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Helmut Jürgen Pitsch, geboren am 6. August 1934 in Berlin-Lichterfelde-West. Abitur am Kant-Gymnasium in Berlin-Spandau, dann Studium in Berlin und Tübingen: Germanistik, Klassische Philologie, Alte Geschichte, Philosophie. Staatsexamen, Studienreferendariat in Reutlingen und Rottenburg am Neckar. Dann Studium der Ägyptologie in Tübingen mit Ausgrabung in Luxor/Ägypten, außerdem Teilnahme an Grabung in Rottenburg a. Neckar. - Anders als angloamerikanische short stories sind viele dieser Kurzgeschichten aus kreativen, im Wachbewusstsein aber bearbeiteten Träumen entstanden, um der Logik der Alltagswelt zu entsprechen, im übrigen sind sie sehr verschiedenartig. Als ‘Gute Nacht Geschichten‘ wenig geeignet enden sie oft so, dass der Lesende fragen wird: „Und weiter? Wieso?“ und zum Nachdenken, Weiterspinnen verleitet wird, wie Brecht es von moderner Literatur fordert. Der Sinn liegt jenseits als Aufgabe für den Leser. Nur einige wenige Geschichten führen zu einer Erkenntnis, ernüchternd, mit schwarzem Humor oder satirisch. Der Bogen der Geschichten ist gespannt von alltäglichen zu bedrohlichen Passagen, bis hin zum Krimi, ohne happy end, meist gegen den Strich gebürstet, ungerecht, grausam, auch tödlich, Die Personen scheitern, resignieren. Wer über diesen Bogen geht, stolpert. Das Spektrum ist kaleidoskopartig aufgesplittert in Fragmente des Lebens. Wer aber Spaß hat an Skurrilem, kommt auch auf seine Kosten. Der Kern ist zuweilen ein befremdlicher Anlass, beginnt realistisch, bewegt sich dann ins Phantastische, trotzdem, wie bei Kafka, mit verständlicher Sprache und Grammatik, episch, manchmal dramatisch gesteigert. Alles insgesamt sind Fragmente aus dem Regenbogen Hoffnung.
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Helmut J. Pitsch
RegenbogenfragmenteHOFFNUNG
Short Stories
Engelsdorfer VerlagLeipzig2023
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Copyright (2023) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelbild © Prazis Images [Adobe Stock]
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Heinzels Vermächtnis
Hoffnung
Motto-Geschichte
Vorwort
Eigene Erlebnisse
Die Bombe
Die Gräfin
Die Logik des Navis
Die Verkündigung
Die verliebte Motte
Eine alte Melodie
Eine vornehme Familie
Marie Louise
Nachtgespenster
Ruth
Einsicht
Der Bauernhof
Die Entscheidung
Wég
Harmonie
Auf der Messe
Der Fotograf
Der rechte Weg zur Harmonie
Die Werbung
Hauptsache, es ist schön
Stufen der Vollkommenheit
Rätselhafte Frauen
Abschied von Gina
Das fremde Mädchen
Björn Bergström und Maranita Sanchez oder Der Tanz
Die Abrätin
Die Begegnung
Die Museumsführung
Die Umarmung
Die Wandlung
Eine alte Liebe
Ellinors Vermächtnis
Fränzi
Gute Nachbarschaft – Zum Neuen Jahr
Sonnenuntergang
Vorbei und vergebens
Religiöses
Antwort des Herrn
Das verflixte Buch
Der Babylonische Turm
Der Herr der Vertreibung
Die Nase der Sphinx
Die wahre Botschaft
Empfang des Heiligen Antonius vor dem Jenseitsgericht
Gott, der alleinige Allmächtige
Legende vom ungetreuen Isaak
Petrus arbeitslos
Resignation
Das Deutschlandlied
Das Kunstwerk
Der Gewinnlappen
Der Lottogewinn
Der Vortrag
Die fremde Stadt
Die Lizenz
Die Vermessung
Die verpasste Gelegenheit
Die Weilgaststeige
Drei Steven im Watt
Ich weine über dich, Tübingen
Im Präsidentenpalast
Katrin oder Klaus-Peters Prüfung
Lothar und Daphne
Memory of Heidelberg
Schneewittchen
Skurriles, Abstruses
Bernis Rundgang
Bernis Heimkehr
Das verrückte Navi
Die Elendsgestalt
Die Fliege im Glas
Die Rakete
Die Studentenbude
Ein ungehörter Schuss
Eine irre Gaudi
Im Labyrinth
Kontakt mit einer Amsel
Metamorphose eines Bücherwurms
Omas Ankunft
Typen
Das Jubiläumsfest des Grafen Nebel
Das verkaufte Haus
Der Besuch bei dem Schauspieler Horst Frey
Der Besuch bei Lady Stefanie
Der Besuch bei Toni M.
Der grüne Tod
Der Schleier
Die Chefin
Die Party der Verklärten
Die vergessene Zimmernummer
Eberhard oder Der Likör
Leonhards große Feier
Mabsut
Schwäbischer Ratschlag
Unheimliches
Bob
Das Glasmonument
Das verheißene Land
Das Weihefest
Der feurige Elias
Der Gast
Der Legionär von Herculaneum
Der Palmenmörder
Der rätselhafte Brief
Der Tunnel
Der Weg in den Erebos
Die alleinsame Frau Stein
Die Coniuratio
Die Rückkehr Satans
Die vergessenen Toten
Mantra gegen Angst
Stille Nacht
Tante Claras Sparbuch
Verfemt
Vorschrift, Gesetz
Das eigene Haus
Der Magaziner
Die Hausordnung
Die Insel der Fundamentalisten
Gnadenlos
Schlussgeschichte
Es saß ein Zwerg, ein kleiner Mann, eine Mischung aus Heinzelmann und Eulenspiegel, auf einem schwarzen Hocker, und wer ihn fragte, wer er denn sei, woher er denn komme und warum er hier sitze, dem sagte er: „Ich komme aus dem Bergwerk der Kreativität, sitze auf dem Hokker der Nacht und habe einen ganzen Sack voller Geschichten von Hoffnung und anderen Unfällen mitgebracht, die ich feil zu bieten habe. Es sind kurze, sehr kurze oder aphoristische Geschichten, andere, episch breitere, haben einen geschlossenen Handlungsablauf.
Eine große Zahl der Geschichten sind von oben herabgefallene, zurechtgeschnitzte Träume, auch Albträume. Einige andere sind herausgemeißelt aus den Adern der Phantasie, realistisch, irreal, märchenhaft oder sogar abstrus, gelegentlich überraschend, humoristisch, oft aber enttäuschend, meistens bitter, satirisch gewürzt, sogar Kriminelles findet sich darunter.
Schließlich gibt es noch die nach den Regeln des Verstandes gebrochenen und zurecht gehauenen Brocken, selbst Erlebtes oder Belehrendes, Erkenntnisse, Anschauungen. Alles vereint befindet sich als ein Potpourri, oder eher als ein Sammelsurium, eingebunden in den Sack des Themas dieses Buches.
Hoffnung, bunter Regenbogen
verheißt Versöhnung, Frieden, Glück.
Menschen, die entgegenzogen,
ihn fern am Horizont zu fangen,
hat der schöne Schein betrogen,
mussten ihn entschwinden sehen,
blieben nass im Regen stehen,
und kehrten nur enttäuscht zurück:
denn
Menschen, die mit Hoffnung harren,
meinen, sie zwängen ihr Geschick,
könnten vom Unglück sich befreien,
wenn sie nur tüchtig tätig seien.
Das Schicksal spannt sie vor den Karren.
Ein Blitz erschlägt im Augenblick,
was sie mit Mühe aufgebaut in Jahren.
Es war einmal eine staubtrockene prosaische Angelegenheit, die zu einer einprägsamen Bekanntschaft führte.
Ich hatte mein Referendariat begonnen und musste eine private Versicherung abschließen. suchte ich einen Versicherungsagenten auf, mit dem sich sehr bald ein ungezwungenes Gespräch, fernab unserer Verhandlung ergab.
Eines Tages lud mich der neue Bekannte, als er kürzlich geheiratet hatte, im Überschwang seines Hochgefühls ein, mit ihm eine Fahrt ins Grüne zu unternehmen. Er fuhr mit seinem Auto in Richtung Kirchheim/Teck, als wir von einem heftigen Gewitter überrascht wurden. Nachdem es sich verzogen hatte, und die Sonne eine schwarze Wolkenwand beschien, bildete sich vor uns ein prächtiger Regenbogen.
Der frisch Vermählte wurde schwärmerisch: „Genauso geschah es auf meiner Hochzeitsreise. Als wir vom Standesamt kamen, fuhren wir mitten hinein in einen Regenbogen. Dieses Zeichen, so hoffe ich, wird uns Glück bringen.“
Ein viertel Jahr danach traf ich seine Frau, die mir mitteilte, ihr Mann sei beim Handwerken in dem für sie beide in schöner Lage neugebauten Eigenheim auf einen rostigen Nagel getreten, habe sich eine Blutvergiftung zugezogen und sei daran gestorben.
Mehrere meiner Geschichten gleichen einem Regenbogen. Ein Regenbogen hat zwei Enden, beginnt im Irgendwo, im Ungefähren, und endet wieder im Ungefähren, da man weder zu seinem Anfang noch seinem Ende gelangen kann. Deshalb haben die Geschichten oft ein offenes Ende. Dazwischen spannt sich der Bogen über den Zenit, bunt aufgefächert, wie das durch ein Prisma gebrochene Licht, als Kern oder Höhepunkt der Geschichte. Andererseits aber gilt der Regenbogen auch als Brücke, als Verbindung vom Autor zum Leser.
Normalerweise ist bei Ansicht eines Regenbogens der größte Schlamassel vorbei. Meine Figuren aber sind Regenbogenjäger. Im Bestreben, den Regenbogen zu fangen, geraten sie erst recht ins Zentrum des Unwetters, in Unordnung und Ratlosigkeit, sind auf der Suche nach Harmonie, Zufriedenheit und Glück, geraten aber in den Strudel absurder Situationen, wie die Helden in Kafkas Erzählungen. Die Geschichten offenbaren dann ein unvermutetes Defizit, das die Personen aus der normalen Alltäglichkeit ins Chaos der Orientierungslosigkeit reißt. Sie werden zum Spielball eines für sie undurchschaubaren Geschicks.
Die Geschichten sind unterschiedlich wie die Farben eines Regenbogens, vergleichbar eher noch mit einem Kaleidoskop, in dem die einzelnen Spektralfarben zerstückelt und zersplittert aneinandergefügt sind. Das Konvolut meiner mehr als hundert Geschichten ist ebenso bunt wie ein Regenbogen. Ich habe die einzelnen Themen, soweit möglich, zu Gruppen zusammengefasst.
Es sind Geschichten aus verschiedenen Zeiten. Sie umfassen fast ein ganzes Leben, von der Jugend an, aber nicht chronologisch geordnet. Oft ist am Ende der Texte die Entstehungszeit vermerkt, sofern diese noch festzustellen war. Der Inhalt ist ferner nicht biographisch, sondern fiktiv, bis auf wenige, die als eigene reale Erlebnisse durch die Ich-Form kenntlich sind. Im übrigen tragen die Figuren eigene fiktive Namen. Versuchen Sie bitte nicht, aus den Geschichten ein Psychogramm des Verfassers zu ermitteln. Das Geschriebene ist kein Spiegelbild meiner Person. Bis auf die als eigene Erlebnisse gekennzeichneten Geschichten ist alles fiktiv; trotzdem stammt es von mir: Das muss in dieser Vorbemerkung gesagt sein.
Die Geschichten sind überwiegend elaborierte Traumgeburten, Träume, die sich gelegentlich als Albträume entlarven, oder es sind Gebilde des freischweifenden Geistes. Oft sind realistische mit phantastischen Elementen gemischt. Viele Geschichten enden abrupt, ohne Lösung, haben ein offenes meist unbefriedigendes Ende, lassen Fragen offen, die zum Weiterdenken oder Weiterspinnen anregen sollen. Der Leser soll erstaunt fragen: ‚Na und, was weiter?‘ Der Verfasser erwartet seinen gelegentlich harschen Protest, wünscht ihm vor allem aber viel Vergnügen.
Der Verfasser hat sich nämlich erlaubt, in unserer Zeit, da wir in der Realität derart in einem Netz von Regeln, Vorschriften und Tabus gefangen sind, dass uns fast die Luft zum Atmen ausgeht, den Geist in die Freiheit entschlüpfen zu lassen, manchmal auch jenseits aller Konventionen des Geduldeten.
Über allem schwebt die Hoffnung, die meist durch den Ausgang enttäuscht wird, so, wie der Regenbogen verdämmert. Geboten wird ein Kaleidoskop von Ereignissen aus dem Leben: Probleme werden aufgezeigt aber keine eigentliche Lösung, wenden sich oft in bitteres Leid.
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‚Die Kluft zwischen Beschluss und Ausführung ist in diesem unserem Lande offenbar unüberbrückbar.‘
Der Postbote hatte mich nicht angetroffen, um eine Nachnahmesendung abzuliefern. Deshalb fand ich abends im Briefkasten eine Mitteilung. Es war Samstag.
Auf dem Vordruck las ich: ‚Paket‘, dahinter handschriftlich, ‚1‘, sowie einen zweistelligen Preis.
Ein Paket! – Ich lebe ziemlich isoliert, erwarte kein Paket: Wer, zum Teufel, sollte mir ein Paket schicken? Ich grübelte: Sollte sich jemand einen Scherz erlaubt, mit meinem Namen etwas in einem Versandhaus bestellt haben? Nein, das glaube ich nicht; denn wer sollte sich den Aufwand leisten, mir einen Streich zu spielen? – Wollte etwa ein fern lebender Freund mir sein neuestes Werk über seinen Verlag zukommen lassen? Nein, er hätte es mir angekündigt.
Ein Paket? – Ich selbst habe nirgends etwas bestellt, was den Umfang eines Paketes füllen könnte, nur ein Akku-Set, mit den Ausmaßen etwas kleiner als eine Streichholzschachtel, und das nicht online als Postsendung, sondern in einem Elektro-Markt, wo ich das Teil abzuholen gedachte.
Es wurde Sonntag. – Ein Paket … –, so wühlte es in meinem Gehirn. Etwa eine Bombe? Man kann nie wissen. Ja, es muss eine Bombe sein: Aus irgendeinem, mir unbekannten Grund hat jemand mich ausgewählt, mir eine Bombe zu schicken. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Es gibt keine andere plausible Erklärung. Wie gut, dass ich nicht zu Hause war. Jetzt konnte ich mich mit Vorsicht wappnen.
Endlich Montag. – Ich werde mir das Paket nicht einfach aushändigen lassen, sondern zuvor nach dem Absender fragen. Im Zweifelsfall werde ich die Annahme verweigern. So fuhr ich zur Post.
„Ich erwarte kein Paket“, sagte ich vorsorglich. Der Mann am Schalter antwortete nicht, sondern brachte es: in der Tat, ein Paket, in den Ausmaßen etwas größer als ein Schuhkarton. Absender: ‚Service für Elektrotechnik‘. Darin musste sich tatsächlich das Akku-Set für meinen Taschenrechner befinden. Das Fliegengewicht des Paketes beseitigte meine Zweifel.
Auf Geburtstagspartys schenkt gelegentlich jemand aus Scherz einen riesigen Karton, umbunden mit einer noch größeren Schleife, und darin befindet sich, wie in einer russischen Matrioschka ein zweiter Karton und darin ein dritter, bis schließlich vielleicht ein kleines Etui mit einer Brosche, einem Ring oder nur einem Bonbon zum Vorschein kommt.
Das Paket war gut verklebt, ließ sich also nicht sofort öffnen. Am Schreibtisch endlich musste sich das Geheimnis enthüllen. Ich klappte den Deckel auf, und sogleich sprangen sie mir entgegen, die Chips aus Styropor. Ganz unten befand sich, so konnte ich fühlen, eingewickelt in Luftpolster, etwas anderes. Vorsichtig, um nicht den ganzen Raum wie nach einer Kissenschlacht erscheinen zu lassen, grabbelte ich nach dem Etwas. Es war das Akku-Set, auf einer Pappe vom Umfang des Kartons mit einer Plastikhülle in der Mitte aufgeschweißt.
Ich bin ein umweltbewusster Mensch, weniger aus Neigung, als wegen des schlechten Gewissens, das die mannigfaltigen Berichte uns im Fernsehen indoktrinieren. ‚Vermeidet Müll, fresst ihn notfalls selbst‘, so wird es uns fast täglich von allen Seiten eingehämmert; und dann d a s. - Ich zwinge es nicht mehr zusammen. Ich schalte künftig den Fernseher ab: Dann ist die Welt wieder in Ordnung.
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Marienbad, allein der Klang des Namens versetzt empfängliche Gemüter in eine besondere Stimmung, erweckt Bilder aus vergangener Zeit. Fürsten, der englische König Edward der siebente, selbst Kaiser kurten hier. Auch Goethe war hier, wo er seine letzte Romanze mit Ulrike von Lewetzow erlebte.
Nicht mit der Postkutsche, sondern mit herrschaftlichen Gespannen kamen vornehme Leute in diesen idyllischen Kurort. Männer und Damen flanierten durch die Kolonnade, die Herren im Gehrock mit Zylinder und Spazierstock, die Damen in weiten Röcken, geschnürten Taillen und riesigen Hüten, wie sie heute noch Damen von Adel oder aus der oberen Gesellschaft beim Pferderennen in Ascot oder in Iffezheim zur Schau tragen, Hüte, unter deren Krempe man kaum das Gesicht erkennen konnte und auch wohl nicht sofort erkennen sollte. Eine solche Dame durfte man nämlich nicht einfach grüßen, es sei denn, sie erteilte mit dem Fächer Lizenz dazu. Begegneten sich einander bekannte Paare, so tauschte man Artigkeiten aus, indem die Herren ihren Zylinder zückten und mit devoter Verbeugung der Dame die Hand küssten, sofern diese bereit war, dem Gegenüber ihre Hand entgegenzustrecken. Nach Ableistung dieser Förmlichkeiten parlierte man. Der Herr versicherte der Dame ihre reizende Schönheit und Jugendlichkeit, auch wenn es sich um eine schon betagte Greisin handelte. Danach sprach man wohl über das Wetter und wie förderlich die verschiedenen Heilquellen für die Gesundheit seien.
Das war einmal. Die Zeiten haben sich geändert.
Die erstklassigen Hotels mit ihrem Zuckerbäckerstuck sehen marode aus, werden aber gegenwärtig renoviert und saniert, durch Investoren, deren Vermögen nicht etwa aus dem Familienerbe reicher Kaufleute, Ministerialer oder Akademiker stammt, sondern durch gewinnbringende Spekulationen und nicht ganz saubere Geschäfte erworben ist. So sind denn auch die neuen Herren keine altehrwürdigen Adligen oder verdiente Beamte, sondern Parvenüs, oft aus unterstem Milieu. In Marienbad haben sich vorwiegend reiche Russen und Vietnamesen eingekauft, zum Teil sogar sogenannte ‚Heuschrecken‘, die einen der ehemals vornehmen Hotelpaläste nicht restaurieren, sondern gewinnbringend weiterverkaufen.
Vor den Hotels halten keine herrschaftlichen Kutschen, sondern Großraumbusse mit Pauschalurlaubern, darunter zumeist viele Witwen im Alter zwischen sechzig und fünfundachtzig Jahren. Selten finden sich darunter junge oder wirklich vornehme Damen mit edlen Gesichtszügen, sondern vielmehr abgearbeitete Hausfrauen, schwerbusig, dick und behäbig, mit Strickjacken über pastellfarbenen Blusen, weißhaarig, oder mit dauergewelltem kräuseligem Kurzhaarschnitt, Frauen, die es sich einfach einmal gut gehen lassen wollen, die Büffets zu den Mahlzeiten belagern und zum Abschluss des Mahls nicht auf Sahnetörtchen verzichten.
In diesem Ensemble betrat plötzlich jedoch eine merkwürdige Gestalt den Salon, eine Erscheinung wie eine Diva, oder eher wie eine Dame der Gesellschaft aus der Vergangenheit vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts, so, als hätte sie die speisenden Hotelgäste für ihren Auftritt zu ihrem Publikum erkoren, eine im Gegensatz zu den übrigen Kurgästen junge, schätzungsweise nicht älter als fünfundzwanzig Jahre alte, mittelgroße, schlanke junge Frau mit einem riesigem blumengeschmücktem Florentinerhut, einem figurbetonten, bis auf die Füße reichenden hellbunten Seidenkleid, über das sie lässig einen breiten Schal oder eine Stola aus selbem Stoff und mit gleichem Muster geworfen hatte, die wie der Ansatz einer Schleppe ihre Schultern umflatterte. Ihre schmalen Hände zierten Ringe, in die kostbare Juwelen gefasst waren.
Auffällig war, dass sich diese Erscheinung im Speisesaal immer nur separat an einen kleinen freien Tisch setzte, auch wenn sich ein solcher nur in der hintersten Ecke des Raumes befand. Ich war Kurgast in diesem Hotel und setzte mich zur Essenszeit so, dass ich dieses merkwürdige Geschöpf, diese Diva, von der Seite her beobachten konnte, ohne auffällig zu werden. Die Dame hatte meinem Eindruck nach typisch tschechische Züge, hatte ein kleines Gesicht mit flacher, aber breiter Stirn und kurz geschnittenen haselnussfarbenen Haaren. Ihr Gesicht wirkte jedoch seltsam blass, fast grau. Grau, so schien es mir, waren auch ihre stark geschminkten Augen, mit langen aufgesetzten Wimpern, insofern nichts Besonderes, wenn sie nicht ständig mit ihren Augenlidern geblinzelt hätte wie ein Waldkauz, woraus ich auf ein leicht erregbares, vielleicht sogar kapriziöses Temperament schloss.
Wäre ich kein Kurgast, sondern ein Fotograf von der Regenbogenpresse gewesen, hätte ich mich ihr nähern können. So aber bedauerte ich, dass sich für mich keine Gelegenheit bot, mit ihr bekannt zu werden oder zumindest mit ihr ins Gespräch zu kommen. Verdammt, ich war doch einfach zu neugierig. Wer war sie? Eine Exzentrikerin, ein Model, eine Schauspielerin, oder ein Mädchen aus einer altvornehmen Familie, vielleicht sogar eine Gräfin?
Eines Tages stand im Speisesaal ein Tisch, bedeckt mit einer Damasttischdecke, auf der, wie kleine rote Bonbons Rosenblätter verteilt lagen. Auf dem Tisch stand außerdem eine schmale Glasvase, darin eine einzige rote Rose. Der Tisch und zwei Stühle waren umkleidet wie für ein festliches Ereignis. Leider habe ich nicht gesehen, auch nicht erfahren, für wen dieses Arrangement bestimmt war und für welches Ereignis, das offenbar außerhalb der für Kurgäste festgesetzten Öffnungszeiten des Speisesaales stattfand. Aber auch ohne Phantasie konnte ich mir denken, für wen: für die ‚Gräfin‘, wie ich die junge Frau einfach, wenn auch in unbegründeter Weise, nannte. Vielleicht hatte sie beschlossen, in diesem Hotel ihren Geburtstag, vielleicht aber auch ihre Verlobung oder gar ihre Heirat zu feiern. Seltsam jedoch, nie sah ich einen Mann sie in den Speisesaal begleiten. Sie kam immer allein, leise schwebend, fast majestätisch.
Dann aber sah ich sie doch einmal auf der Hauptstraße von Marienbad in Begleitung eines jungen Mannes, der im Gegensatz zu ihr schlicht mit dunkler Hose und rotem Pullover bekleidet war. Sie dagegen trug wiederum einen breitkrempigen Hut, und zwar einen grauen, mit einem Schal umwundenen Schlapphut aus Samt, der die rechte Hälfte ihres Gesichtes nahezu verdeckte und als Sonnenhut sicherlich nicht besonders geeignet war, zumal das zwar sommerliche Wetter wolkig und kühl war. Derselbe Mann, so konnte ich vom Speisesaal aus sehen, fuhr an einem der folgenden Tage mit einem schwarzen Toyota aus der unterirdischen Garage des Hotels. Die Gräfin, wiederum mit einem anderen flachen aber breitkrempigen Hut, stieg aus und ging allein nach rechts auf der Straße davon, während der junge Mann mit dem Toyota davonfuhr. Was war geschehen? Es war der Tag, nach dem Tag, als der geschmückte Tisch aufgebaut war. War jetzt der Alltag eingekehrt, und beide gingen wieder ihrer Wege?
Am Tag darauf aber erschien die ‚Gräfin‘ wieder im Speisesaal. Sie trug einen anderen breiten Hut mit Pleureuse und war bekleidet mit einem engen Tweedmantel, unter dem hinten zwei herabhängende geschlitzte Bänder hervorlugten, durchaus passend zu den verschnörkelten Hotelfassaden der Gründerzeit, einem Überbleibsel der K&K-Monarchie. Sie setzte sich in die hinterste Ecke des Saales und begab sich dann, nachdem sie den Tweedmantel abgelegt hatte, gekleidet in ein knielanges cremeweißes Rüschenkleid, in altmodisch aber doch vornehm wirkendem vintage look, zu dem die langen Bänder gehörten, an das Büffet, von dem sie aber lediglich ein Kuchenstück nahm. Auffällig war, dass sie ein längeres Gespräch mit dem Restaurantleiter führte. Handelte es sich um die Abrechnung ihrer Kosten, oder hatte sie eine Beschwerde vorzubringen? Ein Model, so sah ich, konnte sie gewiss nicht sein, da ihre Beine durchaus nicht der Norm für dieses Metier entsprachen und sie außerdem zwar zu dem weißen Kleid passende, aber doch im Kontrast dazu vulgär anmutende weiße, mit Stickereien versehene Leggings trug.
Am folgenden Tag sah ich sie wieder. Sie ging am breiten Fenster des Speisesaales vorbei. Dieses Mal trug sie einen breiten flachen Florentiner Strohhut und ein aus braun-grauen Stücken genähtes langes Kleid, in der linken Hand eine runde Hutschachtel, in der rechten eine gobelinbezogene Handtasche, und sie zog einen mittelgroßen Reisetrolli hinter sich her. Immerhin, sie zog ihn selbst.
So ging sie davon, rechts die Straße hinab, wie an dem Tag, als sie aus dem Auto gestiegen war. Allem Anschein nach hatte sie das Hotel verlassen oder sie war auf dem Weg, in ein anderes das Hotel zu wechseln. Hatte ihr irgendetwas nicht gefallen, hatte sie Differenzen, oder ging sie nur zum Bahnhof, vielleicht, um nach Karlsbad zu fahren, wo jedes Jahr ein Treffen des europäischen Adels im Luxushotel Pupp stattfindet? Jedenfalls ging sie fort, eiligen Schrittes und allein.
Wer war sie, diese merkwürdige und unter den übrigen biederen Hotelgästen auffällige Erscheinung zur Zeit meines Kuraufenthalts in Marienbad? War sie real oder ein Geist, eine Wiedergängerin aus alten, vergangenen Tagen? Ich habe sie danach nie wieder gesehen.
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Nach Beobachtung in Marienbad aufgeschrieben am 22.08.2013
Im Jahre zweitausendneun gab es die Gelegenheit, eine sogenannte Abwrackprämie zu erhalten, wenn man bereit war, sein altes Auto verschrotten zu lassen und einen Neuwagen zu erwerben. Deshalb trennte auch ich mich von meinem VW Golf, der regelrecht verschlissen war; denn im Laufe der Zeit hatte sich, neben vielerlei anderen Mängeln, der Himmel, die Deckenverkleidung, gelöst und ließ sich nicht mehr optimal befestigen. Ich entschied mich aus mancherlei Erwägungen, vor allem aber wegen der höheren Sitze und des Xenonlichtes für die Mercedes B-Klasse von Daimler. Ich hatte mir außerdem eine besondere Farbe ausgesucht. Ein Fahrzeug mit dieser Farbe war jedoch beim Autohändler nicht vorhanden. Das Auto musste deshalb im Hauptwerk in Rastatt abgeholt werden. Mein Freund hatte sich bereit erklärt mit mir in seinem Wagen dorthin zu fahren.
Als bei Daimler alle Formalitäten erledigt waren, begaben wir uns auf die Heimfahrt. Wir hatten verabredet, dass mein Freund vorausfuhr, ich aber ihm folgte. Da das Werk das neue Fahrzeug mit nur wenig Benzin betankt hatte, musste ich ausscheren, um für den Rest der Fahrt meinen Tank aufzufüllen. Meinem Begleiter konnte ich keinen Bescheid zukommen lassen, weil weder er noch ich ein Handy mitgenommen hatten. Ich hoffte daher, er werde auf mich warten, sobald er bemerkt hat, dass ich ihm nicht mehr folgte. Das Ergebnis war jedoch, dass wir uns aus den Augen verloren haben.
Jetzt war ich auf mich allein angewiesen. Ich schaltete das Navi ein, programmierte es auf Reutlingen und erwartete, dass es mich in Richtung Karlsruhe leiten werde. Vom Autobahnknoten dort kannte ich den Weg nach Reutlingen selbst von früheren Fahrten.
Ich fuhr also nach Norden in Richtung Karlsruhe. Dann meldete sich das Navi und leitete mich auf die Autobahn in Richtung Singen. Ich war erstaunt, hoffte aber, dass es mich zur nächsten Ausfahrt leiten werde, um mich auf die entgegengesetzte Fahrbahn nach Karlsruhe zu führen. Aber nichts geschah. Das Navi schwieg. Mir war bewusst, dass ich jetzt in Richtung Süden fuhr. Wahrscheinlich, so dachte ich, hat das Navi eine Strecke von Baden-Baden über den Schwarzwald berechnet Daher richtete ich mich vertrauensvoll auf diese geänderte Tour ein. Inzwischen war es dunkel geworden. Ich erreichte die erste Ausfahrt nach Baden-Baden und wartete auf eine Antwort des Navis. Endlich meldete es sich: „Demnächst ausfahren in Richtung Baden-Baden“, kurz danach aber, als ich noch auf der Brücke die Autobahn überquerte: „Fahren Sie ab auf die Autobahn in Richtung Karlsruhe.“ ‚Also doch! Warum denn nicht gleich? Wozu musste ich denn die weite Strecke bis Baden-Baden fahren? Nun, immerhin befinde ich mich jetzt auf der richtigen Spur‘, dachte ich. Doch, noch bevor ich überhaupt in die Nähe von Karlsruhe kam, meldete sich das Navi: „Demnächst rechts abfahren.“ ‚Ja wozu das denn?‘ „Jetzt rechts abfahren“, setzte sich die Ansage fort. Ich war gespannt. ‚Welchen Weg will mich denn das Navi führen? Gibt es etwa eine Abkürzung zum Autobahnknoten oder sogar nach Reutlingen?‘ Mit mehrmaligem Abbiegen leitete mich das Navi weiter, bis ich zu meiner Verwunderung wieder auf dem Parkplatz des Daimlerwerkes ankam, und das Navi verkündete: „Sie haben das Ziel erreicht.“
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Erlebnis vom 13. September 2012
Es war ein klarer, stiller Sommertag. Das Küchenfenster unserer im dritten Stockwerk in Spandau gelegenen Wohnung stand weit offen.
Auf einmal wurde ein orgelndes Brummen hörbar, das allmählich näherkam. Dann verdunkelte ein Schatten die Aussicht, und ein riesiges Etwas kam ganz langsam von hinten über das Dach des Hauses gezogen. Es glich einem Jumbo-Jet, oder eher einem Zeppelin, aber mit kurzen Tragflächen an den Seiten. Das Objekt flog so niedrig, dass ich hinter den zahlreichen Fenstern die Gesichter der Passagiere erkennen konnte. Als das Heck sichtbar wurde, schlugen daraus, wie aus einer Rakete, langgestreckte Flammenzungen bis in das Küchenfenster hinein, weshalb ich es von Panik ergriffen eiligst schließen musste.
Das hämmernde Dröhnen hatte unterdessen eine unerträgliche Lautstärke erreicht und die Luft vibrierte. Zugleich aber ertönte eine tiefe, langgezogene und monotone Stimme: „Wir werden Euch mit ‚Varan‘ vernichten“, bis das Flugobjekt hinter dem Dach des gegenüberliegenden Wohnblocks verschwand.
Dieses Ereignis träumte ich, bevor die ersten Atomben
Hieroshima und Nagasaki zerstörten,
und bevor ich zum ersten Mal das Wort ‚Uran‘ hörte.
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Traum vom Sommer 1943
Im letzten Sommer hatte ich unangekündigten Besuch, der verborgen in einer Ladung Haselnüsse aus der Türkei angereist und in einer Schachtel abgepackt dauerndes Bleiberecht bei mir beanspruchte. Als ich die Schachtel öffnete, robbten sich mir kleine quicklebendige Raupen entgegen. Sie waren offenbar auf der Suche nach neuer Nahrung, da sie alle Nüsse bereits von innen ausgenagt hatten. Sie suchten aber auch nach einer Stätte, wo sich die wichtige Veränderung ihres Lebens ereignen sollte, ihre Metamorphose. Zum Schutz dieses Vorgangs überzogen und durchzogen sie ihren gesamten Bereich mit einem feinen Gespinst. Als sie erwachten, als zarte silbrig graue Sylphenwesen, flogen sie umher, jetzt nicht mehr auf der Suche nach Nahrung, sondern allein nach einer Partnerin, die dann nach der Begattung in jede Nische und jede Spalte flog, aus der ein Duft drang, der sie anzog und wo sie ihre Eier ablegen konnte. Bald schlüpfte dann eine neue Generation kleiner hungriger Raupen, echter Plagegeister, die eilig aus ihrem Schlaraffenland hervorgekrochen sich zielgerichtet auf jede Art von Körnerfrüchten zubewegten, auf Nüsse und Sonnenblumenkerne, aber auch auf Haferflocken, Kekse und sogar auf Schokolade, um alles anzubohren, auszunagen und zusammen mit ihren Endprodukten einzuspinnen.
Schließlich, an einem warmen Frühlingstag, schwärmten sie dann aus und umher, ein ganzes Geschwader von Lebensmittelmotten, wie wir sie prosaisch nennen, getrieben allein von dem Drang, eine Partnerin zu finden.
Jedes Mal, wenn ich die Küchentür öffnete, flatterte mir eine dieser Motten mitten ins Gesicht, so als habe sie nur auf mich gewartet, als sei sie in mich verliebt und möchte mich küssen. Wenn ich mich darauf in mein Wohnzimmer begeben wollte, begleitete sie mich auf meinem Gang durch den Flur, indem sie hinter, neben oder vor mir mit in das Zimmer hineinflog, obwohl es hier niemanden ihresgleichen zu treffen gab. Und wenn ich es mir dann im Sessel bequem gemacht hatte, um mich zu entspannen, kreiste sie um mich, ruhte sich kurz an der Wand aus und streifte mir dann im Sturzflug an der Nase vorbei. Danach schwirrte sie vor dem eingeschalteten Fernseher hin und her und auf und ab, so als wollte sie sich mir im hellen Licht in ihrer ganzen Schönheit präsentieren. Schließlich startete sie wieder und zielte genau auf meinen Mund, so dass ich sie unweigerlich verschluckt hätte, wäre ich gerade mit essen beschäftigt gewesen. „Das geht jetzt aber zu weit!“, rief ich ärgerlich und wischte mir über das Gesicht. Aber ich muss annehmen, dass die Motte kein Deutsch verstand. Danach versuchte ich sie zu fangen, um dieser blöden Annäherung ein Ende zu bereiten. Doch, um das geschehen zu lassen, so weit reichte ihre Liebe nicht. So oft ich nach ihr haschte, oder sie zu erwischen trachtete, wenn sie sich kurz ausruhte, war sie auch schon weg. „Was soll’s“, sagte ich zu mir. „Ich kann dich nicht kriegen, du mich aber auch nicht.“
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Verfasst 2020
Leise surrend fuhr der Reisebus durch eine stille Straße in Berlin-Wilmersdorf. Die milde Herbstsonne beschien auf der linken Seite eine Reihe orange getünchter Mietshäuser mit Balkonen, auf denen Geranien und Petunien blühten. Auf der rechten Seite warfen mittelgroße Bäume kurze schräge Schatten auf den Fahrdamm. Die Reisenden befanden sich in einer leicht schläfrigen Stimmung. Niemand sprach ein Wort. Deshalb schaltete der Fahrer das Radio ein, und es ertönte leise ein Lied, das in jenen fünfziger Jahren gelegentlich zu hören war: ‚Spiel mir eine alte Melodie, voll Gefühl und Harmonie …‘
Meine Gedanken wanderten, formten sich zu einem Bild aus der Erinnerung: Auf einer mit hohen Bäumen dicht bestandenen, ruhigen und menschenleeren Straße in Dahlem war sie gekommen, vorüber gegangen, von links nach rechts über die Straße, sehr aufrecht, mit schwarzen schulterlangen Haaren, schwarzen Augen, langen schweren Wimpern, in einem marineblauen Kleid und danach verschwunden hinter einer hohen roten Ziegelmauer. Rosalinde, so hatte ich erfahren, hieß sie. Bei jenem Anblick hatte sich damals ein schmerzlich süßes, aufwogendes Gefühl mit den Klängen jenes Liedes vermischt, die ganz leise in meinem Innern ertönt waren: ‚Spiel mir eine alte Melodie, mit Gefühl und Harmonie …‘ Immer, wenn ich seitdem an Rosalinde denke, ist die Erinnerung synästhetisch mit diesem Lied aus einer lange vergangenen Zeit verbunden, und jedes Mal, wenn dieses Lied irgendwo erklingt, sehe ich, seltsam angerührt, jene Dahlemer Szene vor meinen Augen. „Rosalinde, wo bist du heute, gleichst du noch dem Bild, das sich in mir solange ich lebe, eingebrannt hat?“
Vergangen sind derweilen über siebzig Jahre,
weiß geworden sind wahrscheinlich deine schwarzen Haare,
dein Gang gebeugt und langsamer als damals.
Vielleicht sogar hast du bereits dich mit der Erde vereint.
In meiner Erinnerung aber bewahrt bist du immer noch jung, so wie jener Evergreen, jenes dauernd junge alte Lied.
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Während meines Studiums in Berlin lernte ich eine sehr betriebsame Kommilitonin kennen, eine begabte und fleißige Studentin, die wie ich Germanistik studierte. Sehr bald merkte ich, dass wir nicht nur einige gemeinsame Interessen hatten, sondern, dass zwischen uns eine Art unausgesprochener Kommunikation bestand, die gelegentlich unheimlich war, wenn sie das sagte, was ich gerade dachte.
So erzählte sie mir eines Tages auf dem Weg vom Hörsaalgebäude in die Mensa, dass sie vorhabe, ein Drama zu schreiben, das zum Thema ein Ereignis habe, von dem sie in der Zeitung gelesen und das sie stark berührt, ja sogar erschüttert habe. ‚Es werde Licht‘, sollte der Titel sein. Es handelte von einem Mann, der in den letzten Kriegstagen auf der Suche nach eingelagerten Lebensmittelbeständen in einem Bunker verschüttet und erst nach drei Jahren gefunden wurde, inzwischen weißhaarig geworden war und, als er ans Tageslicht kam, erblindete. Ich war mehr als erstaunt; weil ich mir zu demselben Sujet und demselben Titel bereits Einiges notiert hatte.
Eines Tages sagte Anna-Sophie, so hieß sie, sie möchte mich gern mit ihrer Familie bekannt machen.
Im Kontrast zu der quirligen Tochter empfing mich ihre Mutter zwar freundlich, aber sehr förmlich.
Anna Sophie führte mich danach, bevor sie mich ihren übrigen Angehörigen vorstellte, in ihr eigenes Zimmer, wo sie plötzlich merkwürdig gehemmt, durch Pausen unterbrochen, ein Gespräch mit mir anzufangen versuchte. Unvermittelt erhob sie sich, öffnete ein hinter einem Bücherregal verborgenes Wandschränkchen, holte daraus eine Flasche hervor und genehmigte sich etwas Alkoholisches, ohne jedoch mir etwas davon anzubieten.
Ich schaute sie nur erstaunt an. Sie aber sagte, das sei ihr Geheimnis. Niemand von ihrer Familie dürfe davon etwas wissen. Ich hatte zunächst geglaubt, sie wolle mir damit beweisen, welche Freiheiten sie sich erlaube; doch wahrscheinlich wollte sie sich etwas Mut antrinken für das, was uns erwartete.
Darauf betraten wir das Speisezimmer. Dort saß bereits schweigend und steif an dem gedeckten Esstisch der Rest der Familie. Die Mutter nahm jetzt an der table d’haute Platz, ihr zur Linken saß die Großmutter und ihr zur Rechten Anna-Sophies Bruder. Mir wurde ein Stuhl am anderen Ende des Tisches zugewiesen, Anna-Sophie, die Tochter, links neben mir platziert. Einen Vater gab es nicht. Als wir uns alle gesetzt hatten, saßen wir eine kurze Weile da, unbeweglich wie Puppen.
Dann aber ergriff die Großmutter, als Älteste und damit als Oberhaupt der Familie an mich gerichtet das Wort: „Haben Sie einen guten Weg hierher gehabt?“
Dieser Bemerkung schloss sich die Mutter mit Kopfnicken an, wohl um zu bestätigen, dass sie mir dieselbe Frage gestellt hätte.
Darauf blickte die Großmutter auf ihr Gegenüber und stellte Anna-Sophies Bruder vor. „Das ist mein Enkel Christian, der Staatsanwalt. Er ist hochbegabt, hat schon sehr früh sein Abitur abgelegt und übte bereits mit Anfang zwanzig ein hohes juristisches Amt aus.“
Jetzt war der Enkel an der Reihe: „Wie meine Großmutter soeben bereits bemerkt hat“, nahm er ihre Worte auf, indem er diese zu ergänzen sich anschickte und dabei ohne jede Bewegung frontal zu ihr sprach, ohne einen Blick auf mich zu richten, für den die Erklärung doch bestimmt sein sollte. Die Mutter, die gerade Kaffee servieren wollte, wagte nicht, ihn zu unterbrechen und hielt sich wie angewurzelt zurück, vergaß sogar die dampfende Kaffeekanne abzusetzen.
Ich dachte, ich müsse sterben, fühlte mich wie eingemauert. Wie sollte ich diese Situation nur aushalten? Dieser Enkel erschien mir wie aus Holz geschnitzt, seine Worte wie die eines Roboters. Sicherlich war er hochbegabt aber wahrscheinlich auch autistisch, ohne Empathie für andere Menschen. Ich stellte mir vor, wie er wohl als Staatsanwalt seine Urteile fällt, präzise, emotions- und kompromisslos.
Ich getraute mich nicht, nur einen Bissen zu essen, besonders auch, weil auf einmal alle vier Personen wie gebannt auf mich blickten, Anna-Sophie allerdings mit einem Blitzen in ihren dunklen Augen, was offenbar bedeuten sollte: ‚Ist meine Familie nicht unerträglich?‘
Als ich dann jedoch den familiären Hintergrund erfuhr, den mir Anna-Sophie anschließend in ihrem Zimmer mitteilte, über den ich mich aber verpflichtet fühle zu schweigen, konnte ich das seltsame Verhalten verstehen: Es herrschte eine Selbstkontrolle, die alles überlagerte.
Die Familie gehörte im Dritten Reich zur oberen Elite und bewohnte eine herrschaftliche Villa. Nach dem Krieg wurde der Vater von den Russen erschossen, die Villa enteignet. Die übrigen Mitglieder der Familie mussten in eine Mietwohnung umziehen. Die Schuld aber lastete offenbar derart auf ihnen, dass sie sich nicht mehr unbefangen und natürlich verhalten konnten. Jetzt verstand ich, warum Anna-Sophie mich mit ihrer Familie bekannt machen wollte. Es war wohl für sie eine Art Befreiung von dem Druck eines Geheimnisses.
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Das Telefon klingelt. „Ja, hallo!“
„Hier ist deine kleine Maus mit den riesengroßen Flügelohren.“
„Na so was!“, antworte ich, halb amüsiert, halb mürrisch, weiß ich doch, was mich jetzt erwartet. „Was gibt’s denn?“
„Ich wollte fragen, wie es dir geht.“
„Tscha, heute wie gestern und gestern wie vorgestern. Keine besonderen Vorkommnisse.“
„Und was machst du?“
„Gerade sitze ich an meiner Steuererklärung.“
„Ah so. Damit muss ich mich ja nicht befassen, weil ich nicht berufstätig bin.“
„Und, weil dein Vater alles für dich erledigt.“
„Du, ich habe trotzdem keine Zeit für mich.“
„Wieso denn?“
„Heute muss ich noch auf meinem Hometrainer meine Runden abarbeiten.“
„Wie lange?“
„Mindestens zwei Stunden. Währenddessen erledige ich meine Telefonate. – Übrigens, was machst du denn am Freitag?“
„Das kann ich dir heute noch nicht sagen.“
„Hast du am Freitag einen Termin?“
„Du, das weiß ich heute, am Montag, noch nicht.“
„Aber du weißt doch, dass der Klaus immer noch am Wochenende wegen seiner Übungsflüge unterwegs ist?“
„Und?“
„Am Freitag hat er jetzt einen Geschäftsmann, den er von Stuttgart nach Bonn fliegen muss. Er wird dann in Bonn über Nacht bleiben. Das Schlimme ist, ich bin dann hier ganz allein. Könntest du am Freitag kommen und hier übernachten? Du weißt doch, ich kann sonst nicht schlafen.“
„Mhm, das kommt aber ganz ungelegen. Ich muss nämlich am Samstag immer dringend einkaufen. Das ist auch Arbeit, und ich muss gut geschlafen haben, um über die nötige Energie dafür zu verfügen.“
„Du kannst doch gleich morgens früh wieder gehen und hast dann den ganzen Tag für dich. Ich muss nur wissen, dass nachts jemand da ist.“
„Ja, weißt du, ich bin nicht dein Psychiater. Wenn es dir schlecht geht, ich kann dir nicht helfen.“
„Das musst du auch nicht. Ich muss nur wissen, dass nachts jemand in der Wohnung ist, damit ich nicht allein bin. Und für den Fall, dass es mir schlecht gehen sollte, liegt neben der Garderobe die Telefonnummer des Notdiensts oder von meiner Psychotherapeutin.“
Wenn ich dann jedes Mal auf ihr Drängen hin zu ihr gekommen bin – denn ihr Wunsch war stets ein Befehl, den sie gnadenlos durchsetzte, ohne nur den kleinsten Kompromiss zuzulassen – und nachdem wir uns in ihrem Schlafzimmer zuerst über dies und das unterhalten hatten, wurde es meist ziemlich spät. Kurz vor Mitternacht wollte sie sich dann aber schlafen legen.
„Soll ich dir die Hand halten und ein Wiegenlied singen?“, fragte ich, selbst schon an der Grenze einzuschlafen.
„Du, das ist nicht lustig!“, schrie sie mich an. „Das ist eine ganz ernste Angelegenheit. Es könnte nämlich sein, dass ich nachts eine Panik bekomme oder nicht mehr aufwache.“
Darauf holte sie einen Stoß systematisch gebündelter Zettel in der Größe einer Postkarte unter ihrem Kopfkissen hervor. Und damit begann ein Ritual:
„Jetzt setz dich und höre mir zu.“ Es gab aber im ganzen Raum keinen einzigen Stuhl. Sie erledige alles, erklärte sie mir, was sie zu tun habe, auf dem Fußboden sitzend. Ich setzte mich darauf nichts ahnend auf ihre Bettkante. „Nein!“, fuhr sie mich energisch an. „Das ist mein Bereich. Setz dich da hinten (in etwa zwei Meter Abstand) hin!“ Ich fragte: „Auf den Fußboden und ohne Licht, soll ich so deinen Schlaf bewachen?“
„Dann hole dir aus der Küche den Stuhl, den einzigen, den ich habe.“
„So und jetzt?“
„Jetzt setz dich erst einmal hin und höre mir zu.“ Darauf begann sie mit einer differenzierten Zeremonie, die sie wie eine heilige Kulthandlung betrieb.
„Also, ich lese dir jetzt etwas vor, und du musst es immer bestätigen mit den Worten: ‚Das verspreche ich dir.‘ Sie nahm jetzt den Stoß Zettel in die Hand und begann Anweisungen vorzulesen, wobei Zettel für Zettel abgearbeitet werden musste.
„Also, hör zu!
Erstens: ‚Liebe Marie Louise‘“, las sie mit einem Stoßseufzer, „ich verspreche dir, dem, was du mir vorlesen wirst, zuzustimmen, indem ich jedes Mal dreimal ‚Das verspreche ich dir‘ antworte. – Also, ich fange jetzt an: Erstens: ‚Liebe Marie Louise, ich verspreche dir, dass ich von jetzt ab bis morgen früh um acht Uhr die Wohnung nicht verlasse.‘“
„Gut, das verspreche ich dir.“
„Du musst dreimal sagen: ‚Das verspreche ich dir.‘“ Ich wiederholte also dreimal den Satz. Dann sagte ich: „So, jetzt lass es gut sein.“
„Moment, das Wichtigste kommt noch erst.
Zweitens: ‚Wenn ich aus irgendeinem Grund die Wohnung morgen früh vor acht Uhr verlassen muss, so sage ich es dir.‘“
„Ja, gut, okay.“
„Nein! Du musst dreimal sagen ‚Das verspreche ich dir.‘“
Also tat ich, was Sie wünschte und bemerkte: „Du, Marie Louise. ich bin jetzt langsam todmüde.“
„Ich bin aber noch nicht fertig.
Drittens: ‚Wenn in der Nacht irgendein Notfall eintritt, und ich, warum und wie auch immer, die Wohnung verlassen muss, oder gar abgeholt werde, so wecke und informiere ich dich zuerst.‘“
„Ich verspreche es dir. Das dürfte reichen.“
„Nein! Nein! Jetzt muss ich die ganze Frage noch einmal wiederholen, und du darfst nur dreimal sagen: ‚Das verspreche ich dir.‘“ Ich habe also gemäß ihrer Vorgabe gesprochen. „So, jetzt reicht es aber.“
„Nein! Das Versprechen ist noch nicht vollständig.
Viertens: ‚Wenn ich die Wohnung verlassen muss, komme ich zu dir ins Zimmer und wecke dich.‘“ Ich musste wieder dreimal wiederholen: ‚Das verspreche ich dir.‘ „Und jetzt?“
„Jetzt kommt das Wichtigste.
Fünftens: ‚Wenn ich die Wohnung aus irgendeinem dringenden Grund oder Notfall vor acht Uhr morgens verlassen muss, komme ich zu dir ins Zimmer und wecke dich, und ich muss das vereinbarte Codewort sagen, es heißt: ‚Relativitätstheorie‘. Das verspreche ich dir, dreimal, ohne die Formel zu variieren, weil dadurch der ganze Vorgang ungültig wird.‘
Sechstens: ‚Ich darf das Zimmer erst verlassen, wenn ich sicher bin, dass Marie Louise wach ist, da sie das vereinbarte Codewort ‚Relativitätstheorie‘ gesagt und sich im Bett aufgerichtet hat‘.“ Ich musste gähnen., Unerbittlich aber fuhr Marie Louise fort:
„Siebentens: ‚Danach muss ich noch zur Bestätigung meines Versprechens dreimal ,Das verspreche ich dir‘ wiederholen und danach auf einem Zettel unterschreiben. Danach verlasse ich mit dem unterschriebenen Zettel das Zimmer und schließe die Tür. Dann schiebe ich den Zettel unter der Tür durch in Marie Louises Zimmer‘.“
„Mehr nicht, ist das alles?“, fragte ich ironisch. Sie gab keine Antwort. Ich aber durfte nach dieser Prozedur vor der Zimmertür in einem bereitgestellten Sessel Platz nehmen, versuchen zu schlafen oder etwas zu lesen, wozu Marie Louise mir eine Auswahl an Lektüre zurechtgelegt hatte.
Am kommenden Morgen fühlte ich mich, als sei ich verprügelt worden, durfte mich aber erst um acht Uhr lautlos aus der Wohnung schleichen, während Marie Louise, wie sie mir gesagt hatte, jetzt ihre Tiefschlafphase habe und nicht gestört werden dürfe Vernehmbar sei sie erst ab zwölf Uhr mittags.
Um diese Zeit aber kam sie, wie ich später erfuhr, putzmunter aus ihrer Klause.
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Aufgeschrieben am Mittwoch, 16. Juli 2020
Eine Phantasie
Ich wache …
Draußen fällt der Regen, tripp tropp, trippe tropp … Die Tropfen reißen das Blatt entzwei: jeder Schlag ein Loch.
Bald rinnt nur noch ein Brei hinab zu den schlingenden, windenden, kreuzweise kriechenden, alles verdauenden, zuckenden, ruckenden, bohrenden, quicklebendig sich wälzenden Würmern. …
Klipp klapp, klippe klapp. Mein Pferd ist noch warm. Geduldig trabt es die Straße hinab, die Straße, sie läuft voran, schwarz und feucht spiegelnd, verliert sich im Nebel, baut immer ein Stück vor das andere …
Klipp klapp, klippe klapp. Mein Pferd ist so kalt, fällt so mechanisch von einem Schritt in den anderen. Nur eine Rast, eine kurze Rast; doch mein Pferd hört nicht auf zu rollen, will nicht halten, nickt mit dem Kopf: tick tack, ticke tack … Sein Kopf ist eine Uhr, tickt unaufhörlich im Takte des schlagenden Blutes. Seine Augen, die Zeiger, rücken unaufhörlich weiter auf der schwarzen, feucht spiegelnden Straße. Ich laufe nebenher …
Tick, tack, ticke, tack … Mich zerren die Zügel: Hinfort! Hinfort! Mit jedem Schlag der Augen trübt sich der Spiegel. Nebel wallen empor, reißen den Blätterbrei mit sich. Es quirlt so ruhig im Takte. – Bald fallen die Zeiger herab. Anstarrt mich die weiße Leere, das Dickicht der Nacht.
Halt ein! Halt an! Doch tick und klapp, mein Pferd hört nur noch den Schlag der Ewigkeit. – O komm, ein schnelles Ende. – Friedlich, friedhofsfeierlich quarlt der Brei und Blasen platzen ….
Blibb und blabb … schlagen mir schon in den Mund. Ein Festtanz der quibberle, bibberle, rickele rackele schwänzeschlagend kringelden Kreatur.
Ich bin am Ziel. – Aus dem Nebel ragt das Haus, fällt mir entgegen mit leeren Augenhöhlen. Seine Füße sind zerweicht und durchlöchert vom tripp tropp fallenden Regen. Der Nebel kräuselt empor; mein Pferd bleibt stehen. Abschnarrt mit lautem Kreischen die Uhr, auf den Boden schellt der Perpendikel. – Die Tür steht offen, quietscht mit der Angel. Aus dem Briefkasten quellen ungeöffnet unbestellte Fische, stinken mich an mit glasigen Poststempeln. – Im Zimmer sprudelt fröhlich Musik für ein Wachsfigurenkabinett.
Da kriecht eine seepockenspuckende Krabbe, kneift mir die Blutbahn ab. Meine Hand zuckt, reißt empor mit den Scheren den Perpendikel, packt ihn und lässt ihn, stößt ihn weit ausholend in rasende Schläge … Ticke ticke tack, tick tack tick tack. Die Zeiger wirbeln in Kreisen des Feuers, das alles, den Brei und die Würmer in gierigem Fraße beknisternd, anlodernd aufspringen und sprudeln lässt: Ein Schrei, – ein Gesamtklang – und nieder rieselt ein Regen entwester, gereinigter Asche: Schönheit, totes Mineral …
Ich schlafe …
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Als ich sie das letzte Mal sah, war sie sehr krank und hatte einen Rentner geheiratet, um im Ernstfall nicht allein zu sein. Beide waren danach in eine andere Stadt gezogen, so dass der Kontakt zu ihr abbrach, ich sie seitdem nie mehr gesehen habe und auch nicht weiß, wie es ihr weiterhin ergangen ist.
Ruth, die ‚Freundin‘, das bedeutet ihr Name auf Hebräisch, und eine Freundin war sie mir seit je, allerdings auch nicht mehr, da mehrere Umstände eine engere Verbindung verhinderten. Zum einen war sie berufstätig, studierte aber dem Ausweis nach Medizin und lebte seit langem in einem Zimmer im Studentenheim, so dass wir nur die Wochenenden gemeinsam verleben konnten. Zum anderen war sie borderline-schizophren, so dass nie vorauszusehen war, wie sich das jeweilige Wiedersehen gestalten würde.
Ich habe sie wirklich geliebt, mehr als Mensch, denn als Frau. Eine Schönheit war sie nicht. Sie hatte jedoch für mich einen ganz besonderen Reiz, den ich nicht in Worte fassen kann. Und sie liebte mich auch, das zeigte sie mir in den kurzen Zeiten, da sie quasi gesund ganz bei sich war. Sie kaufte mir dann ziemlich kostspielige Geschenke, die aber immer zugleich einen praktischen Nutzen hatten, so als wüsste sie, was ich gerade brauchte. Sie konnte sich also in mich empathisch hineinversetzen, mehr als ich mich in sie, ohne es aber in Worten auszudrücken oder ausdrücken zu können. Oft saß sie da und blickte etwas glasig vor sich hin, um dann schließlich eine kurze, was den Sinn betrifft, unverständliche Bemerkung hervor zu stoßen. Wenn ich sie ziemlich verdutzt um eine nähere Erklärung bat, lachte sie oft nur und zitierte irgendetwas Literarisches oder eine Zeile aus einem Schlager. Sie war gebildeter und hatte mehr Wissen, als sie in ihren kurzen abrupten Gesprächen zu erkennen gab.
Ihre Arbeiten vollführte sie jedoch akribisch und genau. Trotz ihres zeitweilig chaotischen Verhaltens war doch in ihrem Zimmer alles sauber, geschmackvoll und praktisch angeordnet.
Oft aber fand ich sie wenig oder gar nicht bekleidet aus dem Fenster starrend vor, wobei sie eine Zigarette nach der anderen rauchte, so dass die Bude wortwörtlich von blauem Dunst erfüllt war, und auf dem Tisch stand eine geleerte Weinflasche. Sie trank zwar weder Bier noch starke Alkoholika, dafür aber den Wein nicht aus Gläsern, sondern aus ihrem Kaffeepott.
‚O Ruth, wohin soll das führen?‘ Sie aber wandte sich mir neckisch zu, in der erhobenen rechten Hand den Pott mit Wein und fragte nur, „Magst du auch?“ Wenn ich dann den Kopf schüttelte, legte sie mir ein Stück Kuchen auf einen schon bereitstehenden Teller, während sie sich eine neue Zigarette anzündete und mir zugleich die Schachtel hinhielt, damit ich mich ebenfalls mit einer Zigarette bedienen sollte. Noch ehe ich mir etwas Gescheites einfallen lassen konnte, um sie durch körperliche Nähe von ihren Passionen abzulenken, ging sie wiegenden Schrittes, in der einen Hand den Pott, in der anderen eine brennende Zigarette, zu ihrem Kassettenrecorder und legte eine Musikkassette, entweder von Konstantin Wecker oder von der Gruppe ‚Kraftwerk‘ ein. Dabei gebärdete sie sich wie eine Demonstrantin, die mit roter Fahne in der Hand die Welt umstürzen möchte. Das Ganze endete dann aber mit einer Tonbandaufnahme rührseliger und schwermütiger griechischer Lieder, gesungen von Nana Mouskouri oder Melina Merkouri. Danach setzte sie sich dann meist mit zitternden Händen an ihren Schreibtisch, entweder weit weg mit ihren Gedanken oder gedankenleer, nur beschäftigt, sich eine neue Zigarette anzuzünden.
Unheimlich wurde sie mir, wenn ich erfahren musste, dass sie ihrem Zimmernachbarn die Tür eingetreten hatte, weil er ihr angeblich eine Pyramide in ihr Bücherregal gezaubert hatte oder, als sie ihren Vater für verstorben erklärte und überall die von ihr in der Zeitung aufgegebene Todesanzeige herumzeigte.
Immerhin, mich attackierte sie nicht. Nur, als ich ihr, nachdem ich sie zum Psychiater begleitet hatte und sie, um angeblich auf die Toilette zu gehen entwischt war, ernsthafte Vorwürfe machte, zeigte sie mich bei der Polizei wegen versuchten Totschlags an und stahl mir bei nächster Gelegenheit mein Schlüsselbund. Das war nun kein Scherz mehr. Als ich ihr darauf eine lautstarke Szene machte, brachte sie, als sei gar nichts geschehen, einen mit Erde gefüllten Blumentopf, in dem sie die Schlüssel einzeln vergraben hatte.
Mancher mag das lustig oder sogar witzig finden; nur ich musste deshalb im Freien übernachten.
Aber kurz vor ihrem Tod schickte sie mir ein Päckchen, darin einen fünf Zentimeter großen hellblauen Teddybären aus Porzellan; denn sie nannte mich in ihren guten Stunden ‚Bärchen‘.
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Beinahe hätte Boris den Kaufvertrag abgeschlossen. Matthis dagegen, ein schmächtiger junger Mann ohne abgeschlossene Berufsausbildung, hatte sich einfangen lassen. Er hatte ihn erworben, den riesigen Bauernhof am Rande eines Bergwaldes, mit Aussicht auf eine fast endlose Weite wohlbestellter Felder; denn sein bisheriger Besitzer, der Bauer Klobis, war in die Jahre gekommen, in denen er unter verschiedenen Malaisen litt und die schwere Arbeit, die mit einem derartigen Anwesen verbunden ist, nicht mehr leisten konnte. Hier gab es umfangreiche Stallungen für Kühe, Schafe, Schweine und Hühner, ferner einen Pferdestall mit anschließendem Trainingsparcour. Dazu gehörte eine Anlage zur Aufbereitung der Gülle, um Biogas zu gewinnen. Als Besonderheit aber gab es eine Windmühle, in der das geerntete Getreide sogleich vor Ort gemahlen werden konnte, außerdem aber Strom für die gesamte Anlage erzeugt wurde. Vor dem Wohnhaus erstreckte sich ein Obstund Gemüsegarten außerdem mit Obstbäumen entlang dem Waldrand.
Da Boris im Laufe der Verhandlungen mit der Familie Klobis näher bekannt geworden war und sich daraus ein fast freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte, war er zusammen mit Matthis, dem Käufer, als Gast zu einem Mittagsmahl eingeladen worden. Dem Lebensstil solcher Leute angepasst gab es eine kräftige Kost, und zwar in Mengen, von denen noch ein Schwein hätte satt werden können. Zunächst wurde eine fette Suppe aus Marksknochen aufgetischt, danach gab es Schweinshaxen mit Sauerkraut und einem Berg Kartoffeln, zum Abschluss Griespudding mit Birnenkompott. Matthis bediente sich reichlich, dem Boris aber, der immer wieder freundlich aufgefordert wurde zuzugreifen, blieb die Luft weg, und er bekam Stiche in der linken Schulter.
Nach dem Essen führte Herr Klobis den Käufer durch die vielen Räume des Wohngebäudes. Boris hatte sich angeschlossen, um zu sehen, was ihm entgangen ist, die ganze Zeit jedoch argwöhnisch von Matthis beobachtet, der offenbar fürchtete, sein ehemaliger Konkurrent könne seinen Entschluss überdenken und den Kaufvertrag anfechten. Boris aber hatte den Entschluss zum Verzicht wohlbedacht gefasst; denn von der Natur war er nicht zu einem Bauern geschaffen. Er wurde in seiner Entscheidung auch nicht wankelmütig, als ihnen auf dem Hof zwei Angestellte aus der Verwaltung begegneten, die in einem wunderschönen eigenen Haus abgeschirmt gegen den Geruch der Stallungen residierten. Sie erzählten, dass bei ihnen alle Armaturen, Fenstergriffe und Türklinken vergoldet seien. Diese Worte bestärkten Boris nur in seinem Entschluss: Die Verantwortung, die er mit dem Besitz eines so umfangreichen Objektes hätte übernehmen müssen, wäre für ihn viel zu groß gewesen; denn allein die Höhe der notwendigen Versicherungssumme hätte seine Ressourcen bei weitem überstiegen. Die Augen seines Konkurrenten jedoch leuchteten. Gewiss hatte er nie geglaubt, einst so vermögend zu sein. Jetzt aber hatte die Realität seinen Traum überstiegen.
Nachdem die Beiden sich von der Familie Klobis verabschiedet hatten, trennten sich ihre Wege.
Mehr als ein Jahr verging, als groß aufgemacht in der Boulevardpresse zu lesen war: ‚Feuersbrunst vernichtet ein mustergültiges Bauerngehöft. Die Ursache des Brandes konnte bisher nicht ermittelt werden, da die enorme Hitze es vorerst niemandem, selbst der Feuerwehr nicht ermöglicht, sich dem Gebäudekomplex, der in seiner Gesamtheit in Flammen steht, zu nähern. Der Brand hat nicht nur das Anwesen total zerstört, sondern auch eine große Anzahl Tiere getötet, Kühe, Schafe, Schweine, eine ganze Hühnerfarm sowie preisgekrönte Turnierpferde. Die Höhe des Schadens ist noch nicht abzuschätzen. Der offenbar unter Schock stehende Eigner des Bauernhofes konnte noch nicht vernommen werden.‘
Ein teuflischer, aber vielleicht realistischer Verdacht streifte Boris in seinen Gedanken. Sollten die Bedenken, die ihn selbst von dem Erwerb des Objektes abgehalten hatten, in dem jungen Matthis zu einem schrecklichen Entschluss gereift sein?
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Traum vom 30. April 2022
Aus irgendeinem Grund, wegen irgendeines unbekannten angeblichen Verbrechens war Murad verurteilt worden: Er musste sich vor den Milizen entscheiden:
Entweder zu zweiundvierzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt zu werden, oder aus einer Höhe von neun Metern zehn hinab gestoßen zu werden in einen Hochofen. Die Qual würde nicht länger als allenfalls zwei Minuten dauern.
Murad hatte sich für die zweite Strafe entschieden, wurde dann aber doch von panischer Angst vor der zu erwartenden Qual ergriffen.
Zwei Minuten können eine Ewigkeit dauern.
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Traum vom 10. Mai 2005
„Nanu! Was ist das denn? Das kann doch nicht sein. Das gibt es doch nicht.“ Thomas hatte gerade noch ein Wort in einer Zeile eingefügt, abgespeichert und dann die Eingabetaste gedrückt, um mit dem Folgenden einen neuen Absatz beginnen zu lassen. „Und jetzt? Wo ist denn der folgende Text geblieben?“ Thomas war fassungslos: „Alles, was ich aus alten Notizen und aus dem Gedächtnis mühevoll recherchiert und pointiert in Worte gefasst habe, mein ganzes bisheriges Leben mit Höhen und Tiefen, das ich wie im Traum noch einmal erlebt und in vielen Stunden aufgeschrieben habe, ist, ohne, dass ich etwas markiert oder aus Versehen gelöscht hätte, in einem Augenblick zur Bedeutungslosigkeit des Nichts verschwunden. Der Text meiner Biografie ist einfach weg.“
Wég bedeutet: Etwas hat sich auf den Weg gemacht, Es müsste also noch irgendwo zu finden sein. Aber auch die Zwischenablage war leer, selbst ein Rescueprogramm hatte nichts zutage gebracht, was sich vielleicht irgendwo versteckt hätte. Seine Biographie ist mit allen Versuchen unauffindbar, ist offensichtlich unrettbar verloren.
„Der Text war doch viele Seiten lang und ich habe ihn mehrmals abgespeichert. Wie ist es nur möglich, dass er sich einfach in Nichts auflösen konnte?“, klagte er leise vor sich hin. „Ein weißer leerer Bildschirm starrt mich an, ‚tabula rasa!‘“ Nur ‚was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen‘. Dieser Satz aus Goethes ‚Faust‘ kam ihm in den Sinn und erschien ihm zugleich in seinem Fall wie bittere Ironie.
Thomas war ratlos, vor Schreck einem Herzinfarkt nahe. Er konnte kaum atmen. Er konnte nicht glauben, was da geschehen war. Es musste ein Albtraum sein, aus dem er bald wieder erwachen werde. Doch als sich der Schock allmählich löste, fiel der Schreiber in abgrundtiefe, heillose Verzweiflung, hinab, wie in einen Trichter. Er stützte den Kopf in beide Hände und schloss die Augen, hatte nur noch den Wunsch, der Realität zu entfliehen und ins Nirwana einzutauchen.
Thomas hatte sich bisher geborgen gefühlt in der Güte eines göttlichen Wesens, hatte seinem Schutzengel vertraut, war überzeugt, dass der über ihn wache und ihn vor allem Übel und Unglück bewahre. Deshalb war er als guter Katholik in den Benediktinerorden eingetreten und mit dem Namen ‚Fortunatus‘ als Mönch geweiht worden.
In seinem Herzen aber war er ein Ungläubiger, der alles in Zweifel zog, was sich mit kritischem Verstand nicht begreifen ließ, so wie Thomas, der Jünger Jesu. Außerdem aber hieß er mit seinem Familiennamen auch noch ‚Teufel‘. Sollte Gott ihn jetzt als gestrenger Herr wegen seines Zweifelns bestrafen wollen, oder hatte ihm der Zweifler Satan einen Schabernack gespielt?
Als Thomas, alias Fortunatus, wie in Trance seinen Kopf hob und ins Leere starrte, sah er plötzlich sich gegenüber sein eigenes Spiegelbild. Er strich sich über die Augen, schüttelte den Kopf; aber das Spiegelbild verschwand nicht, konkretisierte sich zu einer Gestalt, zu einem Doppelgänger, der jedoch eisige, weißblaue Augen und einen bohrenden Blick hatte. Erstaunt fragte der Mönch: „Wer sind Sie denn?“
„Sei gegrüßt, mein Namensbruder, Ich bin dein anderes Ich“, antwortete sein Gegenüber, als sei es seine eigene innere Stimme. „Was willst du denn von mir? Bist du gekommen, dich an dem Unglück, das mich betroffen hat, zu erfreuen? Ich bin nicht dein Bruder. Mein bisheriger Name leitet sich nicht von ‚Diabolos’ her, sondern von dem Verbum ,taufen‘. Einer meiner Vorfahren war entweder ein Getaufter oder ein Täufer.“
Sein Spiegelbild blickte ihn geradezu hypnotisch an: „Du bist aber wie ich ein Widersacher, ein Zweifler, ein ‚Geist, der stets verneint‘, sich weigert zu glauben, was er nicht glauben kann.“
„Du irrst“, wehrte sich der Mönch, indem er seine Arme in der Kutte verschränkte. „Ich bin als guter Christ aufgewachsen, habe stets alle Gebote befolgt und bin jetzt ein frommer Zölibatär, der die Profess abgelegt hat.“
„So, so! Was hältst du denn, der du ein gläubiger Christ sein willst, von den Lehren der heiligen katholischen Kirche? Wenn es dir schwerfällt, an unerklärliche Ereignisse zu glauben, glaubst du dann trotzdem an die jungfräuliche Empfängnis der Maria, der Mutter Jesu?“
„Nein! Als historisch gebildeter Mensch kann ich daran nicht glauben; denn Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß, hat ihr Vorbild in der altägyptischen Göttin Isis mit dem Knaben Horus. So wie Horus der künftige Gottkönig, so soll Jesus der künftige göttliche Weltenherrscher sein.“
„Du zweifelst also nicht daran, dass Jesus als Sohn Gottes vom Tode auferstanden ist, um die Menschheit von ihren Sünden zu erlösen und einstens als Weltenherrscher wiederkehren wird?“
Thomas fühlte sich unangenehm bedrängt: „Es ist schwer, nicht daran zu zweifeln. Bisher ist nirgends beweiskräftig bezeugt, dass je ein Mensch nach dem Tode wieder lebendig geworden ist; und Jesus war ein Mensch, wie es die Evangelien, Josephus Flavius und Tacitus bezeugen und nicht nur eine Legende verbreitet haben. Dass aber Jesus selbst Gott und nicht nur gottgleich sei, wurde erst auf dem Konzil von Nizäa entschieden, nicht aber von Gott selbst offenbart.“
„Dann ist also die Transsubstantiation in der heiligen Messe nur Hokuspokus, nur fauler Zauber?“
Thomas spürte, wie ihm der Widersacher den Boden unter den Füßen wegziehen wollte: „So würde ich die Eucharistie nie bezeichnen. Sie ist ein feierlicher Ritus, ein symbolischer Akt. Jesus selbst soll gesagt haben ‚Tuet das zu meinem Gedenken‘.“
„Dann war also Jesus ein Mensch wie jeder andere. Hingerichtet und gestorben ist er aber, um als Sühneopfer die Schuld und die Schulden der Menschheit zu begleichen?“
Jetzt war Thomas in seinem Gewissen zum Protest herausgefordert: „Niemand kann einen Menschen von seiner Schuld befreien, auch nicht stellvertretend. Jeder muss selbst für seine Taten Rechenschaft ablegen und seine Schuld begleichen.“
„Hhm, das erscheint auch mir nur recht und billig. Aber wann wird das geschehen, wenn nicht während der Lebenszeit, dann nach dem Tode?“ Wieder musste Thomas sein historisches Wissen bemühen: „Die Alten Ägypter glaubten, das Herz eines jeden Menschen werde im Jenseits vor dem Totenrichter Osiris auf einer Waage gegen die Feder der Ma’at, der ‚gerechten Weltordnung‘, aufgewogen, wodurch der Verstorbene entweder als gerechtfertigt oder als ewig verdammt befunden wird. Für uns Christen dagegen, so steht in der Apokalypse geschrieben, werde der Weltenherrscher, wer immer er ist, am Ende der Zeiten über die Taten der Lebenden wie der Toten Gericht abhalten.“
„A ja! Die Übeltäter kommen dann in die Hölle, um bestraft zu werden und schlimmstenfalls in ewigem Feuer zu brennen, wie es heißt. Das glaubst du doch?“
„Du weißt es selbst, eine solche Hölle gibt es nicht.“
„Schreckensbilder aus der Unterwelt, wie den Feuerpfuhl und Höhlen, in denen vielgestaltige Dämonen hausen, um die Seelen der Verstorbenen zu peinigen oder zu vernichten, stammen ebenfalls aus altägyptischer Tradition. Sie finden sich in Pharaonengräbern und im Totenbuch dargestellt, gleichsam als Jenseitsführer, als Reiseführer durch die die Unterwelt. Dazu gehörten die beigeschriebenen Texte, durch deren Zauberkraft die Ägypter glaubten und hofften, Qualen und Bedrohungen, denen der Tote auf seinem Weg durch das Totenreich begegnen würde, abwehren zu können.“
„Es gibt also keine ausgleichende Gerechtigkeit durch eine göttliche Macht?“
„Offenkundig nicht. Im Gegenteil, die Menschen sind im Laufe der Zeit immer kreativer im Erfinden von Unrecht und Grausamkeit geworden. Die Menschheit hat sich ihre Hölle selbst schon im Diesseits bereitet. Was uns dagegen nach dem Tode erwartet, darüber kann niemand etwas Gewisses sagen.“
„Nun ja. Aber, dass du durch die Taufe als Christ in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen bist, daran zweifelst du doch nicht?“
„Jesus hat nie getauft. Getauft hat Johannes, und das geht auf den jüdischen Brauch der Reinigung in einer ‚Mikwe‘ zurück. Die Taufe ist nur ein Symbol für äußere und innere Reinigung.“
„Aber du glaubst zumindest, dass der Papst vom Heiligen Geist inspiriert ist, die Kirche im Sinne Gottes zu leiten und deshalb ‚Heiliger Vater‘ genannt wird?“
„Die Päpste gelten als geweihte Nachfolger des Apostels Petrus. Ob jedoch Petrus je in Rom war und unter dem Petersdom begraben liegt, ist nicht bewiesen. Außerdem bezeichnet sich erst ab dem Jahr 560 der Bischof von Rom als Papst. Und erst seit Pius IX. gilt der Papst sogar als unfehlbar und deshalb als heilig.“
„Dann hat der Papst also de facto Jesus als Gottes Sohn verdrängt und abgelöst?“
„Ich muss dir leider zustimmen. Der Papst gilt als Mittler und Vollstrecker des Willens Gottes, da er sich in der Ausübung seines Amtes auf die Dogmen beruft, die allerdings auch erst durch die Patina der Tradition sakrosankt geworden sind. Nur in dieser Funktion gilt der Papst als unfehlbar und heilig.“
„Aber Päpste haben auch Kriege gebilligt, Kriege geführt, gelogen, mit der Mafia paktiert.“
„So ist es. Päpste sind eben auch Menschen, wie jeder andere. Der Papst ist das Oberhaupt einer Institution, die nicht von Jesus, sondern als neue Religion erst von Paulus begründet wurde. Ich fühle mich daher auch nicht dem Papst, sondern nur dem himmlischen Vater, dem Heiligen Geist, verbunden und verantwortlich, dessen Wille im Innern meines Herzens spricht.“
„Thomas, Thomas, mein Zwilling. Dein anderes Ich, das bin ich, der Kritiker, der Protestant und Rebell in dir. Du erscheinst als fromm, gehorsam und angepasst an das Leben im Kloster. Doch dein Inneres zerlegt alles mit seinem Verstand, möchte ausbrechen aus deiner Hülle. Diese Seite deines Ichs hast du erst durch mich offengelegt, in deiner Biographie aber hattest du sie geflissentlich ausgespart, Hast du deshalb vielleicht unbewusst dein eigenes Werk vernichtet?“
Thomas schloss die Augen, dachte an gar nichts mehr. Als er die Augen wieder öffnete, war sein Gegenüber, sein Spiegelbild, verschwunden. Versonnen schaute Thomas lange Zeit aus dem Fenster. Dann schaltete er sein Laptop aus.
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Traum vom 24. Oktober 2021
