Rena und der Wikinger Schwur - Birgit Bestvater - E-Book

Rena und der Wikinger Schwur E-Book

Birgit Bestvater

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Beschreibung

Rena wohnt mit ihrer Mutter in einem kleinen verschlafenen Dorf und trägt immer – wirklich immer – einen großen Blecheimer bei sich. Da hinein brüllt sie ihre Wut – und wütend ist sie ziemlich oft.
Als ihre Klassenlehrerin darauf besteht, den scheinbar leeren Eimer im nahegelegen Waldtümpel auszuleeren, hält Rena das für totalen Quatsch. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Ihre Wut entfesselt eine magische Kraft und hebt einen tausend Jahre verschollenen Wikingerschild aus den Tiefen des Wassers.
Dieses unglaubliche Ereignis bleibt selbst Odin in Asgard nicht verborgen. Plötzlich steckt Rena mitten in einem Abenteuer, das sie in die Zeit der Wikinger führt und vor eine entscheidende Frage stellt: Wofür ist ihre Wut wirklich gut?

Ein mitreißender All-Age-Fantasy-Roman über Mut, Freundschaft und die Kraft der eigenen Gefühle
– voller nordischer Mythen, Magie und unvorhersehbarer Abenteuer.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2025

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periplaneta

Für Betti

und all die, die in alten Geschichten nach neuen Abenteuern suchen.

Sicherheitshinweise:

Lesen kann triggern, also an Dinge erinnern, die man vergessen hat und vielleicht gar nicht wissen will. Lesen bildet. Es kann die Sicht auf die Welt verändern, den Horizont erweitern und Dummheit, Einfalt und Leichtgläubigkeit stark beeinträchtigen. Weitere Hinweise zur GPSR und zum EU-Lieferkettengesetz finden Sie unter: periplaneta.com/gpsr-eu-lieferkettengesetz/

BIRGIT BESTVATER: „Rena und der Wikinger Schwur“ 1. Auflage, September 2025, Periplaneta Berlin, Edition Drachenfliege

© 2025 Periplaneta – Verlag und MedienInh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com – [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Das Buch ist als Klappenbroschur erschienen und als E-Book. Es gibt zudem eine limitierte Drachenmücke-Edition mit alternativem Cover und identischem Inhalt. Diese Version gibt es ausschließlich beim Verlag und bei der Autorin.

Lektorat, Cover und Bilder: Marion Alexa MüllerCover & Bilder: made with Adobe Firefly (AI) Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-95996-306-0epub ISBN: 978-3-95996-307-7

Birgit Bestvater

Rena und der Wikinger Schwur

periplaneta

Aufbruch aus Asgard

An jenem Morgen war Frigg früher als gewohnt in den Sumpfpalast zurückgekehrt. Ich machte mich wie immer sogleich daran, ihr Falkengewand mit einem Seidentuch zu säubern. Neugierig hob ich Feder um Feder, denn das, was sich darin verfangen hatte, erzählte mir über den nächtlichen Flug der Göttin. Asche verriet, dass sie in Muspellheim im Reich des Feuers und des Chaos unterwegs gewesen war. Glitzerten blaue Eiskristalle zwischen den Federn, hatte sie einen riskanten Flug nach Jötunheim über den Köpfen der Eisriesen gewagt. Steckten darin, so wie an diesem Morgen, winzige Zweige und Blätter, bedeutete dies, dass Odins Gemahlin die Menschen in Midgard besucht hatte.

Für gewöhnlich legte sich Frigg nach ihrer Ankunft sofort erschöpft in ihrem Bett nieder und wir Dienerinnen warteten ungeduldig darauf, dass sie erwachte, um uns von ihren Erlebnissen zu berichten.

An jenem Morgen aber, von dem ich hier erzähle, ließ ihr etwas keine Zeit, um sich auszuruhen. Sie trank nur einen Schluck aus dem Glas mit Morgentau zur Stärkung und sogleich befahl sie Gna, die Katzen vor ihre goldene Kutsche zu spannen. Als sie mich dann bat, neben ihr auf dem Kutschbock Platz zu nehmen, erstarrten die Gesichter der anderen Dienerinnen. Auch sie waren Frigg treu ergeben, und doch hatte keine von ihnen jemals an der Seite der Herrin von Asgard durch die Wolken fahren dürfen. Ihre spitzen Münder und missbilligenden Blicke waren nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, dass sie allesamt Göttinnen waren. Ich dagegen war nur eine gewöhnliche, auf dem Schlachtfeld bei Hafrsfjord gefallene Kriegerin, die es verstand, ein Falkenkleid sauberzuhalten.

Als ich meine Wikingerrüstung neben der Göttin auf dem Sitz liegen sah, wusste ich, dass ich den Sumpfpalast für immer verlassen würde. Frigg trug einen breiten Gurt mit Hunderten Schlüsseln um ihren Leib. Er verriet mir das Ziel der Reise und mein Herz machte einen Freudensprung. Midgard! Oh, wie sehr hatte ich mich nach der Welt der Menschen gesehnt. Ohne zu zögern, stieg ich in die Kutsche ein.

Die Katzen liefen im schnellen Galopp und schlugen ihre Krallen lautlos in die Wolken. An Zügeln, die um ihre Hälse gebunden waren, zogen sie anscheinend mühelos die Kutsche aus purem Gold. Das rhythmische Klirren der Schlüssel an Friggs Gürtel war das Einzige, das über Stunden an mein Ohr drang.

Vor einem kleinen roten Haus mit einem spitzen Dach kam die Kutsche in der Morgendämmerung zum Stehen. Frigg löste einen silbernen Schlüssel vom Bund und reichte ihn mir. „Hier ist dein neues Zuhause, Gunnhild.“

Zögernd nahm ich den Schlüssel. „Ich wage kaum, es zu hoffen. Doch bedeutet das …?“

Frigg nickte und in ihrem Blick lag eine große Erleichterung. „Als Edda einst in den Brunnen stürzte, riss ihr Schicksals­faden. Tausend Jahre suchte ich nach seinem verlorenen Ende, wie nach einer verwehten Spur im Schnee. Doch in dieser Nacht habe ich es gefunden. Nun kann ich den Faden neu verknüpfen und Edda ein neues Leben schenken. Sie wird heute in diesem Dorf geboren. Gib auf sie acht, damit sie nicht wieder in einen Brunnen fällt. Hab Geduld mit ihr, denn erst wenn ihre Wut so stark und wild wie die einer Wölfin ist, wird sie dir helfen können, Ulfrik zu befreien.“

Ich nickte stumm. Mit Kampfschild, Axt und Wolfspelz im Gepäck und einem abenteuerlichen Plan in meinem Kriegerinnenherzen trat ich ein in mein neues Zuhause.

Renas Wuteimer

Von klein auf hatte Rena Sommerschmied einen Eimer dabei. Das mag seltsam klingen, aber dieser Gegenstand in Renas Hand war für sie und für die Bewohner von Tümpelgrimm so gewöhnlich wie das Tragen einer Brille.

Gelegentlich kam es vor, dass sich jemand erkundigte, was es mit dem Eimer auf sich habe, und dann erklärte Rena es so: „Er ist wie ein Taschentuch. Nur dass ich nicht in den Eimer niese, sondern meine Wut hineinbrülle. Mein Körper sagt Achtung und dann fliegt alles Wütende aus ihm heraus. Danach fühle ich mich federleicht. Manchmal ein bisschen schwindelig. Wie nach einem kräftigen Nieser, der sich gewaschen hat.“

Renas erster Eimer war nicht größer als ein Buddeleimer gewesen. Zur Einschulung hatte sie sich dann einen größeren gewünscht. Als der Tag näher rückte, schlenderte sie im Supermarkt durch die Abteilung für Haushaltswaren. Ihre Mutter war für einen grünen Eimer gewesen, weil grün beruhigend für die Nerven sei. Rena hatte die Nase gerümpft und mit einem entschlossenen Zeigefinger auf einen roten Plastikeimer gedeutet. Über diesen Eimer freute sie sich mehr als über ihre Schultüte.

Die Einschulung lag nun genau sechs Jahre zurück. In dieser Zeit hatte sich Rena, abgesehen von dem schicksalhaften Tag, als der Staubsauger versehentlich den Hamster verschluckte, in ihrer Welt wohlgefühlt. Doch während der letzten Sommerferien hatte sie offenbar den Kurs „Wie werde ich in sechs Wochen cool“ verpasst – im Gegensatz zu allen anderen aus ihrer Klasse. Rena erinnerte sich noch genau, wie mies sie sich an diesem ersten Schultag nach den Ferien gefühlt hatte.

Klappi, ihre Klassenlehrerin, kommentierte die Veränderung mit den Worten: „Ihr seid sooo gewachsen!“ Ihr Blick wanderte über die Köpfe von Nika, Anna, Pia und der anderen Mädchen. Rena hätte schwören können, dass sie mindestens noch einen weiteren Zentimeter unter dem staunenden Blick der Lehrerin wuchsen. Sie hatten neue Rucksäcke mit Lämpchen, die im Dunkeln blinkten, und Frisuren wie die Achtklässler aus der Dorfschule am Marktplatz. Timo und Linus trugen ihr Cappy verkehrt herum und Pia verwendete sogar neue Wörter, von denen Rena keine Ahnung hatte, was sie bedeuteten.

Und dann stellte ihr die Lehrerin auch noch diesen Eimer hin. Er hatte einen Deckel, war aus stumpfen, grauen Metall und überdies viel zu groß. Kurz, er war so hässlich, dass Rena bei seinem Anblick die Tränen in die Augen stiegen.

„So einen hat meine Oma auch“, grölte Ole prompt los und grinste wie jemand, der das Beste vom Witz zurückhielt. Dann platzte er damit heraus: „Darin sammelt sie die Hühnerkacke!“

Die Klasse brach in lärmendes Gelächter aus und Rena bekam einen Wutanfall. Es war der lauteste und längste Wutanfall, den sie jemals hatte. So laut und lang, dass die Kinder Rena wie ein Wesen von einem anderen Stern anstarrten, als sie ihren Kopf aus dem Eimer hob. Der Ausdruck im Gesicht ihrer Lehrerin verriet Rena, dass ihr etwas Meisterhaftes gelungen sein musste. In der nächsten Sekunde schlug Klappi mit einem feierlichen Knall den Deckel auf den Eimer.

Und da konnte es Rena plötzlich im Inneren ihres Körpers spüren: Ihre Wut war gewachsen. Auch an ihr waren die Sommerferien also nicht spurlos vorbeigegangen. In den roten Plastikeimer hätte dieser Brüllbatzen nimmermehr reingepasst. Ihre Lehrerin schien das gewusst zu haben, warum sonst hatte sie diesen großen Eimer gekauft. Überhaupt wusste Klappi für einen Erwachsenen ziemlich viel darüber, wie schnell die Gefühlswelt eines Kindes auf dem Kopf stehen konnte. Und nicht nur das. Sie wusste auch immer, was sie wieder ins Gleichgewicht brachte.

Renas kleiner roter Eimer hing in den letzten Jahren während des Unterrichts immer an einem Haken an ihrer Schulbank. Der Griff vom neuen Eimer war zu dick und darum bekam er einen Platz zwischen den beiden Bücherregalen.

In Tümpelgrimm wurden die Tage kürzer. Der Herbst hatte sich mit seinen bunten Farben auf den Wiesen und Bäumen niedergelassen.

Rena saß verschlafen vor einer Schüssel Cornflakes. Ihre Mutter kam in die Küche. Sie trug ihren Morgenmantel und hatte sich ein Handtuch wie einen Turban um ihr nasses Haar gewickelt. „Jahaha, lololo, mimimi“, sang sie.

Frau Sommerschmied war Opernsängerin. Jeden Morgen wärmte sie mit ein paar akrobatischen Tonsprüngen ihre Stimme auf, meist noch bevor sie etwas sagte. Singend brühte sie den Tee, singend schmierte sie Renas Schulbrote oder schaltete das Radio ein. Wenn sie nicht sang, dann summte sie, so wie jetzt, während sie auf der Suche nach einem passenden Sender den kleinen silbernen Knopf hin- und herdrehte. Dann wusch sie Renas Brotdose unter dem Wasserhahn ab.

Im Radio liefen jetzt Nachrichten, irgendwas über Klimawandel und Erderwärmung. Als Rena etwas über Island vernahm, horchte sie genauer hin: „Um vierzig Quadratkilometer schmelzen Islands Gletscher jedes Jahr. Viele Touristen wollen das Eis noch sehen, bevor es verschwindet“, so die Sprecherstimme.

„Wusstest du“, sagte Rena, „dass Islands Berge keine gewöhnlichen Berge sind, sondern die Rücken von schlafenden Riesen?“ Sie schüttete noch ein paar Cornflakes mehr in ihre Schüssel und goss noch einen Schwung Milch dazu. „Wenn es still ist in den Bergen von Island, kann man sie unter dem Eis und Schnee schnarchen hören.“

Renas Mutter schnitt einen Apfel auf und unterbrach ihr Summen. „Das glaubst du doch nicht wirklich?“

„Na ja. Klappi redet oft im Unterricht über Riesen und Götter und auch über die Wikinger. Sie weiß so viel über sie. Und die Art, wie sie darüber spricht … Als hätte sie das alles erlebt.“

„Sie erzählt euch eben das, was sie in ihren Büchern gelesen hat. Und das sind Geschichten. Märchen. Weiter nichts“, entgegnete ihre Mutter.

„Klappi sagt: ‚Wahr ist das, woran man glaubt.‘ Sie glaubt an die Riesen. Und wenn das Eis immer weiter schmilzt, dann werden die Riesen auftauen und erwachen.“ Rena schaute verträumt auf ihre Cornflakes, die wie kleine Schollen auf der Milch schwammen.

Frau Sommerschmied öffnete den Kühlschrank. „Den müsste ich auch mal wieder abtauen. Im Eisfach ist ein richtiger Minigletscher. Was möchtest du auf dein Brot? Käse oder …“ Ihr Blick wanderte von Fach zu Fach. „… oder Käse. Wir haben nichts anderes mehr.“ Sie seufzte. „Ich komme heute erst spät aus der Oper. Könntest du nach der Schule etwas einkaufen?“

Rena blickte zur Uhr an der Wand. „Mist.“ Sie sprang vom Stuhl auf. „Ich muss los.“

„Aber willst du nicht auf Linus warten?“

Rena schüttelte den Kopf und eilte in den Flur. „Ich fahre heute alleine.“ Hastig schlüpfte sie in ihre Sneaker, zog sich die Jacke an, warf sich ihren Schulrucksack über die Schulter und griff den Henkel vom Eimer.

„Deine Schulbrote“, hörte Rena ihre Mutter, als sie schon die Hand auf der Klinke hatte.

Rena eilte zurück in die Küche. Ihre Mutter machte mit der Hand so eine Bewegung, damit Rena sich umdrehte und sie ihr die Brotdose in den Rucksack stecken konnte. „Tschü-hüsss!“, trällerte sie.

„Tschüss, Mama.“

Die Tür fiel zu und der Herbst empfing Rena mit einer kalten Umarmung. Sie schauderte und zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Kinn. Ihr Fahrrad stand im Carport. Sie wischte ein braunes Kastanienblatt vom Sattel und hängte den Eimer an den Lenker. Ihre Mutter stand am Küchenfenster und winkte, während sie das Fahrrad durch das kleine Gartentor schob.

Tümpelgrimm war eines der Dörfer, wie es viele in dieser Gegend gab. Fuhr man in nördlicher Richtung die Hauptstraße entlang, lagen rechts das Rathaus, ein kleiner Supermarkt, die Post und eine Kneipe, links ein Gemüseladen, ein Bäcker und ein Café sowie eine Schule. Alte Kastanien mit ausladenden Ästen säumten die Straße und bildeten um diese Jahreszeit ein buntes Blätterdach. Überall gab es kleine Einfahrten und holprige Sandwege, auf denen die Tümpelgrimmer zu ihren roten Ziegeldachhäusern gelangten.

Rena stieg auf ihr Rad. Noch immer fiel ihr das Losfahren mit dem neuen großen Eimer schwer, denn sein Gewicht zog den Lenker immer wieder zur Seite. Rena schnaufte, ließ sich aber nicht entmutigen. Das meinte Klappi wohl, wenn sie sagte, es sei nicht leicht, groß zu werden.

Nach drei Anläufen hatte sie es geschafft und ihr Rad ruckelte über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße, während der Deckel auf dem Eimer laut schepperte. Eine Weile ging es nun geradeaus. Rechts hinter der Post kam ein Seitenweg, der zum Tümpelgrimmer Wäldchen führte. Dort bog Rena ein. In der Kurve hatte sie immer Mühe, das Fahrrad im Gleichgewicht zu halten. Ab hier schlängelte sich der Weg in sanften Kurven durch eine Wiese und das Fahren fiel leicht. An einem großen Weißdornstrauch hielt sie an und stieg ab. Den Eimer stellte sie auf den Boden. Dann schob sie ihr Fahrrad in den Strauch. Ein Ast war im Weg und das Hinterrad schaute noch zur Hälfte heraus. Sie verschränkte die Arme und musterte es mit demselben Blick, wie sie ein Pausenbrot vom gestrigen Tag gemustert hätte, bei dem sich die Käseränder nach oben bogen. Ja, ein 22-Zoll-Rad war für ein zwölfjähriges Mädchen wie ein altes Pausenbrot. Die anderen Kinder aus ihrer Klasse fuhren ein 24er. Nika hatte vor ein paar Tagen sogar ein 26er-Fahrrad geschenkt bekommen, obwohl sie nicht einmal Geburtstag hatte und obwohl ihre Füße kaum bis auf die Pedalen reichten.

Dann fiel ihr der gestrige Morgen ein. „Pfff!“, machte sie verärgert in Gedanken daran und kickte mit dem Fuß eine Kastanie in den Strauch. Sie erinnerte sich an Nika, die aus dem Klassenzimmerfenster rief: „Seht mal, da kommt Rena auf ihrem Babyfahrrad.“ Rena war prompt vom Fahrrad gesprungen. Und dann musste Nika noch eins draufsetzen und hatte gerufen: „Ich schenke dir gerne meine alten Stützräder.“ Rena war vor Wut wie eine Rakete ins Klassenzimmer geschossen. Sie hatte Nika angeschrien, dass sie ihre doofen Stützräder nicht bräuchte, und dabei gegen Nikas Schulranzen getreten, dass er quer über die Schulbänke flog. Der Rest ihrer Wut landete im Eimer.

Rena schaute sich noch einmal um, ob die Luft rein war. Dann packte sie das Hinterrad und mit einem kraftvollen Stoß verschwand es ins Dickicht des Strauches. Nein, mit diesem Rad konnte sie nun wirklich nicht mehr zur Schule fahren. Sie würde es später wieder abholen. Zu Fuß setzte sie den Weg mit ihrem Eimer fort. Sie hätte schneller laufen müssen, damit sie rechtzeitig zum Unterricht kam. Aber irgendwie fühlten sich ihre Füße schwer an. Der kalte Wind fuhr durch ihr braunes kurzes Haar und Rena vermisste ihre Mütze.

Mitten im Wäldchen lag ein Tümpel. An diesem Morgen sah er ganz unheimlich aus. Durch einen Nebelschleier ragte ein abgebrochener Ast wie eine knöcherne Hand aus dem Schlamm. Auf seinen krummen hölzernen Fingern saßen zwei Vögel. Rena hielt sie für Raben, weil sie so schwarz und groß waren. Starr saßen sie da und blickten das Mädchen aus ihren dunklen Augen an. Rena schauderte. Das Tönen einer fröhlichen Fahrradhupe ließ die Vögel erschrocken aufflattern. Dabei schossen sie so dicht über Renas Kopf hinweg, dass sie sich ducken musste. Im nächsten Moment kam Linus auf seinem Fahrrad angerast. „Beeil dich, Rena. Sonst kommst du zu spät“, rief er ihr zu.

Rena schob einen Daumen unter ihren Rucksackgurt. Mit dem Eimer in der anderen Hand, spurtete sie bis ans Ende des Wäldchens. Dort stand die Rote Baracke, Renas Schule.

Der tote Waschbär

RenasSchule war ein rotes, flaches Holzhaus, das die Tümpelgrimmer Rote Baracke nannten. Früher war hier die Bibliothek gewesen, bevor diese ins Rathaus umzog. Zuerst sollte es nur eine Zwischenlösung sein, während die Dorfschule saniert wurde. Doch als sie fertig war, stimmten die Schüler der Klasse 6b dafür, mit ihrer Lehrerin Klappi in der Roten Baracke bleiben zu dürfen. Ihr Klassenzimmer hatte helle grüne Wände, es gab Stühle, Tische und ein Bücherregal. Außerdem einen kleinen Flur für die Jacken und Mützen und zwei Toiletten. Vor ihren Fenstern lag das Wäldchen.

Als Rena ankam, standen die Schüler der Klasse 6b eng gedrängt vor der Roten Baracke, drückten ihre Gesichter an die Fensterscheiben und riefen laut durcheinander. Etwas musste passiert sein! Warum sonst waren sie alle noch draußen? Rena ließ den Eimer fallen und eilte zu ihnen. Nirgends gab es eine Lücke, in die sie sich hätte schieben können, und überall waren Köpfe, die ihr die Sicht versperrten. Sie hüpfte auf der Stelle, doch alles, was sie sah, waren die Kastanienbäume, die sich in den Fenstern spiegelten. Da hörte sie Annas traurige Stimme: „Ich glaube, er ist tot.“ Rena stockte für eine Schrecksekunde der Atem.

Dann rief Linus: „Hey Leute! Er hat einen Nagel in der Pfote.“

Jetzt hielt Rena es nicht mehr aus und schob sich mit kräftigen Ellenbogen zwischen Linus und Timo. Dann endlich sah sie, was im Klassenzimmer vor sich ging.

Ihre Lehrerin hielt ein graues Felltier, schlaff wie ein Tuch, in ihren Händen.

„Was ist das?“, fragte Rena. Eine Katze war es nicht, denn Katzen sind kleiner.

„Ein ziemlich toter Waschbär“, antwortete Timo und wischte mit einer Faust über die beschlagene Fensterscheibe vor seinem Gesicht.

Drinnen legte die Lehrerin gerade den Waschbären mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen auf dem Lehrertisch ab. Dann drehte sie sich um, ging zum Regal und zog den großen Pappkarton mit den Schulheften vom letzten Jahr heraus. Die Schulhefte blieben im Regal und der leere Karton wanderte in ihren Händen zum Lehrertisch. Sie streichelte den leblosen Tierkörper und legte ihn anschließend hinein. Sie verharrte und jeder konnte sehen, wie sich ihr Brustkorb durch einen tiefen Atemzug regelrecht aufblähte. Nun erst wandte die Lehrerin ihren Blick zu den Kindern vor dem Fenster und machte endlich ein paar Schritte Richtung Tür, die sich kurz darauf mit einem Knarren öffnete.

Ihr Name war Gunnhild Klapperschwamm. Aber die Kinder der Klasse 6b nannten ihre Lehrerin einfach nur Klappi. Einige behaupteten, dass Klappi eine Riesin sei, denn sie war ungewöhnlich groß. Doch eine Riesin konnte sie nicht sein, das wusste Rena mit Bestimmtheit, denn Klappi fürchtete sich vor Riesen. Klappi war so geheimnisvoll wie ihre Geschichten und wenn sie davon erzählte, hatte Rena das Gefühl, dass nicht Klappi zu groß war, sondern die Welt zu klein. Ihre Hände waren breit wie Pfannkuchen und ihre Füße steckten in Schuhen, die Rena an Flusskähne erinnerten. Ihr kurzes Haar war blauschwarz wie das Meer bei Nacht und ihre blauen Augen blickten weise und freundlich. Jeden Tag trug sie ein farbiges Tunikakleid und über ihre breiten, runden Schultern fiel ein weiches Tuch, das silbrig blau schimmerte.

Als die Lehrerin an diesem Morgen vor die Barackentür trat, blickten die Kinder in ein trauriges Gesicht mit eingefallenen Wangen und schmalen Lippen, das sie verstummen ließ und ihre Hälse zuschnürte. Nur Annas Schluchzen war in der Stille zu hören.

„Ich muss euch leider sagen“, hob Klappi mit ihrer warmen Stimme an, „dass der Waschbär tot ist.“ Sie trat zur Seite. Die Kinder stürmten in den Klassenraum, warfen ihre Rucksäcke auf den Boden und drängten sich um den Lehrertisch. Rena war nicht schnell genug. Doch vermutlich war sie die Einzige, die die Blutspur am Boden bemerkte. Sie führte quer durch den Raum und verschwand hinter dem Regal an der Wand. ‚Der Waschbär muss durch eine kaputte Holzlatte in die Baracke gekommen sein‘, dachte Rena.

„Der Arme!“, schluchzten die Mädchen, die einen Blick in den Karton mit dem traurigen Inhalt erhaschten. Anna hielt es nicht mehr aus. Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht, drehte sich weg und Rena ergatterte ihren Platz ganz vorn am Tisch. Neugierig betrachtete sie den kleinen Bären. Er sah aus, als schliefe er nur. Sein Fell war grau. Um seinen buschigen Schwanz hatte er dunkle Ringe. Die schwarze Fellmaske um Augen und Nase ließ ihn wie einen Dieb aussehen. An seinen Pfoten blitzten scharfe Krallen. Die linke Hinterpfote war angeschwollen und voller Blut. Zwischen den Zehen ragte ein großer fieser Nagel heraus. „Armer kleiner Waschbär“, flüsterte nun auch Rena und spürte einen Kloß im Hals. Neben ihr begann Greta, laut zu heulen.

„Oh Mann“, flüsterte Linus in Timos Ohr, doch immer noch laut genug, dass es alle hörten. „Heute wird es eng in Klappis Heuldecke.“

Timo grinste zurück. „Wir lassen den Mädchen den Vortritt.“ Dann wechselten die beiden Jungs einen Heulen-ist-Mädchenkram-Blick.

„Ach so?“ Pia sah wegen ihrer großen schwarzen Brille immer ein bisschen aus wie eine kleine, strenge Lehrerin.

„Und ich hatte schon Angst, du willst deinen Dauertrostplatz zurück“, sagte sie zu Timo.

„Hä? Dauer-was?“, zischte Timo.

„Echt jetzt, Pia, das war wirklich fies!“, ging Nika dazwischen. Sie schenkte Timo einen verknallten Augenaufschlag mit ihren langen Wimpern, den sie sich hätte sparen können, weil er nämlich gar nicht zu ihr hinsah.

Pias Bemerkung war gemein, fand Rena, aber irgendwie hatte sie mit Timo recht. Wie oft lag er immer genau dann in Klappis Wolltuch, wenn man selbst dringend hätte getröstet werden müssen. Es stimmte, Timo tat allen leid, weil er mit seinem linken Bein hinkte. Oft hatte man ihm deswegen den Vortritt gelassen, wenn es darum ging, wer zuerst in Klappis Wolltuch durfte. Doch damals, als ihr Hamster Harald Kampfzahn im Staubsauger verschwand, hätte Timo wirklich mal Platz machen können. Und jetzt tat er so, als sei Klappis Tuch eine Heuldecke nur für Mädchen.

Mit Klappis Schultertuch hatte es eine besondere Bewandtnis. Niemals kam sie ohne in die Schule. Wenn einen der Kummer überkam, breitete Klappi es zu einer großen weichen Decke auf dem Fußboden aus. Dann legte man sich einfach mitten hinein, Klappi wickelte den weichen Stoff um einen herum und setzte sich daneben auf den Fußboden. Wenn sie dann begann, diese eine Melodie zu summen, zauberte das Tuch jede Träne weg, ja ganze Tränenbäche. Anna, die über jeden Wackelzahn stundenlang weinen konnte, hatte sogar einmal behauptet, dass es ihren kompletten Tränenvorrat über Tage ausgetrocknet hätte.

Klappi erklärte wie selbstverständlich, dass ihr Tuch aus Wolkengarn gesponnen sei. Und etwas musste doch daran wahr sein. Wie sonst war es möglich, dass es einem darin so wolkenleicht ums Herz wurde.

„Vielleicht ist der Waschbär nur ein bisschen tot“, schluchzte Anna.

„Der ist mausetot. Sieht doch jeder!“, sagte Greta. „Ich glaube, er fängt schon an zu riechen.“ Sie hielt sich die Nase zu.

Etwas in Rena ließ sie ihren Finger heben und den Bären anstupsen. Sein kleiner Körper war noch warm und weich. Da fiel der Nagel aus seiner Pfote. Etwas Blut sickerte aus der Wunde und in den Karton. Erschrocken zog Rena die Hand zurück.

Nikas schrille Stimme ging Rena durch Mark und Bein. „Igitt, Rena. Du hast ihn angefasst!“

„Das war echt pietätlos“, sagte Pia im strengen Ton.

Ein komisches Wort. Es klang ein bisschen wie Pias Name und Rena hatte keine Ahnung, was es bedeutete. Aber es gab ihr das Gefühl, sie müsse sich für ihren neugierigen Finger schämen. „Ich wollte doch nur wissen, ob er wirklich tot ist“, murmelte sie leise.

„Jetzt ist er es auf jeden Fall“, fiepte Nika.

„Was bedeutet das: pia-tätlos?“, wollte Greta wissen und Rena war froh, dass sie danach fragte.

„Wenn Rena tote Tiere anfasst und Pia das blöd findet“, grölte Ole. Eine Sekunde war es still. Aber dann prusteten sie vor Lachen los. Es tat gut, aus vollem Halse in diesen traurigen Karton zu lachen.

Nur Anna konnte einfach nicht mit dem Weinen aufhören. „Was … schnief … machen wir … schnief … jetzt mit ihm? Schnief.“

„Wir wollen erst einmal die Tränen trocknen“, sagte Klappi und strich Anna mit ihrer großen Pfannkuchenhand sanft über den Kopf. Sie schob ein paar Stühle und Tische an den Rand, nahm das Tuch von ihren Schultern und breitete es auf dem Boden aus. Die Klasse stellte sich im Kreis darum auf. Weich und fluffig wie ein Wölkchen am Sommerhimmel lag es in der Mitte.

Rena strömte ein Gefühl von warmer Schokolade durch ihren Bauch. Wie gern würde sie sich hineinlegen. Nicht, dass sie es nötig hätte. Aber aß man nicht auch dann gerne Schokolade, wenn es keinen Grund zum Trösten gab?

Klappis Blick ruhte auf Annas Gesicht. Anna zog geräuschvoll den Rotz hoch und trat in den Kreis. Doch als sie ihre Knie beugte, um sich auf das Tuch zu setzen, hörten alle Timo leise kichern. Anna wurde ganz steif. „Ich möchte nicht“, sagte sie und machte einen Schritt zurück in den Kreis.

„Ich sehe doch, dass dein Herz beinahe überläuft vor Tränen“, sagte Klappi. Aber Anna senkte den Blick und schüttelte entschieden ihre blonden Zöpfe.

„Na ja, vielleicht möchtest du später.“ Dann wanderte Klappis Blick zu Timo. Mit einem kaum sichtbaren Nicken lud sie ihn ein, auf dem Tuch Platz zu nehmen.

Timo machte ein verwundertes Gesicht, als könnte nichts missverständlicher sein. „Pfffff.“ Er winkte ab. „Hab ich etwa geheult?“ Dann stieß er so ein unechtes Lachen aus. „Wolkengarn. Von wegen. Das hab ich sowieso nie geglaubt.“

Für einen Moment sah Klappi aus, als wäre jemand auf ihr Herz getreten. Es wurde still im Klassenraum, so still, dass man das betrübte Säuseln des Herbstwindes durch die Fensterritzen hören konnte.

Da trat Nika in den Kreis. Klappis Gesicht hellte sich auf, wohl weil sie dachte, Nika wolle sich in das Tuch legen. Doch Nika glaubte mal wieder, die Erwachsene spielen zu müssen, und machte es nur noch schlimmer. Sie schritt mit verschränkten Armen auf und ab. „Warum müssen Sie uns immer noch wie Babys behandeln, Frau Klapperschwamm“, sagte sie. Niemals zuvor hatte jemand von ihnen die Lehrerin bei ihrem offiziellen Namen genannt. Fremd und kalt kam er aus Nikas Mund. „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Wir sind fast erwachsen. Ich fahre schon mit einem 26er zur Schule. Da leg ich mich doch nicht mehr in dieses Heultuch. Und ich denke, die anderen sehen es genauso.“ Nikas Blick wanderte herum, doch die meisten schauten weg oder auf den Boden. Sie zupfte nervös an den Enden des blauen Seidenbands, mit dem sie ihren Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. „Timo, sag du doch auch was.“

Timo kniff die Lippen zusammen. Rena glaubte, dass es ihm jetzt leidtat. Vielleicht hätte er das vorhin auch nicht gesagt, wenn Pia ihn nicht mit dem Dauertrostplatz aufgezogen hätte.

„Rena?“

Rena tauchte aus ihren Gedanken auf und bemerkte Nikas bohrenden Blick. „Wenn du auf ein 22er-Fahrrad passt, dann passt du ganz sicher noch in das Heultuch.“

Jemand lachte. Rena spürte ein Stechen in ihrer Magengrube. Da dröhnte eine Stimme wie aus Lautsprechern in ihr drin: ‚Warum wächst du nicht? Du siehst immer noch aus wie eine Erstklässlerin. Nein, wie ein Baby. Und Babys legen sich in Klappis Tuch. Babys, die auf Babyfahrrädern zur Schule fahren.‘ Wut brodelte in Renas Bauch und ihr ganzer Körper fing an zu glühen. Aus dem Augenwinkel sah sie Klappi mit dem Eimer um die Schulbänke herum und auf sie zu flitzen, dann krümmte sich Rena auch schon vornüber. Ihre Füße wollten stampfen, ihre Fäuste wollten sich schütteln. Seltsame Geräusche wie „Grrrr“ und „Braaaa“ und Aaaarghh“ stiegen aus ihrer Kehle. Mit immer lauterem Gebrüll wollte die Wut aus ihr heraus, denn in Rena war es ihr viel zu eng.

„Das machst du wunderbar, Rena! Ganz großartig“, drang irgendwann wie aus weiter Ferne Klappis warme Stimme zu ihr hindurch. Rena spürte eine weiche Hand im Rücken. Dann war es gut und die Wut verschwunden. Rena hob den Blick aus dem Eimer. „Leergebrüllt“, murmelte sie.

Klappi verschloss rasch den Eimer mit dem Deckel.

Linus knuffte Rena anerkennend in die Seiten. „Krass, Rena. Einfach so Brüüüüll! in den Eimer. Mensch, mir schlackern echt die Ohren!“

Rena fühlte sich, als hätte sie einen Monat lang kein Auge zugemacht. Am liebsten hätte sie sich für ein Schläfchen in Klappis Tuch eingerollt. „Ich bin plötzlich so …“ Rena gähnte laut und lang.

Klappi hob eine Augenbraue. „Müde?“ Rena nickte und rieb sich die Augen. „Das ist ganz normal.“ Klappi stellte den Eimer zurück an seinen Platz. „Das liegt daran, dass deine Wut wächst und wächst. Jeden Tag ein bisschen.“ Aus dem Mund der Lehrerin klang es, als wäre Renas Wut eine Rübe, die gedeihen und bald riesengroß und herrlich saftig sein würde. Klappi schien darüber ganz vergnügt zu sein, nahm das Tuch vom Boden auf und warf es sich um die Schultern. Und als wäre es das Normalste der Welt, fügte sie hinzu: „Nach dem Unterricht gehst du rasch zum Tümpel und kippst den Eimer über dem Schlamm aus.“

In Renas Fantasie entstanden Bilder, wie sie am Tümpel einen leeren Eimer auskippte. Das konnte Klappi doch nicht ernst gemeint haben!

Doch Klappi scherzte nicht. Sie hob einen Zeigefinger in die Luft und fügte hinzu: „Wir wollen nicht riskieren, dass sich eine Wutwolke im Klassenzimmer ausbreitet und uns alle ansteckt. Achte am Tümpel darauf, dass du bis zehn zählst. Erst dann ist der Eimer wirklich leer.“

Nika schnitt Rena eine Grimasse. Und während die anderen die Stühle und Bänke zurückstellten, befestigte Linus mit Klebeband einen Zettel am Eimer: „Renas Wutwolke. Nicht öffnen!“ Darunter hatte er einen Totenkopf gemalt.

Ole tuschelte Linus etwas ins Ohr, dann stürzten die beiden zu Klappi. Offenbar hatten sie eine Idee und Klappi nickte zustimmend. „Wir dürfen Totenwache halten!“, grölten sie und strahlten, als hätten sie soeben einen Pokal gewonnen. Die beiden nahmen den Karton mit dem Waschbären und trugen ihn hinaus vor die Tür.

„Das ist unfair, ich will auch!“ – „Ich auch!“ Plötzlich wollten alle den Waschbären beim Totsein zuschauen.

Pia baute sich vor Klappi auf. Sie klang wie eine Nachrichtensprecherin aus dem Radio, als sie sagte: „Ungleiche Behandlungen der Schüler lassen die Benachteiligten sich ausgegrenzt und minderwertig fühlen. Wir brauchen dringend eine gerechte Lösung.“ Abwartend blickte sie durch ihre große Brille zu Klappi hinauf.

„Du hast recht, Pia. Wir werden die Wache alle zehn Minuten wechseln“, sagte Klappi ruhig. Dann schaute sie in die Klasse. „Und jetzt bringt eure Jacken in den Flur und setzt euch auf eure Plätze.“

Für einen Moment lang versuchte Klappi zu unterrichten, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag. Sie ging nach vorne und schrieb mit großen Buchstaben ein Wort an die Tafel: Mythologie. Dann schweifte ihr Blick durch die Klasse. „In der letzten Stunde haben wir über die Entstehung der Gezeiten gesprochen. Ebbe und Flut kommen an vielen Meeren vor, was bedeutet, dass sich Niedrig- und Hochwasser ständig abwechseln.“ Sie machte eine Pause. „Wer von euch weiß noch, wer die Gezeiten erschaffen hat?“

Timos Finger schoss in die Luft.

Klappi nickte in seine Richtung. „Ja, Timo.“

„Der Riese Utgardloki lud den Gott Thor zu einem Kräftemessen ein. Er ließ ihn salzigen Met aus einem riesigen Horn trinken. Das sollte er in einem einzigen Zug leeren. Thor trank in langen tiefen Schlucken. Eigentlich wäre es eine Kleinigkeit für ihn gewesen, doch dieses Horn wollte und wollte sich nicht leeren. Auch nach einem dritten Versuch war höchstens eine Daumenbreite Met abgetrunken. Das war eine ziemliche Niederlage für Thor. Erst beim Abschied gab Utgardloki zu, dass er das Horn mit einem Zauber belegt und ein Trugbild geschaffen hatte. Thor konnte nicht sehen, dass das Ende des Horns bis in das tiefste Tal des Ozeans reichte. Beim Kräftemessen hatte Thor so viel getrunken, dass der Meeresspiegel gesunken war, und damit die Gezeiten erschaffen.“

„Timo, das hast du wunderbar erzählt“, lobte Klappi. „Was lernen wir aus der Geschichte?“

Greta hob den Arm. „Dass man niemals einem Riesen glauben darf“, sagte sie.

„So ist es“, stimmte Klappi zu. „Die Riesen hassen die Götter. Und sie lassen keine Gelegenheit aus, um dies zu zeigen.“

„Hey, die wollen ihn vergraben!“, rief Nika plötzlich. Alle sprangen auf und stürmten zum Fenster.

Ole und Linus war die Totenwache offenbar zu langweilig geworden, denn sie hatten sich zwei Spaten aus dem Schuppen geholt und angefangen, direkt vor der Baracke ein Loch zu buddeln.

Klappi schüttelte den Kopf. „Das gefällt mir nicht. Der Waschbär hat eine ordentliche Beerdigung verdient. Was haltet ihr davon, wenn wir ihn im Wäldchen begraben? Am Tümpel gibt es eine schöne Lichtung zwischen den alten Kastanien.“

„Jaaaa!“ Die Klasse 6b jubelte, als hätte die Lehrerin soeben ein Jahr hausaufgabenfrei verkündet. Einige stürzten grölend aus dem Klassenzimmer und warfen mit Ole und Timo die Erde zurück ins Loch. Anna und Pia hatten die Idee, im Wäldchen etwas für den Waschbären zu basteln. Das gefiel Rena und sie kramten in den Kisten nach bunten Bändern und Perlen, die sie in ihre Jackentaschen steckten.

„Beeilt euch. Die Jungs wollen los!“, rief Nika ins Klassenzimmer, um gleich wieder nach draußen zu verschwinden und die Jungs herumzukommandieren. „Denkt ja nicht, dass nur ihr den Karton tragen dürft. Ihr müsst euch mit uns abwechseln.“

Rena ging in den Flur und nahm ihre Jacke vom Haken. Nika stand in der Tür und drehte sich zu ihr um. Sie wackelte mit ihrer spitzen Nase und sagte: „Hast du nicht etwas vergessen?“

Den Eimer! Sollte sie ihn etwa jetzt im Tümpel auskippen, wo alle dabei sein würden? Rena schnaubte und schleuderte die Jackenärmel durch die Luft. „Damit du dich lustig über mich machen kannst!“

Pia kam um die Ecke. Sie hielt den Eimer in der Hand.

„Hihihi“, kicherte Nika und sah sehr zufrieden aus.

Rena funkelte die beiden wütend an. Aber da sagte Pia: „Wenn du willst, tragen wir ihn zusammen, Rena.“

Nika prustete los. „Was? Du willst diesen Hühnerkacke-Eimer tragen?“

„Wie bist du nur so ein Ekel geworden?!“, feuerte Pia zurück.

Rena hatte nie das Gefühl, dass Pia sie besonders mochte. Aber wenn sie mit ihr diesen hässlichen Eimer tragen wollte, dann war das doch so etwas wie ein Freundschaftsbeweis, oder? Sie warf Pia ein vorsichtiges Lächeln zu und nickte. „Das … das ist wirklich nett von dir.“

„Ich tue es gern“, sagte Pia.

Es fehlten nur noch Anna und Klappi. Als sie aus der Baracke kamen, hielt Anna eine weiße Rosenblüte in der Hand. Obwohl sie sie aus einem einfachen Papiertaschentuch gebastelt hatte, sah die Rose wirklich schön aus.

Nun war die Klasse 6b bereit für diesen ungewöhnlichen Ausflug ins Wäldchen.

Die Klasse stellte sich in einer Zweierreihe auf und dann setzte sich der kleine Trauerzug in Bewegung. Timo und Ole trugen den Karton mit dem toten Waschbären. Ein paar andere Jungs hielten Spaten in den Händen. Rena lief mit Pia ganz hinten, jede eine Hand am Henkel des Eimers.

Nach ein paar Minuten wurde gewechselt und Greta und Anna trugen jetzt den Karton. Auf dem Waldweg lagen die ersten Kastanien des Herbstes. Einige Kinder sammelten sie in ihren Jackentaschen, bis sie vollgestopft waren. Kurz vor der Lichtung gab es auf der rechten Seite des Weges einen alten Kiosk. Sein grüner Rollladen war seit Jahren geschlossen und darum schenkte ihm auch niemand Aufmerksamkeit, als sie daran vorbeigingen.

Plötzlich rief Timo: „Hey, bleibt mal alle stehen!“

„Was ist? Warum sollen wir stehen bleiben?“, beschwerte sich Greta. Die Kinder stolperten ineinander und es gab einen kleinen Stau. Jemand meckerte, weil ihm ein anderer in die Fersen getreten war.

„Riecht ihr das etwa nicht?“

Alle reckten nun wie Timo die Nase in die Luft. Auch Rena nahm einen tiefen Zug, doch da war nicht ein Hauch von ungewöhnlichem Duft. „Was denn?“

„Es riecht nach Zuckerwatte. Genau hier am Kiosk.“ Timo rüttelte an der verschlossenen Tür und klopfte.

Als keine Reaktion kam, schob er seine Hände unter den Rollladen und drückte ihn mit den Handflächen nach oben.

„Das ist keine gute Idee. Pass auf deine Finger auf, Timo!“, rief Klappi beunruhigt.

Timos linkes Bein knickte ein und er verlor den Halt. Rums! Er konnte gerade noch rechtzeitig seine Hände herausziehen, als der Rollladen herunter sauste.

„Sieht verdächtig leer aus“, sagte Pia und rollte mit den Augen.

„Zuckerwatte, echt jetzt.“ – „Du spinnst doch“, murmelten die anderen.

„Ich könnte schwören, ich habe Zuckerwatte gerochen“, murmelte Timo kleinlaut.

„Lasst uns endlich weitergehen“, drängelten Greta und Anna, die mittlerweile beide Arme brauchten, um den Karton zu halten. So schwer war er ihnen geworden. Der Trauerzug setzte sich wieder in Bewegung.

Nachdem die Hände am Karton noch dreimal gewechselt hatten, erreichten sie ihr Ziel. Klappi ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen und seufzte. „Das ist ein wirklich hübscher Ort für unsere kleine Beerdigung“, sagte sie und einen Moment lang schauten sich alle dieses malerische Fleckchen an. Die Herbstsonne schien auf das noch grüne Gras der Wiese. Eine leichte Brise wiegte das bunte Laub in den Kronen der Bäume. Ein goldgelbes Blatt segelte herab und landete lautlos im Tümpel.

„Wie wäre es, wenn wir ihn dort begraben“, rief Timo und zeigte auf eine junge Kastanie, die etwas abseits der anderen Bäume mitten in der Lichtung stand. Alle waren einverstanden. Timo und Linus trugen den Karton zum Baum und stellten ihn dort ab. Die anderen Jungs folgten ihnen. Gemeinsam begannen sie, mit den Spaten ein Loch zu graben. Die Mädchen verteilten sich. Einige sammelten bunte Blätter, die später als Sträuße aufs Grab gelegt werden sollten. Andere hatten die Idee, ein Mobile aus Zweigen zu basteln und es mit den hübschen Bändern und Perlen aus der Bastelkiste zu verzieren. Dann wollten sie es an einen Ast der Kastanie über dem Grab des Waschbären hängen. Klappi setzte sich auf einen Baumstumpf und reckte ihr Gesicht in die Sonne. Die Farben des Herbstes spiegelten sich in den kristallklaren Fäden ihres Tuches wider.

Pia und Rena stellten den Eimer am Tümpel ab. „Willst du ihn jetzt auskippen?“, fragte Pia.

Rena schaute hinunter zum Tümpel. Er lag zwar in einer kleinen Senke, die bot aber nicht genügend Schutz vor den Blicken der anderen. „Nein. Lieber nicht.“

Sie sammelten ein paar Kastanienblätter. Nur die ohne braune Stellen kamen in den Strauß. Immer wieder schielten sie zu Nika und den anderen hinüber.

„Jetzt. Mach schnell. Ich decke dir den Rücken“, raunte Pia.

Rena ließ ihre Blätter fallen, nahm den Eimer und eilte den schmalen Pfad zum Ufer hinunter. Der Morgennebel hatte sich verzogen und ein Geruch von modrigem Laub stieg ihr in die Nase.

Rena drehte rasch den Eimer um und schüttelte ihn kräftig, bis der Deckel sich löste und in den Schlamm klatschte.

„Kraa, kraa.“ Zwei Raben kamen angeflogen. Sie setzten sich wie am Morgen auf den Ast, der aus dem Tümpel ragte, und hüpften auf und ab.

Bis zehn sollte Rena zählen, hatte Klappi gesagt, erst dann durfte sie den Eimer auf den Boden zurückstellen. „Eins, zwei, drei“, begann sie und schaute, ob irgendetwas aus dem Eimer fiel, während sie weiterzählte. „Vier, fünf, sechs.“

Eine blaue Schleife blitzte in Renas Augenwinkel auf. „Rena kippt den Hühnerkacke-Eimer aus.“ Nikas Geschrei schallte bis zum Himmel. Die anderen kamen aus allen Richtungen angeschossen und starrten nun von der Böschung aus zu Rena hinunter.

Rasch zählte sie: „Sieben, acht, neun, zehn.“ Sie warf den Eimer weg, der mit einem Scheppern auf den Boden fiel. Die Raben flatterten erschrocken davon. Auch Rena wollte davonlaufen und schreien: ‚Ihr könnt mich alle mal!‘

Doch Klappi stand mitten auf dem Pfad und versperrte ihr den Weg. „Das hast du großartig gemacht, Rena“, sagte sie und streckte eine Hand nach ihr aus. Rena wandte sich von ihr ab. Sie wollte nicht von einer Lehrerin gelobt werden, die offenbar nichts kapierte.

„Warum wollten Sie das? Warum musste ich den Eimer im Tümpel auskippen?!“, schrie Rena und kickte mit dem Fuß in den Schlamm, dass es spritzte.

„Ja, warum eigentlich?“, rief Pia, „Ich finde, Rena hat das Recht auf eine pädagogisch sinnvolle Erklärung.“

Alle Blicke waren nun auf die Lehrerin geheftet. „Die habe ich nicht“, entgegnete sie, ein Fünkchen irritiert. Dann schien sie über etwas nachzudenken. „Aber was würdet ihr sagen, wenn ich euch verrate, dass in den Tiefen des Tümpels etwas verborgen liegt“, sagte sie mit geheimnisvoller Stimme.

„Was denn?“, fragte Greta.

„Ein Wikingerschild“, verriet die Lehrerin. Ein Raunen ging durch die Klasse. „Doch, um an die Oberfläche zu kommen, benötigt er etwas ganz Besonderes. Nämlich eine große Portion Wut“, sagte Klappi und schaute dabei zu Rena.

„Meine Wut?“

Klappi nickte. Ein, zwei Sekunden starrten sie auf den Tümpel, als könnte in jedem Moment der Wikingerschild auftauchen.

„Hey, was steht ihr da herum. Will mir keiner helfen?“, platzte Timo in die angespannte Stille und alle fuhren zusammen. Sein Gesicht war ganz rot vom Graben.

„Klappi sagt, hier im Tümpel liegt ein Wikingerschild“, rief Linus.

„Und dass Renas Wut ihn heraufholen kann“, ergänzte Ole.

Timo wischte sich mit einer Hand über das Gesicht. „Das kann nicht sein“, entgegnete er. „Es gab niemals Wikinger in unserem Dorf. Die lebten im Norden, am Meer. Wie soll da ein Wikingerschild in den Tümpel gekommen sein?!“ Timo wusste alles über die Krieger des Nordens, denn er las viele Bücher über sie. Außerdem besuchte er mit seinem Vater jedes Wikingerfest. Seinen Worten wurde darum geglaubt, weswegen die Blicke zu Klappi wanderten und eine Erklärung forderten.

Klappi schmunzelte wie jemand, der es besser wusste. „Du hast in allem recht, Timo. Dennoch verbirgt sich in diesem Tümpel ein Schild. Es war Odin, der ihn hier versenkte, ohne auch nur einen einzigen Fuß in unser Dorf zu setzen.“

Timo runzelte die Stirn. „Aber wie …“

„Wie es dazu kam? Das werde ich euch gern erzählen. Lasst uns auf die Wiese gehen. Wir setzten uns neben den kleinen Haselstrauch ins Gras. Es ist trocken und warm von der Herbstsonne.“ Die Klasse stürmte hinüber zur Wiese. Den Waschbären schienen sie vergessen zu haben.

„Ich habe euch schon oft von Odin erzählt“, hob die Lehrerin an. „Lasst uns kurz zusammentragen, was ihr über ihn wisst.“

Sofort schnellten ein paar Finger nach oben. „In den nordischen Sagen ist er der höchste und älteste Gott“, rief Greta.

„Seine Begleiter sind zwei Raben. Sie heißen Huginn, der Gedanke, und Muninn, die Erinnerung“, rief Ole.

„Wie Spione fliegen sie durch alle Welten. Jeden Morgen berichten sie Odin, was sie gesehen und gehört haben. Es heißt, dass sie sogar die Gedanken lesen können“, wusste Timo. Rena hätte all dies auch gewusst.

Klappi schaute zufrieden auf ihre Schüler. „Aber würdet ihr Odin auch erkennen?“

Linus rief: „Na klar! Er trägt doch diesen blauen Mantel und einen Schlapphut. Den Hut zieht er tief ins Gesicht, um die Narbe über seinem rechten Auge zu verbergen.“

Klappi nickte. „Oftmals verkleidet er sich als Wanderer, um unerkannt zu bleiben. Aber würdest du ihn auch in der Gestalt eines Raben oder einer alten Frau erkennen?“

Linus dachte darüber nach, während Klappi weitersprach. „Von Geburt an besitzt Odin Zauberkräfte. Doch ganz gleich, in welches Wesen er sich verwandelt, es wird ihm immer sein rechtes Auge fehlen.“

„Was ist mit seinem Auge passiert?“, fragte jemand.

„Er hat es für die Allwissenheit geopfert. Odin war und ist nämlich ein Wissenssucher. Er wünschte sich nichts mehr, als in die Zukunft zu blicken und zu erfahren, welches Schicksal am Ende der Tage die Götter erwarten würde. So bat er den Gott Mimir um die Erlaubnis, aus seinem Brunnen der Weisheit zu trinken. Doch dafür verlangte Mimir Odins rechtes Auge – ein großes Opfer, wie ihr euch sicher vorstellen könnt. Nachdem Odin jedoch aus dem Brunnen getrunken hatte, konnte er mit seinem verbliebenen linken Auge klarer und weiter sehen als je zuvor.“ Klappi hielt inne und schaute aus ihren großen eisblauen Augen in die gespannten Gesichter ihrer Schüler.

„Aber was hat Odin denn nun mit meiner Wut zu tun?“, fragte Rena ungeduldig. Sie sah ein nervöses Blinzeln in Klappis Augen.

„Wie ihr wisst, nennt man Odin zuweilen auch den Wutgott. Das liegt daran, dass er sehr sehr wütend werden kann. Wie in der folgenden Geschichte.“ Klappi stieß ein unbequemes Lachen aus unddie Kinder rückten näher zusammen. „Vor langer Zeit lebte in Norwegen ein besonders starker Krieger“, hob sie mit geheimnisvoller Stimme an. „Schon als Kind war er so stark und furchtlos, dass er mit bloßen Händen eine Wölfin erlegte und ihr noch warmes Blut trank. Er wuchs heran und wurde der beste Krieger seiner Zeit. Man nannte ihn Ulfrik, was Wolfskrieger bedeutet. Für seine Tapferkeit auf den Schlachtfeldern wollte Odin ihm zum Lohn einen besonderen Schild schenken. Er sollte aus Eisen gemacht sein und nicht, wie ein gewöhnlicher Schild, aus Holz. So ging Odin zum geschicktesten Schmied in Norwegen und befahl ihm, einen gigantischen Schild anzufertigen, der diesem Krieger würdig sei. Der Schmied Olof machte sich sofort an die Arbeit. Mit dem Blasebalg entfachte er eine Glut und in der Feuerstelle wurde es heiß und rot wie im Inneren eines Vulkans. Ganze acht Tage und acht Nächte schmiedete er. Und jeden Tag gab er immer dann, wenn die Sonne untergegangen war, eine besondere Zutat in die Glut: den Schweiß eines wütenden Bullen, das Ohr eines zornigen Karnickels, das Bein einer grimmigen Spinne, den Speichel einer erbosten Eule, die Kralle einer hitzigen Krähe, drei Borsten einer rasenden Wildsau und die Gräte eines stinksauren Herings.“

„Das waren aber erst sieben. Es fehlt noch eine Zutat“, beanstandete Greta.

Die Lehrerin zählte in Gedanken die Zutaten an ihren Fingern ab. „Du hast recht, Greta. Es sind nur sieben.“ Sie überlegte. „Jetzt fällt es mir wieder ein. Die achte Zutat war das Barthaar einer meckernden Ziege.“ Die Kinder kicherten. „All diese Zutaten schweißten das Metall zusammen und ließen es härter werden als jeden Wikingerschild zuvor. Während sein Hammer das glühende Eisen auf dem Amboss formte, liebte es Olof zu singen. So sang er Verse aus dem Hávamál, einem altnordischen Gedicht, in dem es um die Kunst des Schmiedens ging. Der Schild war nun fast fertig. Doch in der achten Nacht entfiel dem Schmied eine Zeile des Gedichtes und während er darüber nachsann, vergaß er, den Blasebalg zu bewegen.“ Klappi machte eine unheilvolle Pause.

„Damit war der Schild ganz sicher verdorben“, sagte Timo. Sein Vater war der Schlosser und Messerschmied im Ort. Er holte einen roten Apfel aus seinem Rucksack, den er immer wieder in die Luft warf und auffing. „Der Blasebalg muss gleichmäßig Sauerstoff in die Glut blasen, damit sie heiß bleibt.“

Klappi nickte. „Hört also, was nun geschah. Am Morgen des neunten Tages kam der Krieger Ulfrik, um seinen Schild abzuholen. Noch an Ort und Stelle prüfte er, ob der Schild hart genug für seinen Kiefer war. Das musste er sein, denn Ulfrik hatte die Angewohnheit, vor jedem Kampf in seinen Schild zu beißen. Dieses Beißen half ihm, sich in Wut zu versetzen, die er auf den Schlachtfeldern benötigte, um so unerschrocken und furchtlos zu kämpfen, wie nur er es konnte. Also biss Ulfrik mit seinen starken, übermenschlich großen Zähnen in seinen Schild. Und wie es sein Schicksal bestimmte, biss er ausgerechnet in diese eine Stelle, die in der Glut nicht genügend erhitzt worden war.“ Abermals hielt die Lehrerin inne. „Unter seinem Biss löste sich ein Stück Metall. Ulfrik verschluckte sich daran und fiel auf der Stelle tot um. Als Odin vom Tod seines stärksten Kriegers erfuhr, wurde er sehr wütend. So wütend, dass er den Schild packte und vor Zorn wegschleuderte.“

„Sie meinen, wie eine riesige Frisbee-Scheibe?“, fragte Linus staunend.

„Ja, wie eine riesige Frisbee-Scheibe flog der Schild drei Tage und drei Nächte durch die Welten, bis er schließlich in diesem Tümpel landete.“

„Und meine Wut soll diesen Schild wieder aus dem Tümpel holen können?“, fragte Rena, nun mit Augen so groß wie Teller.

Klappi nickte. „Das glaube ich ganz sicher. Ihr erinnert euch an die acht Zutaten? Was war das Besondere an ihnen?“

„Sie waren alle von wütenden Tieren“, rief Timo.

Klappi nickte abermals. „Dem Schild fehlt somit nicht nur ein Stück Metall, sondern auch ein Stück Wut, das in dem Bissen steckte.“ Sie schaute Rena mit festem Blick an. „Deine Wut ist ungewöhnlich stark. Der Schild wird ihr folgen.“

Während Rena ungläubig in das Gesicht ihrer Lehrerin starrte, sprang Linus auf: „Mann, Rena, das wäre mega, wenn du das schaffst. Ich trage auch gerne die nächsten Eimer für dich zum Tümpel.“

„War ja klar, dass ihr den Unsinn glaubt“, sagte Nika in einem Tonfall, der einen sofort sich dumm fühlen ließ. Während alle darüber stritten, ob an der Geschichte etwas wahr sein könnte, saß Klappi einfach nur da und blickte amüsiert auf ihre Schüler.

„Hey, da oben fliegen zwei Raben“, bemerkte Timo. Alle blickten zum Himmel. Leise wie Schatten flogen sie Kreis um Kreis über die Köpfe der Kinder und ihrer Lehrerin hinweg und machten nicht das leiseste Geräusch. Den Kindern war es, als würden die Raben in ihre heimlichsten Gedanken schauen und sie zogen ihre Jacken und Mäntel enger um sich. Plötzlich schoss ein Rabe zu Boden und schnappte mit seinem Schnabel eine Haselnuss. Dann flogen die beiden zum Kastanienbaum, unter dem Timo das Loch gegraben hatte. Die Haselnuss fiel dem Raben aus dem Schnabel und landete im Karton mit dem toten Waschbären.

Es geschah nicht gleich, aber dann raschelte es darin und der Waschbär setzte sich auf die Hinterpfoten. Er rieb sich seine müden Augen, rekelte sich und riss gähnend sein kleines Maul auf. Mit einem Purzelbaum ließ er sich über den Kartonrand fallen und schaute sich um, bis er die Kinder entdeckte. Misstrauisch spähte er zu ihnen hinüber.

„Er ist ja gar nicht tot“, gluckste Anna glücklich, während die anderen ihn staunend anstarrten. Auch der Waschbär rührte sich nicht.

„Bestimmt ist er hungrig“, flüsterte Timo und kroch langsam, ganz langsam auf den Waschbären zu und hielt ihm seinen Apfel hin. „Der ist für dich.“