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Dramatisch, melancholisch und wunderschön: Der Liebesroman »Reise mit Emma« erzählt von Livs schicksalhafter Reise auf den Spuren der Liebesgeschichte ihrer Großeltern. Obwohl ihr nach einer großen Enttäuschung so gar nicht nach Romantik zumute ist, reist Liv auf den Spuren der Liebesgeschichte ihrer Großeltern Emma und Paul quer durch Irland und Frankreich – für Emma, die die Reise wegen eines gebrochenen Beins nicht selbst antreten kann. Dank Instagram ist Emma trotzdem überall dabei. Auch, als Liv auf einer kleinen irischen Insel Liam begegnet und ihr eigenes Glück plötzlich zum Greifen nah scheint. Und als Liam zur verabredeten gemeinsamen Weiterreise nach Frankreich einfach nicht auftaucht, und Liv tief verletzt versucht, ihn zu vergessen. Doch da hat sie die Rechnung ohne Emma gemacht … Mit viel Gefühl erzählt Kirsten Schützhofers Liebesroman von der großen Liebe zwischen Emma und Paul und von Livs Reise zu sich selbst, an deren Ende ihr eigenes Glück wartet.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2021
Kirsten Schützhofer
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Obwohl ihr nach einer großen Enttäuschung so gar nicht nach Romantik zumute ist, reist Liv auf den Spuren der Liebesgeschichte ihrer Großeltern Emma und Paul quer durch Europa – für Emma, die die Reise wegen eines gebrochenen Beins nicht selbst antreten kann. Dank Instagram ist Emma trotzdem überall dabei. Auch als Liv auf einer kleinen irischen Insel Liam begegnet und ihr eigenes Glück plötzlich zum Greifen nah scheint und als Liam zur verabredeten gemeinsamen Weiterreise einfach nicht auftaucht und Liv tief verletzt versucht, ihn zu vergessen. Doch da hat sie die Rechnung ohne Emma gemacht ...
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
»Liv, du musst sofort kommen.«
Papa kam ohne Umschweife zum Ziel. Ich malte eine lange Linie auf die große Papierunterlage vor mir und runzelte die Stirn. Dann malte ich ein paar Verästelungen an die Linie, Bögen und Kringel, fügte eine zu ordentliche Blüte hinzu, etwas weiter entfernt davon eine Sonne, umrundet von schnörkeligen Strahlen.
Ich bin keine gute Malerin. Ich habe einfach kein Gefühl dafür, was man weglassen muss. Ich male alles, und dann wird es kitschig. Kitschig ist der Zwilling von doof. Ein Freund hat mir das mal gesagt. Etwas aggressiv gestimmt malte ich eine zweite zu ordentliche Blüte und drückte dabei fest auf.
»Was ist denn passiert?«, hörte ich mich fragen.
Ich führte ein Gespräch, aber eigentlich hörte ich nicht richtig zu. Eigentlich beschäftigten mich diese Blumen und mein Leben und die Sommerferien, die vor mir lagen, und vielleicht auch, dass ich sie das dritte Jahr in Folge alleine verbringen würde.
»Was passiert ist?« Mein Vater holte tief Luft. »Deine Großmutter möchte alleine eine Reise durch Europa machen, das ist passiert, und das geht einfach nicht. Nicht in ihrem Alter. Sie ist fünfundachtzig.«
Er sagte den letzten Satz, als ob mir das nicht bewusst wäre. Der Bleistift fiel mit einem zarten »tock« aus meiner Hand auf die Unterlage und hinterließ den Hauch eines Strichs. Großmutter nannte mein Vater Ludwig seine Mutter Emma nur, wenn er hervorheben wollte, dass sie schon sehr alt war, uralt eigentlich.
Emma entstammt einem anderen Jahrhundert, was in unserer Familie oder in unserem nächsten Umfeld inzwischen ja fast alle tun, wenn man es recht bedenkt. In meinem engsten Kreis hatten lediglich zwei Freundinnen, die in den letzten Jahren Partner gefunden hatten, ihren Familien Mitglieder dieses Jahrhunderts hinzugefügt …
Ich runzelte erneut die Stirn. War Großmutter eigentlich ein Wort, das man überhaupt noch benutzte? Ich nahm den Bleistift wieder auf und malte die nächste Linie, dann noch eine: eine Leiter. Ich zeichnete ein Strichmännchen, das die Leiter mit verrenkten Gliedern emporkletterte. Ein weiteres folgte ihm. Vom Ende der Leiter sprang eines der Männchen in einen kleinen Pool.
»Ach komm, Papa, Omi wird sich eine Route ausgesucht haben, die sich gut bewältigen lässt«, sagte ich. »Sie ist doch reiseerfahren.«
O ja, Emma war immer gerne gereist, und ich hatte ihren Geschichten gerne gelauscht. Was Reisen anging, war sie mutiger als ich oder mein Vater. Wenn man Gerüchten Glauben schenken konnte, war sie ähnlich mutig wie meine Mutter, ihre Schwiegertochter, gewesen, aber das konnte ich nicht einschätzen. Mama hatte unsere Familie verlassen, als ich fünf gewesen war. Ich erinnerte mich kaum noch an sie, und mein Vater hatte nie viel über sie gesprochen.
Er schnaubte. »Sie ist fünfundachtzig«, wiederholte er, als hätte ich etwas nicht mitbekommen. »Nein, das geht so wirklich nicht, Liv, du wirst mit ihr reden müssen. Auf dich hört sie wenigstens manchmal. Mich …« Er stockte. Er wusste sehr gut, dass seine Mutter ihn für einen Feigling hielt. Ich wusste das auch.
Ich malte jetzt einen Kreis zwischen die beiden Striche und über die Stufen meiner Leiter hinweg, ein Strichmännchen verschwand hinter einem weiteren Kringel.
»Papa, Omi ist erwachsen. Ich werde ihr kaum vorschreiben können, was sie zu tun oder zu lassen hat.«
»Sie ist zu alt für so etwas«, beharrte er. Ich sah meinen Vater fast vor mir, wie er an seinem Schreibtisch saß, mit durchgedrücktem Rücken und ernstem Gesicht, das irgendwie immer etwas lang und traurig wirkte, wenn er sich aufregte. Ich fragte mich, was er sagen würde, wenn ich eines Tages ihm beschied, zu alt für etwas zu sein. Allerdings tat mein Vater ohnehin nichts Gefährliches oder auch nur irgendetwas, was man hätte verbieten müssen. Zeit seines Lebens hatte er Mathematik und Deutsch an einer Grundschule unterrichtet. Mein Vater war das Sinnbild der Verlässlichkeit.
»Du musst kommen, Liv«, forderte er mich noch einmal eindringlicher auf.
Ich seufzte. »Die Ferien fangen erst in einer Woche an. Das weißt du doch, Papa, und vorher …«
»Hm.« Er war nicht zufrieden. Ich hörte es ihm an, während ich auf meinen mit Terminen vollgestopften Kalender sah. Gott sei Dank waren die Noten eingetragen, aber es blieb immer noch viel zu tun. Als kinderlose Alleinstehende hatte ich zugestimmt, in den letzten Tagen vor den Sommerferien viele zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Mir kam das zupass, denn ich saß ohnehin nicht gerne alleine zu Hause. Vor drei Jahren hatten Jürgen und ich uns getrennt, und was mir anfangs wie eine Befreiung vorgekommen war – doch, es hatte sich bitter angefühlt, als ich ihn zwei Wochen später mit seiner Neuen gesehen hatte –, wurde inzwischen hin und wieder doch zu einer Belastung. Auch deshalb hatte ich dafür gesorgt, dass ich diese Woche gut beschäftigt war: Da war das Abschlussgrillen mit der Klasse, ein letzter Kinoabend mit Freundinnen, eine letzte Teambesprechung – und danach gähnende, Furcht einflößende Leere. Ich starrte die leeren Kalenderkästchen an, die für sechs Wochen Sommerferien standen, balancierte den Bleistift zwischen meinen Fingern und überlegte.
»Bist du noch dran, Liv?«, fragte mein Vater im nächsten Moment leicht verunsichert.
»Klar.«
»Kommst du also?«, drängelte er.
Ich seufzte. »Okay, aber wirklich erst Ende der Woche, dann fangen die Ferien an, wie du weißt. So lange wirst du sie wohl oder übel unter Kontrolle halten müssen.«
Freitag darauf machte ich mich wie versprochen auf den Weg. Ich hatte morgens bereits mein Gepäck ins Auto geladen. Auf der Fahrt dachte ich an frühere Ferien bei meiner Großmutter und ließ herrliche Erinnerungen in mir aufsteigen: an Lieblingsessen, die sie mir kochte, Fotoalben, die wir gemeinsam durchstöberten, Geschichten, die sie erzählte, und natürlich zu allen Jahreszeiten Emmas einfach unübertreffliche Kekse. Wenn ich in ihrem Haus war, sah ich die vertrauten Bilder von mir an den Wänden, Fotos und Selbstgemaltes, das ich zu Hause niemals aufgehängt hätte und das mich hier in eine süße, nostalgische Stimmung versetzte, und natürlich Emmas Erinnerungsgläser auf dem einzelnen Regalbrett im Flur und in dem deckenhohen Regal im Wohnzimmer, in denen sie thematisch Kleinigkeiten von ihren Reisen sammelte.
Ich fuhr direkt nach Schulschluss los, nachdem ich mich ausgiebig von meiner Klasse verabschiedet hatte. Seit dem letzten Jahr hatte ich endlich mal wieder meine eigene Klasse. Fünft-, nunmehr Sechstklässler können immer noch sehr körperlich sein. Sie umarmen einen spontan. Sie fassen einen einfach an. Sie erzählen einem Dinge, und manche fragen immer noch Sachen, die man eigentlich nicht fragt. Für männliche Kollegen ist das sicherlich manchmal nicht leicht.
»Haben Sie einen Freund, Frau Schreiber?«, hatte mich Arzu, eine schmale Schülerin mit großen schwarzen Augen und der Neigung zu einem Damenbart, heute gegen Schulschluss noch gefragt, während ich die letzten Sachen in meiner Tasche verstaute. Damenbart hin oder her – Arzu war sehr hübsch.
»Momentan nicht«, antwortete ich und stellte mir vor, dass sie in ein, zwei Jahren sicherlich die Hormone ihrer Mitschüler in Wallung bringen würde. Wie ihre Eltern wohl damit umgehen würden?
»Wollen Sie mal heiraten, Frau Schreiber?«
Arzu war ziemlich neugierig, aber ihr Gesicht war klar und offen dabei und nicht im Geringsten gehässig. In früheren Zeiten wäre ich mit fünfunddreißig eine alte Jungfer gewesen. Manchmal fühlte sich das heute auch so an.
»Ich weiß nicht«, blieb ich vage. Arzu musterte mich.
»Warum nicht? Ich will einmal heiraten und wie eine Prinzessin aussehen. Ich habe mir sogar schon ein Kleid ausgesucht. Wollen Sie nicht wie eine Prinzessin aussehen?«
Ich lächelte, zum Teil, weil diese Gespräche einfach niedlich waren, zum Teil, weil ich nicht ganz sicher war, was ich antworten wollte. Die Elfjährige zeigte mir, wie üppig der Rock ihres Hochzeitskleides sein würde; ihren Bewegungen nach zu schätzen jedenfalls offenbar enorm, dazu einen Schleier aus echter Spitze, das war ja klar, und eine Schleppe, die ihren Gesten zufolge bis zum Schultor reichen sollte. »Von Dior«, sagte sie ernsthaft.
Ich musste lächeln. Kinder sprechen Klischees aus, ohne dabei rot zu werden, und wer war ich, das zu bewerten. Außerdem, wer weiß, vielleicht heiratete sie wirklich in Dior. Arzu war durchsetzungsfähig. Sie war jemand, der seine Ziele erreichte.
»Kommen Sie zu meiner Hochzeit?«, fragte sie.
»Wenn du mich einlädst?«
»Klar, das mache ich. Sie müssen kommen.«
Sie lachte zufrieden. Die letzte Hochzeit, zu der ich gegangen war, war die eines weiteren Ex-Freundes gewesen. Unsere Trennung hatte damals schon Jahre zurückgelegen, und wir passten echt nicht zusammen, aber trotzdem nagte sein Glück vorübergehend an mir. Als er mich damals eingeladen hatte, hatte ich natürlich sofort mit dem Gedanken gespielt, abzusagen, aber standen wir nicht alle über den Dingen? Viel Rotwein und einen heldenhaften Einsatz meiner besten Freundin Jenna später, die mich wahrscheinlich vor noch größeren Dummheiten bewahrt hatte, musste ich am nächsten Morgen mit dröhnendem Schädel zugeben, dass ich so gar nicht über den Dingen stand.
Ich war inzwischen fast an meinem Ziel angekommen, hatte die Strecke in etwa zweieinhalb Stunden geschafft. Die Straßen waren nicht zu voll gewesen, und ich kannte natürlich auch ein paar, auf denen man Staus umgehen konnte. Hier kannte ich mich schließlich aus. Mein Blick schweifte über das flache Land, auf dem ich aufgewachsen war: Gutshöfe, große Äcker, hier und da Kuhweiden, Schweinemastbetriebe, riesige Hühnerställe und zu viel Nitrat im Boden. Jacques Brel sang in meinem Kopf Avec la mer du Nord pour dernier terrain vague / Et des vagues de dunes pour arrêter les vagues … Als Jugendliche hatte ich viel Brel gehört, vielleicht, um mich von meinem Vater abzusetzen, der nicht viel mit Chansons am Hut hatte und nur Klassik hörte. Klaus Hoffmann hatte, wie ich fand, eine annehmbare Übersetzung geschaffen: Allein mit dem Meer, den tosenden Wellen / Und welligen Dünen, wo die Wellen zerschellen …
Ich passierte endlich das Ortsschild und nahm den Fuß vom Gas, fuhr vorbei an backsteinroten Häusern und größeren Villen vergangener Honoratioren, sah etwas zurückgesetzt den dampfenden Misthaufen, um den es immer mal wieder Streit mit den umliegenden Ferienhausbesitzern gab. Ein alter Mann kehrte die Straße. Ich winkte. Emma musste mein Auto gehört haben, denn sie stand schon in der Tür, als ich den Wagen stoppte und schließlich ausstieg. Sie war schlank, trug einen feinen Wollpullover zu dunkelblauen Jeans und darüber eine Schürze. In der Hand hielt sie ihren Rührlöffel. Ich erinnerte mich, dass die Großmütter von Freundinnen stets Kittelschürzen getragen hatten. Emma hatte so etwas nie getragen und würde es nie tun. Wir umarmten uns innig. Als ich das Haus betrat, duftete es nach Plätzchen.
»Hm, lecker«, rief ich aus.
»Sommerplätzchen«, entgegnete sie mit einem verschmitzten Lächeln.
Im Flur warf ich im Vorübergehen einen Blick auf die Erinnerungsgläser. Im Frankreichglas stand ein kleiner Eiffelturm, einen Aufenthalt in Pisa markierte ein zierlicher schiefer Turm, ein silbriges Ästchen, das sie am Strand aufgesammelt hatte, erinnerte an einen Aufenthalt in der Bretagne.
Die Plätzchen gab es selbstverständlich wie immer von meinem Kindergartenteller, Gespräche und Lachen dazu. Ich gab ohne Umschweife zu, dass mein Vater mich schickte, aber das wusste Emma natürlich längst. Sie ließ sich nichts vormachen.
»Ich weiß nicht, warum ich so einen Feigling großgezogen habe«, sagte sie später am Abend über meinen Vater, während sie die Lasagne aus dem Ofen nahm. Emma war nicht nur eine gute Bäckerin, sondern auch eine leidenschaftliche Köchin. Die italienische Küche hatte es ihr in den letzten Jahren besonders angetan, aber es hat auch eine französische, indische und sogar eine vietnamesische Phase gegeben. In seiner Kindheit, beschwerte sich mein Vater manchmal, habe es allerdings nur Dosenfraß gegeben. »Ich hatte keine Zeit«, pflegte Emma dann ungerührt zu sagen. »Ich musste Geld verdienen, und ich hatte auch ein Leben.«
Wir setzten uns an den Tisch. Ich verteilte Lasagne auf beide Teller. Emma nahm die Gabel zur Hand. Ich tat es ihr gleich und teilte das erste Stück meiner Lasagne ab. Vielleicht eine halbe Minute lang war es still, lange für meine Großmutter.
»Denkst du etwa auch, ich bin zu alt für eine solche Reise?«, fragte sie dann, und ihre Stimme klang durchaus scharf.
Ich hielt inne, spießte ein Stück Lasagne auf und hob erst mit leichter Verzögerung den Kopf. »Ich weiß nicht. Du bist eben fünfundachtzig«, stellte ich dann fest. »Das steht wohl außer Frage.«
»Das weiß ich, aber ich bin ja nicht tot.« Emma legte ihre Gabel ab.
»Nein.« Meine Stimme klang weder fest noch unsicher, sondern irgendwie nachdenklich. Wir aßen mehr von der leckeren Lasagne.
»Ja, ich weiß, dass ich nicht mehr die Jüngste bin«, nahm Emma den Gesprächsfaden wieder auf, »aber ich muss diese Reise einfach machen, weißt du? In Erinnerung an eine Zeit, in der ich jünger war, und weil ich … Ach, wer weiß …« Sie schob sich wieder etwas Lasagne auf die Gabel. »Ich bin fünfundachtzig, das ist ja durchaus nicht von der Hand zu weisen, und ich weiß einfach nicht, wie lange ich noch werde reisen können. Deshalb …«
Manchmal kam mir meine Großmutter sehr direkt vor, andererseits hatte sie einfach recht. Eine Weile aßen wir schweigend die Lasagne weiter.
»Diese Reise – dein Vater hat dir doch sicherlich meinen Plan gezeigt –, das war die letzte und die erste Reise, die ich mit Paul gemeinsam gemacht habe, weißt du?«, war dann Emmas Stimme zu hören. »Das war etwas ganz Besonderes. Beim ersten Mal war ich das erste Mal außer Landes, das andere Mal … Ich möchte das noch einmal erleben. Ich möchte in meine Erinnerungen eintauchen. Es wird mir guttun.«
»Na ja, ich weiß nicht, ob man so etwas einfach wiederholen kann«, sagte ich vorsichtig und hörte sofort meinen Vater in meiner Stimme.
»Kind, Kind, wie der Vater immer am Zweifeln«, erwiderte Emma kopfschüttelnd und schob ihren Teller zurück. »Natürlich wird es anders sein als damals. Natürlich bin ich nicht mehr jung, aber es wird auch Ähnlichkeiten geben und vor allem schöne Erinnerungen. Ich möchte mich noch einmal mit allen Sinnen erinnern. Ich möchte sehen, riechen, schmecken …«
Emma konnte wirklich sehr mitreißend sein. Ich dachte unwillkürlich daran, dass ich Emmas Mann – meinen Großvater – nie kennengelernt hatte. Er war bereits vor meiner und wenig nach der Geburt meines Vaters gestorben. Auch mein Vater hatte nie eine Beziehung zu ihm aufbauen können. Emma war quasi alleinerziehend gewesen. Leicht konnte das damals nicht gewesen sein, war es ja auch heute noch nicht. Jedenfalls kannten sowohl mein Vater als auch ich Paul nur aus Geschichten oder als jungen, ernsten Mann von Fotos, und trotzdem war er auch in meiner Welt irgendwie immer wieder präsent gewesen. Emma hatte ihn sehr geliebt, das war stets deutlich gewesen, und sie hatte natürlich von ihm erzählt, wenn auch nie alles. Sie hatte sich immer ein Stück Geheimnis zwischen sich und ihrem Mann erhalten.
Ich hörte Emmas Gabel noch einmal über ihren Teller schaben, bevor sie sie endgültig zur Seite legte. Die Haare in meinem Nacken stellten sich bei dem Geräusch auf.
»Weißt du«, sagte sie, »diese Reise würde mir wirklich viel bedeuten, und deshalb habe ich mir etwas überlegt, um deinen Vater zu beruhigen.«
Manchmal war er mein Vater, fiel mir auf, und nicht ihr Sohn.
»Ja?«
»Wie wär’s, wenn du einfach mitkommst?«
Liv hatte wie erwartet zögerlich reagiert, aber so war sie eben, da kam sie ganz nach ihrem Vater, überlegte sich alles drei- oder viermal, drehte jede Entscheidung mehrfach im Kopf herum und betrachtete sie aus allen Blickwinkeln. Woher hatten die beiden das nur? Überraschend war es jedenfalls nicht, dass sich auch im Leben der Enkelin so wenig änderte. Immer vorsichtig, immer auf Sicherheit bedacht, auch was Neues oder Beziehungen in ihrem Leben anging. Emma glaubte nicht, dass eine Frau nicht auch ohne Mann durchs Leben gehen konnte, doch es war auch nicht zu übersehen, dass ihre Enkelin viel zu viele Punkte auf ihrer Liste hatte, die es unmöglich machten, Neues in ihrem Leben zuzulassen. An schlechten Dingen biss sie sich zudem gerne fest.
Genug gegrübelt. Emma drehte sich zur Garderobe um und nahm ihren eleganten leichten Sommermantel vom Haken und dann den kleinen Hut. Liv und sie hatten also über die Reise gesprochen. Emma hatte ihre Enkelin eingeladen, mitzukommen. Die hatte natürlich nicht sofort geantwortet. Sie müsse darüber nachdenken.
Emma war nicht überrascht gewesen. Jedenfalls klang es schon einmal nicht danach, als ob Liv etwas für die Ferien geplant hätte.
Sechs Wochen Sommerferien und keine Pläne, viele Ausreden blieben ihr da ja wohl nicht, und Emma wusste einfach, dass es ihr guttun würde, rauszukommen: Liv hatte sich besonders im letzten Jahr viel zu sehr in die Arbeit geworfen. Und dann war da diese hässliche Trennung vor etwa drei Jahren gewesen, von der sie sich inzwischen einfach zu lange erholen musste. Immerhin hatte sie ihre Freiheit wiedergewonnen. So sah Emma das jedenfalls, allerdings fand sie auch, dass Liv diese Freiheit einfach nicht nutzte. Stattdessen zog ihre Enkelin es vor, zu arbeiten und auf ausgetretenen Pfaden zu bleiben. Wie ihr Vater Ludwig.
Sie wagt nichts. Das muss sich ändern, bevor alles zu spät ist.
Emma blieb stehen und stützte sich auf ihren Regenschirm. Ihr lieber Sohn hatte ihr zum letzten Geburtstag sogar einen Stock geschenkt – zur Sicherheit –, aber mit so etwas würde sie sich niemals sehen lassen. Sich ab und zu auf den Regenschirm zu stützen war inzwischen allerdings durchaus hilfreich, das musste sie zugeben.
Emma seufzte. Meine Güte, jetzt ärgerte sie sich schon wieder darüber, wie ihr Körper sie nach und nach einfach im Stich ließ. Diese Sache war wirklich am schwersten zu akzeptieren am Älterwerden. Sie ging noch ein paar Schritte weiter und blieb dann neben dem Zaun der Nachbarin mit den vielen Katzen stehen, um ein bisschen zu verschnaufen. Nun gut, man musste sich eben anpassen und trotzdem die eigenen Ziele nicht aus dem Kopf verlieren. Das eine hatte sie immer gekonnt, das andere lernte sie immer besser. Sie machte noch einen Schritt, und alles änderte sich.
Der Anruf erreichte mich am frühen Vormittag des nächsten Tages in meinem alten Kinderzimmer, kurz nachdem ich daran gedacht hatte, das Handy wieder einzuschalten. Ich hatte bereits gefrühstückt, geduscht, etwas gelesen und viel nachgedacht, vor allem über das, was mich Emma gefragt hatte. Am Nachmittag, so hatten wir ausgemacht, sollte ich ihr meine Entscheidung mitteilen.
Mein Handy brummte wieder. Dass es der zweite Anruf war, stellte ich erst fest, als ich wieder aufgelegt hatte. Ich drückte auf Annehmen. »Liv Schreiber.«
»Liv! Liv? Gut, dass du endlich rangehst!« Es war die Stimme meines Vaters, und sie klang so aufgeregt, dass ich mich zuerst gar nicht darüber wunderte, dass er mich anrief. Noch hatte ich nämlich nicht mitbekommen, dass er das Haus verlassen hatte. »Liv, hörst du mich? Deine Großmutter ist im Krankenhaus. Du musst sofort kommen.«
»Im Krankenhaus?«, echote ich.
»Ja, sie ist gestürzt. Heute Morgen beim Spaziergang. Sie hat sich den Oberschenkel gebrochen. Es war alles sehr aufregend. Spaziergänger haben sie gefunden und den Krankenwagen gerufen, dann wurde ich informiert … Ich komme erst jetzt dazu, dich anzurufen, weil … Kannst du bitte kommen?«
»Alles klar, bin quasi auf dem Weg.«
Wenig später saß ich im Auto. Meine Gedanken wirbelten. Emma war im Krankenhaus. Sie hatte sich den Oberschenkel gebrochen. Das bedeutete doch, dass die gestern besprochenen Pläne hinfällig waren? Bedauerte ich das? Ich hatte lange darüber nachgedacht, was ich zu ihr sagen sollte, und sogar ein bisschen mit dem Gedanken gespielt, die Idee nicht ganz schlecht zu finden, aber wenn sie im Krankenhaus war … Mit einem gebrochenen Oberschenkel machte man definitiv keine Reisen. Das sollte sogar für meine Großmutter unmöglich sein.
Das Krankenhaus war klein, und es war lange her, dass man mich selbst als Kind hier einmal nach einem Fahrradsturz behandelt hatte, bei dem ich nach einem unglücklichen Manöver über den Fahrradlenker gestürzt und mir eine Platzwunde eingehandelt hatte. An der Tür waren die Besuchszeiten ausgehängt, an der Rezeption nickte man mir zu. Ich fragte mich, ob man hier jeden Patienten und dessen Familie persönlich kannte, und dann, ob so ein kleines Krankenhaus überhaupt noch rentabel sein konnte? Im Flur vor Emmas Zimmer begegnete ich meinem Vater.
»Schläft sie?«, fragte ich, gleichzeitig etwas verwundert, mich ausgerechnet das fragen zu hören. Allerdings hatte man ihr doch sicherlich Schmerzmittel gegeben, und die machten ja manchmal müde. Wie behandelte man so einen Oberschenkelbruch eigentlich, und wie lange dauerte das?
»Gott bewahre.« Mein Vater schüttelte leicht verzweifelt den Kopf. »Wie kommst du darauf? Sie liegt mir eher damit in den Ohren, dass sie schnellstens hier wieder rauswill. Nach Hause. Gott sei Dank habe ich dazu nichts zu sagen, sondern die Ärzte.«
»Es ist also heute Morgen passiert?«, fragte ich. Eigentlich wusste ich das ja bereits.
Ludwig rollte mit den Augen. »Ja, gegen sieben Uhr. Im Krankenhaus kannte man sie und rief mich an. Meinen Namen hatte sie bis dahin übrigens nicht genannt …«
Das sieht Emma ähnlich.
»Und jetzt treibt sie mich, wie gesagt, mit ihren Forderungen in den Wahnsinn, dass sie hier schnellstmöglich rauswill.« Er sah mich flehend an. »Gehst du jetzt bitte, bitte zu ihr hinein und redest mit ihr? Mir will sie ja gar nicht zuhören. Sag ihr, dass sie nicht nach Hause kann und dass sie auf die Ärzte hören muss. Sie hat sich das Bein gebrochen.«
Ich war mir sicher, dass das meiner Großmutter klar war, aber ich sagte nichts.
Ich klopfte. Emma rief »Herein«. Offenbar war die erste Behandlung so weit abgeschlossen, die Pflegekraft verabschiedete sich gerade. Meine Großmutter und sie lachten über irgendetwas. Emma war immer leicht in Kontakt gekommen. Ich zog mir einen Stuhl heran, fragte sie, was geschehen sei, und sah einen Schatten über ihr Gesicht huschen. Offenbar hatte sie die Balance verloren, direkt am Zaun der Katzenfrau. Sie wollte nicht wirklich mehr darüber sagen. Ich konnte sehen, dass das Ereignis an ihr nagte. Sie hatte die Kontrolle verloren. Das war ungewohnt für sie.
Was sie allerdings wollte, war, mit mir über die Reise zu sprechen und was daraus jetzt werden sollte, und sie klang sehr entschlossen dabei. Ganz offenbar hatte sie sich in den letzten Stunden sehr viele Gedanken darüber gemacht.
Ich musterte sie prüfend. »Tut das nicht weh?«, unterbrach ich ihren Redefluss.
»Man hat mich vorerst unter Drogen gesetzt«, gab sie trocken zurück. Ich wollte etwas entgegnen. Sie sprach einfach weiter. »Also es ist ganz einfach, Liv, du musst diese Reise für mich machen. Es ist alles gebucht, es wäre doch schade, das alles verfallen zu lassen?« Sie hielt inne und schaute mich prüfend an. »Und auch dir würde ein Tapetenwechsel sehr guttun. Das weißt du doch sehr gut, Liv. Du musst raus aus diesem immergleichen Einerlei.«
Es ist mein Einerlei, beharrte ich stumm. Innerlich wehrte ich mich hart gegen das Ansinnen, dass andere immer besser wussten, was für mich gut war. Was ich laut erwiderte, war: »Aber ich bin noch nie alleine gereist.«
Meine Großmutter war unbeeindruckt. »Einmal ist immer das erste Mal.«
Touché. Wir redeten ungezielt noch ein bisschen weiter über dies und das. Ich sagte nicht Ja und nicht Nein, wie auch am Vortag.
Abends rief sie mich noch einmal an, als ich längst wieder in meinem alten Kinderzimmer saß und durch alte Kinder- und Jugendbücher blätterte. Ich besuchte sie auch am nächsten Tag, an dem sie operiert wurde und natürlich bereits wusste, in welche Rehaklinik man sie schicken würde. Dass es ihre Wunschklinik war, verwunderte mich nicht. Emma konnte sehr energisch sein, wenn sie etwas erreichen wollte.
Am Tag darauf bat sie mich, einen guten Kaffee an ihrer Maschine zu Hause zu zapfen und in eine Thermoskanne abzufüllen und Kuchen aus der Cafeteria mitzubringen, weil das sonstige Essen meist ungenießbar sei. Emma war immer ein Leckermäulchen gewesen. Ich versuchte, sie noch einmal über ihren Sturz zu befragen, doch hinsichtlich dessen hielt sie sich bedeckt. Sie sei gestolpert und habe den Halt verloren, das könne passieren in ihrem Alter. Ich dachte nach und konnte mich nicht erinnern, dass meine Großmutter je in so einer Lage gewesen war.
War sie wirklich einfach nur gestolpert, oder war ihr vielleicht schwindelig geworden, sodass etwas Größeres hinter der Sache steckte? Vielleicht sollte doch noch einmal ein Arzt darauf schauen?
Ich hatte Emma bislang tatsächlich nie als wirklich alt erlebt. Erst jetzt wurde mir klar, dass sie am Ende ihres Lebens angekommen war, und doch war dieser Gedanke immer noch nicht greifbar und beunruhigte mich. Selbstverständlich erwischte sie mich beim sorgenvoll Gucken.
»Willst du mich wirklich weiter anglotzen, als stünde ich mit einem Fuß im Grab, oder hilfst du mir jetzt mal?«
Emma schaute mich herausfordernd an und deutete dann auf den Kuchen. Ich verteilte die Kuchenstücke endlich auf den Tellern, schob den Tisch an ihrem Bett so, dass sie gut darankam, und schluckte erneut alles hinunter, womit ich ihr eine Situation schmackhaft machen wollte, die sie nur schweren Herzens oder kaum akzeptieren konnte.
»Die Rehaklinik wird …«, setzte ich an.
»Hast du meinen Computer mitgebracht?«, unterbrach sie mich.
Ich war nicht überrascht, dass sie mich hinsichtlich dieser Sache ignorierte. »Klar.«
Ich holte ihn aus der Tasche. Emma hatte einen Laptop der neuesten Generation, mit dem sie mehr arbeitete als manch Jüngerer. Mit den sozialen Medien kannte sie sich in jedem Fall besser aus als ich. Emma hatte damals gemeinsam mit uns ihren ersten Computer gekauft. Sie hatte einen Kurs belegt, und wenn ich Probleme mit meinem Computer hatte, rief ich eher sie an als meinen Vater, der einen Großteil seiner Arbeit immer noch am liebsten handschriftlich erledigte.
»Gute Güte«, pflegte Emma zu sagen. »Ich weiß wirklich nicht, von wem er das hat.«
Emma hatte den Laptop inzwischen aufgeklappt und ihn hochfahren lassen. Nur etwas später wusste ich Bescheid. Natürlich hatte sie sich Gedanken gemacht, das überraschte mich wirklich nicht. Es ging immer noch um die Reise, die ich nicht nur alleine antreten, sondern auch für sie auf Instagram dokumentieren sollte. Das war ihr Plan. Sie würde mir ihre Reiseunterlagen geben und ein Erinnerungsstück, das mich auf der Reise begleiten sollte. Ich sollte Fotos für sie machen und sie auf diese Weise teilhaben lassen.
Ein Erinnerungsstück – ich fragte mich, was das wohl war. Hoffentlich nichts zu Unhandliches … sollte ich mich überhaupt entscheiden, ihr Angebot anzunehmen.
»Essen wir jetzt endlich?« Emma klang ungeduldig. »Am besten nimmst du dir den Stuhl und setzt dich auf die andere Seite.«
Ich tat, wie mir geheißen, und starrte auf die Instagram-Seite, die sie geöffnet hatte. Sie war mit »Emmas Reise« betitelt. Meine Großmutter hatte bereits drei Bilder online gestellt. Eins zeigte uns beide.
Ich selbst hatte Instagram noch nicht benutzt, aber es wunderte mich nicht, dass Emma sich damit auskannte. Soziale Medien waren nicht so mein Ding, doch Emma bewegte sich mit ihren über achtzig Jahren darin wie ein Fisch im Wasser. Natürlich würde ich sie dennoch nicht fragen, wie man sich anmeldete. Ich wollte das alleine herausfinden. Das war ich mir immerhin schuldig.
»Und hast du fertig nachgedacht? Kannst du es dir vorstellen?«
Sie hatte mir die Frage doch eben erst gestellt? Ging sie davon aus, ich könne ihr jetzt schon eine Antwort geben? Ich dachte gerne eingehend über Sachen nach, das wusste sie doch … Allerdings drängte die Zeit natürlich, und ich würde wohl, zumindest für meine Verhältnisse, ins kalte Wasser springen müssen, sollte ich mich dafür entscheiden …
An diesem Abend zuckte ich mit den Schultern. Knapp zwei Tage später landete ich in Dublin.
Das Flugzeug setzte mit minimaler Verspätung auf dem Dubliner Flughafen auf, von wo aus ich mich anschließend mit dem Mietwagen todesmutig, wie ich fand, in den Verkehr der irischen Hauptstadt stürzte. Meine Freundin Jenna hatte mich gewarnt, aber dennoch war es gewöhnungsbedürftig, dass irische Fußgänger rote Ampeln einfach zu jeder Zeit ignorierten. Bis ich die Straße nach Westen erreichte, war ich nass geschwitzt und fuhr eine Weile mit heruntergelassenen Scheiben, um abzukühlen und frische Luft zu atmen. Je weiter ich mich von Dublin entfernte, desto häufiger sah ich grüne Wiesen und noch mehr grüne Wiesen und Schafe und Kühe und noch mehr Kühe. Ich passierte Athlone, Claremorris, Ballinrobe und viele ungewohnte Ortsnamen mehr, die ich gleich wieder vergaß.
Das erste Ziel auf Emmas Reiseroute war die Insel Inishbofin ganz auf der anderen Seite an der Westküste Irlands. Ich hatte mir die Bilder in dem Album, das mich auf der Reise begleiten würde, genauestens angeschaut und dennoch keine Ahnung, was mich dort erwartete. Das Album war das Erinnerungsstück, von dem Emma gesprochen hatte, ein Fotoalbum, in dem Paul, mein unbekannter Großvater, und sie Fotos, Zeichnungen und Notizen ihrer Reise zu einem Bericht zusammengefügt hatten und das ich bisher aus Zeitgründen eher grob überflogen hatte. Es war ein von außen eher unscheinbares Album mit einem gewebten Stoffeinband in einer Art Tartanmuster und festen Seiten, auf denen es unendlich viel zu entdecken gab, und es roch nach Emma. Noch verstand ich nicht alles, was ich da sah, aber ich würde das meiste wohl noch kennenlernen. Außerdem war es gewiss gut, eine Aufgabe zu haben, wenn man so ganz alleine unterwegs war. Die Vorstellung behagte mir im Übrigen immer noch nicht recht.
Den Unterlagen zufolge sollte die Fähre nach Inishbofin am nächsten Tag gegen elf Uhr übersetzen. Die Nacht davor wollte ich in einem Bed and Breakfast in der Nähe des Hafens verbringen. Die erste Unterkunft, die ich in Clifden ansteuerte, war belegt, aber die Dame des Hauses rief bei einer Freundin ein Dorf weiter an, und ein köstliches Abendessen mit leckeren Sandwiches, heißem Tee und Petits Fours zum Nachtisch später, nachdem ich mich noch ein wenig hatte ausfragen lassen, lag ich zwischen richtigen Daunendecken, starrte auf eine äußerst kitschige Deckenlampe in Hellblau und Rosé – auf der ähnlich gestalteten Nachttischlampe jagten sich pausbäckige kleine Kinder in Rosa und Blau – und gähnte so herzhaft, dass es mir fast den Kiefer aushakte. Eigentlich hatte ich noch ein wenig in Emmas Reisealbum stöbern wollen, aber ich war zu müde. Die Anreise, die lange Fahrt im Linksverkehr und das Bemühen, wenigstens etwas vom hiesigen Dialekt zu verstehen, forderten ihren Tribut. Das Letzte, was ich dachte, kurz bevor ich wegdämmerte, war, dass es furchtbar ruhig war und dass ich das irgendwie nicht mehr gewohnt war. Dann war nichts mehr.
Am nächsten Morgen weckte mich ein Hahn. Eine junge Frau stand am Herd, als ich das an die Küche angrenzende Speisezimmer betrat. Sie brachte mir mein Frühstück – ein full Irish, bestehend aus Eiern, Würstchen, Frühstücksspeck, ein paar Champignons, Toast und starkem schwarzem Tee mit Milch – an den einzigen gedeckten Tisch und stellte sich als Enkelin der Besitzerin vor, die ich tags zuvor bereits kennengelernt hatte. Gott sei Dank verstand ich den Dialekt schon etwas besser als am Abend zuvor. Gestern hatte ich noch öfter gerätselt. Auf so etwas hatte mich mein Schulenglisch jedenfalls nicht vorbereitet.
Die junge Frau leistete mir noch ein wenig Gesellschaft. Wir sprachen über dies und das, bevor sie sich verabschiedete, um sich um die Hühner zu kümmern. Den Hahn hatte ich ja bereits gehört.
Wenig später ging ich auch wieder nach oben. Bezahlt hatte ich schon am Abend vorher. Meine Tasche und der Rucksack waren rasch gepackt, kaum fünfzehn Minuten später befand ich mich bereits auf der Weiterreise.
Gegen halb zehn Uhr morgens erreichte ich den kleinen Fährhafen nach Inishbofin und parkte meinen Wagen. Ich überlegte kurz, ob ich ihn hier einfach stehen lassen konnte, aber eigentlich blieb mir ja kaum etwas anderes übrig. Nachdem ich abgeschlossen hatte, kontrollierte ich zweimal nach und kaufte dann ein Ticket, etwas Wasser und ein paar Schokoriegel in einem kleinen Laden am Pier.
Es war noch früh, ich hatte also Zeit, mich umzusehen. Zuerst stöberte ich ein wenig in Emmas Album, um mich zu orientieren. Dann spazierte ich erst einmal kreuz und quer durch den kleinen Hafen. Vom Hafen und seiner Umgebung gab es ein paar Bilder im Album. Eins zeigte Emma neben dem grauen VW Käfer, dem ersten gemeinsamen Auto meiner Großeltern, ein weiteres das aufgewühlte Meer. Das dritte war eine verwaschene Aufnahme eines Denkmals. Kurz darauf fand ich das betreffende Steinkreuz, das an das Cleggan Bay Disaster erinnerte. Während einer riesigen Springflut Ende Oktober 1927 war die »Star of Seas« samt ihrer Besatzung untergegangen. Sechzehn Fischer aus Cleggan, neun von der Insel Inishbofin und weitere zwanzig aus dem umliegenden County Mayo verloren bei dem Unglück ihr Leben. Unwillkürlich spürte ich einen faustdicken Stein in meinem Magen. Viele Familien hatten damals in nur einer Nacht Familienmitglieder und zumeist auch ihren Ernährer verloren, ein furchtbarer Schicksalsschlag. Ich überprüfte meine Fotos und nahm das Steinkreuz dann noch einmal aus einem anderen Winkel auf. Später würde ich sie für Emma online stellen, so war es ausgemacht: Ich würde die Reise für sie dokumentieren, Veränderungen fotografieren, die mir auffielen, und Fotos nachstellen, die ich in ihrem Album fand, damit sie sich erinnern konnte und sehen, was sich in all den Jahren verändert hatte. So war das: Ich würde in das eintauchen, was Emma und Paul vor so vielen Jahren erlebt hatten. Die Idee schien mir interessant, aber trotzdem war ich mir noch nicht sicher, was ich von alldem halten sollte. Auch beunruhigte mich, alleine unterwegs zu sein.
Als ich endlich zum Pier zurückkam, nachdem ich schnell noch mein Gepäck aus dem Auto geholt und wieder zweimal kontrolliert hatte, ob es abgeschlossen war, hatten sich schon weitere Mitreisende versammelt. Ein paar wohnten sicher auch auf der Insel, andere waren unübersehbar Touristen. Ich hörte amerikanische, französische, italienische und spanische Sätze. Viele machten nur eine Tagestour, andere würden wie ich länger bleiben. Zu meinen Füßen platzierte ich die Tasche und den Rucksack.
Die Überfahrt gefiel mir gut. Der Seegang war ordentlich. Ein paar Mitreisende wurden nass, seekrank wurde keiner. Ich fand, dass alles meiner Ankunft etwas Besonderes gab. Außerdem hatte ich Inseln schon immer gemocht. Sie zogen mich geradezu magisch an: als Urlaubsziele, als Ort in einem Roman oder besser noch in einem Krimi, wenn die Protagonisten quasi eingesperrt waren und nicht fliehen konnten. Ich mochte es, dass eine Insel die erste offizielle Etappe der Reise war. Auch deshalb stand ich die ganze Fahrt über an der Reling und sah zunehmend vorfreudiger meinem Ziel entgegen.
Nach knapp einer halben Stunde landeten wir in einem natürlichen Hafen an, der sicherlich schon jahrhundertelang genutzt worden war. Ich machte die Ruine eines alten Forts aus. Das mussten die Cromwell’s Barracks sein, von denen ich schon während meiner knapp bemessenen Vorbereitung gelesen hatte. Das sternförmige Fort lag auf einer vorgelagerten Insel namens Port Island und war bei Ebbe zu erreichen.
Da wir nun in den Hafen einfuhren, nahm ich meinen Rucksack wieder auf den Rücken und meine Reisetasche zur Hand. Als ich wenig später von Bord ging, rissen die letzten dichteren Wolken auf, und der Himmel war plötzlich so weit und so unerwartet blau, das Licht so zart und hell, wie ich es nur aus dem Norden kannte. Der Wind wehte jetzt nur sehr leicht. Ich musste die Augen zusammenkneifen, als ich nun noch einmal nach oben sah, wo der Wind das letzte Gespinst von Wolken dahinjagte, zu dünn, um die Sonne noch zu verdecken, die stärker brannte als erwartet. Irland, Land des Regens – ich hatte gelesen, dass man hier nur Rost ansetzen könne. Momentan hegte ich allerdings die Befürchtung, ich könnte mir einen Sonnenbrand holen.
Nachdem ich die Gangway verlassen hatte, schwankte der Boden unter meinen Füßen noch ein, zwei Schritte weiter. Ich kramte in meiner Jackentasche nach der Adresse meiner Unterkunft. Ein Haus fiel mir dabei auf. Ich kannte es aus dem Album. Paul hatte hier das Bild einer jungen Emma aufgenommen. Dort an der Hausecke hatte meine Großmutter gestanden und frech in die Kamera gelacht, gekleidet in einen dunklen Rock, der wohl über das Knie reichte, den sie aber ein wenig geschürzt hatte, sodass man ihre Beine sah. Auf dem Bild schaute es aus, als würde sie ihm etwas zurufen. Was war das wohl gewesen? Man hatte sehen können, wie glücklich sie gewesen waren, und das hinterließ ein durchaus warmes Gefühl in mir. Vier Tage lagen vor mir, so wie damals vor Emma und ihrem Mann Paul.
Paul … Ich wusste wirklich nicht viel über ihn. Was auch immer Emma hin und wieder erzählt hatte, wir hatten ihn alle nie richtig fassen können.
Ich gab mir einen Ruck und ging weiter. Meine Großeltern waren damals privat untergekommen, für diese Reise hatte Emma ein vielversprechendes Bed and Breakfast gefunden. Als ich mich noch einmal umblickte, stellte ich fest, dass ich längst alleine zurückgeblieben war. Alle anderen waren bereits auf der Suche nach oder in ihren Unterkünften oder auf dem Weg zu ihren Tageszielen, weil ihnen nur die Zeit bis zur letzten Fähre blieb. Ich studierte zur Sicherheit noch einmal die Wegbeschreibung und setzte mich in Bewegung.
Bald hatte ich mein Ziel entdeckt. Ich kannte auch dieses Haus schon aus dem Album. Damals war es lediglich ein größeres Einfamilienhaus gewesen und hatte keine Zimmer angeboten. Auf dem Weg dorthin machte ich noch ein paar Bilder. Ich freute mich darauf, heute Abend in meinem Zimmer Emmas Album noch genauer und intensiver mit den neuen Eindrücken im Kopf zu durchstöbern. Eigentlich war es ja nicht nur ein Album. Es war eine Art Reisetagebuch, so hatte sie es genannt, gezögert und hinzugefügt: »Du wirst schon sehen.«
Ausfragen lassen hatte sie sich jedenfalls nicht. Ich müsse die Dinge selbst entdecken. Sie wolle nicht vorgreifen. Ehrlich gesagt war ich mir im Ansatz nicht klar darüber gewesen, ob ich Lust auf die romantische Geschichte meiner Großeltern hatte – immerhin knabberte ich auch nach drei Jahren noch an meiner letzten Trennung. Trotzdem hatte ich das Album im Flugzeug aufgeschlagen und bald über mich und die Reise gegrübelt. Was würde all das mit mir machen? War ich den Anforderungen gewachsen? Länderwechsel lagen vor mir, verschiedenste Orte, Sprachen, Menschen … Eigentlich war ich kein Mensch für Entdeckungen. Ich war auch keine Abenteurerin. Was machte ich hier? Warum hatte ich mich um Himmels willen überreden lassen?
In dem Moment, in dem ich das Bed and Breakfast betrat, fühlte sich etwas anders an, aber dass das so war, verstand ich erst später. Ich hatte geklingelt und nach einer Weile vorsichtig die Tür aufgeschoben, um im nächsten Moment in einem Flur zu stehen, der irritierend privat aussah. Mein erster Impuls war, das Haus sofort wieder zu verlassen, dann ermahnte ich mich, zuerst einmal tief durchzuatmen und zu überlegen. Übernachtung mit Familienanschluss – so hatte es schließlich geheißen. Als ich mich bei der Planung damit beschäftigt hatte, hatte das gut geklungen. Jetzt fragte ich mich, viel zu spät, ob ich das überhaupt wollte. Ich kontrollierte noch einmal die Adresse. Schließlich wollte ich keinesfalls im falschen Haus stehen. Mein Blick fiel auf zwei erdverschmierte Gummistiefel und auf eine dieser wahlweise weinroten, blauen oder grünen Wachsjacken, die hier fast jeder zu tragen schien. Ich kannte die von Burberry, aber das hier sah gewiss nicht nach einem Burberry-Modell aus. Das war Kaufhausware.
Ich horchte wieder. Jetzt hörte ich endlich auch etwas, vorher war ich wohl einfach zu aufgeregt gewesen. Irgendwo da hinten spielte ein Radio die besten Songs der Siebziger, Achtziger und Neunziger, wie mich gerade ein Jingle informierte. Durch einen Spalt unter der Tür drang Licht in den Flur und hob die Risse in dem alten gelb-braun gemusterten Linoleum hervor. Ich schluckte. Okay, ein Bed and Breakfast war natürlich keine Pension oder ein Luxushotel, und ich war schließlich nicht verwöhnt.
Immer noch stand ich im Flur. Die Treppe herab waren mit einem Mal Schritte zu hören, und ich hatte den Impuls zu fliehen, während ich abwechselnd auf die Küchentür und nach oben starrte. Was sollte ich tun? Wie sah das denn aus, wenn ich hier wer weiß wie lang im Flur stand und nicht auf mich aufmerksam machte? Da waren so viele Ideen in meinem Kopf, aber ich konnte mich für keine entscheiden. Stattdessen umklammerte ich den Griff meiner Reisetasche so fest, dass es langsam wehtat. Dann kam er die Treppe herunter.
Er sah sehr gut aus, und das machte die Sache nicht unbedingt leichter. Gut aussehende Männer machten mich seit jeher nervös, hässliche allerdings auch. Ehrlich gesagt war ich wohl im Umgang mit niemandem besonders locker, wahrscheinlich, weil ich mir einfach stets zu viele Gedanken machte. Eigentlich war es echt ein Wunder, dass ich in der Schule so gut zurechtkam, aber die Schule war irgendwie auch wie eine Bühne, auf der ich spielte. Das war etwas anderes …
In diesem Moment wäre ich jedenfalls am liebsten Entschuldigungen murmelnd rückwärts aus dem Eingang gestolpert. Es gab drei Gründe, warum ich das Haus nicht verließ: Erstens war gebucht, und wo zur Hölle sollte ich sonst unterkommen? Zweitens hatte mich der Mann ohnehin entdeckt, vermutlich war er übrigens in meinem Alter, und schenkte mir bereits ein breites Lächeln.
»Howya!«, sagte er.
»Howya!«, erwiderte ich. Es klang eigentlich ganz okay. Ich nahm allen Mut zusammen und erzählte von der Buchung, bevor ich ihm in die leere Küche zu dem dudelnden Radio folgte, wo ich ihm für die nächsten Minuten dabei zusah, wie er ein recht unordentlich geführtes Buch durchforstete. Möglicherweise starrte ich ihn dabei an. Wenn das so war, gab er kein Zeichen, dass er es bemerkte. Er hatte dichtes schwarzes Haar, das etwas tiefer in den Nacken reichte, leuchtend blaue Augen, die Nase hatte einen kaum merklichen Drall nach links, und für seine Wangenknochen hätte manche wohl getötet. Seine Augen waren mir übrigens schon im ersten Moment unserer Begegnung aufgefallen. Wie so ziemlich alle Iren hatte er außerdem diese Schneewittchenhaut, gegen die meine bleiche mitteleuropäische Haut geradezu dunkel wirkte. Unter dem verwaschenen blauen T-Shirt zeichneten sich breite Schultern ab. Und ebenso die Muskeln seiner Arme, aber es waren keine, die man sich im Fitnessstudio erarbeitete. Offenbar arbeitete er körperlich durchaus hart.
»Ah, there you are … Liv Schreiber.« Er hob so unvermittelt den Kopf, dass ich zusammenzuckte. Hoffentlich hatte er nicht bemerkt, wie ich ihn angestarrt hatte. »I am Liam, by the way.«
»Liv.« Ich versuchte mich an einem Lächeln und kam mir vor, als würden meine Gesichtszüge entgleisen. Ich dachte an so viel in diesem Moment, an das ich mich später gar nicht erinnerte; so viele absurde Gedanken, die mich davon abhielten, mich auf die Gegenwart zu konzentrieren, um die es hier doch ging. Der schöne Mann sprach weiter. »Äh, was?«, stotterte ich.
»Ich wollte Ihnen gerne das Zimmer zeigen und fragen, ob das alles Gepäck ist und ob Sie noch etwas brauchen?«
»Nein, das ist alles, danke.«
Er bückte sich, um meine Reisetasche zu nehmen. Ich riss sie ihm geradezu aus der Hand. »Okay«, sagte er gedehnt.
Wenig später stieg er vor mir die Treppe hinauf. Sein Hintern war … Ich senkte den Blick auf die Stufen, mit denen ich den Griff meiner Tasche umklammerte. Oben im Flur angekommen, streckte er mir unvermittelt die Hand entgegen. »Sorry, I forgot. Welcome.«
»Thank you.« Ich ergriff sie und fand, dass ich klang wie ein übereifriges Schulmädchen. Warum waren meine Finger eigentlich so warm und schwitzig? Liam hatte einen festen Händedruck. Ich mochte das. Ich atmete plötzlich ruhiger.
Der Händedruck ist wichtig, finde ich. Es gibt Menschen, bei denen es sich anfühlt, als hielte man einen toten, schlaffen, aber doch noch lebenswarmen Fisch fest.
Wir standen einen Moment lang wortlos da, dann räusperte Liam sich und stieß die Tür zum Zimmer auf. Er war so groß, dass er sich in der Tür ein wenig bücken musste. Bei mir reichte es gerade noch. Dann standen wir wieder nur da.
Ich sah mich um. Das Zimmer war einfach eingerichtet, in einem reduzierten skandinavischen Stil, der mir recht gut gefiel und den ich nach dem gestrigen Kitsch in dem anderen Bed and Breakfast nicht erwartet hatte. Endlich ging ein Ruck durch meinen Gastgeber.
»Sorry«, sagte er, ging zum Fenster und zog die Vorhänge auf. Ich folgte ihm und genoss einen Moment lang die Aussicht.
Von meinem Zimmer aus konnte man den Hafen sehen. Liam bewegte sich, und meine Gedanken beschäftigten sich gleich wieder mit ihm. Ich hatte ja schon festgestellt, dass er wie jemand aussah, der sich körperlich betätigte. Was er wohl machte? War er vielleicht Fischer? Als ich mich vom Fenster wegdrehte, sahen wir einander direkt in die Augen. Hier oben im Licht war der Kontrast zwischen seinem Haar und den Augen noch frappierender. Schwarzes Haar und blaue Augen – keltisch nannte man das. Woher wusste man eigentlich, wie die Kelten ausgesehen hatten? Meine Gedanken drifteten schon wieder ab, einfach weil er mich so nervös machte. Ich sah, wie er schluckte und dann zwei Schritte zurücktrat. Mit einer Hand öffnete er die Schranktür und präsentierte einen leeren Schrank und etwa fünf Kleiderbügel.
»Für Ihre Sachen.« Dann deutete er auf eine weitere Tür. »Bad und Toilette. Es ist klein, aber nur für Sie. Ich hoffe, es gefällt Ihnen und Sie haben alles, was Sie sich wünschen.«
Ich nickte dieses Mal nur. Meiner Stimme traute ich momentan nicht.
»Unten im allgemeinen Aufenthaltsraum«, fuhr er fort, »gibt es ein paar Infos zur Insel, Spiele, einen Kaffeeautomaten und einen Wasserkocher für Tee natürlich. Außerdem kann man dort andere Gäste treffen. Heute sind Sie allerdings die Einzige. Brauchen Sie sonst noch etwas?«
»Nein, alles wunderbar. Ich denke, ich schaue mich vielleicht erst mal ein bisschen draußen um?« Meine Stimme ging am Ende hoch und ließ meine Aussage wie eine Frage klingen. Gott, was sollte das denn? Er schaute mich einen Moment lang etwas ratlos an – war ja klar! – und nickte dann nur.
Liam O’Rourke war gut aussehend, aber irgendwie war ihm das nicht bewusst, oder es kümmerte ihn eben nicht. Am ersten Tag ging ich gleich wieder aus dem Haus, und daran war nicht zu einem geringen Anteil er schuld. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mit ihm in einem Haus zu bleiben, ihm womöglich über den Weg zu laufen oder gar mit ihm sprechen zu müssen. Am Ende fühlte er sich verantwortlich für mich. Das wollte ich keinesfalls.
Außerdem hatte ich zu tun. Meine Zeit war knapp bemessen. Ich musste Bilder für Emma machen. Also schnappte ich mir kurz entschlossen meine Kamera und das Album und machte mich auf meinen ersten Ausflug in Emmas Vergangenheit.
Mein Bed and Breakfast befand sich so ziemlich direkt oberhalb des Hafens, das Haus, in dem Paul und Emma damals untergekommen waren, lag noch ein paar Schritte näher zum Hafen hin. Zuerst einmal lief ich wieder in Richtung Meer, knipste ein paar Fotos von den Cromwell’s Barracks und begegnete anderen Touristen vom Schiff, die mich dafür beneideten, dass ich länger bleiben würde. Dann kehrte ich zu einem späten Mittagessen in ein Restaurant ein und blätterte hoch konzentriert in Emmas Album, während ich auf das Essen wartete. Für den nächsten Tag plante ich eine erste kleine Wanderung zur Westseite der Insel hinüber.
Ich stellte auch fest, dass es mehr Fotos von meiner Großmutter als von Paul in dem Album gab. Er hatte also mehr fotografiert. Die Emma von heute erkannte ich in den Fotos durchaus wieder, aber ich bemerkte auch etwas, was sie hinter sich gelassen hatte: eine jugendliche Unsicherheit, ein Suchen und Versuchen, ein Nichtwissen darum, wer und was man eigentlich war. Paul hatte außerdem viel gezeichnet, Emma hatte mehr geschrieben. Von ihr stammten die meisten Beschreibungen von Tagesabläufen und der Umgebung. An einer Stelle musste einmal ein Blatt geklebt haben, doch es hatte die Zeit nicht überlebt und nur einen leichten bräunlichen Abdruck hinterlassen. Am Strand traf ich später auf ein weiteres Denkmal, das an das Cleggan Bay Disaster erinnerte und an die neun Inselmänner, die damals ihr Leben gelassen hatten. Überraschend verspürte ich wieder diesen Kloß im Hals und fröstelte ein wenig.
Die letzte Fähre verließ Inishbofin gegen siebzehn Uhr. Kurz danach betrat ich den Pier-Shop, kaufte mir ein Sandwich, kehrte zu meiner Unterkunft zurück und raste, als ich den Flur leer vorfand, hinauf in mein Zimmer. Das Sandwich verspeiste ich am Fenster sitzend und spülte es mit Wasser hinunter. Später duschte ich, schlüpfte ins Bett und machte zum ersten Mal den Fernseher an, der an der gegenüberliegenden Wand angebracht war. Die Lautstärke ließ mich zusammenzucken. Ich regelte runter und verfolgte die irischen Abendnachrichten um einundzwanzig Uhr mit halbem Ohr, während ich die Pläne für den nächsten Tag präzisierte. Dann scrollte ich durch die Bilder auf meinem Handy und schaute mir danach auch die auf meiner Kamera an. Meine Güte, waren das bereits viele. Zum ersten Mal seit dem Beginn meiner Reise öffnete ich Instagram, stellte Bilder ein und formulierte Bildunterschriften. Es war doch ein bisschen aufregend. Emma meldete sich wenig später.
»Schöne Bilder. Wie geht es dir?«
»Es ist hübsch hier«, schrieb ich zurück, und das stimmte ja auch. Irgendwie.
Am nächsten Morgen wachte ich bester Laune auf. Ich hatte am Abend zuvor noch etwas länger in Emmas Album geblättert und mich dabei bemüht, mir nur die Seiten von Inishbofin anzusehen, als könnte ich mir damit die Überraschungen einer Reise bewahren, die ich doch längst mit meiner Großmutter besprochen hatte. Ich war inzwischen durchaus ein wenig stolz auf mich, denn bisher meisterte ich das Alleinreisen doch unerwartet gut. Vielleicht würde es also doch nicht so schrecklich werden wie erwartet.
Wie gestern geplant, brach ich nach dem Frühstück zur Westseite der Insel auf. Dieser Teil Inishbofins war eher flach. Ich kam ohne große Anstrengung voran, lauschte währenddessen auf die Wellen und schaute auch immer wieder zum Meer hinüber, das hier natürlich nirgends weit entfernt war. Bäume gab es dafür kaum, das hatte ich schon im Internet gesehen. Ein Großteil war über die Jahrhunderte zum Bauen und als Brennholz verwendet worden, zu einer erfolgreichen Aufforstung war es nie gekommen. Während ich so vor mich hin lief, genoss ich die strahlende Helligkeit des Nordens und weiterhin einfach verboten gutes Wetter. An manchen Stellen schimmerten die Wiesen weiß vor Salzigkeit. Ab und zu scheuchte ich ein paar Kaninchen auf. Schafe beobachteten mich aus sicherer Distanz. Letztere schienen alleine unterwegs zu sein. Wenn sie einen Besitzer hatten, kümmerte sich momentan jedenfalls niemand um sie. Im Laufen aß ich ein Sandwich und einen Apfel, die ich noch rasch im Pier-Shop erstanden hatte. Irgendwann wählte ich mir einen Platz für eine erste kleine Pause und holte das Album aus meinem Rucksack.
Auch für Emma und Paul hatte die Reise hier begonnen: auf Inishbofin. Inis Bó Finne auf Irisch. Die Insel der weißen Kuh. Emma hatte ein paar Notizen dazu im Album gemacht, Paul eine aufrecht stehende weiße Comic-Kuh mit unglaublich langen, klimpernden Wimpern gezeichnet, die mich lächeln ließ.
Mein Großvater, der Zeichner und Fotograf, hatte auf dieser Wanderung ein paar wirklich schöne Bilder meiner Großmutter aufgenommen. Er hatte einen Blick für Motive, wie ich feststellen konnte, während ich angestrengt danach Ausschau hielt. Leicht war das wirklich nicht. Die Bilder waren vor langer Zeit aufgenommen worden, seitdem hatte sich die Landschaft durchaus verändert. Ich war bald so ins Suchen und Vergleichen vertieft, dass ich nicht bemerkte, dass ich nicht mehr alleine war. Als ich irgendwann den Kopf hob, kam Liam O’Rourke mir auf dem Weg entgegen, auf dem ich gerade stand, und ich überlegte tatsächlich kurz, mich »in die Büsche zu schlagen« und so zu tun, als müsste ich mir dort abseits des Weges etwas ansehen.
An dieser Stelle war das allerdings kaum möglich. Ich drehte mich zur Seite, tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen, nahm die Kamera vors Auge und fotografierte. Vielleicht würde er ja einfach vorbeigehen. Er blieb stehen. Natürlich.
»Kann ich Ihnen helfen? Soll ich ein Bild von Ihnen machen?«
Er schaute zu dem Hintergrund hin, den ich mir gewählt hatte. Irgendjemand hatte an dieser Stelle Paul und Emma Arm in Arm und überglücklich aufgenommen. Ich starrte durch den Sucher meiner Kamera und gab erst einmal keine Antwort, als müsste ich mich auf mein Motiv konzentrieren. Allerdings war da nichts als eine grüne Wiese, die etwas anstieg, natürlich keine Bäume, keine Steine und auch sonst rein gar nichts, was für ein Foto von Interesse gewesen wäre. Warum hatten eigentlich so viele Menschen das Bedürfnis, ein Bild von sich selbst zu machen? Ich vor Felsen, ich vor Meereshintergrund, ich neben einem Baum …
