Reisestipendien: Abenteuerroman - Jules Verne - E-Book

Reisestipendien: Abenteuerroman E-Book

Jules Verne.

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Beschreibung

In Jules Vernes Roman 'Reisestipendien' begleiten die Leser den jungen Forscher Pierre Aronnax auf eine aufregende Reise in die Tiefen des Ozeans. Mit seinem detailreichen Schreibstil und faszinierenden wissenschaftlichen Abhandlungen schafft Verne eine fesselnde Erzählung, die sowohl Abenteuer als auch Wissensvermittlung vereint. Der Roman, der im 19. Jahrhundert veröffentlicht wurde, gilt als Meisterwerk der Science-Fiction-Literatur und ist ein einflussreiches Werk in der Geschichte des Abenteuerromans. Verne gelingt es, die fantastische Welt unter Wasser mit realistischen Details zum Leben zu erwecken und den Lesern eine neue Perspektive auf die Ozeane zu geben. Als einer der bedeutendsten Autoren seiner Zeit hat Jules Verne durch seine vielfältigen Interessen und sein umfassendes Wissen über Naturwissenschaften und Technik die Grundlage für seinen innovativen Schreibstil gelegt. Seine Leidenschaft für Entdeckungen und Abenteuer spiegelt sich in 'Reisestipendien' wider, das sowohl unterhaltsam als auch lehrreich ist. Mit einer Mischung aus Spannung, Humor und wissenschaftlicher Genauigkeit begeistert Verne Leser jeden Alters und lädt sie ein, die faszinierende Welt der Ozeane zu erkunden. 'Reisestipendien' ist ein zeitloses Werk, das die Neugier der Leser weckt und sie dazu inspiriert, die unendlichen Möglichkeiten der Natur zu erforschen und zu schätzen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jules Verne

Reisestipendien: Abenteuerroman

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Pia Albrecht
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Reisestipendien: Abenteuerroman
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein Versprechen, die Welt zu sehen, setzt Kräfte frei, die ein ganzes Leben in Bewegung versetzen. Jules Vernes Reisestipendien: Abenteuerroman knüpft an diese Idee an und macht aus der Aussicht auf Bildung durch Reise ein erzählerisches Motorprinzip. Die Aussicht auf fremde Horizonte wird zum Prüfstein für Charakter, Wissen und Entschlusskraft. Verne führt seine Leserschaft an die Schwelle des 20. Jahrhunderts, dorthin, wo Dampfkraft, Schienenwege und Telegrafie neue Verbindungen schaffen. Das Buch lädt ein, die Neugier nicht als bloße Sehnsucht, sondern als verpflichtenden Antrieb zu begreifen – als Stipendium, das Verantwortung und Freiheit zugleich verleiht.

Der Roman stammt von Jules Verne (1828–1905), einem der wirkungsmächtigsten Autoren der modernen Abenteuer- und Wissenschaftsliteratur. Das Werk erschien 1903 in Frankreich unter dem Originaltitel Bourses de voyage und gehört zum Zyklus Les Voyages extraordinaires. In deutscher Sprache ist es unter dem Titel Reisestipendien bekannt. Damit gehört der Text zu Vernes späten Arbeiten, die Erfahrungswissen, technische Beobachtung und erzählerische Ökonomie in reifer Form verbinden. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt einen literarischen Raum, in dem Faktenhunger, Imagination und ein didaktischer Impuls in produktive Spannung treten.

Im Zentrum steht eine einfache, wirkungsvolle Ausgangssituation: Eine Initiative vergibt Reisestipendien und ermöglicht jungen Menschen Bildungsreisen, die nicht nur ihren Horizont erweitern, sondern auch ihre Urteilsfähigkeit, ihre Kooperation und ihr Verantwortungsbewusstsein herausfordern. Ausgerüstet mit Zielvorgaben, Mitteln und Neugier treten sie an, die Welt als offenes Lehrbuch zu begreifen. Die Handlung entfaltet sich unterwegs, zwischen Verkehrsmitteln, Landschaften und Begegnungen. Verne beobachtet, wie Wissen sich im Kontakt mit der Wirklichkeit bewährt. Mehr zu wissen, als die nächste Station erfordert, bleibt jedoch Aufgabe der Lesenden – ohne vorwegzunehmende Wendungen.

Reisestipendien gilt als Klassiker, weil es Vernes charakteristische Verbindung von Abenteuer und Aufklärung in konzentrierter Form zeigt. Der Roman knüpft an die große Tradition des erzählten Lernens an, die einer Reise nicht nur äußere Bewegung, sondern auch innere Entwicklung zuschreibt. Verne verankert das Staunen in überprüfbaren Details: Entfernungen, Routen, Technologien und Institutionen werden greifbar. Zugleich bleibt der Text ein Werk der Vorstellungskraft, das Realität nicht bloß abbildet, sondern arrangiert. Diese Verbindung aus methodischer Genauigkeit und narrativer Verführung macht den bleibenden Reiz aus.

Sein literarischer Einfluss reicht über das Genre des Jugend- und Abenteuerromans hinaus. Reisestipendien befördert die Idee, dass Fiktion ein Probierfeld für Weltwissen sein kann: Geografie, Technik und Kultur treten nicht als Hintergrund, sondern als Handlungsträger auf. Dadurch schärfte Verne eine Leseweise, die Karten, Fahrpläne und Berichte als Stoff der Imagination begreift. Nachgeklungen ist dies in zahllosen Reiseerzählungen, populärwissenschaftlichen Formaten und erzählten Expeditionen. Der Roman steht exemplarisch für ein Modell des Lesens, das Wissbegierde belohnt und den Geist auf Entdeckungskurs schickt – ohne die Lust am Abenteuer zu mindern.

Zu den nachhaltigen Themen gehören Neugier als Tugend, Bildung als soziales Versprechen und Verantwortung als Begleiter jeder Freiheit. Verne zeigt, wie Begabung, Förderung und Zufall zusammenwirken, wenn junge Menschen Wege einschlagen, die es zuvor für sie nicht gab. Das Stipendium ist dabei mehr als eine finanzielle Ressource: Es ist ein Auftrag, das Erfahrene zu prüfen, zu ordnen und mit anderen zu teilen. Dem gegenüber stehen Risiko, Irrtum und die Unwägbarkeit des Reisens. Aus dieser Spannung zieht der Roman seine Dynamik, ohne seine Figuren zu romantisieren oder die Welt zu vereinfachen.

Die materielle Grundlage des Erzählens bilden die Verkehrssysteme und Kommunikationsmittel der Zeit um 1900. Dampfschiffe, Eisenbahnen und Telegrafenlinien verbinden Kontinente und ermöglichen einen Takt, der die Handlung vorantreibt. Verne interessiert, wie Technik Wahrnehmung strukturiert: Zeit wird messbarer, Entfernungen werden berechenbar, und dennoch bleibt Überraschung möglich. Die Welt ist vernetzt, aber nicht entzaubert. Indem der Roman Verkehrswege fast wie Figuren auftreten lässt, macht er sichtbar, dass moderne Mobilität nicht nur Fortkommen bedeutet, sondern eine neue Art, Informationen, Risiken und Entscheidungen zu koordinieren.

Gleichzeitig ist das Buch in der geistigen Welt seiner Entstehungszeit verankert. Dazu gehören Perspektiven, die aus heutiger Sicht von Eurozentrismus geprägt erscheinen können. Verne begegnet anderen Kulturen mit Interesse und didaktischem Eifer, doch seine Darstellung folgt oft Blickwinkeln, die die damaligen europäischen Diskurse spiegeln. Eine zeitgenössische Lektüre erkennt hierin einen historischen Kontext, der kritisch reflektiert werden sollte. Diese historische Einordnung mindert nicht die erzählerische Qualität, sondern öffnet Raum, über das Verhältnis von Wissen, Macht und Darstellung nachzudenken.

Stilistisch überzeugt Reisestipendien durch Klarheit, einen sicheren Sinn für Rhythmus und eine Architektur, die Etappen, Prüfungen und Beobachtungen sorgfältig dosiert. Verne arbeitet mit anschaulichen Expositionen, knappen technischen Erläuterungen und präzisen Ortsmarkierungen. Die Spannung erwächst weniger aus spektakulären Zufällen als aus nachvollziehbaren Entscheidungen. Kartenhafte Überblicksmomente wechseln mit Nahsichten, in denen Handgriffe, Geräusche oder Zahlen eine Szene erden. So entsteht eine Prosa, die gleichermaßen orientiert und verführt, die lehrt, ohne belehrend zu wirken, und das Tempo variabel hält, ohne die Richtung zu verlieren.

Als Lektüreerfahrung lädt der Roman dazu ein, mitzuarbeiten: mitzudenken, abzuwägen, die nächsten Schritte zu planen. Er spricht jüngere wie erwachsene Leserinnen und Leser an, weil er den Reiz des Abenteuerlichen mit der Freude am Erkennen verbindet. Wer mitliest, zeichnet innerlich Routen nach, prüft Annahmen und erweitert das eigene Vokabular des Weltwissens. Das Buch eignet sich daher nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch als Anstoß für Gespräche über Geografie, Technik, Ethik des Reisens und Bildungsgerechtigkeit. Es zeigt, wie Fiktion zum Resonanzraum realer Fragen werden kann.

Heute bleibt Reisestipendien relevant, weil es Themen verhandelt, die unsere Gegenwart bestimmen: globale Mobilität, Zugänge zu Bildung, die Verantwortung gegenüber Menschen und Orten sowie die Chancen und Grenzen technischer Vernetzung. Der Roman erinnert daran, dass Förderung nicht nur Möglichkeiten schafft, sondern auch Maßstäbe setzt. Er zeigt, wie Teamgeist, Ausdauer und Offenheit in unbekannten Situationen den Unterschied machen. In einer Zeit, in der Reisen selbstverständlich geworden scheint, ruft Verne in Erinnerung, dass jede Wegstrecke auch eine ethische Entscheidung ist – und dass Lernen erst unterwegs seine ganze Tiefe gewinnt.

Wer dieses Buch heute liest, entdeckt ein Werk mit zeitlosen Qualitäten: den Mut zum Staunen, die Genauigkeit der Beobachtung, die Zuversicht in die Bildbarkeit des Menschen. Reisestipendien: Abenteuerroman ist ein Klassiker, weil es Weltverstehen als Abenteuer erzählt und Abenteuer als Schule des Denkens. Es bietet Orientierung, ohne die Komplexität zu glätten, und ermutigt, die eigene Neugier als produktive Kraft zu pflegen. So markiert Verne nicht nur Wege auf Karten, sondern öffnet innere Landschaften. Diese Einführung versteht sich als Einladung, die Reise anzutreten – aufmerksam, kritisch und mit Freude am Entdecken.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Der Roman stellt eine Gruppe begabter Jugendlicher vor, die durch wohltätige Reisestipendien die Möglichkeit erhalten, eine mehrwöchige Studienfahrt zu unternehmen. Unter der Aufsicht erfahrener Begleiter soll die Reise praktische Bildung mit geographischer und naturkundlicher Anschauung verbinden. Schon zu Beginn werden Erwartungen, Regeln und das Versprechen fairer Leistung deutlich: Wer Initiative zeigt, Beobachtungen sammelt und gemeinsam Lösungen findet, soll gefördert werden. Jules Verne rahmt das Vorhaben als Experiment des Lernens unter realen Bedingungen. Der nüchterne Ausgangspunkt betont die pädagogische Absicht, doch zugleich zeichnet sich ab, dass das Unternehmen mehr ist als Unterricht. Die Reise wird Prüfstein für Charakter, Urteilskraft und Zusammenhalt.

Ein sorgfältiges Auswahlverfahren bringt Jugendliche mit unterschiedlichen Stärken zusammen: einige sind wagemutig, andere methodisch, wieder andere sprachlich oder technisch versiert. Ein festgelegter Reiserahmen, Etappen und Aufgabenhefte strukturieren das Programm, damit Neugier in überprüfbare Ergebnisse mündet. Der Aufbruch bündelt Erwartungen und Rivalitäten, denn jede Etappe verspricht Anerkennung für gute Beobachtung und umsichtiges Handeln. Die Begleiter ordnen Verantwortlichkeiten, erläutern Sicherheitsregeln und bekräftigen, dass Belohnung nur nach Leistung und Fairness vergeben wird. Noch im sicheren Startumfeld zeigt sich jedoch, wie verschieden Lernstile, Temperamente und Zielvorstellungen sind. Die Gruppe muss klären, wie man entscheidet, wenn Zeit drängt und Informationen lückenhaft sind.

Auf den ersten Stationen übt sich das Team im dokumentierten Beobachten: Landformen werden vermessen, Pflanzen bestimmt, technische Anlagen beschrieben. Verne nutzt diese Passagen, um Wissensgebiete miteinander zu verknüpfen und die Methode des genauen Hinschauens zu modellieren. Ein frühes Missgeschick – unklare Zuständigkeiten, eine Fehlkalkulation oder eine übersehene Warnung – zwingt zu improvisierten Absprachen. Es wird deutlich, dass reine Theorie nicht genügt, wenn Wege unpassierbar werden oder Material knapp ist. Die Stipendiaten lernen, Prioritäten zu setzen, Risiken zu bewerten und dennoch die Neugier zu bewahren. Kleine Erfolge stabilisieren das Vertrauen, ohne die unterschwelligen Spannungen zu beseitigen.

Ein erster markanter Wendepunkt entsteht, als äußere Umstände den Reiseplan durchkreuzen. Unerwartete Hindernisse – etwa Wetterumschwünge, bürokratische Hürden oder technische Ausfälle – erzwingen Umwege und Zeitverluste. Die Differenz zwischen idealem Lehrplan und Wirklichkeit wird scharf sichtbar. Aus der Verzögerung erwächst eine Führungsprobe: Wer übernimmt Verantwortung, wenn etablierte Routinen ausfallen? Die Gruppe ringt mit der Frage, ob strikte Regelbefolgung oder flexible Anpassung bessere Ergebnisse liefert. Verne schärft dadurch den Blick für praktische Vernunft. Die Stipendiaten begreifen, dass Beobachtung erst durch gutes Urteilen wirksam wird, und dass Kooperation kein Selbstläufer ist, sondern täglich neu verhandelt werden muss.

In der Mitte der Reise rückt der Vergleich von Regionen, Arbeitsweisen und Lebensverhältnissen in den Vordergrund. Begegnungen mit Einheimischen, Einblicke in Handel, Handwerk und Infrastruktur erweitern den Horizont über die Buchseite hinaus. Die Jugendlichen protokollieren, wie Umwelt und Technik sich gegenseitig prägen, und entdecken, dass Fortschritt lokale Bedingungen braucht. Gleichzeitig verschärft sich ein leitender Konflikt: Gilt die Förderung vor allem individueller Excellence, oder steht solidarisches Lernen im Zentrum? Wettbewerbliche Anreize motivieren, doch sie erzeugen auch Misstrauen. Eine kleine Ungenauigkeit in einem Bericht oder eine voreilige Schlussfolgerung wird zum Prüfstein, wie fair man mit Fehlern umgeht.

Ein weiteres Schlüsselereignis lässt die Reise zur Bewährungsprobe werden: Eine riskante Passage, ein Navigationsproblem oder ein Versorgungsengpass zwingt zu entschlossener Kooperation. Die Beteiligten müssen abwägen, ob sie Zeit in die Absicherung eines Experiments investieren oder zunächst Sicherheit und Ausrüstung stabilisieren. Dadurch verschiebt sich die Perspektive vom reinen Sammeln von Daten zur Verantwortung für Menschen und Mittel. Der Wert des Stipendiums erscheint nicht mehr nur als Anerkennung von Wissen, sondern als Verpflichtung zu Sorgfalt. Verne zeigt, wie Mut und Vorsicht sich ergänzen können, wenn klare Kommunikation und gegenseitige Rücksichtnahme den Ton bestimmen.

Als sich die Lage normalisiert, tritt eine Erkenntnis hervor, die die Gruppe zusammenschweißt: Einzelne Prämissen der Reiseorganisation waren unvollständig verstanden, und Erwartungen an Messbarkeit und Ranglisten mussten angepasst werden. Nicht Täuschung, sondern Komplexität war die Quelle mancher Frustration. Daraus entsteht eine reifere Arbeitsweise: Beobachtungen werden kontextualisiert, vorläufige Schlüsse gekennzeichnet, und divergierende Sichtweisen gelten als Ressource. Ein Vertrauensvorschuss ersetzt misstrauisches Punktegezähle. Die Jugendlichen erkennen, dass wissenschaftliche Genauigkeit nicht in Gewissheit, sondern in überprüfbarer Nachvollziehbarkeit besteht. Der Gedanke der Förderung erhält damit eine ethische Dimension, die über Prämien hinausweist.

Gegen Ende verdichtet sich das Erlebte zu einem vorläufigen Ergebnis: Reiseberichte, Skizzen und Modelle fügen sich zu einem Gesamtbild, das die Vielfalt der Wege, Irrtümer und Korrekturen abbildet. Die Gruppe bereitet sich darauf vor, Erfahrungen öffentlich zu teilen und die Relevanz ihrer Beobachtungen zu begründen. Persönliche Entwicklungen werden sichtbar, ohne dass ein endgültiges Urteil ausgesprochen wird. Wer welchen Vorteil aus dem Stipendium zieht, bleibt an Leistungen gekoppelt, doch die Maßstäbe haben sich verbreitert. Statt eines einzigen Triumphs steht die Einsicht im Raum, dass Lernen einen Prozess mit offenem Ende darstellt, der Verantwortung und Neugier verbindet.

Die übergeordnete Botschaft des Romans betont die Bildungswirkung des Reisens: Erkenntnis erwächst aus genauer Beobachtung, fairer Kooperation und besonnener Anpassung an das Unvorhergesehene. Verne verbindet Abenteuer mit einer Ethik des Forschens, in der Leistung nicht als isolierter Sieg, sondern als gemeinsamer Fortschritt zählt. Die Reisestipendien werden zum Symbol dafür, wie Förderung Vertrauen in junge Urteilskraft setzt und zugleich Maßstäbe einfordert. Nachhaltig bleibt die Idee, dass Wissen Beweglichkeit braucht – geistig wie geographisch. Wer sich auf die Welt einlässt, gewinnt nicht nur Daten, sondern Maß und Richtung. Wie sich einzelne Auszeichnungen verteilen, tritt hinter diese Einsicht zurück.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Das wahrscheinliche Setting eines Verne’schen Abenteuerstoffs um ein Reisestipendium liegt im Europa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Paris fungiert als Drehscheibe der Presse, der Verlage und wissenschaftlichen Gesellschaften. Unter dem Zweiten Kaiserreich und der Dritten Republik prägen Ministerien, Akademien und Gelehrtengesellschaften die Wissensproduktion. Die Société de Géographie in Paris und ihr britisches Gegenstück, die Royal Geographical Society, bündeln Expertise, Archive und öffentliche Vorträge. Verleger wie Pierre-Jules Hetzel formen zugleich das literarische Feld. In diesem Gefüge verbinden sich Forschungsinteressen, nationales Prestige und Marktlogiken – günstige Voraussetzungen für die Vorstellung, eine Reise durch ein institutionell abgesichertes Stipendium zu ermöglichen.

Jules Verne publizierte seine „Voyages extraordinaires“ überwiegend zwischen den 1860er und 1890er Jahren. Hetzel gab den Reihencharakter als lehrreiche, doch unterhaltende Welt- und Naturkunde vor. Verne recherchierte in zeitgenössischen Reiseberichten, wissenschaftlichen Bulletins und Zeitungen, was seinen Romanen eine dokumentarische Oberfläche verlieh. Obwohl finanzielle Förderinstrumente im engeren Sinne selten explizit auftreten, sind seine Figuren in Netzwerke von Mäzenen, Redaktionen, Gesellschaften oder staatlichen Diensten eingebunden. Ein Roman, der Reisestipendien ins Zentrum rückt, würde folglich nahtlos an Vernes Praxis anknüpfen: Fiktion entfaltet sich entlang realer Institutionen, deren Legitimation und Erwartungen die Handlung mitbestimmen.

Das 19. Jahrhundert transformierte die ältere Patronage – Grand Tour, Hofmäzenatentum, Prix de Rome – schrittweise in modernere Förderlogiken. Akademien vergaben Reise- und Studienpreise, technische Hochschulen organisierten „voyages d’étude“, und geografische Gesellschaften unterstützten Expeditionen mit Zuschüssen, Ausrüstung oder öffentlichen Sammlungen. Auch Handwerk und Wissenschaft kannten mobilitätsfördernde Praktiken, von der deutschen Walz bis zu Feldkursen in Bergbau und Geologie. Ein fiktionales Reisestipendium fügt sich daher in eine Grauzone aus Preis, Subvention und Auftrag: Die Reise dient der Wissensvermehrung, die Förderer erwarten Berichte, Karten, Proben – und symbolisches Kapital.

Die infrastrukturelle Revolution durch Dampfschiff, Eisenbahn und elektrische Telegrafie machte weite, planbare Mobilität erstmals breiten Schichten technisch möglich. Der Suezkanal (1869) verkürzte Routen zwischen Europa und Asien dramatisch. Regelmäßige Fahrpläne, Fahrkarten und Frachtraten ließen Reisen kalkulierbar werden. Vernes berühmte Zeit- und Raumdispositive – Züge, Dampfer, Ballone, schließlich auch U-Boote – stehen in direkter Resonanz zu dieser Beschleunigung. Ein Reisestipendium erhält unter solchen Bedingungen Plausibilität: Es kann auf etablierten Linien operieren, die Kosten abschätzen, Fristen setzen und die Telegrafie für Zwischenberichte nutzen, ohne in reines Abenteuerwagnis zu kippen.

Parallel professionalisierte sich der Nachrichtenmarkt. Illustrierte Blätter und Massenzeitungen finanzierten Reporter-Reisen, spektakuläre Recherchen und sogar Expeditionen. Henry Morton Stanleys Suche nach David Livingstone wurde 1871 prominent von der New York Herald getragen. 1889/90 umrundete die Journalistin Nellie Bly im Auftrag des New York World die Erde und besuchte Verne in Amiens. Solche Medienpraktiken zeigen, wie Öffentlichkeit und Kapital Reisen mobilisieren konnten. Ein literarisches Reisestipendium läge daher nahe: Redaktionen, Verlage oder Gesellschaften vergeben Mittel gegen exklusive Berichte, Vortragsrechte oder Serienpublikation – eine klare Parallele zu Vernes serieller Erzählökonomie.

Die Zeit war geprägt von „Entdeckungen“ als öffentlicher Sache. Die Suche nach den Nilquellen, Expeditionen in Zentralafrika, Arktisfahrten oder Polarreisen wurden durch geografische Gesellschaften, Ministerien, missionarische Organisationen und private Spenden ermöglicht. Mischfinanzierungen waren üblich. Vernes „Fünf Wochen im Ballon“ spiegelt dieses Klima: nicht als Dokument einer konkreten Mission, sondern als fiktionale Verdichtung technischer Möglichkeiten und Debatten in Londoner oder Pariser Gesellschaftskreisen. Ein Stipendium in solcher Welt hat eine doppelte Aufgabe: Wissenslücken schließen und nationale Reputation mehren – beides zentrale Triebkräfte des 19. Jahrhunderts.

In Frankreich förderten Reformen der Dritten Republik, insbesondere die Schulgesetze unter Jules Ferry (1881/82), eine säkulare Wissenschaftskultur. Hochschulen und Fachschulen professionalisierten Curricula, und Stipendien ermöglichten Aufstiegschancen talentierter, aber nicht wohlhabender Studierender. Studienreisen wurden als didaktisches Instrument geschätzt, besonders in Technik, Geologie, Botanik oder Kartografie. Gleichzeitig blieb die soziale Zugänglichkeit ungleich verteilt. In einem Verne-Kontext fungiert das Reisestipendium als gesellschaftlicher Hebel: Es belohnt Leistung und Disziplin und übersetzt die republikanische Idee der Bildung für alle in eine konkrete, überprüfbare Reisesituation mit Prüfcharakter.

Koloniale Expansion strukturierte Förderlogiken nachhaltig. Frankreich konsolidierte Herrschaft in Nordafrika seit 1830, baute in Indochina ab den 1850er Jahren Präsenz aus und erweiterte Einfluss in West- und Zentralafrika im späten 19. Jahrhundert. Großbritannien verfolgte parallele Projekte. Expeditionen kartierten Flüsse, Pässe und Ressourcen; staatliche und halböffentliche Mittel flossen, wenn wirtschaftliche oder strategische Erwartungen bestanden. Verne reflektiert diese Konjunktur ambivalent: Seine Stoffe greifen auf koloniale Räume als Schauplätze zurück, zeigen technische Bewunderung, aber auch Momente der Distanz. Ein Stipendiumsnarrativ muss so die politische Ökonomie seiner Finanzierung mitdenken.

Wissenschaftliche Sammlungen und Museen – von naturhistorischen Kabinetten bis zu Völkerkundemuseen – verstärkten den Druck, Belege zu liefern. Reisende brachten Fossilien, Pflanzen, Artefakte und Karten zurück, die dann katalogisiert und ausgestellt wurden. Die Berichtspflichten verknüpften sich mit Standards der Beobachtung und der Nomenklatur. Verne inszeniert häufig Figuren, die messen, notieren, klassifizieren. In einem Kontext der Reisestipendien wäre diese „Beweislast“ institutionalisiert: Meilensteine, Protokolle, Depots an Konsulaten und Vorträge vor Gesellschaften dienen als Gegenleistung. Das schafft narrative Struktur und verankert Abenteuer im Regime der Nachprüfbarkeit.

Das 19. Jahrhundert kannte neue Finanzinstrumente und Risikorechnungen. Versicherungen, Reedereikonsortien und Banken wie Lloyd’s oder moderne Kreditinstitute unterstützten Handel und Verkehr. In der Literatur spiegelt sich dies in Wetten, Kautionen und Bürgschaften – symbolische Formen der Rationalisierung von Ungewissheit. Ein Reisestipendium folgt ähnlichen Logiken: Zweckbindung, Budgetposten, Rechenschaft, eventuell Bonuszahlungen bei Erfolg. Vernes ökonomisch kontrollierte Helden – diszipliniert, methodisch, abrechnungsfähig – stehen diesem Geist nahe. In solchem Rahmen wird Abenteuer nicht entgrenzt, sondern zum kalkulierten Projekt, dessen Ausgang öffentlich bewertet werden kann.

Standardisierung schuf die Infrastruktur des Planbaren. Fahrpläne, Timekeeping und schrittweise eingeführte Zeitzonen (international diskutiert 1884) erleichterten Koordination. Pässe und konsularischer Schutz wurden verbreiteter, auch wenn Formalitäten national variierten. Reiseführer wie die Baedeker-Handbücher gaben praktische Anleitungen und kodifizierten Routen. Diese Normierung prägte die Erzählökonomie: Exaktheit der Angaben, verlässliche Zwischenstationen, definierte Risiken. Ein Stipendiumseintrag in dieses Gefüge fordert Protokolltreue und navigiert zwischen Routinisierung und Überraschung. Genau darin konnte Verne Spannung erzeugen: Der Plan liegt vor – die Welt bleibt widerspenstig.

Massentourismus entstand neben der wissenschaftlichen Mobilität. Thomas Cook organisierte seit den 1840er Jahren Pauschalreisen und später Weltumrundungen für zahlende Kundschaft. Diese leisure-orientierte Bewegung unterschied sich von zweckgebundenen Studienfahrten durch Ziel, Publikum und Berichtspflichten. Verne markiert solche Unterschiede implizit: Seine reisenden Protagonisten sind selten Flaneure, sondern Akteure mit Auftrag. Ein Roman um Reisestipendien würde diese Grenze schärfen: Nicht Konsum des Exotischen, sondern Produktion von Wissen steht im Fokus – jedoch stets vermittelt durch dieselben Schiffe, Züge und Kommunikationsnetze wie im Tourismus.

Technische Ausstellungen – Expositionen 1867, 1878, 1889 und 1900 in Paris – feierten Fortschritt und nationalen Wettbewerb. Hier präsentierten Staaten und Firmen Maschinen, Verfahren und Materialien. Für stipendifinanzierte Reisen bot sich ein doppelter Anschluss: Erkundung neuer Technologien vor Ort und Demonstration der Ergebnisse auf der Bühne der Exposition. Vernes Faszination für Ballone, Tiefseeapparate und Energiefragen reflektiert diesen Innovationskult. Zugleich lässt seine Fiktion erkennen, dass Technik soziale Ordnungen neu ordnet und Konflikte verschiebt. Geförderte Mobilität steht damit stets im Spannungsfeld von Fortschrittsversprechen und gesellschaftlicher Zumutung.

Die Geschlechterordnung limitierte den Zugang zu institutioneller Mobilität. Reisestipendien und offizielle Expeditionen gingen überwiegend an Männer. Dennoch traten einzelne Frauen als Reisende hervor, etwa Isabella Bird oder Mary Kingsley, meist über private Mittel oder Missionsnetzwerke. Journalistinnen wie Nellie Bly erhielten medienspezifische Unterstützung. Verne zeigt nur vereinzelt weibliche Figuren in reisender Hauptrolle, was die Normen seiner Zeit widerspiegelt. Ein Kontexttext zu Reisestipendien muss diese Ungleichheit markieren: Förderkriterien, Sicherheitsargumente und berufliche Netzwerke stabilisierten männliche Dominanz – und prägten zugleich, was als legitime Reiseliteratur galt.

Eurasische Verkehrsachsen erweiterten sich rapide. Die US-Transkontinentalbahn wurde 1869 fertiggestellt, der Orient-Express nahm 1883 den Betrieb auf, und die Transsibirische Eisenbahn entstand ab 1891 in Etappen. Telegrafennetze verbanden Kontinente, auch wenn Unterbrechungen häufig blieben. Verne nutzte diese Netze literarisch: Kuriere, Telegramme, gesperrte Leitungen und verspätete Züge erzeugen Handlungsspannung. Ein stipendiierter Reisender operiert darin mit klaren Übergabepunkten, Depotstationen und Berichtsfristen – aber auch mit der Möglichkeit des Systemversagens. Gerade an solchen Bruchstellen verhandelt die Literatur die Grenzen zwischen Planung und Kontingenz.

Gleichzeitig verdichteten sich ethische Debatten. Antisklavereibewegungen hatten in Großbritannien 1833 und in den französischen Kolonien 1848 rechtliche Erfolge, doch Zwangsarbeit, Gewalt und Rassismen persistierten. Reiseberichte standen in der Kritik, koloniale Hierarchien zu naturalisieren. Vernes Texte oszillieren zwischen Wissenschaftsbegeisterung und skeptischen Untertönen gegenüber Machtmissbrauch, Gier oder Fanatismus. In „Die fünfhundert Millionen der Begum“ etwa nimmt die Dystopie einer militarisierten Industriestadt die Schattenseiten des Fortschritts ins Visier. Ein Stipendium als Handlungsachse lädt daher zu Reflexionen über Verantwortung, Rechenschaft und die Ethik des Sammelns und Kartierens ein.

Verlags- und Bildungspolitik verbanden Moral mit Unterhaltung. Hetzels Magazin zielte auf Familien- und Jugendpublikum, weshalb Pflicht, Ausdauer und Gemeinschaftssinn zentrale Werte blieben. Ein Reisestipendium passt ideal in diese pädagogische Matrix: Es begründet Autorität (Prüfung, Auswahl), erzeugt Zielklarheit (Forschungsfrage) und ermöglicht einen transparenten Rücklauf (Bericht, Karte, Vortrag). Gleichzeitig macht es die soziale Abhängigkeit sichtbar: Hinter jedem individuellen Mut stehen Förderräte, Redaktionen und Ministerien. Die Literatur kommentiert damit die Moderne, indem sie den Helden als Knotenpunkt institutioneller Erwartungen zeigt – mit Chance und Druck zugleich zu handeln und zu liefern für viele Augenpaare zu Hause in Europa, die über veröffentlichten Fortschritt urteilen möchten.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Jules Gabriel Verne, geboren am 8. Februar 1828 in Nantes und gestorben am 24. März 1905 in Amiens, gilt als einer der prägenden Erzähler des 19. Jahrhunderts und als Wegbereiter der modernen Science-Fiction. International berühmt wurde er mit Romanen wie Fünf Wochen im Ballon, Reise zum Mittelpunkt der Erde, Von der Erde zum Mond, Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, In 80 Tagen um die Welt und Die geheimnisvolle Insel. Seine Werke verbanden wissenschaftliche Neugier mit erzählerischer Spannung und öffneten ein breites Publikum für Geographie, Technik und Naturwissenschaft. Zugleich prägten sie das Bild einer Welt im Aufbruch, voller Risiken und Versprechen.

Verne veröffentlichte den Großteil seiner Romane in der von Pierre-Jules Hetzel betreuten Reihe Voyages extraordinaires, die Wissen unterhaltsam vermitteln sollte. Mit sorgfältig recherchierten Schauplätzen, plausiblen technischen Extrapolationen und markanten Figuren schuf er ein erzählerisches Universum, das Generationen von Leserinnen und Lesern begeisterte. Seine Geschichten wurden früh in viele Sprachen übersetzt und erreichten weltweite Popularität. In der Kulturgeschichte markiert Verne die Phase, in der Abenteuerliteratur, wissenschaftliche Spekulation und populäre Bildung eine neuartige Einheit eingingen, deren Wirkung bis in Gegenwartsliteratur, Film und Technikimaginationen reicht.

Bildung und literarische Einflüsse

Aufgewachsen in der Hafenstadt Nantes, erhielt Verne eine solide humanistische Ausbildung und zeigte früh Interesse an Geographie, Nautik und Karten. Die lebendige maritime Umgebung prägte seine Imagination ebenso wie zeitgenössische Berichte über Expeditionen. Auf Drängen seines Vaters, eines Anwalts, studierte er später Rechtswissenschaften in Paris. Parallel dazu widmete er sich intensiv dem Schreiben und suchte Anschluss an literarische Kreise. Er veröffentlichte erste Erzählungen in Zeitschriften und erprobte sich im Theater. Die Beobachtung wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen der Zeit wurde zu einem zentralen Motor seiner Ideenbildung.

Während seiner Pariser Jahre besuchte Verne öffentliche Vorträge und pflegte Kontakte zu Schriftstellern; zu den nachweislichen Einflüssen zählen Reise- und Abenteuerliteratur sowie Edgar Allan Poe, aber auch die Traditionen von Jonathan Swift und Daniel Defoe. Ebenso wirkten populärwissenschaftliche Darstellungen und geographische Werke auf seine Vorstellungskraft ein. Diese Lektüren, verbunden mit der urbanen Moderne der Metropole, gaben seinen Stoffen Richtung: Reisen als Bildungsweg, Technik als Katalysator menschlicher Möglichkeiten und Grenzen, sowie die Kartierung einer global vernetzten Welt. Aus dieser Synthese entstand sein charakteristischer Ton zwischen Wissenslust, Ironie und Ernst.

Literarische Laufbahn

Vernes literarischer Durchbruch gelang 1863 mit Fünf Wochen im Ballon, das bei Hetzel erschien und den Auftakt zu den Voyages extraordinaires bildete. Der Roman vereinte präzise recherchierte Fakten mit einer spannenden Expeditionserzählung, wodurch er rasch ein großes Publikum fand. Mit Hetzel entwickelte Verne ein Programm, das Unterhaltung und Bildung verschränkte. Die Texte wurden oft mit Illustrationen begleitet und in Zeitschriften vorabgedruckt. Schon bald galt Verne als Meister jener Erzählform, die ferne Räume und kommende Technologien plausibel machte, ohne sich von der belegten Wissenschaft allzu weit zu entfernen.

Es folgten zentrale Werke seines Kanons: Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864) und Von der Erde zum Mond (1865) mit der Fortsetzung Reise um den Mond (1870), Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1869–70) mit der emblematischen Figur Kapitän Nemo, In 80 Tagen um die Welt (1872) und Die geheimnisvolle Insel (1874–75). Diese Romane kombinierten das Staunen über Naturphänomene mit dramaturgisch straffer Konstruktion. Häufig nutzen sie die Rahmung einer Expedition oder Wette, wodurch Entdeckungen organisch aus Handlung und Konflikt hervorgehen. Die begeisterte Leserschaft trug die Bücher weit über Frankreich hinaus.

In den späten 1870er- und 1880er-Jahren erweiterte Verne seine Palette. Michel Strogoff (1876) verband politische Umbrüche mit Abenteuerpfaden; Robur der Eroberer (1886) imaginierte Flugmaschinen jenseits des Ballons; Sans dessus dessous (1889) spielte mit großtechnischen Eingriffen in die Erde; L’Île à hélice (1895) entwarf eine schwimmende Inselgesellschaft. Verne unternahm zugleich Seereisen auf seinen Yachten Saint-Michel, deren Eindrücke in Schauplätzen und nautischen Details fortwirkten. Sein Realismus blieb an beobachtbare Technik gekoppelt, doch wagte er narrative Sprünge, wo der Erkenntnisstand dies zuließ, und hielt so die Balance zwischen Faktentreue und Fiktion.

Die Zusammenarbeit mit Hetzel prägte Aufbau und Ton vieler Romane. Der Verleger förderte eine klare Didaktik, redigierte streng und begleitete die Serienkonzeption. Zahlreiche Ausgaben wurden von renommierten Illustratoren gestaltet und im Magasin d’éducation et de récréation vorveröffentlicht, was Reichweite und Familienlektüre stärkte. Zeitgenössische Kritik lobte die anschauliche Darstellung von Wissenschaft und den Erfindungsreichtum, sah in Verne aber teils „Jugendliteratur“. Spätere Literaturgeschichten hoben die stilistische Ökonomie, den sachlichen Humor und die präzise Dramaturgie hervor, die seine Texte auch im Erwachsenenkanon verankern.

Überzeugungen und Engagement

Vernes Bücher sind von Vertrauen in Bildung und Neugier getragen, zugleich zeigen sie die Ambivalenzen technischen Fortschritts. Wissenschaft erscheint bei ihm als kollektives Projekt, das Kooperation, Disziplin und ethische Reflexion erfordert. Figuren wie Ingenieure, Forscherinnen und Forscher verkörpern diese Haltung, doch gerade die späteren Romane zeichnen eine dunklere Kontur: Machtballungen, Geheimprojekte und die Verletzlichkeit moderner Infrastrukturen treten hervor. Maître du monde (1904) etwa warnt in gedrängter Form vor der Monopolisierung technologischer Mittel. So oszilliert sein Werk zwischen aufklärerischer Vermittlung und skeptischem Blick auf Hybris und Instrumentalisierung.

Politisch bewegte sich Verne im Kontext des republikanischen Frankreichs und engagierte sich auf lokaler Ebene bürgerlich-pragmatisch. Seine Texte spiegeln teils die kolonialen Perspektiven des 19. Jahrhunderts, enthalten aber auch Spannungen und Gegenbewegungen. Die Figur Nemos, später als indischer Prinz Dakkar charakterisiert, trägt Züge des Widerstands gegen Unterdrückung. Immer wieder betont Verne Bildung, Infrastruktur und öffentliche Kultur als Gemeinwohlaufgaben. Diese Haltung knüpft an sein Erzählen: Reisen werden zu Räumen des Lernens, in denen nationale und soziale Grenzen durch Zusammenarbeit, Beobachtung und methodisches Denken zumindest situativ überbrückt werden.

Letzte Jahre & Vermächtnis

Seit den 1870er-Jahren lebte Verne überwiegend in Amiens, wo er ab 1888 dem Stadtrat angehörte. 1886 wurde er von einem Neffen angeschossen und blieb fortan gehbehindert. Gesundheitliche Probleme, darunter Diabetes, prägten seine späten Jahre, doch er schrieb weiter: Maître du monde erschien 1904, L’Invasion de la mer 1905. Nach Hetzels Tod setzte der Verlag dessen Sohn fort; der Ton einiger Bücher wurde ernster. Postum betreute sein Sohn Michel mehrere Manuskripte, was später editorische Diskussionen auslöste. Ein früher, von Hetzel abgelehnter Roman, Paris au XXe siècle, wurde erst 1994 veröffentlicht. Verne starb am 24. März 1905 in Amiens.

Vernes Nachruhm ist außerordentlich: Seine Romane bleiben weltweit im Druck und zählen zu den am häufigsten übersetzten der Literaturgeschichte. Sie inspirierten Ingenieurinnen, Forscher, Filmemacher und Autorinnen und stehen am Ursprung zahlreicher technischer Imaginationen – vom U-Boot der Nautilus bis zu Flugmaschinen und Weltraumreisen. Zugleich wird sein Werk kritisch historisiert: als Dokument des 19. Jahrhunderts, das Fortschrittsglauben und Zweifel, Globalisierung und Machtfragen spiegelt. In der Literaturgeschichte gilt Verne neben H. G. Wells als Grundfigur der modernen Science-Fiction; seine Voyages extraordinaires verbinden bis heute Wissensvermittlung und Erzählkunst.

Reisestipendien: Abenteuerroman

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Capitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Zweiter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.

Erster Teil.

Erstes Kapitel.

Der Wettbewerb.

Inhaltsverzeichnis

»Erste Preisträger mit gleicher Punktzahl: Louis Clodion und Roger Hinsdale«, verkündete der Direktor Julian Ardagh mit lauter Stimme.

Schallende Hochrufe und kräftiges Händeklatschen begrüßte die zwei ersten Sieger im Wettbewerbe. Dann nannte der Direktor, der auf einem erhöhten Platze in der Mitte des großen Hofes der Antilian School saß, von einer vor ihm liegenden Liste ablesend, noch folgende Namen:

»Zweiter Preisträger: Axel Wickborn.«

»Dritter: Albertus Leuwen.«

Eine neue Beifallskundgebung, nicht so stürmisch wie die erste, doch gleichfalls der Beweis warmer Anerkennung der Zuhörer.

Ardagh fuhr weiter fort:

»Vierter Preisträger: John Howard.«

»Fünfter: Magnus Anders.«

»Sechster: Niels Harboe.«

»Siebenter Preisträger: Hubert Perkins.«

Wiederum ertönte ein lautes Bravo und setzte sich mit zunehmender Macht in den Reihen der Anwesenden fort.

Jetzt war nur noch ein letzter Name bekannt zu geben, da bei dem vorliegenden Wettbewerb neun Sieger in Aussicht genommen waren.

Der Direktor nannte nach wieder eingetretener Ruhe auch diesen:

»Tony Renault.«

Obwohl dieser Tony Renault der letzte Preisempfänger war, geizte man ihm gegenüber doch nicht mit herzlichen Bravos und schmetternden Hips. Ein guter, munterer und gefälliger Kamerad und klarer Kopf, hatte er in der Antilian School alle Zöglinge zu Freunden.

Nach Nennung seines Namens war jeder Preisträger auf das Podium gestiegen, um von Herrn Ardagh noch einen Händedruck zu empfangen, dann hatte er seinen Platz wieder unter den minder erfolgreichen Schulgenossen einzunehmen, die ihn aus vollem Herzen begrüßten.

Dem Leser wird die Verschiedenheit der Namen der neun Preisträger aufgefallen sein, denn schon diese wies offenbar auf die verschiedene Nationalität der betreffenden Schulbesucher hin. Sie erklärt sich aber wohl schon allein durch den Umstand, daß die von Julian Ardagh in London, Oxfordstreet 314, geleitete Anstalt unter dem merkwürdigen Namen »Antilian School« bekannt, übrigens sehr rühmlich bekannt war.

Etwa vor fünfzehn Jahren war diese Unterrichtsanstalt für die Söhne auf den Großen und Kleinen Antillen ansässiger Kolonisten gegründet worden, fürbewerb nicht hatten teilnehmen können, da dieser nur für mindestens siebzehnjährige junge Leute offen stand.

Der Wettbewerb bezog sich nämlich nicht allein auf wissenschaftliche und literarische Fächer, sondern auch – das kann hier ja nicht auffallen – auf ethnologische, geographische und kommerzielle Fragen bezüglich des Archipels der Antillen, seiner Geschichte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sowie seines Verhältnisses zu verschiedenen europäischen Staaten, die sich auf Grund der ersten Entdeckung dieser Inselwelt Teile davon als Kolonien angegliedert hatten.

Der Zweck des in Frage stehenden Wettbewerbs und die Vorteile, die daraus den Preisträgern zufielen, waren folgende: Die Sieger sollten ein Reisestipendium erhalten, das es ihnen ermöglichte, einmal einige Monate richtige »Forscher« zu spielen und sie in die weite Welt zu führen... eine Aussicht, die gewiß dem Herzenswunsche junger, noch nicht einundzwanzigjähriger Leute entsprach.

Neun von ihnen gestattete also der errungene Preis – zwar nicht die ganze Erde zu bereisen, wie die meisten davon gewünscht hätten, doch – irgend eine interessante Gegend der Alten und sogar vielleicht der Neuen Welt zu besuchen.

Der Gedanke, diese Reisestipendien zu begründen, war von einer reichen Antillanerin englischer Abkunft, einer Mrs. Kathlen Seymour, ausgegangen, die auf Barbados, einer der britischen Kolonien des Archipels, wohnte und deren Name vom Direktor Ardagh jetzt zum erstenmal genannt wurde.

Natürlich wurde dieser Name von allen Anwesenden mit heller Begeisterung begrüßt und das »Hip... hip... hip für Mistreß Seymour!« wollte gar kein Ende nehmen.

Hatte aber der Direktor der Antilian School den Namen der Wohltäterin bekannt gegeben, so äußerte er sich doch nicht über das Ziel der Reise, das überhaupt weder er, noch hier ein anderer kannte. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden hoffte man jedoch darüber klar zu sein. Der Direktor wollte das Ergebnis des Wettbewerbs telegraphisch nach Barbados mitteilen, und wahrscheinlich antwortete ihm Mrs. Kathlen Seymour durch ein Telegramm, das wenigstens angab, wohin sich die Reise der jungen Stipendiaten richten solle.

Man wird sich leicht den lebhaften Gedankenaustausch unter den Pensionären vorstellen können, die als Ziel schon die merkwürdigsten, entlegensten und unbekanntesten Gebiete der Erdkugel ins Auge faßten. Je nach Temperament und Charakter ließen sie in Bezug hierauf ihrer Phantasie die Zügel schießen oder zogen diese straffer an... jedenfalls herrschte unter den Zöglingen aber ein tolles Durcheinander.

»Ich glaube immer, sagte Roger Hinsdale, ein Engländer vom Kopf bis zu den Zehen, wir werden einen Teil des britischen Kolonialreichs besuchen, das ja groß genug ist, darin wählen zu können.

– Zentralafrika wird es sein, meinte Louis Clodion, oder die berühmte Africa portentosa, wie unser würdiger Hausvater sagen würde, dort könnten wir den Fährten der großen Entdecker nachgehen.

– Nein... eine Fahrt ins Polargebiet, rief Magnus Anders, der gern den Fußspuren seines berühmten Landsmannes Nansen gefolgt wäre.

– Ich wünsche, daß Australien gewählt werde, ließ sich John Howard vernehmen. Auch nach Tasman, Dampier, Burs, Vancouver, Baudin, Dumont d'Urvil le und andern sind dort noch genug Entdeckungen zu machen, vielleicht gar neue Goldlager auszubeuten...

– O, lieber eine schöne Gegend Europas, warf dagegen Albertus Leuwen ein, dessen echter Holländercharakter keine Übertreibungen zuließ. Wer weiß, vielleicht kommt's auf einen einfachen Ausflug nach Schottland oder Irland hinaus.

– Das wäre mir! unterbrach ihn der leicht übersprudelnde Tony Renault. Ich wette, daß wir mindestens eine Fahrt um die Erde machen werden.

– Nur nicht zu hoch hinaus! äußerte der verständige Axel Wickborn. Bedenkt immer, daß uns nur sieben bis acht Wochen zu Gebote stehen, und da muß sich die Reise wohl auf benachbarte Länder beschränken.«

Er hatte recht, der junge Däne. Übrigens hätten die Familien der Schüler sich einer mehrmonatigen Reise widersetzt, die ihre Kinder immerhin gewissen Gefahren auszusetzen drohte, und auch Ardagh hätte eine so große Verantwortlichkeit schwerlich auf sich genommen.

Nachdem dann die noch unbekannten Absichten der Mrs. Kathlen Seymour lang und breit besprochen waren, erörterten die jungen Leute die Frage, in welcher Weise die Ferienreise vor sich gehen werde.

»Etwa zu Fuß, als Touristen, den Rucksack auf dem Rücken und den Stock in der Hand? fragte Hubert Perkins.

– Nein... im Wagen... in der Postkutsche! meinte Niels Harboe.

– Auf der Eisenbahn, rief Albertus Leuwen, mit Rundreisebilletts unter Leitung der Agentur Cook[1]...

– Ich glaube eher, sie wird an Bord eines Schiffes, vielleicht eines transatlantischen Dampfers ausgeführt werden, erklärte Magnus Anders, der sich schon auf dem weiten Ozeane schaukeln sah.

– Nein... im Ballon, rief Tony Renault, und geraden Wegs nach dem Nordpole!«

In dieser Weise ging das Gespräch weiter... im Grunde unnütz, doch mit dem bei jungen Leuten ja so natürlichen Eifer, und obgleich Roger Hinsdale und Louis Clodion diesem einen Dämpfer aufzusetzen suchten, wollte doch keiner der anderen seine einmal gefaßte Ansicht aufgeben.

Der Direktor mußte hier also eingreifen, nicht um die Brauseköpfe unter einen Hut zu bringen, doch um darauf hinzuweisen, daß die Zöglinge nur erst die Antwort auf sein Telegramm nach Barbados abwarten sollten.

»Nur Geduld! sagte er. Ich habe der Mistreß Kathlen Seymour die Namen der Preisträger und deren Reihenfolge mitgeteilt, sowie ihr deren Nationalität bekannt gegeben; die freigebige Dame wird uns nun schon über ihre Meinung bezüglich der Verwendung der Reisestipendien aufklären. Antwortet sie durch Kabeltelegramm, so können wir noch heute, schon nach wenigen Stunden wissen, woran wir sind. Antwortet sie brieflich, so werden wir darauf sechs bis sieben Tage zu warten haben. Und nun genug. Gehe jeder an seine Arbeit und tue er, was ihm obliegt!

– Fünf bis sechs Tage! murmelte das Satansbürschchen Tony Renault, das halte ich auf keinen Fall aus!«

Vielleicht kennzeichnete er hiermit auch ganz treffend den Gemütszustand mehrerer seiner Kameraden, wie Hubert Perkins, Niels Harboes und Axel Wickborns, die ihm an Lebhaftigkeit kaum nachgaben. Louis Clodion und Roger Hinsdale, die beiden ersten Preisträger, verhielten sich etwas ruhiger, die Schweden, Dänen und Holländer konnten sich ihres angebornen Phlegmas nicht entäußern. Hätte die Antilian School aber amerikanische Zöglinge gehabt, so wären diese es wohl kaum gewesen, die den Preis für geduldiges Abwarten davongetragen hätten.

Die Erregtheit der jungen Geister erschien ja recht erklärlich: nicht zu wissen, nach welchem Teile der Erde Mrs. Kathlen Seymour sie senden würde! Dazu kommt ferner, daß es jetzt erst Mitte Juni war, und wenn die der Reise gewidmete Zeit in die Sommerferien fallen sollte, so galt es wenigstens noch sechs Wochen zu warten.

Daß das anzunehmen war, darin stimmte der Direktor Ardagh mit den Lehrern der Schule überein. Die Abwesenheit der jungen Stipendiaten würde dann nicht über zwei Monate dauern. Sie wären im Oktober zum Eintritt in die Klassen wieder zur Stelle, gewiß ebenso zur Beruhigung ihrer Angehörigen, wie zur Befriedigung des Lehrpersonals der Anstalt.

Bei der einmal festgesetzten Dauer der Ferien konnte von einer Reise in sehr entfernte Gegenden kaum die Rede sein. Die Klügsten hüteten sich auch, schon in Gedanken durch die Steppen Sibiriens, die Wüsten Zentralasiens, durch die Urwälder Afrikas oder die Pampas Amerikas zu reisen. Ohne die Alte Welt und selbst Europa zu verlassen, gab es ja außerhalb des Vereinigten Königreichs genug interessante Länder zu besuchen, wie Deutschland, Rußland, die Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, Holland oder Griechenland; diese lieferten ja eine Menge wertvoller Erinnerungen für das Tagebuch eines Touristen und boten den jungen Antilianern, die meist noch als Kinder den Atlantischen Ozean gekreuzt hatten, um sich nach Europa zu begeben, eine reiche Fülle neuer Eindrücke. Selbst auf die Nachbarländer Englands beschränkt, mußte eine solche Reise ja die Ungeduld und Neugier der jungen Leute aufs höchste erregen.

Da das ersehnte Telegramm weder am ersten Tage noch an den folgenden eintraf, konnte der Direktor nur Antwort durch einen Brief erwarten, der von Barbados unter der Adresse: »Herrn Julian Ardagh, Antilian School, 314, Oxfordstreet, London, Vereinigtes Königreich Großbritannien« abgesendet sein mußte.

Hier noch eine Bemerkung zu dem Worte »Antilian«, das über dem Haupteingange der Anstalt prangte. Ohne Zweifel war es erst besonders gebildet worden. In dem Namensverzeichnis der britischen Geographie findet man die Antillen nur als »Caraïbische Inseln« angeführt. Auf den Karten des Vereinigten Königreichs wie auf denen Amerikas sind sie niemals anders bezeichnet. Caraïbische Inseln bedeutet aber doch »Inseln der Caraïben«, und das erinnert zu unangenehm an die wilden, rohen Eingeborenen der betreffenden Gruppe, an die Schlächtereien und die Menschenfresserei, die Westindien so stark entvölkerten. Sollte nun über den Prospekten der Anstalt der abstoßende Name: »Schule der Caraïben« stehen? Hätte das nicht den Gedanken erweckt, daß man hier lehrte, einander umzubringen, und dazu Vorschriften zur Zubereitung von Menschenfleisch lieferte? Nein, da erschien doch »Antilian School« passender für junge, von den Antillen stammende Leute, die ja nur eine gründliche europäische Ausbildung erhalten sollten.

An Stelle einer Depesche war also ein Brief zu erwarten, wenn dieser Wettbewerb um Reisestipendien nicht gar etwa auf einen albernen Scherz hinauskam. Doch nein... zwischen Mrs. Kathlen Seymour und dem Direktor Ardagh waren schon mehrfach Briefe gewechselt worden.

Die freigebige, edle Dame war kein Luftgebilde, sie wohnte auf Barbados, man kannte sie dort seit langer Zeit und sie galt für eine der reichsten Damen der Insel.

Jetzt hieß es also nur: sich die nötige Portion Geduld anzuschaffen, jeden Morgen und jeden Abend dem Postboten aufzulauern. Selbstverständlich waren es vorzüglich die neun Preisträger, die die nach der Oxfordstreet gelegenen Fenster belagerten, um den Briefträger ja sofort zu sehen. Wenn sich dann der rote Rock – bekanntlich ist die rote Farbe am weitesten hin erkennbar – auch erst in großer Entfernung zeigte, stürmten sie gleich zu Vieren die Treppe hinunter und in den Hof, drängten sich nach dem großen Tore, riefen den Briefträger an, betäubten ihn mit ihren Fragen und es fehlte nicht viel, so hätten sie ihm gleich seine Ledertasche entrissen.

Nein... kein Brief von den Antillen... kein einziger! Da erschien es doch fast geboten, ein zweites Telegramm an Mrs. Kathlen Seymour mit der Anfrage zu senden, ob das erste richtig an seine Adresse gekommen wäre, und daneben mit dem Ersuchen, auf telegraphischem Wege Anwort zu geben.

Inzwischen erging sich die ungeduldige Jugend in den abenteuerlichsten Mutmaßungen, die unerklärliche Verzögerung zu erklären. Hatte das Paketboot, das den Postdienst zwischen den Antillen und Großbritannien vermittelt, bei einem Sturm etwa einen Unfall erlitten? War es infolge eines Zusammenstoßes etwa gar zu Grunde gegangen? War es auf eine noch unbekannte Untiefe aufgelaufen? War vielleicht ganz Barbados bei einem der in Westindien so furchtbar auftretenden Erdbeben völlig vernichtet worden? Hatte die freigebige Dame bei einem dieser schrecklichen Naturereignisse den Tod gefunden? Sollten Frankreich, Holland, Dänemark, Schweden und die Vereinigten Königreiche die schönsten Perlen ihres Kolonialbesitzes in der Neuen Welt verloren haben?...

»Nein, nein, das nicht, versicherte Herr Ardagh, eine solche Katastrophe wäre schon bekannt geworden, die Zeitungen hätten darüber bereits unzählige Einzelheiten berichtet.

– Da sieht man's ja, rief Tony Renault. Nähmen die überseeischen Dampfer Brieftauben mit, so wüßte man stets, ob bei ihnen alles in Ordnung ist oder nicht!«

Sehr richtig! Jener Zeit gab es aber noch keine regelmäßige Taubenpost... zum großen Mißvergnügen der Pensionäre der Antilian School.

Dieser Zustand der Dinge konnte indes nicht lange währen. Den Lehrern gelang es nicht, die Erregung der jungen Hitzköpfe zu dämpfen. Keiner arbeitete mehr in den Klassen oder in den Studiensälen. Nicht allein die Sieger im Wettbewerbe, sondern auch deren Kameraden dachten an ganz andere Dinge als an ihre Pflichten.

Allgemein herrschte geradezu eine Überreizung, nur den Direktor brachte die Ungewißheit nicht aus seiner Ruhe. Es erschien ja ganz natürlich, daß Mrs. Kathlen Seymour nicht durch ein Telegramm geantwortet hatte, das doch kaum alles hätte sagen können. Nur ein Brief, ein ausführlicher Brief konnte die Anordnungen bekanntgeben, denen man nachzugehen hatte, konnte ankündigen, welches das Reiseziel sein sollte, unter welchen Verhältnissen die Fahrt vor sich gehen und zu welcher Zeit sie unternommen werden sollte, wie lange sie dauern werde, in welcher Weise die Kosten gedeckt werden sollten und wie hoch sich die Stipendien belaufen würden, die den neun Preisträgern zukommen sollten. Das alles erforderte wenigstens zwei bis drei Briefseiten und konnte nicht in der negrogrammatischen Sprache gesagt werden, die bei den Schwarzen der westindischen Kolonien noch im Gebrauch ist.

Alle diese völlig richtigen Bemerkungen blieben jedoch ohne Wirkung und die Unruhe in der Anstalt legte sich nicht. Die Pensionäre, die keinen Preis davongetragen hatten und auf den Erfolg ihrer Kamera den etwas neidisch waren, begannen schon diese zu hänseln, sie zu »uzen«... um hier ein Wort zu gebrauchen, das bald auch in die gute Schriftsprache übergehen dürfte. Die ganze Geschichte wäre die reine Komödie... an Reisestipendien würde kein Centime und kein Farthing herauskommen. Der Mäcen im Unterrocke, der sich Kathlen Seymour nannte, existierte überhaupt nicht. Der Wettbewerb sei nichts weiter gewesen als so ein Humbug, ein Import aus Amerika, wo dieser ja üppig ins Kraut schösse!

Der Direktor Ardagh machte sich endlich dahin schlüssig, die Ankunft des nächsten Postdampfers in Liverpool, der die Briefschaften von den Antillen bringen mußte, ruhig abzuwarten. Das Schiff war am 23. des laufenden Monats zu erwarten. Träfe auch dann kein Brief von Mrs. Kathlen Seymour an seine Adresse ein, so wollte er eine zweite Depesche absenden.

Das wurde jedoch nicht nötig. Am 23. kam mit der Nachmittagspost ein mit »Barbados« abgestempelter Brief an. Er war von Mrs. Kathlen Seymours eigener Hand. Er enthielt, wie man vorausgesehen hatte, die Bestimmungen der Dame, und zwar dahin gehend, daß die Stipendien zu einer Reise nach den Antillen verwendet werden sollten.

Zweites Capitel.

Die Gedanken der Mrs. Kathlen Seymour.

Inhaltsverzeichnis

Eine Reise nach verschiedenen Inseln Westindiens hatte also die Freigebigkeit der Mrs. Kathlen Seymour den Preisträgern beschert, und diese konnten davon wohl vollkommen befriedigt sein.

Freilich hieß es nun verzichten auf weit ausgedehnte Fahrten, wie durch Afrika, Asien, Ozeanien, nach den wenig bekannten Teilen der Neuen Welt oder auf einen »Ausflug« nach dem Nord- oder Südpole.

Wenn das auch anfänglich eine leichte Enttäuschung hervorrief, wenn die jungen Leute jetzt fast noch schneller aus den Ländern ihrer Träume zurückkehren mußten, als sie sich dahin versetzt hatten, und es sich also nur um eine Fahrt nach den Antillen handelte, so war das nichtsdestoweniger eine verlockende Verwendung der bevorstehenden Ferien, und der Direktor führte den Auserwählten vom Wettbewerbe ohne Schwierigkeit vor Augen, wie viel sie damit eigentlich gewonnen hätten.

Die Antillen... das war ja aller Preisträger Vaterland[1q]. Die meisten davon hatten es als Kinder verlassen, um in Europa ausgebildet und erzogen zu werden. Kaum mochten sie den Boden der Inseln betreten haben, wo ihreWiege gestanden hatte, und vielleicht bewahrten sie in ihrem Gedächtnis daran kaum noch eine klare Erinnerung. Obwohl ihre Familien – mit Ausnahme einer einzigen – den Archipel ohne den Gedanken an eine Rückkehr dahin verlassen hatten, waren doch viele unter ihnen, die dort Verwandte oder Freunde wiederfinden mußten... kurz, alles in allem eröffnete die Reise den jungen Antilianern höchst verlockende Aussichten.

Der Leser wird das aus den persönlichen Verhältnissen der neun Preisträger selbst erkennen, denen die Reisestipendien zugefallen waren.

Nennen wir zuerst die von englischer Abkunft, die in der Antilian School überhaupt die Mehrheit bildeten.

Roger Hinsdale aus Sankta-Lucia, zwanzig Jahre alt, dessen Familie, nachdem sie sich von den Geschäften zurückgezogen hatte, in London lebte.

John Howard aus Sankt-Domingo, achtzehn Jahre, dessen Vater sich nebst seinen Angehörigen als Fabrikant in Manchester niedergelassen hatte.

Hubert Perkins aus Antigoa, siebzehn Jahre, dessen Familie, Vater, Mutter und zwei jüngere Schwestern, seine Geburtsinsel niemals verlassen haben und der nach Vollendung seiner Ausbildung dahin zurückkehren soll, um in das väterliche Handelshaus einzutreten.

Es folgen die Franzosen, die zu einem Dutzend die Antilian School besuchten:

Louis Clodion aus Guadeloupe, zwanzig Jahre alt, der Sohn einer Reederfamilie, die seit einigen Jahren in Nantes ansässig war.

Tony Renault aus Martinique, siebzehn Jahre, der älteste von den vier Kindern einer Beamtenfamilie, die in Paris wohnte.

Ferner die Dänen:

Niels Harboe aus Sankt-Thomas, neunzehn Jahre alt, der keinen Vater und keine Mutter mehr hatte und dessen um sechs Jahre älterer Bruder sich nach wie vor auf den Antillen befand.

Axel Wickborn aus Sankta-Cruz, neunzehn Jahre, dessen Familie, nach Dänemark verzogen, in Kopenhagen Holzhandel betrieb.

Die Holländer waren durch Albertus Leuwen aus Sankt-Martin vertreten, der zwanzig Jahre zählte und der einzige Sohn einer in der Nähe von Rotterdam wohnenden Familie war.

Was Magnus Anders, einen neunzehnjährigen, auf Sankt-Barthelemy gebornen Schweden betraf, so hatte sich dessen Familie neuerdings nach Gothenburg in Schweden gewendet, ohne – nach Erwerbung eines hinreichenden Vermögens – auf die Rückkehr nach den Antillen zu verzichten.

Man wird zugeben, daß die Reise, die sie für einige Wochen nach ihrem Heimatlande führen sollte, den jungen Antilianern willkommen sein mußte, denn wer weiß, ob es den meisten von ihnen sonst vergönnt sein sollte, die Stätte ihrer Geburt je wiederzusehen. Nur Louis Clodion hatte einen Onkel, einen Bruder seiner Mutter, auf Guadeloupe, Niels Harboe einen Bruder auf Sankt Thomas und Hubert Perkins seine ganze Familie auf der Insel Antigoa. Ihre Kameraden waren aber durch keine Verwandtschaftsbande mehr mit den Antillen verknüpft; deren Angehörige hatten diese Inseln endgültig verlassen.

Die ältesten der Stipendiaten waren: Roger Hinsdale, ein etwas hochmütiger junger Mann; Louis Clodion, ein ernster, fleißiger, allgemein beliebter Jüngling, ferner Albertus Leuwen, dessen holländisches Blut auch die Sonne der Antillen nicht zu erwärmen vermocht hatte. Hierauf folgten: Niels Harboe, über dessen Zukunft man noch im Unklaren war, Magnus Anders, ein großer Freund von allem, was das Meer betraf, und der in die Handelsmarine einzutreten beabsichtigte, Axel Wickborn, dessen Wunsch dahin ging, im dänischen Heer zu dienen. Dem Alter nach folgte dann John Howard, der etwas weniger »englisiert« auftrat als sein Landsmann Roger Hinsdale; endlich die zwei Jüngsten: der für den Handelsstand bestimmte Hubert Perkins, und Tony Renault, dem seine Vorliebe für das Bootfahren später wohl eine gleiche für die große Schiffahrt einflößen würde.

Zunächst bestand nun noch die wichtige Frage, ob die bevorstehende Reise sich nach allen Antillen, den Großen und den Kleinen, denen Im Winde[2] und Unter dem Winde, erstrecken sollte. Ein eingehender Besuch des gesamten Archipels hätte freilich mehr als die wenigen Wochen beansprucht, über die die Preisträger verfügen konnten. Es gibt ja tatsächlich nicht weniger als dreihundertfünfzig Inseln und Eilande in den Archipeln Westindiens, und selbst wenn es möglich gewesen wäre, davon täglich eine oder eins zu besuchen, so wäre diese höchst oberflächliche Besichtigung doch erst im Verlaufe eines Jahres auszuführen gewesen.

Nein, dahin ging die Absicht der Mrs. Kathlen Seymour nicht. Die Pensionäre der Antilian School sollten vielmehr jeder einige Tage auf seiner Heimatinsel zubringen, die Verwandten und Freunde, die sich da befanden, einmal wiedersehen und noch einmal den Fuß setzen auf den Boden ihres Vaterlandes.

Nach dieser Anordnung blieb, wie man sieht, von Anfang an eine Rundfahrt über die Großen Antillen, über Cuba, Haïti, Sankt-Domingo und Portorico ausgeschaltet, da die spanischen Zöglinge der Anstalt keinen Preis errungen hatten, ebenso Jamaika, da keiner der Sieger aus dieser britischen Kolonie stammte, und die holländische, Curaçao, war aus demselben Grunde ausgeschlossen. Ferner sollten auch die unter venezolanischer Herrschaft stehenden Kleinen Antillen nicht besucht werden, weder Tortigos und Marguerite, noch Tortega und Blanquilla oder Ordeilla und Havas. Die einzigen, für einen Besuch der Stipendiaten in Aussicht genommenen Inseln Mikro-Antiliens waren also Sankta-Lucia, Domingo, Antigoa (lauter englische), Guadeloupe und Martinique (französische), Sankt-Thomas und Santa-Cruz (dänische Inseln) Sankt Barthelemy (eine schwedische) und Saint Martin (eine zur Hälfte holländische und zur Hälfte französische Insel).

Diese neun Inseln, alle zu denen Im Winde gehörig, sollten also die neun Zöglinge der Antilian School eine nach der andern gemeinschaftlich besuchen.

Es wird nicht wundernehmen, daß auch noch eine zehnte Insel ins Auge gefaßt war, die ohne Zweifel den längsten und bestbegründeten Besuch verdiente.

Das war die ebenfalls zur Gruppe derer Im Winde gehörige Insel Barbados, eine der wichtigsten von dem Kolonialgebiete, die das Vereinigte Königreich in jener Gegend besitzt.

Dort wohnte ja Mrs. Kathlen Seymour, und es verstand sich wohl allein, daß die von ihr beschenkten jungen Leute sich der Dame vorstellten, um dieser ihren Dank abzustatten.

Ebenso kann man sich leicht vorstellen, daß die Zöglinge der Antilian School, wenn es die freigebige Engländerin danach verlangte, die neun Preisgekrönten zu empfangen, daß diese nicht minder den Wunsch hegten, die reiche Eingeborne von Barbados kennen zu lernen und ihr für das, was diese für sie getan hatte, herzlich zu danken.

Sie würden das auch nicht zu bereuen haben, denn eine Nachschrift in dem Briefe an den Direktor zeigte, wie weit die Opferfreudigkeit der Mrs Kathlen Seymour reichte.

Außer den Kosten, die die Fahrt selbst verursachte und die sie vollständig auf sich nahm, sollte jedem der jungen Leute bei der Abreise von Barbados noch die Summe von siebenhundert Pfund (14.000 Mark) eingehändigt werden.

Nun bestand noch die weitere Frage, ob die Zeit der Ferien ausreichen würde. Ja, unter der Bedingung, daß man für die Sieger im Wettbewerbe die Ferienzeit einen Monat eher als regelmäßig beginnen ließ, was dann noch den Vorteil bot, daß Hin- und Rückfahrt über den Atlantischen Ozean in die schöne Jahreszeit fielen.

Diese Bedingung konnte man ja mit Freuden annehmen, ja das geschah sogar mit reiner Begeisterung. Es war dann auch nicht zu befürchten, daß die Angehörigen der Schüler Einspruch gegen eine so angenehme und in jeder Hinsicht vorteilhafte Reise erhöben. Sieben bis acht Wochen, das war der Zeitraum, auf den man unter Berücksichtigung gelegentlicher Verzögerungen rechnen mußte, und dann trafen die jungen Stipendiaten in Europa wieder ein, voller unvergeßlicher Erinnerungen an die ihnen so teuern Inseln der Neuen Welt.

Endlich war noch eine Angelegenheit zu ordnen, über die die Familien der jungen Leute aber bald beruhigende Aufklärung erhalten sollten.

Es betraf die Frage, ob man die Preisträger, von denen auch der älteste das zwanzigste Lebensjahr noch nicht überschritten hatte, sich völlig selbst überlassen sollte oder ob nicht die Hand eines erfahrenen Leiters nötig wäre, sie in Zaum und Zügel zu halten. Wenn sie den, verschiedenen europäischen Staaten gehörigen Archipel besuchten, konnte es ja leicht zu Eifersüchteleien und Reibungen kommen, sobald sich eine Nationalitätsfrage erhob. Würden sie dann immer daran denken, daß sie alle antillanischer Abkunft und Pensionäre derselben Bildungsanstalt wären, wenn der kluge und einsichtige Direktor Ardagh das Regiment nicht mehr führte?

An derartige Schwierigkeiten dachte der Spiritus rector der Antilian School mit einiger Sorge, und da es ihm nicht möglich war, seine Zöglinge zu begleiten, legte er sich die Frage vor, wer in dieser heiklen Sache wohl seine Stelle vertreten könnte.

Das war übrigens eine Seite der Frage, die auch der sehr praktisch veranlagten Mrs. Kathlen Seymour nicht entgangen war. Es wird sich bald zeigen, wie sie dieser gerecht geworden war, denn die verständige Dame hätte es nie zugelassen, daß die jungen Leute während der Reise ohne jede Aufsicht blieben.

Wie sollte nun die Fahrt über den Ozean vor sich gehen?... Vielleicht an Bord eines der Paketboote, die den regelmäßigen Verkehr zwischen England und den Antillen vermitteln? Sollten da Plätze besorgt, eine Kabine für jeden der neun Preisträger belegt werden?... Wir wiederholen, daß sie ja nicht auf eigene Kosten reisen sollten, daß keinerlei Auslage auf die siebenhundert Pfund, die ihnen versprochen waren, wenn sie Barbados zur Rückkehr nach Europa verließen, angerechnet werden durften.

In dem Briefe der Mrs. Kathlen Seymour befand sich nun ein längerer Satz, der diese Frage, und zwar mit folgenden Worten löste:

»Die Überführung über den Ozean wird auf meine Unkosten. erfolgen. Ein für die Fahrt nach den Antillen gemietetes Schiff wird die Passagiere im Hafen von Cork, Queenstown, Irland[3], erwarten. Dieses Schiff ist der »Alert«, Kapitän Paxton, und wird bereit liegen, an dem für die Abfahrt bestimmten Tage in See zu gehen. Das soll am 30. Juni sein. Der Kapitän Paxton rechnet darauf, seine Reisegesellschaft an diesem Datum an Bord zu sehen, und er wird sofort nach deren Eintreffen die Anker lichten.«

Die jungen Leute sollten also, wenn auch nicht als Fürstensöhne, so doch als vornehme Jachtmen reisen. Sie hatten ein eigenes Schiff zur Verfügung, das sie nach Westindien bringen und nach Europa zurückbefördern sollte. Wahrlich, Mrs. Kathlen Seymour machte ihre Sache gut! Sie sorgte einfach für alles, die westindisch britische Mäcenin! Ja, wenn die steinreichen Leute ihre Millionen immer für so gute Werke verwendeten, dann könnte man ihnen nur Glück wünschen, deren so viele und womöglich noch mehr zu besitzen.

In der kleinen Welt der Antilian School kam es nun, als es bekannt geworden war, unter welch angenehmen Verhältnissen die Reise erfolgen sollte, freilich dahin, daß die schon früher von ihren Kameraden beneideten Preisträger nur noch mehr beneidet wurden.

Diese selbst waren dagegen rein entzückt. Die Wirklichkeit erreichte den Gipfel ihrer Träume: Nach Durchkreuzung des Ozeans würden sie die Hauptinseln des antillanischen Archipels besuchen.

»Und wann geht's nun fort? fragten sie.

– Morgen...

– Nein, noch heute...

– Nein doch, wir haben noch sechs Tage bis dahin, erklärten die verständigsten.

– Ach, wären wir doch auf dem »Alert« schon eingeschifft! rief Magnus Anders.

– Auf unserm, unserm Schiffe!« fügte Tony Renault hinzu.

Keiner der Zöglinge dachte daran, daß eine solche überseeische Reise doch mancherlei Vorbereitungen erforderte.

Zunächst mußten die Eltern darum befragt und deren Zustimmung eingeholt werden, da es sich darum handelte, die Preisträger zwar nicht in die andre, aber doch in die Neue Welt zu senden. Julian Ardagh hatte sich also zu bemühen, diese Vorfrage zu erledigen. Außerdem machte der auf dritthalb Monate berechnete Ausflug doch auch gewisse Anschaffungen nötig, wie geeignete Kleidung, vorzüglich eine Ausrüstung für die Seefahrt: tüchtiges Schuhwerk, Überröcke, Wachsleinwandmützen, sogenannte Südwester, kurz alles, was der Seemann gelegentlich braucht.

Dann mußte der Direktor die Vertrauensperson wählen, der die Verantwortlichkeit für die jungen Leute obliegen sollte. Zugegeben, daß sie groß genug waren, sich allein in allem zurecht zu finden, und auch verständig genug, eines Führers und Aufsehers entbehren zu können... immerhin erschien es geratener, ihnen einen Mentor mitzugeben, dem sie sich zu fügen hatten. Das war wenigstens die in ihrem Schreiben ausgesprochene Ansicht der Mrs. Kathlen Seymour, und dieser mußte jedenfalls Rechnung getragen werden.

Es versteht sich von selbst, daß die Familien der Schüler dringend ersucht wurden, dem Reiseplane zuzustimmen, den Ardagh ihnen schriftlich entwickelte. Von den jungen Leuten sollten ja mehrere auf den Antillen nähere oder entferntere Angehörige wiederfinden, die sie seit einer Reihe von Jahren nicht gesehen hatten, z. B. Hubert Perkins auf Antigoa, Louis Clodion auf Guadeloupe und Niels Harboe auf Sankt-Thomas. Jetzt bot sich ja, und obendrein unter ausnehmend günstigen Verhältnissen, eine unerwartete Gelegenheit zu einem Wiedersehen.

Die Familien waren vom Direktor Ardagh übrigens immer auf dem Laufenden erhalten worden. Sie wußten schon, daß in der Antilian School unter den Pensionären ein Wettbewerb um Reisestipendien veranstaltet worden war. Vernahmen sie dann, nach Verkündigung des Ergebnisses, daß die Preisträger Westindien besuchen sollten, so glaubte der Direktor annehmen zu dürfen, daß das deren eigenem sehnlichen Wunsche entsprechen werde.

Inzwischen dachte Ardagh über die ihm zufallende Wahl eines Führers nach, der an der Spitze der wandernden Klasse stehen sollte, eines Mentors, dessen weise Ratschläge die Harmonie unter den noch etwas »grünen« Telemachs zu erhalten verspräche. Das bereitete ihm jedoch keine geringe Verlegenheit. Sollte er sich etwa an den Lehrer der Antilian School wenden, der am geeignetsten erschien, in diesem Falle allen Anforderungen zu entsprechen? – Das Schuljahr war aber noch nicht zu Ende. Vor den Ferien durfte der Unterricht auf keinen Fall unterbrochen werden, das Lehrerkollegium mußte also beisammen bleiben.

Aus gleichem Grunde glaubte auch Ardagh, die neun Preisträger nicht selbst begleiten zu können. Seine Anwesenheit war in den letzten Monaten des Schuljahrs unbedingt erforderlich, er mußte personlich die für den 7. August festgesetzten Prüfungen und die Zensur- und Prämienverteilung leiten.

Die Lehrer und er selbst kamen also nicht in Frage, dagegen hatte er gerade einen Mann, wie er ihn brauchte, an der Hand, einen durchweg ernsten und gediegenen Mann, der seine Aufgabe gewissenhaft erfüllen würde, der das vollste Vertrauen verdiente, allgemein beliebt war und den die jungen Reisenden gern als Mentor annehmen würden.

Nun fragte es sich freilich, ob die betreffende Persönlichkeit ein solches Angebot annehmen, ob der Mann zustimmen würde, diese Reise zu unternehmen, und ob es ihm paßte, sich übers Weltmeer hinauszuwagen.

Am 24. Juni, fünf Tage vor der für die Abfahrt des »Alert« bestimmten Zeit, ließ der Direktor Ardagh zeitig am Vormittage Herrn Patterson wegen einer wichtigen Mitteilung zu sich rufen.

Patterson, der Verwalter der Antilian School, war wie gewöhnlich damit beschäftigt, die Abrechnung vom letztvergangenen Tage abzuschließen, als er zu dem Leiter der Anstalt entboten wurde.

Patterson schob sich die Brille auf die Stirne und antwortete dem an der Tür wartenden Schuldiener:

»Ich werde keinen Augenblick säumen, dem Rufe des Herrn Direktors zu folgen.«

Dann ergriff er, die Brille wieder auf die Nase bringend, seine Feder, um den untern Halbbogen einer 9 zu vollenden, die er eben der Ziffernreihe der Ausgaben in seinem Hauptbuche anfügen wollte. Mit Hilfe seines Ebenholzlineals zog er hierauf einen Strich unter die Zahlenreihe, deren Zusammenrechnung er eben vollendet hatte. Ferner spritzte er die Feder mehrmals leicht über dem Tintenfasse aus, tauchte sie wiederholt in ein kleines Gefäß mit feinem Schrote und trocknete sie endlich mit größter Sorgsamkeit ab. Dann legte er sie neben das Lineal auf sein Pult, drehte den Auslauf des Schreibzeugs nach oben, um die Tinte darin wieder zurücklaufen zu lassen, legte ein sauberes Löschblatt auf die Seite mit den Ausgabeposten, wobei er sorgsam darauf achtete, den frischen Schwanz der 9 nicht zu verwischen, und legte das geschlossene Buch in das dafür bestimmte Fach im Bureau. Endlich kamen Radiermesser, Bleistift und Radiergummi wieder in ihren Behälter, er blies noch über seine. Schreibunterlage hin, um einige Staubkörnchen davon zu entfernen, erhob sich, indem er seinen runden Ledersessel zurückschob, zog die Schreibärmel ab und hängte sie in der Nähe des Kamins auf und bürstete auch Rock, Weste und Beinkleider sorgfältig ab. Jetzt ergriff er den Hut, strich mit dem Ellbogen darüber, um seinen Glanz zu erneuern, setzte ihn auf und legte die schwarzen Glacéhandschuhe an, als gälte es, einer hochstehenden Person von der Universität einen Staatsbesuch zu machen. Nun noch einen letzten Blick in den Spiegel, um sich zu überzeugen, daß seine Toilette ganz tadellos sei – dabei ergriff er noch eine Schere, um einige unvorschriftsmäßig lange Haare des Backenbartes zu kürzen – dann untersuchte er noch, ob Taschentuch und Portemonnaie richtig in der Tasche wären, öffnete schließlich die Tür seines Kabinetts, überschritt deren Schwelle und verschloß sie wieder sorgsam mit einem der siebzehn Schlüssel, die an seinem Schlüsselbunde klirrten. Hierauf stieg er die nach dem großen Hofe führende Treppe hinunter, überschritt den Raum langsam und gemessen in schräger Richtung und auf das besondere Gebäude zu, worin die Wohnung und das Amtszimmer des Direktors lagen. Vor dessen Tür machte er Halt, drückte auf den elektrischen Knopf, daß die schrille Klingel im Innern ertönte, und wartete geduldig des Weitern.

Jetzt legte sich Patterson, mit dem Zeigefinger auf der Stirn, die Frage vor:

»Was mag der Herr Direktor mir nur zu sagen haben?«

Dem würdigen Herrn Patterson, der den verschiedensten Mutmaßungen nachhing, mußte zu dieser Morgenstunde die Einladung, sich nach dem Zimmer des Herrn Adagh zu begeben, entschieden auffallend erscheinen.

Man bedenke nur: Die Uhr des Herrn Patterson zeigte erst neun Uhr siebenundvierzig Minuten, und auf den vortrefflichen Chronometer, der noch keine volle Sekunde des Tages von der richtigen Zeit abwich und in seiner Regelmäßigkeit mit der des Eigentümers wetteiferte, auf den konnte man sich ruhig verlassen. Niemals... nein, niemals begab sich Patterson vor elf Uhr dreiundvierzig Minuten zu Herrn Ardagh, um diesem über die ökonomische Lage der Antilian School Bericht zu erstatten, und es war ohne Beispiel, daß er sich nicht zwischen der zwei- und der dreiundvierzigsten Minute bei Ardagh eingestellt hätte.