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Die Erzählerin fährt in einem Zug langsam durch die malerische Landschaft ihrer Heimat. Dabei gehen ihr Bilder ihrer Kindheit und Jugend durch den Kopf. Sie möchte die Erlebnisse, Empfindungen und Erfahrungen für sich aufschreiben, um ihr Leben im eigenen Spiegelbild zu betrachten. Sie kommt in ihrem Heimatort Bitburg an. Zunächst geht sie in die Stadt und genießt die ersten warmen Sonnenstrahlen draußen in einem Straßencafe. Dort lernt sie einen Journalisten kennen, der einen Bericht über die ehemalige Besatzungsmacht und spätere Schutzmacht Amerika schreibt. Die Geschichte beginnt in dem Eifelort Bitburg, wo die Amerikaner bis Ende der 80ziger Jahre stationiert waren. Mit Jonas, dem Journalist, reist sie gedanklich in Abschnitte ihres Lebens, von den 50ziger Jahren bis Mitte der 80ziger Jahre. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden. Mit ihm geht sie zu verschiedenen Orten ihres Lebens und erzählt ihm, von der Kindheit 1959 angefangen, ihre Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen und Erfahrungen - eindrucksvoll, ergreifend und auch dramatisch, so dass man als Leser mit in diese Zeiten "abtauchen" kann. 1988 heiratet sie Jonas. Der Rückblick auf die 90ziger Jahre handelt dann von ihrem gemeinsamen Leben. Nach dem Jahr 2000 verlassen sie Deutschland für einige Monate. Sie haben einen Auftrag für einen großen Reisebericht über Teile Chinas und das Leben in den Runddörfern dort. Das kulturelle und gesellschaftliche Leben in den einzelnen Jahrzehnten wird durch die Erzählungen dem Leser wieder nahegebracht bzw. jungen Lesern neu erzählt. Die gesellschaftlichen Themen und das individuelle Leben von Anne werden in dem Roman miteinander verflochten. Wichtig ist der Erzählerin, die Werte in den früheren Jahren aufzuzeigen. Zu zeigen, was es damals z. B. für eine Freude war, eine vergoldete Uhr zur hl. Kommunion geschenkt zu bekommen. Außerdem ist es interessant, die persönliche Entwicklung der Erzählerin mit ihren Höhen und Tiefen zu verfolgen.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ursula Spitzer
Reise durch fünf Jahrzehnte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
EINLEITUNG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
SCHLUSS
Impressum neobooks
Die späte Morgensonne scheint durch das schmutzige Fenster des Zugabteils. Ich sitze auf dem breiten roten Kunstledersitz, die Füße auf die gegenüberliegende Seite aufgelegt, die Reisetasche rechts neben mir stützt meinen Arm. Es ist schön, am Wochenende die Bürohektik und den Großstadtstress hinter sich zu lassen.
Der Zug fährt langsamer – er hält. Ich lese das Ortsschild: Junkersdorf.
Ab hier genieße ich die Landschaft. Weite hügelige Wiesen, kleine Wälder, durch das Dickicht sich windende Bäche, unberührte Natur – so scheint es zeitweise. Doch dann ab und zu kleine Dörfer – Dörfer, wie man sie sonst nur im Bilderbuch sieht – Bauernhöfe, Kirchen, dazwischen Wiesen, Blumen, weidende Kühe und gelegentlich eine kleine Kneipe. Diese Landschaft nennt man Eifel.
Dann – Bahnhof Erdorf. Hier steige ich aus. Zwei Gleise, ein Bahnhofshäuschen aus den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts. Am Fahrkartenschalter steht: „für immer geschlossen“.
Doch nebenan die alte kleine Bahnhofskneipe gibt es noch. Ich gehe hinein. Lasse eine Taxe rufen. Busse fahren hier nur noch zweimal am Wochenende in die nächsten Ortschaften.
„Nach Bitburg bitte“, sage ich zu dem Taxifahrer.
Zu Hause angekommen, vor dem Reihenhaus meiner Eltern am Rande der Stadt, lese ich einen handgeschriebenen Zettel: „Wir sind einkaufen.“
Ich klingele bei der Nachbarin, sie öffnet mir die Tür. Ich rufe kurz: „Hallo, Anne ist da“, stelle meine Tasche im Keller ab, „bis nachher.“
Ich gehe langsam die kleinen Straßen entlang, die zur Fußgängerzone in der Innenstadt führen. Dort, im Cafe Hilger, suche ich einen sonnigen Platz. Die weißen Tische und Stühle stehen draußen und sind von einem weißen kleinen Holzlattenzaun eingegrenzt. Alle Tische sind besetzt – natürlich bei diesem sonnigen Tag.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ frage ich den in der Ecke sitzenden Mann in braunen Bermudas und grünem Shirt. Seine Kamera mit einem großen Teleobjektiv liegt auf dem Tisch neben seinem Kuchenteller. Ich setze mich ihm schräg gegenüber.
„Was machen Sie hier, einen Ferientrip?“ fragt er sympathisch.
„Zur Zeit bin ich auf dem Weg in meine Vergangenheit. Ich suche die Orte meiner Kindheit und Jugendzeit auf.“
„Sie sind also hier geboren“, sagt er. „Ja“, antworte ich.
„Mein Name ist Jonas“, sagt er, „ich schreibe für das Norddeutsche Tageblatt einen Bericht über die Zeit, nachdem die Amerikaner ihre Stützpunkte verlassen haben. Und Bitburg war ja schließlich der zweit bedeutendeste Militärstützpunkt.“
Ich bestelle einen Erdbeerbecher.
„Darf ich ein Stück des Weges mit Ihnen gehen?“, fragt Jonas, als ich mich verabschieden möchte.
Ich erinnere mich:
Ich sitze auf warmen weißen Steinen, meine Beine baumeln durch die Gitterstangen an der Randseite den Balkons.
Die Sonne brennt heiß, der Himmel über mir ist ganz blau. Still ist es in unserer Siedlung. Unter mir beobachte ich die großen weißen Bettlaken, die im Wind aneinander schlagen. In der Ferne höre ich das Geräusch eines Rasenmähers. Unter unserem Balkon ist ein gleicher Balkon, davor ein schmaler Schotterweg und zwischen unserem Wohnhaus und dem nächsten gibt es eine schöne grüne Wiese mit einem Sandkasten.
Am Morgen ist es meistens sehr ruhig in unserer Siedlung. Die Väter sind zur Arbeit gefahren, die großen Kinder in die Schule gegangen und in den Küchen sind die Mütter am Kochen oder Einmachen.
Meine Mutter sitzt in der Wohnküche, einen kleinen Eimer auf ihren Schoß und putzt Gemüse. Bei der Hausarbeit trägt sie immer eine weiße Schürze mit irgendwelchen Stickereien darauf. Wie so oft singt sie dabei ein Lied. Gerne höre ich:
Die Fischerin vom Bodensee ist eine schöne Maid joche,
ist eine schöne Maid joche,
die Fischerin vom Bodensee.
Fährt sie auf den See hinaus,
wirft sie ihre Netze aus.
Schon ist ein junges Fischlein drin,
im Netz der Fischerin.
Die Wellen schlagen, die Nebel steigen,
die Nixen tanzen auf den Reigen,
die Fische machen Musik dazu,
die Wellen flüstern sich ganz heimlich zu.
Ein weißer Schwan
ziehet den Kahn, mit der schönen Fischerin
auf den blauen See dahin.
Im Abendrot
schimmert das Boot. Lieder klingen von der Höh`,
am schönen Bodensee.
Da kommt ein alter Hecht daher,
übers große Schwabenmeer, übers große Schabenmeer,
kommt der alte Hecht daher und möchte noch ins Netz hinein,
bei der Maid gefangen sein.
Da zieht die Fischerin im Nu
das Netz schon wieder zu.
Die Wellen schlagen,
die Nebel steigen ...
Ein weißer Schwan ziehet den Kahn ...
Im Abendrot schimmert das Boot.
Lieder klingen von der Höh`
am schönen Bodensee.
Am Bodensee.
Ich hatte immer das Gefühl der Geborgenheit, wenn ich in der Wohnküche saß und spielte während meine Mama kochte oder bügelte.
Vater hatte mir einmal ein Puppenhaus aus dünnem Holz gebastelt. Sehr glücklich war ich darüber, denn ich musste nicht mehr mit den zerbeulten Schuhkartons spielen. Aus Pappe hatte ich mal zusammen mit Papa Betten, Schrank, Hocker usw. gebastelt; Oma hatte mir für meine kleinen Plastikpuppen Kleider genäht. Eine richtige Puppenfamilie besaß ich.
Wenn ich das Puppenhaus auf dem Küchentisch in eine bestimmte Richtung dem Fenster gegenüber stellte, schien das Licht besonders schön hinein.
Lebhafter wurde es ab Nachmittag in unserem Haus. Die Schulkinder waren wieder aus der Schule zurück; aber, was dem Haus zu einem besonderen Leben verhalf, waren die Mütter, die sich so oft am Nachmittag im Treppenhaus versammelten. Sie standen in ihren Türschwellen. Eigentlich wollte eine von der anderen nur etwas ausleihen oder einer etwas sagen, blieb aber dann mit ihr im Treppenhaus stehen, erzählte und erzählte. Andere hörten diesen Treppenklatsch und gesellten sich hinzu.
Und es geschah oft, dass auch wir Kinder auf die Flure hinauskamen. Wir spielten dann auf den Stufen, sprangen die Stufen hinunter, veranstalteten ein Wettspringen. Wer konnte von welcher Stufenhöhe springen? Wer konnte von welcher Markierung aus dem Hausausgang springen? Wir legten uns mit dem Bauch auf die Treppengeländer und rutschten so den „Berg“ hinunter.
Ganz beliebt war das „Schule spielen“ auf den letzten Treppenstufen vor dem Hausausgang. Einer spielte den Lehrer oder die Lehrerin, die anderen saßen auf der Treppe, die die Schulbänke ersetzen mussten. Das Springen störte unsere Mütter fast immer; aber das „Schulespielen“ wurde gar nicht ungern gesehen.
Drei Kinder aus unserem Hause gingen noch nicht in die wirkliche Schule. Aber durch diese Spiele bekamen sie schon eine Vorstellung, wie es dort abläuft. Hin und wieder kam mal ein Kind aus einem Nachbarhaus hinzu.
In unserem Hause lebten 6 Familien, zusammen waren wir 10 Kinder. Die Älteste war Heike, 9 Jahre, die jüngste, Inge, 1 Jahr.
Wenn man schon zusammen spielte, blieb man auch bis zum Abendbrot oft zusammen. Einer hatte immer eine Idee, was man spielen oder herauskramen konnte.
Günter von der Familie unten hatte schon eine richtige Burg mit kleinen Gummirittern. Hier haben wir am liebsten gespielt. Wir lagen auf dem Boden und waren in die Ritterwelt versunken.
Der Abend begann, wenn unsere Väter nach Hause kamen. Wenn wir nicht zu sehr in ein Spiel vertieft waren, liefen wir ihnen entgegen – den Bürgersteig hinunter, an den sechs Mietshäusern vorbei um die Ecke und warteten auf dem Parkplatz vor dem Lebensmittelgeschäft auf sie. Die meisten hatten ein Auto. Der, der keins hatte, fuhr mit einem Kollegen zur Arbeit. Sie haben, wenn sie an uns vorbeikamen, angehalten, uns ins Auto gelassen, und so durften wir die restlichen Meter mit ihnen fahren.
Im Sommer deckte Mutter meistens den Tisch für das Abendbrot auf dem Balkon. Sie machte Butterbrote und stellte immer eine große Kanne Pfefferminztee auf den Tisch.
Hin und wieder sagte Vater am Abend zu mir: „Komm mit, wir gehen den Gewerkschaftsbeitrag bezahlen.“ Das freute mich immer sehr. Denn dann ging ich alleine mit Vater an den großen Feldern vorbei zu einer Familie, die ein Haus mit einem wunderschönen Garten hatte. Was er dort bezahlte, habe ich damals nicht verstanden. Er sagte irgendwann einmal, die Gewerkschaft setze sich dafür ein, dass er weniger Stunden arbeiten müsse und dass sie auch bei verschiedenen Problemen helfe, die man an der Arbeitsstelle hat.
Ich fand, dass das ja dann eine gute Einrichtung ist, für die man auch regelmäßig bezahlen sollte. Papa abends früher zu Hause – das wäre ja prima.
Wir gingen den Berg hinter unserer Siedlung hinunter, kamen zu großen Wiesen und Feldern, die durch einen Schotterweg getrennt waren. Vereinzelt standen Häuser auf den Wiesen mit großen Bauernhöfen.
Im Sommer ging die Sonne oft wie ein glühender Ball am Himmel unter. Der Himmel sah blau mit verschiedenen Rosatönen aus. Wir liefen der Sonne entgegen. Vater gab mir seine große knöcherne Hand. Ich kann mir heute gar nicht mehr vorstellen, dass ich mich im Leben je sicherer fühlte, als damals an dieser Hand.
Vaters Arbeitskollege, Herr Wieman, begrüßte uns meistens mit: “Ach da seid ihr ja! Kommt herein.“ Wir haben uns immer in die Küche auf eine Eckbank gesetzt. Herr Wieman holte eine kleine Kassette aus dem Küchenschrank. Der Küchenschrank war aus dunkelbraunem Holz, hatte kleine Glasfenster mit Gardinen. Er stellte die Kassette vor uns auf den Küchentisch, Vater gab ihm 1 DM, Herr Wieman legte sie ins Kästchen und holte aus dem unteren Fach eine Marke. Diese klebte Vater in sein kleines Papierheftchen. Frau Wieman brachte dann immer einen Schnaps für Papa und eine Limo für mich. Nachdem die beiden Männer erzählend ein paar Zigaretten geraucht hatten und die Küche voller blauer Dunst war, machten wir uns auf den Heimweg.
Es war dann meisten schon ziemlich dunkel draußen. Oft war der Himmel übersät von leuchtenden Sternen. Ich versuchte sie zu zählen, verzählte mich immer dabei, begann wieder von vorne; aber dabei lernte ich schon früh bis 20 zu zählen.
An langen Sommerabenden fand das Leben meisten auf unserer Straße statt. Wir Kinder durften nach dem Abendessen noch lange draußen spielen. Wir spielten Verstecken, Hüppelhäuschen, übten Seilspringen oder versuchten – wie die Großen – Federball zu spielen.
Auf der Straße, die mit weiß gekreideten Hüppelhäuschen voll gezeichnet war, spielten abends die großen Kinder und die Erwachsenen Federball. Wer hielt mit wem am längsten den Ball in der Luft? Richtige Wettkämpfe wurden da veranstaltet.
Dazwischen sah man hin und wieder junge Mädchen in Jeans oder weiten Kleidern, die versuchten, den Hula-Hup-Reifen so lange wie möglich um den Bauch kreisen zu lassen.
Besonders toll war es, wenn Marion von der unteren Wohnung ein Tonband von Peter Kraus einschaltete und die Musik laut auf die Straße hallte. Gerne hörten die jungen Mädchen: Sugar Baby.......
Die älteren Männer saßen an solchen Sommerabenden auf dem Mäuerchen neben den Wäschestangen, rauchten, tranken Bier aus der Flasche und unterhielten sich, bis es ganz dunkel war. Ich konnte sie oft noch von meinem Bett aus hören, wenn das Fenster offen war. Mein Zimmer war ein kleiner abgetrennter Raum von unserem Wohnzimmer aus.
Die Winterabende dagegen waren kurz und für mich viel langweiliger.
