Reina del mar - Anna E. Kurt - E-Book

Reina del mar E-Book

Anna E. Kurt

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Beschreibung

Lady Samantha Skelton wagt den Schritt und entkommt einer Welt voller strenger Konventionen und erdrückender Erwartungen. Auf der Flucht vor einer arrangierten Ehe heuert sie als Schiffsjunge Sam ausgerechnet auf dem Schiff des berüchtigten Piraten Black John an. Zwischen den Seefahrern und ihrem eigenen Verlangen nach Freiheit lernt sie, sich anzupassen und entdeckt ihre Stärke. Doch als tödliche Gefahr droht, muss sie sich entscheiden: Wird sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen und für ihre neue Familie kämpfen? Teil 1 der Reina del Mar Dilogie Reina del Mar belegte den 1. Platz des wattpad 2020 Platin-Award

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Die Königin der See
Über die Autorin
Impressum
I. Teil – England
Im Mai 1603
London im März 1603
London im April 1603
London im April 1603
London im April/Mai 1603
London im Mai 1603
London am 24. Mai 1603
London am 25. Mai 1603
II. Teil – Karibik
Atlantischer Ozean im Januar 1604
Atlantischer Ozean im Januar 1604
Atlantischer Ozean im Januar 1604
Atlantischer Ozean, im Januar 1604
Atlantischer Ozean, im Januar 1604
Atlantischer Ozean, im Januar 1604
Atlantischer Ozean, im Frühjahr 1604
Atlantischer Ozean, im Frühjahr 1604
Madrid im November 1603
Tortuga im Frühjahr 1604
Tortuga im Frühjahr 1604
Tortuga im Frühjahr 1604
Eine karibische Insel im Frühjahr 1604
Eine karibische Insel im Frühjahr 1604
Eine karibische Insel im Frühjahr 1604
Eine karibische Insel im Frühjahr 1604
Eine karibische Insel im Frühjahr 1604
Eine karibische Insel im Frühjahr 1604
Atlantischer Ozean im Frühjahr 1604
Atlantischer Ozean im Frühjahr 1604
London im Frühjahr 1604
Atlantischer Ozean im Juni 1604
Atlantischer Ozean im Juni 1604
Atlantischer Ozean im Juni 1604
III. Teil – England
London im Juni/Juli 1604
London im Juli 1604
London im Juli 1604
London im Juli 1604
London im Juli 1604
London im Juli 1604
London im Juli 1604
Bristol im Juli 1604
Atlantischer Ozean im Juli/August 1604
Epilog I – Atlantischer Ozean im Juli/August 1604
Epilog II – Córdoba im Dezember 1604
Danksagung
Glossar

ANNA E. KURT

Reina del Mar

Die Königin der See

Eisermann Verlag

Über die Autorin

Die Frau hinter dem Pseudonym Anna E. Kurt, geboren 1999, war schon immer eine künstlerisch versierte Träumerin. Nacht für Nacht, Tag für Tag entstand Geschichte um Geschichte in ihrem Kopf. Vor Jahren hatte sie von ihrer Mutter einen Rat bekommen: »Schreib’s auf, sonst vergisst du es noch!« Und diesen beherzigte sie. Also schrieb sie und träumte, in der Freizeit, während der Schule und während des Studiums. Die ersten Entwürfe der Debüt-Dilogie um die »reina del mar« verfasste sie in der Schulzeit und errang damit den 1. Platz beim Platin-Award 2020 auf der Plattform »wattpad«. Dort findet man sie unter @AnnaEKurt.

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96173-230-2

E-Book-ISBN: 978-3-96173-281-4

Copyright (2024) Eisermann Verlag

Lektorat: Bettina Dworatzek

Korrektorat: Daniela Höhne

Buchsatz: Grit Richter, Eisermann Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, Eisermann Verlag

Bilder und Grafiken von www.shutterstock.com und creativemarket.com

Stockfoto-Nummer: 2107828607

Hergestellt in Deutschland (EU)

Eisermann Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Meinem Großvater gewidmet,

dem Helden meiner Kindheit,

der mich mit seinen Geschichten

in andere Welten und Zeiten entführte.

1931 – 2008

I. Teil – England

Im Mai 1603

Was soll das heißen: weg?!«, fauchte der Mann seinen Bediensteten wütend an. Der Diener duckte sich ängstlich näher zum Boden und wäre wohl am liebsten mit diesem verschmolzen.

»Na ja«, begann er zu stammeln, »weg heißt: nicht hier«, wisperte er leise.

Vor Wut lief sein Herr rot an. »Na, dann los! Sucht sie gefälligst, ihr Nichtsnutze! Und wehe, ihr kommt mit leeren Händen zurück!«, wütete Admiral Skelton.

An einem anderen Ort, nicht sehr weit entfernt, schlitterte gerade eine schmale Gestalt in größter Hast eine schlammige Böschung hinab.

London im März 1603

Sam

Leise Cembalomusik drang an meine Ohren. Ich stand in einem prächtigen Flur vor einem deckenhohen Spiegel und betrachtete mich. Das prächtige grüne Abendkleid, das ich trug, obwohl es erst Nachmittag war, stand mir außerordentlich gut. Die Taille war eng geschnürt und ich bekam kaum Luft – ich konnte aber nicht sagen, ob das am Korsett oder der Aufregung lag. Meine langen hellbraunen Haare waren von meiner Zofe kunstvoll aufgesteckt worden. Haarnadeln hielten die Frisur an Ort und Stelle. Eine leicht gewellte Strähne fiel auf mein Dekolleté. Gedankenverloren drehte ich sie um den Zeigefinger. Blaue Augen funkelten mir aus dem Spiegel entgegen und schienen mich zu verspotten. Das Gesicht, das ich sah, war mir fremd. Die Sommersprossen waren unter einer dicken Schicht Puder verschwunden und meine Lippen unnatürlich rot angemalt worden. Ich fühlte mich fremd in meinem Körper. Unauffällig versteckte ich die Hände in den Röcken des Kleides und ballte sie dort zu Fäusten.

Bald würden entweder Vater oder mein Bruder Damian erscheinen und mich in den angrenzenden Saal begleiten. Ich würde höflich lächelnd neben meinem Verlobten stehen, während er die letzten Geschäfte mit Vater beendete. Ich schloss die Augen und versuchte tief durchzuatmen, aber das Korsett hinderte mich daran. Die aufkommende Panik unterdrückte ich so gut es ging, als ich die sich nähernden Schritte vernahm. Vergeblich. Als ich wieder in den Spiegel blickte, erschienen mir meine blauen Augen viel zu groß und weit aufgerissen.

»Du siehst wunderschön aus, Sammy«, sagte Damian, der neben mich getreten war. Mein Bruder legte behutsam einen Arm um mich und sein Spiegelbild lächelte mich an. Er war größer als ich und sah unserem Vater mit den kantigen Gesichtszügen sehr ähnlich. Nur, dass Damian keinerlei graue Haare oder Falten im Gesicht aufwies. Seine braunen Haare waren dunkler als meine. Das Kastanienbraun passte perfekt zu seinen braunen Augen, die mich immer liebevoll ansahen. Damian war ein gut aussehender junger Mann – und er war sich dieser Tatsache mehr als bewusst. Er scharwenzelte gerne um Damen herum und neckte und flirtete. Ernste Absichten verfolgte er in der Hinsicht nicht. Schon einigen Müttern hatte er die Illusionen einer Heirat mit deren Töchtern zerstört.

Seit ich denken konnte, hatte mein Bruder auf mich aufgepasst. Er war da gewesen, als ich meine ersten Schritte gemacht hatte, als ich begann, die Welt zu erkunden, als ich zum ersten Mal in die Gesellschaft eingeführt wurde und er hatte mich getröstet, wenn ich weinte.

Nachdenklich sah ich in den Spiegel und Damian erwiderte den Blick. Ein kleines Lächeln ließ ihn einen Mundwinkel leicht heben, fast so, als wollte er mich aufmuntern.

Die Musik, die aus dem Saal an mein Ohr drang, war lauter geworden. Wären es ein anderer Zeitpunkt und ein anderer Anlass gewesen, hätte ich die Melodien vielleicht zu schätzen gewusst, aber im Moment war ich ein einziges Nervenbündel. Damian kniff mir beruhigend in die Taille und zwinkerte mir zu.

»Du bist wunderschön!«, wiederholte er seine Worte. Ich musste schlucken, als er mich zu beruhigen versuchte. Ich fühlte mich einfach nicht wohl in meiner Haut und mit der Rolle der Verlobten eines mindestens doppelt so alten Mannes war ich nicht einverstanden, aber ich hatte keine Wahl.

»Komm!«, forderte Damian mich auf und zog behutsam an meinem Arm. Gehorsam und pflichtbewusst setzte ich einen Schritt vor den anderen. Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel, sah den Widerwillen auf meinem Gesicht und verkrampfte mich bei dem Versuch, ein Lächeln aufzusetzen. Dann ließ ich mich von meinem Bruder in den hell erleuchteten Saal führen.

London im April 1603

Sam

Er redete gerne. Sehr gerne. Und seine Stimme verursachte mir Kopfschmerzen. Er pochte hinter meinen Schläfen und der Druck auf meinen Augen nahm mit jedem verstrichenen Moment zu. Die Zigarre, die er sich angezündet hatte, verströmte einen widerlichen Gestank, der sich in meiner Nase festbiss. Der Schmerz in meinem Kopf intensivierte sich. Ich starrte ins Leere, während er redete. Hin und wieder zog er an der Pfeife und blies mit dem Geruch eine neue Welle Schmerz in meinen Kopf.

Ich saß neben ihm an einem Tisch in seinem Salon, seine Mutter war als Anstandsdame anwesend. Mit ihr hatte ich bis auf höfliche Floskeln noch kein Wort gewechselt.

»Noch Tee, Mylady?«, hörte ich eine unsichere Stimme fragen. Verwirrt blinzelte ich. Neben mir stand ein junger Diener in Livree mit einer Teekanne in der zitternden Hand.

Mein Verlobter unterbrach seinen Monolog. »Natürlich, du Dümmling!«, schnauzte er den jungen Mann an, der daraufhin den Kopf einzog und hastig meine Tasse füllte. Ich schenkte dem Mann ein kleines, entschuldigendes, aber dennoch gezwungenes Lächeln – mehr ließen meine Kopfschmerzen nicht zu. Mit einer Verbeugung verschwand der Diener. Lord Lucrey führte seinen Monolog fort und meine Augen wurden glasig.

»Was meint Ihr dazu, liebste Samantha?«, richtete mein Verlobter überraschend das Wort an mich und riss mich so aus meinen Gedanken. Ertappt zuckte ich zusammen. »Wie bitte?« Meine Stimme piepste unnatürlich.

Lord Lucreys Nasenlöcher blähten sich. »Ja, mein Vorschlag mag Euch überraschen, Liebste, aber ich bin tatsächlich bereit, Euch an der Namensgebung unserer Kinder zu beteiligen.«

Meine Augen wurden groß vor Unglauben. Wir waren noch nicht einmal verheiratet und er philosophierte über Kinder? Er sah mich an und sein Blick schien in mein Innerstes einzudringen.

»Natürlich gilt dieses Angebot nur, sofern Ihr mir Erben gebärt. Töchter brauchen wir nicht«, schränkte er ein.

Unwillkürlich griff ich an meine Kehle. Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit.

»Robert und Henry sind gute Namen«, sprach Lord Lucrey weiter. »Meine Kinder, meine Söhne, sollen selbstverständlich einen meiner Namen tragen. Sie werden einem starken Geschlecht entstammen und meinem Namen Ehre machen.«

Wie erstarrt blinzelte ich ihn an. Meine Kopfschmerzen waren vergessen. Was, wenn ich eine Tochter bekommen würde? »Und wenn -«, begann ich, aber er unterbrach mich mit einer wirschen Handbewegung.

»Mädchen sind inakzeptabel. Schwach und weinerlich. Ich brauche Erben, keine verweichlichten Gören, denen ich eine Mitgift zahlen muss«, schloss Lord Lucrey.

Fassungslos sah ich zu ihm auf. Ein gemeines Lächeln lag auf seinen Lippen. Seine Hand schloss sich um mein Kinn und zwang mich gewaltsam, seinen Blick zu erwidern.

»Du, meine Liebe«, sagte er leise, »wirst mir starke Söhne gebären. Ich werde viele Kinder in deinen Leib pflanzen und erst damit aufhören, wenn du bei einer Geburt stirbst.«

Ich schluckte. Meine Augen wurden wässrig, als ich die Drohung vernahm. Das würde mein Schicksal sein? Kind um Kind zur Welt bringen, in der Hoffnung, dass er vielleicht doch irgendwann genug hatte oder vor mir starb?

»Vielleicht werde ich dir erlauben, irgendwann ein Mädchen zu behalten«, flüsterte er und strich mit seinem Daumen unsanft über meine Lippen. »Dafür müsstest du aber sehr sittsam sein. Und natürlich müssten schon einige Söhne aus deinem Schoß gekrochen sein.«

Sein eiskalter Blick bohrte sich in meine Augen. »Verstanden, Liebes?«, zischte er mir zu.

Wie von selbst nickte ich und der erbarmungslose Griff an meinem Kinn ließ nach.

»Braves Mädchen«, murmelte er, während er sich ein Glas Whiskey eingoss. Er musterte mich ausgiebig. Sein Blick verweilte auf meinem Dekolleté und glitt über die Rundungen meiner Brüste. Er verzog das Gesicht, als er den ausladenden Rock sah, der sich um meine Hüfte und Beine bauschte. Seine Stirn runzelte sich, als würde er nachdenken.

»Aufstehen«, forderte er mich kalt auf. Innerlich vor Angst erstarrt, gehorchte ich. Er kam einen Schritt auf mich zu und taxierte mich mit seltsamen Blicken. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals und ich sah mich suchend nach seiner Mutter um, die zuvor am Kamin gesessen und gelesen hatte. Nichts. Sie war weg. Nur das aufgeschlagene Buch auf dem Tisch zeugte davon, dass sie jemals hier gewesen war. Lord Lucrey stieß ein leises, gehässiges Lachen aus. »Die alte Schachtel muss sich oft erleichtern«, erklärte er mir. »Ich musste nur warten, bis sie es nicht mehr aushält.«

Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Mit großen Augen sah ich ihn näherkommen. Jeder Schritt in meine Richtung ließ mich innerlich mehr zittern. Meine Lippen begannen zu beben.

Als er mich berührte, zuckte ich zusammen. Unwillkürlich machte ich einen Satz zurück, was ihm ein Knurren entlockte. Seine Hand schloss sich um meinen Oberarm und hielt mich an Ort und Stelle fest. Ich versuchte, seine Finger zu lösen, um mich aus seinem Griff zu befreien, aber es war zwecklos. Er war viel zu stark. Ein Lachen voller Genugtuung ertönte.

Ratsch! Entsetzt starrte ich an mir hinab. Das Oberteil meines Kleides hing in Fetzen herab und gab den Blick auf mein Korsett frei.

»Du bist schon ganz nett anzusehen«, murmelte er leise. Fast schon genüsslich glitt sein Blick über meine entblößten Brüste. Seine Finger fuhren über meine Haut und mir wurde schlecht, als er meine Brustwarzen umfasste. Prüfend zwirbelte er sie zwischen den Fingern.

»Nicht viel, an dem meine Söhne werden saugen können«, sagte er nachdenklich und wog meine Brüste mit den Händen. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab und ich versuchte, meinen Würgereiz zu unterdrücken. Mut, Sammy, Mut, sprach ich mir selbst zu. Lord Lucreys Blick glitt weiter. Seine Hände umfassten meine Taille und er drückte zu. Ich stieß ein ersticktes Keuchen aus. Der Schmerz über den harten Griff trieb mir Tränen in die Augen.

»Das Becken ist schmal.« Durch die Röcke tastete er an meinem Körper entlang. Seine emotionslose Art kombiniert mit den Berührungen brachte meine Augen zum Überlaufen. Tränen liefen über meine Wangen und ich begann zu zittern. Durch den Tränenschleier sah ich ihn genüsslich lächeln. So, als hätte er sein Ziel erreicht.

»Den ersten Sohn könnte ich schon jetzt in deinen Schoß pflanzen«, überlegte er laut. Mir entwich ein Wimmern. Verzweifelt versuchte ich, mich gegen seinen Griff zu wehren. Meine Nägel kratzten über seine Haut und hinterließen rote Striemen. Meine Gegenwehr schien ihn eher zu amüsieren. Er zog mich an sich und presste seinen Unterleib gegen meinen Bauch. Entsetzt zog ich die Luft ein, als ich seine Härte spürte. Ich wusste, was das bedeutete. Damian hatte mich heimlich, als Junge verkleidet, in ein Freudenhaus mitgeschleppt, damit ich sehen konnte, wie eine Ehe vollzogen wurde.

Lord Lucrey rieb sich an mir. Leise Laute entwichen seiner Kehle, seine Augen genussvoll geschlossen.

»Es ist so lang her, dass mir ein jungfräulicher Schoß geschenkt wurde«, murmelte er mit einem verzückten Lächeln auf den Lippen. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Eines stand fest. Ich musste aus diesem Haus raus. So schnell wie möglich. Ein weiterer Laut der Lust entwich Lord Lucrey. Ich wimmerte leise.

»HERR IM HIMMEL! ROBERT!«, hörte ich auf einmal eine weibliche Stimme entsetzt brüllen. Lord Lucrey fuhr herum. Seine Mutter stand in der Tür, die Augen entsetzt aufgerissen, die Hände vor den Mund geschlagen. Der Griff um meinen Arm lockerte sich. Hastig riss ich mich los und versuchte mit fahrigen Bewegungen und den Überresten meines Kleides meine Brüste zu bedecken. Ich taumelte einige Schritte nach hinten und fiel schließlich auf den Boden. Ich wollte nur weg. Weg von ihm. Weg von diesem Mann, der mir vor meiner Ehe die Jungfräulichkeit hatte nehmen wollen und der mich so gedemütigt und bedroht hatte.

»Robert, was hast du getan?!«, wollte seine Mutter ungläubig wissen und streckte ihre Hände in meine Richtung aus. Ein Wimmern kam aus meinem Mund. Ich krabbelte rückwärts, Lord Lucrey fest im Blick. Er beachtete mich gar nicht, sondern warf seiner Mutter wütende Blicke zu.

»O Kind!«, hauchte Lady Lucrey und schloss mich sanft in ihre Arme. Ich zuckte bei ihrer Berührung zusammen und sie ließ mich augenblicklich los. Ich erkannte die Sorge in ihren Augen.

»Es tut mir so leid, mein Kind! So leid!«, entschuldigte sie sich mit sanfter Stimme. »Schäm dich, Robert!«, fauchte sie ihren Sohn an, der alles andere als schuldbewusst aussah. Im Gegenteil. Er wirkte wie die Katze, die soeben eine saftige Maus gefangen hatte. Ein Zittern durchlief meinen Körper. Meine Zähne begannen zu klappern. Wie von selbst schlangen sich meine Arme um meinen Oberkörper.

»O Kindchen«, stieß Lady Lucrey erschrocken aus. Behutsam legte sie eine Hand auf meinen Arm. Ich hob meinen Blick, Tränen liefen mir über die Wangen. Ich schluchzte.

»Ich sorge dafür, dass du wohlbehalten zu Hause ankommst«, versprach sie mir. Vorsichtig dirigierte sie mich aus dem Zimmer. Die Schultern hochgezogen, wie ein geprügelter Hund folgte ich ihr. Die Arme noch immer um mich geschlungen, warf ich einen raschen Blick zurück, um zu sehen, ob er uns folgte. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt. In seiner Hand hielt er ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, das er hin und her schwenkte. Ein selbstherrliches Grinsen lag auf seinen Lippen. Er hob das Glas und prostete mir zu. Vielleicht hatte es seine alte Mutter nicht gehört, die anschließend die ganze Zeit in der Kutsche meine Hand hielt und sich immer wieder entschuldigte, aber mir klangen seine letzten Worte den ganzen Heimweg in den Ohren nach.

»Wenn du am Abend unserer Hochzeit unter mir liegst, wirst du dir noch wünschen, dass Mutter mich nicht unterbrochen hätte!«

London im April 1603

Sam

Das Zittern hatte auch mehrere Tage später nicht nachgelassen. Egal wie oft ich mich auch gewaschen und meine Haut geschrubbt hatte, ich fühlte seine Berührungen noch immer auf meinem Körper. Ich lag in meinem Bett und weinte mir entweder die Seele aus dem Leib oder ich starrte bewegungslos ins Nichts. Lady Lucrey hatte dafür gesorgt, dass ich unbehelligt und ungesehen ins Haus meines Vaters gelangte. Sie hatte mich sogar auf mein Zimmer begleitet. »Es gibt immer einen Weg. Man muss nur mutig genug sein, ihn auch zu gehen«, hatte sie gewispert und dann die Tür sanft hinter sich geschlossen. Sie war ohne ein Wort des Abschieds gegangen.

Ich wusste, was mir bevorstand. Die Verlobung war verkündet worden. Lord Lucrey würde mein Ehemann werden. Es gab kein Zurück mehr. Es gab keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Um nichts in der Welt würde er mich freigeben. Sollte ich Vater von den Geschehnissen in Kenntnis setzen? Oder Damian? Würden sie mir glauben? Damian würde mir bestimmt glauben und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, aber helfen … Nein, er konnte nichts ausrichten. Sein Wort war zu wenig wert. Vater war der Einzige, der eventuell etwas unternehmen könnte. Würde er die Verlobung aufgrund der Gewalttätigkeit lösen? Aber … wenn herauskam, dass ich mit Lord Lucrey zum Zeitpunkt der Gewalt allein gewesen war … Mir lief es eiskalt den Rücken hinab. Lord Lucrey war ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Die Anschuldigungen würden als verzweifelter Versuch eines jungen Mädchens gewertet werden, das sich seiner Verpflichtung entziehen wollte. Vaters Ruf würde leiden. Ich schüttelte mich. In Gedanken versunken strich ich mir über den Oberarm. Dort, versteckt unter den Ärmeln meines Kleides, prangte ein gigantischer Bluterguss. Im Spiegel hatte ich sogar die Abdrücke der einzelnen Finger erahnen können. Die blauen und violetten Schattierungen erinnerten mich daran, dass er ein Mann war und ich nur eine Frau. Jemand, der keine Macht besaß und nicht die Freiheit, über das eigene Schicksal zu bestimmen.

Seufzend setzte ich mich auf meinen Sessel am Fenster und blickte hinaus. Damian stand mit dem Gesicht zu mir im Hinterhof und unterhielt sich mit einem anderen uniformierten Mann. Höchstwahrscheinlich sein bester Freund Jonathan. Irgendwann klopfte Damian dem anderen lachend auf die Schulter. Er sah nach oben und bemerkte mich. Er winkte mir zu und machte eine eindeutige Handbewegung. Ich sollte nach unten kommen. Also hob ich meine Hand und winkte zurück. Dann nahm ich mir ein Buch aus dem Regal und vertiefte mich in die Pflanzenkunde. Mir war definitiv nicht nach Gesellschaft.

Es war dunkel geworden. Ich lag im Nachthemd in meinem Bett und starrte nach oben. Das Muster des Baldachins war nicht zu erkennen. Lady Lucreys Worte spukten in meinem Kopf umher und ließen mir keine Ruhe. Es gibt immer einen Weg. Man muss nur mutig genug sein, ihn auch zu gehen.

Ich lachte bitter auf. Mutig war ich nicht. Ich hatte es ja nicht mal geschafft, mich gegen Lord Lucrey zu wehren. Nein, ich war schwach. Absolut schwach und feige noch dazu war ich gewesen, als ich das Messer genommen und es dann nicht fertiggebracht hatte, es mir in den Körper zu stoßen.

Ich sah keine andere Möglichkeit, als meinen Verlobten schlussendlich zu heiraten und seine Kinder zu empfangen. Eines nach dem anderen. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Eine trostlose Zukunft eröffnete sich mir und ich biss mir auf die Lippe, um nicht in Tränen auszubrechen. Ich hatte keine Chance, dieser Hochzeit zu entkommen. Es war ja nicht so, als könnte ich einfach alles hinter mir lassen.

Mit einem Ruck setzte ich mich auf. Einen Weg gehen. Weggehen. War es das, was Lady Lucrey mir hatte mitteilen wollen? Dass ich weggehen musste? Dass ich ihrem Sohn nur so entkommen konnte?

Ein Lächeln machte sich in meinem Gesicht breit. Beinahe triumphierend starrte ich in die Dunkelheit, bevor ich meine Beine aus dem Bett schwang. Nachdem ich eine Kerze auf meinem Sekretär entzündet hatte, nahm ich ein Blatt Pergament und legte Feder und Tinte bereit. Nachdenklich klopfte ich mit der Spitze des Federkiels auf das Holz des Tisches. Wo konnte ich hingehen?

Zu den Eltern meiner verstorbenen Mutter, falls sie noch am Leben waren? Soweit ich wusste, kam sie aus dem Norden Englands und war nahe der schottischen Grenze aufgewachsen. Ich kannte meine Großeltern nicht, war meine Mutter doch im Streit aus ihrem Elternhaus fortgegangen, um Vater zu heiraten, weil sie mit Damian schwanger gewesen war. Ich verwarf den Gedanken an meine mütterliche Familie wieder.

Hatte ich andere Verwandte, bei denen ich unterkommen konnte? Die bereit wären, mich vor Vater und Lord Lucrey zu verstecken? Ich seufzte auf, denn das Ergebnis war ernüchternd. Es wollte sich bestimmt keiner mit Vater anlegen. Vater war Admiral und für die Sicherheit Englands zu Land und See verantwortlich. Er verurteilte Verbrecher und Piraten am Gericht, dem er vorsaß. Und Lord Lucrey … Nun, er stand in dem Ruf, ein äußerst zielgerichteter Mensch zu sein. Was er haben wollte, würde er auch bekommen. Ich erschauderte. Es gab in ganz England keinen Menschen, der die Macht hätte, mich vor den beiden zu verbergen.

Ich stieß ein frustriertes Seufzen aus. Wo sollte ich hingehen?

Vater unterhielt ein dichtes Netz an Handelspartnern. Vielleicht konnte ich über einen dieser verschwinden? Mich in irgendeinem Haushalt anstellen lassen, indem ich einen falschen Namen nutzte? Je länger ich über diese Idee nachdachte, desto mehr gefiel sie mir. Ich könnte mich als Zofe ausgeben, schließlich hatte ich selbst eine und wusste über ihre Tätigkeiten Bescheid. »Und dann ist der Hausherr so ein Tyrann wie Lord Lucrey«, wisperte eine Stimme in meinem Kopf. Prompt wurde mir schlecht. Die Rechte der Dienerschaft waren nicht die der Herrschaften. Übergriffe kamen häufiger vor und diese blieben meist ungestraft. Ich schüttelte den Kopf. Keine Hausarbeit für mich. Ein Seufzen verließ meinen Mund und ich vergrub den Kopf in meinen Händen. Verschwunden war die anfängliche Euphorie. Das Leben einer Frau war bescheiden. Ein Gedanke zuckte durch meinen Kopf. Ich könnte mich verkleiden … wie damals. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Entschlossen tunkte ich die Feder in das Tintenfass.

Versunken in meine Ideen sah ich erst wieder auf, als das erste Licht der Sonne auf das Blatt schien und die noch feuchte schwarze Tinte schimmern ließ. Ich kippte Löschsand darüber, klopfte ihn ab und versteckte das Blatt vorsichtig in meinem liebsten Buch über Pflanzen. Ich blies die fast heruntergebrannte Kerze aus und gähnte herzhaft. Zuversichtlich legte ich mich in die weichen Kissen zurück. Ich würde Lord Lucrey entkommen. Lächelnd schlief ich schließlich ein.

London im April/Mai 1603

Sam

»Ein Bier«, bestellte ich einige Tage später. Ich saß in einer Gastwirtschaft am Tresen. Es war dämmrig, voll und stickig. Mir wurde ein Humpen zugeschoben und eine Münze wechselte ihren Besitzer. Ich nippte vorsichtig. Bierschaum kitzelte mich an der Nase und ich wischte ihn mir mit dem Ärmel ab – so, wie ich es bei vielen hier beobachtet hatte. Damians Kleidungsstücke passten mir nicht sonderlich gut. Sie waren zu lang und an einigen Stellen zu eng. Mit einem Brustband, das ich in einem Laden gekauft hatte, hatte ich mir die Brüste an den Körper gebunden. Das nächste Problem hatten meine langen Haare dargestellt. Ich konnte sie nicht einfach abschneiden, ohne dass es meinem Bruder oder – schlimmer noch - Vater auffiel. Also hatte ich meine Zofe gebeten, mir eine Flechtfrisur beizubringen. Sie hatte sich zwar gewundert, aber wir hatten einige vergnügte Stunden damit verbracht, während sie mir zeigte, was zu tun war. Meine Haare lagen eng an den Kopf geschmiegt und mit Haarnadeln fest fixiert unter dem auffälligen Hut, den ich trug.

Der Geruch nach Schweiß, Pferdemist und ungewaschenen Körpern schlug mir in Kombination mit dem Bier auf den Magen. Ich war mir fast sicher, dass ich leicht grünlich um die Nase war.

Einige Zeit saß ich da und beobachtete die Menschen um mich. Als ich meinen Humpen geleert hatte, versuchte ich aufzustehen.

Schwankend erhob ich mich schließlich von meinem Platz und torkelte Richtung Straße. Ich war anscheinend nicht sonderlich trinkfest, wenn schon ein, zwei Biere meine Beine unsicher machten.

Der Heimweg war bei Weitem der längste, den ich jemals hatte.

Am nächsten Morgen, kaum, dass die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster in mein Zimmer fielen, war ich wieder hellwach. Mein Kopf pochte und ich widerstand dem Drang, um Laudanum zu bitten. Ich kämpfte mich aus dem Bett und setzte mich an meinen Sekretär. Auf meinem Pergament standen folgende Worte: »Haare flechten und eng hochstecken«, »Hut«, »Brustband«, »kein Parfüm, eher Schweiß« und »einfache Kleidung«. Wohlüberlegt strich ich »Hut« durch und ergänzte »altes Kopftuch«. Hinter den Punkt mit der Kleidung schrieb ich »von Dienern stehlen?«. Komplettiert wurde die Liste meiner Tarnung durch »stumm stellen«. Zufrieden betrachtete ich den Zettel und legte ihn zurück in sein Versteck. Irgendwie musste ich ungesehen in den Dienstbotentrakt kommen, wenn ich Kleidung haben wollte. Ich starrte noch in Gedanken versunken aus dem Fenster, als meine Zofe hereinkam. Sie rümpfte die Nase, als sie in meine Nähe kam und ich seufzte. »Ich glaube, ich brauche ein Bad«, sagte ich, woraufhin sie eilig nickte.

Frisch gebadet, in einem hübschen Kleid und mit frisierten Haaren fand ich mich kurze Zeit später im Salon wieder, wo ich mein Frühstück einnahm. Ich informierte mich gerne über das Weltgeschehen und las mit Interesse die zu den geschäftlichen Korrespondenzen beigelegten Nachrichten, die Vater von Handelspartnern aus aller Welt bekam. In letzter Zeit häuften sich Berichte über einen Piraten, der unzählige Schiffe kaperte und in dem Ruf stand, grausamer zu sein, als andere. Sie nannten ihn Black John – ob sich das auf seine Haut-, Haarfarbe oder seine Kleidung bezog, wusste ich nicht.

Gerade als ich den letzten Bericht gelesen hatte, kam mein Bruder herein. Mit einem erleichterten Seufzen ließ er sich auf den gepolsterten Stuhl fallen. Schwach konnte ich den Geruch von Alkohol an ihm wahrnehmen. Neugierig sah ich ihn an.

»Frag nicht, Sammy«, murmelte er. Er kannte mich einfach zu gut. Aber ich wusste, wie ich mit meinem Bruder umzugehen hatte. Mit einem Augenaufschlag sah ich ihn bettelnd an. Damian stöhnte.

»Ich bin aus Madame Lylies Freudenhaus geworfen worden«, eröffnete er mir. Ich riss die Augen auf. Madame Lylie war stadtbekannt für Diskretion. Zudem hatte sie sehr viele hübsche Mädchen, die für sie arbeiteten und anscheinend auch gut waren, in dem was sie taten. Woher ich das wusste? Genau dort war ich mit Damian im letzten Jahr gewesen. Er hatte mir damals allerdings hoch und heilig geschworen, dass er nie wieder mit leichten Mädchen verkehren würde. Er hatte mich also angelogen.

»Wieso das?«, fragte ich und schob den Ärger über seine Lüge beiseite. Damian seufzte und stützte den Kopf in die Hände. »Wehe, du sagst auch nur ein Wort zu Vater!«, drohte er mir, woraufhin ich die Augen verdrehte. Das war selbstverständlich. So gut sollte er mich inzwischen kennen.

»Also?«, sagte ich.

Damian verzog den Mund. »Jonathan und ich waren gemeinsam dort. Wir waren betrunken und sind irgendwie auf die Idee gekommen, wir könnten uns einfach eines der Mädchen schnappen – kostenlos natürlich«, gestand er mir. »Ich hab wohl ein bisschen rumgepöbelt … Und ihre Wächter haben uns am Schlafittchen gepackt und rausgeworfen. Dann ist Madame Lylie persönlich erschienen und hat uns – besser gesagt mich – darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich nie wieder einen Fuß in ihr Haus setzen dürfte.«

Ich blinzelte, um die Neuigkeiten über meinen Bruder und seinen besten Freund zu verdauen. Damian lugte zwischen den Fingern hervor und sah mich kleinlaut an. »Ich weiß, dass ich dir versprochen hatte, mich fernzuhalten«, meinte er, »aber diese Lusanne … in ihrer Gegenwart vergessen alle Männer, wer sie sind und was sie eigentlich wollten«, erzählte er mir in schwärmendem Tonfall. »Diese vollen Brüste … die weiche Haut … diese Taille … und der Mund erst … diese kirschroten Lippen … was sie damit alles anstellen kann …«

Ich hustete in meine Serviette. Damian schien sich meiner Anwesenheit wieder bewusst zu werden und lief tomatenrot an. Flecken der Verlegenheit bildeten sich an seinem Hals.

»Entschuldige, Sammy«, nuschelte er.

Ich musste mir ein Schmunzeln verkneifen, zwinkerte ihm zu und griff nach einem Stück Obst. Damian stieß eine Kombination aus erleichtertem und frustriertem Seufzen aus. »Jedenfalls hat der Rauswurf zur Folge, dass ich Vater heute Abend zu Lord Lucrey begleiten kann, da meine eigentliche Planung nun hinfällig ist«, sagte er und kippte Zucker in seinen Tee. Ich erstarrte. Das Stück Obst fiel aus meiner Hand und landete auf den Boden.

»Vater möchte so bald wie möglich ein Datum festlegen«, sprach Damian weiter. Mein Entsetzen bemerkte er nicht. »Lord Lucrey scheint sich auch sehr auf die Hochzeit zu freuen«, fuhr mein Bruder fort, während er seinen Teller mit Essen überlud. »Am liebsten wäre ihm in einer Woche gewesen, aber seine Mutter hat um einige Tage mehr Vorbereitungszeit für die Festlichkeiten gebeten. Das Datum wird heute endgültig festgelegt.«

Ob Lady Lucrey für mich um diese Zeit gebeten hatte? In meinen Ohren dröhnte es. Mein Herz schlug unnatürlich laut in meiner Brust. Wie in Trance erhob ich mich, wünschte Damian einen guten Appetit und eilte anschließend in mein Zimmer. Tage. Es handelte sich inzwischen nur noch um Tage, bis ich diesen Mann heiraten sollte.

Eilig warf ich einige Dinge auf einen Haufen. Einige Bänder und Haarnadeln verstaute ich anschließend in einem kleinen Leinenbeutel, Brustbänder faltete ich zusammen und mein liebstes Buch über Pflanzen wanderte sorgsam in ein Tuch eingepackt zwischen die Lumpen für die Kopftücher.

Meine Gedanken rasten. Was brauchte ich noch? Kleidung. Und vielleicht eine Waffe. Einen Dolch vielleicht? Erstere würde ich heute Nacht den Bediensteten stehlen und den Dolch … den würde ich mir von Damian leihen. Meine Hände ballten sich entschlossen zu Fäusten.

London im Mai 1603

Sam

Ich stand in einer Nische und hielt die Luft an. Schritte kamen näher. Sie durften mich nicht entdecken. Alle dachten, dass ich schon lang zu Bett gegangen wäre.

»Vor Neumond laufen sie aus«, hörte ich eine Dienerin sagen. »Mein Bruder ist schon ganz aufgeregt. Ist seine erste Heuer als Schiffsjunge und anscheinend finden sich wegen diesem Piraten immer weniger Männer.«

»Schrecklich, diese Piraten«, antwortete die andere Stimme.

»Ja, grausame Männer.« Die Schritte wurden leiser und die Stimmen verklangen. Ich wagte es wieder, Luft in meine Lungen zu saugen, dann dachte ich über die Worte der Dienerinnen nach. Die Möglichkeit, auf einem Schiff anzuheuern, hatte ich bisher nicht in Betracht gezogen, aber wenn so dringend Männer gesucht wurden … dann würden sie mir keinen zweiten Blick schenken und mich hoffentlich anheuern. In meinem Kopf nahm mein endgültiger Fluchtplan Gestalt an. Ich musste schließlich hier weg. Schnellstmöglich, denn lange hielt ich meine gespielte Sorglosigkeit und Vorfreude nicht mehr aus. Koste es, was es wolle: Ich würde aus London, aus England verschwinden.

Und ein Schiff konnte schnell viel Abstand zwischen mich und Lord Lucrey bringen.

London am 24. Mai 1603

Sam

Der Mond war nur eine Sichel – bald würde Neumond sein. Und dann war es zu spät, um zu fliehen. Ich musste heute gehen. Vorsichtig und darauf bedacht, ja keinen Laut von mir zu geben, schlich ich durch die Gassen Londons. Schwer lastete mein Bündel auf meinen Schultern, vollgepackt mit Kleidung, Nahrung und dem Dolch meines Bruders. Die Pflastersteine waren rutschig und vollkommen verdreckt, selbst nachdem es vier Tage am Stück geregnet hatte. Die Ausscheidungen von Mensch und Tier wurden einfach auf der Straße entsorgt. Nachts natürlich, denn am Tage war die Gefahr zu groß, dass man dabei beobachtet wurde, wenn man einem unliebsamen Nachbarn oder Bekannten die stinkende Pampe vor die Haustür schüttete. Kalter Wind pfiff durch die Gassen. Ich fröstelte. Es war zwar Mai, aber recht frisch für die Jahreszeit. Die Priester in den Kirchen meinten, dass Gott so um unsere verstorbene Königin trauerte. Ich wusste nicht, ob ich das glauben sollte, denn die Königin war alt gewesen und irgendwann starb jeder einmal. Die Trauerstimmung in der Stadt war selbst jetzt noch zu spüren. Ich seufzte. Ich mochte diese triste Stimmung nicht.

Etwas klapperte. Sofort blieb ich stehen und sah mich wachsam um. Haus stand an Haus. Eines war heruntergekommener als das nächste. Die Straßen des Londons, in dem ich aufgewachsen war, unterschieden sich sehr von den Gassen hier. In meinem Viertel waren die Pflastersteine jeden Tag sichtbar und glänzten nach einem anständigen Regenschauer doppelt so schön. Einmal hatte ich als kleines Kind auf der Straße gespielt. Dabei war mir ein besonders schöner Stein ins Auge gefallen. Aufgeregt wie ich damals war, war ich sofort zu meinem Bruder gelaufen und hatte ihm von dem tollen Stein erzählt. Er hatte mich geschimpft, weil ich auf der Straße gespielt hatte. Seitdem hatte ich die Straße nie wieder allein betreten dürfen. Trotz allem war dieser Tag die schönste Kindheitserinnerung, die ich besaß.