Reifegrade - Christoph Nesgen - E-Book

Reifegrade E-Book

Christoph Nesgen

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Beschreibung

Mit der Textsammlung "Reifegrade" veröffentlicht Christoph Nesgen sein drittes Buch. Neben lyrischen Texten und Anmerkungen sind in diesem Buch erstmals auch Prosatexte veröffentlicht.

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Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Christoph Nesgen, Jahrgang 1965, hat Bankkaufmann gelernt und Psychologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften studiert. Als Managementtrainer und Unternehmensberater arbeitet er für internationale Konzerne und war bisher in mehr als dreißig Ländern beruflich tätig. Darunter sind Länder wie Iran, Indien, Sudan, China oder Südafrika. Der Kontakt mit unterschiedlichen Kulturen und deren Menschen haben ihn stark geprägt.

Christoph Nesgen hat drei Kinder und ein Enkelkind, und er bemüht sich, ein begehrenswerter Lebensgefährte zu sein, der an guten Tagen Orientierung, Halt und Zuversicht versprüht. Daneben versucht er sich die Leichtigkeit und den Humor zu bewahren, Sinn und Unsinn ungefragt von sich zu geben und nach Möglichkeit nichts davon zurückzunehmen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1: Ouvertüre

bad hersfeld

Kapitel 2: Exposition

deine liebe

feuer

Heinrich Heine meets Bukarest

leere

ob du mir nah bist

vermissen

wenn der zweifel bohrt

wortlos

nach paris, ankara, istanbul, brüssel und …

lebensmüde

dub airport, »the gate clock bar«

endlich

Kapitel 3: Reprise

entrückt

flucht

herzensangelegenheit

neubeginn

Cogitare contra sentire?

unbekannt verzogen

zeitpunkte (für aristoteles und augustinus)

ich frage mich von zeit zu zeit

wartezeit

sonntagabend

einsamkeit

welche wege

beziehungsweise

südafrika

intermezzo

most and more

berlin

friedrich nietzsche reduziert

irgendwann

fortgerissen

wenn heute die welt unterginge

Kapitel 4: Coda

jahrgang einunddreißig

angekommen

sehr geehrter herr selbstmordattentäter

Kapitel

Kapitel

geständnis

Kapitel 5: Postludium

lästereien

fröhliches erotisches epos

Kapitel 6: Aus dem Romanfragment (Weitere Aussichten – nicht vorhersehbar)

Aus dem Romanfragment Weitere Aussichten – nicht vorhersehbar

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel 7: Fragmente aus den Tagebüchern (Zeitläufte)

einundsechzig – fünfundsechzig – zweiundsiebzig

ganz am ende

Vorwort

Seit der letzten Veröffentlichung, buchstäblich ungereimtheiten, sind wieder ein paar Jahre ins Land gezogen. Was ist seitdem passiert? Auf der einen Seite scheint sich die Erde schneller zu drehen, was sich darin zeigt, dass sich zum Atemholen kaum jemand Zeit nimmt. Auf der anderen Seite konfrontieren wir uns insgesamt auf einmal mit Themen, die gesellschaftlich schon lange als überwunden galten.

Dafür sind regelmäßige Windows- oder iOS-Updates auf einmal völlig normal. Aber trotz aller persönlicher Betriebssysteme sind Papier und Stift zur Betrachtung der kleinen Feinheiten des Augenblicks weiterhin einfach nicht wegzudenken – wohlgesonnene Konstanten am Wegesrand des Weltenlaufs.

In den Texten zu den »reifegraden« haben mich die Widerhaken des Alltags wieder motiviert, Momentaufnahmen zwischen den Zeilen zu verorten. Dieses Mal mehr gereimt als sonst – ob die ungereimten Kanten langsam abgeschliffen sind? Nicht unbeeinflusst hat mich beim Montieren der Texte für dieses Buch, dass sich einige Parameter meines Lebens entscheidend verändert haben.

So schließt sich der Gedankenzyklus von auf der suche über die buchstäblich(en) ungereimtheiten bis hin zu den reifegraden.

Nachdenklich macht mich allerdings in mancher Nacht, in der ich schweißgebadet aufwache, dass die Galaveranstaltung »Leben«, die uns hier unten bis zum Letzten in Atem hält, leider endlich ist. Es ist fast zu schön auf unserer Scholle, um wahr zu sein. Insbesondere wenn der Blick in den Pass verrät, dass der Zenit langsam überschritten ist.

Daher genieße ich es bis auf weiteres, mit den ausgesprochenen und unausgesprochenen Gedankenfetzen täglich jonglieren zu dürfen. Und diese auch weiter zum Besten zu geben.

Eitorf, November 2016

Christoph Nesgen

Kapitel 1: Ouvertüre

Die Ouvertüre ist der kompositorische Teil, der zur Eröffnung oder als Auftakt dient. Die Ouvertüre wird gewissermaßen bei geschlossenem Vorhang gespielt. Der Leser wird mit dem Grundtenor des zu Erwartenden vertraut gemacht und kommt in Kontakt mit besonderen Charakterzügen der Dichtung.

Ein Kaltstart, der nach dem Öffnen des Buchdeckels hoffentlich neugierig macht. Ein leichtes Geplänkel in der Buchstabensuppe.

ich mag die abendmaschinen

nach txl

wenn müde manager

ihre meeting-gewaschenen köpfe

in die lehnen pressen

der flieger halbvoll

melancholie in fünfundvierzig minuten

endlich zeit zwischen

tomatensaft – mit salz und pfeffer?

und

kaffee – mit zucker und milch?

den engen rock

der stewardess

gespannt

zu betrachten

die passagiere dösen

das klicken der

laptoptasten

klavierkonzertartig – saitenlos

… die obligatorische linkskurve

im landeanflug auf txl

schon setzen wir auf

vorbei ist der rausch

weißt du

wie viel sternlein stehen?

weißt du

wie viel ungeschehen

zieht vorbei an meiner hand?

weißt du

wie viel uhren gehen

nach und nach so mit der zeit?

weißt du

wie viel tage drehen

kreise im vorübergehen?

weißt du

wie viel augen sehen

heute trübe schon ins leere?

weißt du

wie viel ohren hören

doch kein rauschen rauer meere?

weißt du

wie viel doch trotz allem schon

zu viel sein kann?

bad hersfeld

bad hersfeld im regen

am ende der westlichen republik

bad hersfeld im regen

zeichen der zeit als replik

die grenze fiel leise

die mauer kracht laut

das leben zu billig

die straße kost’ maut

der regen tropft leise

auf nackte haut

bad hersfeld im regen

ist nicht mal mehr laut

Kapitel 2: Exposition

Die Exposition stellt das Hauptmaterial des thematischen Siedepunktes vor. Würde man die strengen Regeln einer Komposition anwenden, so gliederte sich besagtes thematisches Material in Hauptthema, Überleitung und Seitenthemen, die sich im Schlussakkord zusammenfinden. Es mag dem Leser überlassen sein, die Grundtonart für sich zu akzeptieren und die verborgenen Harmonien zu erkennen.

Oft besteht zwischen den Themen der Exposition ein charakterlicher Kontrast. Dieser wird auch Themendualismus genannt.

Bitte sehr!

auf einmal liegt das leben

wie glasscherben vor unseren füßen

was es war, ist mit lautem knall

– nicht zerstört –

schillernd gleich tausend facetten

glitzernder sonnenstrahlen

in dunklen wolken reflektierend

auf einmal liegt das leben

wie glasscherben vor unseren füßen

aus der form sowie aus dem rahmen gefallen

– unwiederbringbar –

verlockende scherben im spiel der farben

begründen sie scheinbar lieblich

die tiefsten schnittwunden aus blut und schmerz

auf einmal liegt das leben

wie glasscherben vor unseren füßen

das zusammenkehren alleine überfordert

– vermischt mit dem staub der zeit –

es verwischt unsere bohrende frage

nach dem »wer hat den ersten stein geworfen?«

zu einem »wie konnte ich es zulassen,

alles auf zwei schultern tragen zu wollen?«

»das unmögliche zu denken,

um das mögliche zu erreichen«

einer jener hundert motivationssprüche

– besser klingend als funktionierend –

die tiefe des augenblicks

in der die zwangsläufige erkenntnis

dass endlich alles richtig ist

von grund auf besitz ergreift

erweitert den eigensinnigen horizont

um das unmögliche

deine liebe

als ich an den stolpersteinen

des alltäglichen ins straucheln geriet

kamen wir uns fast abhanden

in der so plötzlich aufkommenden

sprachlosigkeit des schlecht

synchronisierten herzschlags

die liebe war nie in gefahr

weil sich die frage nie stellte

allein die gebrauchsanleitung ließ

interpretationen zu im

vermeintlich kleingedruckten

auf des messers schneide drohte

der tanz unserer eitelkeiten als

requiem des gemeinsamen

zu scheitern

im schutz der nicht mehr

endenden nacht entwich der

fluch des endgültigen einem

zauber des immerwährenden

benommen vom schmerz

des gewesenen entpuppte sich

der kern unserer liebe als unverletzbar

treibende kraft

noch brennen die wunden

unfassbar schleicht sich schmerz zwischen

jeden atemzug, der zu uns gehört

wie das irgendwann vernarbt sein

lass mich wieder wachsen an deiner

liebe, so herrlich getragen in den tagen

des nicht endenden sommers

feuer

wärst du ein loderndes feuer

ich würde mich verzehren lassen von deiner flamme

wärst du ein stürmisches gewitter

ich würde mich bis auf die haut nassregnen lassen

wärst du ein morgen im sommer

deine strahlen würden in meine haut einbrennen

wärst du ein reißender fluss

ich würde in deinen strudeln ertrinken

um herauszufinden, wie es wohl weitergeht

nach der zeit ohne raum, lautloses gleiten

nur den mut im marschgepäck

den aufprall vor augen

den stich noch im herzen

ohne raum und zeit

Heinrich Heine meets Bukarest

Als ich mit dir durch Bukarest zog

Der Stadt wahren Wurzeln entdecken

Mein Blick auch an deinen Augen nur hing

Erwartend deine Küsse zu schmecken

Der Schmelztiegel alt, die Geschichte ist jung

Im architektonisch, postkommunistischen Schein

Trotz aller Tristesse dieser verdammten Zeit

Wollt ich nur in deiner Nähe sein

Wir schauten zuerst den Piata Unirii

Mit seinen gigantischen Bauten

Wir folgten der Straße weiter hinab

Auf die kleinen Kostbarkeiten wir schauten

Die Geschichte der Stadt ist ziemlich verzwickt

Ich lief mir die Fußsohlen wund

Zum Piata Romana lenkt’ ich den Weg

Und tat meinen Wunsch dir dann kund

»Meine Holde«, so begann ich verlegen den Satz

»Wir können noch stundenlang schlendern

Doch bevor uns vor Müdigkeit Morpheus besiegt

Möcht ich das Ambiente schon ändern!«

Nachdem wir fast alles historisch geseh’n

Auch vom Neuen ließt du dich berühren

Doch jetzt lass uns endlich ins Hotelzimmer geh’n

Damit ich dich kann endlich verführen

leere

leere –

wo dein herz an meiner

seele lebensader war

kälte –

wo statt deiner wärme

eisiger wind um unsere häuser weht

ich wollte dich nie verlieren

du bist mir zwischen den fingern zerronnen

manchmal fürchte ich

mich vor meinem inneren

abgründen

wenn gletscherspalten

in mir klaffen

und kein ende sichtbar

angst beschleicht mich

wie eine zeitenwende

versickert geschaffenes

im nichts

die erinnerung verschwimmt

sehenden auges

ob du mir nah bist

ob du mir nah

bist, erläutert

sich nicht

an der frage

scheiden

sich die geister

ob du noch fern

bleibst, entscheidet

sich wohl

am ausgangspunkt

trittbrettfahren heißt

festen halt

im fahrtwind

spüren zwischen

stationen, deren

bahnsteige festen

halt verwehren

vermissen

weißt du