INHALTSVERZEICHNIS
IMPRESSUM 2
ALLEN MENSCHEN
IN EHRFURCHT 3
VORWORT 3
1 EINFÜHRUNG UND GRUNDGEDANKEN 5
2 ALLTAG UND MEDITATION 25
2.1 ALLTAG ALS AUSGANGSORT 29
2.1.1 Alltag unter der Lupe 30
2.1.2 Vom Erfassen der Wirklichkeit
(Verstand – Gefühl – Intuition) 39
2.1.3 Von der Grobmaschigkeit der Sprache
(und ihrer Unentbehrlichkeit) 52
2.2 MEDITATION ALS ÜBUNGSWEG 61
2.2.1 Kurzer historischer Überblick 70
2.2.2 Arten der Meditationspraxis 84
2.2.3 Meditationsablauf (exemplarisch) 97
2.2.4 Körper und Meditation 103
2.2.5 Von blockiert bis gelöst 112
2.3 ALLTAG ALS ZIELORT 118
2.3.1 Einüben von Achtsamkeit 120
2.3.2 Einüben der Herzensqualitäten 133
2.3.3 Meditative Alltagsübungen 149
2.3.4 Früchte der Meditation 156
3 KRAFTQUELLE 169
3.1 DER LEISE WINDHAUCH 176
3.2 VON DER UNMÖGLICHKEIT, AUS GOTT HERAUSZUFALLEN 180
4 WANDEL 207
4.1 BEWUSSTSEIN – ODER WAS HAST DU DIR
DABEI GEDACHT? 209
4.2 WAS HEISST REIFE? 222
4.2.1 Individuelles Reifen 230
4.2.2 Kollektives Reifen (zivilisatorischer Fortschritt) 284
4.2.3 Reifestadien (Modelle) 362
4.2.4 Die Individualisierung der Verantwortung 377
4.3 ENTWICKLUNGSAUSLÖSER 386
4.4 GEGENKRÄFTE 396
4.5 REGRESSION ODER UMWEG? 411
5 AUF DEN TOD HIN 431
5.1 WO LOSLASSEN UNERLÄSSLICH WIRD 452
5.2 WO REIFE ZUM VORSCHEIN KOMMT 466
5.3 DIE LETZTEN SCHRITTE 471
6 DRANBLEIBEN 484
6.1 TAUSEND UNSCHEINBARE TÜRCHEN 495
6.2 STILLE 502
6.3 DIE WELT BRAUCHT REIFE MENSCHEN 509
NACHWORT 528
LITERATURVERZEICHNIS 529
DANKSAGUNG 535
IMPRESSUM
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-363-5
ISBN e-book: 978-3-99107-364-2
Lektorat: Marie Schulz-Jungkenn
Umschlagfoto: Christian Striegel
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Martin Striegel,
Bild 6: Deutsche Stiftung
Weltbevölkerung
www.novumverlag.com
ALLEN MENSCHEN
IN EHRFURCHT
VORWORT
Ohne Reifen ist es wie in diesen Versen eines großen Dichters:
Denn Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste;
[ … ]
Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
geängstigter denn eine Erstlingsherde;
da draußen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen es nicht mehr.
[ … ]
Dort ist der Tod. Nicht jener, dessen Größe
sie in der Kindheit wundersam gestreift, –
der kleine Tod, wie man ihn dort begreift.
Ihr eigener hängt grün und ohne Süße
wie eine Frucht in ihnen, die nicht reift.1
1 Aus dem Stundenbuch von Rainer Maria Rilke, zit. in Rainer Maria Rilke, Die Gedichte,
S. 291–293.
Was heißt also reifer werden?
Als Erklärung möchte ich Titel für dieses Buch anführen,
die ich in Betracht zog und verwarf
(bitte langsam zu Gemüte führen):
ERWACHSENWERDEN FÜR ERWACHSENE
EINFACH SEIN IST (NICHT) LEICHT
DAS GROSSE LABYRINTH DER LIEBE
ALLEN ERNSTES VON HERZEN LACHEN
Sie verstehen schon, was ich meine.
Oder nicht, oder zumindest nicht ganz? Dann lade ich Sie auf eine Reise ein, um unterwegs das zuent-decken, was hinter den Worten liegt.
Beunruhigendes, Rätselhaftes, Bedenkenswertes, Anregendes und Beglückendes.
Unsere Reiseleiterin ist die Neugier, begleitet von ihrer großen Schwester, der Sehnsucht.
Die Sehnsucht, endlich klar zu sehen, was wir eigentlich wissen, und das zu sein, was wir eigentlich sind.
Und die Mutter von allen, die Liebe, wunderschön trotz ihrer Wunden, winkt uns entgegen.
1 EINFÜHRUNG UND GRUNDGEDANKEN
Wie alles, was lebt, dazu bestimmt ist, sich voll zu sich selbst zu entfalten, so auch der Mensch. Der Mensch aber wird, was er sein soll, nicht von selbst. Er wird es nur, wenn er sich selbst in die Hand nimmt, an sich arbeitet und sich zur Vollendung des Werkes ohne Unterlassübt. Das wichtigste Werk seines Lebens also ist er selbst, ER SELBST, als der „rechte Mensch“.
(Karlfried Graf Dürckheim, Psychologe,
Zen-Lehrer und Vermittler zwischen Ost und West)
Eine Welt, in der ein Mensch weniger leidet, ist eine bessere Welt.
(Caritas Schweiz)
Am ersten Tag deutete jeder auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag achteten wir nicht mehr auf die Kontinente. Wir sahen nur noch die Erde als den einen, ganzen Planeten.
(Sultan Ben Salman Al Saud, Astronaut)
Du bist zwar nicht verpflichtet, das Werk zu vollenden, aber es steht dir auch nicht frei, dich ihm zu entziehen.
(Aus der Mischna, einem Teil des jüdischen Talmuds)
Im Jahr 2016 fanden je eine Volksabstimmung und eine Präsidentschaftswahl statt, deren Ergebnisse nicht nur von historischer Tragweite sind, sondern die auch mich persönlich aufgewühlt haben. Die Rede ist von der Brexit-Abstimmung in Großbritannien und der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA. Ich fragte mich damals und frage mich heute: Wie konnte eine Mehrheit der Stimmenden (bzw. eine entscheidende Minderheit im Falle der USA, wo die Anzahl Wahlmänner und nicht die einfache Mehrheit der Stimmen ausschlaggebend ist) einen so offensichtlich unreifen Entscheid treffen? Unreif im Fall Großbritanniens in dem Sinn, dass das Land – langfristig betrachtet und unter Berücksichtigung aller mir vorliegenden Analysen, Zahlen und Fakten – unter dem Entscheid wirtschaftlich mit großer Wahrscheinlichkeit mehr leiden wird, als dass es davon profitiert; es isoliert sich auch in anderen, nicht-wirtschaftlichen Bereichen, der Zusammenhalt des Königreichs wird gefährdet und in Irland werden alte Gräben neu aufgerissen. Oder, im Fall von Trump, dass ein Mann, dem es an so vielen Eigenschaften mangelt, die von einem Staatspräsidenten in der Regel erwartet werden – Würde, Weitsicht, Sachkenntnis in politisch relevanten Themen sowie die Fähigkeit, seine Egozentrik zum Wohl der Nation etwas im Zaum zu halten –, dennoch mittels einer freien Wahl und in Kenntnis seines Charakters auf diesen Posten gehievt wurde? Ich schreibe dies 2020 und die Folgen sind noch nicht absehbar.2
2 Es soll hier nicht nahegelegt werden, dass Menschen, die für Trump oder Brexit gestimmt haben, per se unreif sind. Wer kann schon aufgrund einer einzigen Handlung, noch dazu ohne Kenntnis der Umstände und Hintergründe, die zu dieser führten, über eine Person ein vertretbares Urteil fällen? Und überhaupt geht es weder hier noch im Folgenden darum, den Reifegrad irgendeines Menschen bestimmen zu wollen.
Auch weitere politische Erfolge von Populisten – etwa in den Philippinen, Polen, Ungarn und Brasilien – sowie deren Vormarsch in anderen Ländern stellen mich vor dieselbe Frage. Wieso gibt es derart viele Menschen, die so naiv sind, dass sie den simplizistischen und kaum einzuhaltenden Lösungsversprechungen dieser Politiker vertrauen und diesen ihre Stimme geben? Oder werden sie von anderen, selbstsüchtigen Motiven geleitet? Wählen sie mehr aus einer Stimmungslage heraus als mit dem Verstand? Wird ihre Stimmabgabe von Ressentiments – gegen das Establishment, gegen die Elite – diktiert? Direkt verbunden mit diesem Phänomen ist die Sturmflut von Obszönitäten, Verunglimpfungen, Hasstiraden und bewusster Lügen, die über die Landschaft der sozialen Medien, Online-Medien und sogar teilweise der Print-Medien in den letzten Jahren hereingebrochen ist. Als hätte sich der Deckel einer Büchse voller weltweit angestauter Neidgefühle, Ressentiments und Frustrationen geöffnet und sich der toxische Inhalt – wie bei der Büchse der Pandora – nicht mehr zurückhalten lassen und in alle Winde zerstreut …
Noch ernster: Der Klimawandel und das dadurch mitverursachte, extrem beschleunigte Massensterben und teils auch Aussterben von Pflanzen- und Tierarten bringen diverse Ökosysteme stets mehr aus dem Gleichgewicht, gefährden verschiedene Nahrungsketten und somit – zusammen mit dem steigenden Meeresspiegel – die Lebensgrundlage eines signifikanten Teils der Menschheit. Bekanntlich werden abstrakte Erklärungen und Statistiken zwar zur Kenntnis genommen;aufrüttelnjedoch lassen sich die meisten von uns erst durch wiederholt vor Augen geführte drastische Beispiele. Das Abholzen der Regenwälder oder das Absterben der Korallenriffe gehören inzwischen zum Allgemeinwissen – betrachten wir deshalb zwei weniger bekannte Einzelfälle, die überdies den Zusammenhang zwischen Klimazerrüttung und Massensterben illustrieren:
Im Jahr 2015 verendeten auf einer ca. 20 km2großen Grasfläche in Kasachstan innerhalb von nur einer Woche rund 200’000 Saiga-Antilopen. Dass sie sich gegenseitig mit einer Krankheit angesteckt hatten, war ausgeschlossen; dafür war der Zeitraum zu kurz. Obduktionen ergaben einen anderen Befund. In den Mandeln dieser Antilopen leben Bakterien der ArtPasteurella multocida, die unter normalen Umständen für die Tiere unschädlich sind. Aufgrund einer Hitzewelle in der Region, mit Temperaturen um die 37 °C, und einer extrem hohen Luftfeuchtigkeit, hatten sich die Bakterien jedoch derart vermehrt, dass sie bei ihren Wirten eine tödliche Blutvergiftung auslösten.
Zwei Jahre zuvor, 2013, verrotteten an der amerikanischen Westküste bis hinauf nach Alaska Hunderte von Millionen Seesterne – über 20 Arten waren betroffen – zu einem weißlichen Brei. Was war geschehen? Die klimabedingte Erwärmung des Pazifiks hatte die Tiere geschwächt und ein zuvor harmloses Virus in ihrem Körper virulenter werden lassen.3
3Beide Beispiele aus Fred Hageneder,Happy Planet, S. 67–68.
Vor der Jahrtausendwende warnten bloß Spezialisten vor der Gefahr der Klimaerwärmung und den drohenden ökologischen Katastrophen, heute ist dies Allgemeinwissen. Vor 2020 warnten bloß Spezialisten vor der Gefahr von Pandemien, heute ist dies Allgemeinwissen. Die globale Rezession als Folge der Coronakrise droht das zuvor schon inakzeptable Reich-Arm-Gefälle, das entsprechende Konfliktpotenzial und den dadurch verursachten Migrationsdruck weiter zu verschärfen. Zu den weltweit tickenden Zeitbomben zählen ferner (mehr als nur metaphorisch) die Entwicklung und Anhäufung von Waffen mit einer solch unvorstellbaren Vernichtungskraft, dass eine einzige davon, wenn eingesetzt, über irgendein „vernünftiges“ strategisches Ziel um ein Vielfaches hinausschießen würde.Und doch wird das weitgehend als normal hingenommen.
Es gibt immer noch eine enorm große Anzahl Menschen, die selbst in Kenntnis dieser und weiterer globaler Bedrohungen sowie bei mindestens verschwommener Wahrnehmung des eigenen Unwohlseins nicht bereit sind oder es schlicht nicht schaffen, ihre Denk- und Lebensweise entsprechend anzupassen. Wie dies im vorliegenden Buch begründet werden soll, ist das ein Zeichen vonmangelnderReife(kein Grund, liebe Leserinnen und Leser, für voreilige Abwehrreaktionen oder Minderwertigkeitsgefühle – Sie und ich und zahllose andere sitzen da im gleichen Boot). „Mangelnd“ nicht gemessen an irgendwelchen von außen aufgestülpten Normen, sondern schlicht an den konkreten Anforderungen an ein verantwortungsvolles Leben im 21. Jahrhundert. Noch gravierender wird die Problematik, sobald uns klar wird, dass die Diagnose „mangelnde Reife“ weltweit auch auf die Mehrheit der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger zutrifft. Das Krankheitsbild ist also gezeichnet.
Hat die Coronakrise etwas an dieser Diagnose geändert? Wir sind aufgerüttelt worden, zweifellos. In vielerlei Hinsicht wird die Welt post-Corona nicht mehr dieselbe sein wie zuvor. Vielleicht kommt es zu Fortschritten, die bis anhin bloß angedacht und diskutiert wurden – etwa bei der Arbeitslosenabsicherung, der Mobilität oder der Energiegewinnung (falls sich beispielsweise die Kohlen- und Erdölindustrie nicht mehr von der Krise erholen). Möglicherweise wird sich angesichts der weltumspannenden Wirtschaftskrise, welche die Pandemie verursacht hat, die Vordringlichkeit von Solidarität stärker einprägen. Die gezwungenermaßen weniger hektische Gangart des Lockdowns könnte bei vielen tatsächlich einen Gesinnungswandel auslösen. Die Zukunft wird es weisen. Gemäß Epidemiologen ist das Risiko groß, dass es infolge weiterer Virenmutationen künftig wiederholt zu Pandemien dieser Art kommen wird. Werden wir vorbereitet sein? Werden wir insgesamt ein Stückchen reifer geworden sein?
Was im Einzelnen unter Reife verstanden wird, soll in diesem Buch ausführlich beleuchtet werden. Als Ausgangspunkt habe ich drei Qualitäten gewählt, die meines Erachtens zentrale Kennzeichen einer reifen Person darstellen, nämlichWeisheit,GüteundÜbernahme vonVerantwortung(Eigen- und Mitverantwortung). BeimReifungsprozessgeht es demnach um ein Heranwachsen dieser Qualitäten. Was das auf der Alltagsebene bedeutet, wird speziell im Kapitel „Individuelles Reifen“ verdeutlicht, wo diese Grundaspekte in verschiedene konkrete Ausprägungen heruntergebrochen werden. Es soll dabei auch klargemacht werden, dass es kein Weiß oder Schwarz, kein Reif oder Unreif gibt. Wir sind alle unterwegs.
Betrachtet wird das Reifen aber nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Stufe. Insbesondere angesichts der oben aufgelisteten Gefahren, kombiniert mit der gängigen Art der Medienberichterstattung, kommen viele Menschen heute zum Schluss, die Welt werde immer schlechter. Schlägt man einen großen historischen Bogen, so zeigt sich jedoch, dass sich die Lage der Menschheit als Ganzes auf vielen Kerngebieten nicht nur in materieller, sondern auch in nichtmaterieller Hinsicht deutlich verbessert hat (wobei immer noch allzu viele Bevölkerungsteile und Einzelpersonen von diesen Fortschritten ausgeschlossen sind oder höchstens marginal daran teilhaben). Beispiele dieses Fortschritts: Ächtung und weitreichende Abschaffung der Sklaverei („Sklaverei“ im Vollsinn des Wortes), Bildung und medizinische Grundversorgung für einen stetig wachsenden Anteil der Menschheit, Verringerung der Macht und Verfügungsgewalt von wenigen Menschen über viele dank der Demokratisierung, zunehmende Möglichkeiten und Rechte für Frauen, humanere und weniger willkürliche Rechtsprechung (vor 200 Jahren konnte ein Schafsdieb in England noch gehängt werden), seit 1945 kaum noch Eroberungsfeldzüge zwischen den Nationen und anderes mehr. Dies alles zeugt von einem – wenn auch weder rasch noch geradlinig noch allumfassend verlaufenden –Reifungsprozess der Menschheit(Kapitel 4.2.2). In die genannten Richtungen weitergehen kann der Prozess allerdings nur, wenn die vordringlichen globalen Gefahren erkannt und in breitem Maße angegangen werden – was das deutlichste Zeichen einer weiterhin reifenden Menschheit darstellen würde.
Auf politischer Ebene genügt es offensichtlich nicht mehr, einfach auf Führungspersönlichkeiten oder Regierungen zu hoffen, die es, wie man sagt, schon richten werden. Es braucht vielmehr dasMitwirkeneinergenügend großen Anzahl„reifer“, das heißt auchverantwortungsbewusster Menschen. Es gibt Anzeichen, dass dies teilweise schon passiert: Immer mehr Gruppierungen bilden sich rasch, dezentral und mit wenig bis keinem hierarchischen Machtgefüge und werden durchaus wirksam, auch dank den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten. Dies gilt jedoch nicht nur für Gruppierungen, die aufbauend, kooperativ und zusammenführend wirken. Auch solche, die herabwürdigend, konfrontativ und spaltend wirksam sind, profitieren von diesen Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten.
Ferner soll aufgezeigt werden, dass sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich ein Reifeprozess, im Gegensatz etwa zum Heranreifen eines Apfels, nicht von selber abläuft. Es braucht Anstöße von außen – zumeist leidvolle, die uns aus unserer Komfortzone stoßen – und danach ein bewusstes Mitwirken unsererseits. Außerdem verläuft kein Reifeweg geradlinig oder gleichmäßig. Wir verirren uns und lassen uns auf Abwege locken oder von Gegenkräften blockieren. Von einer einmal erreichten Reifestufe (beispielsweise in Sachen „Güte“) können wir unter bestimmten Umständen auf eine weniger hoch entwickelte Stufe zurückfallen. Diese Punkte werden in den Kapiteln 4.3 bis 4.5 beleuchtet.
Ein mögliches Missverständnis soll an dieser Stelle im Keim erstickt werden:Reifebedeutetkeinesfalls Vollkommenheit. Vollkommenheit als Mensch ist eine Illusion. Unser jeweiliger Reifegrad hingegen ist eine Realität bzw. ein Zwischenstand in einem Entwicklungsprozess. Irgendwo auf der Reifeskala stehen wir in jeder Phase unseres Lebens. Bei uns selbst können wir durch ehrliche Innenschau einigermaßen feststellen, in welchen Bereichen unserer Persönlichkeit wir gewachsen sind und, vor allem, wo noch Arbeit ansteht. Hingegen sind Versuche, andere Menschen einzuschätzen, von zweifelhaftem Wert. Zu sehr lassen wir uns von Fassaden blenden, zu wenig tief können wir ins Innere anderer blicken, zu wenig wissen wir Bescheid über ihre Vorgeschichte und über das, was sie im Leben gezeichnet hat. Wir fühlen uns zwar in der Gegenwart einer deutlich gereiften Person generell wohl und spüren andererseits das Unwohlsein und das unechte Gebaren einer Person, die anscheinend eine solche Reife noch nicht erreicht hat. Dennoch sollten wir davon absehen, über den Entwicklungsgrad anderer Menschen zu urteilen. Zu groß ist die Gefahr, dass uns ein solches Urteil einen unmittelbaren Zugang zu dieser Person versperrt.
Selbstkenntnis ist also einer der Schlüssel.Ohne zunehmende Selbstkenntnisfindetkein Reifen statt.Und die Voraussetzung hierfür ist einwacher und fokussierter werdendes Bewusstsein. Nicht nur nach außen, sondern eben auch nach innen. Wir alle geraten früher oder später in Situationen, die uns schmerzhaft unsere eigenen Schwächen, Illusionen und blinden Flecken aufzeigen. Wenn nötig so oft, bis wir nicht anders können, als ihnen ins Gesicht zu schauen. So würde man zumindest meinen. Wie leicht aber schauen wir selbst nach wiederholten Krisen nur nach außen, bloß um einen unverstellten Blick nach innen zu vermeiden. Wir empfinden uns als Opfer und weisen alle „Schuld“ an den Widerwärtigkeiten in unserem Leben den Mitmenschen, der Gesellschaft oder ganz einfach dem Schicksal zu. Und sehen keinen Grund, unser eigenes Verhalten zu ändern (die anderen – meine Partnerin oder mein Partner, meine Familienmitglieder, meine dumpfen Mitmenschen, die machthungrigen Politiker, die bösen Konzerne, die arrogante Elite – sie sollen sich ändern). Oder aber wir bemühen uns doch, klarere Einsichten in unsere guten und weniger guten Persönlichkeitsmerkmale zu gewinnen (ohne dass dies zu einer obsessiven Nabelschau auswächst). Wir erkennen dann sukzessive jene Elemente in unserer seelisch-geistigen Struktur, die unser zumeist reaktives und konditioniertes Verhalten mitbestimmen. Wir begreifen unsere eigene – mal größere, mal kleinere – Rolle in dem, was uns zustößt. Ferner bekommen wir eine Ahnung dessen, was noch unverdaut und unaufgearbeitet in unserem Schattenbereich lauert.
Außenstehende, besonders Freunde, können uns mit ihren zahlreichen direkten und indirekten Hinweisen bei diesem Prozess unterstützen. Therapien können helfen. Es gibt jedoch auch eine seit Jahrtausenden bestehende Praxis, die den Selbsterkennungs- und damit den Reifungsprozess entscheidend voranbringt, und das ist dieMeditation.
Die Bezeichnung „Meditation“ soll hier als Sammelbegriff verwendet werden. Gemeint istjede Praxis, bei der ein Wechsel von pausenlosem Tun zu wachem Sein stattfindet. Dieses „Sein“ kann auch mit Bedacht ausgeführte Bewegungen beinhalten. Sie umfasst somit neben der Sitzmeditation auch meditativ ausgerichtetes Yoga, Qi Gong, das kontemplative Gebet und weitere Formen der Sammlung, Versenkung und (wortlosen) Andacht. Meditation ist ein Weg, der mittels Stille und Wachsein in jenen inneren Raum führt, der zumeist durch Automatismen, Alltagshektik und emotionalen Wellengang verdeckt ist. Einen Raum, aus dem heraus wir entspannter, achtsamer und mit mehr Mitgefühl uns selbst und anderen gegenüber leben können. Meditation ist nicht kompliziert. Ähnlich wie beim Fitnesstraining für den Körper ist die gewählte Methode zweitrangig. Wichtig ist das kontinuierliche Dranbleiben. Man lernt dabei, der Stille zu vertrauen. Sie lässt eine innere Weite entstehen, aus der intuitive Einsichten und mitfühlendes Verständnis leichter aufsteigen können. Ausführungen hierzu finden Sie in den Kapiteln 2.2 bis 2.3.4.
Bevor wir uns jedoch mit diesem Themenbereich befassen, wenden wir uns dem Ausgangspunkt und dem Endpunkt eines jeglichen Reifeprozesses zu, nämlich unseremAlltag(Kapitel 2.1 und 2.3). Was nehmen wir wahr? Was gehtinuns Augenblick für Augenblick vor? Wie wirkt sich das auf unser Sprechen und Handeln aus? Wir sind bekanntlich geprägt von unseren genetischen Gegebenheiten sowie von unserer Erziehung und Umwelt. Zusammen mit den gesammelten Erfahrungen führen diese Faktoren zu Gewohnheiten und Automatismen bei unserem täglichen Tun und Lassen – und zwar je länger wir leben, desto mehr. Wie viel Raum bleibt da noch für freie Entscheide? Können wir die immer stärker ausgetretenen Pfade unserer gewohnheitsmäßigen Muster einfach verlassen und in unserer Denk-, Fühl- und Verhaltensweise Neuland betreten? Denn das würde Wandel bedeuten. Und wenn Wandel stattfindet, zu wie viel Prozent ist er unser Verdienst, zu wie viel Prozent „Geschenk“ (so wie das Leben selbst Geschenk ist)? Einem Geschenk, dem wir uns einfach öffnen müssen, indem wir unsere Widerstände aufgeben?
Dies bringt uns zu einer weiteren Dimension unserer Wirklichkeit, nämlich dem Fundament von allem sowie der Kraftquelle für unsere Entwicklung. Was trägt uns letztlich? Was hält alles zusammen? Woher kommt die Energie, von der auch alles Materielle bloß eine verdichtete Form darstellt? Woher das Leben, woher das Bewusstsein? Wohin führt unser Leben, wohin führt die gesamte Evolution? Was gibt all diesem einen Sinn?
In allen Kulturen waren es über die Jahrhunderte primär die Religionen, die mittels Mythen, Theologien und Philosophien mehr oder weniger systematische Antworten auf derartige Fragen anboten. Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert (als sich die Philosophie und andere Wissenschaften endgültig aus der Schirmherrschaft der Religion lösten), der Evolutionstheorie im 19. Jahrhundert und der Verbreitung und Vertiefung der Psychologie sowie dem exponentiellen Zuwachs an Kenntnissen in den Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert kamen weitere Erklärungsmodelle hinzu. Zum Teil traten sie mit den Religionen in Konkurrenz, zum Teil ergänzten sie diese und zwangen sie zum Weiter- bzw. Umdenken (ein Prozess, dem sich die fundamentalistischen Stränge der Religionen bis heute größtenteils verweigern). Im 20. Jahrhundert kam es auch zu einem weiteren, nie zuvor dagewesenen Phänomen: eine materialistische Welterklärung verbunden mit einem politisch aufgezwungenen Atheismus. Erfasst davon wurden zeitweise halb Europa und ein wesentlicher Teil Asiens (insbesondere die Sowjetunion und der von ihr abhängige Ostblock, Albanien, China und Nordkorea, kurzzeitig auch Kambodscha). Die zugrundeliegende Ideologie erwies sich aber als nicht durchsetzungsfähig. Oder anders gesagt: Der Urdrang der Menschen nach einer spirituellen Dimension erwies sich als stärker. In all diesen Ländern (außer Nordkorea) wird Religion von den Machthabern inzwischen wieder toleriert oder sogar, in ihrem Sinne zwar, gefördert.
In der westlichen Welt hat sich die religiös-spirituelle Landschaft auch nachhaltig verändert – nicht als Folge von Zwang, sondern aufgrund der Säkularisierung. Religion ist nicht, wie manche im 20. Jahrhundert voraussagten, verschwunden, aber sie befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess; tendenziell weg von institutionsgebundener Ausübung und hin zu mehr individualisierter Spiritualität. Im Kielwasser des Westens zeigen sich Ansätze dieses Wandels – teils unter der Oberfläche – auch in weiten Teilen der restlichen Welt. Wie sich dieser Wandel vollzieht und warum die spirituelle Dimension als Kraftquelle und Orientierungshilfe beim Reifen der Menschen so wichtig ist, wird in den Kapiteln 3 bis 3.2 erläutert.
Alle Menschenwerdenälter.4Aber nicht alle werden dabei spürbar reifer. Um dies festzustellen, genügt zumeist ein Blick in das eigene Familienumfeld sowie in den Bekanntenkreis: Viele Menschen gehen auf das Ende ihres Lebens zu und treten dann von der Bühne ab, ohne merkliche Zeichen der Reifung erkennen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Wir alle haben schon verbittert, argwöhnisch oder stumpf gewordene alte Menschen erlebt. Oder solche, die in ihrer Bedürftigkeit auf die Ebene eines Kleinkindes zurückgefallen sind (Demenzkranke sind hier nicht gemeint, denn Demenz ist ein neurologischer Zerfallsprozess, auf den die Betroffenen keinen Einfluss haben). Sind diese Personen in ihrem Menschsein letztlich gescheitert? Oder geht der Prozess auch nach dem Tod weiter, sei es durch Wiedergeburt oder als weiteres Sein in einer anderen Dimension? Was sind ferner die besonderen Schwierigkeiten und Chancen auf dem Reifungsweg im Alter, wo sich die Prioritäten im Leben oft notgedrungen verschieben? Und wie steht es um den Sterbeprozess, bei dem Zeugenberichten zufolge gerade in den letzten Tagen, ja manchmal sogar Stunden vor dem Tod ein tiefgreifender innerer Wandel stattfinden kann? All dies gehört zur Thematik der Kapitel 5 bis 5.3.
4 Natürlich sterben manche jung, sogar schon als Kinder oder Babys. Der Frage, was einem solch kurzen Leben als Sinn abzugewinnen sein könnte, wird im Kapitel „Die letzten Schritte“ nachgegangen.
Führen wir die Schwerpunkte des Buches hier kurz zusammen:Was geht in meinem Innerenvon Augenblick zu Augenblickvorundwie wirkt sich das auf mein Handeln aus? Wie kann eine im weitesten Sinn verstandeneMeditationspraxis einen Wandel hin zu wachsender Reife unterstützen?Was ist überhaupt Reife undwas sind dieMerkmale eines gereiften Menschen? Ferner:Lässt sich einkollektives Reifenoder, anders gesagt, ein (nichtmaterieller) zivilisatorischer Fortschritt in der Geschichte der Menschheitfeststellen und belegen? (Die Antwort lautet „ja“.) Und schließlich:Was ist dasFundament, auf dem unser Sein und damit auch unsere Entwicklung gründen? Diese Fragen bilden den Bogen, der das ganze Buch umspannt.
Innerhalb dieses Bogens werden sich folgende drei Bilder ab und zu als hilfreich erweisen:
Stellen Sie sich zunächst einmal ein riesiges, unvorstellbar reichhaltiges Puzzle, ein Zusammensetzspiel, vor. Jedes Puzzleteilchen – und dazu zählen Sie und ich und alle anderen Menschen und Naturerscheinungen – ist sowohl einzigartig als auch für das Ganze unentbehrlich. Sie kennen dies wahrscheinlich aus eigener Erfahrung: Selbst das größte Puzzle, bei dem auch nur ein Stück fehlt, wirkt bereits auf den ersten Blick unvollständig. Alle Menschen, aber auch alle anderen Erscheinungen im Kosmos haben also ihren je eigenen Platz im Gesamtbild. Aber finden wir den unsrigen? Oder bleiben wir, gefühlt, ein einsames, isoliertes Stückchen? Dabei muss berücksichtigt werden, dass das kosmische Puzzle noch nicht fertiggestellt ist. Es ist „work in progress“. Auch ich als Teilchen bin noch nicht vollendet; auch ich bin am Werden. Alles jedoch, was wir denken, sagen und tun, fügt Elemente zum Gesamtwerk hinzu.
Jetzt kommen also BewegungundEntwicklung hinzu, und dafür wechseln wir zu einem zweiten Bild: Wir sind keine unbeweglichen Teilchen mehr, sondern Tänzerinnen und Tänzer, die – ob wir es wollen oder nicht – am kosmischen Tanz teilnehmen. Viele unserer Schritte sind durch die Musik um uns und in uns vorgegeben. Wir hören auf verschiedene Melodien und Rhythmen und schauen Mittänzern ihre Schritte ab. Wir stolpern, wir fallen, wir lernen hinzu. Wir klammern uns an kleine Arrangements, bis wir merken, dass sie im Gesamtgefüge stören – manchmal auch stur darüber hinaus. Oft halten uns Fesseln daran zurück, frei zu tanzen. Es liegt dann an uns, bei den Verstrickungen zu unterscheiden, welche davon uns von außen und welche von uns selbst angelegt wurden, und entsprechende Lösungen zu suchen. Unlösbar fesseln lässt sich aber höchstens der Körper, nicht die Seele oder der Geist. So könn(t)en wir stets, als Mitgestalter des kosmischen Tanzes, eigene Bewegungsabläufe schaffen und durch Übung verfeinern, womit wir auch andere beeinflussen. Ein Gesamtwerk, dessen Harmonie und Majestät seit Beginn in Spuren durchschimmert, ist am Entstehen. Die Choreographin weist uns unaufdringlich an, aber ihre Stimme ist leise.
Schließlich kommt Wachstum dazu, und dafür benötigen wir ein drittes Bild: ein aus unzähligen Zellen und Zellverbänden bestehender Gesamtorganismus. Dieser Gesamtorganismus ist mit Bewusstsein undIntelligenz ausgestattet, an denen seine Bestandteile in verschiedenem Maß teilhaben. Die einzelnen Zellen und Zellverbände haben mit Krankheit zu kämpfen und Konflikte zu bewältigen. Und doch ist der Gesamtorganismus (die Natur, der Kosmos und mehr), dem wir alle zwar untrennbar angehören, den wir jedoch höchstens erahnen und in Bruchstücken wahrnehmen können, von einer solchen Erhabenheit und Schönheit, dass er in klaren Momenten Ehrfurcht und gleichzeitig Demut und Funken von unaussprechlicher Freude hervorrufen kann.
Zellen, Tänzerinnen und Tänzer sowie Puzzleteilchen sind auf Verbundenheit und Bezogenheit ausgerichtet; isoliert ergeben sie keinen Sinn. Man kann noch weiter gehen und sagen, „Sein“ in Isolation gibt es nicht. „Sein“ bedeutet immer „Sein in Beziehung“. Dies ist viel mehr als eine abstrakte Behauptung. Es ist eine so naheliegende Tatsache, dass wir sie vor lauter Nähe kaum noch wahrnehmen. Überprüfen Sie es selbst: Auch wenn Sie physisch allein sind, sind Sie im Tun, mit dem Körper, den Gedanken oder den Gefühlen dauernd mit einem Gegenstand, einer Idee oder einem anderen Lebewesen – einem fernen oder nahen, fiktiven oder reellen, lebenden oder verstorbenen – in Beziehung. Unser Beziehungsgeschehen umzugestalten – von unbewussten zu bewussten, geträumten zu realen, unguten zu guten Beziehungen; anders gesagt, von Ablehnung, Gleichgültigkeit oder Fantasieblasen zu realitätsbezogener Güte und Liebe – darum geht es in diesem Buch, darum geht es im Leben. Alles ist mit allem verbunden – wie bei einem Zusammensetzspiel, einem gemeinschaftlichen Tanz oder einem Organismus. Dies ist etwas, das Mystiker aller Zeiten und Kulturen schon gespürt haben und das Quantenphysiker heute bestätigen.
Dieser Beziehungswirklichkeit in ihrem unendlich komplexen Werden und Wesen ist – für den Alltagsgebrauch5 – nicht anders beizukommen, als durch einen Wechsel von Bild zu Bild. Immer im Bewusstsein, dass jedes Bild nur eine vereinfachende Annäherung ist. Auf dieser Feststellung gründet auch die Verwendung von narrativen, poetischen und paradoxen Elementen im gesamten Buch. Sie lassen vieles, bei dem der Verstand allein an Grenzen stößt, erspüren. Die Aufnahme von Fakten und das rationale Denken sind zwar für uns Menschen unentbehrlich, allein damit lässt sich die Beziehungsvielfalt, die sich Realität nennt, jedoch nur in beschränktem Maß erfassen. Für die Bewältigung des Lebens braucht es mehr.
5 Manches, das für den Verstand unvorstellbar ist, lässt sich mathematisch erfassen – etwa die quantenmechanischen Gegebenheiten. Diese mathematischen Formeln sind aber nur einer verschwindenden Minderheit der Menschen zugänglich und selbst diesen wenigen Menschen, so nehme ich an, werden sie bei der Gestaltung ihres Alltags kaum von Nutzen sein.
Es folgen nun einige Erläuterungen bezüglich der Art, Absicht und Methodik des Buches, verbunden mit weiteren Leitgedanken (deshalb bitte nicht überspringen).
Dies ist kein wissenschaftliches Werk. Das Schwergewicht wird nicht auf empirisch nachweisbare Aussagen gelegt. Das ergäbe ein dünnes Bändchen, denn wenn es um das Wesen des Menschen und seine seelisch-geistige Entwicklung geht, lässt sich streng genommen kaum etwas beweisen oder widerlegen. Dieses Buch ist aber auch nicht wissenschaftlich in dem Sinn, dass vor allem die Ansichten von Koryphäen zusammengestellt werden (obwohl diese natürlich auch zu Wort kommen). Hingegen führe ich sehr wohl wo immer möglich Belege für die dargebotenen Inhalte an und bemühe mich durchwegs um logische Stringenz bei der Argumentation. Das entscheidende Kriterium für all die hier festgehaltenen Gedankengänge ist die Glaubwürdigkeit. Wenn sich also eine Aussage nicht beweisen lässt, so soll sie zumindest nachvollziehbarundplausibel sein. Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Richter, der über Fälle zu urteilen hat, bei denen die Beweislage unklar ist. Sie müssen also aufgrund von Indizien entscheiden. In diesem Buch werden Indizien zu existenziellen Fragen vorgelegt.
Dies ist auch kein systematisches Werk. Es geht um die Wirklichkeit des Menschseins in ihrer ganzen, sich stets entwickelnden Komplexität. Wer wird diese in fest strukturierte Gedankengebäude pferchen wollen oder können? Wenn im Folgenden gewisse Systeme (z. B. Typologien des menschlichen Charakters oder Stufen der Bewusstseinsentwicklung) herangezogen werden, so fungieren sie als Modelle zur Veranschaulichung, nicht als Abbildungen der Wirklichkeit. Der Veranschaulichung dienen schließlich auch die bereits angesprochenen Fallbeispiele und Geschichten, inklusive die durch Kursivschrift kenntlich gemachten fiktiven Episoden.
Im Fokus stehen, wie schon erwähnt, sowohl die Entwicklung des Einzelnen als auch die Entwicklung der Menschheit als Ganzes. Noch nie, so behaupte ich, waren diese beiden Stränge enger miteinander verknüpft als heute. In einer freiheitlichen Demokratie und mit den heutigen technologischen Möglichkeiten ist es jeder Einzelperson möglich, sich in Minutenschnelle bemerkbar zu machen und zum Beispiel Menschen für Ideen und Projekte zusammenzubringen. Somit haben auch nicht in Machtpositionen stehende Menschen Einflussmöglichkeiten, von denen sie in früheren Zeiten und auch heute unter nicht-demokratischen Regimen nur träumen konnten bzw. können. Derartige Möglichkeiten bringen aber auch Verantwortung mit sich.
An dieser Stelle werden Sie vielleicht einwenden: Gut und recht, aber nicht alle haben die Muße, per Facebook oder Twitter eine Massenveranstaltung gegen das Verhalten skrupelloser Konzerne oder gegen den Verlust an Biodiversität ins Leben zu rufen oder sich an solchen Aktionen zu beteiligen. Was ist mit denjenigen, die sich abrackern und dennoch kaum über die Runden kommen? Die von persönlichen Sorgen erdrückt werden? Dazu Folgendes: Wir alle, ob wir es wollen oder nicht, haben mit unserem Tun, Lassen, Sprechen und Schweigen – ja, sogar schlicht mit unserem Dasein – eine Wirkung, direkt auf unsere unmittelbare Umgebung und indirekt auf alles, was energetisch schwingt, also alles. Die genannte Verantwortung liegt somit auch darin, dass sich unsereWirkungund unsereAusstrahlungtagtäglich alsmöglichstkonstruktivundheilsam erweisen. Dass dies sogar bei großer Armut und Schwerstbehinderung sowie ohne Internet möglich ist, zeigt folgender Bericht:
Der buddhistische Mönch und renommierte Buchautor Matthieu Ricard (geb. 1946) erzählt von einem Mann, den er seit über 20 Jahren kennt. Er lebt in einem kleinen Dorf inmitten der Berglandschaft von Bhutan. Ursprünglich aus Tibet, wurde er von Bekannten – ebenfalls Flüchtlingen – dorthin getragen, denn er kam ohne Arme und Beine zur Welt. Er verbringt praktisch sein ganzes Leben in einer Bambus-Hütte mit einer Fläche von wenigen Quadratmetern. Was ihn laut Ricard auszeichnet, ist eine große Gelassenheit, Freude und Sanftmut. Wenn der Franzose ihm kleine Geschenke bringt – Essen, Decken, ein tragbares Radio – erhält er ein strahlendes Lächeln zurück und den Kommentar, er brauche doch diese Dinge alle nicht. Zuweilen trifft Ricard auch andere Dorfbewohner in der Hütte an. Sie kommen vorbei, um kurz zu plaudern, oft aber auch, um den Mann ohne Arme und Beine um Rat zu fragen. Gibt es Konflikte im Dorf, ist es gewöhnlich er, der gebeten wird, den Streit zu schlichten. 6
6Erzählt in Matthieu Ricard,Happiness, S. 77.
Das vorliegende Buch ist also kein streng wissenschaftliches, kein systematisches Werk. Aber dennoch ist nichts, was hier geschrieben steht, einfach aus der Luft gegriffen. Woher stammen also die im Folgenden dargestellten Einsichten? Letztlich geht es dabei um die Frage, woher überhaupt unser Weltverständnis stammt, jenseits des kleinen Teils, der sich mit wissenschaftlicher Präzision erfassen lässt. Dieser Frage wird vertieft im Kapitel über das Erfassen der Wirklichkeit mittels Verstand, GefühlundIntuition nachgegangen (2.1.3). An dieser Stelle möchte ich versuchen, exemplarisch und als Vorgeschmack auf jene Ausführungen, den eigenen Wissenserwerb nachzuzeichnen. In der Annahme, dass dieser bei Ihnen und den meisten anderen Menschen nicht wesentlich anders verläuft.
Die Grundlage all dessen, was ich in mir trage, bildet ein intuitiv erahntes Urwissen, das schon so lange, wie ich zurückdenken kann, in mir schlummert. Es geht dabei um ganzheitliche Ahnungen, nicht um konkrete Einzelheiten. Beispielsweise um ein Gespür für Wahrhaftigkeit, das mir manchmal etwas als „stimmig“ oder „nicht stimmig“ erscheinen lässt, sowie eine grundsätzliche „Eichung“ in Sachen „gut“ und „ungut/böse“. Lesen Sie einem vier- bis fünfjährigen Kind eine Geschichte mit einer guten und einer bösen Fee vor. Es wird vielleicht Fragen zur Existenz von Feen oder zu deren Verbreitung stellen. Aber eine Frage wird kaum vorkommen: Was heißt eigentlich „gut“ und „böse“? Deren Bedeutung wird ahnend verstanden. Das war bei mir so und auch bei anderen Kleinkindern, die ich erlebt habe. Eventuelle Vorstellungen zum Wortinhalt sind kindliche. Aber der Kerngehalt wird intuitiv erfasst.
Dieser intuitive Gesamtrahmen war (und ist) phasenweise in meinem Bewusstsein präsent, phasenweise bildete er bloß eine vage Gestimmtheit im Hintergrund. Im Lauf der Jahrzehnte wurde er mit Weltwissen gefüllt. Dieses ergab sich – und ergibt sich weiter – aus Zuhören und Hinschauen, Erlebnissen, Gesprächen, Lektüre und Nachdenken, aus den daraus erweckten Gefühlen sowie aus intuitiven Einsichten, die unvermittelt aufblitzen. All diese Inhalte wurden bzw. werden unwillkürlich mit einem Urteil versehen (richtig, falsch, erfreulich, bedenklich, wertvoll usw.). Von diesem Mix versinkt das meiste unbemerkt ins Unterbewusstsein und prägt von dort aus mein Denken und Handeln mit; ein kleiner Teil wird anhand von neuem Input überprüft und dann modifiziert oder ergänzt.
Bei der Analyse des Prozesses, wie sich mein Weltverständnis gebildet hat, bin ich auf eine Gefahr und ein Wunder gestoßen. Die Gefahr besteht in derVerallgemeinerung. Ein Bekannter verbrachte einmal einen Urlaub in Vietnam. Dort kam er insgesamt mit rund einem Dutzend Einheimischen in Kontakt, natürlich nur über ein beidseitig gebrochenes Englisch. Seitdem erzählt er jedem, der zuzuhören bereit ist, wie die Vietnamesen (ein Volk von über 95 Millionen) charakterlich zu beurteilen seien. In diese Falle bin auch ich schon unzählige Male getappt. Die Tendenz zur Verallgemeinerung führt zur Illusion des Bescheidwissens. Diese Illusion ist einerseits der Nährboden für Vorurteile und stereotypes Denken, andererseits erstickt sie die Neugierde. Wenn ich meine, über eine Angelegenheit oder eine Person Bescheid zu wissen, fehlt weitgehend die Offenheit und Bereitschaft, neue Aspekte an ihnen zu entdecken.
Das Wunder ist unsereAssoziationsfähigkeit. Durch sie kann ich aus meinem größtenteils unter der Bewusstseinsoberfläche liegenden Wissensschatz etwas Passendes abrufen bzw. es hochsteigen lassen und dann ergänzen. Ich begegne einer Person, mit der ich schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Kaum erblicke ich sie, kommen mir Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes sowie Wissensbruchstücke über ihre Lebensumstände in den Sinn. Da es ihr natürlich ähnlich geht, öffnet sich ein Schatz, aus dem wir beide schöpfen können – und es kommt nun etwas Neues hinzu. Oder ich lese einen Artikel über den Zweiten Weltkrieg und ungebeten stehen mir plötzlich weitere Einzelheiten, die ich über die Jahre hinweg zu diesem Thema aufgenommen habe, wieder zur Verfügung. Sie ergänzen und färben das neu Gelesene, während dieses sich wiederum eingliedert und zumindest fragmentarisch für künftigen assoziativen Gebrauch zur Verfügung steht.7 Unser Weltwissen baut sich assoziativ auf.
7 Gelesenes und Erfahrenes wird nicht mit allen Einzelheiten, sondern in Bruchstücken abgespeichert. Es ist wie ein in Stücke gerissenes Foto – manche Stücke sind praktisch gesehen verloren (d. h. sie sind zu tief im Unterbewusstsein vergraben). Unser Hirn mag aber keine unvollständigen Bilder. Und so ergänzt es einfach die fehlenden Teile. Je klarer ich mir über mein Wissen bzw. Nichtwissen bewusst bin, desto klarer kann ich in meiner Beobachterrolle unterscheiden, bei welchen Bildteilen in meinen auftauchenden Erinnerungen es sich um Fakten und bei welchen es sich um Angenommenes oder Erschlossenes handelt.
Manches von dem, was ich als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener fraglos für mein Weltverständnis übernommen hatte, sei es von Eltern, Lehrern oder Gleichaltrigen („peers“), war irgendwann nicht mehrstimmig. Entweder widersprach es neu hinzukommenden Fakten oder Erfahrungen, oder ich empfand es intuitiv, klarer als zuvor, als unzutreffend oder unzureichend. Gemäß einem nicht mehr stimmigen Weltbild weiterzuleben, verursacht eine innere Spannung. Um aus einer solchen herauszufinden, braucht es bewusste Anstrengung. Scheute ich diese Anstrengungen, gewannen Unsicherheit und vages oder unterlassenes Denken gegenüber Bestimmtheit und Klarheit die Oberhand. Zu Hilfe kamen mir jeweils ehrliche und tiefgehende Gespräche sowie qualitativ hochstehende Lektüre. Zuletzt half auch das Schreiben, das stets klärend wirkt.
Als Resultat dieses Lernprozesses haben sich über die Jahrzehnte unter diversen Erklärungsmodellen der Wirklichkeit und speziell des Menschseins die für mich plausibelsten herausgeschält. Diese sind es, die ich in diesem Buch vorlege, so weit als möglich untermauert mit faktischen Belegen sowie den Einsichten renommierter Denkerinnen und Denker.
Da jedoch immer wieder Neues hinzukommt, ist nichts in Stein gemeißelt. Was ich also hier festhalte, ist eine Momentaufnahme in einem fortlaufenden Geschehen. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich in ein paar Jahren möglicherweise zu den gleichen Themen völlig andere, ja, gegenteilige Ansichten vertreten werde. Schwerpunkte können sich verlagern, manche Einzelheiten können sich als irrig oder irrelevant erweisen und natürlich werden künftige Ereignisse von globaler Bedeutung die in den folgenden Kapiteln beschriebenen Entwicklungen beeinflussen.8 Aber die Stoßrichtung steht für mich fest. Dafür hat sich das hier Dargelegte in seinen Grundzügen schon zu lange in meinem Leben bewährt und ist schon zu oft von den Einsichten geachteter Denkgrößen weltweit sowie durch eigene Beobachtungen bestätigt worden. Manches erahnte Urwissen hat sich zu einer Urgewissheit konsolidiert. Intuitiv – jenseits also aller nie lösbaren verstandesmäßig-philosophischen Debatten – weiß ich beispielsweise, dass mir ein freier Wille zur Verfügung steht. Nicht, dass ich in jeder Situation genügend davon Gebrauch mache, denn oft handle ich reaktiv und routinemäßig. Aber potenziell ist er da. Zwei weitere schon stets erahnten Einsichten sind für mich seit meiner Kindheit zentral: „Gott ist“ und „Der Tod ist nicht Ende, sondern Übergang“. Wenn mir jemand sagt, das könnte auch Wunschdenken sein, so antworte ich: Nein, ich kenne auch Wunschdenken, und dieses fühlt sich merklich anders an – es ist „angespannter“. Das heißt, es ist weniger auf eine luftig-leichte Art beglückend und befreiend als eine – nachhaltige – intuitiv geahnte Einsicht.
8Während der Fertigstellung des Manuskripts ist, wie schon erwähnt, die Corona-Pandemie ausgebrochen. Dass sie langfristige Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und unser gesellschaftliches Leben haben wird, steht außer Frage.Wasaber das für Folgen sein werden und welche davon nur kurzfristig und welche langfristig wirksam sein werden, wird sich erst in mehreren Jahren feststellen lassen.
Die Gewissheit um diese Ahnungen besteht jedoch nur bezüglich ihrer Ganzheit, nicht bezüglich spezifischer Einzelheiten. Wenn ich beispielsweise sage: „Gott ist“, so heißt das nicht, dass ich über Ihn/Sie/Es Bescheid weiß. Es geht hier nicht um konkrete Ausprägungen, sondern um eine Gewissheit des Umfassenden. Diese Gewissheit ist für mich wesentlich – das heißt, sie macht einen (im Lauf des Lebens immer wieder freizuschaufelnden) Teil meines Wesens aus. Ihre Inhalte sind nicht bloß auf Verstandesebene akzeptiert, sondern auch auf Gefühls- und Intuitionsebene gutgeheißen und haben sich so einverleibt. Ganz in diesem Sinne versuche ich beim Schreiben, Sie als Leserinnen und Leser auf allen drei Ebenen – intuitiv, gefühlsmäßig und verstandesmäßig – anzusprechen.
So soll das Buch auch als Ermutigung dienen. Es soll Sie ermutigen, den eigenen zwar subtilen, jedoch lebensrelevanten Ahnungenzutrauen und ihnen Raum zu geben. Ahnungen, die Sie vielleicht schon in jungen Jahren tief im Innern spürten, aber nie ganz in Worte fassen konnten. Bei vielen Erwachsenen werden sie über die Jahre weitgehend aus dem Bewusstsein verdrängt – andere Fragen und Sorgen sind wichtiger –, sodass man sich dann bei existenziellen Themen mehr von der vorherrschenden Stimmung, dem Zeitgeist, den Meinungen des Umfeldes, den Äußerungen von „Spezialisten“ – oder wahrscheinlich einer Mischung aus all diesen Einflüssen – als vom eigenen Urgespür leiten lässt.
Vor über 2’300 Jahren behauptete bereits Platon (428/427–348/347 v. Chr.), dass die Kenntnis um das Wesentliche des Menschseins verborgen und verschüttet im Inneren eines jeden von uns liege. Es braucht, laut Platon, bloß eine „Wiedererinnerung“ (griechisch: „Anamnesis“).
Die Quelle des uns intuitiv zugänglichen Urwissens um die essenziellen Dinge des Lebens steht uns zwar zur Verfügung, aber sie lässt sich nicht einfach auf Knopfdruck anzapfen. Sich für ihre leisen Töne zu öffnen, setzt eine innere Stille voraus. So wie der Grund eines Sees nur sichtbar wird, wenn das Wasser auf der Oberfläche ruhig ist. Erleichtert wird der Zugang zu diesem Wissen zudem durch ethische KlarheitundStandfestigkeit. Wie lässt sich dies belegen? Schauen wir die Sache einfach vom Gegenteil her an: Wie viel aus dem Schatz der Weisheiten (nicht zu verwechseln mit Aperçus), aus dem Menschen Inspiration für eine positive Lebensgestaltung schöpfen, stammt von Diktatoren oder Kriminellen? Oder breiter gefasst, von Menschen, deren Blick auf die Realität vom Drang nach Macht, Ansehen oder Besitz, oder von Begierden und Aversionen aller Art verzerrt und getrübt wird? „Reinheit des Auges macht tüchtig zu klarem Sehen“,9 so formulierte es Thomas von Aquin (1225–1274), der wohl bedeutendste Theologe und Philosoph des europäischen Mittelalters. Und wie nicht nur die Überlegungen zum Gegenteil nahelegen, sondern auch Thomas von Aquin im weiteren Textverlauf ausführt, geht der Reinheitsgrad des Auges unweigerlich mit dem Reinheitsgrad des Herzens einher.
9Zit. aus Josef Pieper (Hrsg.),Thomas von Aquin, Sentenzen über Gott und die Welt, S. 177.
Um einen Augenblick lang diese Art von Klarheit oder Wiedererinnerung in uns wachzurufen, genügt oft etwas ganz Kleines – Vogelgesang, Kinderaugen, ein Blick auf eine harmonisch wirkende Landschaft. Ein solcher Augenblick ist meistens mit einer inneren „Entblockierung“ verbunden, die es dem zutiefst stets vorhandenen „Wissen“ in uns ermöglicht, in der Form eines intuitiven Aufleuchtens ins Bewusstsein zu gelangen. Vielleicht wirkt bei Ihnen der eine oder andere Satz dieses Buchs als ein solcher Anstoß. Dann hat es seinen Zweck erfüllt.
Ohne weise und inspirierende Lehrerinnen und Lehrer sowie verschiedenste Dialogpartner wäre ich nie in der Lage gewesen, ein Buch wie dieses vorzulegen. Gemeint sind sowohl die Menschen, mit denen ich in lebendigem Austausch stand bzw. stehe, als auch diejenigen, deren Gedankengut via Bücher (vor allem sie), Filme oder andere Medien wesentlich zu den Inhalten meines Denkens beigetragen und geholfen haben, dieses klarer und differenzierter werden zu lassen. Eine Liste dieser Personen findet sich bei der Danksagung bzw. im Literaturverzeichnis. In beiden Kategorien lassen sich natürlich nur die wichtigsten nennen.
Aber der Kreis der Dankbarkeit muss noch weiter gezogen werden. Nur dank dem heute über das Internet möglichen „Crowdsourcing“ von Wissen aus Wikipedia im Speziellen und einer Myriade von anderen Webseiten im Allgemeinen war es mir möglich, das Buch in der vorliegenden Form zu schreiben. Vor 30 Jahren hätte ich mich auf die eigenen, beschränkten Kenntnisse sowie eine überschaubare Anzahl Bücher verlassen müssen – das Ergebnis wäre wohl ziemlich armselig ausgefallen. Unentgeltlich zur Verfügung gestelltes Wissen und ähnliche Formen von entgrenzter Kooperation sowie die sie ermöglichenden Technologien verändern unsere Welt zurzeit in allen Bereichen – Bildung, Kultur, sozialen Verhaltensweisen, Politik und mehr. Darauf wird in Kapitel 4.2.2 näher eingegangen.
Fragen des Reifens sind aufs Engste mit Fragen des Menschseins schlechthin verknüpft. Es muss also aus einem enorm breiten Spektrum an einzelnen Wissensgebieten geschöpft werden. Dazu zählen Philosophie, Psychologie, Religionswissenschaft und Theologie, Sprachwissenschaft, Geschichte, Soziologie und Politwissenschaft sowie die Naturwissenschaften. Ohne interdisziplinären Ansatz, habe ich festgestellt, entsteht auf dem Gebiet des Wesentlichen wenig Brauchbares. Einbezogen werden müssen diesbezüglich auch Mythen, Märchen, Romane, Dramen, Lyrik und andere Formen der Kunst; insbesondere dort, wo sie Wesentliches zu archetypischenThemen wie Liebe und Leiden, Krieg (Konflikt) und Frieden, Ursprung und Sinn, Gut und Böse, Tod und Gott beigetragen haben und weiterhin beitragen (das Wort „Gott“ soll hier ein Platzhalter sein für das, was in uns Ehrfurcht erweckt und uns heilig ist). Der Kerngehalt dieser Themen liegt jenseits dessen, was sich präzis fassen lässt – deshalb besteht stets auch die Notwendigkeit von Andeutung und Vermittlung durch die Künste.
Angesichts dieser Fülle müssen im Folgenden oft kurze Hinweise genügen, damit das Gesamtwerk nicht ins Uferlose anwächst. Sie als Leserinnen und Leser werden unweigerlich Lücken entdecken, an manchen Stellen Ergänzungen anbringen wollen und an anderen Widerspruch erheben. Und so soll es auch sein, denn eigenes Weiterdenken ist ein erklärtes Ziel.
Wenn ich nur einen Zweck des Buches nennen dürfte, würde ich sagen, dass es als Anregung dienen soll. Es soll anregen zur Selbstbeobachtung und zum Nachdenken über das, was im eigenen Leben wichtig ist, sowie über das, was geändert werden kann, soll oder muss. Es möchte dazu anstoßen, selber eine Meditationspraxisaufzunehmen, in derjenigen Form von Versenkung oder Andacht, die für Sie am besten auf Ihre Weltsicht und persönlichen Neigungen zugeschnitten ist. Und es soll ein paar Wegweiser bieten, die helfen können, das eigene Potenzial zur Reifungbesserauszuschöpfen und so der Welt, ja, der Schöpfung zu dienen. Außerdem (man wagt es fast nicht zu sagen, daher schreibe ich es hier nicht fett) soll es auch Vergnügen bereiten.
2 ALLTAG UND MEDITATION
Alltag
Wie der Alltag in der westlichen Welt im frühen 21. Jahrhundert äußerlich aussah, musste vor 2020 nicht im Detail erläutert werden. Wir erlebten ihn ja tagtäglich mit und nahmen daran teil. Die Corona-Krise hat uns viele ganz alltägliche Vorgänge hinterfragen lassen – denken Sie an die Berührungen und Umarmungen zur Begrüßung und zum Abschied, das Massenpendeln von Berufstätigen, das bedenkenlose Reisen oder die Besuche von Großveranstaltungen im Kultur- und Sportbereich. Es sind wichtige Veränderungen des äußeren Lebens im Einzelnen wie im Kollektiven im Gang. Der Fokus im Folgenden jedoch richtet sich weniger auf die äußeren Vorgänge, sondern mehr auf das, was vonAugenblick zu Augenblickin uns drinnenabläuft. Auch darauf haben die Umbrüche im äußeren Leben natürlich ihre Auswirkungen. Erfahrungsgemäß aber nehmen wir uns selten die Zeit, wirklich anhaltend und differenziert unsere Gefühle, Gedankenabfolgen, Emotionen, Stimmungen und Triebe zu beobachten und zu analysieren. Diese jedoch prägen unsere Handlungsweise. Und unser Tun sowie die Geschehnisse um uns herum liefern ihrerseits unserem inneren Geschehen laufend neuen Stoff. Die folgenden vier Kapitel (2.1 bis 2.1.3) stellen einen Versuch dar, unser Innenleben zu beleuchten und die Wechselwirkung von Innen- und Außenleben aufzuzeigen.
Fundamental wichtig für unsere Alltagsbewältigung sind auch die verschiedenen Arten der Erkenntnisaufnahme sowie die Fähigkeit, mittels Sprache diese Erkenntnisse zu erfassen, auszudrücken und auszutauschen. Sie sind wunderbare Hilfsmittel, aber sie haben ihre Grenzen. Erkenntnisse aus verschiedenen Quellen können miteinander in Widerstreit liegen, wenn beispielsweise der Verstand mich in die eine, das Gespür für die entsprechende Situation mich in die andere Richtung schicken möchte. Ferner stoßen unsere Erkenntnismöglichkeiten immer wieder an Grenzen. Ich glaube vielleicht, die Absicht eines Menschen zu durchschauen, kann mir aber nie sicher sein. Und auch die Sprache scheitert an manchen Gegebenheiten, etwa wenn wir versuchen, Phänomene wie „Bewusstsein“ oder „Heiligkeit“ präzis in Worte zu fassen. Ferner bringt Sprache nicht nur Klarheit, sondern auch Missverständnisse und damit Konflikte hervor. In den entsprechenden zwei Kapiteln werden die Möglichkeiten und Unzulänglichkeiten unserer Erkenntnisquellen einerseits und unserer Sprache andererseits genauer beleuchtet.
Es gibt jedoch Möglichkeiten, um jenseits solcher Begrenztheiten zu gelangen. Eine der zentralen ist die Meditation. Indem sie der Stille Zeit und Raum gewährt, kann diese ihre Wirkung entfalten. Die Stille ist unbegrenzt.
Meditation
In unserer heutigen Gesellschaft ist unser Alltag derart mit Reizen überfüllt, dass die für eine Klarsicht notwendige Ruhe zur Mangelware geworden ist. Um diesen Mangel zu beheben, braucht es einen Gegenpol zum alltäglichen Treiben, und einen solchen finden wir in der Meditation. Diese wird im weitesten Sinn verstanden. Sie umfasst hier und im Folgenden also neben der Sitzmeditation auch das kontemplative Gebet, mantraartige Wiederholungen von heiligen Namen oder wohltuenden Worten, meditatives Yoga oder Qi Gong (also Meditation in Bewegung) sowie weitere Formen der Sammlung und Versenkung. Die Meditation bietet uns ein wunderbares Werkzeug, um jene Ruhe sich ausbreiten und jene Klärungsarbeit geschehen zu lassen, die im Alltag zu kurz kommen. Dass sie darüber hinaus noch einiges mehr bietet, soll weiter unten angedeutet und in den Kapiteln 2.2 bis 2.3.4 breiter ausgeführt werden.
Bis vor etwa 50 Jahren fristete die Meditation im Westen ein absolutes Randdasein und wurde in der breiten Öffentlichkeit als Phänomen kaum wahrgenommen. Aber auch in den asiatischen Regionen, in denen sie weltweit am verbreitetsten war, wurde sie noch vor 50 bis 100 Jahren aufgrund des Kontakts mit der westlichen Denkweise oft als rückständig angesehen. Es ist also weltweit zu einer Entdeckung bzw. Wiederentdeckung von Meditation und zu einer Erneuerung gekommen.
Warum das Interesse an Meditation derart stark gestiegen ist – mit zusätzlicher Beschleunigung seit etwa der Jahrtausendwende – wurde bereits angedeutet. Es herrscht eine Malaise mit Symptomen wie Ruhelosigkeit, Sinnkrisen, Oberflächlichkeit, depressiven Abstürzen sowie innerer Vereinsamung trotz scheinbar intakter Einbindung in die Gesellschaft. Solche Symptome werden immerhin schon regelmäßig thematisiert, was eine erste Diagnose darstellt. Mit dieser gewappnet, machen sich heutzutage immer mehr Menschen auf, um Mittel zur Besserung zu finden. Und dass eine Meditationspraxis ein solches Mittel sein kann, spricht sich anscheinend herum. Nicht nur das; es gibt inzwischen einen immer größer werdenden Korpus an neurologischen und psychologischen Untersuchungen, welche die heilsame Wirkung von Meditation wissenschaftlich belegen.
Werden Teilnehmende an einem Meditationstreffen – insbesondere jüngere – nach den Gründen für Ihr Kommen gefragt, fällt bei den allermeisten das Wort „Stress“. Der Wunsch nach weniger Hektik und Daueranspannung speziell in der Arbeitswelt, aber nicht selten auch in Beziehungen und sogar in der Freizeit, ist heutzutage die häufigste Motivation hinter der Aufnahme einer Meditationspraxis. Vielfach bleibt es zwar – wie beim Ziel, die körperliche Fitness zu steigern – bei einzelnen Versuchen, aber ein Samen ist gesät. Man kann später einen erneuten Anlauf starten. Entstressen heißt das Ziel. Und es lässt sich bei regelmäßiger und langfristig angelegter Übung (dieser Punkt kann nicht oft genug betont werden) nachweislich auch erreichen.
Ein zweites Ziel bildet der Wunsch nach größerer Achtsamkeit. Das Wort in all seinen Spielarten (achtsames Gehen, achtsames Essen, achtsame Kommunikation, achtsames Pflanzengießen) ist inzwischen derart zu einem Modebegriff geworden, dass es aufgrund inflationären Gebrauchs stetig an Aussagewert zu verlieren droht. Aber damit ist die Achtsamkeit in guter Gesellschaft. Dem Wort „Liebe“ geht es nicht anders. Und beim Wort „Gott“ ist es inzwischen so weit, dass es vor lauter Über- und Missbrauch praktisch zu einem Tabuwort geworden ist. Egal, wie es dem Wort ergeht – die Sache dahinter bleibt enorm wichtig. Und der geeignetste Weg zu größerer Achtsamkeit in einem ablenkungsreichen Alltag ist ohne Zweifel die Meditation.
Etwas anders gelagert ist die Zielsetzung bei Menschen, die mit dem Erwerbsleben abgeschlossen haben. Ihnen soll Meditation aufs Alter hin beispielsweise bei der Sinnsuche helfen. Oder sie suchen schlicht die Gemeinschaft einer regelmäßig zusammenkommenden Meditationsgruppe. Wie so oft im Leben ist meist eine Kombination von Antriebsfaktoren im Spiel.
Es sind also verschiedene Gründe, die zur Aufnahme einer Meditationspraxis führen können. Und Erfahrungen zeigen, dass die genannten Hoffnungen nicht zu hoch geschraubt sind – immer unter der Voraussetzung, dass die Praxis als ein lebenslanger Übungsweg in Angriff genommen wird. Ja, es gibt sogar noch weitere Früchte, die zumindest zu Beginn weniger oft im Fokus stehen. Dazu zählt eineverfeinerte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Voreilige Schlussfolgerungen, Stereotype und Vorurteile haben bei einer wachen, realitätsnäheren Wahrnehmung, die sich in der meditativen Versenkung ergibt, einen schweren Stand. Viele verflüchtigen sich allmählich oder platzen wie Seifenblasen. Sich öffnen für die Wirklichkeit per se – weder gedacht noch gegliedert noch einfangbar – heißt schließlich auch,sich für das Heilige zu öffnen.
Erfahrungsberichte sprechen davon, dass das Leben mit einer integrierten Meditationspraxis reichhaltiger wird. Kleinigkeiten des Augenblicks – was ich sehe, höre, rieche, schmecke und ertaste – huschen nicht mehr quasi unbeachtet vorüber. Auch die Person, mit der ich indiesemAugenblick zu tun habe, bekommt einen größeren Wert. So fühlt es sich mit der Zeit stets weniger danach an, als ob das ganze Leben an mir vorbeirasen würde.
Zurück zum Alltag
Neben der formellen Meditation gibt es auch noch einfache meditative Alltagsübungen, welche die Wege des Alltagslebens und der Meditationspraxis näher zusammenführen sollen. Eine solche Übung kann beispielsweise darin bestehen, dass wir jede Handbewegung bei einer unspektakulären Verrichtung, etwa beim Geschirrabwaschen, langsam und ganz bewusst durchführen. Verstärken können wir die Übung noch, indem wir jeden Gegenstand mit Dankbarkeit in die Hand nehmen.
Solche Alltagsübungen stellen ein wichtiges Bindeglied zwischen der formellen Meditation und dem Alltag dar. Denn das ist ja das Ziel eines jeden Meditationsweges: Er soll früher oder später in den alltäglichen Lebensweg münden und in diesem aufgehen, sodass wir eine stets wachsende Zahl an Alltagsaktivitäten in einem Geist der Ruhe, der Gelassenheit und der Dankbarkeit ausführen. Selbst dann, wenn es um uns herum hektisch und lärmig zu- und hergeht. Umgekehrt können Achtsamkeit und Dankbarkeit im Kleinen uns auch aus einer lähmenden Lustlosigkeit wecken. Und der Frieden aus dem geschützten Raum der Meditationssitzungen soll in den Alltag hinübergerettet werden und dort zur Entschärfung von inneren und äußeren Konflikten beitragen. Auch die in der Meditation klarer gewordenen Aspekte meines Selbst sollen mir im Alltag helfen, meine Lebensweise etwas mehr zu hinterfragen und als Folge die durch Automatismen gepfadete Spur zumindest zwischendurch auf eine mutige und kreative Weise zu verlassen.
Es sind viele kleine Schritte, die uns auf diese Ziele hinführen (ganz erreichen wir sie nie), und zwischendurch erleben wir Zeiten der Stagnation oder gar des Rückschritts. Aber nur so wachsen wir als Personen und so – ob wir oder andere es merken oder nicht – trägt unser reiferes Verhalten auch zur Reifung unseres Umfeldes bei.
2.1 ALLTAG ALS AUSGANGSORT
Beim Verlassen des Supermarkts kommt mir eine Frau mit einer blonden Strähne im dunklen Haar entgegen, wie sie Mira manchmal trägt. Warum ausgerechnet Mira, denke ich. Ausgerechnet sie, die in so vielen Situationen für Heiterkeit gesorgt hat, als wir heranwuchsen. Burnout, Depression … Die Henkel der Einkaufstasche schneiden sich in die Handflächen ein. Zum wiederholten Mal wechsle ich von einer Hand zur anderen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lese ich auf einem Plakat in großen Lettern: „Niemals wieder“. Niemals wieder was? Aber der restliche Text ist zu klein, ich kann ihn nicht ausmachen. Ich sehe nicht mehr so gut in die Weite, ich sollte zum Optiker gehen. Am Abend gibt es Champions League im Fernsehen – Barcelona spielt. Eine schrille Frauenstimme ertönt: „Das glaub ich ja nicht!“ Ein Blick in Richtung der Stimme – auch andere drehen den Kopf –, ich stolpere auf einer Stufe und fange mich mit einem hastigen Griff ans Geländer. Die Frau kreischt weiter. Die hat nicht alle Tassen im Schrank. Mensch, sollte ich nicht noch die Käsemischung für morgen kaufen? Ich kehre um, verärgert und doch erleichtert. Zum Glück nicht vergessen. Fondue wird es geben; wir haben Gäste. Der letzte Besuch unserer ehemaligen Nachbarn … Da lag Spannung … Er ist so stur … Zurück in den Supermarkt. Die Packung ist gefunden. Anstehen. Müdigkeit macht sich bemerkbar – und wieder hinaus in die frische Luft. Ich nähere mich der Bahnhofsunterführung. Mein Fahrrad auf der anderen Seite habe ich doch abgeschlossen, oder nicht? Die Kette muss geölt werden. Klänge. Ein paar Schritte weiter und sie sind immer noch zu hören. Angekommen in der Unterführung, erblicke ich sie: Eine Frau spielt Geige, ein Mann Gitarre, sie singen, ein Junge spielt … Wie heißt das Instrument? Zigeunermusik. Rassig. Gut aufeinander abgestimmt. Die Frau hat eine schöne Figur. Auch der Gesang. Ja, die können was. Ich halte an, stelle die Tasche vor mich hin und lasse mich vom Rhythmus ein wenig wiegen. Tamburin heißt das Instrument. Menschen hasten vorbei. Arme, Mäntel, Taschen … Ein Mann mit gebücktem Rücken und Gehstock bleibt neben dem Trio stehen. Achtung! Zwei Jugendliche biegen ihre Körper nach außen, um sich ungebremst an ihm vorbeizuzwängen. Kaum jemand verlangsamt den Schritt, unglaublich, kaum jemand lässt sich auch nur ein bisschen vom Klang bewegen. Der Rhythmus ist wieder da, ja, er steckt an. Und doch, nur wenige drehen überhaupt den Kopf. Genügt den Übrigen vielleicht ein Blick aus den Augenwinkeln? Die Augen der Sängerin … Am Geburtstagsfest unserer Mutter vor einem Jahr hat uns Mira auf der Geige etwas vorgespielt. Ihr Gesichtsausdruck während des Stücks – hochkonzentriert, zwischendurch ein Strahlen wie aus einer anderen Sphäre. Von vorne, mühsam, sie muss sich einen Weg bahnen, nähert sich eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Eines davon – ein Mädchen – schärt aus in Richtung der Musiker, macht ein paar Tanzschritte, dann rennt es verschämt zur Mutter zurück und versucht, sie zum Anhalten zu bewegen. Vergeblich. Zeit zum Weitergehen. Ich steige die Treppe hoch und erblicke nach wenigen Metern mein rotes Kettenschloss am Hinterrad. Mit dem Bein schiebe ich ein anderes Rad zur Seite, dann schnalle ich die Tasche auf den Gepäckträger. Unterwegs nach Hause, die Szene nochmals vor Augen, schießt es mir durch den Kopf: Ich habe den Musikern nicht einmal eine Münze in den Gitarrenkoffer gelegt.
2.1.1 Alltag unter der Lupe
Wenn hier von Alltag die Rede ist, so ist in erster Linie unser alltägliches Innenleben gemeint. Es soll verdeutlicht werden, wie eine komplexe Außenwelt über die Sinneswahrnehmungen unaufhörlich auf unser Fühlen und Denken einwirkt, was das für Vorgänge im Innen auslöst, wie sich diese in der Folge nach außen manifestieren und so erneut Input in der Form von Reaktionen von außen generieren. Im Blickpunkt sind primär erwachsene Menschen in einem urban geprägten Umfeld. Bei einem Kleinkind, einem Hirten in den Bergen oder einer alten Frau im Pflegeheim mögen die Schwerpunkte der Wahrnehmung und des Handelns zwar anders liegen, aber auch bei ihnen sind die Elemente des Erlebens und die grundsätzlichen Abläufe dieselben.
Nehmen wir als Beispiele vonAußenwahrnehmung(Sinneswahrnehmungen und Erfassen von Stimmungen) ein paar kurze Sequenzen: Passanten auf der Straße mit ausdruckslosen Blicken, Pflastersteinmuster, Gebäudesilhouetten, Autofolgen, Brummen, Quietschen, ein Schlag durch einen herunterhängenden Ast, Regen, Kälte, Plakate. Später: menschliche Präsenz in einem Raum, die Farben von Kleidern, die Formen von Körpern und die Ausstrahlung von Persönlichkeiten, meine Ellbogen auf dem Tisch, die stickige Luft, teils sich überlappende Wortfolgen in verschiedenen Tonhöhen und Lautstärken. Später: fertigzustellende Wortfolgen auf dem Computerbildschirm, gepaart mit Informationen, Mitteilungen, Nachrichten- und Werbefetzen auf dem Smartphone-Display. Schritte im Gang, die Fassade gegenüber, ein Foto aus alten Zeiten. Später:das Grün einer Wiese mit vereinzelten Blumen, dahinter verschiedenförmige Gebäude, der verwitterte Zaun, das Knirschen meiner Schuhe auf den Kieselsteinen, das Entgegenwehen des Windes. Nochmals später: Essensgeruch, ein warmes Stück Pizza im Mund. Die Sofalehne im Rücken. Bilderfolgen und Endlosgerede aus dem Fernsehen. Später: Das Kreisen der Zahnbürste über Zähne und Zahnfleisch während der Sichtung meines Spiegelbilds …
Sie merken es, liebe Leserin, lieber Leser: Wir sind von frühmorgens bis zum Schlafengehen, meist ohne uns dessen bewusst zu sein, einer permanenten Flut von Sinnes- und Stimmungseindrücken ausgesetzt. Dabei sind bei den obigen Sequenzen die Komplikationen zwischenmenschlichen Geschehens ausgespart worden. Beispielsweise das Unterscheiden der (akustischen) Wortfolgen in Höflichkeitsfloskeln, Schmeicheleien, Gefühlsausbrüche, sachbezogene Dialoge, scherzhaftes Geplänkel oder gegenseitige Anschuldigungen; daneben Blicke aller Art und Berührungen. Nehmen wir diese noch hinzu, ergibt sich insgesamt eine riesige Menge an Eindrücken, die, während wir wach sind, permanent auf uns einwirken. Unser Hirn filtert nach Leibeskräften und ist manchmal doch überfordert. Kein Wunder, sind wir so oft erschöpft.
Und dabei ist dies noch nicht einmal die halbe Geschichte. In unserem Innern geht es nämlich meist nicht weniger turbulent zu und her. Zu jedem Element der Außenwahrnehmung und des zwischenmenschlichen Austauschs kommt unsererseits eine Deutung und Einordnung hinzu. Beginnen wir mit denGedanken: Neu Gedachtes fügt sich in ablaufende Gedankenfolgen ein, teils als Worte, teils als Bilder. Innere Dialoge laufen ab, oft mit wenig Variation in einer Endlosschleife; dazu gesellen sich gerne Fantasievorstellungen. Erinnerungen mischen sich hinzu, ebenso wie Vorstellungen von dem, was sein sollte oder könnte und was noch zu erledigen ist. Das, was uns bewegt (und hier kommen wir zum nächsten Faktor), wird immer und immer wieder durchgekaut.
Gedanken treten nie allein auf, sie sind stets mit Emotionen verbunden. Emotionale Regungen (Wut, Ungeduld, Angst, Irritation, Druckgefühl aufgrund von Erwartungen, Handlungsimpulse, erotische Anziehung, Vorfreude, Genugtuung usw.) können schubartig aufflackern und wieder erlöschen oder sich, in Verbindung mit den sie anfeuernden Gedanken, eine Zeit lang halten. Dies hat entsprechende körperliche Reaktionen – hormonelle, nervliche, kreislaufverbundene und/oder muskuläre – zur Folge.
Sowohl bei den Gedanken als auch den Emotionen besteht eine Bandbreite, die für unser darauffolgendes Handeln entscheidend sein kann. Im Falle der Emotionen bezieht sich die Bandbreite auf die Stärkederenergetischen Ladung. Sie lässt sich mit Wellen am Meer vergleichen; die Skala reicht von kaum wahrnehmbar bis zu überwältigender Sturmstärke. Bei den Gedanken geht es um die Klarheit: Die Skala hier reicht von äußerst diffus bis messerscharf.
Mitgeformt werden unsere Gedanken und Emotionen auch durch empathisch Aufgenommenes und erahnte Zusammenhänge sowie durch Sehnsüchte und Ängste aus der Tiefe. Schließlich wird dieses im Wachzustand praktisch ununterbrochen andauernde sinnlich-gedanklich-emotionale Wechselspiel zusätzlich angereichert durch Triebregungen