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Dieses Buch handelt von den Abenteuern der Regina de la Mancia, einer Schauspielerin aus der Toskana, der die Filme, die sie sah, den Kopf völlig verdrehten, und ihrer treuen Maskenbildnerin Sandra Wanst. Unsere Heldin besteigt ihren Wagen Rosy, der der beste und zuverlässigste VW-Käfer der Welt ist, und begibt sich auf eine Reise, bei der ihr das Schicksal einen kühnen Auftritt nach dem nächsten zu bestreiten auferlegt. Sandra Wanst steht der Schauspielerin von der traurigen Gestalt in jeder Filmszene als Weggefährtin und Freundin zur Seite und bewahrt sie vor so manchem Unheil.
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Jenny Perelli, Jahrgang 1970, geboren in München, lebt seit einiger Zeit in Italien, am Trasimener See. Nach dem Studium der Politikwissenschaft Tätigkeit als Content Creator, Drehbuchautorin, Übersetzerin und Journalistin. Ihr Faible für romantische, dunkle, traurige, aus dem Rahmen fallende Menschen führte sie in die Arme Don Quijotes. Oft lassen sie dessen Abgehobenheit, Naivität, Aufrichtigkeit, Unberechenbarkeit, Integrität, hemmungslose Entschlossenheit und Liebe zu einem erdachten Wesen entweder lachen oder weinen. Es war Miguel de Cervantes Saavedra höchstpersönlich, der sie in langen nächtlichen Unterredungen zum Schreiben dieses Romans ermutigte. Sie selbst definiert ihr Werk als reine Stilübung.
Lieber gelangweilter Leser! Ich hoffe sehr, hiermit das spannendste aller Bücher zu schreiben – sofern es mein Geist gestattet. Gleiches erzeugt Gleiches, das ist nun mal eine Konstante, weshalb meine Fantasie nur die Geschichte einer irren, verzweifelten und wunderlichen Frau mit den tollsten Gedanken gebären konnte – wurde ich doch selbst in einem Auto gezeugt. In einem Mercedes, was an sich schon kitschig genug ist.
Nun bist Du, werter Leser, keineswegs dazu gezwungen, all die romantischen Abenteuer meiner unglücklichen Heldin gutzuheißen. Ganz im Gegenteil! Beschimpfe sie ruhig ohne Rücksicht, und bespucke sie mit Verachtung – schließlich ist sie ja nicht Dein Kind, sondern eben nur meins. Du darfst mir also offen ein Übermaß an Trägheit und Denkfaulheit1 vorwerfen, sollten Dir am Ende meine Erzählungen über die schräge und einfallsreiche Donatella Manca, Licht und Spiegel aller Träumer, doch nicht gefallen.
Abenteuer will ich berichten, von einer Schauspielerin aus der Toskana, der die Filme, die sie sah, den Kopf völlig verdrehten. Sie war derart auf Helden, Happy Ends und Filmmusiken fixiert, dass sie, wie in einem Rausch gefangen, ganz in ihrem Spleen lebte und selbst ein Teil ihrer Hirngespinste wurde. Von Dingen, die Dir, lieber Leser, vermutlich egal sein dürften, will ich nicht berichten. Auch werde ich es vermeiden, Philosophen zu zitieren oder lateinische Brocken aufzulisten. Ich werde schreiben, als hätte ich Blei an meinen Beinen,2 denn jedes einzelne Wort zählt und bohrt und wirkt in alle Ewigkeit.
Dir, liebe Freundin und Maskenbildnerin, wünschen wir ebenfalls alles Gute! So bescheidenen Geistes warst auch du nicht! Sandra Wanst! Du warst im Langsamschminken wirklich groß! Rosy hingegen, der beste und zuverlässigste VW-Käfer der Welt.
1 vgl. Don Quijote, Miguel de Cervantes Saavedra, aus dem Spanischen übertragen von Ludwig Braunfels, Düsseldorf, 2003, S. 9
2 vgl. S. 15
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Irgendwo in der Toskana lebte vor nicht allzu langer Zeit eine von jenen Frauen, die vor dem wirklichen Leben nicht kampflos kapitulieren, sondern lieber Schauspielerin werden. Eine von jenen Schauspielerinnen, die eine Perlenkette um den Hals tragen, einen alten, eleganten VW-Käfer fahren und stets eine silberne Füllfeder mit sich tragen. Sie aß meist nur einige Scheiben Parmaschinken und einen kleinen gemischten Salat. Abends genügte ein Glas Weißwein oder ein wenig Obst. ¾ ihrer Einkünfte verbrauchte sie für Essen und Kleidung, wobei besonders die Schuhe super wichtig waren.3 Nur vom Feinsten mussten sie sein und immer up to date. Jimmy Choo, Manolo Blahnik, Acne waren ihre Favoriten. Sie war so an die 50 Jahre alt.
Ihre beste Freundin und Stilberaterin war Sandra, eine professionelle Maskenbildnerin. Sie hatten sich im Theater kennengelernt, wo Sandra Donatella einige Male für Aufführungen geschminkt hatte. Zum Film, ihrer eigentlichen Leidenschaft, hatte es Donatella dann aber nie geschafft. Sie war hochgewachsen, mit Sanduhrfigur – ein klassischer 50er-Jahre Typ. Eigentlich eine schwanenhafte Schönheit. Fast schon so erhaben wie eine wohlgeformte, griechische Statue. Sie hatte mittellange, ungefärbte, flachsblonde Haare, graue Augen und wunderschöne, feine Hände und Füße, die ihr so manche Werbeshootings für Kosmetika und Schuhmode eingebracht hatten. Sie war eine notorische Spätaufsteherin und Freundin der Musik. Wann immer sie konnte, besuchte sie Konzerte. Von Oper bis Acid Jazz war alles dabei.
Doch noch mehr liebte sie Filme. So widmete sie jede freie Minute (und Freizeit hatte sie wirklich zur Genüge) der Filmkunst und sah sich so viele Spielfilme an wie nur möglich. Mit so viel Spaß und so oft, dass sie dafür ihr soziales Leben und alle anderen Interessen völlig aufgab. Diese Besessenheit ging so weit, dass sie ihre Eigentumswohnung verkaufte, um Movies in DVD, Bluray, die besten Bildschirme und DVD-Anlagen, Abonnements bei Spielfilmanbietern im Web, Dolby Surround-Ausstattungen der besten Qualität und weiteres filmbezogenes und amüsantes Equipment oder Props zu erwerben. Nicht zufrieden damit, hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, alle Locations, in denen ihre Lieblingsfilme spielten, höchstpersönlich zu besichtigen. Deshalb hatte sie bereits richtig viel von der Welt gesehen. Alle bekannten Filmstudios voran: Hollywood, Cinecittà, Warner Bros. Studios, Bavaria Filmstudios … Jedes einzelne Detail hatte sie förmlich aufgesaugt. Vor allem begeisterte sie sich für Fantasy- und Sci-Fi-Filme, doch auch Liebesfilme konnten sie zutiefst bewegen.
Ach, und sie hatte so viele Lieblingsregisseure: Terry Gilliam, David Lynch, Stanley Kubrick, Clint Eastwood, Alfred Hitchcock … sie war immer auf der Suche nach einer gewissen Abgehobenheit, einer Weltfremdheit und einer abstrakten Realitätsferne. Alle Aufnahmen dieser Art kamen ihr wie Schätze vor. Wenn sie etwa Brazil (Terry Gilliam) sah, verlor sie bei den unlogischsten Szenen beinahe den Verstand und war bis zum Exzess bewegt. Sie interpretierte jede noch so kleine Nuance von Text, Musik, Kameraeinstellung, Fotografie, Kleidung, Besetzung … Auch wusste sie alles über das Privatleben der mitwirkenden Schauspieler. Aller Schauspieler! Nicht nur die Hauptfiguren, nein alle! Jede Anekdote über jeden ihr bekannten Film kannte sie. Irgendwie war sie so eine Art wandelnde Filmpedia. Nicht einmal die berühmtesten noch lebenden oder bereits verstorbenen Filmkritiker wussten so viel wie Donatella, selbst wenn sie zu diesem „Zweck aus dem Grab gestiegen wären“.4
Donatella war mit dem Ausgang verschiedener Filme nicht unbedingt einverstanden und hätte so einige Drehbücher gerne eigenhändig umgeschrieben, wenn andere, größere Ideen sie nicht ständig davon abgehalten hätten. Die Frau nebenan (François Truffaut) etwa, hätte ihrer Meinung nach einen ganz anderen Schluss verdient, denn so verrückt die beiden Hauptfiguren auch waren, waren sie doch derart voneinander besessen, dass der Tod wirklich nur eine zu offensichtliche Lösung war. Oft stritt sie mit dem Kartenverkäufer des Kinos ihres Ortes, einem Kommunikationswissenschaftler, der in Sachen Film & Co. durchaus bewandert und auch sonst ein gebildeter Mann war, wer der bessere Regisseur sei, Wim Wenders oder Kurt Fassbinder. Doch Julia, die Friseuse aus dem Ort, sagte, dass keiner Fritz Lang das Wasser reichen könne. Er sei ein Meister der Fotografie und des Szenenbildes.
Schließlich versenkte sich Donatella so sehr in ihre Filme5, dass sie sich ganze Nächte, aber auch ganze Tage hindurch nur Filme ansah. Vom vielen Starren auf den Bildschirm trockneten ihr das Hirn und die Augen so aus, dass sie zuletzt eine Brille tragen musste und fast den Verstand verlor. Ihre Fantasie war durchdrungen von allem, was sie in den Filmen sah: Liebesgeschichten, Krimis, Horrorfilme, Spionagestorys, Western, Thriller, Fantasy- und Sci-Fi-Movies und und und … Und so setzten sich all diese Handlungen und Geschichten derart in ihrem Kopf fest, dass sie schon bald nicht mehr wusste, wo die Wirklichkeit aufhörte und der Film begann. Für sie waren all diese, eigentlich nur der Fantasie entsprungenen, filmischen Abläufe die volle Wahrheit. Ja mehr noch, eine zweifelsfreiere Wahrheit6 gab es für Donatella nicht.
Sie erzählte viel Gutes über Holly Golightly (Frühstück bei Tiffany, Blake Edwards), die ja eigentlich nur irgendwie ungewollt in ihr unstetes Partyleben hineingeraten war, und verteidigte auch stets Travis Bickle (Taxi Driver, Martin Scorsese), der für das ganze Malheur doch nun wirklich nichts konnte.
Zuletzt, da es mit ihrem armen Verstand völlig den Bach hinuntergegangen war, verfiel sie dem närrischen Wunsch 7,
es doch noch einmal mit der Schauspielkarriere zu versuchen. Das, so meinte sie, schuldete sie nicht nur sich selbst, sondern der gesamten Menschheit, damit vielen Filmen, Regisseuren und Drehbüchern die gebührende Ehre erwiesen werde. Sie beschloss all das zu machen, was eine Schauspielerin, wie sie gelesen hatte, so machte: an Castings teilnehmen, Schauspielunterricht nehmen, an Events partizipieren und sich an Orte zu begeben, durch die sie ewigen Ruhm erreichen würde. Naiv wie sie war, sah sie sich schon für ihre schauspielerischen Leistungen mit einem Oscar oder einem Golden Globe gekrönt.
Vertieft in diesen verlockenden Gedanken und angespornt von der magischen Anziehungskraft, die sie auf sie ausübten, machte sie sich umgehend daran, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Als Erstes holte sie ein altes Buch mit Übungen für die korrekte Aussprache aus dem Keller. Diktion für Anfänger lautete der Titel. Es war noch von ihrer Mutter und hatte seit langen Jahren vergessen und völlig verstaubt im hintersten Winkel gelegen. Es hatte allerdings weder von seiner Autorität noch von seiner Aktualität verloren, weshalb Donatella fleißig anfing, darin zu schmökern und die Sprechübungen nachzusagen. Doch es wurde ihr schnell klar, dass neuere und bessere Ausgaben erschienen waren, mit CDs oder Apps, die man sich auf sein mobiles Gerät herunterladen konnte. Das tat sie denn auch. Das war sehr viel bequemer und sie hatte die richtige Aussprache eines Wortes immer zur Hand.
Auch Lockerungs- und Improvisationsübungen konnten so immer und überall abgerufen werden. Von diesem Handbuch to go machte sie stets Gebrauch! Im Verkehr, vor der Kasse oder im Wartezimmer beim Arzt. Aber dann wollte sie immer auch gleich erproben, ob sie die Lektionen denn auch richtig begriffen hatte, und konnte es kaum erwarten, das Erlernte sofort umzusetzen. So probte sie ihr neues Fachwissen auch auf der Straße, fragte etwa unbekannte Leute nach dem Weg oder bat den Busfahrer um eine Fahrkarte. Alles in einer Hochsprache, die eigentlich keiner mehr benutzte oder wirklich verstand. Nach einigen Monaten ging sie das Ganze dann doch moderater an. Feilte hier an der Aussprache der Umlaute, betonte das „S“ nicht ganz so stimmhaft und fand, dass ihre Modulation der Sprache nun durchaus passabel war. Ohne neue Experimente anstellen zu wollen, erklärte sie ihre Sprache, den Klang ihrer Stimme und wie sie sie nutzte für ganz vortrefflich. Nachdem alles Sprachtechnische also ganz zu ihrer Zufriedenheit aktiviert worden war, wollte sich Donatella einen klangvollen Künstlernamen zulegen, der ihrer Kunst würdig war und sie angemessen charakterisierte. Darüber dachte sie volle acht Tage lang nach. Zuletzt entschied sie sich für Regina de la Mancia. Er sollte nicht nur Hinweis auf eine adelige Abstammung sein – nein! königlich musste er sein!
Da nun auch der Name gefunden war, brauchte sie nur noch einen Mann, am besten einen Kollegen aus dem Filmgeschäft, in den sie sich verlieben könnte. Eine Schauspielerin ohne Liebe war in ihren Augen wie ein Cappuccino ohne Milchschaum, ein Sommer ohne Sonne, Pünktchen ohne Anton. Sollte sie je den Oscar oder einen Emmy gewinnen, würde es da nicht gut sein, einen liebenden Mann an ihrer Seite zu haben, mit dem sie den Erfolg feiern konnte? Wie sehr freute sich unsere Schauspielerin, als ihr einfiel, wer dies sein könnte. Und das ging so: im Nachbardorf lebte ein ehemaliger, recht gut aussehender Drehbuchautor, in den sie sich bereits vor Jahren verliebt hatte, obwohl er nie etwas davon erfahren hatte. Er hieß Lorenzo Aldonzo und war Alkoholiker. Sie suchte für ihn einen Namen, der von ihrem nicht zu sehr abwich und ebenfalls auf eine adelige Abstammung hindeutete. So kam sie schließlich auf Duccio dal Tosco, weil er Italiener war und aus der Toskana stammte. Ein Name, der ihrer Meinung nach sehr wohlklingend und besonders war, so wie alle, die Regina erfand.
3 vgl. S.21
4 S. 22
5 vgl. S. 23
6 vgl. S. 23
7 vgl. S. 23
Nach all diesen Vorbereitungen wollte sie mit ihrem Start in die Schauspielkarriere und der Umsetzung ihrer Absichten nicht länger warten. Sie war davon überzeugt, der Welt würde etwas Großartiges entgehen, sollte sie noch weiter zögern und die Realisierung ihres Traumes noch weiter aufschieben. Sie meinte, insbesondere die bekanntesten Spielfilmfiguren perfekt darstellen, ihre Lieblingsrollen selbst spielen und viele Drehbücher und Handlungsabläufe verbessern zu sollen.
Ohne irgendjemanden zu informieren, brach sie eines Morgens mit Rosy, ihrem Bukephalos, auf – es muss im Frühling gewesen sein, an einem lauen Junitag – wunderte sie sich doch, wie leicht ihr das Verlassen ihres Zuhauses fiel. Einen Koffer nahm sie mit und setzte sich in einem leichten Sommerkleid aus weißem Leinen, einem Burberrymantel und dezent geschminkt hinter das Steuer. Sie fuhr ganz entspannt und summend die Autobahn entlang, als sie ein schrecklicher Gedanke überfiel. Beinahe hätte sie „deshalb das angefangene Unternehmen wieder aufgegeben“8 Plötzlich kam ihr nämlich in den Sinn, dass sie zwar bereits zum Fahrenden Volk, zu den sogenannten Vaganten, gehörte, allerdings ohne eine Maske und ohne eine Vorführung mit dieser Maske vor laufender Kamera keine echte Schauspielerin war.
Diese Erwägung ließ sie in ihrem Vorhaben schwanken, aber da ihre Narrheit größer war als ihre Vernunft, nahm sie sich vor, umgehend online eine Theatermaske, eine Persona, zu bestellen, sie sich zu ihrem ersten Hotel schicken zu lassen, in dem sie übernachten würde, und die Hotelangestellten zum Publikum ihrer ersten Aufführung zu ernennen. Selbstverständlich würde sie einen Videomacher engagieren, der ihre Performance aufnahm. Das beruhigte sie und sie setzte ihren Weg fort, ohne darauf zu achten, wohin. Das ließ sie Rosy entscheiden, als Ausdruck ihrer Überzeugung, gerade darin bestände das rechte Wesen der Vaganten9. Und sie begann ein ernstes Selbstgespräch: Sicher wird schon sehr bald jemand meine Biographie verfassen und darin von meinem Talent und meinen vielen Leinwanderfolgen berichten. Wer immer der Chronist sein und die Ehre haben wird, über mein Leben zu schreiben, wird ganz bestimmt auch über diesen Morgen ein Kapitel verfassen. Vielleicht mit etwa diesen Worten:
Kaum hatte von Osten noch vor den Morgensendungen der prächtige Sonnengott Apollo die weite Welt mit einem schmeichelnden Lächeln geweckt und kaum trat mit ihm die frische Aurora 10
auf den Bildschirm, als die berühmte Diva, Regina de la Mancia, aus den schlafwarmen Federn stieg und mit ihrer liebenswürdigen Rosy ihre legendäre Reise antrat.
Dann hauchte sie, als sei sie wirklich verliebt: „O Duccio, mein Duccio, Gebieter meines Herzens! Vergiss niemals, dass ich dich liebe und für dich so viel erleiden muss.“ Dabei bemühte sie sich, die schmachtende Sprache der bekanntesten Liebesfilme nachzuahmen, wie in Love Story (Arthur Hiller), The Crow - Die Krähe (Alex Proyas), Ghost - Nachricht von Sam (Jerry Zucker) … Bei Einbruch der Nacht und nachdem sie den ganzen Tag lang einfach der Nase nach gefahren war, fühlte sie sich dann doch recht erschöpft und mordshungrig. Im gleichen Augenblick sah sie ein Leuchtschild zu einem Motel, bog ab und kam gerade zur Blue Hour dort an. Vor der Rezeption standen zwei Männergestalten mittleren Alters, die nicht unbedingt vertrauenswürdig schienen. Es waren rauchende bulgarische LKW-Fahrer, die sich auf ihrem Weg in den Norden für diese Nacht zufällig in diesem Motel einquartiert hatten.
Da es Regina so schien, dass alles, was immer sie auch dachte, sah oder sich einbildete, trage sich so zu wie in den Filmen, die sie gesehen hatte, meinte sie, sie sei nicht in einem drittklassigen Motel gelandet, sondern bei einem Casting. Sie dachte doch tatsächlich, sie befände sich im Vorzimmer eines bekannten Agenten und alle Leute draußen seien Schauspieler, die Schlange standen, um für eine begehrte Rolle vorzusprechen. Regina parkte ihren Wagen vor dem Eingang und trat über die Türschwelle, sogleich in Erwartung des typischen Flüsterns und Raunens, das sich beim Erscheinen einer berühmten Persönlichkeit erhebt. Doch da war nichts. Die Umstehenden blieben still und nahmen kaum Notiz von ihr. Da läutete das Handy eines LKW-Fahrers – er hatte es eigentlich leise gestellt, weshalb das Handy nur vibrierte und einen leichten Summton von sich gab. Und zufällig murmelte der Angestellte am Motelempfang im selben Augenblick einer Putzfrau etwas in das Ohr.
Das hieß für Regina augenblicklich, dass alles so war, wie sie es sich wünschte, weshalb sie sich der Rezeption mit dem höchsten Vergnügen näherte. Als sie mit selbstbewusstem Staccato ihrer Absätze herantrat, schwiegen die Umstehenden. Regina, die aus dieser Stille auf Ängstlichkeit oder gar Ehrfurcht schloss, strich rasch die Haare aus dem müden Gesicht mit dem verlaufenen Make-Up und ließ sanft hören: „Bitte, Sie brauchen nichts zu befürchten. Ich bin hier wegen der Anhörung, wie Sie alle. Und wie Sie alle, werte Künstlerkollegen, möchte ich allein und schonungslos nach meinen schauspielerischen Leistungen beurteilt werden und nicht nach meiner Bekanntheit. Es gelten für alle die gleichen Auswahlbedingungen und wir alle werden einfach vorsprechen und unser Bestes geben. Es möge der Bessere die Rolle erhalten.“
Die Anwesenden blickten sie verlegen an und schwiegen weiter, aber sie konnten das Lachen nicht unterdrücken, waren sie doch als Künstler tituliert worden, ein Wort, das mit ihrem Beruf so gar nichts zu tun hatte. Das brachte Regina derart in Rage, dass sie Folgendes versetzte: „Die Tugendhaften verabscheuen Grobheit – ein derbes Lachen aus trivialen Motiven scheint ihnen zu geistlos. Ich will Sie damit allerdings nicht kränken.“ Die Trucker verstanden nicht und fanden Regina auch sonst recht schräg und verschroben, weshalb sie noch mehr lachen mussten, was wiederum Reginas Ärger steigerte. Es wäre wohl alles eskaliert, wäre in diesem Moment nicht der Motelleiter gekommen, ein Mann, der sehr mollig und deshalb auch sehr friedliebend war. Als er die seltsam groteske Situation erkannte, hätte er eigentlich lieber den bulgarischen Truckies beigepflichtet, doch da er im Grunde Regina und ihre verquere Sprache fürchtete, entschied er sich dafür, sie höflich zu behandeln.
„Wenn die gnädige Dame hier ein Zimmer sucht und mit einem sehr schlichten Einbettzimmer ohne eigenes Bad vorliebnehmen kann – denn die Zimmer mit eigenem Bad sind leider alle ausgebucht – so ist sie hier herzlich willkommen.“ Angesichts des zuvorkommenden Verhaltens des Castingleiters – denn dafür hielt sie den Moteldirektor – antwortete Regina: „Für mich, Herr Direktor, genügt alles. Mein Schmuck sind die Texte und mein Ausruhn ist die Aktion.“ „Na dann sind Sie hier ja richtig, gnädige Frau.“ Mit diesen Worten trug er Regina in das Register ein. Sie bat ihn noch, ihr Gepäck aus dem Auto in das Zimmer zu tragen und als der gute Mann den Rosthaufen sah, den sie liebevoll Rosy nannte und als das beste Pferd im Stall präsentierte, dachte er sich seinen Teil, kommentierte aber nicht. Als der Motelleiter mit dem Koffer in der Hand zurückkehrte, fragte er, ob der neue Gast etwas zu essen wünsche. „Ich würde gerne einen kleinen Imbiss zu mir nehmen“, antwortete Regina, „was es auch ist - denn ich merke jetzt, wie hungrig ich doch bin.“
Sie hatte inzwischen versucht, ihren Burberry-Regenmantel auszuziehen, doch irgendwie hatte er sich mit dem Kleid darunter verhakt und es gelang ihr einfach nicht, ihn aufzuknöpfen. Man hätte einige Knöpfe abschneiden müssen, um ihn zu öffnen, doch das fand Regina zu schade. Die Bulgaren, die sich bereits mit ihr angefreundet hatten, wollten ihr helfen, doch auch ihnen gelang es nicht, Regina den teuren Mantel über den Kopf abzustreifen. Währenddessen und aufgrund ihrer Einbildung, die LKW-Fahrer seien Schauspieler, die, wie sie selbst, auf das Vorsprechen warteten, wandte sie sich währenddessen mit höchst vornehmem Ausdruck an sie:
„Niemals ward einer Schauspielerin, wie jetzt Regina de la Mancia, so wohl geholfen von dienlichen Kollegen, wie heute. Sie kam aus ihrer fernen Stadt, doch wertvolle, teure Darsteller bemühten sich um sie.“ 11
Die Bulgaren, an solche Reden nicht gewöhnt, schwiegen etwas verlegen. Und so blieb sie den ganzen Abend, auch zu Tisch, in ihrem Burberry-Mantel, obwohl es im Speiseraum ziemlich warm war und sie unter dem gefütterten Popeline heftig schwitzte. Das war ein Bild für die Götter. Man stellte ihr wegen der kühleren Zugluft den Tisch vor die Tür des Restaurants und brachte ihr einen schlecht gebratenen Hamburger mit einem noch schlechteren Discount-Brot, so labbrig und abgestanden wie ihr verschwitzter Regenmantel. Es war trotzdem recht amüsant, zu sehen, wie sie aß, da sie sich in dem großen, irgendwie schief sitzenden Mantel nicht richtig rühren konnte, und es ihr schwer fiel, den Hamburger mit beiden Händen zum Mund zu führen. Sie bat den Kellner, den Hamburger für sie kleinzuschneiden und um einen Strohhalm für ihre Limonade, denn auch das Trinken war mühselig.
Währenddessen fuhr ein GTI vor das Motel. Selbst durch die Verglasung war die laute Musik zu hören: billiger Street-Hip Hop. Das bestärkte Regina vollends darin, dass sie auf einem bedeutenden Casting sei und der Tonmeister jetzt eingetroffen, sowie dass der Hamburger ein edles Lachsbrötchen, die Limo Evian-Mineralwasser, die Bulgaren Schauspieler und der Motelleiter der Castingleiter seien. Somit fand sie ihren Entschluss wegzufahren mehr als gelungen. Was ihr allerdings noch keine Ruhe ließ, war die Tatsache, noch keine Maske zu besitzen und noch nicht vor laufender Kamera vorgesprochen zu haben – denn sie glaubte, ohne Aufnahme eines Videos mit einer Theatermaske habe sie kein Recht, sich auf kommende Schauspieler-Abenteuer einzulassen.
8 S. 27
9 vgl. S. 28
10 vgl. S. 28
11 vgl. S. 32
Von diesem Gedanken gepeinigt, beendete sie ihr kärgliches Mahl, rief den Motelleiter und schloss sich mit ihm in der Abstellkammer ein, wo sie vor ihm auf die Knie fiel und sprach: „Werter Herr Agent und Castingleiter! Ich stehe nicht eher wieder auf, bis Sie mir nicht versprechen, mir den Gefallen tun, um den ich Sie jetzt bitten möchte.“
Der Motelleiter, der seinen Gast zu seinen Füßen sah, verwunderte sich sehr bei diesen Worten, schaute auf sie hinunter und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Er bat sie höflich, sich zu erheben.12
Doch Regina weigerte sich, bis der Motelleiter sich gezwungen sah, ihr entgegenzukommen und es ihr zu versprechen.
Er hatte etwas Pikantes erwartet, aber Regina fuhr so fort: „Ich wünsche von Ihnen nur, dass Sie morgen einen Videoproduzenten hierherrufen, der ein kleines Video von mir drehen soll. Heute Nacht werde ich eine Szene einstudieren und den Text auswendig lernen; und morgen wird sich erfüllen, wonach ich mich so sehr sehne. So kann ich dann durch alle Weltteile ziehen, kann Rollen spielen, Filme drehen und alle Abenteuer erleben, die auf eine Darstellerin, wie ich eine bin, warten.“ Der Moteldirektor war nicht auf den Kopf gefallen, und ihm schwante bereits, dass der neue Gast nicht ganz klar im Oberstübchen sei; und als er Regina so reden hörte, sah er sich in seinen Vermutungen bestätigt. Da er an diesem Abend nichts gegen einen kleinen Scherz hatte, entschloss er sich, auf Reginas Capricen einzugehen.
Er erwiderte deshalb, sie habe absolut Recht und ein solcher Plan sei für eine so begabte Schauspielerin, wie sie eine zu sein schien, ganz normal. Er selbst habe in seiner Jugend versucht, Schauspieler zu werden und habe bei Five Easy Pieces - Ein Mann sucht sich selbst (Bob Rafelson), Uhrwerk Orange - A Clockwork Orange, (Stanley Kubrick), Wie ein wilder Stier (Martin Scorsese) mit kleineren Rollen mitgespielt. Schließlich habe er den Entschluss gefasst, sich zurückzuziehen, hier in diesen Studios als Agent zu arbeiten und gut Kohle damit zu verdienen. Hier stöbere er alle noch unbekannten Newcomer unter den Talenten auf, ganz einerlei, mit welchem Background und welcher Erfahrung. Er mache dies lediglich aus großer Lust an der Sache und um sie zu fördern. Selbstverständlich auch, um etwas dabei zu verdienen, doch das sei nicht das Wichtigste. Er fügte an, dass es in der Nähe zwar keine Kameramänner gebe, oder gar Videoproduzenten, dass sein Neffe allerdings ein sehr gutes Handy hätte, mit dem man fernsehreife Videos drehen könne. Am nächsten Morgen könnte der Dreh also mit der gebührenden technischen Ausstattung ausgeführt werden, damit Regina endlich ihre Video-Taufe erhalte und so zur echten Schauspielerin werde, und zwar so echt, „dass in der Welt nichts echter sein könne“.13
Regina konnte ihr Glück nicht fassen. Sie bedankte sich, ging auf ihr Zimmer und bestellte umgehend online eine Persona, denn sie wollte das Video mit dem Monolog der Antigone von Sophokles aufnehmen lassen, etwas Klassisches. Mit dem Express-Service konnte sie mit einer Lieferung innerhalb der nächsten 12 Stunden rechnen, also noch vor Drehbeginn. Sie wählte eine weinende Maske, in einfachem Weiß, da sie fand, das habe Stil, Anspruch und Erhabenheit. Nach dieser Feuerprobe wäre sie, ihrer Meinung nach, für alle Filmrollen der Welt bereit. So begann sie mit dem Auswendiglernen des Monologs: „O Grab! O Brautbett! Unterirdische Behausung …“, sprach sie vor sich hin. Doch das Auswendiglernen war ziemlich anstrengend und ihr Zimmer stickig und klein. Außerdem gab es dort keinen richtig großen Wandspiegel.
Sie wanderte während des Rollenpaukens stundenlang neben dem Bett auf und ab und übte auch die Körperhaltung, konnte diese allerdings in dem kleinen Schrankspiegel nicht richtig kontrollieren. Da erinnerte sie sich an den hohen Spiegel im Korridor. Super! Ihr fiel nämlich bereits die Decke auf den Kopf. Sie setzte ihr Studium also im stillen, halbdunklen Flur weiter, wo sie vor dem breitflächigen Spiegel oft innehielt und den Text weiter aufsagte. Das tat sie leise, beinahe im Flüsterton, denn sie wollte ja die anderen Gäste nicht aufwecken.
Der Motelleiter hatte ihnen allerdings von Reginas verstiegener Idee, dem erwarteten Videodreh und der Maske erzählt. Sie wunderten sich über dieses verrückte Vorhaben, das ihnen merkwürdig vorkam, weshalb sie sie aus der Ferne beobachteten und sahen, wie sie mal lässig auf und ab ging, mal an einem Türpfosten gelehnt die Blicke in den Spiegel richtete und murmelnd den Mund seltsam verdrehte. Da wollte einer der Motelgäste, der sturzbetrunken in die Hall getorkelt war, zu seinem Zimmer weiter und kam dabei an Reginas Übspiegel vorbei. Als er sich darin im Vorbeitaumeln im Profil sah, blieb er stehen, trat einen Schritt zurück, drehte sich und begann, sich selbst die Zunge herauszustrecken und andere Faxen zu machen.
Regina sah das und reagierte darauf, indem sie ihn mit lauter Stimme ansprach:
„O du, wer auch immer du seiest, verwegener Pantomime, der du herankamst, um den Spiegel der begnadetsten Schauspielerin aller Zeiten zu berühren, siehe wohl zu, was du tust, und wage es ja nicht mehr, dich darin zu spiegeln, wenn du nicht das Leben lassen willst, zur Buße für deinen Frevel.“ Der Trunkenbold sorgte sich nicht um diese Worte – obwohl es besser gewesen wäre, er hätte sich gesorgt,14
und gestikulierte im Gegenteil immer heftiger vor dem mächtigen Zauberspiegel, sprang davor herum und alberte vor sich hin. Regina verdrehte die Augen und rief, sich in Gedanken an Duccio wendend: „Sei mir nah, mein Liebster! Lasse mich in dieser ersten Herausforderung nicht allein!“
Solch hochtrabende Rede schwingend, ließ sie die Blätter mit dem Text fallen, packte ihre Louis Vuitton-Handtasche mit beiden Händen und hieb dem Besoffenen damit derart auf den Kopf, dass er übel zugerichtet zu Boden stürzte und die Sinne verlor. Danach strich sich Regina ihr Nachthemd glatt und ihre Haare aus dem Gesicht und fing mit derselben Ruhe wie vorher wieder an, vor dem Spiegel zu üben und auf und ab zu wandeln.
Kurz darauf kam, ohne zu wissen, was vorgefallen war – denn der Saufpeter lag noch betäubt da – ein anderer, nichtsahnend, und wollte sich ebenfalls in dem Spiegel betrachten. Als er immer näher auf den Spiegel zukam, hob Regina erneut ihre nicht gerade kleine Handtasche und drosch damit heftig auf den Kopf des Unglücklichen ein.15
Stumm, diesmal und ohne seine Reaktion abzuwarten. Ob des Radaus kamen alle Gäste aus ihren Zimmern, auch der Motelleiter. Als Regina das sah, presste sie ihre Handtasche fest vor die Brust und rief: „O mein Duccio! Mein Herzallerliebster! Bitte weiche in dieser so brenzligen Situation nicht von meiner Seite! Richte deine Augen auf mich und verlasse mich nicht!“ Das flößte ihr so viel Mut ein, dass alle trunkenen Motelgäste der Welt sie nicht mehr ängstigen konnten.
Als die Reisegefährten den Mann am Boden und so übel zugerichtet sahen, begannen sie, Regina zu beschimpfen und sie mit allem zu bewerfen, was ihnen unter die Hand kam, Papiertaschentüchern, Handtüchern und leeren Bierdosen. Sie schützte sich jedoch so gut sie konnte mit ihrer Handtasche und wollte partout nicht vom Spiegel weichen. Der Motelleiter schrie, sie sollten sie gehen lassen, er habe ihnen doch schon gesagt, dass die Frau unzurechnungsfähig sei, und als solche würde sie freigesprochen werden, selbst wenn sie sie alle totschlüge. Auch Regina schrie, aber noch viel lauter. Nannte sie Parvenus, Schurken und Flegel; der Motelleiter sei ein feiger und rüder Wicht, da er es zulasse, dass wandernde Schauspieler, die seine Gäste seien, derart behandelt würden. „Aber ihr Gesindel, ihr seid meiner Aufmerksamkeit gar nicht wert! Werft nur nach mir mit allem Möglichen; ihr werdet schon noch sehen, wie ich es euch heimzahle.“
Sie legte so viel Feuer und Elan in ihre Worte, dass sie ihren Widersachern tatsächlich eine entsetzliche Angst einflößte. Sie hörten auf, Regina zu bewerfen und sie ließ es geschehen, dass die Verwundeten weggetragen wurden. Als sei nichts gewesen, nahm sie ihre Sprechübungen ruhig und gelassen wieder auf. Dem Motelleiter gefielen die Szenen seines neuen Gastes ganz und gar nicht. Er beschloss daher, Regina das verdammte Video gleich drehen zu lassen, bevor es zu einem neuen Zwischenfall käme. Er trat deshalb auf sie zu, entschuldigte sich für die Dreistheit der anderen Gäste und tat überrascht, da er sich ein derartiges Verhalten von Regina nie hätte vorstellen können. Es sei ihnen recht geschehen, und seiner Meinung nach würde eine Videoaufnahme mit seinem Smartphone völlig ausreichen, um Regina ganz offiziell in den Rang einer Schauspielerin zu erheben. Sie könne doch den Text bestimmt schon auswendig.
Regina fiel tatsächlich darauf herein und erklärte sich zu einer sofortigen Aufnahme bereit – auch ohne Maske, die ja erst am nächsten Morgen geliefert werden sollte, denn sie sei außer Stande, noch abzuwarten. Bei einem nochmaligen Angriff seitens der anderen Schauspieler würde sie wohl völlig in Rage geraten und wer weiß was anstellen. Sehr wahrscheinlich würde sie weitere Kollegen verletzen und sich nicht in Zaum halten können. Der Motelleiter sah sich gewarnt und tat ziemlich besorgt; er zückte eilig sein Smartphone, mit dem er noch vor einigen Stunden seine Geliebte während eines heißen Schäferstündchens in unzüchtigen Posen aufgenommen hatte, holte rasch noch einen pickligen Küchengehilfen zum Set, der im ersten Semester Bühnenbild studierte und sich auch sonst für Film und TV interessierte, und machte sich daran, Reginas Szene zu drehen.
Er befahl ihr, ihre Stellung einzunehmen, blätterte im Anwesenheitsregister des Motels, als ob er das Drehbuch durchsehe, erhob mitten im Lesen die Hand und befahl seinem Assistenten: „Ton ab! Klappe! Antigone, Szene 1, die Erste! Klapp! Set! Action!“ Und schon war die Motelhalle ein Set. Das Smartphone war auf Kamera gestellt und nahm alles auf, was Regina von sich gab. Sie gab sich wirklich große Mühe und der Motelleiter nickte ihr während der Aufnahme eifrig zu. Nachdem das Video und bis dahin nie gesehene Formalitäten so unerwartet schnell abgeschlossen waren, konnte Regina es kaum erwarten, mit Rosy weiterzufahren und auf der Suche nach passenden Rollen weiterzuziehen. Rasch nahm sie ihre Sachen, verstaute sie im Kofferraum, umarmte den Motelleiter und dankte ihm für den Gefallen, sie zur Schauspielerin gemacht zu haben, mit Worten, die so überdreht waren, dass sie hier schlichtweg nicht wiedergegeben werden können. Um Regina nur endlich loszuwerden, antwortete der Motelleiter im selben Ton, wenn auch deutlich kürzer angebunden. Und hieß sie mit Gottes Segen davonzuziehen, ohne Geld für die Übernachtung zu nehmen.
12 vgl. S. 34
13 S. 35
14 vgl. S. 37
15 vgl. S. 37
Es war gut eine Stunde vergangen, seitdem Regina das Motel verlassen hatte, und sie war so zufrieden, so frischen Mutes, sich offiziell, wenn auch ohne die Persona, zur Schauspielerin ernannt zu sehen, dass ihr das Vergnügen aus allen Poren, ja aus der Motorhaube ihres Autos herausplatzte. Allerdings war ihr beim Dreh bewusst geworden, dass sie unbedingt eine persönliche Assistentin brauchte, daher beschloss sie, nach Hause zurückzukehren. Sie würde eine Maskenbildnerin anstellen, eine ehemalige Arbeitskollegin und Freundin, die arm war und das Geld dringend benötigte, und sicher sehr zur Assistentin taugte.
Gedankenversunken nahm sie mit Rosy Kurs auf ihre Heimatstadt und sprach dabei halblaut: „Wohl kannst du dich glücklich schätzen über alle Männer der Erde, oh talentierter Duccio dal Tosco, denn auch deine Herzensdame, Regina de la Mancia, hat ihr Talent vor laufender Kamera bewiesen.“ Nach etwa 200 km hielt sie an einer Tankstelle an, denn Rosy hatte großen Durst. Dort kreuzte Reginas Weg eine lautstarke Schar von Leuten, die, wie sich später herausstellte, Teilnehmer einer Kaffeefahrt waren und vergnügt durch das Land fuhren. Es waren etwa 40 Busfahrgäste, die an der Tankstelle einen Kaffee trinken wollten und fröhlich plaudernd die Cafeteria in Beschlag genommen hatten. Kaum erblickte Regina diese Belegschaft, kam sie sich sofort vor wie in Easy Rider (Dennis Hopper) und mit ihrem Drang, die Geschichten, die sie in ihren Filmen gesehen hatte, zu imitieren, fasste sie die Situation als Gelegenheit auf, sie wirklich zu erleben. Also trat sie hoch aufgerichtet und selbstsicheren Blickes in das Tankstellencafé ein, setze sich an einen freien Platz und wartete auf den Einsatz der Rednecks, den lokalen Hinterwäldlern mit ländlichem Humor, denn dafür hielt sie die anderen Gäste.
Nach kurzem Abwarten erhob sich Regina, trat vor in die Mitte und sprach mit fester Stimme und stolzem Gebaren: „Alle Welt halte still“16, wenn nicht jeder bekennt, dass die Freiheit das Wichtigste im Leben ist. Wisst ihr, das war mal ein ganz herrliches Land. Ich kann nicht verstehen, was auf einmal damit los ist. Tja, wir können noch nicht einmal in ein zweitklassiges Motel, verstehst du? Die denken, wir schneiden ihnen die Kehle durch oder so was. Mann, sie haben Angst vor uns. Sie haben keine Angst vor dir, sie haben Angst vor dem, was du für sie repräsentierst. Ach nein. Alles, was wir für sie repräsentieren, ist nur jemand, der sich nicht die Haare schneidet. O nein! Was du für sie repräsentierst, ist Freiheit. Was haben sie denn gegen Freiheit? Darum dreht sich doch alles. Ja, ja, das ist richtig. Darum dreht sich wirklich alles. Aber von Freiheit reden und wirklich frei sein, das ist nicht dasselbe. Ich finde, es ist wirklich schwer, frei zu sein, wenn man verladen und verkauft wird wie eine Ware. Aber wehe du sagst jemand, er sei nicht frei, dann ist er sofort bereit, dich zu töten oder dich zum Krüppel zu schlagen, um zu beweisen, dass er frei ist. O ja, sie reden und reden und reden über individuelle Freiheit … aber sehen sie dann ein freies Individuum, kriegen sie es mit der Angst. Sie werden vor Angst nicht gerade weglaufen. Nein! Aber es macht sie gefährlich.“ (Easy Rider, Dennis Hopper)
Bei diesen Worten und dem Anblick der seltsamen Gestalt hielten die Kaffeefahrtgäste inne und erkannten sofort, dass die Frau nicht ganz richtig war, wollten aber doch genauer wissen, worauf das Bekenntnis abzielte, das sie von ihnen verlangte. Ein Witzbold aus der Gruppe ließ sich auf Regina ein:
„Verehrte Dame, wir wissen nicht, was Sie mit Freiheit meinen. Erklären Sie es uns, und wenn Sie uns mit Ihren Argumentationen überzeugen können, werden wir gutwillig und gerne das Bekenntnis ablegen, das Sie uns abverlangen.“ „Wenn ich euch alles erklärte“, entgegnete Regina, „was würdet ihr Großes tun? Ihr würdet eine offenkundige Wahrheit bekennen. Das wesentliche an der Sache ist doch gerade, dass ihr ganz ohne nähere Erläuterungen, diese Wahrheit glauben, bekennen und verfechten solltet.17
Wenn nicht, dann seid ihr mit mir auf Kollisionskurs. Ich werde es euch noch einbläuen, da das Recht auf meiner Seite ist, wie wichtig Freiheit ist.“
„Liebe Frau“, erwiderte der Kaffeefahrtteilnehmer, „ich bitte Sie hiermit freundlichst im Namen all der Fahrgäste, die hier versammelt sind, uns doch etwas mehr von Ihrem Glauben an die Freiheit zu berichten, damit wir leichten Gewissens zugeben können, dass Freiheit das Wichtigste im Leben ist. Wir würden uns auch mit einem mittelmäßigen, ja sogar mit einem lausigen Plädoyer zufriedengeben.“ „Die Freiheit ist des Menschen höchstes Gut und nichts Lausiges haftet an ihr“, antwortete Regina jäh von Zorn entflammt. „Nichts Mittelmäßiges geht von ihr aus, sondern Glück und Erhabenheit. Aber ihr sollt die ungeheure Lästerung büßen.“ Mit diesen Worten stürzte sie auf den Sprecher los, mit solcher Wut und solcher Wucht, dass es dem Unglücklichen übel ergangen wäre, wäre Regina nicht vom Tisch und den anderen Fahrgästen aufgehalten worden. Sie strauchelte, wollte sich wieder aufrichten – zu spät, sie fiel. Bei ihren vergeblichen Versuchen, sich wieder aufzurichten, keuchte sie fortwährend: „Ihr Feigen, ihr Elenden.“ Einem der Umstehenden wurde es schließlich zu bunt. Er stapfte auf sie zu, schnappte sich ein Milchkännchen vom Tisch und goss den gesamten Inhalt über Reginas Kopf. Die Milch triefte an ihr herunter. Rundum erhoben sich Stimmen, er solle den Blödsinn lassen und ihr lieber helfen und sich bei ihr entschuldigen; aber der Typ war ziemlich in Fahrt und wollte das Spiel nicht mehr aufgeben. Er nahm auch noch die anderen Milchkännchen von den restlichen Tischen und kippte deren Inhalt über Reginas blonde Haare aus, die trotz der Sturzbäche von Milch, die auf sie niederkamen, den Mund keinen Augenblick schloss und Drohungen gegen Himmel und Erde ausstieß18 gegen die vermeintlichen Rednecks und deren provinziellen Humor. Irgendwann hatte der gute Mann genug. Die Fahrgäste begaben sich wieder in ihren Bus und hatten für den Rest der Fahrt Stoff genug, um über die arme Freiheitsheldin herzuziehen.
