Rente Rucksack Abenteuer - Marianne Haynold - E-Book

Rente Rucksack Abenteuer E-Book

Marianne Haynold

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Beschreibung

Afrika! Eine Dorfschule wird gegründet – im südlichen Hochland von Tansania, abseits jeglichen Touristenrummels, bei den Ärmsten der Armen. Marianne Haynold arbeitet dort für einige Wochen mit. Sie begegnet einer Schule ohne Schulmaterial, ohne Spielgeräte, ohne Schulglocke, ohne Geld – doch mit neugierigen, lernbegeisterten, aufgeweckten Kindern. Ganz selbstverständlich wird sie von einer afrikanischen Großfamilie aufgenommen, gehört dazu und lernt deren Sitten kennen, ihren Glauben, ihre Nöte, ihre Sorgen und Freuden. Der Alltag ohne fließendes Wasser wird zur Gewohnheit, der Tag ohne Zeit bleibt eine Herausforderung und die Reisen in schrottreifen Bussen quer durchs Land lassen an Wunder glauben.

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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zu diesem Buch

Afrika! Eine Dorfschule wird gegründet – im südlichen Hochland von Tansania, abseits jeglichen Touristenrummels, bei den Ärmsten der Armen. Marianne Haynold arbeitet dort für einige Wochen mit. Sie begegnet einer Schule ohne Schulmaterial, ohne Spielgeräte, ohne Schulglocke, ohne Geld – doch mit neugierigen, lernbegeisterten, aufgeweckten Kindern. Ganz selbstverständlich wird sie von einer afrikanischen Großfamilie aufgenommen, gehört dazu und lernt deren Sitten kennen, ihren Glauben, ihre Nöte, ihre Sorgen und Freuden. Der Alltag ohne fließendes Wasser wird zur Gewohnheit, der Tag ohne Zeit bleibt eine Herausforderung und die Reisen in schrottreifen Bussen quer durchs Land lassen an Wunder glauben.

Marianne Haynold, Jahrgang 1948, lebt im Schwarzwald. Seit ihrer Pensionierung ist die ehemalige Lehrerin stetig auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Mehrere Monate verbrachte sie seither in Süd-Ost-Asien und Afrika, wo sie in verschiedenen sozialen Projekten engagiert war.

Für Familie Lutambi,

die mich so gastfreundlich aufnahm und durch den chaotischen afrikanischen Alltag navigierte.

“Number One“ - Heimat von Kelly‘School

Inhalt

AUFBRUCH

EIN TICKET. ZWEI TELEFONNUMMERN.

SIE SIND DA!

BAJAJI, DALLA-DALLA UND ANDERE VEHIKEL

IM BUS DURCHS LAND

MEINE AFRIKANISCHE GROßFAMILIE

DRAMA UM DIE KUH

GOTTESDIENST

MEIN ERSTER SCHULTAG

DER BUS FÄHRT, WENN ER VOLL IST

KLIRRRR – EIN AST IM BUS

KRISTER, MEIN VORBILD

KELLY'S SCHOOL

VERSCHLOSSENE TÜREN

GIPFELGLÜCK MIT JAMES

EIN BISSCHEN GESCHICHTE

VERTRAUEN

SORGEN

A SPECIAL DAY

DIENSTREISE

TIPPS UND TRICKS

IMMER NEUE ÜBERRASCHUNGEN

HARTE ARBEIT

PRIORITÄTEN

FOR FREE

QUER DURCHS LAND

FLYCATCHER

WEG UND ZEIT

HEIMWEH

SCHNEE AUF DEM KILIMANDSCHARO

PRÜFUNG

NO MONEY

ÜBERRASCHUNGEN

ZEIT

GLÜCK GEHABT

IM KRANKENHAUS

SCHNELLE ENTSCHEIDUNG

UNTERRICHT BEI JULIETTE

ADRENALINFREI

LABOUR-DAY

ORDNUNG MUSS SEIN

GOTT UND FUSSBALL

WUNDERWELT

SEIDA

BLENDA

GEDANKEN

BANANEN UND BEHÖRDEN

TRÄUME UND WÜNSCHE

HOFFNUNGEN

ON TOUR

NUMBER ONE

ALLTAG

COUNT-DOWN

DSCHUNGELTOUR

ABSCHIEDSFEIER

NOCH EINE PARTY

GOOD BYE

AUFBRUCH

„Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken, noch für Gefühle.

Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.”

Ingemar Bergman

Meine Pensionierung liegt ein gutes Jahr zurück: ohne Burn-Out oder sonstige Verschleißerscheinungen. Damals dachte ich: Ein Geschenk, ein Glück, ein Traum? Oder doch das Rentnerloch? Das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören? Ich wusste es nicht, denn ich war gerne Lehrerin.

Mit einem Sabbatical zwei Jahre zuvor testete ich den (Un)Ruhestand, ich wollte einen Vorgeschmack, wissen, wie es sich anfühlt ohne geregelte Arbeit, ohne die Vertrautheit eines Lehrerzimmers, ohne zwingende Struktur. Zehn Monate tourte ich damals durch Südostasien und genoss die Freiheit und die Vorfreude. Dann ging es wieder zurück in den sicheren Schulalltag.

Bis der letzte Arbeitstag unaufhaltsam näher rückte. Ferien für immer! Das fühlte sich anders an. Ungewisser, so endgültig, auch Wehmut und Sorge meldeten sich gelegentlich und vermischten sich mit der Erleichterung, durchatmen zu können und frei zu sein.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."

Hermann Hesse: Stufen

Dieser Zauber trug mich (beflügelt) in meinen neuen Lebensabschnitt. Ich ging auf Reisen: mit Rucksack, mit wenig Plänen, mit viel Neugier. Ich wollte in fremde Kulturen eintauchen, Menschen treffen, die anders leben, als ich es gewohnt bin, Grenzen ausloten, Ängste überwinden, Vorurteile abbauen, mehr von der Welt sehen. Und der Zufall kam mir zu Hilfe, als ich von einer Schule im südlichen Hochland von Tansania hörte.

MONTAG, 24. MÄRZ 2014

EIN TICKET. ZWEI TELEFONNUMMERN.

Noch habe ich keine Vorstellung von meiner neuen Heimat

„Nehmen S' die.“ Ich bin gerade noch am Fahrkartenautomat des kleinen bayerischen Bahnhofs in die Menü-Anweisungen vertieft, da drückt mir ein junger Mann sein Tagesticket in die Hand, wünscht eine gute Reise und verschwindet Richtung Ausgang. Ein gutes Omen!

Der Zug zum Flughafen wartet bereits. Ich hieve mein Gepäck ins Innere und staune, dass ich der einzige Fahrgast bin. Bei so viel Freiraum lasse ich den Koffer im Gang stehen, die übrigen Gepäckteile lege ich auf die Sitzplätze neben mir.

Eine Dame steigt zu und entscheidet sich für den Platz direkt mir gegenüber. Warum sucht sie sich nicht eine der vielen freien Sitzgelegenheiten aus? Warum ausgerechnet diese? Ihr Blick mustert mich von Kopf bis Fuß, dann geht er zum Koffer, zum Rucksack und wieder zurück. Mehrmals. Dann traut sie sich: „Gehen Sie auf Weltreise?“ Immerhin, was ich so alles mit mir schleppe, sieht nach Größerem aus. „Nach Afrika, für drei Monate“, und ich kann es selbst noch kaum glauben.

Vor Wochen traf ich einen meiner früheren Kollegen. Ich erzählte Kai von meinem Unterwegssein und spontan fragte er, ob ich Lust hätte, nach Afrika zu reisen. Nach Tansania. Das klang spannend. Er hätte längere Zeit dort gelebt und vor Monaten zusammen mit einem einheimischen Freund eine Schule gegründet. Vor Kurzem sei sie eröffnet worden. „Willst du dort mitarbeiten? Solange du Lust hast. Du könntest gleich anfangen.“

Jetzt, acht Wochen später, bin ich auf dem Weg und erzähle meiner unbekannten S-Bahn-Nachbarin die Story. Sie will viel wissen, und mir wird mehr und mehr bewusst, wie wenig ich weiß.

Gut, ich bin ausgerüstet mit einem Ticket nach Daressalam und mit zwei Telefonnummern: Eine gehört Mister Lutambi, Kais afrikanischem Freund, die andere einem Taxifahrer. Für den Notfall! Außerdem mit viel Optimismus, einer Riesenportion Neugier und einer Unmenge Vertrauen.

Am Flughafen will Mister Lutambi mich abholen, so hatten die beiden Männer es vereinbart. Im südlichen Hochland, in Mbeya, ist er zu Hause, 800 Kilometer von meinem Landeort entfernt und irgendwo dort in der Nähe ist auch die Schule.

Wo ich wohnen werde? Wie ich hinkomme? Was meine Aufgaben sein werden? All das fragt mich Antje und schüttelt immer wieder den Kopf. Das würde sie sich nie zutrauen. Und ob ich keine Angst habe?

Als sie 40 Minuten später aussteigt, sie auf dem Weg in einen geruhsamen Feierabend und ich zu unbekannten Afrikaerlebnissen, umarmen wir uns, tauschen Adressen aus und versprechen uns regelmäßigen Mailkontakt. Noch ein gutes Omen!

Morgen, ungefähr um die gleiche Zeit werde ich in der größten Stadt des Landes in Ostafrika landen! Mit einem Riesenkoffer, vollgepackt mit Spielzeug und Arbeitsmaterial für die Schule, mit einer Tasche voller Werkzeug für Mister Lutambi und ein paar Klamotten und persönlichen Dingen im Rucksack.

DIENSTAG, 25. MÄRZ 2014

SIE SIND DA!

Mister Lutambi und Marta erwarten mich

Am Nachmittag landen wir in Daressalam, der Drei-Millionen-Stadt. Der Flughafen ist übersichtlich, kein Glitzer und Glamour wie bei der Zwischenlandung in Dubai. Die Einreise zeitintensiv. Fingerabdrücke, Gebühren für die Einreise bezahlen, warten. Schließlich bekomme ich mein Drei-Monats-Visum.

Ich erkenne ihn sofort! Unter all den Leuten, die im Abholbereich warten. Der kleine, leicht untersetzt wirkende Herr im schwarzen kurzärmligen Baumwollhemd und der schwarzen Hose – das muss er sein: Mister Lutambi, der Freund meines Freundes. ‚Die Sinne trügen nicht‘, heißt es bei Goethe. Zielsicher steuere ich mit meinem Gepäckwagen auf ihn zu, blicke in ein offenes freundliches Gesicht, in strahlende Augen. Und auch für ihn ist klar: Das ist sie! Vorsichtshalber zeigt er mir noch den Zettel mit meinem Vornamen. Ja! Ich bin's! Herzliche Begrüßung! Wie bei alten Bekannten!

Mister Lutambi ist nicht allein gekommen. Hinter ihm stehen zwei Frauen, die ältere stellt er mir als Mama vor, eine jüngere, sehr schüchterne, nennt mir ganz leise und scheu ihren Namen: Marta. Mama ist eine große stattliche Dame, unglaublich dick, unglaublich schick, unglaublich liebenswürdig. Um die sechzig Jahre alt. Vor Jahren lebte sie in Mbeya und war die Nachbarin der Familie Lutambi. Nachdem der Ehemann verstorben und die Kinder das Haus verlassen hatten, siedelte sie nach Daressalam über. Heute arbeitet sie als Sekretärin, bewohnt ein großes Haus, ist Inhaberin eines Straßenkreuzers, mit dem sie zum Flughafen gekommen sind, um mich abzuholen – und Mama spricht hervorragend Englisch.

Marta nimmt mir sofort meine Handtasche ab. Nichts darf ich tragen. Gäste werden verehrt, verhätschelt, verwöhnt und jede Mühe und Anstrengung von ihnen ferngehalten. Sie unterrichtet an meiner neuen Schule, wird meine Ansprechpartnerin und fast immer an meiner Seite sein. Und ganz schnell eine enge Vertraute und Freundin werden. Doch noch wirkt Marta ängstlich, distanziert, mausgrau in ihrem dunklen biederen Sommerkostüm. Fragt nichts, lacht nicht, geht fünf Schritte hinter uns. Unterwürfig. Sie, die Jüngste, demonstriert perfekt die Hierarchie. Alter hat Vorrang.

In Mamas nobler Karosse fahren wir durch den Großstadtdschungel zu einem Hotel, hier werden wir übernachten, es gibt heute kein Weiterkommen mehr nach Mbeya.

Später treffen wir uns in Mamas Haus zum Abendessen. In ihrem geräumigen Wohnzimmer hat sie den Tisch gedeckt, fast wie zu Hause: schön bestickte Decke, Teller, Gläser, Besteck. Nebenan Sofa und Sessel und Couchtisch und Fernseher. Mama bringt ihre Köstlichkeiten: Kartoffeln, Kraut, Bohnen, Fleisch, Dessert. Fast wie zu Hause! Ich spüre eine leichte Enttäuschung, will ich doch Afrika kennenlernen und nicht Altbekanntes antreffen. Ahnungslos und vorurteilsvoll verbinde ich Afrika mit Lehmhütte, Strohmatte und „auf dem Boden sitzen”.

Bevor wir zu speisen beginnen, dann doch der Unterschied: Es gibt kein fließendes Wasser. Ein Mädchen, eine Hausangestellte, bringt eine leere Schüssel und eine Kanne, gefüllt mit warmem Wasser. Während das Mädchen die Schüssel hält, lässt Mama ganz vorsichtig Tropfen für Tropfen zuerst über meine Hände, dann über die der anderen aus dem Krug rieseln. Die Zeremonie des Händewaschens ist wichtig und wird niemals übergangen, so erklären sie mir. Ich frage mich wozu: Meine Hände werden nass, doch sauber werden sie davon nicht.

Es schmeckt, Mama erzählt viel über sich und ihr Leben, ihre Familie und ihre Arbeit.

Spät nachts verabschieden wir uns. Nach Mamas fester und langer Umarmung spazieren Mister Lutambi, Marta und ich unter dem sternenklaren Himmel durch die Straßen von Daressalam zurück zu unserem Hotel. Am nächsten Morgen wollen wir mit dem Bus nach Mbeya weiter.

MITTWOCH, 26. MÄRZ 2014

BAJAJI, DALLA-DALLA UND ANDERE VEHIKEL

Meine erste Fahrt in einem Bajaji

Ich lerne die afrikanische Geduld und Gelassenheit zum ersten Mal kennen. Stunde um Stunde warten wir zusammen mit anderen geduldigen Menschen an einer Straße auf den Bus nach Mbeya. Niemand weiß, wann der nächste kommt und ob überhaupt. Die Leute reagieren weder nervös noch ungehalten. Sie hocken auf ihren Bündeln, dösen vor sich hin, blicken ab und zu auf, checken die Lage und vertreiben sich weiter die Zeit mit Nichtstun.

Fünf Stunden harren wir aus. Mister Lutambi läuft der Schweiß übers Gesicht, Marta beschäftigt sich pausenlos mit ihrem Handy, ich sitze auf meinem Rucksack und starre in die Gegend. Dann hat Mister Lutambi genug. „Let's go!“ ordnet er energiegeladen an, schnappt seinen kleinen Koffer und meinen großen. Marta will unbedingt meinen Rucksack schleppen, mir bleiben die Kleinigkeiten – so trotten wir von dannen, die Fahrt nach Hause wird verschoben.

Immerhin, nach Mbeya würden wir, wenn alles klappt, zehn bis zwölf Stunden im Bus sitzen und mitten in der Nacht ankommen. Mister Lutambi findet das nicht so prickelnd und für mich, zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent, ist eine Fahrt tagsüber allemal interessanter. So wollen wir morgen, sehr früh, einen erneuten Versuch starten und Mister Lutambi meint, wenn wir am zentralen Terminal einsteigen, gäbe es keine Probleme. Alle Busse für längere Strecken starten von dort.

Nur ein paar Meter sind wir derart bepackt unterwegs, schon kommen die Taxifahrer mit ihren zwei-, drei- und vierrädrigen Vehikeln angerauscht. Haarscharf bremsen sie neben uns, jeder will uns mitnehmen, auch wenn das Fahrzeug ein Motorroller ist und für die Beförderung von drei Menschen plus Fahrer plus einem großen Koffer plus Rucksack plus mehreren Teilen Kleingepäck eher ungeeignet erscheint. Frei nach dem Motto: „Nichts ist unmöglich!“ quasseln sie auf uns ein, wollen den Zuschlag.

Mister Lutambi entscheidet sich für ein bajaji, ein dreirädriges Fahrzeug. Marta wird immer zutraulicher und schüttelt sich vor Lachen, wenn ich badschadschi sage und das tuk-tuk-ähnliche Fahrzeug meine. Der Fahrer kennt – so bestätigt er mit gestikulierender Überzeugung – das Hotel in der Nähe des großen zentralen Busbahnhofs, das Mister Lutambi ihm nennt. „Only twenty minutes“, versichert er. Wir laden ein, steigen ein, es geht eng zu, wir sitzen mehr auf- als nebeneinander.

Während der Fahrt durch die Stadt fühle ich mich wie in einer Geisterbahn. Offroad pur. Von Straßen ist nichts zu sehen. Schlammwege mit tiefen Rillen, waschschüsselgroße, mit Wasser gefüllte Schlaglöcher, ein Graben nach dem anderen und Baustellenabsperrungen machen ein Durchkommen zum Balanceakt. Dazu jede Menge Autos und boda-bodas – die Motorradtaxis, deren lustiger Name von border-border, Grenze-Grenze, abgeleitet ist und die vor allem im Niemandsland zwischen den Grenzstationen verkehren –, dazu andere bajajis, Fußgänger, Hunde, verloren im Dreck kauernde Kinder, fliegende Händler, die neben uns her rennen und – hauptsächlich mir – ihren Krimskrams furchterregend nahe ans Gesicht drücken: Bildchen, geflochtene Ketten, geschnitzte Madonnen, manchmal Essbares. Unser Fahrer schlängelt sich durch und um all die Hindernisse, das Fahrzeug hängt streckenweise bedenklich schief. Das Gepäck müssen wir, damit es nicht herauskullert, festhalten, während wir gleichzeitig hin und her rutschen, um einigermaßen im Gleichgewicht zu bleiben. Über eine Stunde manövriert unser Chauffeur nun schon galant durch den chaotischen Großstadtdschungel. „Alles okay“, er weiß den Weg, sogar den kürzesten. Beschwichtigend strahlt unser Bajaji-Held den allmählich skeptisch nachfragenden Mister Lutambi an, als wir zum dritten Mal an derselben Baustelle vorbeifahren. Nach mehreren Stadtrundfahrten kommen wir dann doch wohlbehalten an unserem Zielort an, alle sind glücklich: wir ebenso wie unser Mann am Steuer.

Im Hotel teile ich mit Marta ein Zimmer mit Dusche und Fernseher. Marta scheint süchtig zu sein. Noch ehe sie ihr Köfferchen abgestellt hat, schaltet sie die Glotze ein. Ein elendes Gedödel dröhnt jetzt durch den Raum, Ohrenschmerzen sind vorprogrammiert, Taubheit abzusehen. Nicht dass sie eine Sendung sehen wollte, nein, die Kiste muss einfach laufen, immer und überall und bei jedermann, wie ich in den nächsten Wochen noch zur Genüge erfahren werde. Als ich Marta vorsichtig frage, warum der Fernseher an sein muss, warum in dieser Lautstärke, schaut sie mich mit ihren großen dunklen Augen verdattert an, zuckt die Schultern und versteht die Welt und meine dumme Frage nicht. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Der Kasten ist immer in Betrieb. Basta.

Wir fahren mit einem dalla-dalla, einem Minibus, zu einer Mall. Diese riesigen Einkaufszentren gibt es wohl überall auf der Welt, sogar in den ärmsten Gegenden. Wenig Menschen sind auf „Shopping-Tour”. Touristen sind selten und den Einheimischen fehlt das Geld. Ich brauche unbedingt eine Internet-Verbindung. Das funktioniert nur mit Modem und stellt sich als schwieriges Vorhaben heraus. Wir klappern Computer- und Telefonläden ab, fündig werden wir nicht. Entweder sind die Teile viel zu teuer oder nicht vorhanden oder der Verkäufer versteht nicht, was wir wollen oder Mister Lutambi meint, er finde noch etwas Besseres. Dann endlich, außerhalb der feinen Geschäfte in einem unscheinbaren Straßenladen mit einer roten Fahne und der weißen Aufschrift „airtel tansania“, klappt es. Ich bekomme mein Modem und das gute Gefühl, wieder in der Welt zu sein. Es sollte noch dauern, bis ich nach gemeinschaftlicher Anstrengung wieder „online“ bin.

Marta erzählt mir aus ihrem Leben. Von ihren neun Geschwistern, den Eltern, ihrem Zuhause, das sie mit acht Jahren verließ, um in der Stadt eine Schule zu besuchen. Von ihrem Freund, der hier in Daressalam wohnt, und dass eine gemeinsame Wohnung vor der Ehe für sie nicht in Frage käme. Sie wünscht sich Kinder und ein Haus. Sie ist gerne Lehrerin, Unabhängigkeit und Einkommen sind ihr wichtig. Ich frage nach ihrem Alter und dem ihrer Geschwister. Marta kommt ins Straucheln. Zahlen, Daten und Fakten sind für sie nicht wirklich wichtig. Es zählt, über den Tag, über die Runden zu kommen. Dafür verwendet sie ihre Energie.

DONNERSTAG, 27. MÄRZ 2014

IM BUS DURCHS LAND

Ungewohnte Straßenverhältnisse

Afrika tickt anders. Gestern noch wunderte ich mich über die Gelassenheit und Gemütsruhe, heute Morgen über das Tempo. Um fünf Uhr klingelt der Wecker, Marta springt aus dem Bett, wechselt schnell die Klamotten, verstaut ihre Habseligkeiten und will losspurten. Uff, auf so viel Eile war ich nicht gefasst! Sie drängelt mich, schnell, schnell, ich habe keine andere Wahl als ebenso flott wie sie von der Nacht in den Tag zu starten. Keine fünf Minuten später stehen wir unten in der Hotelhalle: ich mit Strubbelhaaren, Marta hat die ihren auf zwei Zentimeter gestutzt, kein Frühstück, die Lider noch halb geschlossen. Mister Lutambi kommt aus einer anderen Ecke, auch nicht frischer als wir. Draußen steht das Taxi – ein PKW mit vier Seitentüren und Kofferraum. Heute müssen wir den Bus nach Mbeya erreichen.

Dreihundert Meter sollen es vom Hotel zum Busterminal sein. Gefühlte dreihundert Kilometer sind wir unterwegs. Entweder steht ein Auto quer im Weg oder der Straßenabschnitt unter Wasser oder die Matschpfütze quillt vor Dreck über. Unser Taxifahrer wendet immer wieder und sucht sich neue, kaum passierbarere Wege. Die Räder drehen durch, er kurbelt am Lenkrad, reißt den Schalthebel in alle Richtungen, gibt Gas, flucht vor sich hin und versucht, die Karre irgendwie zu bewegen, egal in welche Richtung. Schlammschlacht pur, wie beim härtesten Autocross.

Der riesige Busbahnhof ist eingezäunt wie ein Gefängnishof. Nur ein schmales Tor bietet Einlass. Die Menschenmenge davor unüberschaubar, das Gedränge und Geschrei beängstigend. Nein, wir stellen uns nicht hinten an. Mister Lutambi steckt einem Wachposten diskret ein paar Scheine zu. Der Mensch geht mit uns fünfzig Schritte weiter an all den Wartenden vorbei und lässt uns durch ein noch kleineres Tor ins Innere. Unzählige Busse stehen hier kreuz und quer im Gelände, überall Kartons und Kisten und Menschen und Tiere. Ich frage mich, wie man in all dem Durcheinander den richtigen Bus finden kann. Mister Lutambi hat damit kein Problem. Er findet sich in dem für mich unglaublichen Chaos bestens zurecht.

Rucksäcke, Koffer, Säcke, Kisten, all das sperrige Zeug wird blitzschnell in den Kofferraum verladen. Wir steigen ein, suchen unsere Plätze. Als erstes bindet Marta ihre Tasche an ihrem Sitz fest. Unmissverständlich fordert sie mich auf, es ihr gleichzutun. Nichts, gar nichts sei sicher. Auf die Idee, dass mir einer so schnell mein Zeug klauen könnte, bin ich nicht gekommen. Ja, an meiner Gutgläubigkeit habe ich hier in Afrika noch hart zu arbeiten.

Nun sitzen wir im Bus: ich am Fenster, Marta neben mir, Mister Lutambi eine Reihe vor uns. Wir warten. Und mit uns ungefähr sechzig andere Fahrgäste. Auf wen? Auf was? Weshalb? Warum? Keiner fragt, keiner regt sich auf, Zeit scheint wieder unendlich viel zur Verfügung zu sein und ändern lässt sich sowieso nichts. Eine Stunde lang geht das so, eine perfekte Lektion, um Gelassenheit und Geduld zu üben. Dann springt der Fahrer plötzlich ins Innere, landet punktgenau auf seinem Sitz, zwei Begleiter hinterher, los geht’s. Kaum aus der Stadt draußen, zeigt er seine Freude am Busfahren. Er gibt Gas. Das alte Vehikel, bei uns garantiert ohne jegliche Zulassungschancen, rattert über die einzig asphaltierte Straße ins Landesinnere. Fernsehapparate, unterm Dach montiert, unterhalten in einer nur für Gehörlose erträglichen Lautstärke die Fahrgäste mit Porno-, Sex- und Totschlagfilmen. Erneut frage ich mich nach dem Sinn. Soll es Betäubung, Bestrafung oder doch Unterhaltung sein? Und kann mich nur wundern, denn außer mir schläft – so scheint es zumindest – der Rest der Truppe. Außerdem ist das ganze Geschrei in Englisch, also vermutlich unverständlich für die allermeisten.

Ich kann und will weder schlafen noch glotzen, ich will Afrika in mir aufnehmen. Durch die dreckige Fensterscheibe spähe ich nach draußen. An Kreuzungen, wenn der Fahrer abbremsen muss, rasen blitzschnell Horden von Straßenverkäufer auf den Bus zu, pochen an die Fenster, animieren zum Öffnen, fuchteln aufgeregt mit ihren Schätzen durch die Luft und hoffen, dass irgendwo eine Luke aufgeht und irgendeiner etwas kauft. Meine Mitfahrer reagieren nicht, ich bin wohl die Einzige, die die eifrigen Anbieter überhaupt wahrnimmt, und so schubsen sie sich gegenseitig vor meinem Fenster hin und her. Umsonst – ich öffne nicht! Auch nicht für das flehentlichste Bitten und Betteln, nicht für das charmanteste Grinsen und nicht für lautstarke Worte, die ich – glücklicherweise – nicht verstehe.

Stunde um Stunde fahren wir durch die tansanische Landschaft – ohne Stopp! Muss hier keiner aufs Klo? Jedenfalls meldet sich niemand, und eine Toilette gibt es in diesem Bus nicht. Wenn es an einer der Straßenschikanen ordentlich rumpelt, wird der eine oder andere kurz munter, positioniert seine Gliedmaßen neu und döst sofort weiter.

Ein großes Schild kündigt einen Nationalpark an. Jetzt drücke ich die Nase platt ans Fenster. Elefanten, Giraffen, Antilopen grasen friedlich ganz nah an der Straße. Die Landschaft hier ist wunderbar grün, der Himmel herrlich blau, in der Ferne sind die Berge zu sehen.

Nach fünf Stunden genehmigt der Busfahrer sich und uns die erste Pause: zehn Minuten! Toilette, Essen kaufen, Füße vertreten, Luft schnappen. Kurz wünschte ich, ich wäre ein Mann! Dieses ewig-lange Anstellen bei der Damentoilette! Und dann das! Ein Loch hinter einem Bretterverschlag! Bevor ich endlich an Ort und Stelle „mein Geschäft“ erledigen darf, ist geschicktes Balancieren durch die Ausscheidungen unzähliger Vorgängerinnen erforderlich. Doch ich habe keine Wahl und nehme die Herausforderung trotz allem dankbar an.

Zehn Minuten sind zehn Minuten sind zehn Minuten! Hupe! Noch dreißig Sekunden, so sagt mir Marta, dann fährt der Bus los – ohne Wenn und Aber, ohne Pardon! Die Leute rennen: vom Essen weg, von der Toilette weg, halb angezogen, um die Weiterfahrt, um ihr Leben. Wir sitzen noch nicht wieder, als der Bus den Parkplatz verlässt. Keiner überprüft, ob alle da sind, keiner zählt nach, keiner meldet Vermisste. Mister Lutambi hat Hot Dogs, Getränke und eine Zeitung besorgt. Mit essen, lesen, quasseln und zwischendurch einem Nickerchen vertreiben wir uns die nächsten sechs Stunden. Ein Blick nach vorne und einer nach hinten bestätigt mir: Alle Plätze sind belegt. Alle sind, so sieht es zumindest aus, wieder im Bus! Verrückt – schießt es mir durch den Kopf. Da warten wir stundenlang oder sogar einen ganzen Tag lang auf einen Bus und plötzlich geht es um Sekunden. Ich suche bei Marta nach einer Erklärung – und die ist einfach. „It's normal”, sagt sie ganz entspannt und zuckt nur die Schultern über meine Philosophiererei.

Als wir am Abend in Mbeya ankommen, erwartet uns ein Teil meiner neuen afrikanischen Großfamilie an der Haltestelle in Sae, einem Vorort von Mbeya. Cecilia, Mister Lutambis Ehefrau, ist mit Karoline, dem zwei Monate alten Baby, und den Töchtern Kelly und Karen, fünf und sieben Jahre alt, gekommen. Auch eine der älteren Töchter ist dabei und Kristofer, der Adoptivsohn. Schick angezogen stehen sie hier: die Mädchen in bunten Sommerkleidchen, die Mutter und die ältere Tochter Irene im Look der Fünfziger-Jahre: Kostüm, wadenlanger enger Rock, Jacke, dezente Farben. Kristofer in Hemd und guter Hose.

Es ist, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Kelly springt mir sofort in die Arme, herzliche und innige Umarmungen mit allen ohne Scheu, ohne Fremdeln. Alle Anspannung ist gewichen. Meine Augen füllen sich, hier am Parkplatz meines neuen Zuhauses, mit Tränen. Ich bin angekommen und angenommen – von der ersten Minute an.

In Mister Lutambis Auto fahren wir die ungefähr zwei Kilometer zum Haus der Familie. Dort hat Krister, eine andere Tochter, in der Zwischenzeit ein herrliches afrikanisches Essen zubereitet. Mit allem, was die Region bietet: Ugali, Gemüse, Avocado, Bananen, Ananas. Mister und Mrs. Lutambi sprechen Englisch, die Kinder auch, und so wurde gleich aus dem ersten Abend eine lange Nacht. Ja, hier bin ich daheim – für die nächsten Wochen auf jeden Fall.

FREITAG, 28.MÄRZ 2014

MEINE AFRIKANISCHE GROßFAMILIE

Von links nach rechts: Irene mit Baby Karoline, Krister und davor Karen, Mister Lutambi, ich, Mama K mit Kelly

Ich möchte meine neue Familie auf Zeit vorstellen. Ohne jegliche Garantie für Name, Alter, Familienverhältnis, Job, Zukunftspläne, Sonstiges. Heute ist es so – oder sie sagen es so – und morgen sieht alles ganz anders aus.

Hier im Haus ist Mister Kennedy Lutambi der Boss. Nie habe ich Widerworte gegen ihn gehört, nie ein Aufbegehren erlebt. Sein Wort gilt, für alle. Und jeder, auch seine Ehefrau und die Töchter, nennen ihn, den 42-Jährigen, Mister Lutambi. Er, das Oberhaupt, der Ehemann, der Vater, der Verdiener, steht über allem und allen.

Cecilia, seine Gemahlin und nach eigenen Angaben 34 Jahre alt, wird Mama K gerufen. Denn mit K beginnen die Vornamen der sechs Töchter. Stimmt nicht ganz – aber fast! Madame K befindet sich im Mutterschutz, bis Karoline drei Monate alt ist, dann wird sie wieder frühmorgens zu ihrer Arbeitsstelle, einem Büro ungefähr sechzig Kilometer entfernt, fahren.

Kaferine, 18, die älteste der Geschwister, besucht zurzeit ein Internat im Norden des Landes, 1300 Kilometer entfernt. Sie kommt nur zweimal im Jahr, an Weihnachten und zu den langen Ferien im Juni, nach Hause. Sie lerne ich leider nicht persönlich kennen.

Krister und Irene sind Zwillinge! Wirklich? Mama K behauptet es, Irene sagt, sie sei 17, kurze Zeit später spricht der Vater von 15 und Krister erklärt mir, dass sie 16 Jahre alt sei. Und nun? Ich bin leicht verwirrt und kapiere schnell, dass es doch völlig egal ist, ob 15, 16 oder 17 Jahre, ob Zwilling oder nicht. Die Mädchen sind überaus sympathisch, verbringen zurzeit ihre Ferien daheim und warten auf einen Platz in einer „Boarding School”, einem Internat. Da sie vorbildliche Schülerinnen und in der Rangliste ihrer bisherigen Schule ganz oben zu finden sind, haben sie die Chance, ein Stipendium zu bekommen. Krister möchte später Pharmazie studieren und Irene als Ärztin arbeiten. Irene, wo ist das K? „No problem“, sagt Mama K, mit zweitem Namen heißt sie Klara!

Karen und Kelly, sieben und fünf, verbringen die meiste Zeit zusammen. Beide besuchen eine private Schule in der Nähe, gehen morgens gemeinsam aus dem Haus und kommen am späten Nachmittag zurück.

Und natürlich Karoline, das Baby. Zwei Monate alt und aller Liebling. Sie wird geknuddelt und liebkost, ist immer mit dabei, wenn Mama K weggeht, und daheim ist ihr Platz in ein Tuch gebunden auf irgendjemandes Rücken. Niemals lasse man so kleine Kinder ohne Körperkontakt, nicht tagsüber und nicht nachts. Bis zu einem Alter von eineinhalb Jahren schlafen sie im Bett bei einem Erwachsenen, so sagt mir Mama K.

Sie alle bilden die Kernfamilie, tragen zu ihren Vornamen den Familiennamen Lutambi. Dennoch wird jeder, der im Haus weilt – und sei es auch nur für eine Nacht – zur Familie gezählt und gehört dazu. Die Großfamilie besteht folglich aus deutlich mehr Mitgliedern als den Eltern und leiblichen Kindern, wobei die Zusammensetzung sich immer wieder verändert.

Kristofer, 16, gehört zum engsten Familienkreis und doch hat er einen anderen Status als die Töchter. Er, der Sohn von Mister Lutambis jüngster Schwester, verlor früh den Vater. Als er zehn Jahre alt war, starb die Mutter. Sind Kinder ohne Eltern, so werden sie in der Regel von Verwandten adoptiert. Von Montag bis Freitag besucht der immer freundliche Kristofer eine Tagesschule in der Nähe, zu Hause ist er zuständig für Hof und Garten. Leider sehe ich ihn nur wenig. Selten kommt er in den gemeinsamen Wohnraum, nie ist er bei den Mahlzeiten oder bei Familiengesprächen dabei und ich weiß nicht, wo und ob er ein Zimmer hat.

Seit Karolines Geburt bereichert Sessi, als Kindermädchen für Karoline engagiert, die Familie. Hier ist ihr neues Zuhause. Die 18-Jährige kommt aus einem sehr armen Elternhaus. In ihrem entlegenen Heimatdorf hatte sie keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen und ist froh, eine Arbeitsstelle, ein Dach überm Kopf und Menschen, die sie mögen, um sich zu haben.

Zwei 15-jährige Jungen, wie Sessi aus sehr armen und kinderreichen Familien im Hochland, weit weg von jeglicher Zivilisation, ohne Schulbildung und zu Hause ohne jede Chance, kümmern sich um die Tiere.

Dorin, eine stämmige, immer gutgelaunte, zu Späßen aufgelegte 22-Jährige, treibt Mister Lutambis Laden vor dem Haus um, verkauft Getränke, Chips, Seife, Bonbons und sonstigen Kleinkram. Ein paar Hocker und ein Tisch stehen vor dem Geschäft, oft kommen Leute aus der Umgebung vorbei, setzen sich für eine Weile zusammen, plaudern, diskutieren, schimpfen, lachen, verschönern sich den Alltag.

Paul, der Wachmann, behält Haus, Hof und Eingangstor im Auge. Fremde kommen nicht an ihm vorüber. Einbrüche und Diebstähle gehören zum täglichen Leben, sind nicht ungewöhnlicher als Stromausfall oder ein paar Ziegen mitten auf der Straße und für die Einheimischen nicht besorgniserregend. Man muss eben Vorkehrungen treffen, sagt Mister Lutambi. Auch sein Anwesen ist durch mannshohe Mauern geschützt, das Eisentor am Eingang gut gesichert.

Alle wohnen, schlafen, essen und arbeiten hier. Sie bilden die Großfamilie. Und jetzt bin ich noch dazugekommen in das wahrlich nicht übergroße Haus.

Mit Mister Lutambi und Mama K fahre ich am späten Vormittag ins Zentrum von Mbeya. Mbeya wurde 1927 gegründet, um die Goldgräber in der Gegend zu versorgen. Der wichtigste Ort der Region liegt 1700 Meter hoch. Die Eisenbahnlinie und Straßen aus verschiedenen Richtungen führen vorbei, die Verbindung zu Sambia und Malawi ist günstig. Das angenehme Klima, die grandiose Landschaft mit über 3000 Meter hohen Bergen, purer Wildnis und nahegelegenen Nationalparks entschädigen für die eher langweilige Ansiedlung.

Wir schlendern durch die Straßen und Gassen, die für mich alle gleich aussehen. Überall kleine Geschäfte und vor den Geschäften am Straßenrand Stände mit Essbarem, Zeitungen, einem Sammelsurium an Büchern, Elektronikzeug, Schnüren und Haken, Telefonkarten: ein wildes Tohuwabohu. Vor den Ständen, am Straßenrand entlang auf dem Boden ausgebreitet, nochmals Unmengen von Krimskrams jeglicher Art. Ausgemusterte Teile aus den westlichen Ländern liegen herum, all das, was einst in den Kleidersammlungen so großzügig gespendet wurde, verticken sie hier wieder. Wie ein langer Teppich breiten sich T-Shirts, Pullis, Hosen, Jacken, Taschen, Plüschtiere, ausgelatschte Turnschuhe und Wintermäntel aus, und ihre Verkäufer haben mit dem vielen Zeug und den wenigen Kunden gar keine andere Wahl, als über jeden, besonders über Fremde, herzufallen.

Nächste Woche wird meine Arbeit in der Schule beginnen. Ich möchte nicht mit leeren Händen kommen und suche ein Geschenk, an dem möglichst viele Kinder Freude haben. Einen Ball möchte ich mitbringen, einen richtigen Fußball. Nur wo finden? Es gibt keine Spezialgeschäfte, überall findet man vieles und meist nicht das, was man gerade braucht. Doch irgendwann sehe ich in einem Straßenladen Bälle in Netzen an der Tür hängen, sogar Fußbälle sind dabei. Ich kaufe einen Lederball samt Luftpumpe und einen leichten Plastikball gleich dazu.

Mit Mama K gehe ich zum Markt. Die frischen, kunstvoll drapierten Früchte und Gemüsesorten sehen verlockend aus. Pyramidenartig sind Äpfel, Tomaten und Avocados aufgebaut, dazwischen geflochtene Körbe und Taschen und eine Marktfrau, die in aller Ruhe den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt hat und in der prallen Sonne auf Kundschaft wartet.

Kelly und Karen sind von der Schule zurück. Sie wollen mit mir spielen. So hole ich aus meinem mitgeschleppten Materialkoffer „Mensch ärgere dich nicht“ heraus, ein uraltes Gesellschaftsspiel für jedes Alter. Schon ich habe mir als Kind damit die Zeit vertrieben. Doch hier kennen sie es nicht, weder die Kleinen noch die Erwachsenen. Es gibt keine Spielsachen. Und ich sehe die überquellenden Kinderzimmer der deutschen Kinder vor mir – und die Kinder, die sich in all dem Überfluss trotzdem langweilen.

Nach kurzer Zeit hat sich die halbe Großfamilie um den Tisch versammelt, würfelt, zählt, bringt die Figuren erfolgreich nach Hause oder ärgert, wie das Spiel sagt, die anderen Mitspieler. Lautstark und engagiert kämpfen sie – fast wie im richtigen Leben.

Nebenbei hören und sehen wir die Nachrichten. In Daressalem, gestern waren wir noch dort, haben heute heftige Regengüsse die Straßen komplett überschwemmt, der Verkehr ist zusammengebrochen, das Wasser steht in den Häusern. Vermutlich wären wir einen Tag später nicht weggekommen.

SAMSTAG, DEN 29. MÄRZ 2014

DRAMA UM DIE KUH

Karen und Kelly führen mich stolz durch ihre Schule

Heute Morgen geht es laut und lebhaft zu. Keine Schule! Karen und Kelly rennen ausgelassen durchs Haus. Baby Karoline ist auch schon munter und wird von Sessi bespaßt, Krister und Irene schrubben Wohnzimmer und Flur. Mutter und Vater sind nicht zu sehen. Aus dem Fernseher dröhnt lautstark Musik, unterbrochen von Werbeblocks und schrillen Stimmen hysterischer Jugendlicher. Niemand nimmt Notiz davon, niemand sitzt und schaut, niemand scheint der Krach zu stören und niemals werde ich begreifen, warum die Kiste immer, ja, immer, vom Aufstehen der ersten Person bis zum Zubettgehen der letzten in Betrieb ist.

Ich ziehe mich wieder in mein Zimmer zurück. Ein großes Holzbett, von einem Moskitonetz eingehüllt, steht mit der Stirnseite an einer Wand und füllt den Raum fast komplett aus. Eine kleine Kommode daneben – das war‘s. Sparsam eingerichtete Räume mag ich, lieber zu wenig als zu viel. Hier passt alles. Meine wenigen Kleidungsstücke haben in dem Schränkchen Platz, der Rest bleibt im Rucksack in der Ecke. Bücher und Schreibzeug stapele ich auf dem Boden neben dem Bett. Tisch und Stuhl brauche ich nicht. Will ich schreiben oder lesen, so setze ich mich auf den Boden, lehne mich an der Bettkante an, das genügt.

Zwei Fenster hat das Zimmer. Das eine vergittert, mit dicker, milchiger Glasscheibe und einem mächtigen bodenlangen, grauen Vorhang. Das zweite Fenster an der anderen Wand hat einen ebenso dichten Vorhang, Eisengitter und keine Scheibe mehr. Feinmaschiger Draht schützt vor den Moskitos, Karton vor der Kälte, ein freies Stück lässt morgens die ersten Sonnenstrahlen in mein Zimmer und meinen neugierigen Blick nach draußen in den Hinterhof dringen. Durch eine winzige Tür an der Wand neben dem Kopfende des Bettes gelange ich in den „bathroom”, das Badezimmer. Ein kleines Waschbecken ohne fließendes Wasser, eine Hocktoilette – wie im Land üblich – und ein Kübel Wasser für Klospülung und Körperpflege stehen zur Verfügung. Ich habe mein eigenes kleines Reich, der pure Luxus, die schiere Gastfreundschaft. Im gegenüberliegenden, gewiss nicht größeren Zimmer und Bett schlafen die Töchter und Sessi – sowie Marta, wenn sie hier übernachtet. Fünf oder sechs Personen. Für mich rutschen sie eng zusammen, geben mir eines ihrer beiden Zimmer.

Kelly und Karen wollen mir ihre Schule zeigen. Links und rechts ein Kind an meiner Hand, so marschieren wir zu dritt los. Der Weg ist weit durch die Gässchen, die alle gleich aussehen: erdige Wege, Felder, Hütten, die oft zurückgesetzt liegen, oft nur halbfertig. Das Geld ging aus. Und überall Kinder. Tansania ist ein kinderreiches Land, 44 Prozent der Menschen sind jünger als 15 Jahre.

Das weitläufige Schulgelände ist von Zäunen und Mauern umgeben, ein Eingangstor offen. Die beiden trauen sich nicht weiterzugehen. Heute ist Samstag und schulfrei, es ist nicht erlaubt einzutreten. Ein Grüppchen kommt uns entgegen, zwei Frauen in typischer Eingeborenenkleidung, die bunten Tücher um den Körper drapiert, mehrere Kinder im Schlepptau. Die beiden Damen wirken resolut, streng, kein Wunder, dass meine beiden kleinen Begleiterinnen keinen Fehler machen wollen. Doch nach der ersten distanzierten Begrüßung tauen sie auf. Eine der Frauen ist Kellys Lehrerin. Sie fragt, wer ich sei und was wir hier machen. Und die Fünfjährige, kess und schlagfertig, stellt mich als ihre Tante aus Deutschland vor und dass ich bei ihnen wohne und das für lange Zeit und sie mir ihre Schule zeigen wolle. Die Frau Lehrerin ist begeistert, neugierig und nun eine perfekte Repräsentantin der Bildungsanstalt. Sie führt mich durch sämtliche Räume und durchs Gelände und erklärt jedem, dem wir begegnen, ausführlichst, wer ich bin. Ja, sie trommelt sogar die Kinder, die übers Wochenende in der Schule bleiben, zusammen. Sie singen ein paar Lieder und antworten bereitwillig auf meine Fragen.

Viele der noch so jungen Kinder, die meisten im Grundschulalter, gehen selten nach Hause zu Eltern und Geschwistern. Das ist nicht außergewöhnlich, wie mir Mama K später sagen wird. Die Familien sind groß, der Platz in der Hütte knapp, eine Schule nicht vor Ort oder dermaßen überfüllt – bis zu 150! Kinder pro Klasse –, dazu ein einziger Lehrer. Wer Bildung für seine Kinder anstrebt, schickt sie, wenn möglich, in eine private Schule. Und wer bezahlt das? Schulterzucken. Genau das sei das ungelöste Problem.

Wir fotografieren und ich verspreche, demnächst wiederzukommen. Kelly und Karen sind glücklich, sie mögen ihre Schule, sind motiviert, wissbegierig, wollen lernen. Mein kurzer Schulbesuch ermöglicht mir einen ersten und doch tiefgehenden Eindruck.