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Männliche Führungskräfte haben es nicht leicht. Sie müssen nicht nur die Konkurrenz auf Abstand halten, Leistungsdruck ertragen, erfolgreich und originell sein, Stil und Haltung beweisen, Konflikte mit der Belegschaft und der Familie aushalten, nun kommen auch noch Work-Life-Balance, Homeoffice, Stakeholder- und Nachhaltigkeits-Management, digitale Transformation, Diversity, Agility, Selbstoptimierung, Smart Home und andere Zumutungen des modernen Managements hinzu. Und zu allem Überfluss sollen die männlichen Businesshelden dabei auch noch glücklich und ausgeglichen sein. Wir werden in vierzig Kurzgeschichten Zeuge dieses ernüchternden Treibens. Ein Fazit dieser Geschichten sei vorweggenommen: der männliche Manager bemüht sich stets, den Anforderungen gerecht zu werden. Und das ist doch schon mal ein Anfang!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Männliche Führungskräfte haben es nicht leicht. Sie müssen nicht nur die Konkurrenz auf Abstand halten, Leistungsdruck ertragen, erfolgreich und dabei originell sein, Stil und Haltung beweisen sowie Konflikte mit der Belegschaft und der Familie aushalten, nun kommen auch noch Work-Life-Balance, Homeoffice, digitale Transformation, Stakeholder- und Nachhaltigkeits-Management, Smart Home, Diversity, Selbstoptimierung, Agility und andere Zumutungen des modernen Lebens hinzu.
Und zu allem Überfluss sollen die männlichen Businesshelden dabei auch noch glücklich und ausgeglichen sein.
Wir werden in vierzig Kurzgeschichten Zeuge dieses ernüchternden Treibens. Ein Fazit dieser Geschichten sei vorweggenommen: Der männliche Manager bemüht sich stets, den Anforderungen gerecht zu werden. Und das ist doch schon mal ein Anfang!
Udo Hüls ist als selbstständiger Berater im Bereich Human Resources Management tätig. Zuvor arbeitete er viele Jahre im Top-Management internationaler Konzerne. Er studierte und promovierte im Fach Psychologie. Im BoD-Verlag ist bereits seine Erzählung 'Nachfolgeregelung' (2018) erschienen.
Vorwort
Bei Nolte ist die Sache klar
Tauberhickelsheimer Turbokapitalismus
Hedewecht geht auf Nummer sicher
Task-Force-Meeting: die Lage ist ernst
Was Osterhirsch noch fehlt
Nichts als die Wahrheit
Hubert, das Börsenorakel
Ein Mann hält Wort
Reitking hat die Haare schön
Nicht in seiner Hand
Frankie goes objective
Wie Braunbach wirklich tickt
Mit Maurer nicht zu machen
Hallstetter kriegt die Krise
Das Glück des anderen
Hitzefrei
Businessheld, 42, männlich
Umparken im Kopf
Kernbeißer macht den Unterschied
Überleben in diesen Zeiten
Grubisteins unterdrückte Entspannungsimpulse
Jedefreunds Führungsverständnis ist alternativlos
Hornung geht es nicht um Hornung
Ziemlich glücklich
Denn sie wissen nicht, was sie tun
Neufritz ist jetzt agil
Was nicht passt, wird passend gemacht
Schuster bleibt bei seinen Leisten
Neumann macht sie alle platt
Solid-Max-Heinz
Ein Projektleiter, der Zitronen faltet
Einfach zu gut
Erst die Arbeit, dann die Langeweile
Es muss etwas geschehen (aber es darf nichts passieren)
Nüchtern betrachtet
Verantwortlich unzuständig
Die Liebe in Zeiten von Smart Home
Burlander findet Entspannung
Ein Mann wie Ahlbäumer
Highend-Recruiting
Männliche Führungskräfte sind bei ihrer täglichen Jagd nach Erfolgen nicht zu beneiden. Einem permanenten äußeren und inneren Druck folgend, ist ihr ganzes Unterfangen früher oder später zum Scheitern verurteilt.
Dieses Buch begleitet sie dabei (meist) humoristisch, es beobachtet und notiert in satirischer Überzeichnung die kleinen und großen Schwächen der männlichen Businessakteure, ihre Eitelkeiten, Egoismen, Selbstsüchte, Missgeschicke, Fehlleistungen, Schummeleien, Selbsttäuschungen und Selbstüberschätzungen, die vielen egofreundlichen Verwechslungen von Ursache und Zufall, von Systematik und Glück.
Es karikiert ihre Wichtigtuereien, Aufschneidereien, Großmäuligkeiten, ihr inkonsequentes, oft widersprüchliches Handeln als Ausdruck gnadenloser Realitätsverleugnung sowie ihre Ruch- und Charakterlosigkeiten.
Manager, männliche zumal, haben diese Schwächen vermutlich in gleicher Ausprägung wie alle Menschen, doch aufgrund ihrer Fallhöhe und ihres Anspruchs, just diese Schwächen nicht zu besitzen oder sie zumindest erfolgreich zu kaschieren, wirken sie oft unfreiwillig komisch. Und auch, wenn die Konsequenzen für die Manager und vor allem ihr Umfeld zumeist alles andere als erheiternd sind, kann man ihnen einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen.
In den vorliegenden Geschichten beschränke ich mich also ausschließlich auf männliche Protagonisten. Zwar glaube ich nicht, dass Frauen per se die besseren Managerinnen oder gar Menschen sind. Sie mögen andere Schwächen haben, dennoch steckt in ihnen nach meiner Beobachtung nicht annähernd so viel Plakatives und Klischeehaftes wie in der männlichen Businesselite. Außerdem und unabhängig davon: Bei Männern kenne ich mich halt besser aus – diesbezüglich jedenfalls.
Das hier Notierte sollte trotz aller Realitätsbezüge dennoch nicht übertrieben ernst genommen werden, Personen und Geschehnisse werden uns in dieser Überzeichnung wahrscheinlich nie begegnen.
Das wünsche ich uns jedenfalls!
„Schon gehört, Nolte hat Boreout!“
Merkheimer zieht Burchi ins Vertrauen.
„Was? Burnout? Der? Wie denn? Der hat sich doch noch nie kaputt gearbeitet.“
„Nein, nicht Burnout – Boreout. Das ist ja der Grund, warum er Boreout hat, weil er nie was geschafft hat. Sämtliche Bemühungen, ihn ans Arbeiten zu kriegen, sind fehlgeschlagen, und schlussendlich hat Kronich ihn als Strafe Akten sortieren lassen mit den Worten, da müsse sich mal jemand verantwortlich drum kümmern, einer müsse es ja machen, und er kenne niemanden, der dafür derart gut geeignet wäre wie Nolte.“
„Kronich ist halt ein Drecksack, das muss man ihm lassen. Lässt sich nichts gefallen. Geschieht Nolte irgendwie recht, immer auf Kosten der anderen Knochen und Nerven geschont, das hat er jetzt davon.“
„Langsam, Nolte wäre nicht Nolte, wenn er da nicht noch einen draufgesetzt hätte, hat Arbeitswut simuliert.“
„Was, Nolte bittet um richtige Arbeit? Dass ich das noch erleben darf. Und, was hat man ihm als Gnadenbrot gegeben? Die Gesamtleitung von ´Schlupfloch 21`, haha?“
„Er sollte sich um den ein- oder anderen Lieferanten kümmern, von A bis Z, ganzheitlich, und damit weniger sinnentleert arbeiten als bei der Aktensache. Aber so ernst hatte Nolte das mit dem Arbeitseifer dann wohl doch nicht gemeint, war dann scheint´s doch ein wenig zu stressig für die ruheverwöhnte Seele. Dann hat Kronich ihn halt wieder zu den Akten gesteckt. Nolte hat das aber nicht auf sich sitzen lassen und sich krankschreiben lassen, angeblich wegen Boreout. Wenn sie mich fragen, ist das alles nur vorgetäuscht.“
„Genial, die Faulen sind doch immer noch die Kreativsten. Jeder Normalsterbliche würde einen auf Burnout machen, aber Nolte ist so clever zu wissen, dass ihm das keiner abkauft. Wie äußert sich eigentlich dieses Dings, dieses Boreout?“
„Eigentlich die gleichen Symptome wie bei Burnout. Fahle Gesichtsfarbe, sinnentleerter, traurig-starrer Blick, nur begrenzte Ansprechbarkeit, fehlende Kommunikationsfähigkeit, Antriebslosigkeit, jemand mit diesem Krankheitsbild …“
„…sieht aus wie der kerngesunde Nolte, haha.“
„Aber dass sie das für sich behalten, kein Wort zu niemand!“
Burchis Frau ist zwar kein niemand, aber immerhin nicht direkt firmenzugehörig. Unter einem zuvor abgenommenen Schweigegelübde erzählt ihr Burchi, was er heute Mittag von Merkheimer gehört hat.
Burchis Gattin wiederum versteht sich blendend mit der Ehefrau von Herbold. Diese erfährt am nächsten Tag von Noltes Burnout-Erkrankung wegen Überlastung als Leiter des Projektes ´Schlupfloch21`, oder wie dieses Megaprojekt auch immer heißen mag. Man hätte ihm jetzt zur Schonung seines strapazierten Nervenkostüms die Betreuung von Zulieferern zugewiesen, aber als sich herausstellte, dass Nolte immer noch völlig fertig war von all dem Stress und auch die Aktentätschelei nicht geholfen habe, sei er schließlich zusammengebrochen. So oder so ähnlich müsse es sich zugetragen habe, man kenne die Geschichte ja nur gerüchteweise, deshalb müsse Frau Herbold auch unbedingt schweigen wie ein Grab.
Herbold wird daraufhin von seiner Gattin unter der Zusicherung der Grabesverschwiegenheit unterrichtet, dass dessen Kollege Nolte ziemlich verschnupft darüber gewesen sei, dass man ihm ´Stuttgart21` entzogen habe. Er empfände dies als Kränkung, apropos Kränkung: Nolte wäre darüber glatt krank geworden, von wegen verschnupft und so.
Über Herbold gelangt die Nachricht zurück in den Betrieb zu Schwiller und von diesem zu Mullick, der darüber empört ist, wie die Firma mit einem langgedienten Kollegen, den er allerdings nur vom Hörensagen kenne, verfährt. Nur, weil der sich als Leiter von ´Stuttgart 21` (Mullick wusste gar nicht, dass die Firma bei ´Stuttgart 21` Karten im Spiel hat und noch weniger, dass Nolte hierfür der Gesamtverantwortliche ist) den Allerwertesten abgearbeitet, zum Schluss deswegen ein Burnout und dazu noch einen schweren Schnupfen erlitten hat, der dann zu allem Überfluss auch noch zum grippalen Infekt mutierte. Doch statt ihn nun zur Genesung nach Hause zu schicken, habe man ihn im Keller keimfrei, von den Kollegen separiert, Akten sortieren lassen. Nur, weil sich Nolte geweigert habe, krankgeschrieben zu werden.
„Solche Mitarbeiter muss man erst einmal finden, lassen sich lieber in Quarantäne stecken als zuhause zu bleiben, opfern sich auf, riskieren ihre Gesundheit, bloß, um nicht als Simulant dazustehen. Oder aus Pflichtgefühl. Alte Schule eben. Trotzdem: der Arbeitgeber hat doch eine Verantwortung. Nolte hätte nach Hause gemusst ins Bett.“
„Aber man weiß doch gerüchteweise, wie Nolte tickt.“, gibt Schwiller zu bedenken.
„Der ist ein Arbeitstier, sagt man. Wenn der drei Tage zuhause ist, reißt der die Tapete von den Wänden. Am Ende erleidet er vor Langeweile noch dieses neumodische Krankheitszeugs, dieses Bora-Syndrom.“
Kronich wiederum ist schier fassungslos zu hören, was Fielich zu berichten weiß. Dass es sein ungeliebter Mitarbeiter Nolte nämlich nicht bei einer Boreout-Krankschreibung hatte bewenden lassen als Rache für die von Kronich erteilte Sanktion. Fielich wusste aufgrund eines zufällig und beiläufig aufgeschnappten Kantinengesprächs ziemlich vertrauenswürdig von den Mutmaßungen zu berichten, dass Nolte, so sagt man, sich aus dem Staub gemacht und das Land verlassen habe in Richtung eines steuerfreundlichen Südseeparadieses. Anscheinend war er nicht nur stinkfaul, sondern hatte auch noch Dreck am Stecken. Steuerschulden höchstwahrscheinlich, womöglich war er vor einem Strafbefehl wegen diverser Finanzbetrügereien, Steuerhinterziehung oder gar noch Schlimmerem geflohen.
„Nun ja“, sinniert Fielich, „es gibt trostlosere Orte, dieses Schicksal zu ertragen, als Bora Bora.“
Betriebsversammlungen der Liebherz KG sind immer ein beschwingtes Vergnügen. Für Betriebsräte und Gewerkschaftsvertretungen, weil sie dem bösen Arbeitgeber mal so richtig die Leviten lesen können. Für die Geschäftsleitung, weil sie in den letzten Jahren meist positive Nachrichten verkünden konnte. Und für die Belegschaft, weil sie sich das Spektakel genüsslich betrachten kann und meist mit einem positiven Gefühl den Saal verlässt. Zum harmonischen Gesamtgefüge mag in der Vergangenheit auch maßgeblich beigetragen haben, dass sich die Belegschaftsvertreter mit Fundamentalkritik am Arbeitgeber doch merklich zurückhielten, man betonte mehr das Operative, sprach Konkretes statt Grundsätzliches an. Die anwesenden Gewerkschaftsvertreter wurden von Max Gurrer, dem Vorsitzenden des Betriebsrates, regelmäßig ermahnt, den Bogen nicht allzu weit zu spannen. „Von der Kritik an der Bundesregierung will hier in unserem schönen Tauberhickelsheim niemand etwas wissen, da hat jeder seine eigene Meinung dazu, da braucht es keine gewerkschaftliche Volkspädagogik.“, waren regelmäßig seine mahnenden Worte an die Genossen Gewerkschaftsvertreter.
Max Gurrer ist mithin ein Vertreter der bodenständigen Sorte, partei- und gesellschaftspolitisches Lametta sind und waren nie seins. Er will die kleinen, aber für die Kolleginnen und Kollegen so wichtigen Dinge verbessern, wie den Zuschuss zum Kantinenessen, die übertariflichen Zuschläge, er will Arbeitsplätze sichern und das Weihnachtsgeld. Das ist seine Welt, und die Belegschaft dankt es ihm, seit Jahren.
Auf der heutigen Betriebsversammlung ist wieder die ganze Prominenz vertreten, diesmal, auf persönliche Einladung von Max Gurrer, sogar der Bürgermeister. Max Gurrer hat ihm den eigentlichen Grund der Einladung verschwiegen, der da lautet: Druck auf die Geschäftsleitung aufbauen, den all die Jahre gewährten Zuschuss zum all die Jahre stattfindenden Brauereifest der Gemeinde Tauberhickelsheim auch dieses Jahr zu gewähren. Er hat läuten hören, dass die Geschäftsführung aufgrund des spürbaren Umsatzrückgangs darüber nachdenke, den Zuschuss – in der Regel zwei Biermarken und eine Butterbrezel - in diesem Jahr zu streichen. Gurrer hat Bürgermeister Haubichbacher allerdings nichts von seiner eigentlichen Absicht verraten aus Angst, dieser könnte sich vor den Karren gespannt fühlen. Also hat er es bei einer allgemein formulierten Einladung, um mehr „Glanz in unsere Hütte“ zu bekommen, belassen.
Und so kommt der Kollege, Genosse und Betriebsratsvorsitzende Max Gurrer nach Eröffnung und Begrüßung der Anwesenden denn auch gleich zur Sache und nötigt Personalchef Heinfried Bechting, zum Zuschussthema Stellung zu beziehen. Da dieser zunächst ausweichend antwortet, macht sich große Unruhe in den Belegschaftsreihen breit und Gurrer hat ziemliche Mühe, wieder Ruhe in die Versammlung zu bekommen.
Nach einer erneut wachsweichen Antwort auf hartnäckiges Insistieren Gurrers hin („Wir müssen die Situation angesichts der Umsatz- und Ertragsrückgänge erst noch einmal prüfen.“) dreht Gurrer auf: Es könne doch nicht angehen, dass diese Firma seit Jahren fette Gewinne einstreiche, nicht zuletzt zum Wohle der Geschäftsleitung und deren üppigen Boni, und dann ist einmal etwas Ebbe, und schon versuche man alles bei denen einzusparen, die am wenigsten haben und kaum von der erfolgreichen Vergangenheit profitiert haben. Vermutlich erkläre man den Anwesenden gleich noch, dass man bei den Führungskräften keine Abstriche bei Biermarken und Butterbrezel machen könne, sonst würden die alle ins Ausland gehen, wo die Gehälter zehnmal höher lägen, und dann … na, dann aber gute Nacht.
„Und schlussendlich werden sie uns vermutlich noch damit drohen, dass der Standort gleich mit verlegt wird an den Ort, wo die Führungskräfte zehnmal mehr verdienen, quasi als Einsparmaßnahme.“
Riesengelächter im Publikum, Gejohle, Pfeifen, Rufe, stürmisches Durcheinander, laut, chaotisch.
Bürgermeister Haubichbacher macht Anstalten, etwas Beruhigendes zu der nun zunehmend aufgeheizten Atmosphäre beizutragen, doch Gurrer wittert die Chance, durch den Kollegen von der IG Metall noch etwas Brandstoff nachzulegen.
„Gleich, geschätzter Herr Bürgermeister, aber der Kollege Hieberer von der IG Metall hatte sich zuerst gemeldet. Markus, wenn du dann bitte …“
„Gerne. Es kotzt mich gelinde gesagt an, was wir hier erfahren müssen aus dem Munde der Geschäftsleitung. Da wird frech das Schicksal eines Unternehmens davon abhängig gemacht, dass die Belegschaft auf zwei Bier und eine Brezel verzichtet. Das ist Raubtierkapitalismus in Reinform. Hat man dafür Worte?“
Hieberer, in strammer Tradition gewerkschaftlicher Redekunst, ist ein großer Könner darin, einmal Gehörtes durch Übertreibungen und Verzerrungen in einen ´aufgepeppten` Neuzustand zu versetzen. Bei Hieberer ist es nur ein schmaler Grat zwischen ´Butterbrezelgate` und Neoliberalismus, sind Biermarkenskandal und ´Cum-ex-Geschäfte` am Ende zwei Seiten ein und derselben Medaille.
„Herr Bürgermeister, zu dem, was wir hier und heute von der Geschäftsleitung gehört haben, dazu würde mich gleich brennend ihre Meinung interessieren, von wegen der Arbeitsplätze und der Steuerausfälle. Hier steht also, laut Herrn Bechting, ein Unternehmen am Abgrund, und schuld sind mal wieder die nimmersatten Kolleginnen und Kollegen. Ich kann nur sagen, weiter so. Aber die große Politik macht es uns doch vor: Steuererhöhungen, die vor allem die Kleinen treffen, Riesengeschenke an die Großindustrie und die Finanzmafia, Rentenkürzungen, Notstand in der Pflege und niemand, der dem amerikanischen Präsidenten mal die Meinung geigt.“
„Markus, ich habe hier zwei Wortmeldungen, Herr Bürgermeister, sie kommen gleich dran, aber ich muss Herrn Bechting erst noch einmal die Gelegenheit zur Stellungnahme geben.“
Bechting, sonst eher ´die graue Maus`, sieht seine Chance gekommen, durch eine wegweisende Einlassung Unternehmensgeschichte zu schreiben - mindestens.
„Also wirklich, Herr Hieberer, ihr verantwortungsloses Gerede von Standortverlagerung und Schließung, wie kommen sie auf diesen Schwachsinn? Davon hat doch niemand gesprochen, ich schon mal gar nicht. Aber eins ist sicherlich richtig: im Gegensatz zu ihnen müssen wir mit dem Geld haushalten. Ihren billigen Populismus können sie sich sparen, das Geld der anderen Leute ausgeben, das können sie, Geld, das man, geschweige denn sie, überhaupt noch nicht verdient hat, dabei den Standort schlecht reden, um mit der Krisenhetze Menschen zu fangen, womöglich noch nach dem Staat rufen, der durch Verbote, Protektionismus und Erhöhung der Sozialkosten und der Staatsquote ihre ideologiegetriebenen Versäumnisse wieder ausbügeln soll.“
Grabesstille im Saal, einige mit offenem Mund, sich fragend, was das jetzt alles mit den zwei Biermarken und der Butterbrezel zu tun hat. Aber Bechting, einmal bei den makroökonomischen Gesamtzusammenhängen angelangt, ist jetzt nicht mehr zu stoppen.
„Aber klar, da haben wir es wieder, typisch Sozis. Erst glücklich sein, wenn alles Vermögen verteilt ist. Ach was, erst glücklich, wenn es gar kein Vermögen mehr gibt, weil dann die große Stunde der Staatsgewalt schlägt, endlich ist der böse Markt am Boden, endlich können die Bürokraten, Ideologen und Gerechtigkeitsapostel der Politik und Verwaltung ihre Macht ausspielen, endlich haben sie überhaupt wieder Macht, nachdem ihnen vorher der Markt jegliche Wichtigkeit weggenommen hat. Und dann alles zentral vorschreiben und regulieren und sich bei der Arbeiterklasse anbiedern, Unternehmer beleidigen und in die Ecke stellen, die das Ganze überhaupt erst möglich machen mit ihrem Mut und Fleiß. Aber sie lassen lieber Chancen liegen, Hauptsache alle sind gleich arm, statt dass es allen besser geht, aber nein, dann könnten ja einige darunter sein, denen es noch ein klitzekleines bisschen besser geht als den anderen. Um Himmels Willen, soviel Ungleichheit hält meine neidgeplagte Seele nicht aus.“ Großdeuter Bechting verzieht das Gesicht zu einer abfälligen Grimasse.
„Dann lieber nach dem umverteilenden Staat rufen, der kriegt sein Geld zwar auch nur von just diesen Kapitalistenschweinen, über die Steuern nämlich, aber wer will denn gleich so kompliziert denken, wenn es der ideologischen Schönheit schadet. Geld scheint doch immer genug da zu sein, über die Frage, wie und wieviel reinkommt, machen sich Leute wie sie keine Gedanken, sie reden lieber dem Populismus das Wort und fordern ´Freibier für alle`, obwohl die letzte Brauerei längst pleite gegangen ist. Aber bitte, macht nur so weiter, alle miteinander“, kommt Bechting zum Ende, jetzt wieder vom Weltökonomen zum einfachen Personalchef absteigend. „Dann garantiere ich euch, sind wir hier tatsächlich ruckzuck weg, so schnell könnt´ ihr gar nicht gucken.“
Der Saal tobt, und Bürgermeister Haubichbachers Zuruf an Max Gurrer, er könne zur Beruhigung der Sachlage beitragen, indem er zum Stand der Vorbereitungen zum Tauberhickelsheimer Brauereifest informiere, geht nun im Kampf um Worterteilungen aus dem erzürnten Publikum vollends unter.
Denn einige Kolleginnen und Kollegen wittern in der nun in Gang gesetzten, von tiefem basisdemokratischen Debattierverständnis zeugenden Diskussion eine Chance, sich vollumfänglich einzubringen – keine Spur von Politikverdrossenheit hier in Tauberhickelsheim. Worterteilungen gibt es nun keine mehr, es wird munter durcheinander gebrüllt.
„Scheiß Nazis.“
„Also doch! Ihr wollt doch den Standort schließen.“
„Kapitalistenschweine.“
„Wenn das der alte Liebherz gehört hätte.“
„Jetzt zeigt ihr euer wahres Gesicht.“
Die Wortbeiträge überschlagen sich, es ist nichts mehr zu verstehen, Gurrer lässt die Diskussion laufen, teils ohnmächtig, teils berechnend wartend auf den Zeitpunkt, an dem sich alle etwas müde geschrien haben.
Als dieser Moment gekommen zu sein scheint, schwenkt die öffentliche Debatte nochmals um auf einen eher grundsätzlichen, gleichwohl dadurch etwas Ziel und Richtung verlierenden Kurs.
„Es sollten diejenigen einen Zuschuss kriegen, die umweltgerecht jeden Tag den ÖPNV nutzen.“
„Ein Zuschuss beleidigt mein liberales Bürgerrecht auf Selbstbestimmung, ich lasse mich nicht kaufen, vom Staat nicht und von euch schon gar nicht.“
„Wer braucht ein Brauereifest, kommt lieber zur Demo am Wochenende gegen die russische, amerikanische und europäische Syrienpolitik. Gegen Homophobie geht´s da übrigens auch!“
Diese Einlassungen wiederum führen zu wilden Beschimpfungen der Brauereifest-Anhänger.
„Hör auf mit deinem geschwurbelten Gequatsche.“
„Komm auf den Punkt, oder halt`s Maul!“
Gurrer fürchtet nun, dass die ganze Sache vollends aus dem Ruder läuft, womöglich noch in Handgreiflichkeiten endet. Er weiß sich nicht anders zu helfen, als sich die rote Pfeife von Gewerkschaftskollege Hieberer mit der Aufschrift „Wir Frauen in der IGM“ zu greifen und ins Mikrofon zu trillern. Schmerzverzerrte Gesichter, aber auch eine schlagartige Ruhe sind das Ergebnis. Eine Wohltat für alle Ohren.
Max Gurrer bittet nun – endlich - den „hochgeschätzten und sehr verehrten Herrn Bürgermeister Haubichbacher“ um seinen Wortbeitrag. Am Rednerpult angekommen, hört ihn die erstaunte Belegschaft vermelden:
„Ich kann sie alle beruhigen und ihrem Streit gewissermaßen den Nährboden entziehen, denn ich habe eine gute Nachricht für sie: Das Tauberhickelsheimer Brauereifest fällt dieses Jahr aus!“
Headhunting, etwas vornehmer ´Executive Search` genannt, kann jeder. Ein paar Schablonen übereinanderlegen, Leute interviewen, mit einer maximal dreißigprozentigen Wahrscheinlichkeit eine Prognose über die Eignung wagen (denn mehr ist aufgrund zahlreicher und vor allem zukünftiger Unwägbarkeiten nicht drin), dann dick abkassieren - meistens schon zwei Drittel des vereinbarten Honorars, bevor der Auftrag überhaupt erfolgreich zu Ende gebracht wurde. Und je hochkarätiger der Kandidat, desto höher das Honorar – bei gleichem Arbeitsaufwand. Die Kunden haben längst erkannt, dass sie für ihr teures Geld durchaus eine Extraportion verlangen können, eine besonders herausragende Leistung, also das Auffinden extrem gut geeigneter Kandidaten, die perfekt zu Stelle und Unternehmen passen. Sie präferieren Berater, die besser sind, weil sie Dinge jenseits der üblichen Diagnostikschablonen erspüren. Kulturelle Passung, Chemie zwischen Chef und zukünftigem Mitarbeiter, ein Gespür für die Branche und die besonderen Umstände, solche Dinge halt.
Holger Hedewecht ist gern auf diesen Zug aufgesprungen und hat sich auf diesem Gebiet quasi spezialisiert. Denn irgendwann ist ihm klar geworden, dass nahezu jeder seiner Konkurrenten behauptet, er wäre gut in der Messung des Matchings von Kandidat, Stelle und Unternehmen. Deshalb hat er zur klaren Abgrenzung eine steile Ansage in sein Angebot übernommen: Geld zurück, wenn es innerhalb der ersten zwei Jahre zu einem Wechsel des Kandidaten kommt, egal aus welchen Gründen, durch wen auch immer veranlasst. Die Konkurrenz erklärt sich üblicherweise für einen deutlich kürzeren Zeitraum zu Garantieleistungen bereit und bietet lediglich ein ´Umtauschrecht` an, eine ´Gutscheinlösung`, sprich: Der Berater muss noch mal ran, ohne dass der Kunde auch die ´Geld-zurück-Lösung` wählen könnte.
Diese Geschäftsfelderweiterung bedeutet, dass Hedewecht im Zweifel auch gegen den Willen des Kunden agieren muss, sollte ihm dessen Akquisitionswunsch zu riskant erscheinen. Freilich darf der Kunde dies nicht merken, Hedewecht muss geschickt auf die Kundschaft einwirken, sein Wille muss eine natürlich-symbiotische Beziehung mit dem der Kundschaft eingehen.
Vor allem aber bedeutet sein Leistungsangebot, dass sich Hedewecht ganz besonders gut auf das Diagnostische verstehen muss, denn jeder Fehler wird ihm und seinem Geschäftskonto um die Ohren fliegen. Mit den üblichen Methoden wie Persönlichkeitstest, Assessment Center, Interview, ggfs. graphologische Gutachten kommt man da nicht weit genug, man braucht so etwas wie den siebten Sinn, zusätzliche Erkenntnisse, die einem mehr Prognosesicherheit geben.
Hedewecht konzentriert sich deshalb mittlerweile fast ausschließlich auf die Passung zwischen Chef und Kandidat, die sogenannte ´Chemie`. Seine Erfahrung hat ihn gelehrt, dass dies das Allerwichtigste ist. Und hierzu empfängt er auch, wenn nötig, Signale jenseits wissenschaftlicher Erkenntnisse und weiß sie zu deuten. Betritt der Kandidat zuerst mit dem linken Fuß sein Büro, obwohl er Rechtshänder ist, hat er schon verloren. Schlecht sind auch blaue Augen, wenn der Chef grüne hat (das beißt sich), braune wiederum gehen in diesem Fall. Wichtig auch zu beobachten, wie beider Körpersprachen aufeinander eingehen, harmonisch-synchron oder disharmonischüberkreuz. Hedewecht beschäftigt sich zudem intensiv mit den Vorgeschichten von Chef und Kandidat, dem Vorleben, den Hobbys, den Leidenschaften, Fehltritten und Triumphen. Wenn er einen Kandidaten abschlägig bewertet, begründet er dies dem Kunden gegenüber selbstverständlich stets mit „objektiven Fakten“ (und dazu zählt nicht die Augenfarbe oder das Hobby). Aber schließlich muss er das Risiko schultern, da kann es schon mal sein, dass ein geeigneter Kandidat zu Unrecht abgelehnt wird, Hedewecht muss auf Nummer sicher gehen, und Nummer sicher heißt im Zweifel auch die richtige Augenfarbe. Er hat das so im Gefühl, und mit seinem Gefühl ist er stets gut gefahren.
Eins ist auf jeden Fall klar: ein Holger Hedewecht macht keine Kompromisse! Wenn er der Auffassung ist, es funktioniert nicht mit dem Kandidaten, dann lässt er sich von dieser Meinung nicht mehr abbringen. Er hat seine geschäftsethischen Prinzipien – und zudem wenig Lust, wegen einer Fehlbesetzung zur Kasse gebeten zu werden.
Die meisten seiner Kunden sind inhabergeführte, familiär geprägte Klein- und Mittelstandsunternehmen traditioneller Industrien. Diese Firmen haben bekanntermaßen ein Nachfolgeproblem in den nächsten Jahren, das hat Holger Hedewecht als Marktlücke erkannt. Da wird es in der Kasse klingeln, da rollt der Rubel. Und bekanntermaßen ist es meist die Chemie zwischen Besitzer und potenziellem Nachfolger, woran vielversprechende Nachfolgen bei inhabergeführten Unternehmen scheitern. „Wer mit dem Alten nicht kann, der hat schon verloren.“ Ein Satz, den Hedewecht sehr oft von intimen Kennern der Szene hört.
