2,99 €
Renate ist eine Erzählung in Briefen. Aus der Monoperspektive der Erzählerin wird in 38 Briefen das Leben der verstorbenen Mutter, Renates Leben, erzählt. Die schwere Krankheit, das Leiden und der Tod werden beschrieben. Die Tochter Eleonore stellt die Frage nach dem Warum. Warum musste die eigene Mutter so leiden? Welchen Sinn soll es wohl haben, wenn die Großmutter die eigenen Enkelkinder nicht aufwachsen sehen darf? Und ob das Leben nicht manchmal ungerecht ist?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 66
Veröffentlichungsjahr: 2021
N. S. H. Spieker
Renate
Erzählung
© 2021 N. S. H. Spieker
Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-24987-5
Hardcover:
978-3-347-24988-2
e-Book:
978-3-347-24989-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachun
Renate ist eine Erzählung in Briefen.
Die Tochter Eleonore schreibt Briefe an die schon verstorbene Mutter.
Aus der Monoperspektive der Erzählerin wird in 38 Briefen das Leben der Mutter, Renates Leben, skizziert.
Nach einer Operation mit tragischem Ausgang lag diese fast dreizehn Jahre lang im Wachkoma.
Ausgehend von der Beschreibung der Situation der Mutter als schwerkranke Patientin, versucht Eleonore rückblickend dem Leser und sich selber die lange Leidenszeit und schließlich den Tod Renates zu erzählen und zu erklären.
Die Tochter stellt Fragen und sucht nach Antworten. Fragt sich, warum die eigene Mutter so lange leiden musste und andere Mütter das nicht müssen. Welchen Sinn es wohl haben soll, wenn eine Großmutter die eigenen Enkelkinder nicht aufwachsen sehen darf.
Und ob das Leben nicht manchmal sehr ungerecht ist.
Die gegen Ende der Erzählung angedeutete Liebesgeschichte zwischen der Mutter und einem Mann aus ihrer Jugendzeit, sein Verschwinden und seine Selbsttötung deuten Erklärungsansätze an.
Sowohl für das Handeln der Mutter als auch für den Mann.
Abschließende Antworten will und kann die Tochter am Ende nicht geben.
Deutlich wird das, wenn sie schreibt:
Wo steht geschrieben, dass man seiner toten Mutter keine Briefe mit ins Grab legen darf?
Sie überlässt es dem Leser, mögliche Erklärungen für das Handeln der Mutter zu finden.
Prolog
Wir saßen zusammen am Frühstückstisch.
Nur das Rascheln deiner Zeitung beim
Umblättern der Seiten und das leise Klirren des Porzellans waren im Esszimmer zu hören.
Plötzlich sagtest du unvermittelt in die Stille hinein:
„Ich kann ja nicht mehr weinen. Seit Jahren schon nicht mehr.“
1
Liebe Mutter,
heute schreibe ich einen Brief an dich, obwohl du schon zehn Monate tot bist.
Manchmal weiß ich nicht mehr, wie du aussiehst. Dann bin ich selbst sprachlos vor Schreck und ganz starr, weil ich es selber so ungeheuerlich finde, dass ich mich schon jetzt nur noch mit Hilfe von Fotos an dich erinnern kann.
Diesen Brief werde ich nicht abschicken.
Und auch die anderen Briefe nicht. Die, die ich in nächster Zeit noch an dich schreiben werde. Du wirst nie einen dieser Briefe an dich erhalten. Aber ich möchte dir erzählen, wie diese vielen Jahre vergangen sind. Die Jahre, die du scheinbar schlafend verbracht hast in einem Bett an verschiedenen Orten. Als du noch da warst, obwohl du nicht da warst. Ich möchte dir davon erzählen, wie ich dich besucht habe in den diversen Kliniken und Pflegeheimen. Und schließlich in dem Zimmer, in dem du im letzten Dezember am Tag nach Nikolaus gestorben bist. An Krebs. An dem Krebs, den die Ärzte besiegt zu haben glaubten. Den sie herausgeschnitten hatten bei dieser einen Operation. Bei der Operation, während der sie dich in diesen Zustand befördert haben. In den Zustand des Wachkomas, in dem du dreizehn lange dunkle Jahre verbracht hast.
Ohne dass man dich vorher gefragt hätte, ob du damit einverstanden wärest.
Ich muss jetzt Schluss machen, damit ich anfangen kann.
Deine Eleonore
2
Es war ein Mittwoch als morgens das Telefon klingelte. Und ich ging an den Apparat, weil ich während der Osterferien ein paar Tage zu Besuch nach Hause gefahren war. Es meldete sich ein Krankenpfleger aus dem Krankenhaus.
Du hattest in der Nacht eine schwere Lungenembolie. Wir sollten alle sofort ins Krankenhaus kommen.
Ich rief Papa an, der geschäftlich mit dem Auto unterwegs war. Später saßen wir alle in einem Vorraum der Intensivstation, der als Wartezimmer diente. Irgendjemand passte auf die beiden Kleinen auf.
Sie sollten nicht mit ins Krankenhaus. Die Kinder waren beide erst knapp zwei Jahre alt. Als du gestorben bist, da waren beide fünfzehn.
Hilda hat einmal gesagt, sie könne sich an den Lippenstift, den du immer bei dir hattest, erinnern.
Und an deine rot geschminkten Lippen.
Anne spricht nicht über dich.
Sie sind jung und wollen leben.
Sie wollen nicht über das Sterben und den Tod nachdenken.
3
Wenn man nichts aufschreibt, dann bleibt so wenig.
Dein schönes Lächeln und der Ausdruck deiner ganz hellblauen Augen.
Aber deine Augen wurden müde im Laufe der Jahre. Und einmal, da hast du mich an der Tür zum Wohnzimmer beiseite genommen und hast leise zu mir gesagt: „Es tut mir Leid, Nore, aber ich kann mich nicht mehr um dich und Nele kümmern. Ihr beide müsst jetzt alleine im Leben zurechtkommen.
Ich brauche meine ganze Kraft für deinen Vater.“
Ich war damals so alt wie Hilda und Anne heute sind. Nele, meine zweitälteste Schwester, war drei Jahre älter als ich. Ein anderes Mal sagtest du zu mir:
„Ich selber hatte so eine schöne Kindheit und Jugend.“
Dabei hast du mich angeschaut, als ob du jemanden dafür verantwortlich machen wolltest, dass unsere Kinder- und Jugendjahre nicht so schön verlaufen waren wie deine eigenen.
Und dann hast du dich wie jeden Nachmittag auf dein Sofa gelegt und die Wolldecke bis zum Kinn hochgezogen. So, als wolltest du für immer unter der Decke verschwinden. Ich sehe immer noch die Staubflöckchen im Lichtkegel der Sonne tanzen, die in meiner Erinnerung an diesen Nachmittagen ständig durch das große Panoramafenster hineinschien.
Und ich kann heute noch, über dreißig Jahre später, den Geruch der frisch gestrichenen Wandfarben in diesem Wohnzimmer riechen. Vielleicht hast du dich an diesen Nachmittagen einfach vor dem Leben, das du nicht leben wolltest, unter der Wolldecke versteckt.
An endlosen Nachmittagen, wenn draußen herrliches Wetter war, und du auf dem kleinen Ledersofa den Kopf unter die Wolldecke gehalten hast.
Ganz tief versteckt. Und welch ein grotesker Winkelzug des Schicksals hat dich dann völlig unvorbereitet getroffen. Und niedergestreckt. Jahrelang gefesselt an ein Bett in einem Zustand zwischen Tod und Leben. Ein Zustand, der dazu geführt hat, dass der Rest der Familie sich aufgelöst hat. Wie ein kleines Blatt Papier, das vom Feuer verbrennt und von dem nichts weiter übrig bleibt, als ein klitzekleines Häufchen Asche.
Asche, die im Wind verweht.
4
An dem Tag, an dem ich meinen zehnten Geburtstag gefeiert habe, da schien draußen die Sonne. Wir wohnten damals in einem Haus, das von einem parkähnlichen Garten umgeben war, in dem viele alte und großgewachsene Eichen standen. Der Tag war wunderschön.
Ich hatte ein paar Kinder aus der Schule am Nachmittag zu Besuch, ich bekam Geschenke und ich war sehr glücklich. Aber ich erinnere mich an einen Moment an diesem Nachmittag, als wir Kinder alle zusammen Verstecken in dem großen Garten gespielt haben. Ich stand versteckt hinter einer sehr großen alten Eiche, die wir nur die Zwillingseiche nannten, weil aus ihrer Wurzel zwei Triebe im Laufe der Jahre gewachsen waren. Die beiden Triebe waren zu zwei sehr großen und starken Eichenbäumen geworden, die miteinander verwachsen waren. Der Mitschüler zählte mit verdeckten Augen laut bis dreißig. Und während er zählte, spürte ich es auf einmal. Es war ein starkes Gefühl, das mich an der Zwillingseiche stehend durchfuhr. Ich spürte, dass meine Kindheit vorbei war.
5
Nachdem die Nervenärzte deinen Zustand für „nicht mehr korrigierbar“ befunden hatten, musstest du innerhalb von zwei Tagen die Spezialklinik verlassen und wurdest in ein Pflegeheim eingeliefert. Man hatte dich aufgegeben und abgeschrieben. Auf deinen Entlassungspapieren stand unter anderem der Satz:
„Die Patientin hat ein gesundes Herz.
Es ist davon auszugehen, dass der derzeitige Zustand über Jahrzehnte stabil bleiben wird.“
Das Versagen einer Kleinstadtärztin im Nachtdienst hatte dazu geführt, dass du in deinem 59. Lebensjahr auf eine Reise in ein Niemandsland geschickt wurdest. Es sollte die längste Reise deines Lebens werden.
Und du solltest niemals davon zurückkehren.
6
Heute ist ein schöner sonniger Herbsttag.
Du mochtest den Herbst. Lieber als den Sommer.
So wie Hilda und ich. Ich bin heute sehr lange im Wald spazieren gegangen.
