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Johannes lebt in einer Welt, in der alle Gedanken direkt und ohne Umschweife in Form und Gestalt in Erscheinung treten. Von seinen Freunden erfährt er wunderliche Dinge über Abenteuer in dreidimensionalen Welten mit verdichteter Materie und Schwere, in denen man mit einem physischen Körper die Welt sinnlich erfährt. Besonders real seien die Erlebnisse auf einem kleinen Planeten Erde zu machen. Aber die Sache habe einen Haken: Taucht man in die Illusionen der materiellen Welt ein, vergisst der Reisende seine Herkunft und es kann sein, dass er bis zu seinem Bewusstwerden viele Leben auf der Erde verbringen darf oder muss, je nach selbst auferlegter Einstellung zum Leben. Johannes will das Risiko, in der Welt des Unbewussten verloren zu gehen minimieren und trifft mit seinem spirituellen Lehrer und Freund Theodor eine Vereinbarung: Wann immer Johannes sich in seelischer Not fühlt, besucht ihn sein Freund, jedoch muss Johannes daraufhin immer wieder die Lehren des Austausches vergessen und kann nur seinem Gefühl vertrauen. Die Zusammenkünfte geschehen mit viel Freude und scherzhaftem Gedanken-Austausch, denn beide haben an dem ungewöhnlichen Experiment Spaß. Der Leser erfährt viel über das spannende Leben auf der Erde aus der Sicht eines unerfahrenen Erdlings vom Hansi auf dem Dorf bis zum gereiften Hannes, der langsam das Spiel durchschaut, wer er ist und woher er kommt, zudem eröffnen die Zusammenkünfte des spirituellen Lehrer mit seinem Schützling spannende Dialoge über viele offene Fragen des Himmels und der Erde.
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Seitenzahl: 578
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die abenteuerliche Geschichte des Johannes, einem Wesen aus den Weiten des Universums, der unbedingt ein Leben auf der Erde verbringen möchte, widme ich meinen Enkeln Eliah und Leila. Sie erleben, frisch in die materielle Welt des 21. Jahrhunderts gekommen, noch die unverfälschte Sicht auf eine abenteuerliche Welt mit allen Freuden und Leiden.
Grauenhafter Einblick als Abschreckung?
Warum dennoch die Erde?
Hansis Geburtstag
Hans in der Dorfschule
Erster Besuch von Theodor
Kühe hüten und die relative Zeit
Die Angst überwinden
Knabenschule in der Stadt
Lehrgeld
Hans im Flieger- Glück und banger Abschied
Zweiter Besuch von Theodor
Freundin und Auto in der Großstadt
Französich zum Motorfliegen
Fliegen beim „Bund“ und Probleme mit dem „Oberfeld“
Kriegsgefahr und die geplante Flucht
Theodora erscheint
Kariertes Hemd und Maschinenbau
Onkel Pö und Spartakus
Maria und Marx im Philosophenturm
Fortsetzung der Räuber und Gendarm-Spiele
Julia, das rote Bett und die Magere Brug
Gemeinsame Zeit, Streik und Alois
Hochzeit und die Ankunft von Lucia
Zweimal China sehen ist besser als einmal
„Beim zweiten Kind machen wir es besser“
Wiederentdecken des Spielens
Persönliche „Freunde“ und Entlassung
Vierter Besuch von Theodor
Neuanfang
Trennungsschmerz und “Die Kunst des Liebens”
Vereint in Afrika
Die Machtprobe
Kollege Eddy
Bei den Pygmäen
Kriegsstimmung
Höher als die Geier
"Zurück, bevor du verbuschst"
Fünfte Auszeit mit „Eddy“
Traumfahrt, Reisen und Enttäuschungen
Der Rinpoche und der “Mächtige Buddha”
Erfüllte Wünsche und Kulturaustausch
Zinga stöbert Lorber auf
Erneute Lerneinheit
Mit Lucia und Willy im Township
Mit Michael verkehrt herum auf dem Olavsweg
Ein „Verrückter“ erscheint
Sechster Boxenstopp mit Theodor
Mutters Abschied
Quantenphysik und wie es weiter geht nach dem Tod
Simon geht voran
Einstein und Schweitzer zusammen im Kopf
Raus aus dem physischen Körper und frei fliegen
Der „Wegweiser“ verabschiedet sich
Resümee mit Theodor
Verwundert und etwas benommen schaue ich Theodor neben mir an. Wir kauern in einem langen Graben in der matschigen Erde, so breit und tief, dass man gerade darin gebückt laufen kann. Damit wir einen halbwegs realen Eindruck von der Situation erhalten können, sind wir der Schwerkraft unterworfen, nicht vollends, wie mir Theodor vor unserem Ausflug zu verstehen gab, nur soweit, damit wir uns in das Empfinden der Lebewesen auf der Erde einfühlen können. Neben uns liegt ein Mann in einer erdfarbenen gefleckten Bekleidung, seine Beine sind von unten bis oben rot verklebt und mit Schlamm verschmiert. Daneben ducken sich zwei Männer in den Graben, sie haben die gleichen faserartigen Gewänder an, aus Tierhaut geschnürte Ummantelungen an den Füssen und eine metallische runde Haube auf dem Kopf. Sie richten sich ab und zu auf und halten ein Rohr aus dem Graben, aus deren Öffnung vorne explosionsartige Feuerstöße mit einem dermaßen lauten Knall herauskommen, dass ich, obwohl ich nicht wie die Menschen empfindliche Hörorgane besitze, unter den Druckwellen unangenehme Gefühle verspüre.
Die Männer brüllen sich gegenseitig etwas zu, ich verstehe die Sprache nicht. Vor und hinter unserem Erdloch schlagen explodierende Gegenstände ein, die heulend und schrill pfeifend mit hoher Geschwindigkeit aus der Richtung kommen, in die die Männer die Feuerstöße abgeben. Aufspritzende Erde und explodierende Metallsplitter fliegen durch uns hindurch, sobald wir uns über den Rand des Grabens erheben und sehen wollen, woher die Geschosse kommen. Einer der beiden Erdlinge, die weiterhin mit ihren Rohren Feuerstöße abgeben, hat plötzlich in seiner linken Gesichtshälfte ein Loch, aus dem es rot pulsierend herausspritzt. Sein Körper wird nach hinten geworfen und bleibt reglos neben dem anderen Verletzten auf dem schlammigen Boden liegen. Der Dritte wirft sich über den Körper seines getroffenen Nebenmannes und gibt einen Schrei von sich, wie ich ihn in meiner Welt noch nicht gehört habe. Er kniet sich neben den Mensch mit der klaffenden Wunde im Kopf und versucht das Loch mit einem Tuch zu stopfen.
Mich beschleicht ein unangenehmes Gefühl, ich habe keine Definition dafür. Es fühlt sich an wie Ekel und Schmerz, gepaart mit einem mitleidvollen Gefühl für die verzweifelten Seelen in dem Erdloch. Ich richte meine Gedanken auf Theodor neben mir, teile ihm mit, dass mir die Situation unangenehm ist, ich mich total elend fühle und ich schnell wieder weg möchte, heim in meine Welt ohne Hass, Leid und Zerstörung. Theodor lässt mich wissen, dass ich mir keine Sorgen machen soll, es kann uns nichts geschehen, schließlich haben wir keine physischen Körper, nur unsere Sinne sind auf die Situation ausgerichtet. Wir können weder von den Erdlingen wahrgenommen werden, noch können wir von den umherfliegenden Splittern verletzt werden. Ich schäme mich vor Theodor, weil ich es doch war, der Einblick in das Leben auf der Erde haben wollte und jetzt Probleme damit habe. Aber das ist mir jetzt egal, ich habe genug gesehen. „Es reicht fürs Erste“, gebe ich Theodor zu verstehen und wir verlassen die materielle Welt wieder.
Zurück in unserer gewohnten Umgebung muss ich erst einmal meine Gedanken beruhigen, das Erlebnis hat mich doch sehr mitgenommen, ich bin etwas verärgert über mich aber auch über Theodor, fühle mich von ihm vorgeführt.
“Das war doch keine Situation, die dem Leben auf der Erde entspricht, da hast Du mir etwas vorgeführt um mich einzuschüchtern, um mir den Wunsch, in die materielle Welt zu gehen, auszutreiben oder?”
Theodor lächelt süffisant, “Natürlich habe ich dich nicht auf eine Blumenwiese mit zwitschernden Vögeln an einem rauschenden Bach geführt, das hättest du auch haben können, aber das war nicht der Sinn unseres Ausflugs”.
“Ja toll, und was sollte mir das Spiel mit den jämmerlich brüllenden und sterbenden Menschen zeigen? Dass die Erde das allerletzte ist, auf das ich mich einlassen soll?”
„Mein lieber Johannes, du warst doch derjenige, der den Wunsch geäußert hatte, sich in die materielle Erfahrungswelten zu begeben und sich in Bereiche der Körperlichkeit einzulassen. Du warst doch ganz hingerissen von den Berichten auf der Versammlung der Heimkehrer. Du hattest zum Ausdruck gebracht, dass in deinem jetzigen Leben in der sinnlichen Welt ohne körperliche Empfindungen für dich eine gewisse Eintönigkeit und Langeweile eingetreten ist und es an der Zeit sei, neue Erfahrungen zu machen“. “Doch, doch, du hast ganz recht, aber die Heimkehrer haben davon gesprochen, dass im gesamten Universum die Sehnsucht nach der Liebe und den reinen Gefühlen sich durchsetzen wird, auch wenn es zuweilen Rückschläge des Hasses und der Zerstörung auf den verschiedenen Welten gibt.”
“Du lieber Himmel”, erwidert Theodor, “du hast aber auch gar nichts verstanden. Deine Kenntnisse von Zeit und Raum sind doch wohl nur theoretischer Natur: Wenn du dich auf ein materiell gefühltes Leben einlassen willst, herrscht erst mal Unkenntnis über das Gesetz der Entfaltung der Zeit in spürbare Einheiten, und das kann ganz schön ekelhaft werden, wenn du deinen Geist nicht entwickelt hast”.
Ich lasse mich von Theodor nicht einschüchtern:
“Ich weiß, ich weiß, so geistig unterentwickelt bin ich auch wieder nicht, wie du mich hinstellen willst. Ich weiß sehr wohl, dass man in den Welten mit Körpergefühl wieder ganz von vorne anfangen muss und mit allen Erfahrungen, die man machen will, als ziemlich geistlose Seele beginnt mit einem Intellekt nicht viel besser als der eines Tieres.”
“Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht, Johannes, es kommt darauf an, welche Erfahrungen du machen willst und in welche Welt und zeitliche Erscheinung du dich begeben willst. Außerdem können die Menschen über das Mitgefühl und über die sinnliche Liebe viel Leid, welche sich die Menschen gegenseitig zufügen, heilen und ausgleichen. Du hast es doch eben selbst erlebt in dem kurzen Augenblick, als wir nur unsere Sinne auf die leidenden Erdenmenschen in ihrem Erdloch einstellten und du ganz verzweifelt warst über das Leid der armen Seelen, obwohl du so ein Gefühl wie Mitleiden hier in deiner Welt nicht entwickeln kannst, da du es nicht benötigst.“
„So war es, Theodor, aber es gab auch ein unbekanntes Gefühl des Abscheus und Grauens in mir, das mich zum Verlassen der Szene bewegte. Das waren Gefühle, die ich bisher nicht kannte.“
„Und, Johannes, bist du immer noch bereit in die Unbewusstheit zu wechseln, oder überlegst du dir lieber noch diese Entscheidung?“
„Es wird wohl besser sein, wenn ich mich noch einmal mit meinen Freunden berate, Theodor.“
Ich lasse Theodor meine Gedanken zukommen über die Erfahrung, die mir ein Freund übermittelte, der eine Vielzahl von Rückführungen in materiell empfundene Welten erlebte. Zuletzt unternahm er eine Reise zu dem kleinen Planeten einer Sonne, den seine Bewohner „Erde“ nennen. Dort hat er sich sogleich wieder zu einer Zusammenkunft mit einem Wesen in weiblicher Gestalt verabredet. Der Freund, der abwechselnd als weiblicher und als männlicher Erdenmensch immer wieder alle Stufen der menschlichen Lebensphasen durchlaufen hatte, traf seinen Lebenspartner mehrmals wieder und nun haben sie sich erneut für ein gemeinsames Erdendasein verabredet.
“Also, Theodor, so umfassend kann das Vergessen doch nicht sein, sonst würde doch das Wiedersehen nicht funktionieren.”
Theodor lächelt milde, schaut mich an, als wäre ich ein wenig unterbelichtet: “Lieber Johannes, was die beiden alles auf der Erde mitgemacht haben in den vielen Inkarnationen, wie sie es nennen, hat dir dein Freund nicht übermittelt. Die beiden haben durch die vielen Erfahrungen auch ein gewisses geistiges Wachstum entwickelt, das sie in die Lage versetzt, nicht nur auf ihren Verstand, sondern auch auf ihren inneren Weiser zu hören, der sie im Laufe des Lebens auf der Erde wieder zusammenführt. Sie nennen es Intuition oder auch Bauchgefühl und folgen nicht mehr allein ihrem Intellekt.“
Ich gebe Theodor zu verstehen, dass ich das bereits gelernt habe, dass in den materiell empfundenen Welten die Bewohner eine geistige Entwicklung über viele Leben erreichen. Zunächst aber vergessen sie total, dass sie geistige Wesen sind und verwechseln sich mit ihrem Körper. Aber egal, wie viele Leben sie in der materiellen Vision verbringen, letztendlich finden sie doch zu ihrem höheren Bewusstsein zurück.
„In der Theorie hört sich das alles schön und gut an, wenn man jedoch einmal selbst die Niederungen der materiellen Welten durchläuft, kann man sich ganz schön verlieren und das Gefühl der totalen Einsamkeit und der Ängste kann sehr schmerzhaft sein.“
Und dann stellt mir Theodor noch einmal die Frage, ob ich mir sicher bin, die Reise ins Vergessen anzutreten und was meine Beweggründe seien. „Das ist nicht leicht zu erklären, es sind viele Gedanken, teils sehr vage. Immer wenn ich die Berichte der Freunde nach ihrer Rückkehr vernehme, erfahre ich von den fantastischen, abenteuerlichen und als real empfundenen Erlebnissen, der Überwindung der Ängste bei scheinbar gefährlichen Unternehmungen und dem Gefühl des liebevollen Verständnisses für die Mitmenschen. Es gibt also nicht nur den Hass zwischen den Menschen, sondern auch Liebe, körperliche wie seelische. Du hast doch selbst erzählt, dass du Menschen innig geliebt hast und viele Male sogar Kinder gezeugt hast, ist es nicht so?“
„Das ist schon richtig, aber es ist dennoch ein langer Weg, bis du begreifst, dass die Gefahren nicht real sind, dass die Ängste nur selbst geschaffene Zustände des Intellekts sind. Der Hunger und der Schmerz, den dein Körper empfindet, werden dir sehr zu schaffen machen. Wenn dir ein Mensch Leid zufügt und du seelisch oder körperlich verletzt wirst, ist es nicht so, dass du Mitgefühl mit deinem Peiniger haben wirst. Und hast du nicht die armen Seelen in den Erdlöchern gesehen? Sie werden nicht nur durch die Feuerstöße ihrer Mitmenschen in den Gräben gegenüber verletzt oder getötet, sie sind selbst so verblendet und hasserfüllt, dass sie viele ihrer Mitmenschen getötet haben. Ganze Volksgruppen sind mit einer hasserfüllten Ideologie genährt worden, so dass sie die Völker eines anderen Stammes als Feinde ansehen, die es auszulöschen gilt.“
„Aber diese verblendeten Seelen, die in Kriege, wie sie es nennen, verwickelt sind, sind doch aber auch geistige Wesen und die Verblendung ist nicht von dauerhafter Natur, sie kommen alle wieder heim, kein Wesen ist der materiellen Welt, wenn es nicht will, dauerhaft ausgeliefert.“
„Schön gedacht, Johannes, aber nur gedacht und nicht erlebt. Wenn sich ein Wesen dermaßen in den materiellen Empfindungen verliert, kann sich der innewohnende Geist und auch befreundete Wesen mit höherem Bewusstsein nicht mehr oder nur schwer bemerkbar machen. Das kann ein langwieriger Prozess der immer wiederkehrenden Rückkehr ins Vergessen bedeuten ohne Aufarbeitung des Erfahrenen und das gleiche Spiel kann wieder und wieder in ähnlicher Form durchlebt werden. Die selbstgemachten Probleme werden sich dann erneut einstellen, also stelle dir die Lernkurve nicht so rasant vor wie es sich in deiner Theorie anhört.“
„Ok, ok, dennoch ist es doch so und das hast du auch selbst auf einer Versammlung von Reisewilligen vorgetragen, dass die besten und schönsten Erfahrungen, durch die sich die ganze geistige Gemeinschaft weiter entwickeln kann, nur diejenigen sind, die gänzlich und vollständig die materiellen Empfindungen und Erscheinungen als Grundlage der Natur und des Lebens beinhalten. Nur so kann eine geistige Erfahrung auf ein höheres Niveau gemacht werden und zu neuer Erkenntnis führen. Und diejenigen Welten, wie zum Beispiel die Erde, auf der mein Freund viele Male gelebt hat, haben diese Bedingungen für real empfundene Erlebnisse.“
„Gut Johannes, das ist schon richtig, aber nicht nur die geistige Verblendung und das Vergessen spielen eine Rolle, sondern auch die physikalischen Naturgesetze der Gravitation, der beschleunigten Massen und der damit verbundenen Auslieferung in die körperlich empfundenen Beeinträchtigungen. Das Empfinden der Zeit von Augenblick zu Augenblick und die Verwicklung von Seele, Körper und Intellekt in die real empfundenen Erscheinungen fesselt die unbedarften Seelen dermaßen, dass sie über lange Perioden immer wieder in der materiellen Illusion gefangen sind.“
„Mein Freund Bernhard hat mir aber auch immer wieder mit blumigen Bildern die schönen Seiten der körperlichen Empfindungen aufgezeigt. Das Vergessen hat auch seinen Sinn, wenn sich Menschen mit ihren körperlichen Sinnen und der Sexualität nahe kommen. Er meint, dass die körperliche Liebe nicht nur ein instinktgeborener Trieb sei, sondern auch die Voraussetzung der Entwicklung der Liebe bis hin zur heilen umfassenden Liebe aller Mitmenschen. Und die sogenannte Schwerkraft? Bernhard hat mich ebenfalls darüber informiert, wieviel Spaß er im Umgang mit der Körperschwere hatte. Es war ihm eine Riesenfreude, als er als Kind das Laufen lernte, auf zwei Rädern balancierte und schließlich als Jugendlicher mittels der Dichte der umgebenden Lufthülle mit Apparaten sich vom Boden lösen und sich in höheren Ebenen sogar dreidimensional bewegen konnte. Weiter erzählte er mir, dass die Menschen auf den Planeten mit Gravitation und dichter Atmosphäre normalerweise niedergedrückt werden, aber sie haben es immer besser verstanden mit den vorgegebenen Bedingungen zu leben. Sie haben es mittels Maschinen und Geräten durch Energiewandlung und Beschleunigung auf der Ebene zu hohen Geschwindigkeiten ihrer Fahrzeuge gebracht. Sie haben sogar die Lufthülle verlassen mit Rückstoß-Antrieben und mit künstlichen Behausungen außerhalb ihrer Lufthülle ihren Planeten umkreist. All ihre Entwicklungen können sie zu ihrem Vergnügen, aber auch zu ihrer gegenseitigen Zerstörung einsetzen. Letzteres sei ein Phänomen, das nur dem Vergessen darüber geschuldet sei, dass sie alle einem Geist angehören.“
„Das sind Bernhards Erfahrungen, aber ich verstehe deinen Wunsch nach einer Reise in das Vergessen und ich finde es auch lobenswert, Johannes. Die Gemeinschaft freut sich über jeden Rückkehrer, der wieder neue Erfahrungen gemacht hat und sein Bewusstsein auf höherem Niveau dem Universum zugutekommen lassen kann. Das heißt aber auch, dass er vorher bereit gewesen ist, die Gemeinschaft zu verlassen um sich in die Illusion der Vereinzelung zu begeben. Aber jeder, der bereit ist, die Reise anzutreten, sollte sich vorher genau überlegen, warum er dies tut und welche Welten der materiellen Erscheinungen er besuchen will. Und wenn dies klar ist, sollte man sich schließlich vorher genau Ort und Zeitfolge der Erscheinung auswählen und in welche Lebenssituation, welches Land und welche Familie man sich begeben möchte. Ist die Entscheidung einmal gefallen, gibt es für die allermeisten Reisenden bis zu ihrem körperlichen Ableben kein Zurück mehr.
„Gut, Theodor, ich will nichts überstürzen, ich werde mich noch einmal mit Bernhard und seinen Freunden austauschen und von ihnen beraten lassen, bevor ich mir Ort, Zeitenfolge und die Gasteltern aussuche. Ich lasse dich vor meiner Abreise wissen, wie ich mich entschieden habe. Ohne vorher deinen Segen für die Reise zu erhalten werde ich nicht gehen.“
Ich treffe Bernhard auf einer Zusammenkunft mit vielen seiner Wesen, mit denen er in enger Beziehung steht und mit denen er Erlebnisse auf verschiedenen Reisen in materielle Welten auf unterschiedlichste Art geteilt hat. Es sind ehemalige Frauen oder Männer, die mit Bernhard gemeinsame Zeiten in körperlicher Form verbracht haben, je nachdem, wie er selbst in Erscheinung getreten ist. Es sind Eltern oder Geschwister aus verschiedenen Leben, Lehrer und Kriegskameraden aber auch Freunde mit denen er Erlebnisse und Abenteuer geteilt hatte.
Bernhard gibt mir ein Zeichen, dass ich willkommen bin und mich in den Gedankenaustausch einklinken darf. Das Thema des Beisammenseins ist die Planung einer neuen Reise. Für mich, der ich noch nicht weiß, wohin es gehen soll, ist der Austausch sehr informativ und anregend. Für Bernhard steht das Ziel der Reise in materiell empfundene Welten bereits fest: Wie er mich wissen lässt, möchte er zurück auf die Erde, um wieder mit seiner Gefährtin Lucia zusammenzutreffen, die er von den letzten Reisen kennt. Beide sind sich über das Ziel der Rückreise einig, da für sie die Erde einer der abenteuerlichsten Plätze im Universum ist, weil dort ein hoher Grad an Verdichtung der Materie existiert und somit die Illusion der Erscheinungen und das Empfinden des zeitlichen Ablaufes sehr real erlebt werden. Dadurch vergisst man vorübergehend, wer man ist, woher man kommt sowie alle zuvor gemachten Erfahrungen. Und gerade weil sich die Paare trotz des totalen Vergessens immer wieder finden, sei das eine „geile Sache“, wie sich Lucia in der Sprache der Erdenmenschen ausdrückt.
Einige Freunde von Bernhard und Lucia wollen lieber wieder in halbmaterielle Welten mit höherer Schwingungs-Energie, in denen man zwar eine bestimmte Verkörperlichung der Sinne erfährt, aber nicht in das totale Vergessen eindringt. Sie waren schon sehr häufig in den verdichteten Zonen mit hohem Realitätsgrad der Wirklichkeit. Aber ihnen ist es lieber, wenn sie sich über ihre schöpferischen Fähigkeiten bewusst sind.
Nach Beendigung des Austausches in der Gruppe lasse ich Bernhard und Lucia wissen, dass ich mich am liebsten ebenfalls auf eine Erdenreise begeben möchte, aber noch unsicher bin, ob es für mich, der das totale Vergessen noch nicht erlebt hat, nicht zu viel der neuen Erfahrung werden kann. Wäre es nicht möglich, während meines Aufenthalts Hilfe von anderen Reisenden zu erhalten?
„Das Risiko, dass du dich in der neuen Situation verlierst und blind wirst für jede spirituelle Annäherung von Freunden, ist natürlich gegeben“, meint Lucia. „Es ist uns nicht nur einmal passiert, dass wir keinen Zugang für unsere innere Stimme hatten und uns total in Leidenschaften von Lust und körperlicher Liebe verfangen haben oder auch von Gefühlen der Gier und Feindseligkeit beherrscht wurden. Damit haben wir furchtbares Leid für uns und andere erzeugt“.
Bernhard gibt mir zu verstehen, dass selbst seine Freunde und auch Lucia einmal böse Konkurrenten und Feinde waren und es vieler materieller Leben im Vergessen bedurfte, bis sich eine gewisse innere Reife einstellte, die sich auch auf späteren Reisen nicht wieder verlor und man in gewisser Weise da weitermachen konnte, wo man in sogenannten früheren Leben aufgehört hatte.
Auf meine Frage, ob denn die beiden, Bernhard und Lucia, mir nicht beistehen könnten, wenn ich mich auf das gleiche Reiseziel wie sie einlasse, lachen sie mich aus und Bernhard meint: „Lieber Johannes, wenn das so einfach wäre, wäre der ganze Sinn der Reise hinfällig, dann könnte jeder mit Leichtigkeit neue Welten aufspüren und dort lustwandeln, wie es ihm gefällt. Aber das kannst du auch hier haben, das wäre keine wirklich neue Erfahrung. Nein, nein mein Lieber, entweder oder, vergessen heißt vergessen und halbe Sachen gibt es auf der Erdenwelt nicht.“
„Schon verstanden, lieber Bernhard, aber ich hätte gerne von euch beiden noch ein paar Tipps für den Fall dass ich mich für die Erde entscheide, geht das in Ordnung?“
„Kein Problem, schieß los, frage uns alles, was du wissen willst, wir sind bereit“, meint Bernhard in seiner speziell von den Reisen auf die Erdenwelt geprägten bildhaften Ausdrucksweise.
„Kann ich mir denn, wenn meine Seele sich ich auf die Reise begibt, den speziellen Ort und die Zeit aussuchen oder bin ich Gesetzmäßigkeiten, die ich nicht kontrollieren kann, unterworfen wie dem Zufall oder den Wünschen anderer Erdenmenschen?“
„Sicher, Johannes, aber das weißt du selbst aus Aufenthalten von halbmateriellen Welten, du bist der Schöpfer und nur du entscheidest, wohin du gehst und in welcher körperlichen Hülle du deine Seele entfalten willst. Solange du noch nicht eingetaucht bist in die totale Illusion, kannst du vollständig bewusst Situation und Umstände deines Aufenthaltes wählen. Aber das totale Vergessen hat zwei Seiten der Medaille: Du lebst in einer verrückten Welt, die dich mit ihren Spielen und Abenteuern vollkommen begeistern und fesseln kann. Du wirst aber auch Situationen des Elends und des Leids erfahren. Das ist der Preis, dass du dich von deiner Schöpferkraft getrennt fühlst und glaubst, alles sei außerhalb von dir und du hast keinen Einfluss darauf. Alle Erscheinungen werden immer entsprechend deines tief empfundenen Glaubens in deinem Bewusstsein auftreten. Auch wenn du es nicht für möglich hältst, du und deine Mitmenschen, ihr werdet die Schöpfer eurer Welt sein.“
„Jetzt muss ich dir aber auch was sagen“, Lucia unterbricht die Rede von Bernhard: „Weißt du, Johannes, dass viele Reisende den Fehler machen, sich in materiell wohlhabende Familien einzubringen. Sie vermuten nämlich, dass es dort eine harmonische Entwicklung mit guter Bildung gebe und sie dann besser mit Mitgefühl und Liebe zu ihren Mitmenschen leben könnten. Aber das gelingt nicht vielen, da man sich mit unentwickeltem Bewusstsein schnell von den Begierden und Gelüsten, die das Leben in reicher Gesellschaft bietet, verführen lässt. Außerdem ist eine gute geistige Bildung oftmals das Gegenteil von einer guten Voraussetzung, um Verstand und Herzensgüte in Einklang zu bringen. Allerdings ist es auch nicht einfach, sein höheres Bewusstsein wieder zu entdecken, wenn man in eine Familie in Not und Elend kommt, die nur um die Erhaltung der nackten Existenz kämpfen muss. Der Mittelweg ist auch hier wohl die beste Wahl.“
„Aber“, gibt mir Bernhard zu verstehen, „du kannst es auch deinem inneren Weiser überlassen und musst nicht verstandesmäßig entscheiden. Wenn du deine Sinne auf die gefühlsmäßige Ebene der materiellen Welt einstellst, entscheidet der sogenannte Zufall, wohin du dich begibst.“
„Ich weiß, Bernhard, es gibt keine Zufälle, alles geschieht aus der Notwendigkeit heraus, die dem jeweiligen Grad des Bewusstseins und der Entwicklungsstufe entspricht, also kann man eigentlich gar keinen Fehler machen.“ „Du hast es begriffen, Johannes“, meint Lucia belustigt. “Und ob du als Junge oder als Mädchen in die Welt eintrittst, das dürfte auch ziemlich egal sein. Scheißegal, ob du Huhn bist oder Hahn, wie man auf Erden sagt, Johanna oder Johannes, das ist nur ein kleiner Unterschied und in der Vielzahl der Leben gleicht sich das immer wieder aus.“
Bernhard und Lucia lassen mich noch in viele ihrer Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Reisen eintauchen und geistig und sinnlich teilhaben. Die vielen Eindrücke wirken auf mich einerseits beruhigend, da letztlich all ihre Erfahrungen sie in der seelischen und geistigen Entwicklung weitergebracht haben, andererseits bin ich doch sehr beunruhigt über die Möglichkeiten des totalen Verlorenseins in der Welt des Vergessens.
Ich bedanke mich bei ihnen für die offene und herzliche Beratung, aber entscheiden kann ich mich immer noch nicht, meine innere Stimme hat sich noch nicht festgelegt. Jetzt habe ich aber eine Idee, die ich Theodor nahebringen möchte.
„Na, Johannes, was hat der Austausch mit deinen Freunden gebracht, hast du dich entschieden?“.
Theodor sieht mich belustigt an, tut so, als ob er nicht Bescheid wüsste. Er kennt meine Gedanken und ich muss gar nicht erst meine Unentschlossenheit zum Ausdruck bringen.
„Was mich noch unsicher macht, ist, dass ich mich in der materiellen Welt dermaßen verlieren kann und keinen Zugang mehr habe zu meinen geistigen Führern und gefangen bin in der ständigen Rückkehr in unbewusste Leben.“
Theodor bestärkt mich nicht in meinem Reisewunsch und lässt mich, wie ich meine, ziemlich allein mit meiner zweifelnden Haltung.
„Schließlich musst du die Entscheidung allein treffen, es ist deine Reise, die du allein antreten musst.“
„Theodor, ich habe mir überlegt, dass es doch eine Möglichkeit gibt, wie ich den Kontakt zu dir halten kann, wenn du mir hilfst, gibt es eine Lösung, bei der ich mich etwas sicherer fühle“.
Er lacht mich aus.
„Es gibt keine Versicherungen, schlag dir das aus dem Kopf. Wie willst du Erfahrungen machen und dein Überbewusstsein wiederentdecken, wenn du immer jemanden als geistigen Beistand in dem Illusionstheater hast, der dir sagt, alles ist nur ein Film?“
„Du sollst ja nicht dauernd bei mir sein, aber wir könnten einen Kompromiss finden. Schließlich soll die Reise keinen Selbstzweck haben. Meine Entfaltung des Bewusstseins in der materiell empfundenen Welt soll schließlich auch anderen Seelen nützen, die gefangen sind in ihrer Traumwelt.“
„Wie soll das denn gehen, Regeln sind Regeln, wir können nicht das ganze Programm der geistigen Entfaltung außer Kraft setzen, nur weil du dir noch unsicher bist, ob du die materielle Scheinwelt packst oder sie dich unterkriegt.“ Theodor ist etwas ungehalten und fängt an, in der Sprache der Erdlinge auf mich einzureden.
„Alles gut und schön, aber Regeln sind nicht die ganze Weisheit, das weißt du so gut wie ich, ohne das ständige Brechen von Regeln gäbe es auch keine Entwicklung, sowohl in der Evolution in den materiell empfundenen Welten, als auch in den rein geistigen Sphären, schließlich bedingen sie sich gegenseitig, das hast du mir selbst beigebracht, mein weiser Führer“. Ironie ist die Leidenschaft von Theodor, deshalb lässt er sich auf eine Fortsetzung des Austausches ein.
„Wenn du eine Idee hast, wie wir das anstellen sollen, dann lass es mich wissen, ansonsten vergessen wir das Ganze und du vergnügst dich weiterhin mit Schöpfungsspielen in den geistigen Sphären“.
Auf die herablassende Bemerkung von Theodor gehe ich nicht ein, soviel habe ich schon von ihm gelernt, dass man sich nicht provozieren lassen darf, wenn man den anderen für seine Idee gewinnen will.
„Ich denke mir, es gibt eine Möglichkeit, wir ändern die Regeln nicht, wir passen sie lediglich ein wenig unseren besonderen Wünschen an, schließlich gibt es ohne individuelle Entfaltung keine Bereicherung des All-Einen.“ Ich weiß, dass Theodor derartige Sinnesblasen gefallen und fahre fort: „Ich begebe mich mit meiner Seele, wie es die Regeln erlauben, in die Körperlichkeit und lasse alles geschehen, wie es vorgesehen ist, verliere als Kleinkind mehr und mehr mein Gedächtnis darüber, wer und was ich bin, bis ich bei der Entwicklung meines Verstandes meine Erinnerung an mein höheres Bewusstsein vollständig verloren habe. Jedoch bei jeder wichtigen Wachstumsstufe als Erdenmensch machen wir eine Auszeit und wir treffen uns zum geistigen Austausch auf einer höheren Frequenz, wobei ich vorübergehend mein volles Bewusstsein wiedererlange.“
„Das hast du dir aber toll ausgedacht, du willst das materielle Leben in verschiedene Leben teilen, das geschieht doch bereits laufend unendlich viele Male, wenn die Reisenden ihre Lebenszeit vorzeitig beenden. Dann sind sie vorübergehend wieder bei ihrem höheren Bewusstsein, wenn sie das wollen.“
„Das ist etwas ganz anderes, ich möchte eine jeweilige Fortsetzung der individuellen Verkörperung mit dem gleichen vorherigen Seelenempfinden und Verstand, nur möchte ich zwischendurch ein Resümee mit dir ziehen. Meine Seele hat dann eine bessere Möglichkeit zu reifen und Kontakt zu meinem höheren Bewusstsein aufzunehmen.“
Theodor ist nicht sehr überzeugt von meiner Idee, hält den Vorschlag für eine abgedrehte und sich widersprechende Sache, meint aber schließlich, man könne es ja mal versuchen, es stünde mir frei, so eine verrückte Idee umzusetzen. Wenn ich das unbedingt wolle, könne er schlecht etwas dagegen haben, schließlich werde ja keine andere Seele durch das Vorhaben an seiner Entfaltung gehindert und das sei schließlich das Kriterium für alle Entscheidungen.
„Aber wie willst du mir denn mitteilen, dass du mich treffen möchtest, wie soll ich denn die Botschaft erhalten, wenn du nicht bei vollem Bewusstsein bist?“
„Wir müssen keine konkreten Phasen der körperlichen und geistigen Entwicklung ausmachen. Wenn meine Seele nach dir schreit, weil sie verzweifelt ist oder nicht weiter weiß, hörst du mich sowieso, du bist dann stellvertretend mein höheres Bewusstsein und anstatt dass du als körperliche Gestalt in der Form eines Freundes auftauchst oder sonst irgendwie, können wir uns wie jetzt zusammentun und uns austauschen, deine Gegenwart wird in mir das Erwachen in der höheren Frequenz ermöglichen, es ist doch jetzt auch nicht viel anders, oder?“
Theodor nimmt mich liebevoll in seinen Sinnen auf und meint: „Du warst schon immer eine verrückte Seele mit unmöglichen Ideen, aber ich liebe dich auch gerade deshalb sehr. Also, wir können es ja mal ausprobieren, es wird schon schief geh‘n, auf ein Wiedersehen in den Auszeiten, wie du sie nennst, ich freue mich auf den ersten Anruf von dir als Erdling, also bis dann.“
Nach einer Abschiedsfeier mit meinen Freunden und einer inneren Vorbereitung begebe ich mich frohen Mutes und mit Vorfreude auf meine Reise zu dem speziellen Transferraum, um meine energetischen Schwingungen denen der Erde anzupassen und um meine Seele vorzubereiten auf den Eintritt in die Körperlichkeit, den „zufällig“ gewählten Ort und die Zeiteinheit auf der Erde.
„Schau mal Hansi, dein Hampelmann, sag mal Hampelmann, Hampelmann!“
Müde reibt sich der kleine Junge den Schlaf aus den Augen und setzt sich an die Bettkante.
„Ammelmam“ kommt aus seinem Mund und streckt seine Hand nach dem wackligen, buntbemalten Teil aus, das ihm seine Schwester vor die Nase hält. Herzliches Lachen umgibt ihn.
„Das ist dein Geburtstaggeschenk, der Hampelmann. Schau mal, so kannst du ihn hampeln lassen, oben am Kopf festhalten und unten an der Schnur zieh‘n. Hier probier selber!“.
Seine Schwester reicht ihm das wacklige Teil und er versucht es mit der linken Hand an der einen Seite festzuhalten und mit der rechten Hand an dem Faden zu ziehen, der an der anderen Seite herabhängt, so wie es ihm seine Schwester gezeigt hat.
„Guck mal Mami, Hansi kann schon mit dem Hampelmann spiel‘n“.
Eine junge Frau, die sich am Ofen zu schaffen macht, wischt sich ihre mit Kohle verschmierten Hände an ihrer Kittelschürze ab, kommt zu dem Jungen ans Bett, küsst ihn auf die Stirn, streicht ihm über den Kopf: „Alles Gute zu deinem Geburtstag, mein Junge, den Hampelmann hat dir Papa gemacht.“
Papa, denkt der Junge, das muss der Mann sein, der vor ein paar Tagen bei ihnen auftauchte und der jetzt wieder weg ist. Er ist aber jetzt mit Inge und seiner Mutter allein in dem Zimmer, außer seiner Schwester hat er noch einen älteren Bruder, der jetzt aber auch nicht zu sehen ist.
Hansi hat heute seinen zweiten Geburtstag. Was ein Geburtstag ist, weiß er noch nicht. Auf dem Tisch, an den sich die Kinder zum Frühstück setzen, steht außer einfachen Lebensmitteln wie ein paar Scheiben Brot, Margarine und Marmelade zur Feier des Tages auch ein Kuchen mit zwei brennenden Kerzen.
„Die Kerzen musst du jetz ausblasen, Hansi“, seine Schwester schiebt ihm den Teller mit den Kerzen zu.
Hansi versucht zu blasen, aber die Flammen gehen nicht aus. Er kommt aus seinem Stuhl hoch, klettert auf den Tisch um näher an die Kerzen heranzukommen, dabei kommt er mit seinen lockigen Haaren in die Flammen und sie schmoren etwas weg.
„Seid ihr verrückt?“, die Mutter schimpft, macht die Kerzen mit dem Finger aus, packt Hansi von seinem Stuhl hoch und trägt ihn zu der Schüssel mit Wasser, die in der Zimmerecke steht und taucht seinen Kopf hinein.
Es riecht ein wenig nach verbrannten Haaren, aber der Kopf scheint nicht gelitten zu haben. Hansi ist froh, dass die Mutter nur schimpft und ihm nicht mit der Hand auf den Hintern schlägt, wie sie das schon öfter gemacht hat, wenn sie wütend auf ihn war.
Nach dem Frühstück spielen Inge und Hansi mit den Nachbarkindern hinter dem Haus. Sie sind warm angezogen, Jungen und Mädchen haben lange wollene Strümpfe an, die mit Laibchen und Strumpfhaltern festgehalten werden, die Jungen haben kurze Hosen, Hemd und Pullover an und eine Wollmütze auf dem Kopf, während die Mädchen statt Hosen einen Rock und statt Mützen ein Kopftuch oder einen Schal tragen, aus dem links und rechts geflochtenes Haar herausragt.
Beim Fangen spielen kann Hansi noch nicht mithalten, er ist der Kleinste. Manchmal fällt er hin, dabei reißt er sich ein Loch in den Strumpf, der bereits im Bereich des Knies mehrmals gestopft ist. Sein Knie blutet ein wenig, aber das macht nichts, meint seine Schwester und Hansi unterdrückt seinen Schmerz. Wegen ein paar kleiner Blessuren geht man nicht gleich wieder nach Hause, dann wäre es mit dem Spielen vorbei. Es ist beginnender Winter und die ersten dicken und nassen Schneeflocken fallen vom Himmel. Wenn Hansi eine Schneeflocke fangen kann, quittiert er das mit einem Jauchzer, für ihn ist es das erste Mal, dass er im Freien Schneeflocken fängt.
Mittags werden die Kinder von der Mutter in die Stube gerufen, es gibt ein Butterbrot und warme Milch. Inge ist drei Jahre älter als Hansi und bekommt allerlei Aufträge von der Mutter. Bis Vater abends nach Hause kommt, soll sie Wasser vom Hof gegenüber holen, verschiedene Lebensmittel beim „Kramerladen“ einkaufen und Milch vom Bauern holen. Hansi begleitet seine Schwester zum Kramerladen und zum Bauern, da er gerne zu den Kühen im Stall geht. Er füttert sie mit etwas Heu und bewundert dabei, wie sich die lange raue Zunge um seine kleine Hand windet, um das Heu zu greifen. Wenn er Glück hat, kann er der Magd beim Melken zusehen, er liebt das singende Geräusch, wenn die Milch stoßweise in den Eimer zwischen den Beinen der Magd spritzt. Hansi nimmt den intensiven Geruch auf, wenn sich der Duft der warmen Milch mit dem Geruch des Futters und dem des Kuhmists vermischt. Es sind frühe prägende Momente in seiner Entwicklung, in denen er erlebt, dass Mensch und Tier in einer natürlichen Gemeinschaft leben.
Beim Abendessen sind alle versammelt, auch der Vater und der Bruder Simon sitzen mit am Tisch in der kleinen Stube. Die Mutter hat warmes Essen gemacht: Pfannkuchen mit Apfelkompott, das Lieblingsessen der Kinder, weil heute Hansis Geburtstag ist. Beim Essen sagt keiner etwas, der Vater hat es nicht gerne, wenn beim Essen geredet wird. Hansi schaut mit großen Augen zu, wie der große, kräftig gebaute Vater die Pfannkuchen verschlingt. Er rollt sie auf dem Teller zusammen, schneidet sie in der Mitte mit dem Messer durch und schiebt sich einen halben Pfannkuchen auf einmal in den großen Mund. Nach drei, vier Kaubewegungen wird die nächste Ladung in die Öffnung geschoben. Der Stapel Pfannkuchen auf dem Teller auf der Mitte des Tisches wird zusehends kleiner und die Kinder beeilen sich, damit sie noch einen zweiten erwischen, bevor der Teller leer ist.
„Nee Kinders, das geht aber schnell, in fünf Minuten ist alles weg und ich hab ne Stunde am Herd gestanden um sie zu backen“ ruft die Mutter halb belustigt, halb vorwurfsvoll in die Runde.
Hansi muss sich erst daran gewöhnen, dass jetzt der Vater, den er zum ersten Mal bewusst wahrnimmt, da ist. Die Kinder sind deutlich ruhiger, wenn er im Raum ist. Es gibt keinen Streit, denn Vater mag es nicht, wenn es im Zimmer laut ist oder getobt wird.
„Simon, hattest du heute Hausaufgaben auf?“ Simon schaut seinen Vater halb fragend, halb ängstlich an, er hat in der kurzen Zeit, seitdem der Vater zuhause ist, bereits mehrmals Schläge bekommen, weil er nicht sofort mit der passenden Antwort reagierte und wie Vater meinte, gelogen hatte. Simon holt seinen Schulranzen aus einer Ecke des Zimmers und zeigt seine Schreibhefte vor.
„Und was solltet ihr machen, ihr hattet doch Hausaufgaben auf, oder?“ Simon sieht ängstlich zu seinem Vater hoch, „Ich hab se noch nich gemacht“.
Vater wird ärgerlich, will wissen warum und ist kurz davor, Simon übers Knie zu legen.
„Der Junge konnte seine Schularbeiten noch nicht machen, der Tisch war nicht frei und er musste noch Besorgungen für mich machen“, Mutter greift ein, will Simon beistehen.
Nun trifft ein strenger, prüfender Blick des Vaters seine Frau, so als ob sie nicht die Wahrheit sagt. Er belässt es dabei, die Situation entspannt sich wieder etwas, aber die gute Stimmung ist erst mal dahin.
Hansi wird nach dem Abendessen schnell müde. Seine Mutter wischt ihm mit einem nassen Lappen aus der Waschschüssel über Gesicht und Hände, was er nur widerwillig über sich ergehen lässt. Dann bekommt Inge den Auftrag ihn auszukleiden und ihm den ganzteiligen Schlafanzug anzuziehen, worüber sie nicht gerade erfreut ist, weil sie dann ebenfalls ins Bett muss. Sie geht entsprechend ruppig mit Hansi um, der seinen Unwillen mit Weinen ausdrückt, woraufhin Inge ein scharfer Blick des Vaters trifft und sie versucht ihren heulenden Bruder zu beschwichtigen.
Die fünf Personen wohnen alle in einem Zimmer, das Küche, Bad und Schlafzimmer in einem ist. In einem Hochbett schlafen die Kinder, Hansi mit seiner Schwester unten, Simon darüber. Die Eltern müssen die Nacht auf Feldbetten verbringen, diese werden tagsüber zusammengeklappt.
Hansi fühlt sich geborgen in der Familie. Seine Mutter, wenn sie nicht gerade wütend wegen irgendeiner Bagatelle ist, ist herzlich und fürsorglich. Seine ältere Schwester ist so etwas wie sein Kindermädchen. Zum Bruder hat Hansi wenig Kontakt, er ist selten im Haus und beim Spielen auf dem Hof ist er auch nicht dabei, da er nach der Schule schon mit älteren Kindern unterwegs ist. Hansi ist für seinen Vater noch etwas Neues und als kleiner lockiger Junge, der schon ein paar Sätze sprechen kann, der kleine Liebling, der schon mal auf Vaters Schoß sitzen darf. Schläge erhält Hansi nicht von seinem Vater, Inge bekommt schon manchmal eine gelangt, wenn sie nach Meinung des Vaters ihre aufgetragenen Arbeiten nicht ordentlich erledigt hat. Simon ist schon mehr der Prügelknabe der Familie, er kann es Vater selten recht machen und muss die Erziehung des Vaters beinahe täglich erdulden. Das drückt auf die Stimmung, wenn Vater zu Hause ist. Inge und Simon haben Respekt vor ihm, aber auch Angst. Hansi kennt das Gefühl der Angst noch nicht, weil er von erzieherischen Maßnahmen noch verschont bleibt. Aber je mehr er von der Situation in der Familie mitbekommt, desto mehr wächst bei ihm ein Gefühl der Verunsicherung.
Als Hansi in die Schule kommt, wird er von seiner Mutter zwar noch Hansi genannt, aber bei der Anmeldung wird er zum Hans, schließlich ist er ja jetzt schon ein richtiger Junge. Hans nimmt seine Umwelt mehr und mehr geistig wahr, morgens begibt er sich zusammen mit seinen Geschwistern auf den Schulweg. Er weiß noch nicht, in welchem Land er lebt, dass er sich in einem kleinen Dorf in Bayern in der von Amerikanern besetzten Zone in Deutschland und in einer Phase der Nachkriegszeit befindet. Den Krieg kennt er nur aus dem Lied mit dem Maikäfer, in dem der Vater im Krieg und Pommerland abgebrannt ist. Also brennen im Krieg Länder und da sein Vater aus Pommerland stammt und im Krieg war, kennt Hans auch die Ursache dafür, dass er erst später als Mutter in Erscheinung getreten ist.
Die Schule ist eine Zwergschule, alle Kinder befinden sich in einem Raum, immer vier Klassen in einem Verband. Hans hat eine Lehrerin, die älteren Kinder einen Lehrer. Seine Mitschüler, die mit ihm in die erste Klasse kamen, kennt Hans schon gut. Er sitzt auf einer Schulbank zusammen mit Michael, einem Bauernjungen. Es wird Hans mehr und mehr klar, dass es Kinder gibt von Bauern aus dem Dorf und Kinder von Flüchtlingen aus dem „abgebrannten“ Teil seines Landes. Er ist auch ein Kind von Flüchtlingen und sie bilden mit anderen zugereisten Kindern die Mehrzahl in der Schule.
Der Unterricht für die Kleinen besteht vornehmlich aus Schreiben, Lesen und Singen. Die Buchstaben und Worte werden auf der Schiefertafel mit einem Griffel gezeichnet. Hans versteht es schon bald sehr geschickt, die Buchstaben auf seiner mit Strichen versehenen Tafel direkt auf der Linie hinzumalen. Die Lehrerin lobt ihn manchmal, was Hans gefällt, er strengt sich auch im Rechnen an und darf in die zweite Klasse aufsteigen.
Aus dem Leseunterricht erfährt Hans viel über seine Umwelt. Vieles aus dem schön bebilderten Lesebuch kann er mit dem Leben in seinem Dorf in Einklang bringen. Seine Erlebniswelt besteht aus den Bauernhöfen rund um das Haus, in dem sie wohnen, dem Weg zur Schule und zum kleinen Lebensmittel-Laden. Er lernt alle Tiere anhand von Bildern und Geschichten kennen, die Rolle von Vater und Mutter wird erläutert, der Vater muss demnach streng sein, geht einer Arbeit außer Haus nach und die Mutter waltet im Heim und muss warmherzig und milde sein. Mädchen und Jungen werden in den Geschichten so beschrieben, wie es Hans in seinem Dorf erlebt: Die Mädchen sind brav, haben ein Kleid an und den Kopf zieren lange Zöpfe oder ein Lockenkopf und die Buben sind frech, tragen kurze Hosen und ihre Haare sind kurz geschoren. Seinen Wortschatz erhält Hans nicht nur aus dem Lesebuch, auch im Spiel mit seinen Schulfreunden lernt er alle Ausdrücke kennen, die man als heranwachsender Junge so braucht um in der Gemeinschaft mithalten zu können. Die Bauernkinder bringen die bayrischen Kraftausdrücke ein, die Hans vom Wort her zwar nicht versteht, aber dem Sinn nach kann er die Kraftausdrücke und Flüche schon gut einsetzen.
Zu Hause allerdings, wenn Vater anwesend ist, kann dies gefährlich werden. Es soll strikt reines Deutsch ohne Dialekt gesprochen werden, was nicht gerade einfach ist, da die erste prägende Sprache der Mutter ebenfalls von einem fremden Dialekt beherrscht wird. Die eine oder andere Ohrfeige ist demnach der Lohn, wenn in Vaters Anwesenheit einmal ein derber Spruch heraus rutscht.
Aber nicht nur seine Umwelt lernt Hans immer besser kennen und benennen, anhand der Geschichten im Lesebuch und der Geschichten von Mutter, bevor es zu Bett geht, lernt Hans viele Wesen kennen, die er zwar nicht real erfassen kann, aber die es wohl gibt, da die Erwachsenen darüber berichten: Die Heinzelmännchen, der Sandmann, die Feen und Hexen im Wald und im Frühjahr gibt es einen Hasen, der Hühnereier in ein Nest legt. Wenn es Winter wird, kommt der Nikolaus und stellt einen Stiefel mit Süßigkeiten vor die Tür. Dann kommt irgendwann das Christkindlein zur Welt und das Christkind im weißen Engelsgewand bringt Geschenke. Am „Heiligen Abend“ werden auf dem Tannenbaum, der mit allerlei bunten Kugeln und süßem Gebäck geschmückt ist, die Kerzen angezündet und Mutter singt laut Lieder und Vater brummt mit. Inge kennt die Lieder auch schon und singt ebenfalls mit. Hans macht es seinem Bruder nach und lässt nur den Mund offen stehen.
Dann kommt aber noch ein Vater ins Spiel, dessen Rolle Hans gar nicht so klar ist: Der Vater im Himmel. Ihn lernt er kennen, wenn er abends zu Bett geht und seiner Mutter ein Nachtgebet nachsagen soll:
„Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an. Deine Gnad und Jesu Blut machen allen Schaden gut“.
Die feinen Unterschiede zwischen dem Kind in der Krippe, dem Christkind und dem Jesus, der mit seinem Blut allen Schaden gut machen soll, bekommt Hans erst später im Religions-Unterricht mit, erst einmal sind das alles verschiedene Wesen.
Und der „liebe Gott“ ist demnach ein mächtiger Mann, der zwar lieb sein, aber auch bestrafen kann. Und das fatale daran ist, dass er im Gegensatz zum leiblichen Vater immer vom Himmel herunterschaut und alles sehen kann. Es wird gesagt, dass ihm nichts entgeht, man kann ihn also nicht austricksen, und lügen hat dann wohl auch keinen Zweck. Und dass Gott straft, kann Hans ebenfalls häufig feststellen, denn es heißt: „Die kleinen Sünden bestraft der liebe Gott sofort“. Also, wenn man beim Äpfel stehlen vom Baum fällt und sich verletzt, beim Hühner jagen fällt und sich das Knie aufschürft, oder einem beim Marmelade naschen das Glas herunterfällt, ein schlechtes Gewissen bei jedem Missgeschick ist schnell entstanden. Dass es diesen Gott gibt, dafür bestehen bei Hans keine Zweifel, nur mit der Vorstellung, wie er aussieht und wo und wie er lebt, da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Hans lernt aber in jungen Jahren auch noch eine andere Art von Heiligen kennen. Da gibt es noch die „Jungfrau Maria“, die auch Fürbitte leisten kann. Sie wird „Heilige Jungfrau“ genannt und „Mutter Gottes“ und eine „Gebenedeite unter den Weibern“ und dann ist sie auch noch „Voll der Gnade“. Als einmal Mutter durch eine schwere Krankheit mehrere Wochen ausfällt, fühlt sich Hans gar nicht gut, er vermisst sie sehr. Damit er wenigstens mit Essen versorgt ist, darf er auf dem Bauernhof, bei dem seine Schwester oder er selbst immer die Milch holen, mittags und abends essen. Vor den Mahlzeiten wird von den beiden Mägden und der Bäuerin, die sich in verschiedenen Ecken der Stube aufstellen, wechselseitig immer das gleiche Gebet von der Maria heruntergesungen. Nachdem sie fertig sind, wird mit dem Daumen, an die Stirn und mehrmals an die Brust getippt und dabei etwas vom Sohn, vom Vater und vom heiligen Geist gesprochen. Erst nach dieser immer gleich ablaufenden Prozedur setzen sich alle an den Tisch und es darf gegessen werden.
Hans kann sich darauf noch keinen Reim machen, in seiner Familie spricht Mutter oder seine Schwester, wenn alle am Tisch sitzen, dass der Herr Jesus auch eingeladen ist und mitessen kann. Gesehen hat ihn aber Hans noch nie. In der Bauernstube hängt jedoch in der Ecke ein Kreuz, an dem eine ausgemergelte Gestalt hängt und das soll Jesus sein, wie ihm seine Schwester einmal erzählt, als sie auf die Milch warten. Also jetzt weiß er, warum der „Herr Jesus“ nicht mit bei ihnen zu Hause am Tisch sitzen kann, er hängt irgendwo ganz elendiglich an einem Kreuz.
Erst später bekommt Hans mit, dass sich die Dorfgemeinde in zwei verschiedene Lager teilt, in das katholische und das evangelische. Mutter geht am Sonntag regelmäßig in den „Gottesdienst“ in die Kirche. Wenn Hans es nicht irgendwie vermeiden kann, muss er mitgehen. Da hängt ganz vorn an einem riesigen Kreuz auch ein Jesus und alle Fenster ringsherum sind mit bunten Bildern von irgendwelchen Heiligen bemalt. Hans kennt bald alle Bilder und langweilt sich, solange kann er nicht still sitzen. Einen Ausweg aus der Misere findet er, als er einmal den Blasebalg der Orgel bedienen darf. Wenn er mit in die Kirche muss und es irgend geht, versucht er sich als Treter des Blasebalgs anzubieten. Jetzt muss er nicht mehr still sitzen und wenn die Orgel nicht spielt, kann er von oben auf die Versammlung herunterschauen.
Als Hans Religions-Unterricht erhält, sind seine Schulfreunde nicht dabei, was er schade findet. Sie gehen zum katholischen Pfarrer und Hans zum evangelischen Vikar. Im Religionsunterricht wird ihm bald mehr und mehr klar, wie es sich mit dem ganzen Volk im Himmel verhält. Da ist der übermächtige und allwissende Vater. Und weil er die Sünder auf der Erde lieb hat, schickt er ihnen den Sohn Jesus. Der wird aber nicht wie jeder andere von einer Mutter geboren, die von ihrem Mann seinen Samen erhält, nein, den bekommt sie vom „Heiligen Geist“. Noch einer, mit dem Hans erst einmal nichts anfangen kann.
Der Vikar erzählt viel über die Sünden und dass einem auch die Sünden vergeben werden können, wenn man sich direkt an Jesus wendet. Und so nach und nach erfährt Hans, dass es viele Sünden gibt und man viel falsch machen kann und seine kindliche Unbekümmertheit und naive Lebenslust schwindet mehr und mehr.
Er muss zehn Gebote lernen, die ihm gar nicht gefallen, weil man nach diesen Geboten ständig sündig wird, wenn man sich wie Hans und seine Schulfreunde verhält. Wenn sie Äpfel oder Birnen vom Baum holen oder Eier essen, die sie im Heustadel bei den Bauern finden, schon haben sie eine Sünde begangen, sie haben gestohlen. Oder wenn er vom Kaufladen des Kramers kommend, der Mutter nicht alles Wechselgeld zurückgibt, schon wieder hat er gestohlen. Und wenn ihn die Mutter fragt, ob das alles ist, was er zurückbekommen hat und er „ja“ sagt, hat er schon wieder eine Sünde begangen. Dann kommt sie ihm auf die Schliche, er erhält eine „Watschen“ und denkt sich „die blöde Kuh, die soll doch das nächste Mal selber einkaufen geh‘n“, und schon hat er seine Eltern missachtet und wieder gesündigt, denn der „Liebe Gott“ kann ja auch Gedanken lesen. Und wenn er am Sonntag keine Lust hat mit seiner Mutter in die Kirche zu gehen und Ausreden erfindet, hat er schon wieder zweimal gesündigt, weil er den Feiertag nicht heiligt und lügt.
Was er schon gut kann, das ist Kameradschaft halten und seine Freunde nicht verpetzen. Wenn in der Schule die Lehrerin fragt, wer das war, der den Maikäfer fliegen lassen hat, dann verrät er denjenigen nicht, denn man soll über seinen Nächsten nichts Schlechtes sagen, und wenn man gar nichts sagt, dann lügt man auch nicht.
Auch mit dem „du sollst nicht töten“ gibt es manchmal Probleme. Wenn man einem Maikäfer den Kopf abbeißt, weil man den Mädchen zeigen will, was man für ein Kerl ist, ist das schon wieder eine Sünde? Aber was ist, wenn man zusieht, wie das Schwein oder das Kaninchen geschlachtet wird und danach von seinem Fleisch isst? Das finden alle gar nicht sündig, nur zum „Scherz“ soll man ein Tier nicht quälen und den Kopf abzubeißen ist ja wohl nur zum Scherz.
Doch ohne es zu wissen, begeht Hans die schlimmsten aller Sünden beinahe jeden Tag mehrmals. Im Umgang mit seinen bayrischen katholischen Freunden lernt er bald alle deftigen Sprüche auswendig. Erst hat er den Sinn der Sprüche nicht verstanden, nun geht er jedoch in den Religions-Unterricht und erfährt, dass das alles „Gotteslästerung“ ist. Ein einfaches „Zefix“ und „Kreizdeifi“ ist schon geflucht, was „bluadige Mari“ bedeutet, weiß er zwar nicht, aber er hört es manchmal vom Knecht auf dem Bauernhof, wenn der sich irgendwo stößt oder weh tut.
Dann erzählt der Vikar auch noch Sachen, mit denen kann Hans noch gar nichts anfangen. Wenn die Jungen vom „Onanieren“ loskommen wollen, können sie bei Jesus Hilfe bekommen. In den zehn Geboten wird nichts von solchen Dingen gesagt, Hans bemerkt nur, dass seine Schwester und einige ältere Jungen bei diesem Vortrag ganz still und verlegen werden, das muss ja eine tolle Sache sein.
Mit den Mädchen kommt Hans gut zurecht. Bei Spielen auf dem Hof sind alle beteiligten Kinder fröhlich und ausgelassen: Beim Fangen spielen, beim Murmelspiel oder „Kästl hupfen“ geht es recht laut und lebendig zu. Das liebste Spiel von Hans ist „Räuber und Gendarm“. Gespielt wird meist sonntags, wenn die Kinder nicht zur Schule müssen oder nicht zu arbeiten brauchen. Das ganze Dorf ist ihre Spielwiese, alle Bauernhöfe, Scheunen und Schuppen. Es werden zwei Gruppen gebildet, die einen sind die „Räuber“, sie müssen sich verstecken und die anderen sind die „Gendarmen“, sie müssen die Räuber suchen. Hans spielt lieber den Räuber, weil man ihn nicht so schnell findet, aber dann entdeckt er, dass er die Verstecke der anderen schnell aufspüren kann und ist auch gerne der Gendarm. Dabei sucht er natürlich das Mädchen Elke, das er gerne finden möchte und es kommt zu manchen schönen nahen Begegnungen. Das Mädchen direkt beim Spielen anzusprechen, traut er sich nicht, also nutzt er die Gelegenheiten beim Gendarm-Spielen, sie etwas näher kennen zu lernen. Elke hat sich natürlich so versteckt, dass sie nicht leicht zu finden ist, wenn Hans aber in die Nähe ihres Versteckes kommt, macht sie sich durch Rascheln und Räuspern bemerkbar und sie sind erst mal für eine Weile raus aus dem Spiel.
Manchmal, wenn Jungen und Mädchen nicht zu viele sind, ziehen sie sich in die Scheune zurück und es wird etwas ruhiger. Dann wird der „Arzt untersucht den Kranken“ oder „Vater und Mutter“ gespielt. Für diese Spiele ist Hans ganz besonders zu haben. Wenn man den Mädchen ganz nahe kommt, ihre Haut riechen und fühlen kann, ist das ein inniges Gefühl, das ganz neu ist für Hans. Beim Entdecken der unterschiedlichen Weichteile bei Jungen und Mädchen kommt Freude auf, aber auch die stille Vereinbarung, darüber daheim zu schweigen. Von solchen Spielen müssen die Eltern nichts erfahren. Instinktiv gehen alle davon aus, dass diese Art von Spiel etwas Sündiges ist, das man nur im Verborgenen genießt. Umso erstaunlicher ist es für Hans, als einmal die benachbarte Mutter eines Mädchens sie erwischt, meint, diese Spiele seien ganz schädlich, davon könne man blind werden. Also ist es nicht unbedingt Sünde, sondern nur gefährlich für die Augen. Und noch mehr wundert sich Hans, als er zu Hause ein Donnerwetter erwartet, aber kein Wort von seiner Mutter hört, obwohl er die beiden Frauen vorher zusammen gesehen hat.
Nach einiger Zeit, als Vater wieder in der Familie erscheint, zimmert er auf dem Dachboden des Hauses, in dem sie wohnen, einen Schlafraum für die Kinder. Nunmehr haben die Kinder mehr Platz und die Eltern haben ebenfalls einen Schlafraum für sich.
So schlimm die familiäre Enge in der einen Stube vorher auch war, die Kinder waren nachts nie allein. Jetzt haben sie zwar Platz, aber wenn es dunkel wird im Schlafzimmer, kann es ganz schön gruselig werden. Hans hat so viele Geschichten über Räuber, den Teufel und böse Geister im Kopf, dass er im Dunkeln nie gleich einschlafen kann. Er sieht Gestalten im Halbdunkel und ängstigt sich sehr. Seine Schwester, die ebenfalls früh zu Bett muss, ist auch keine große Hilfe und ebenfalls sehr ängstlich. Wenn es ganz schlimm ist mit der Angst, erinnert sich Hans an den Vikar, der meinte, man könne Jesus immer um Hilfe bitten, wenn man ihn braucht. Und so betet Hans im Stillen zu Jesus und es hilft dann auch, er wird ruhiger und kann einschlafen.
„Na Johannes, was hältst du von Deiner Wahl, bist du zufrieden mit der Familie und deinem Wohnort?“
Ich bin recht benommen, Arme und Beine kribbeln etwas und mir ist ganz warm. Eben hatte ich doch noch furchtbare Angst, konnte nicht einschlafen und habe zu Jesus gebetet. Plötzlich befinde ich mich auf einer Wiese, es sieht aus wie die Wiese hinter meiner Schule, alles ist etwas heller und bunter, als ich es kenne und wer ist die lachende Gestalt, ein junger Bursche, der mich in meinem Kopf fragt wie einen Erwachsenen, wie es mir geht?
„Ich bin es, Theodor, du bist ja noch gar nicht bei dir. Es war deine Idee mit den Besuchen, du erinnerst dich?“
Die Gedanken des Burschen vor mir stürmen in mich ein, ich verstehe nichts, will die chaotischen Bilder sortieren, irgendwoher kenne ich diese Art des Gedankenaustauschs, und so langsam kommt die Erinnerung an meine eigentliche Welt, in der ich Johannes genannt werde, und die Bilder im meinem Kopf ordnen sich wie von selbst. Der lachende Kerl ist wohl Theodor, mit dem ich die Vereinbarung getroffen habe, dass wir uns sehen können, wenn bei mir der dringende Wunsch nach einer Zusammenkunft während meiner Erdenreise aufkommt. Er sieht zwar etwas jünger aus, als ich ihn aus unserer Welt kenne, aber seine telepathische Stimme und seine Gesten sind eindeutig die von Theodor.
„Theodor, du bist wirklich bei mir? Es funktioniert also doch!“
Ohne meine umständliche Sprache quillt es nur so aus mir heraus, ich habe Theodor so viel mitzuteilen:
„Das ist ja so unglaublich, ich bin ein Kind, so echt, in einer Wirklichkeit, wie man es nicht beschreiben kann. Mensch, Theodor, Mensch sein ist schon eine geile Sache, jetzt kommt mir der Spruch von Lucia in den Sinn, es ist tatsächlich so, wie sie gesagt hat.“
Theodor lacht: „Bleib ganz ruhig, eins nach dem anderen, fangen wir von vorne an, was sind deine Eindrücke von deiner Kindheit, hast du schon alles vergessen oder sind da Reste von Erinnerung, wer du bist in deinem jetzigen Dasein?“
„Theodor, mein Herz ist so voll, ich bin froh, dass du da bist. Aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, dir zu berichten?“
„Lass dir ruhig Zeit“, Theodor lacht, „wir sind jetzt raus aus dem Zeitgefühl, also hast du alle Zeit der Welt, wie ihr Erdenbürger sagt. Außerdem habe ich einiges mitbekommen, war oft mit dir verbunden, ich bin dein innerer Weiser, auch wenn du mich im Vergessen nicht spürst.“
„Gut, Theodor, ich muss mich erst mal sammeln, mein Wissen als Johannes kommt wieder, aber ich bin ganz schön durcheinander mit meinem kindlichen Bewusstsein als Hans und meinem beschränkten Wortschatz. Aber es scheint, dass unser Experiment funktioniert, so langsam kann ich beides gut auseinanderhalten, jetzt können wir uns auch wieder direkt auf der geistigen Ebene unterhalten“.
„Wie war es bei dir, als du noch mit einem ungetrübten Bewusstsein in die irdische Welt eingetreten bist und dann mehr und mehr die materielle Wirklichkeit als deine Welt erfahren, laufen und sprechen gelernt hast? Ist vom Wechsel in die Unbewusstheit noch eine Erinnerung geblieben?“
„Es ist so, wie du mir es vorhergesagt hast: Durch die gewaltigen Eindrücke verblassen die Erinnerungen des Geistes dermaßen schnell; ich habe es zwar theoretisch gewusst, aber ich muss dir zustimmen, wenn man es nicht erlebt hat, kann man es nicht nachvollziehen, die erlebte Realität haut dich um. Meine Mutter, ich sag dir, meine Mutter, die ist sowas von real, die Stimme, der Geruch der Haare, das Gefühl, wenn sie dich im Arm hält und tröstet, wenn du dich verletzt hast oder voller Kummer bist, unglaublich, sage ich dir. Aber dann war ich auch sehr traurig, als meine Mutter ins Krankenhaus musste und wir Kinder gar nicht wussten, ob sie wieder nach Hause kommt, es ist noch mal gut ausgegangen.“
„Lieber Johannes, deine Mutter wollte zurück, aber euch Kindern zuliebe hatte sie ein Einsehen, die Liebe zu euch hat sie im irdischen Leben gehalten“.
„Die Erinnerung an diese Zeit löst bei mir schmerzliche Gefühle aus, aber auch Gefühle der Dankbarkeit gegenüber der Seele meiner Mutter, jetzt wo du mich in die Situation einweihst.“
Theodor umarmt mich im Geiste: „Ich kann deine Gefühle nachvollziehen und du stehst erst am Anfang deiner Kontakte zu deinen Mitmenschen, es wird nicht weniger sinnlich in den weiteren Lebensphasen. Und was für ein Gefühl hast du zu deinem Vater?“
„Ja ebenso intensiv, aber anders, etwas gespalten zwischen Ehrfurcht und Liebe. Es ist ein wenig wie zu dem sogenannten himmlischen Vater, er soll der liebende Vater sein, ist aber gleichzeitig derjenige, der uns angeblich überwacht und bestraft, wenn wir Fehler nach seinen Geboten machen. Und das wirkt ungemein, es gibt keinen Moment bei allem, was wir tun, wo wir nicht Angst haben Fehler zu machen. Aber das Leben ist so, dass man nach den Vorgaben der Eltern und Lehrer ständig Fehler machen muss, eine ganz üble Situation, der du als Kind machtlos ausgeliefert bist.“
„Fühlst du dich verloren in deiner Welt voller Ängste oder hast du auch Freunde, mit denen du Spaß haben und die Angst zeitweilig überwinden kannst?“
„Es ist schon ein verrücktes Spiel, wenn ich es überdenke. Wenn wir etwas Verbotenes tun, zum Beispiel beim Pfarrer über den Zaun steigen und Nüsse vom Baum holen, sind wir zu dritt oder zu viert. Einer oder Zwei verstecken sich, dass der Pfarrer sie nicht sehen kann, die anderen steigen über den Zaun und machen sich über die Nüsse her. Falls der Pfarrer etwas bemerkt und aus seinem Haus kommt, wird gepfiffen und wir verschwinden. Das ist eine Mordsgaudi, wie wir sagen und von Angst keine Spur. Anschließend wird brüderlich geteilt, solche Geschichten kann ich dir viele erzählen. Auch wenn wir Jungen und Mädchen zusammen Doktorspiele machen und ganz intim werden, ist das nach unserem Gefühl etwas Verbotenes, aber das macht gerade den Reiz aus, das verbindet und wir haben dann ein Geheimnis.“
„Und wie geht es dir mit Bruder und Schwester, kommst du gut mit ihnen zurecht?“
„Jetzt, wo du mich so direkt fragst, fällt mir auf, dass das Gefühl zu ihnen auch zwiespältig wie zu den Eltern ist. Natürlich habe ich sie gern und sie mich, ich bin ihr kleiner Bruder und sie beschützen mich, wo es nur geht. Aber sie übernehmen auch die Rolle des Herrschers über den Schwächeren. Die Schläge, die mein Bruder manchmal vom Vater bekommt, bleiben nicht ohne Wirkung und so reagiert er manchmal seine seelischen Verletzungen an meiner Schwester oder mir ab. Aber meistens halten wir zusammen und verpetzen uns nicht.“
„Als du mich riefst, hast du zu Jesus gerufen, der scheint ja eine andere Wirkung auf dich zu haben als der sogenannte liebe Gott, der, soweit ich es mitbekomme, auf euch einschüchternd wirkt, oder?“
