Blick wissen.
Da war sie – die Frage, die noch alles, was er zuvor gesagt hatte, toppte. Hatte er ihr gerade tatsächlich einen Antrag gemacht? Obwohl sie ihn so hintergangen und belogen hatte. Sie war gerührt von seiner Ansprache und den Tränen nahe.
Ungeachtet der Panik, die sie irgendwo in den Tiefen ihres Unterbewusstseins ergriff, war sie so überwältigt und erleichtert in Hinblick auf Sams Reaktion, dass sie ohne zu zögern antwortete: „Ja, Sam, ich will! Ich liebe dich auch! Du bist der Beste! Danke, dass du mir verziehen hast.“
Dann griff er in seine Hosentasche und zog einen Ring heraus. „Den trage ich schon seit Tagen mit mir herum. Ich hatte die ganze Zeit auf die richtige Situation gewartet und als du über das Wochenende weg warst, hielt ich deine Rückkehr für den passenden Augenblick. Vorhin hatte ich allerdings nicht mehr damit gerechnet, dass es so weit kommen würde. Doch ich freue mich, dass du ab jetzt meine Verlobte bist! Ich hoffe der Ring gefällt dir, mein Schatz!“
Er gefiel Caro sogar sehr. Er war silber und passte ihr perfekt. Der Ring war schmal und ließ ihre Hand nicht überladen aussehen. Fast ein dezentes Schmuckstück, wenn nicht in der Mitte ein kleiner Stein in blau gewesen wäre.
„Den Stein habe ich gewählt, weil er aussieht wie die Farbe deiner Augen. So tiefblau und geheimnisvoll. Genau so stelle ich mir das Meer vor. Kein Wunder, dass du dich dahin verbunden fühlst. Ich hätte es wissen müssen“, scherzte Sam.
„Der Ring ist wunderschön. Ich hätte mir von allen Ringen auf der Welt ganz sicher denselben ausgesucht. Vielen, vielen Dank.“
Sie umarmte Sam und die beiden küssten sich. Caro war überwältigt und genoss den Moment. Sie hatte insgeheim schon länger mit einem Antrag von Sam gerechnet. Dass er ausgerechnet heute kommen würde, das hatte sie aber beim besten Willen nicht geahnt. Sie verzogen sich gemeinsam ins Bett und waren sich nahe. Schon länger hatten sie keinen so intimen Moment mehr gehabt und Caro genoss jede seiner Berührungen.
Auch später lagen sie noch eine Weile zusammengekuschelt wach im Bett und redeten. Erst über Caros bevorstehende Reise, wann es losgehen und welche Länder sie sehen würde. Danach über Sams Arbeit, über den Hof und über ihre Hochzeit. Sie überlegten gemeinsam, wie sie es ihren Familien sagen würden, wann sie die Feier ausrichten wollten und später drifteten sie so weit vom Thema ab, dass sie überlegten, welche Namen sie ihren Kindern einmal geben würden.
Caro fühlte sich wohl in Sams Armen. Sie dachte in keiner Sekunde über die Panik nach, die sie für einen kurzen Moment beschlichen hatte. Es ist ein großer Schritt, eine Veränderung, die man nicht leichtfertig treffen sollte. Aber sie und Sam bildeten nun schon über sieben Jahre ein Paar und Caro war überzeugt, dass er der Richtige an ihrer Seite war. Obwohl sie beide am nächsten Morgen zur Arbeit mussten, schliefen sie erst in den frühen Morgenstunden Arm in Arm ein.
Die darauffolgenden Wochen bis zu ihrer Abreise verliefen wie im Flug. Zunächst hatten Caro und Sam ihre Familien eingeladen. Das Treffen fand ganz nach dem Motto „Wir sind verlobt und übrigens geht Caro für ein halbes Jahr auf ein Kreuzfahrtschiff arbeiten“ statt.
Der Teil mit der Verlobung wurde natürlich von allen mehr als positiv aufgefasst. Sie beglückwünschten das Paar und freuten sich sehr über diese Verbindung.
Dass Caro jedoch beschlossen hatte, sich ohne das Wissen aller hier Anwesenden um eine Stelle an Bord eines Kreuzfahrtschiffes zu bewerben, schien kaum jemand zu verstehen.
Besonders Carolins Oma, Evi, schüttelte nur den Kopf und sagte: „Kind, wie kann man den eigenen Mann so im Stich lassen. Was hast du dir nur dabei gedacht?“
Caro wusste, dass ihre Oma sehr traditionell war. Sie hatte damit gerechnet, dass sie von Evi keinerlei Unterstützung erwarten konnte. Nur ihre Mutter, die ihr schon damals bei der Ausbildung in München den Rücken gestärkt hatte, stand wieder einmal hinter ihr. Sie fand, dass es eine wunderbare Idee wäre. Ein halbes Jahr würde so schnell vergehen und es wäre doch noch einmal eine gute Probe vor der Vermählung. Sollten sie dieses halbe Jahr ebenfalls unbeschadet überstehen, wussten sie mit Sicherheit, dass ihrer Ehe nichts im Weg stehen würde.
Caro ahnte zwar zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihre Beziehung und somit die bevorstehende Ehe überhaupt noch in Frage gestellt werden könnten, freute sich aber über den Rückhalt ihrer Mutter und pflichtete ihr bei. Obwohl Caro selbst ihr nichts von ihren Plänen erzählt hatte, konnte sie sich auf ihre Mutter verlassen.
„Ich werde sie sehr vermissen“, dachte Caro. Alle würde sie sehr vermissen.
Doch je näher der Tag ihrer Abreise rückte, desto weniger konnte sie es abwarten. Sam wurde von Tag zu Tag missmutiger und fragte Caro fast jedes Mal, wenn sie sich über den Weg liefen, ob es wirklich nicht anders ginge und sie es sich nicht noch einmal überlegen wollte.
Dann war da noch ihre Oma Evi. Von ihr wurde sie, so oft es ging, mit bösen Blicken gestraft. Außerdem hatte Evi beschlossen, kein Wort mehr mit ihr zu reden. Sams Familie war zwar weiterhin freundlich zu ihr, doch auch da merkte sie, dass sie alles andere als begeistert darüber war, dass die zukünftige Frau ihres Sohnes in die weite Welt hinauswollte, anstatt sich in Hochzeitsvorbereitungen zu stürzen.
„Wenigstens fällt so der Abschied nicht so schwer“, sagte sich Caro.
Sie hatte sich derweil von der Chefin des Friseursalons in Kempten für ein halbes Jahr beurlauben lassen, einen neuen großen Koffer gekauft, sich ein Zeugnis für Seediensttauglichkeit von ihrem Arzt ausstellen lassen, einen Reisepass beantragt und angefangen, ihre Klamotten zu sortieren. Caro hatte noch nie einen Reisepass gebraucht. Doch nun würde sie zum ersten Mal fliegen und dann auch noch ein so weiter Flug mit Zwischenstopp. Davor hatte sie die größte Angst. Ihr Zielflughafen war Sangster International Airport, Montego Bay auf Jamaika. Das wiederum hieß, dass sie in New York City umsteigen musste. Caro hatte sich bereits sämtliche Orientierungshilfen und Pläne für die jeweiligen Flughäfen ausgedruckt und versuchte sich einzuprägen, welche Schalter sie wo aufsuchen musste. Allerdings wusste Caro auch, dass sich solche Angaben jederzeit noch ändern konnten. Immerhin würde Sam sie zum Flughafen nach München bringen und mit ihr warten, bis sie die Sicherheitskontrollen passiert hat.
Mindestens ebenso schwierig wie das Flugthema erwies sich die richtige Wahl der Kleidung für die Reise. In Deutschland war momentan Februar und somit tiefster Winter im Allgäu. Doch in der Karibik, wo sie die ersten zwei Monate eingesetzt werden sollte, war Hochsommer. Auf sie wartete zwei Monate lang eine 14-tägige Turnusreise ab Montego Bay.
Turnusreisen, so erklärte man Caro während ihrer Schulung, sind Rundtouren, die den gleichen Start- und Zielhafen haben und wo das Schiff monatelang die gleiche Route fährt.
Caro freute sich, die traumhafte Landschaft der Karibik mit eigenen Augen zu sehen und hoffte, in den zwei Monaten an jeder Station auch selbst einmal von Bord gehen zu können.
Ab April würden sie dann von der Karibik bis in die Adria fahren. Eine solche Überfahrt nannte sich „Transreise“. Das hatte Caro ebenfalls gelernt. Die Schiffe waren immer in einer Region eingesetzt, in ihrem Fall in der Karibik. Doch infolge von saisonbedingten Wetterschwankungen in der Karibik aufgrund der Tornadosaison änderte das Schiff sein Einsatzgebiet. Die Überfahrt würde 24 Tage dauern und verschiedene Stopps beinhalten, damit es für die Urlauber eine attraktive Tour blieb. Dennoch würde es bei der Überfahrt über den Atlantik eine Strecke geben, bei der kein Aufenthalt möglich war und sieben Seetage hintereinander anstanden.
Ihre zweite Hälfte an Bord würde Caro dann auf der Adria mit Start- und Zielhafen Venedig verbringen. Von Kempten nach Venedig brauchte man mit dem Auto ca. fünf Stunden, hatte Caro recherchiert. Sie hoffte, dass Sam sie dort einmal besuchen würde. Gerade an An- und Abreisetagen war es Caro am ehesten möglich, das Schiff zu verlassen, denn der Salon an Bord hatte dann erst ab dem späten Nachmittag, nachdem alle neuen Gäste eingecheckt waren, geöffnet.
Doch ob Sam für sie seine geliebte Heimat ein Wochenende lang verlassen und zugleich die deutsche Grenze übertreten würde, war mehr als fraglich.
Caro sah sich um und war überaus beeindruckt von dem riesigen John F. Kennedy International Airport in New York. Sie würde noch eineinhalb Stunden Aufenthalt haben, ehe es weitergehen sollte.
Wie versprochen schaltete sie ihr Handy ein und schrieb Sam eine SMS: „Hey mein Schatz. Ich habe den ersten Flug gut überstanden und bin nun in New York. Ich vermisse dich jetzt schon. Deine Caro“.
Der Abschied im Allgäu von ihrer Familie war ihr doch schwerer gefallen als erwartet. Ihre Mutter hatte ihr noch ein kleines Fotoalbum gebastelt mit Bildern von der Familie, Freunden und natürlich ihren Tieren. Spätestens beim Abschied von ihrer Hündin Laila konnte sie ihre Emotionen nicht mehr zurückhalten und hatte ein paar Tränen verdrückt. Obwohl Laila nicht wusste, dass sie bald weg sein würde, hatte sie sich auf ihren Schoß eingerollt und ihren Kopf gegen Caros Kinn gedrückt. Das machte sie immer, wenn sie das Gefühl hatte, dass es Caro schlecht ging. Für Außenstehende mochte das ein komisches Bild abgeben, wenn eine ausgewachsene Labradorhündin auf dem Schoß einer doch eher zierlichen Frau saß. Doch Caro genoss die letzte ausgiebige Kuscheleinheit mit ihrem Vierbeiner.
Am Flughafen hatte sie sich dann von Sam verabschiedet. Ihr Verlobter hatte fast die ganze Autofahrt über geschwiegen, nur stumm ihre Hand gehalten und immer mal wieder fest gedrückt.
Am Flughafen angekommen, hatte er noch bedröppelter geguckt und Caro keine Sekunde aus den Augen gelassen. Es brach ihr das Herz, ihn so leiden zu sehen. Auch sie hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, wollte aber nicht, dass Sam das mitbekam. Daher hatte sie vorgeschlagen, noch einen Kaffee miteinander zu trinken, um die Wartezeit zu überbrücken und sie sich für ein halbes Jahr verabschieden mussten.
Als sie saßen, hatte Sam ein kleines Bündel mit Umschlägen aus seiner Jackentasche gezogen und diese Caro überreicht.
„Für dich!“, hatte er gesagt. „Für jede Lebenslage einen.“
Caro hatte ihn verdutzt angeschaut, die Briefe entgegengenommen und genauer betrachtet.
Sie las vor: „Traurig, Wütend, Krank, Kummer, Seekrank, Sehnsucht, Zwischendurch, Halbzeit, Jahrestag ...“
Sam hatte tatsächlich für jede Lebenslage einen Brief geschrieben. Caros Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, sie war aufgestanden und ihrem Verlobten um den Hals gefallen.
„Vielen Dank, mein Schatz! Das ist so süß von dir!“, brachte sie mühsam hervor.
Auch Caro hatte etwas für Sam vorbereitet. Sie beförderte aus den Weiten ihrer Tasche ein Paket zutage, an dem eine Karte befestigt war.
Sam hatte ebenfalls vorgelesen: „Damit nicht nur ich dich immer bei mir trage, sondern auch du mich jeden Tag bei dir hast. In Liebe, Caro.“
Er hatte umständlich sein kleines Geschenk geöffnet und einen Ring vorgefunden.
Caro sagte: „Da wir nun noch eine Weile verlobt sein werden, dachte ich, dass es schön wäre, wenn auch du einen Ring hast.“
Für Sam war das alles zu viel gewesen. Er hatte sich verzweifelt in Caros Arme gestürzt und angefangen zu schluchzen.
Caro konnte nur Wortfetzen wie „Danke“, „Liebe“ und „Vermissen“ verstehen.
Auch sie hatte einen Kloß im Hals gehabt und mit den Tränen gekämpft.
