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Zweiter Band der Cavendish Trilogie. Nach Band I, Reitkunst, Rache und der Duft von Minze, geht es nun weiter: 1648: Alte Feinde, neue Ränke, ein getriebener Mörder und die ewige Faszination barocker Reitkunst Eine infame Erpressung, eine Mordanklage, eine Verschwörung: ob in Paris oder Antwerpen; weder in der Reitkunst noch in der Liebe läuft es für Lucas wie erhofft. Während sein Mentor Cavendish im Exil ein luxuriöses Leben auf Pump genießt, schlägt sich Lucas als Reitknecht durch. Nur seine Stute Principita ist ihm geblieben. Fast zu spät erkennt er, dass er nicht tatenlos auf bessere Zeiten hoffen kann. Er macht sich auf den Weg nach England, obwohl er um die Risiken weiß, die dort auf ihn warten. Auch Ædre muss sich für ihre neue Liebe der Vergangenheit stellen. Doch alte Feinde spinnen neue Ränke und sind sogar noch gefährlicher geworden. Es wird eng für Ædre und Lucas, umso mehr, als in Antwerpen ein verzweifelter Mörder auf Ædre wartet. Und immer und überall singt die Amsel ihr Lied.
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Seitenzahl: 800
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Titelbild
PSL Hengst Magusto
Mehr über Magusto findet ihr hier:
https://www.sonja-weber-reitkunst.de/
Über mich
Ich habe Geschichte und Romanistik an der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster studiert. Seit 2006 bin ich selbstständige Reitlehrerin mit dem Schwerpunkt auf klassischer Dressur. Ich lebe mit Mitbewohnerin und insgesamt drei Hunden in einem Dörfchen im Taunus. Meine eigene Lusitanostute, die nicht unerhebliche Parallelen zu Principita aufweist, erklärt mir täglich die Reitkunst. Die Schriften der alten Reitmeister faszinieren mich seit meiner Studienzeit. 2023 erschien mein Debütroman „Tödliche Reitkunst“, ebenfalls bei BoD.
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Personenregister
Paris und Antwerpen
Lucas Fletcher, *1625
Ædre Blake, *1629
Cailin Blake, Ædres Sohn, *1645
Moritz Michaelson
William Cavendish, 1. Marquess of Newcastle *1593
Margaret Cavendish, seine zweite Ehefrau *1623
Charles Cavendish, Bruder von William, Gelehrter
Simon Chaworth, sein Gehilfe, Freund von Lucas
John Proctor, Leibdiener des Marquess
Henri Mazin, Master of Horses des Marquess
Jean de Seybourg, ein Sonntagsreiter
De Graaf, Pferdehändler
Merle, seine Tochter
Willem, Gestütsmeister
Vankrijker, ein Inspektor der Antwerpener Polizei
England
Matthew Fletcher, Lucas‘ Bruder, *1623
Olivia, seine Frau
Lizzy, gemeinsame Tochter *1648
Felicitas, Witwe von Lucas‘ ältestem Bruder Marcus
Johnny, ihr Sohn *1638
Mary-Ann, ihre Tochter *1639
Niclas, ihr Sohn *1642
Georgina, Mutter von Felicitas
Stanley Emberton, Baron of Thorsby
John Pearson, Captain der New-Model-Army
Harold Blake, Ædres Ehemann in England
Marjorie, Harolds zweite Ehefrau
Nanette Bedford, Harolds Schwester
Mistress Blake, Harolds Mutter
Was zuvor geschah
Mit zwölf Jahren wird Lucas, Sohn des Yeoman Fletcher, in den Dienst William Cavendishs, Earl of Newcastle, geschickt. Sobald Lucas in Welbeck Abbey, dem Stammsitz der Cavendishs ankommt wird er mit einer alten Fehde konfrontiert, die vor seiner Geburt begann. Stanley Emberton, einige Jahre älter als Lucas, ist ebenfalls Zögling im Haushalt des Earls. Sein Vater, Baron of Thorsby, verlor durch Schulden sein Land an den Yeoman. Da er die Schmach des Bankrotts nicht ertragen konnte, erschoss er sich. Diese Erinnerung Stanleys, wie er am selben Tag Vater, Zuhause und Besitz verlor, begründet seinen tiefen Groll gegen alle Fletchers.
Lucas, fasziniert von Kultur und Prunk im Haushalt des Earls, begeistert sich besonders für die von Newcastle ausgeübte Reitkunst. Cavendish erkennt das Talent des Jungen, und ordnet an, den Jungen neben seinen Pflichten als Page und Gehilfe des Privatsekretärs, auch in der Kunst des Manège-Reitens zu unterrichten. Lucas findet unter den Pagen ein paar gute Freunde – aber auch weitere Feinde.
Während er sich in sein neues Leben einfindet, wird eine Zofe der Countess ermordet. Die Suche nach dem Mörder bleibt zunächst erfolglos, wenn auch ein Verdacht auf Stanley fällt.
Außerhalb von Welbeck Abbey braut sich der englische Bürgerkrieg zusammen. Charles I hat das ausgeprägte Talent, durch ungeschicktes Taktieren Parlament, Bürger und Adelige gleichermaßen gegen sich aufzubringen. William Cavendish gehört dennoch zu seinen loyalsten Anhängern und verfolgt ehrgeizige Pläne, die ihn an die Spitze des Hochadels befördern sollen. Als Charles Neffe, Prince Rupert von der Pfalz, eine Stippvisite in den Midlands plant, lädt Cavendish ihn zu einem mehrtägigen Spektakel auf seine Burg Bolsover Castle ein.
Zu Ruperts Gefolge gehört das neunjährige Waisenmädchen Ædre. Seit frühester Jugend wurde Ædre als Mündel mit Mitgift wie ein Gepäckstück von einem königlichen Hof zum nächsten gereicht. Ædre hat gelernt, für sich selbst zu sorgen und ihre Liebe auf Hunde übertragen, namentlich Ruperts junge Dogge Hannibal. Sie purzelt mit dem riesigen Hund in den prunkvollen Empfang vor Bolsover Castle, wo Lucas sie zum ersten Mal sieht. Kurz darauf geraten Ædre und Lucas in Lebensgefahr, weil sie ein Komplott vereiteln, welches das prächtige Fest stören soll. In dem entstehenden Chaos kommt es zu einem zweiten Mord, diesmal in den Privatgemächern der Familie des Earls. Die Zofe seiner ältesten Tochter liegt ermordet in ihrem Bett. Stanley Emberton wird als Mörder überführt und eingesperrt. Seine Verurteilung zum Tode scheint sicher. Doch Lucas und seine Freunde finden heraus, dass der wahre Mörder ein anderer Page war, und bringen ihn in einer nächtlichen Aktion zur Strecke. Dennoch wird Stanley unehrenhaft aus Cavendishs Haushalt entlassen. Beim Abschied schwört er Lucas: „Wir begegnen uns wieder. Und dann werden es die Fletchers sein, die heimat- und mittellos, ohne Ehre und Zukunft davongejagt werden.“
Im zweiten Teil entrollt sich der Englische Bürgerkrieg. Lucas kehrt, nun 17 Jahre alt und als Kurier in Cavendishs Dienst, auf den väterlichen Hof zurück. Er wirbt dort Männer für Newcastle an, da dieser, nun Marquess und General für Charles I, eine Armee versammelt. Lucas kann seinem ältesten Bruder den heiß ersehnten Titel als Baronet anbieten, sofern dieser sich mit 20 Mann den Truppen der Royalisten anschließt. Kurz darauf ziehen sie alle in den Krieg.
Ædre, mitsamt der Dogge Hannibal von Prince Rupert zurückgelassen, steht inzwischen in den Diensten der resoluten englischen Königin, Henrietta Maria, und kümmert sich um deren Schoßhunde. Unwillentlich beleidigt sie dabei eine andere Hofdame, Nanette Bedford, und zieht sich ihre Feindschaft zu. Die sinnt auf Rache. Um Ædres Mitgift, die aus dem profitablen Landgut Churn Oaks besteht, habhaft zu werden, entführt sie Ædre und verheiratet sie unter Zwang mit ihrem Bruder Harold, einem verantwortungs- und mittellosen Gentleman. Unerwartet entwickeln Harold und Ædre Zuneigung zueinander – und so ist Ædre bald von Harold schwanger. Als dieser wieder in den Krieg ziehen muss, sinnt Lady Bedford darauf, Ædre loszuwerden. Sie hetzt Freunde Harolds auf, die ungeliebte Schwägerin zu belästigen. In einem Handgemenge wird Ædres geliebter Hannibal erschossen und sie ersticht einen ihrer Angreifer. Um dem Galgen zu entgehen, muss Ædre fliehen.
Im Sommer 1644 kommt es zur Schlacht von Marston Moor. Sie wird zum Desaster für die Royalisten. Lucas erlebt diese Schlacht in namenlosem Entsetzen, entkommt an Cavendishs Seite mit knapper Not, und erfährt anschließend, dass sowohl sein Bruder Marcus als auch die 20 Mann der Fletchers zu den 4000 Gefallenen gehören. Während Cavendish die Flucht zum Kontinent antritt, schlägt sich Lucas, verwundet, fiebrig und kaum bei Sinnen nach Hause durch, um seinem Vater die Nachricht vom Tod seines ältesten Sohns zu überbringen. Doch die Niederlage eilt ihm voraus: unter parlamentarischer Flagge ergreift Stanley Emberton die Gelegenheit, sich endlich das Gut der Fletchers unter den Nagel zu reißen, und macht seinen Schwur wahr, die Fletchers zu vertreiben. Im Handgemenge wird der alte Fletcher erschossen und Lucas gelingt es gerade noch, freien Abzug für sich und die verbleibenden Fletchers auszuhandeln. In Gedenken an Welbeck Abbey gewährt Stanley den Wunsch und bewahrt damit eine gewisse Ehre. Gemeinsam mit seinem zweiten Bruder Matthew macht sich Lucas auf den Weg zur Küste und ins Exil nach Frankreich.
Kurz vor der Überfahrt trifft er Ædre, die England gleichfalls verlassen muss. Während sich Mat in letzter Sekunde entschließt, doch nicht mit zum Kontinent zu kommen, segeln Lucas und Ædre gemeinsam nach Frankreich, einer ungewissen Zukunft entgegen.
Über das Buch
Personenregister
Was zuvor geschah
Teil III
1 Ædres Schatten
2 Promenade
3 Ein Brief
4 Teure Liebe
5 Im Park
6 Adieu Paris
Teil IV
7 Ein Prozess
8 Heimweg
9 Kultiviertes Exil
10 Böse Erinnerungen
11 Liebe und Pflicht
12 Familie, Freunde und Feinde
13 Genug ist genug
14 Mütter
15 Reisepläne
16 Schatten
17 Tiefpunkt
18 Anklage
19 Allein
20 Vankrijker
Teil V
21 Heimliche Rückkehr
22 Auf dem Weg
23 Turbulenter Empfang
24 Alte Feinde
25 Liebe und Hass
26 Zu allem fähig
27 In seiner Hand
28 Loslassen ist nicht aufgeben
Epilog
Noch ein Wort an meine Leser
Weitere Informationen
It is in Horsemanship as in other things: regularity is beautiful, while distortion and compulsion must be without grace. There is an elegance moreover in Horsemanship, which looks as if it was natural, tho it proceeds from art.
William Cavendish, Duke of Newcastle
1 Ædres Schatten
Paris, Ende März 1648
Ædre sah über ihre Schulter. War jemand hinter ihr? Mittags war für kurze Zeit die Frühlingssonne durchgebrochen und hatte sie vergessen lassen, dass es noch immer recht früh dunkel wurde. Jetzt zog Nebel von der Seine herauf und Wolken schoben sich vor den schnell dunkler werdenden Himmel. Die feuchte Kühle des Flusses stieg auf und ließ sie frösteln. Ædre überquerte den Pont Neuf mit schnellen Schritten und lauschte angestrengt. Jemand verfolgte sie, da war sie sich sicher. Schon kurz nach Verlassen des Louvre war sie da gewesen: eine schattenhafte Gestalt, ein unbestimmter Schemen, der so offensichtlich nicht gesehen werden wollte, dass er kaum zu übersehen war. Doch immer, wenn Ædre nach ihm Ausschau hielt, war die Gestalt verschwunden. Bis eben hatte sie sich eingeredet, dass in Paris immer irgendjemand hinter einem ging. Und davor und daneben und in allen Lücken dazwischen. In dieser Stadt wimmelten die Menschen so geschäftig wie Maden in einem fauligen Stück Fleisch. Aber eine dieser Maden wimmelte nicht wie die anderen, sondern schien Ædre gezielt zu folgen. Immerhin herrschte hier am Quais de Conti so viel Betrieb, dass dies schon wieder eine gewisse Sicherheit versprach. Niemand würde sie zwischen all den Menschen angreifen, oder?
„Der toten Zofe, die letzte Woche keinen Steinwurf vom Louvre entfernt aufgefunden wurde, haben all die Menschen auch nichts genützt“, verspottete sie sich selbst. Wieder ein Blick über ihre Schulter. War da ein dunkler Mantel hinter der Bude eines Brennholzverkäufers verschwunden? Kurz überlegte die junge Frau, sich umzudrehen und nachzusehen. Aber sie verwarf es wieder. Stattdessen überquerte sie die breite Straße, die parallel der Seine verlief und versuchte, mit den Schatten der hohen Häuserfassaden zu verschmelzen. Gleich würde sie in das Gassengewirr des Quartier Latin eintauchen. Dort sollte ein Verfolger ruhig versuchen, an ihr dranzubleiben. Wenn sie nur selbst genau gewusst hätte, wohin sie gehen musste. Eine Kräuterheilerin namens Eloise, so hatte sie gehört, könnte die passende Medizin haben. Kurz schweiften Ædres Gedanken zu ihrem kleinen Patienten und der Szene im Louvre zwei Stunden zuvor. Der Leibarzt der Königin würde ja wohl nicht so weit gehen, ihr einen gedungenen Mörder auf den Hals zu hetzen, nur um sich für die Schmach zu rächen, von ihr ausgestochen worden zu sein? Zuzutrauen war es dem Mann, der eitler als ein Gockel und empfindlicher als eine Mimose war. Aber wie sollte er von ihren Plänen erfahren haben, heute noch zum Quartier Latin zu gehen? Einerlei, erkannte sie. Er musste ihre Pläne nicht kennen. Abpassen, dranbleiben, schnell vorgehen, das mochten die Anweisungen an seinen Mordbuben sein. Und wer eine solche Aktion für übertrieben hielt, kannte den Hofstaat der Königin mit all seinen Intrigen und Eifersüchteleien nicht. Ædre bog mehrfach ab und musste sich dann selbst einen Moment orientieren, um sich nicht völlig zu verlaufen. Sie müsse bis zur Stadtmauer hinter der Sorbonne gehen, hatte man ihr gesagt. Eine Gegend, in die sich eine junge Frau von Stand auch bei Tage nicht ohne männliche Begleitung wagen sollte, hieß es bei Hofe. An derlei hielt sich Ædre sowieso nie. Allerdings wünschte sie sich jedes Mal Hannibal, die riesige Dogge, zurück. Mit ihm an ihrer Seite hätte sich jeder Halunke zweimal überlegt, sich an ihr zu vergreifen. Aber Hannibal war tot. Beinahe vier Jahre waren es jetzt schon. Selbst wenn er nicht getötet worden wäre, würde die Dogge längst nicht mehr leben. Seine Rasse wurde nicht so alt. Ædre schluckte. Sie hatte das verspielte Riesentier mit den Schlabberlefzen mehr geliebt als je einen Menschen und noch immer vermisste sie ihn beinahe täglich.
Sie erreichte die Straßen der Buchdrucker, Binder und Schreiber, die die Sorbonne unmittelbar flankierten. Zu dem üblichen Straßenodeur aus Pferdemist, Nachttöpfen, Kohlerauch und ungewaschenen Leibern gesellten sich hier noch die bitteren Gerüche von Galläpfeln, Ruß, Leim und allem anderen, was zur Herstellung von Papier, Tinte und Bucheinbänden benötigt wurde. Aus einer Werkstatt quoll Ædre der bittersaure Geruch von Eisengallus so konzentriert entgegen, dass es sie würgte. Rasch hastete sie weiter. Hatte sie ihren Verfolger inzwischen abschütteln können?
Der letzte Rest dessen, was ein sonniger Märztag gewesen war, vertröpfelte in den Schatten zwischen den Häuserfassaden. Vor den Eingängen der besseren Häuser wurden Laternen oder Fackeln entzündet und Laternenträger gingen betuchten Passanten voraus, um ihnen heimzuleuchten. Doch das waren nur winzige Lichtinseln in der Dunkelheit, die sich zäh wie Teer auszubreiten schien. Ædre blickte zum hundertsten Mal über die Schulter. Jede Menge dunkler Gestalten um sie herum. Natürlich. Auch sie war eine dunkle Gestalt auf dieser Straße. Ihr blauer Mantel aus guter englischer Wolle, den ihr die Königin vergangenes Jahr geschenkt hatte, verlor in der Dunkelheit genauso seine Farbe, wie alles andere. Gut so. Ædre war nicht besser sichtbar als jeder, der sie verfolgen mochte. Wenn es denn überhaupt einen Verfolger gab und sie ihn sich nicht einbildete. Seit einiger Zeit fühlte sie sich ständig verfolgt. Und die tote englische Zofe letzte Woche trug nicht eben dazu bei, ihr Gemüt zu beruhigen.
„Cromwell schickt gedungene Mörder nach Paris, um uns, die wir treu zu Königin Henrietta Maria stehen, umzubringen“, wisperten die Hofdamen.
„Mazarin will uns vergraulen. Er hegt keine Sympathien für uns Engländer“, murmelten die Höflinge. Ædre hatte nur ganz heimlich die Augen gerollt, während sie eine Meute von Schoßhunden zurückbrachte. Es war die Königin selbst gewesen, die ihre Gedanken dazu laut und scharf aussprach: „Cromwell soll eigens einen Mörder über den Kanal schicken, um eine unbedeutende Zofe umzubringen? Das ist lächerlich!“
Dennoch, der Gedanke war geblieben und ausgerechnet jetzt wollte er sich in Ædres Gedanken einnisten. Es musste ja nicht gleich Cromwell sein, der dahintersteckte. Nur war bereits vor Weihnachten eine der weniger bedeutenden Hofdamen der Königin einfach verschwunden und Tage später tot aus der Seine gefischt worden. Ihr hatte man einen liederlichen Umgang nachgesagt, und dass sie dieses Schicksal selbst heraufbeschworen hätte. Doch als sich jemand erinnerte, dass ihr die Kehle auf dieselbe Weise durchgeschnitten worden war wie nun der armen Annabelle, setzte sich die Idee schnell fest, dass ein Mörder umginge, der es auf junge Frauen aus dem englischen Hofstaat abgesehen haben könnte.
„Wie soll man eine Kehle denn sonst durchschneiden?“, hatte Ædre zweifelnd gefragt. Das war die falsche Frage gewesen, wie so oft. Ædres Neigung, Dinge logisch zu hinterfragen, fand höchstens bei Margaret Lucas Anklang. Und die galt den übrigen Hofdamen als mindestens so verschroben wie Ædre, die Hundezofe der Königin. Außerdem weilte Margaret schon lange nicht mehr an Henrietta Marias Hof. Schließlich war aus der versponnenen Hofdame inzwischen die Marchioness of Newcastle geworden. Eine verrückte Geschichte, die so richtig zu Margaret passte, wie Ædre fand.
Diese Gedanken hatten Ædre inzwischen noch ein Stück weitergetragen. Es konnte nicht mehr weit sein bis zur Stadtmauer und sie hoffte, nun bald das richtige Haus zu finden. „Ihr könnt es nicht verfehlen“, hatte die Küchenmagd gesagt, die ihr den Hinweis gegeben hatte. „Es liegt genau gegenüber einem Haus mit roter Laterne. Also so ein Haus, Ihr wisst schon.“ Sie hatte gekichert. Ædre lächelte schwach in der Dunkelheit. Vermutlich hatte sie das Mädchen enttäuscht, indem sie kein wohlerzogenes Entsetzen über die Existenz von Bordellen gezeigt hatte. Wenn man Frauen so wenige Möglichkeiten ließ, ihr eigenes Geld zu verdienen, war dies ein ebenso ehrenwerter Beruf wie jeder andere. Und waren nicht die Männer, die diese Häuser aufsuchten, viel verwerflicher als die Mädchen, die…
Es war die tief eingebrannte Erinnerung an einen früheren Überfall, der Ædre veranlasste, sich seitlich wegzuducken, ehe der Schlag sie dort traf, wo ihr Angreifer es geplant hatte: am Kopf. So streifte der Knüppel nur schmerzhaft ihre Schulter, richtete jedoch keinen echten Schaden an. Ædre schrie auf, wirbelte herum, mehr zum Angriff als zur Flucht bereit. Mit einer oft geübten Bewegung zog sie ein erstaunlich langes Messer aus ihrem Mieder.
„Hundsfotziger Mistkerl, ich schneide dir die Eier ab, wenn du näher kommst!“, schrie sie, ohne genau sehen zu können, wer sie angriff. Warum war ausgerechnet diese Gasse jetzt völlig leer? Aus einem Haus zehn Yards weiter schien ein wenig Kerzenlicht durch ein Fenster nach draußen und auf der anderen Seite brannte ein Öllicht über einem Hauseingang. Doch das reichte bei weitem nicht aus, um ihren Angreifer zu erkennen. Mittelgroß, bärtig, kein Mantel, der seine Bewegungsfreiheit einschränkte. Gerade hob er den Knüppel wieder hoch.
„Ein Knüppel ist jeder Stichwaffe überlegen, wenn der, der ihn führt, damit umzugehen weiß“, hatte Lucas Fletcher ihr beigebracht. Besten Dank für diese Information, dachte Ædre flüchtig. Trotzdem hatte er ihr dieses Messer besorgt und ihr zudem beigebracht, wie sie am wirkungsvollsten damit umging. Also wich sie dem nächsten Schlag des Knüppels nicht nur geschickt aus, sondern führte in der Bewegung gleich einen tückischen Stoß mit dem Messer. Vom eigenen Schwung nach vorn gerissen, entblößte der Mann seine Deckung und Ædre stieß das Messer tief in den Oberarm. Er jaulte auf. Doch reichte das nicht, um ihn abzuwehren. Er schlug von unten mit dem Knüppel nach ihren Beinen, um sie zu Fall zu bringen. Gottlob schrieb die Mode den Damen einen Haufen Röcke vor, das Holz verhedderte sich darin und verlor seine Schlagkraft. Leider schränkten sie auch Ædres Bewegungsfreiheit erheblich ein. Zum tausendsten Mal wünschte sie sich, Hosen tragen zu dürfen wie Männer! Sie wich hastig einen Schritt zurück – und wurde von hinten von starken Armen umschlungen.
„Ha!“, machte eine Stimme, die unter anderen Umständen lächerlich kieksig geklungen hätte, direkt neben ihrem Ohr und schickte eine stinkende Wolke Mundgeruch mit, der so übel war, dass er sogar Ædres Schreck für eine Sekunde überdeckte. Leider würde der Mann an seinen fauligen Zähnen nicht in genau dieser Minute verrecken. Eine Hand legte sich um ihre Kehle. Ædre drehte das Messer in ihrer Hand blitzschnell um, in der Absicht, nach hinten zuzustechen. Da traf sie der Knüppel am Unterarm und tausend Nägel schienen darin zu explodieren, als der Knochen brach und ihr das Messer aus der Hand fiel. Sie hätte vor Schmerz geschrien, aber jetzt nahm der Mann hinter ihr die zweite Hand dazu und begann, ihr unbarmherzig die Luft abzudrücken. Ædre blieb nicht einmal Zeit für Todesangst. Die Luftnot überdeckte den unsäglichen Schmerz in ihrem Arm. Bunte Punkte blitzten vor ihren Augen. Sie würde sterben, gleich und niemand mehr würde Dottie Medizin bringen. Und Cailin…
Dann erschlafften die dicken Finger um ihren Hals unvermittelt. Erneut streifte sie der faulige Atem. Diesmal begleitete er ein Röcheln, gleich darauf gefolgt von einem warmen Schwall, der Ædres Nacken übergoss und sich in Rinnsalen einen Weg über ihre Schlüsselbeine nach vorn und in ihr Mieder bahnte. Obwohl Ædre verzweifelt bemüht war, endlich Luft in ihre Lungen zu bekommen, und in die Knie sank, konnte sie nur daran denken, dass die Brüsseler Spitze am Ausschnitt ihres Kleides von dem Blut vollkommen ruiniert würde.
Das wenige Licht der Gasse ließ eine lange Klinge aufblitzen. Ein Schatten glitt an Ædre vorbei und führte einen Stoß gegen den Mann mit dem Knüppel. Der schien einen Moment unschlüssig zu sein, starrte auf die Stelle hinter Ædre, wo vermutlich jetzt ein Leichnam lag, schlug dann zu langsam nach der dürren Gestalt mit dem Rapier, schrie mehr zornig als jammervoll auf, als er den zweiten Stich dieses Abends kassierte und beschloss, sein Vorhaben aufzugeben. Gebückt rempelte er seinen Angreifer hart mit der Schulter an, brachte ihn zum Straucheln, trat nach ihm, was Ædres Retter einen Fluch entlockte, und wandte sich dann zur Flucht. Einen Wimpernschlag später verschluckte ihn die Dunkelheit – so vollständig, als hätte das Quartier Latin ihn einfach aufgesogen.
Noch bevor Ædre wieder all ihre Sinne sortiert hatte, kehrte der mörderische Schmerz ihres gebrochenen Arms in ihr Bewusstsein zurück. Unwillkürlich wimmerte sie – was in ihrer malträtierten Kehle schmerzte. Trotzdem schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass der Fluch, den ihr Retter ausgestoßen hatte, weder englisch noch französisch gewesen war. Vielmehr – böhmisch! Im Gefolge von Prince Rupert hatten sich Böhmen befunden, daher kannte sie die Sprache. Aber was sollte einer von denen… Unsinn! War er überhaupt ein Retter? Sie umklammerte ihren rechten Ellbogen, in der Hoffnung, den gebrochenen Knochen abstützen zu können, sodass er nicht bei der geringsten Bewegung brüllend schmerzte. So kam sie auf die Füße, keinesfalls geneigt, sich in Sicherheit zu wähnen. Gerade kam der zu Fall gebrachte Böhme wieder auf die Füße, die vor Blut triefende Klinge noch immer in der Hand. Ædre vibrierte vor Anspannung.
„Welch ungehobelter Kerl!“ Die schwache Wortwahl wirkte lächerlich angesichts der Situation. Diesmal sprach er Englisch und mit einer Stimme, die sich anhörte, als schabe Eisen über Stein. Die Worte klackerten seltsam einzeln einher. Ædre kannte Stimme und Sprechweise, obwohl sie einen weiteren Moment benötigte, bis sie sie zuordnen konnte.
„Moritz?“, fragte sie ungläubig.
„Zu Diensten, Madame Ædre“, erwiderte der Mann und man musste schon sehr genau hinhören, um Ironie darin zu entdecken. „Wir sollten so schnell wie möglich das Weite suchen. Es wäre zwar ein dummer Zufall, aber sollte doch ein besorgter Bürger oder, noch unwahrscheinlicher, ein Stadtwächter auftauchen, werden eine Menge Erklärungen wegen dem da,“ er tippte den getöteten Würger mit dem Stiefel an, „nötig sein. Ich nehme an, dass du darauf ebenso wenig Lust hast wie ich? Kannst du laufen?“ Er wollte hilfreich nach ihrer Hand greifen, aber sie schrie auf.
„Finger weg! Mein Arm ist gebrochen. Der Knüppel hat ihn getroffen“, erklärte sie atemlos.
„Oh verdammt! Wir haben jetzt keine Zeit, das hier zu schienen. Kannst du trotzdem laufen?“
„Natürlich. Ich laufe ja nicht auf den Händen!“, gab Ædre bissig zurück. Sie schaffte es, den Arm an ihren Leib zu drücken, wo das Mieder ihm ein wenig Halt gab. Ihr war schwummerig, das Schlucken tat weh, aber sie hatte in der Tat keinerlei Bedürfnis, an diesem finsteren Ort zu bleiben.
„Nicht da lang. Ich muss zur Stadtmauer“, presste sie hervor, als Moritz an der nächsten Kreuzung nach Nordwesten abbiegen wollte.
„Was? Jetzt immer noch?“
„Dafür bin ich schließlich hergekommen. Außerdem, wenn die Frau, zu der ich will, ihren Ruf zu Recht hat, kann sie mir vielleicht gleich den verflixten Arm schienen“, argumentierte Ædre. Das Licht einer Hauslaterne fiel auf Moritz. Sogleich schien das gewaltige Feuermal, das einen Großteil seines Gesichts bedeckte, geradezu aufzuflammen, aber Ædre nahm das kaum wahr.
„Und wer soll diese Frau sein?“, fragte Moritz nach kurzem Nachdenken.
„Ich wüsste zwar nicht, was dich das angeht, aber sie ist eine Kräuterfrau und Heilkundige“, gab Ædre mit einem Anflug ihrer üblichen Widerspenstigkeit zurück. „Ich war auf dem Weg zu ihr, um eine Medizin zu besorgen. Sie wurde mir empfohlen.“
„Eine Medizin? Ist dein Sohn krank?“, erkundigte sich Moritz. Es war ihm offensichtlich unbehaglich, hier zu stehen, und zu diskutieren, während keine 100 Yards hinter ihnen eine Leiche auf dem Pflaster lag.
„Nein, Cailin geht es gut. Es geht um den Lieblingshund der Königin. Du musst mich nicht begleiten. Danke für deine Hilfe.“ Der letzte Satz kam etwas lahm hinterher geholpert. Vor lauter zittriger Aufregung war sie bislang nicht dazu gekommen, ihm zu danken. Außerdem hasste Ædre es, wenn sie sich bei Männern bedanken musste, die ihr zu Hilfe gekommen waren.
„Also wohin?“, fragte Moritz, ohne auf den Hinweis einzugehen, sich zu verdrücken.
„Zur Stadtmauer. Neben einem Haus, das sich ‚Le Paradis Rouge‘ nennt.“
„Das rote Paradies? Ist es das, was ich vermute?“
„Ich kenne es nicht persönlich, aber ich schätze, ja“, erwiderte Ædre so schnippisch wie sie es in ihrem Zustand vermochte.
„Das wird zu finden sein.“
Der Abend war weit fortgeschritten, ehe sie sich auf den Rückweg machten. Alles hatte viel länger gedauert, als Ædre sich das vorgestellt hatte. Das Haus fanden sie schnell und zu ihrer Überraschung handelte es sich bei Eloise mitnichten um eine Art Hexe mit offenen Haaren und ebenso lockerem Mieder wie Moral, sondern um die ganz und gar ehrbar wirkende Witwe eines Apothekers. Sie betrieb das Geschäft ihres Mannes weiter, und hatte sich offensichtlich viele Kenntnisse der Heilkunst angeeignet. Ædre vermutete, dass die Mädchen aus dem Haus mit der roten Laterne gute Kundinnen bei ihr waren. Ædres Arm hatte sie fachkundig betastet, dann mit flinken Fingern eingerichtet und geschient, wobei sie sich keinen Deut um Ædres zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgestoßene Schmerzenslaute kümmerte, ihr jedoch auch nicht mehr Pein als nötig zufügte.
Moritz hatte die gesamte Zeit über gewartet, obwohl sie mehrfach versucht hatte, ihn wegzuschicken.
„Geh schon heim. Ich komme allein zurecht!“, hatte sie versucht, ihn loszuwerden, obwohl sie fast geschluchzt hätte vor Erschöpfung und Schmerzen.
„Du wartest und geleitest sie später nach Hause“, hatte ihm hingegen Eloise beschieden und die war keine Frau, der man so leicht Widerworte gab. Moritz hatte es erst gar nicht versucht, sondern unter seinem Feuermal und dem erheblichen Bartschatten schwach gegrinst. Ædre fühlte sich zu elend, um auf ihre Selbstständigkeit zu pochen. Inzwischen ging es ihr ein wenig besser und seit der Arm in einer Schlinge ruhte, schien der Schmerz fast eingeschlafen zu sein.
Eloise bot ihr nicht an, die Nacht in ihrem Haus zu verbringen und zudem drängte es Ædre, die Medizin zu Dottie, dem Schoßhund, zu bringen. Sie hoffte inständig, dass der kleine Hund über all den Verzögerungen überhaupt noch lebte, wenn sie zurückkehrte. Und dann war da ja auch noch Cailin. Nun, vermutlich war er zu den anderen Kindern ins Bett gesteckt worden, was ihr zwar morgen eine lange Tirade von Mistress Cunnings, der Kinderfrau eintragen würde, aber Cailin war Kummer dieser Art leider von klein auf gewöhnt. Ein Grund, der sie vor mehr als zwei Jahren dazu bewogen hatte, die ohnehin seltsame Wohngemeinschaft mit Lucas Fletcher aufzugeben und in den Palast zurückzukehren.
„Bist du wirklich in der Lage, den weiten Weg zum Louvre zurückzugehen?“, erkundigte sich Moritz höflich. Es fühlte sich erstaunlich gut an, neben ihm zu gehen. Er roch nach Kaminrauch, seinem Wollumhang und noch etwas. Zitronen? Oh nein, es war Bergamotte. In Kombination mit Sandelholz. Ædres Nase tat so etwas von ganz allein – böse Zungen sagten, ihre Fixierung auf Gerüche komme von allzu viel Umgang mit Hunden.
„Es bleibt mir nichts anderes übrig, oder?“, erwiderte sie, seltsam besänftigt von diesem ihr angenehmen Parfum.
„Wir könnten versuchen, eine Droschke aufzutreiben, sobald wir uns dem Quai nähern“, schlug Moritz vor.
„Zu teuer und außerdem lohnt es sich dann fast nicht mehr“, behauptete Ædre und versuchte, sich etwas gerader zu halten. Sie war recht groß für eine Frau und zudem nicht so zierlich, wie die meisten Männer sich eine zwanzigjährige Dame gewünscht hätten.
„Wie du meinst“, sagte Moritz friedfertig. Ædre warf ihm einen Seitenblick zu, als sie durch den Schein einer Torlaterne schritten. Nein, auch wenn man imstande war, über das gewaltige Feuermal hinwegzusehen, hatte Moritz wirklich kein hübsches Gesicht, sah man von den nussbraunen Augen einmal ab. Zu kantig das Kinn, zu groß die Nase, zu eckig die Wangenknochen und zu buschig die Brauen. „Im Grunde sieht er aus wie ein Gargoyle“, hatte Lucas einmal gespottet. Der konnte wirklich manchmal ein arroganter Mistkerl sein.
„Da kannst du von Glück sagen, dass der liebe Gott dich mit einem solch zierlichen Antlitz gesegnet hat, Lucas Fletcher“, hatte Ædre bissig zurückgegeben und Lucas an die knollige Nase gestupst, die alle Fletchers zierte. Lucas hatte nur gelacht. Denn manchmal konnte er auch einfach ein netter Kerl sein. Ædre hatte nie gewusst, welche dieser Eigenschaften sie bewogen hatte, ihn zu verlassen.
„Und da der Weg so weit ist, kannst du mir vielleicht erklären, wie du ausgerechnet zur rechten Zeit in der Gasse aufgetaucht bist, um einem Mann, der mich erwürgen wollte, die Kehle durchzuschneiden“, begann Ædre schließlich ein Gespräch. Sie merkte jetzt, wie müde sie war. Zu reden würde sie davor bewahren, im Gehen einzuschlafen, hoffte sie.
„Ganz einfach: Ich habe dich gesucht und zu diesem Zweck an dem Ausgang des Louvre auf dich gewartet, der der Wahrscheinlichste war.“
„Und wieso wusstest du, welcher das sein sollte?“, wollte Ædre einigermaßen verblüfft wissen. Der Louvre war riesig und besaß mehr Ausgänge als ein Kaninchenbau.
„Weil der Hofstaat der Königin in diesem Teil des Südflügels residiert“, gab Moritz auf seine trockene und präzise Art Auskunft, die ihm Sir Michael, sein früherer Brotgeber – und auch für einige Jahre der von Lucas – anerzogen haben mochte.
„Und woher weißt du, dass ich wieder dem Hofstaat der Königin angehöre?“, fragte Ædre misstrauisch weiter. Hungrig und frierend war Moritz im Januar 1645 in ihrer und Lucas‘ Wohnung aufgetaucht, nachdem er seine Anstellung bei den ebenfalls verarmten Cavendishs verloren hatte. Sie waren die einzigen, die er in Paris kannte, hatte er gesagt. Also hatten sie ihn hereingelassen, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt selbst kaum gewusst hatten, womit sie heizen oder was sie essen sollten. Ædre erinnerte sich mit Schauder an diesen ersten Winter in Paris. Sie war überzeugt gewesen, dass der kleine Cailin seinen ersten Geburtstag nicht erleben würde. Dazu kam, dass Lucas den ehemaligen Leibdiener des verstorbenen Sir Michael nicht leiden konnte – was auf herzlicher Gegenseitigkeit beruhte. Ihm die Tür zu weisen, kam dennoch nicht in Frage, wenn auch nur für wenige Tage. Ædre hatte damals schon gelernt, an dem entstellenden Feuermal vorbeizusehen und den Menschen dahinter wahrzunehmen – und ihn irgendwie zu mögen. So war es mehr als einmal vorgekommen, dass sie bei einem Streit zwischen den beiden jungen Männern eher die Partei von Moritz statt von Lucas ergriffen hatte. Meistens hatte sie sie allerdings alle beide zum Teufel und aus den beiden beengten Zimmern gejagt, die sie sich gerade so leisten konnten. „Wenn ihr euch streiten wollt, macht das draußen. Ihr ängstigt Cailin zu Tode und mir geht ihr auf die Nerven!“, hatte sie die beiden Streithähne angefaucht und buchstäblich mit dem Besen hinausgekehrt. Irgendwann waren sie später einzeln zurückgekommen, mit rot gefrorenen Nasen und schmalen Lippen, erneut bemüht, miteinander auszukommen. Es hatte nie lange gewährt – die beiden waren wie Feuer und Wasser. Eines Abends war Moritz dann einfach verschwunden, hatte jedoch Ædre am nächsten Tag eine Nachricht geschickt, dass er anderswo untergekommen sei. Danach hatten sie sich aus den Augen verloren.
„Ich höre viel und sehe viel“, beantwortete Moritz nun ihre letzte Frage und es klang nicht, als wolle er mehr dazu sagen.
„Und warum wolltest du mich finden?“
„Weil ich glaube, dass Männer nach dir suchen. Engländer. Sie treiben sich in Faubourg St. Germain herum, wo ich für einen Gentleman arbeite, und fragen nach einer jungen Frau, die einst Hofdame bei Henrietta Maria war und sich um die Hunde kümmerte. Sie erhielten sehr schnell Auskunft, fürchte ich. Da sie mir wenig vertrauenswürdig erschienen, hielt ich es für angebracht, dich zu warnen. So kam ich zum Louvre und wartete auf dich. Aber diese Gestalten waren bereits vor mir da. Sie folgten dir, ich folgte ihnen.“
Ædre versuchte, sich ihren Schrecken über diese Information nicht anmerken zu lassen. Ganz überraschend traf es sie allerdings nicht. Es war nicht das erste Mal, dass Engländer nach ihr suchten und sie hatte eine recht konkrete Idee, in wessen Auftrag das geschah. Doch die Hartnäckigkeit, mit der man sie auch nach vier Jahren noch verfolgte, war doch einigermaßen verstörend.
„Dann hast du dir allerdings ganz schön Zeit gelassen, bis du endlich eingegriffen hast. Warum hast du mich nicht bereits an der Seine gewarnt?“
„Du schätzt deine Unabhängigkeit. Und schließlich wusste ich nicht, was diese Leute von dir wollten. Es hätte ja sein können, du möchtest mit ihnen sprechen“, bog Moritz den Einwand ab. Darauf fiel Ædre nichts sein. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Ædre merkte zu spät, dass sie schwankte. Moritz nahm es trotz der Dunkelheit wahr und stützte sie eben so lange, wie es nötig war, um sie gleich darauf sofort wieder loszulassen.
„Du bist nicht in der Lage, bis zum Louvre zu laufen“, stellte er fest.
„Ich schaffe das schon!“, gab sie verbissen zurück. „Ich bin keine verweichlichte Hofdame.“
„Aber du bist verletzt und auch wenn du es nicht zugibst, erschüttert. Ich weiß, wie das ist. Zuerst geht es noch, aber irgendwann erschlägt einen die Erschöpfung wie ein Hammer. Sobald wir eine größere Straße erreichen, besorge ich eine Droschke.“
„Um diese Uhrzeit? Wohl kaum“, höhnte Ædre, aber es war nur der verzweifelte Versuch, nicht umzukippen, der sie so garstig reagieren ließ. Moritz ignorierte sie einfach. Und als er sie an der Hüfte umfasste und ihr so Halt gab, wehrte sie sich nicht. Dieser Bergamotteduft – sie mochte ihn.
Am Ende wusste sie nicht mehr, wie sie in die Droschke gekommen war. Einige Male schoss ihr der Schmerz durch den verletzten Arm, wenn der kaum gefederte zweirädrige Wagen in eins der tieferen Schlaglöcher rumpelte oder über Unrat hinwegpolterte. Sie sah die Fackeln, die den Pont Neuf säumten und ihren Wiederschein auf dem tintenschwarzen Wasser der Seine. Später musste sie zugeben, dass sie wohl nur noch halb bei Bewusstsein gewesen war zu diesem Zeitpunkt.
„Du musst aussteigen, Ædre. Ich fürchte, tragen kann ich dich nicht“, drang irgendwann die Stimme von Moritz an ihr Ohr.
„Was? Natürlich nicht, Dummkopf. Du bist viel zu schmächtig“, wollte sie ihn verspotten. Doch es kam nur eine Art Lallen heraus, dessen Inhalt dem entstellten Mann zum Glück verborgen blieb. Sie schaffte es mit seiner Hilfe aus der Droschke. Ein durchdringender Pfiff riss sie noch einmal in die Gegenwart.
„He da, Wachen. Das hier ist die persönliche Hundewärterin der Königin. Sie ist verletzt und bringt wichtige Medizin für den Lieblingshund Ihrer Majestät. Kommt und helft ihr!“, rief Moritz mit erstaunlich gebieterischer Stimme. Es funktionierte. Zwei starke königliche Wachen setzten Ædre auf ihre verschränkten Arme und trugen sie ohne viel Federlesens hinein. Moritz folgte ihnen, als gehöre er dazu.
Ædre hätte sich gern herausgewunden. Sie wollte nicht von Männern getragen werden. Niemals. Aber ihr normalerweise starker Körper ließ sie einfach im Stich. Das war doch lächerlich, wegen eines gebrochenen Arms so schwach wie ein Spatzenküken zu sein! Doch dieses Mal reichte ihr eiserner Wille nicht aus, um auf eigenen Füßen zu laufen.
Man brachte sie bis vor die Gemächer der Königin und dort wurde sie mit viel zu viel Aufhebens von einer Dame Henrietta Marias in Empfang genommen.
„Die Medizin in dem Fläschchen. Ich muss sie Dottie geben“, flüsterte Ædre und machte einen letzten schwachen Versuch, sich aufzurappeln.
„Das kann Ralph machen. Ich gebe ihm die Medizin und er wird sie dem Hund einflößen“, versicherte ihr eine Lady, die zu dieser Uhrzeit noch immer das Vorzimmer der Königin bewachte. Ædre kam nicht auf ihren Namen. Sie war jedenfalls eine der netteren.
„Gut, Ralph ist in Ordnung“, brachte Ædre noch heraus. Dann wurde ihr endgültig schwarz vor Augen.
Es dauerte nur bis zum nächsten Vormittag, bis sie wieder auf den Beinen war.
„Ich muss zu Cailin und ich muss mich um Dottie kümmern. Mir geht es gut“, wehrte sie alle Bemühungen ab, sie noch mindestens einen weiteren Tag im Bett zu halten.
„Aber mit einem Knochenbruch ist nicht zu spaßen. Er wird sich entzünden und Ihr werdet jämmerlich am Wundfieber sterben“, versuchte Lady Milford, die nette Hofdame des vergangenen Abends, sie zu überreden.
„Das glaube ich nicht. Dann hätte ich ihn schon. Vielen Dank, dass Ihr mir für diese Nacht Euer Bett zur Verfügung gestellt habt, Lady Milford. Das war sehr großzügig“, raffte Ædre alles an höfischen Manieren zusammen, was sie finden konnte, und schaffte es sogar, ein überzeugendes Lächeln dazu zu produzieren.
Zuerst ging sie zu den Hunden. Sie musste einfach wissen, wie es Dottie ging. Zu ihrer großen Freude kam sie gerade dazu, als Ralph, ein fünfzehnjähriger Junge, den sie selbst angelernt hatte, Dottie mit einer Fleischbrühe fütterte, die sie mit erfreulich großer Begeisterung wegschlabberte. Als die kleine Hündin dann noch Ædre erblickte, begann sie sogar mit dem Hintern zu wackeln und beglückt zu jaulen.
„Madame Ædre“, begrüßte Ralph sie wohlerzogen, wie es seine Art war. Der Sohn einer Hofdame und eines in Marston Moor gefallenen Gentlemans hatte ein glückliches Händchen für Hunde und vor allem war er nicht der Meinung, dass man einen Rohrstock benötige, um sie zu erziehen. Was ihn von allen anderen Bewerbern unterschieden hatte.
„Es geht ihr wirklich besser! So hat die Medizin geholfen, ja?“, fragte Ædre und kniete sich vorsichtig hin, um Dottie zu streicheln. Mit ihrem geschienten Arm war es nicht so einfach die zappelnde Dottie zu liebkosen, ohne dass die ihr schmerzhaft gegen die Verletzung stieß.
„Oh ja! Ich habe sie ihr gleich gestern Abend noch eingegeben. Sie war ein sehr braves Mädchen und hat sich alles gefallen lassen. Nach zwei Stunden hat sie einen riesigen Haufen sehr stinkenden schwarzen Kots abgesetzt und seitdem geht es ihr stetig besser“, berichtete der Junge ernsthaft, aber mit jenem Leuchten in den Augen, das ihn als wahren Hundeliebhaber auswies.
„Dann hat es sich ja gelohnt, dafür so weit zu laufen“, sagte Ædre glücklich. „Lass gut sein, Dottie. Du wirst im Nu wieder auf den Stummelbeinen sein und dann kannst du der Königin wieder mit schlammigen Pfoten auf den Schoß springen und ihr den Rock ruinieren. Sind alle anderen Hunde wohlauf? Warst du schon mit ihnen spazieren?“
„Beides ja. Und die Königin sagt, sie möchte auf keinen Fall, dass Ihr auch nur versucht, die Hunde auszuführen, ehe Euer Arm ganz verheilt ist. Ihr dürft mich anweisen, aber keine Leine selbst in die Hand nehmen. Und wenn ich nicht darauf achte, dass dies wirklich geschieht, wird sie mich dafür bestrafen. Auch das soll ich Euch ausrichten“, erklärte der Junge und versuchte dabei streng und von oben herab auf seine Lehrherrin zu blicken, die er heimlich vergötterte. Er hoffte, ihr in einigen Jahren die Ehe anbieten zu dürfen, was er jedoch nicht einmal unter der Folter zugegeben hätte.
„Ist das so? Die Königin kennt mich zu gut. Nun, wir werden sehen. Vielleicht ist es an der Zeit, dir mehr Verantwortung zu übertragen. Also, für heute lasse ich dir freie Hand, denn ich muss mich dringend um meinen Sohn kümmern. Dottie, hübsch brav sein, hörst du?“
Damit stand sie auf und bemühte sich, trotz der Armschlinge einigermaßen elegant hochzukommen. Ganz gelang es ihr wohl nicht, wie sie an Ralphs Miene sah, aber der Junge machte keine Anstalten, ihr zu helfen. Das hatte sie ihm gleich zu Anfang ausgetrieben.
Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, lehnte sie sich erst einmal gegen eine Wand. Es musste niemand wissen, aber sie fühlte sich noch immer wackelig auf den Beinen. Verflixt, Moritz hatte sie schwächlich wie einen Welpen gesehen! Ob er sich noch einmal blicken ließ? Sie konnte ihm schlecht nachlaufen. Und wozu auch?
Als sie sich wieder sicher auf den Füßen fühlte, schlug sie den Weg zur Kinderstube ein. Sie war nicht die einzige Frau des Hofstaats, die ein Kind ohne Familie großzog. Die außergewöhnliche Situation des Exilhofs hatte neue Herausforderungen mit sich gebracht. Henrietta Maria, selbst vielfache Mutter und ohnehin eine pragmatische Frau, hatte also kurzerhand eine allgemeine Kinderstube einrichten lassen. Eine Kinderfrau wachte über diesen Hort, unterstützt von einer Amme, sofern Säuglinge unter den Kleinen waren. Die Anzahl der gehüteten Kinder variierte, war aber selten geringer als fünf.
Ædre galt hier in Frankreich als blutjunge und somit bedauernswerte Witwe eines im Krieg gefallenen Gentlemans. Die ganze skandalöse Wahrheit kannte nur ihre alte Freundin Margaret Lucas und die würde es niemandem erzählen. Ein paar wussten um die pikante Geschichte von Ædres Entführung und Zwangsverheiratung – die Königin beispielsweise, die natürlich eine Erklärung für Ædres seinerzeit sehr abruptes Verschwinden vom Hof in Oxford verlangt hatte. „Meine Schätzchen waren ganz verloren ohne dich!“, hatte sie vorwurfsvoll gesagt, als Ædre in Frankreich erneut bei ihr vorgesprochen hatte, während besagte Schätzchen allesamt schwanzwedelnd und zum Teil laut kläffend an Ædres Röcken zerrten. Was Henrietta Maria milde gestimmt hatte, denn wenn die Hunde der Königin der Hundezofe verziehen, tat es die Königin auch.
Dass Ædre keine Ahnung hatte, ob ihr Ehemann noch lebte, behielt sie für sich. Er war auf Seiten der Parlamentarier in den Krieg gezogen, da war alles möglich. Aber hier war es weitaus praktischer, als Witwe zu gelten und ihren Sohn Cailin als bedauernswerten Halbwaisen auszugeben. Cailin. Ædre hatte so sehr gehofft, dass es ein Mädchen werden würde, dass sie anfangs kaum in der Lage gewesen war, den Jungen auch nur anzusehen. Doch für eine Amme war sie zu arm gewesen und einfach verhungern und erfrieren lassen konnte sie den kleinen Wurm doch nicht. Also hatte sie ihn gesäugt und an ihrem Leib gewärmt. Irgendwie und irgendwann hatte sich dabei die Liebe zu ihrem Kind eingeschlichen. Cailin. Lucas hatte sich einmischen wollen bei der Namensgebung. „Cailin, das ist doch schottisch!“, hatte er verständnislos und abwertend gemeint. „Wieso Cailin?“
„Einfach so. Der Klang gefällt mir“, hatte Ædre ihm beschieden und keinen Zweifel daran gelassen, dass er keinerlei Mitspracherecht hatte. Also Cailin.
Nach der ersten ärmlichen Zeit hatte sich Cailin mittlerweile zu einem recht stämmigen Dreijährigen entwickelt, der immer deutlicher erkennen ließ, dass ihn die Vaterschaft seiner Existenz nicht sonderlich interessierte, sondern er in allem nach seiner Mutter kam. Das betraf sowohl die braunen, leicht krausen Haare und grünbraunen Augen, als auch seinen bereits jetzt unabhängigen Geist und seine große Tierliebe. Mit großem Ernst hatte er letzte Woche mit einem großen Holzscheit aus dem Kaminkorb nach einem zwei Jahre älteren Mädchen geschlagen, das eine ins Kinderzimmer verirrte Maus quälte.
„Nicht quälen“, hatte er gewichtig erklärt. „Totmachen oder in Ruhe lassen! Totmachen musst du schnell. Und nicht zum Spaß. Du bist böse!“ Die Maus hatte die Gelegenheit genutzt und war stark angeschlagen entkommen. Genauso hatte er es seiner Mutter erzählt, als sie an dem Tag zu ihm kam – wobei er die Kinderfrau, die eine ganz andere Meinung über die blutig geschlagene Nase der kleinen Tierquälerin gehabt hatte, böse anblitzte.
„Er hat ein Mädchen geschlagen!“, berichtete diese empört. Dafür hatte Cailin den gesamten Tag kein Essen erhalten, aber er weinte nicht, sondern schmiegte sich nun an die Röcke seiner Mutter, in der absoluten Gewissheit, dass sie in dieser Sache zu ihm stehen würde. Genauso kam es.
„Wenn Agatha ein Tier aus Spaß gequält hat, bin ich stolz auf Cailin, dass er eingeschritten ist, auch wenn er etwas über das Ziel hinausgeschossen sein mag. Komm, Cailin, wir besorgen dir jetzt etwas zu essen. Ich bin sicher, wir können von der Köchin Honigbrötchen bekommen!“ So hatte sich Ædre wieder einmal unbeliebt gemacht – aber es war ihr egal. Sie stärkte Cailin den Rücken und war stolz auf ihn.
„Mama!“ Der Ruf des kleinen Jungen gellte durch das ganze Kinderzimmer, kaum war er seiner Mutter ansichtig geworden. Er ließ stehen und liegen, was er gerade in der Hand hatte, und rannte mit der Wucht einer kleinen Kanonenkugel auf sie zu.
„Langsam, Cailin! Langsam!“, wehrte Ædre ihren stürmischen Sohn ab und drehte ihm die linke Seite zu, um ihren verletzten Arm zu schützen. „Mama hat sich wehgetan.“
„Oh!“ Der kleine Junge bremste ebenso abrupt ab, wie er losgerannt war. Mit großen Augen bestaunte er die Armschlinge seiner Mutter. „Ist das sehr aua? Soll ich pusten?“
Cailins Bewegung hatte die Aufmerksamkeit aller anderen auf sie gezogen. Das zuerst ärgerliche Gesicht der Kinderfrau, die sicher nicht erbaut darüber gewesen war, Cailin ungeplant über Nacht bei sich behalten zu müssen, wandelte sich in eine übertrieben besorgte Miene.
„Großer Gott, was ist Euch widerfahren? Hat Euch etwa einer dieser Hunde gebissen? Das gibt einen Wundbrand und dann…“, hub sie zu lamentieren an.
„Nein, nein, natürlich hat mich kein Hund gebissen!“, unterbrach Ædre sie. Welch absurde Idee! Kein Hund biss nach ihr. „Ich habe mir den Arm gebrochen, als ich auf der Straße ausgerutscht bin“, schob sie eine Erklärung nach, die ihr einfacher erschien als die Wahrheit. Und um jeglichem Wehklagen sofort einen Riegel vorzuschieben, sagte sie hastig: „Ich nehme Cailin jetzt für ein Weilchen mit. Habt meinen Dank, dass Ihr Euch seit gestern um ihn gekümmert habt, Mistress Cunnings!“
„Moment, er muss seinen Umhang anziehen!“, rief die Kinderfrau hektisch. In der Tat war die Kinderstube stets gut geheizt – besser als fast alle anderen Räume dieses riesigen, düsteren Palasts und Ædre hätte im Grunde nichts dagegen gehabt, sich hier einfach in einer Ecke einzurollen und weiterzuschlafen. Doch Cailin war so begeistert von der Aussicht, Zeit mit seiner Mutter zu verbringen, dass daran nicht zu denken war.
„Mama, wo gehen wir hin?“, fragte der Junge, sobald sie aus der Kinderstube hinaus waren. Vertrauensvoll schob er seine Hand in ihre.
„Wir könnten einen Spaziergang in die Gärten unternehmen“, schlug Ædre vor. Gleich hinter dem Louvre lag der Tuilerien Palast und an diesen wiederum schlossen sich weite Gartenanlagen an, die sie auch häufig mit den Hunden zu besuchen pflegte. Für einen kleinen Jungen wie Cailin war es ein weiter Weg, aber er war kräftig. Ædre fand, dass die Kinder in Mistress Cunnings Obhut zwar gut umsorgt waren, jedoch viel zu selten an die frische Luft kamen und sich zu wenig bewegten. Die Mistress war der Meinung, dass die Miasmen der Stadt höchst gefährlich für Kleinkinder waren – außerdem bewegte sich die Dame, bei der man nie wusste, wo ihr Körper endete und die ausladenden Röcke anfingen, selbst nicht gern.
„Können wir die Pferde besuchen?“, fragte Cailin, kaum hatten sie den Tuilerien-Palast passiert. Die weiten Gartenanlagen erinnerten ihn offensichtlich an einen Ausflug im vergangenen Sommer. Ædre staunte, dass er sich daran erinnerte.
„Du weißt noch, wie Lucas uns abholte und du auf seiner Stute reiten durftest?“, fragte sie überrascht.
„Weißes Pferd“, sagte der Knirps sofort und strahlte. „Darf ich nochmal reiten, ja?“
„Oh weh, da hat Lucas ja was angestellt“, seufzte Ædre. Hatte dieser eine Ausflug hoch zu Ross gar einen Pferdenarren aus ihrem Sohn gemacht? Das konnte ja heiter werden.
„Die Manège liegt viel zu weit entfernt, um bis dorthin zu laufen, mein Schatz“, sagte sie. „Und ich weiß nicht, ob Lucas dort sein wird.“ Genau genommen wusste sie zurzeit herzlich wenig von Lucas, weil sie sich seit Monaten nicht gesehen hatten. Was nicht an Lucas lag, wie sie zugeben musste. Nach ihrem letzten heftigen Streit war es Ædre gewesen, die sich zurückgezogen hatte. Himmel, warum mussten sie und Lucas eigentlich immer streiten? Sie mochten einander, daran konnte es keinen Zweifel geben. Für kurze Zeit hatten sie beide gar geglaubt, sich zu lieben. Sie hatten das Bett geteilt – was nicht so gut gelaufen war. Ædre, durch ihre kurze Ehe bereits mit einiger Erfahrung ausgestattet, hatte feststellen müssen, dass Lucas noch ein grüner Junge war. Kein Problem, hätte er selbst das nicht so verkniffen gesehen. Wieso konnte ein Mann nie zugeben, wenn er bei etwas schlechter war als eine Frau? Da bildete Lucas Fletcher keinerlei Ausnahme. Erst im Nachhinein erkannte Ædre, dass Harold, ihr Ex- oder auch Noch-immer-Ehemann ein wirklich guter Liebhaber gewesen war. Mit Lucas hatte es ihr nicht halb so viel Spaß gemacht, auch wenn sie zugeben musste, dass er sich in dem halben Jahr mit ihr stark verbessert hatte.
Ja, sie mochte Lucas! Hatte ihn schon damals gemocht, soweit eine Achtjährige derlei wahrnahm. Vermutlich war es dumm gewesen, nicht mit ihm zusammenzubleiben. Er war ein anständiger Kerl und nicht allzu aufgeblasen. Er hatte in Cavendishs Haushalt genügend Schliff erhalten, um Bildung und gute Manieren zu erwerben. Gleichzeitig war er durch seine bäuerliche Herkunft nicht so übermanieriert wie all diese geschniegelten Höflinge, die vor lauter Affektiertheit kaum guten Morgen sagen konnten, ohne zu lügen. Zudem hatte er Cailin vom ersten Moment an von Herzen geliebt und hätte ihn, ohne zu zögern, auch als seinen eigenen Sohn angenommen. Es gab wahrhaftig einen Riesenhaufen schlechterer Männer als ihn. Trotzdem war Ædre aus der Beziehung ausgebrochen.
„Nur weil es uns auf dasselbe Schiff verschlagen hat, bedeutet das doch nicht, dass wir heiraten müssen“, hatte sie am Ende des hitzigen Streits, der zu ihrem Auszug geführt hatte, frustriert aufbegehrt. Heiraten! Immer wieder war er damit angekommen. „Lass uns heiraten. Dein Mann ist tot und außerdem kann solch eine Zwangsehe gar nicht gültig sein. So ist das doch kein Zustand!“, hatte er immer wieder gedrängt.
„Wenn er nicht tot ist, bin ich eine Bigamistin und vor Gott verdammt. Die Ehe wurde vollzogen, wie du leicht an Cailin erkennen kannst, also ist sie auch gültig. Ich werde dich nicht heiraten, Lucas Fletcher. Dich nicht und keinen anderen!“
Manchmal hatte sie das in den letzten zwei Jahren bereut. In einem königlichen Palast war man selten allein – aber oft einsam. Nicht einmal Margaret war noch unter den Hofdamen. So skurril und unfreiwillig komisch Margaret auch oft gewesen war, so hatten sich die beiden Außenseiterinnen damals in Oxford angefreundet. Aber Margaret Lucas hieß nun Lady Margaret, Marchioness of Newcastle. Es war fast unglaublich, dass sie ausgerechnet William Cavendish, Marquess of Newcastle und somit Lucas‘ früheren Dienstherrn geheiratet hatte. Der Mann war so viel älter als sie, so viel aristokratischer, so vollkommen anders.
„Er ist der kultivierteste, klügste, stattlichste, gütigste und vollkommenste Mann, den ich je traf“, hatte Margaret ihr jedoch untypisch entschieden mitgeteilt, als sie sich noch vor ihrer Hochzeit einmal trafen und Ædre vorsichtig ihre Bedenken geäußert hatte. Kurz: Margaret war von Kopf bis Fuß, mit Haut und Haaren verliebt gewesen und war es noch. So wenig Ædre die Wahl ihrer Freundin verstehen konnte – ein bisschen beneidete sie sie darum. Nicht, weil die jetzt eine Marchioness war. Ihr Mann hatte sein ganzes Vermögen an die Parlamentarier verloren und lebte hier in Frankreich in geradezu schamloser Weise auf Dauerpump. Nein, sie beneidete sie darum, mit solcher Gewissheit zu lieben! Niemals hätte sie so sein wollen wie Margaret – selbst Margaret hätte vermutlich bisweilen gern darauf verzichtet, Margaret zu sein, so konfus, schüchtern, sprunghaft und versponnen wie sie war. Ædre hatte niemals Träumereien nachgehangen, denn ihr gesamtes Leben war von früher Kindheit an zu oft auf den Kopf gestellt worden, ohne dass sich je jemand für ihre Wünsche oder gar Träume interessiert hätte. Nein, Ædre lebte einen Tag nach dem anderen und das hatte sich stets bewährt. Nur ganz kurz in Churn Oaks hatte sie von einem Zuhause geträumt, wo sie Hunde züchten, einen Garten bestellen, Kinder großziehen und vielleicht sogar an der Seite eines Mannes glücklich werden könnte. Aber Träume mochten für andere taugen, nicht für Ædre und man sah ja, was daraus geworden war: nichts.
„Mama, Pferde!“, quengelte Cailin, womit er sie in die Gegenwart holte. Er zog probeweise an ihrer gesunden Hand.
„Das ist zu weit, Cailin. Du würdest auf der Hälfte des Weges müde werden und nicht mehr laufen wollen. Ich kann dich aber nicht tragen, weil mein Arm gebrochen ist. Darum nein, wir gehen nicht bis zur Manège“, erklärte Ædre ihrem Sohn. „Sieh mal, dort drüben tummelt jemand ein Pferd. Wollen wir dorthin gehen und zuschauen?“, beugte sie einem Trotzanfall ihres Sohns vor und deutete auf einen Reiter, der sich mit einem gescheckten Pferd vor einer Gruppe Damen produzierte. Beim Näherkommen erkannte Ædre allerdings, dass der Kerl recht grob an der Kandare zerrte und auch die Sporen allzu übermäßig einsetzte.
„Weißt du was, Cailin, lass uns umkehren. Ich hatte dir doch versprochen, dir Honigbrot zu besorgen. Was meinst du?“, hielt sie ihrem Sohn nun einen anderen Köder vor. Auch in dieser Beziehung kam der Junge ganz nach ihr: Etwas zu essen, vor allem Süßem, konnte er nie widerstehen. Nebenbei, sie hatte selbst Hunger.
Dunkle Augen beobachteten Ædre und ihren kleinen Sohn. Ein geschickt mit der Umgebung verschmelzender Schemen folgte ihr den gesamten Weg zurück, bis sie in einem der zahlreichen bewachten Eingänge des Louvre verschwand.
Moritz entspannte sich seufzend. Ein überraschend zarter Lufthauch streifte sein Ohr und er hob das Gesicht dem Himmel entgegen, um mehr davon einzufangen. Er schloss die Augen, um die Blicke, die ihn trafen nicht sehen zu müssen. Doch er hörte das Zögern in den Schritten der Menschen. Längst müsste er daran gewöhnt sein. Nur gewöhnte man sich an manche Dinge niemals. So gesehen mochte er den Winter, wenn alle Welt den Kopf mit Schals und Kapuzen verhüllte und er sein Feuermal vor der Welt verbergen konnte. Dann war er nur eine vermummte Gestalt unter vielen und niemandem stockte der Schritt, wenn er ihm begegnete. Mit der lauen Frühlingsluft musste er sich erneut den Gaffern stellen. Ædre hatte ihn nie angegafft. Ædre schien das Feuermal überhaupt nicht zu sehen, sondern tatsächlich ihn, Moritz. Bloß ob das so gut war? Was, wenn sie sein wahres Selbst erkannte? Oder hatte sie das bereits? So lange war er ihr gestern auf den Fersen geblieben! Und nicht zum ersten Mal. Es hatte ihn verzückt, sie so lange verfolgen zu können und auszuprobieren, wie nah er ihr kommen konnte, ohne dass sie ihn bemerkte. Er lächelte reuig. Sie hatte ihn bemerkt! Das war genau zu sehen gewesen. Wie sie sich immer wieder umgeschaut hatte. Nebengassen genommen hatte, um ihrem Verfolger zu entwischen. Es war eine köstliche Hatz gewesen. Bis er diese anderen Kerle entdeckt hatte, die Ædre ebenfalls folgten. Wie konnten sie es wagen? Ædre war seine Beute. Niemand durfte ihr nachsetzen, geschweige denn sie anrühren. Sie gehörte ihm. Er begehrte sie.
Zuerst war sie nur irgendeine Frau gewesen, die sich mit Lucas Fletcher eingelassen hatte – den er nicht leiden konnte, weil der ihm die Gunst Sir Michaels gestohlen hatte, damals in Welbeck. Aber weil er nach dem Verlust seiner Stellung bei den Cavendishs haltlos in der fremden Stadt gewesen war, war er Lucas gefolgt, als er ihn eines Tages zufällig auf der Straße gesehen hatte. Dann hatte er Ædre gesehen – und sie gehörte zu jener Art Frauen, die ihn anzogen. Er musste mehr über sie erfahren, darum hatte er Not vorgetäuscht, um sich bei den beiden einzuschleichen. Und sie auseinander zu bringen. Er merkte schnell, dass es wenig brauchte, sie zum Streiten zu bringen. Ließ sich Lucas dabei zu gehässigen Bemerkungen über Moritz hinreißen, hatte Ædre Moritz häufig in Schutz genommen und seine Partei ergriffen.
Und nie hatte sie an ihm vorbeigesehen, sich angeekelt abgewendet oder war wegen des Feuermals verlegen gewesen. Sie wies ihn nicht zurück – aber er konnte ihr auch nicht sein Verlangen gestehen. Also hatte er die Wohnung der beiden wieder verlassen, denn er wusste nicht, wie er weitermachen sollte. Es war anders als mit den anderen Frauen. Er bekam sie nicht aus dem Kopf.
Und nun hatte er Ædre zufällig am Louvre wiedergesehen und seitdem folgte er ihr. Sie gehörte ihm. Auf die eine oder andere Weise. Bislang hatte sie das eine entscheidende Zeichen nicht gegeben.
2 Promenade
Paris, Juni 1648
„Ich wünschte, Ihr würdet mir ein einziges Mal erlauben, Eure wunderschöne Principita zu reiten. Kann ich Euch wirklich mit nichts ködern, Monsieur Fletcher? Einem Louis d’Or, vielleicht?“, schnurrte die blondgelockte Madame, die auf einem hübschen, wenngleich neben Principita zugegebenermaßen etwas gewöhnlichen braunen Wallach neben Lucas über die baumgesäumte Avenue ritt. Hier zeigten sich um diese Uhrzeit zu Pferd und in offenen Kaleschen alle, die zur feinen Gesellschaft von Paris gehörten oder zumindest den Anschein zu erwecken hofften. Seine beiden Begleiterinnen gehörten zur letzteren Kategorie – andernfalls hätten sie nicht auf Pferde und den Reitknecht eines Mietstalls zurückgreifen müssen. Immerhin, die Écurie Guignard war eine gehobene Écurie, die genau auf jene Klientel zugeschnitten war: Zu gewöhnlich, um sich eine eigene Equipage zu halten, aber reich genug, um sich in der Gesellschaft zu zeigen. Madame Tremblay und ihre gute Freundin, Madame Boisseau, die eine jung verwitwet, die andere mit einem Ehemann gesegnet, der offenbar selten in Paris weilte, gehörten genau zu jener Art Kundschaft. Und bei Guignard erhielten sie zu den Pferden noch einen gutaussehenden und mit seinem drolligen englischen Akzent amüsanten Reitknecht dazu, womit die Langeweile des Tages vorzüglich abgewehrt wurde, n’est ce pas?
„Ich sagte Euch doch bereits, dass sie nie für den Gabelsattel ausgebildet wurde und bisweilen etwas kapriziös sein kann, Madame“, führte Lucas dasselbe Argument an, mit dem er sich bereits zu früheren Gelegenheiten aus der Affäre gezogen hatte. Alle Damen warfen begehrliche Blicke auf Principita, doch Lucas dachte gar nicht daran, sie abzugeben. Als er bei Guignard angefangen hatte, war dies eine seiner beiden Bedingungen gewesen: Principita durfte im Stall wohnen, wurde jedoch niemals vermietet. Jaques Guignard, der Eigentümer, hatte erst eingewilligt, als Lucas trotz löchriger Stiefel und knurrendem Magen ernsthafte Anstalten gemacht hatte, wieder zu gehen. Guignard war ein guter Geschäftsmann und er hatte vor drei Jahren das Potenzial dieses jungen Engländers sofort erkannt: Er besaß die Manieren eines Adeligen, konnte ausmisten wie ein Knecht, ritt wie der Teufel und sah gut genug aus, um den weiblichen Teil seiner Kundschaft zufriedenzustellen. Zudem war er arm, hungrig und fremd in der Stadt, sodass er all die vorgenannten Qualitäten unterm Wert verkaufen musste. Also hatte der Mietstallbesitzer eingewilligt, um sich den jungen Exilanten zu sichern. Er hatte noch keinen Tag Grund gehabt, seine Entscheidung zu bereuen. Die Mesdames Tramblay und Boisseau waren die besten Beispiele, wie man sich mit einem solchen Reitknecht Kundinnen langfristig ergeben machte. Also wurde Principita stets gut versorgt und vom Verleih ausgespart, ausgenommen als Begleitpferd für Lucas selbst.
„Ich könnte es im Herrensitz versuchen. Es gibt Damen, die es tun“, klimperte Madame Tramblay ihn von der Seite an. Lucas lachte höflich.
„Das wäre sehr unschicklich, Madame, und würde von der Gesellschaft sicher nicht gut aufgenommen. Zudem schmeichelt das dunkle Kastanienbraun von Léandre vorzüglich dem Goldton Eures Haares, Madame.“ Guignard wäre wieder einmal entzückt gewesen. Wer hatte schon einen Reitknecht mit derartig vollendeten Manieren und dem Gespür, wann solche Komplimente angebracht waren? Lucas gingen sie inzwischen geläufig über die Lippen – was er erst hatte lernen müssen. Nun, auf Französisch fielen ihm Schmeicheleien und all die kleinen Lügen, die hier zum guten Ton gehörten, leichter als in seiner Muttersprache.
Wie erhofft lachte die Mittzwanzigerin entzückt, langte mit der rechten Hand hinüber und tätschelte kurz den Arm ihres stattlichen englischen Reitknechts, der durchaus den Neid auch höher gestellter Damen erweckte. Welch glückliches Arrangement!
„Seht nur diese prächtige Kutsche dort drüben! Kennt Ihr das Wappen?“, brachte sich nun auch Madame Boisseau ein, die fand, dass man die allzu vertrauliche Tändelei ihrer Freundin mit dem Engländer etwas zügeln sollte. Schon weil sie selbst bei ihm nicht hatte landen können, was ganz sicher nicht an mangelndem Engagement ihrerseits gelegen hatte. Doch der Kerl war hinter seiner wohlerzogenen Fassade so kalt und langweilig, wie man es Engländern nachsagte. Ein Jammer.
Ein auffällig großer Reisewagen, vor dem vier holsteinische Braune mit Blessen und weißen Stiefeln gemessen trabten, kam den Corso herunter. Die Beschläge auf den Geschirren blinkten in der Maisonne und das in Gold auf die Kutschenseiten gemalte Wappen stach glänzend hervor. Lucas erkannte dieses Wappen auf den ersten Blick!
„Sieh an, Cavendish scheint wieder einmal zu Geld gekommen zu sein“, murmelte er vor sich hin. Er wusste nie, ob er das Talent des Marquess zum Borgen mit Bewunderung oder kopfschüttelndem Missfallen betrachten sollte. Eine Mischung aus beidem traf es wohl. Nun also eine neue Kutsche.
„Welchen Namen nanntet Ihr gerade?“, erkundigte sich Madame Boisseau interessiert.
„Es handelt sich um das Wappen des Marquess of Newcastle“, erklärte Lucas nun so laut, dass die Damen ihn verstehen konnten.
„Oh, ein Landsmann von Euch?“ Die Damen wirkten sogleich angeregt und interessiert. Klatsch war die zweite Währung in Paris. Und die Immigranten rund um die englische Königin waren immer eine Geschichte wert.
„Ja. Er steht bei Königin Henrietta Maria in hoher Gunst.“ Die Kutsche war jetzt fast gleichauf mit ihnen und sie konnten deutlich erkennen, dass sie mit zwei Damen und zwei Herren besetzt war, die in ein eifriges Gespräch vertieft zu sein schienen.
„Und wisst Ihr zufällig auch, wer die Herrschaften darin sind?“, hakte Madame Tramblay sofort nach.
„Es handelt sich um Margaret Cavendish, Marchioness of Newcastle, die zweite Ehefrau Seiner Lordschaft, sowie um dessen Bruder Charles Cavendish, einen Gelehrten und Mathematiker. Die zweite Dame muss Ihrer Ladyschaft Zofe sein, nehme ich an. Bei dem jungen Mann handelt es sich um den Assistenten von Sir Charles“, gab Lucas bereitwillig Auskunft, wobei er bei der Vorstellung der letztgenannten Person unwillkürlich grinsen musste. Es war länger her, dass er seinen guten Freund Simon zuletzt gesehen hatte. Sein Freund aus Jugendtagen in Welbeck war sogar während der Fahrt in ein Buch oder dergleichen vertieft und sah ihn nicht. Er musste ihn unbedingt bald einmal treffen, damit sie über alte Zeiten und neue Nachrichten plaudern konnten. Gott im Himmel, er vermisste Simon!
„Oh, war die Dame nicht zuvor eine Lady der Königin? Stimmt es, dass sie bürgerlicher Herkunft ist?“, schnappte Madame Boisseau nach Informationsbröckchen wie eine Forelle nach den Fliegen.
