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Lustige, überraschende, berührende, unheimliche und absurde Geschichten über grundverschiedene Menschen, von denen jeder eine sehr liebenswerte Seite besitzt.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mitten in unser Leben pflanzt uns der Himmel
seine bunten, weiten Regenbogen,
wenn wir die Sonne und den Regen
auf unserer Wanderung akzeptieren.
Für meine Familie
Die Erschaffung Welt und der Zeit
Postdienst
Das rote Sofa
Pralinen
Der Tag, an dem der Hund den Schinken klaute
Durchbruch!
Rosie
Vogelfrei
Physik
Winner and Loser
Räuber
Jugo
Juden wie euch
Waldweihnacht
Intarsien
Besonderer Tag
Glücksparfüm
Risiko
Keine Macht den Finsteren dieser Welt
Am Anfang hatte Gott genug von Stille und Leere. Das grosse Nichts langweilte ihn und machte ihn müde. Er sehnte sich nach etwas Neuem. Als er spürte, wie sich in seinem Innern etwas zu regen begann, hielt er neugierig inne und wartete. Erstaunt bemerkte er, wie etwas in ihm wuchs und wuchs, unaufhörlich in alle Richtungen. Gott lächelte. Er freute sich. Das war ganz neu für ihn. Bisher hatte er keinen Grund gehabt, sich zu freuen, denn bis jetzt hatte um ihn herum immer nur Leere geherrscht. Gott wurde ganz aufgeregt und ging in sich, um zu sehen, was sich da noch so alles bewegte. Begeistert entdeckte er, dass hier nicht nur Freude sprudelte, sondern auch Liebe und Neugier, Glück und Lust. Schnell warf er alles hinaus in die Leere, die nun zu einer wahren Fülle geworden war. Der Strom aus Neuem riss nicht ab. Neben der Sympathie strömte nun die Vorfreude ganz von selbst hinaus und mit ihr die Gelassenheit und das Mitgefühl. Aber auch eine Gruppe aus Neid und Traurigkeit, aus Enttäuschung, Angst und Verzweiflung drängte vorbei. „Schade“, dachte Gott, „Diese fünf sind nicht so gut gelungen!“ Doch dann bemerkte er, dass die anderen intensiver leuchteten, seit sich die fünf Düsteren dazu gesellt hatten.
Gott sah, dass das gut war.
Auf einmal fühlte er, wie all das Licht und Dunkel, wie all diese Farben aus ihm herausquollen und sich um ihn ausbreiteten. Er erkannte, dass das Licht nur leuchtete, weil das Dunkle danebenstand und dass die bunten Farben noch mehr strahlten, wenn sie von Grau begleitet wurden.
Und er sah, dass das schön war.
Gott langweilte sich nun nicht mehr. Er war lange damit beschäftigt, zu staunen, sich zu freuen, zu begreifen und zu ordnen. Alles war wohlgeordnet mit Gott zufrieden mittendrin. Er beschäftigte sich damit, alles immer wieder von Neuem zu betrachten. Irgendwann kam nichts mehr Neues dazu, und bald fing er wieder an sich zu langweilen und gähnte: „Was soll ich denn mit all dem? Wozu kann ich es gebrauchen?“ Da kitzelte ihn eine Idee, und so schuf er das Wasser und die Luft, auf dass sie mit den Farben, dem Licht und dem Dunkel harmonierten. Das Ergebnis war wunderbar und es gefiel Gott so gut, dass er grosse Lust bekam, noch mehr zu erschaffen. Nachdenklich spielte er mit dem Wasser und der Luft. „Das Licht strahlt heller, wenn das Dunkle danebensteht. Die bunten Farben leuchten stärker, wenn sie von Grautönen umspielt werden. Das Glück schmeckt süsser neben der Verzweiflung. Ich muss mir auch so etwas für Luft und Wasser ausdenken.“ Es dauerte nicht lange, da hatte Gott etwas Festes dazwischengeworfen. Er nannte es Erde und war für eine Weile zufrieden. Er beschäftigte sich damit, zu staunen, sich zu freuen, zu begreifen und zu ordnen. Doch da stand Gott plötzlich vor einem Problem: Wohin mit den vielen Farben? Was tun mit dem Licht und dem Dunkel? Gott seufzte. Dann streute er kurz entschlossen alle Farben gleichmässig über Erde und Wasser und schleuderte sodann in einem Schwung Sonne, Mond und die Sterne in die Luft. Aus den Farben erwuchsen die Pflanzen. Für das Licht waren nun Sonne, Mond und Sterne zuständig. Das Dunkel kam ohnehin automatisch. Doch irgendwie war Gott noch immer nicht ganz zufrieden. Er dachte nach. Luft und Wasser schienen ihm noch immer etwas leer, vor allem, wenn man sie mit der farbigen Erde verglich. Es steht geschrieben, dass Gott dann die Idee von Fischen und Vögeln, Tieren und Menschen mit Leichtigkeit umsetzte. Und alles bekam seine Ordnung; all die vielen Farben, Gerüche, Formen und Gefühle erhielten ihren Platz. Gott kuschelte sich in seine Wolke, um sich auszuruhen. Es war Sonntag und eine Pause musste sein! Gott schwebte lange in seiner Wolke und war rechtschaffen müde. Bei Mondschein betrachtete er sein Werk und freute sich darüber. Der Montag brach an. Gott wurde ganz kribbelig. Ungeduldig spähte er nach unten, um zu sehen, was sich dort tat. Nichts hatte sich seit gestern verändert. Alles war ganz ordentlich aufgereiht. Bewegungslos die Menschen und Tiere, wie aus einem Guss die Pflanzen, obwohl doch eine leise Brise ging. Gott schaute und schaute. Nichts rührte sich. Er spürte eine leise Ungeduld in sich aufsteigen. Es war ja alles wunderschön. Aber irgendwie trotzdem schrecklich langweilig. „Was hat dies alles bloss für einen Sinn? Ich kann ja nicht ständig Neues erfinden, sonst wird bald alles überfüllt dort unten.“ Gott war ratlos. Wie konnte er bloss mehr Schwung in die Sache bringen? Er überlegte hin und her. Wog diesen Gedanken gegen jenen ab. „Mehr Schwung… Bewegung…“, murmelte er. Gott hätte fast die Geduld verloren. Wenn nicht… ja wenn er nicht plötzlich eine Idee gehabt hätte. Gott holte tief Luft und hauchte allen Pflanzen, Tieren und Menschen Leben ein. Plötzlich funktionierte der Stoffwechsel der Pflanzen, und die Herzen der Tiere und Menschen begannen zu schlagen. Alles bewegte sich. Gott jubelte. Nun hatte er sich aber eine weitere Pause verdient und er freute sich, dass er dabei endlich etwas zu sehen bekam. Jetzt war es wirklich faszinierend, dem Treiben auf Erden zuzusehen und Gott wurde nicht mehr müde. Er konnte sich nicht sattsehen an diesem gigantischen Theater, das er von seiner Wolke aus gespannt verfolgte. Das Leben pulsierte, die Welt entwickelte eine Eigendynamik, dass es eine Lust war zu sitzen und zu beobachten. Von allen Lebewesen fand er die Menschen am spannendsten. Er guckte zu, wie sie lachten, sich stritten und sich vermehrten, freute sich über ihre Feste und weinte mit ihnen, wenn sie traurig waren. Manchmal ärgerte er sich über die Neider und Streithammel, liebte sie aber alle uneingeschränkt, weil es ja seine Kinder waren. Gottes Theater hätte wohl in alle Ewigkeit so weitergehen können, doch im Leben kommt bekanntlich nicht immer alles so, wie man denkt. So geschah es, dass Gott einmal wissen wollte, ob die Menschen das Leben liebten. Er mischte sich unerkannt unter seine Kinder, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. „Liebst du das Leben?“, fragte er die Schöne in ihrem Garten, das Kind auf dem Schoss seiner Mutter, den Jüngling beim Spiel, den Satten an seinem Tisch, die Kluge inmitten ihrer Bibliothek, und den Reichen in seinem Palast. „Warum sollte ich?“, fragten sie zurück. „Weil du schön bist, weil du geliebt wirst, weil du stark und fröhlich bist, weil du satt bist, weil du klug bist, weil du reich bist.“, antwortete Gott. „Naja, das alles bleibt sich immer gleich und ist ohne Ende“, entgegneten sie ihm gelangweilt. Ratlos ging Gott wieder zurück auf seine Wolke und meinte kopfschüttelnd: „Sie lieben das Leben nicht. Wie kann ich ihnen nur helfen?“ Er liess sich tief in seine Wolke sinken und überlegte hin und her, wog diesen Gedanken gegen jenen ab. „Mehr Elan… mehr Dynamik…“, murmelte er. Gott hätte schon wieder fast die Geduld verloren. Diesmal war er mit seinem Latein wirklich am Ende. Da spürte er ein feines Pieksen in seinem Hinterteil. Eine heisere Stimme räusperte sich. Als Gott ein kleines Stück Wolke zur Seite schob, entdeckte er einen schwarzen Gesellen mit glutroten Augen und zwei kecken Hörnern, dessen Schwanz wild hin und her peitschte und der mit seiner Mistgabel zu ihm hinauf in die Luft fuchtelte. Erstaunt zog Gott die eine Augenbraue hoch. „Was willst denn du hier?“, fragte er den merkwürdigen Kerl. Der schnaubte und schnaufte ganz fürchterlich, rollte mit seinen Glutaugen und schrie: „Es gibt noch keine Zeit. Lass mich die Zeit machen und du wirst sehen, die Menschen werden das Leben lieben.“ – „Meinst du wirklich?“ fragte Gott interessiert. „Ja, lass mich die Zeit machen! Jetzt!“, kreischte das Kerlchen. Gott musste nicht lange überlegen. Der komische Bengel hatte ihn sofort überzeugt. Schliesslich brauchte ja auch das Licht das Dunkle, die bunten Farben die Grautöne und die Freude den Kummer, damit sie so richtig leuchten, strahlen und glühen konnten. So war es nur logisch, dass die Menschen die Zeit brauchten, um das Leben zu lieben. Gott nickte. „Ja, mach die Zeit, kleiner Mann!“, ermunterte er den Teufel. Da gab es einen Knall und auf einmal war sie da, die Zeit. Und mit ihr kam das Älterwerden und das Sterben aber auch das Licht nach der Zeit des Dunkels und der Frieden nach dem Krieg. Mit der Zeit kam das Unstete, das Vergängliche. Glück war plötzlich nicht mehr für immer sondern auf Zeit. Nach dem Regen schien die Sonne, auf den Kummer folgte das Lachen. Die Zeit heilte Wunden, man ging mit der Zeit, die Zeit wurde vertrieben, die gute alte Zeit verherrlicht. Kluge Menschen, die das Leben liebten, verschwendeten keine Zeit mehr mit Ärger oder Neid, mit Streit, Wut, Ängsten oder schlechter Laune, denn aus Zeit bestand ja fortan das Leben. Das Ende ihrer Zeit vor Augen begannen die Menschen das Leben zu geniessen, wurden glücklich und bis heute tragen sie die Freude am Leben in sich, die in der ständigen Aussicht auf ihren sicheren Tod wurzelt.
Nachdem übrigens der Teufel die Zeit geschaffen hatte, sah Gott, dass dies gut war, lehnte sich zurück und mischte sich fortan nicht mehr ein. Auch der Teufel liess die Welt in Ruhe. Er hatte seine Arbeit auf Erden erledigt und erlaubte den Menschen, ohne ihn zu wursteln. Beide hatten nämlich gemerkt, dass nun dank der Zeit in jedem Menschen genügend Kraft schlummerte, um das Leben zu lieben und zu schätzen.
Warum zum Teufel hatte sie sich überhaupt darauf eingelassen? Sie hätte doch wissen müssen, dass das nicht gut gehen konnte. Natürlich hatte sie nachher den ganzen Vormittag lang gezittert wie Espenlaub. Sie wusste nicht, ob aus Verzweiflung, Trauer oder Wut. Isabelle hatte keine Ahnung, wie sie den Rest ihrer Tour hinter sich gebracht hatte, zumal schliesslich die Strassen vereist waren und ihr Roller ein paar Mal ziemlich arg ins Schlittern geraten war. Doch das war alles wie neben ihr vorbeigegangen. Ihr einziger Gedanke hatte dem Umschlag in ihrer Innentasche gegolten, der bei jeder ihrer Bewegungen fast schmerzhaft geknittert hatte.
Alles hatte mit dem Neuzuzug in der Nummer 43 angefangen. Ihre Tour führte sie, ausser am Wochenende, täglich gegen halb zehn an die Schlüterstrasse. Und dieser sonnige Tag hatte in ihrem Leben so ziemlich alles verändert. Sie hatte den Stapel Briefe vor Schreck fallen lassen, als sie vor dem
