Reqahím - A.P. Graf - E-Book

Reqahím E-Book

A.P. Graf

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Beschreibung

Mein Name ist Sola Alon. Mehr Informationen über mich selbst habe ich nicht. Vor fünf Zentri erwachte ich in einer kleinen Notkapsel auf dem Schrottplatz außerhalb der Stadt dieses Wüstengiganten, Namens "Sinus-six", dem sechsten Planeten des Lexus-Systems. Über mein bisheriges Leben habe ich keinerlei Erinnerungen und ich trage dieses seltsame Mal in meiner linken Handfläche, das ich allerdings bisher immer für ein Sklaven-Brandmal gehalten habe. Die einzige Stadt dieses Planeten, die von den Einwohnern lediglich "Wüstenstadt" genannt wird, ist bereits seit zehn Zentri in fester Hand der Thareaner, ein grausames Volk, das uns Einwohner mit strenger Hand regiert, doch vor allem unterdrückt. Nach einem Vorfall auf dem Marktplatz werde ich inhaftiert. Währenddessen spüre ich eine seltsame Präsenz und kurz darauf taucht plötzlich eine mystische Gestalt in meiner Zelle auf. Das Seltsame daran? Diese Person kann scheinbar nur ich wahrnehmen. Unterstützt von einigen Aufständischen, verhilft mir diese außergewöhnliche Erscheinung allerdings zur Flucht. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass sich von nun an mein bisheriges Leben von Grund auf verändern wird. Erst später werde ich erfahren, wer dieser geheimnisvolle tatsächlich ist, und dass er einem sagenumwobenen Volk aus längst vergangenen Zeiten angehört. Unser gemeinsamer Weg wird mich an die exotischsten Orte verschiedenster Sonnensysteme verschlagen und ebenso schmerzvoll, wie auch voller Freude und Liebe sein. Immer mehr Details über meine mysteriöse Herkunft kommen ans Licht, während wir noch nicht ahnen, welche drohende Gefahr uns bereits innerhalb der bekannten Sonnensysteme umgibt. Mein gefährliches Abenteuer beginnt, denn die Prophezeiung des verloren geglaubten Sajrs besagt... Hêm Drâ´has rí´hâr thêhâl. Phór hêm Gêl´íha hí´êm rêph êd hí´êm nílph Síphâr hêm Reqahím rí´hâr hêr hêphor. Thôr Yêph´rí êd Grâ´hd nêph rêdrar âl´hír ghrô hêr yí´hêd hêr zâh´drath hêm yíê´wâhr Xâhí´nêem hó´êm sâph´ríe êd ígh´warên hó´êm ghê´drâh! Lênìjeê hêm Ephdêor (Wächter der Gerechtigkeit)

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Seitenzahl: 910

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Kapitel 1

Mein Name ist Sola. Sola Alon. Mehr Informationen über mich habe ich nicht. Ich kann nicht einmal sagen, ob Sola auch mein richtiger Name ist. Doch ich finde ihn gut und deshalb nenne ich mich so.

Mein Alter? Ich schätze mich auf etwa vierundzwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig. Zeitpunkt und Ort meiner Geburt? Ist mir ebenfalls völlig unbekannt und bisher nicht wichtig gewesen.

Mein derzeitiger Aufenthaltsort? Ein Planet namens Sinus-Six. Der sechste Planet dieses Sternensystems - dem Lexus-System - das durch Systemtore mit zwei weiteren Sternensystemen, dem Persus-System und dem Pandera-System, verbunden ist. Allerdings habe ich Sinus-Six noch nie verlassen.

Meine Ankunft? Vor knapp fünf Zentri. Völlig verwirrt und ohne die kleinste Erinnerung an mein vergangenes Leben, erwachte ich in einer fast völlig zerstörten Kapsel auf dem Schrottplatz außerhalb der Wüstenstadt. Seitdem lebe ich hier, in ständiger Angst und stets auf der Hut. Ich kann Niemandem trauen, schlage mich Zyklus für Zyklus auf diesem verdammten Planeten durch. Hier zählt jeder Zyklus, dessen Kampf ums nackte Überleben man gewinnt.

Immerhin. Bis jetzt habe ich überlebt!

Die Geschichten des Planeten bekommt man hier an vielen Ecken der Stadt zu hören. Die Einheimischen erzählten mir, dass Sinus-Six früher einmal sehr fruchtbar und grün gewesen sei, ehe die Thareaner über ihn hergefallen sind. Unter der Macht dieses Volkes herrscht Zerstörung und Versklavung.

Die einzige Stadt auf dem roten Wüstenplaneten ist mit fast einer Million Einwohnern viel zu klein. Die Nord-Silos sind bereits vom Einsturz gefährdet und kaum noch bewohnbar. Mit einer Höhe von über zwanzig Meric und einem Durchmesser von etwa acht Meric, ragen die hässlich grauen und halb zerfallenen Betonwohnsilos gen Himmel. In dieser ärmlichen Gegend leben mehr als die Hälfte der Stadtbewohner. Unter anderem auch ich. Zwischen den einzelnen Silos füllen vereinzelte, in ebenso hässlichem Grau und von den ständigen Sandstürmen gezeichnete Zelte aus billigem Stoff und einige alte, kuppelartige und kleinere Gebäude die Lücken dazwischen.

Im Osten der Stadt, wenige Tausend Meric entfernt, befinden sich vier riesige Schornsteine, aus denen stetig dicker, dunkler Rauch empor steigt, der die gesamte Stadt zeitweise, meist bei Windstille, in stickigem Nebel hüllt. Jeden neuen Zyklus laufe ich die Gassen ab und merke mir jede Einzelheit und jede noch so kleine Veränderung – nur für den Fall.

Die Kohlefabriken, in der die versklavten Menschen arbeiten müssen, damit Strom und Wärme für die Wohlhabenden hergestellt werden können, wurden ebenfalls von den Thareanern errichtet – ein furchteinflößendes und totbringendes Volk

Der Süden der Stadt, kaum sichtbar und für die Unterschicht unerreichbar, ist das Viertel der Wohlhabenden. Dort befinden sich, in einem strahlendem Weiß, das kuppelförmige Staatsgebäude und ebenso kugelartige, kleinere Wohngebäude, die nur teilweise mit bunten Blumen und künstlich angelegtem Rasen geschmückt sind. Dieser Teil der Stadt, der durch eine dicke Panzerglaskuppel geschützt ist, ist Eigentum des Staats- und Stadtrates und lediglich für die reichen Bewohner dieser Stadt zugänglich. Unter den Wohlhabenden befinden sich bereits zahlreiche des Menschenvolkes, die den Thareanern nunmehr treue Untergebene sind. In meinen Augen feige Verräter. Unbefugte, die sich nicht ausweisen können, werden umgehend beseitigt. Bei diesem Gedanken steigt unweigerlich Wut in mir auf und ich balle meine Hände zu Fäusten. Es ist kaum zu ertragen, welches Leid und welche Ungerechtigkeit diesen Menschen zugefügt wird. Könnte ich es ändern, ich würde alles daran setzen.

Im Westen dieser Stadt befindet sich der Marktplatz. Dorthin war ich eigentlich unterwegs, bevor sich meine Sinne völlig verdunkelten. Hier spielt sich das eigentliche Leben auf Sinus-Six ab. Zudem führt von dort der einzige Weg aus dieser verdammten Stadt, die von einer acht Meric hohen Stadtmauer, an der sich bereits der rote Sand der ewigen Wüste vor den Toren der Stadt abgesetzt hatte, umgeben war. Und da nur noch diese eine Stadt auf ganz Sinus-Six existiert, wird sie von den Einwohnern auch lediglich so genannt „Wüstenstadt“…

…Erschrocken fahre ich aus meiner Ohnmacht und richte mich mühsam und völlig verwirrt auf. Ein heftiger und pochender Schmerz durchzuckt mich plötzlich. Au! Mein Hinterkopf schmerzt höllisch! Bei der kleinsten Bewegung sacke ich schmerzvoll zusammen. Es hämmert heftig gegen meinen Schädel. Ich wische mir den eiskalten Schweiß von der Stirn und reibe mir die vor Müdigkeit angeschwollenen Augen. Mit erhobener Hand erforsche ich nun vorsichtig die schmerzende Stelle, an der ich nun eine riesige Beule ertasten kann und getrocknetes Blut unter meinen Fingern spüre.

Ich versuche mich zu erinnern, was passiert war und wo zum Henker ich mich hier befinde. Mir fällt es nicht sofort ein. Es dauert eine Weile, bis ich einen klaren Gedanken fassen kann. Doch dann fallen mir die vergangenen Ereignisse wieder ein…

…blinzelnd blickte ich nach oben. Die zwei Sonnen, eine gelb, die andere grünlich leuchtend, standen bereits hoch am strahlend blauen Sinus-Himmel. Ein sengend heißer Zyklus stand uns bevor, dessen war ich mir sicher.

Die Sonnen dieses Systems scheinen nicht immer so herrlich strahlend nebeneinander, wie es in diesen Winterzyklen der Fall war. An dreißig von Hundertzwanzig Zyklen - innerhalb eines Zentris - verschwindet die grüne Sonne hinter der Gelben und färbt den sonst hellblauen Himmel in ein mystisches Violett. Dies sind dann die kühleren Sommer-Zyklen, die ich bereits seit einiger Zeit vermisste und herbeisehnte.

Es waren schon einige Zyklen vergangen, seit ich etwas gegessen hatte. Ebenso, wie ich selbst, suchten viele arme Einwohner verzweifelt nach verwertbaren Essensresten. Teilweise bereits verschimmelte Ware fand ich häufig in den Abfällen der Marktverkäufer oder im Sand vergraben. Doch das wollte ich mir heute auf keinen Fall antun! Also lief ich durch die dunklen Gassen in Richtung des Hauptmarktes. Vielleicht würde ich dort das ein oder andere Genießbare von den Marktständen stibitzen können. Also folgte ich den Sandstraßen und kam von den Nord-Silos in den Westen der Wüstenstadt, zu dem riesigen, runden Platz. Dem Marktplatz.

Die Sonnen waren noch nicht ganz aufgegangen, doch der Markt war bereits in vollem Gange. Ausgelegte Decken und durchlöcherte Schaummatten bis hin zu edlen und bunten, oder gar mit Gold und Silber überzogenen Stände erstreckten sich über dem gesamten Platz. Die Prunkvollsten, die wunderschön in den Sonnenstrahlen glitzerten, waren auch die Größten auf dem Marktplatz und gehörten natürlich ausschließlich Thareanern. Um diese Stände ist es besser, einen großen Bogen zu machen. Bereits bei dem bloßen Gedanken an diese Kreaturen lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Thareaner waren mit Abstand die hässlichsten und furchteinflößendsten Kreaturen, die ich bisher zu Gesicht bekommen hatte - und hier auf Sinus-Six trifft man auf die außergewöhnlichsten Geschöpfe der bekannten Systeme - mit einer Größe von fast drei Meric waren die thareanischen Ungetüme jedoch auch die größten Lebewesen in diesem Teil der Galaxie, zumindest behaupteten das die Einheimischen hier. Mit ihren drei schlitzförmigen, feuerroten Augen, bei denen Pupillen und Augenbrauen fehlten, ihrer schuppigen Haut - die in der Sonne leicht blau-grün schimmerte, im Schatten jedoch dunkel und stumpf wirkte - glichen diese Geschöpfe riesigen Reptilien, die auf zwei Beinen liefen. Die Zivilisten unter ihnen trugen keine Kleidung, sondern lediglich einen dunklen Lendenschurz, um ihre Geschlechtsteile zu verbergen - igitt, die bloße Vorstellung daran ließ mir eine unangenehme Übelkeit emporsteigen und mir drehte sich jedes Mal der Magen um, wenn ich mir auch nur annähernd vorzustellen wagte, wie diese Kreaturen... schnell verwerfe ich diesen Gedanken! Die Wachtposten und Stadträte unter ihnen trugen zum Glück dunkelgrüne, fast schwarz wirkende Panzerrüstungen.

An den einzelnen Ständen gab es frisches Obst, Gemüse und Brot, jedoch noch mehr an Schmuck und allerlei Stoffen, sehr viel Schnickschnack und undefinierbares Zeug aus den verschiedensten Sternensystemen, was meist günstig ersteigerte Smoggware war. Smoggs nennen sich die berüchtigten Weltraumpiraten in den bekannten Systemen.

Nach weiterem Suchen entdeckte ich endlich einen kleinen Lebensmittelstand kurz vor dem Stadttor und lief gezielt darauf zu. Hinter dem Holztresen - der mehr oder weniger aus einem langen, vom Sperrmüll herstammenden Holzbrett bestand - stand ein kleiner alter und sehr knochiger Mann, dem lediglich ein paar dunkle Strähnen, seitlich, entlang seiner Glatze herunter hingen. Mit großen, rot unterlaufenen Augen glotzte er mir so lange entgegen, dass es mir schon unangenehm zumute wurde, wie er seinen lüsternen Blick über mich schweifen ließ.

Vereinzelte Haarsträhnen hatten sich von meinem geflochtenen Zopf gelöst, welche ich nun nervös aus meinem rußbedecktem Gesicht streifte, dann zog ich meinen braunen Langmantel, der bereits mit unzähligen Löchern und Rissen übersät war zu und verdeckte mit Bedacht meine Leinenhose.

Umso mehr zuckte ich erschrocken zusammen, als der Händler mich plötzlich mit seiner krächzenden Stimme anfauchte: »Willst du nur gaffen, oder soll' s was Bestimmtes sein?«

»Was kostet ein viertel Brot?« Er hatte mich eingeschüchtert, sodass meine Stimme zitterte.

»Na ja...«, krächzte der Alte erneut und kaute dabei schmatzend an seinen sowieso nicht mehr vorhandenen Fingernägeln rum, »...bei dir...«, schmatz, »...man könnte sich da schon was einfallen lassen...«, schmatz, schmatz, »...du weißt schon, ...was ich meine, hm«, schmatz!

Angewidert verzog ich mein Gesicht: »Ich bin schon vergeben! Außerdem bist du mir viel zu hässlich. Und du stinkst! Sag mir einfach, was das verdammte Brot kosten soll«, fauchte ich nun. Er machte mich echt wütend. Was bildete dieses schleimige Wiesel sich eigentlich ein?

»Na, wenn das so ist...«, schmatz, »...dann kostet dich ein viertel Brot fünf Credits, «meinte er nun, schmatzte noch widerlicher und grinste ekelhaft breit. In diesem Moment hätte ich wetten können, dass mein sonnengegerbtes Gesicht für eine Sekunde einem Kreideweiß wich. Ein Laib Brot, das zwei Pfund wog und einen halben Credit kostete war schon teuer. Doch für ein viertel Pfund, fünf Credits zu verlangen, das war absolut irreal und unakzeptabel!

Wütend blitzte ich diesem Ekel entgegen: »Das ist Wucher«, schrie ich auf. Und dann folgte ein Wort dem Anderen und schon standen wir uns - streitend um den galaktischen Preis -gegenüber und keiften uns gegenseitig an. Doch haargenau das war ja meine Absicht, denn nur so konnte ich den Händler von mir ablenken, um das kleine Stück Brot, welches kurz vorher in den Sand gefallen war, heimlich aufzuheben.

Nach einigem hin und her und vielen gegenseitigen Beschimpfungen ließ ich mich übertrieben auf die Knie zu Boden sinken und fing künstlich zu schluchzen an. Ich versuchte alles in mein Schauspiel zu legen und hoffte, der Händler kaufte mir mein unechtes Leid ab. Ich persönlich fand es perfekt und der Händler schien sichtlich irritiert. In seinem Geschichtsausdruck konnte ich deutlich erkennen, dass er damit nicht gerechnet hatte. Schnell hielt er inne und versuchte mich mit beschwichtigenden Worten von seinem Stand wegzubekommen. Mit beiden Händen wild in der Luft fuchtelnd, sagte er schließlich gepresst und mit Nachdruck: »Verschwinde! Sonst denken die Leute am Ende noch, ich verkaufe hier schlechte Ware. Los! Um was zu kaufen, braucht man eben mal bestimmte Mittel, die du ja scheinbar nicht hast. Also scher dich gefälligst weg du dreckige Göre!«

Ich hatte mich sicher und unbeobachtet gefühlt und war schon fast am Gehen. Doch in dem Augenblick, als ich das Stück Brot unter meinem Mantel verschwinden ließ, bemerkte der Widerling, was hier vor sich ging. Er hatte mich durchschaut und aus seinem blassen Gesicht wurde schnell ein wütendes Rot, bevor er laut zu brüllen begann: »Was soll das! Nimm gefälligst deine schmutzigen Finger von meinem Brot du kleine dreckige Diebin!«

Wutentbrannt rannte der Alte um seinen Tresen, stolperte dabei über seine eigenen Füße und landete, mit dem Gesicht voraus, direkt im staubigen Sand. Spuckend und noch wütender als er es sowieso bereits war, stand er sofort wieder auf. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass das Gesicht des Händlers noch röter werden konnte, als es ohnehin schon der Fall war. Doch ich wurde schnell eines Besseren belehrt! Ich riss vor Schreck die Augen weit auf und sprang, so schnell ich konnte aus meiner knienden Haltung auf die Füße, drehte mich ruckartig um und wollte losrennen… jedoch kam ich nicht sehr weit!

Während der Brothändler hinter mir hysterisch weiter nach den Wachen schrie, stürzte ich blindlings los, an den Marktständen vorbei.

Als ich bereits zurück in die dunkle Marktgasse, hinunter zu den Silos laufen wollte, spürte ich plötzlich ein hartes Hindernis an meinem rechten Fuß. Erfolglos versuchte ich, mein Gleichgewicht irgendwie wieder zu erlangen, doch ich fiel wie ein nasser Sack mit dem Gesicht voraus in den staubigen Sand. Erst nach weiteren Sekunden des Schreckens erfasste ich, dass mir ein anderer Händler ein Bein gestellt hatte. Prustend und nach Luft schnappend war ich vor zwei übergroßen behaarten Füßen gelandet. Schier im selben Moment verspürte ich noch einen heftigen Schlag auf meinem Hinterkopf. Dann verlor ich mein Bewusstsein…

…Nun kann ich mich wieder genau an das Geschehene erinnern und bei dem Gedanken an den heftigen Schlag durchzuckt mich erneuter Schmerz. Vorsichtig, nur nicht zu schnell schlürfe ich ans andere Ende der Zelle. Hier erhebt sich eine dunkle Steinwand, in der Zeichen, Namen und Strichlisten eingeritzt sind. Die Genossen, die bereits vor mir das Vergnügen hatten hier sein zu dürfen, hatten sich bereits verewigt. Sicher auch, um das Zeitgefühl nicht zu vergessen.

Langsam drehe ich meinen Kopf. Mein Blick fällt auf die Sonnenstrahlen, welche sich drei Meric über mir am Zellengitter einer runden Öffnung brechen. Ein neuer Zyklus ist offensichtlich herangebrochen. Unweigerlich stellt sich mir die Frage, wie lange ich wohl schon weggetreten war? Minuten? Stunden? Oder gar bereits Zyklen? Ich weiß es nicht, denn ich habe bereits jegliches Zeitgefühl verloren.

Völlig Gedankenverloren stehe ich in dieser dunklen Zelle und lasse den Vorfall auf dem Marktplatz noch einmal Revue passieren. In der lahmen Hoffnung, so herausfinden zu können, wie lange ich hier schon eingesperrt sein mag. Plötzlich reißen mich dumpfe Geräusche, begleitet von hallenden Schritten, aus meinen Gedanken. Erst ist es nur ein leises Gemurmel und es scheint in weiter Ferne zu sein. Doch diese seltsamen Stimmen kommen stetig näher, bis sie abrupt vor meiner Zellentür enden. Einige Worte kann ich deutlich hören. Es klingt seltsam glucksend und knurrend. »Grumdrodt Gnamaalrrrrr garaneeee gsemrrrr gotorrrrr gverrrrrrt.«

Ich kann das Gesprochene nicht übersetzen, denn es handelt sich um die thareanische Sprache und der bin ich nicht mächtig, trotz meiner bereits fünf Zentri langen Aufenthaltsdauer hier.

Dann entfernen sich die Schritte wieder von meiner Zellentür, zumindest hört es sich ganz danach an. Ich halte kurz den Atem an, um zu lauschen - bewege mich keinen Millimeric. Nichts. Die Stimmen sind nicht mehr zu hören. Erleichtert atme ich auf und will mich wieder der Zellenwand zuwenden, als ich vor der Türe plötzlich ein metallisches Geräuschhöre. Wieder halte ich inne. Stocksteif stehe ich da und höre abermals zu atmen auf. Und just in dem Moment, als ich für mich beschließe, dass dieses Geräusch nur einem Schlüsselbund gehören kann, öffnet sich auch schon die Zellentüre mit einem lauten Quietschen. Zwei dunkle Gestalten treten hindurch. Den einen erkenne ich sofort, wenngleich ich ihn auf dem Marktplatz nur für einen kurzen Augenblick zu Gesicht bekommen hatte, ehe er mir den Schlag versetzte. Es ist der Wächter. Ein stinkender Thareaner! Mein Blick gleitet auf seinen Begleiter neben ihm und bleibt unweigerlich an ihm haften. Jetzt erst fällt mir auf, dass ich noch immer meinen Atem anhielt. Scharf sauge ich die Luft ein, während ich den fremden Begleiter weiter mustere. Er scheint ein Mensch zu sein, wie ich. Der Statur nach tippe ich spontan auf einen Mann, doch sicher bin ich mir nicht. Die Gestalt ist durch den schwarzen Langmantel völlig verhüllt. Die Kapuze hat er sich so tief ins Gesicht gezogen, den Blick scheinbar bewusst nach unten gerichtet, dass ich weder sein Antlitz, noch seine Augen erkennen kann. Diese Gestalt gleicht einem der Priester, die ich lediglich aus Geschichten kenne, welche die Einwohner sich hin und wieder erzählten.

Doch dieser Mann, sofern es einer ist, scheint mir fremd. So Jemanden oder solch seltsam gekleidete Gestalt, habe ich bisher noch nie gesehen. Dennoch bin ich der irrsinnigen und vollkommenen Überzeugung, diese „Person“ irgendwoher zu kennen. Nein. Das kann unmöglich sein, wiederspricht mein Verstand. Also schiebe ich diesen aberwitzigen Gedanken sofort wieder beiseite. Doch es ist seltsam irritierend. Ein eigenartig vertrautes Gefühl umhüllt diese seltsame Erscheinung. Unweigerlich stellen sich mir zwei Fragen: »Was ist hier los?« und »Kenne ich diese Person womöglich doch?« Verdammt! Ich weiß es nicht! Brüllt mein Innerstes mich an. Auf Unwissenheit reagiere ich stets skeptisch und mit einer gewaltigen Portion Angst, wenngleich ich diese Angst nicht zugeben würde und so gut ich kann stets zu verstecken versuche. Auf diesem Planeten, in diesen Zeiten kann und darf man einfach NIEMANDEM vertrauen und schon gar keinem Menschen, der mit den Thareanern gemeinsame Sache macht! Warum sonst ist diese Person wohl hier? »Verlass dich nur auf dich allein«, und mit dieser Warnung an mich selbst setze ich automatisch einen Schritt zurück.

Meine Gedanken überschlagen sich erneut. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass ich soeben ein offenes Buch für mein Gegenüber bin.

Ich konzentriere mich auf meine Fragen, die sich – wie schon so oft – in meine Gedanken drängen. Nachdem meine Erinnerung vor Sinus-Six völlig ausgelöscht ist und ich keine Kenntnis darüber habe, wo und wann ich bereits war und wen ich in meinem Leben bisher schon kannte, ist es auch nicht ganz so abwegig, dass ich meinem seltsamen Gegenüber eventuell schon einmal über dem Weg gelaufen bin. Die technischen Überbleibsel, in denen ich damals in dieser Kapsel erwacht war, lassen natürlich vermuten, dass ich keine Einheimische dieses Planeten bin. Und plötzlich merke ich, wie ich mich dabei ertappe, endlich Antworten auf meine Fragen haben zu wollen. Und vielleicht kann diese seltsame Gestalt ja dazu beitragen? All die Fragen, die mich bereits seit fünf Zentri begleiten und mir keine Ruhe lassen, haben mir schon manch schlaflose Nächte bereitet und mich in meinen Träumen verfolgt. An dieser Stelle herrscht eine dunkle Leere in mir.

Als mir bewusst wird, wie sehr ich gerade in meine Fantasienzu versinken drohe und das Geschehen um mich herum aus den Augen verliere, zwinge ich mich dazu, meine Gefühle zu sortieren und mich streng zur Ordnung zu rufen. Aber vor allem muss ichVorsicht vor meinen beiden Gegenüber walten lassen. Ich straffe meine Schultern, während mir ein Räuspern entweicht. Mein Blick wandert nun unweigerlich zu dem Thareaner vor mir. Bedrohlich starrt dieser mich mit seinen glühend roten Augen an.

»Auf geht’s«, brüllt er plötzlich in meiner Sprache, sodass ich zusammenzucke. »Raus mit dir! Deine Verhandlung fängt gleich an.«

Schnellen Schrittes kommt er auf mich zu, packt mich grob am Arm und zieht mich dann wie eine Marionettenpuppe zu sich heran. Ich rieche seinen stinkenden Atem und verziehe angewidertmein Gesicht, während er mir dicke Handfesseln anlegt. Es tut höllisch weh! »Au! Nicht so fest«, beklage ich mich automatisch.

»Halts Maul! Dein vorlautes Mundwerk wird dir schon noch vergehen, wenn sie dir die Hände abhacken.« Bei seinen Worten durchzuckt es mich regelrecht durch Mark und Bein. Rücksichtslos zerrt der Thareaner mich nun hinter sich her und läuft brummend den dunklen Gang hinunter. Aus den Augenwinkeln kann ich gerade noch erhaschen, dass der seltsame Fremde uns weiterhin schweigend folgt.

Draußen höre ich bereits die Menge toben. Die Meisten von diesem Mob sind, wie nicht anders zu erwarten, Thareaner. Nur wenige vom Menschenvolk wagen sich auf solche Verhandlungen. Die Einheimischen haben Angst davor. Bei solchen Veranstaltungen picken sich die Verantwortlichen nicht selten Jemanden aus der Menge, dem dann das gleiche Schicksal zu Teil wird, das auch die verurteilte Person selbst erwartete. Einfach abscheulich!

Wie in Trance und in ständiger Ruhelosigkeit stolpere ich die Gänge entlang. Mir wird auf einmal regelrecht übel von der Vorstellung, was mich erwartet. Verzweifelt suche ich nach einem möglichen Ausweg. Immer wieder fällt dabei mein Blick auf die mir folgende Gestalt. Als würde sich meine prekäre Situation dadurch plötzlich von alleine auflösen, wenn ich nur oft genug nach hinten sah. Der Fremde befindet sich in sicherem Abstand zu mir, den Blick stetig gesenkt. Und mir stellt sich unweigerlich die Frage: Warum sieht er mich nicht einmal an? Dann könnte er meinen vor Entsetzen erstarrten Gesichtsausdruck sehen und helfen!

Das grelle Sonnenlicht blendet mich und brennt in meinen Augen, als wir die Gefängnisgemäuer verlassen. Ich muss mich erst mal wieder an die Helligkeit gewöhnen. Mein Kopf pocht noch immer schmerzlich, nun aber im Takt der lauten Rufe. Der Pöbel hat eine lange Gasse zum Richtplatz gebildet und bewirft mich nun mit verschimmelten Essensresten, Sand und kleinen Steinen, alles, was diese rücksichtslosen Kreaturen gerade zu fassen bekommen.

Reflexartig versuche ich immer wieder den auf mich zufliegenden Gegenständen auszuweichen, was mir jedoch kläglich misslingt, da der thareanische Wächter mich dafür zu straff hält. Wut breitet sich in mir aus. Ich kann einfach nicht verstehen, dass es der Allgemeinheit ein Vergnügen bereitet, mich so zu behandeln. Verdammt noch mal! Ich hatte lediglich ein bereits in den Dreck gefallenes Stück Brot aufgehoben, das der Händler sowieso nicht mehr verkauft hätte.

Alle brüllen durcheinander. »Diebin! Diebin! Schneidet ihr die Finger einzeln und ganz langsam ab!«

Am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten, doch meine Fesseln hindern mich daran. Stattdessen halte ich den Blick starr nach vorn gerichtet und versuche irgendwie mit dem bevorstehenden Schicksal, das mich jeden Moment treffen wird, abzufinden, meine Würde aufrecht zu erhalten und mit erhobenem Haupt weiterzugehen.

Die von der Menge gebildete Gasse endet schließlich an einem großen, halb runden Schauplatz und ich bin erst einmal froh darüber, aus diesem Tunnel wütender Massen heraus zu sein.

In der Mitte des Platzes steht ein Podest, welches auf einer hohen Holzbühne aufgestellt ist. Hinter diesem Podest nimmt gerade der Stadtrat seinen Platz ein, bestehend aus acht Thareanern und drei menschlichen Vertretern. Alle blicken hochmütig auf mich herab.

Mein Gesichtsausdruck muss gerade Bände sprechen. Erneut kriecht die Angst in mir hoch. Ich sehe mich noch einmal panisch um in der primitiven Hoffnung, an meiner Situation würde sich dadurch etwas ändern. Meine Hände hören nicht mehr auf, vor Nervosität zu zittern. War es das jetzt wirklich? stelle ich mir selbst die Frage. Was kann ich jetzt noch tun? Was kann ich dem Stadtrat sagen, damit er Milde walten lässt? Wie kann ich etwas erklären, wo es nichts zu erklären gibt? Es ist Aussichtslos!

Schweißperlen bilden sich auf meiner kalten Stirn. Meine Verzweiflung lässt mich schwindeln. Schließlich komme ich zu dem Schluss, dass alles nichts hilft, außer einem lahmen Versuch, mich selbst zu verteidigen.

Wieder blicke ich auf meine zitternden Hände. Soll ich Ihnen vielleicht meine Dienste anbieten, wenn alle anderen Ausreden, die ich mir bereits zurechtgelegt habe, nichts mehr nützen sollten? Pfui! Wie kannst du nur Sola, rüge ich mich sofort. Lieber stirbst Du doch, als dass Du Dich so billig verkaufst!Ja. Lieber sterbe ich, als mich solch Ekel hinzugeben!

Nun kommt mir plötzlich wieder der Fremde in den Sinn. Ich kann ihn noch immer spüren, was ich ziemlich abgefahren finde. Dieses seltsame Gefühl ist nicht verschwunden. Automatisch drehe ich mich nach ihm um. Und ja, er ist noch immer hinter mir, hält nun jedoch sehr großen Abstand. Während meine Gedanken wieder abzuschweifen drohen, stehe ich auch schon vor der Anklagebühne. Mit einem unsanften Ruck, zieht der thareanische Wächter mich neben sich und ergreift das Wort: »Herr Stadtverwalter. Herren Stadträte. Vor ihnen steht eine Brotdiebin, die wir gestern bei frischer Tat ertappt haben!«

»Gestern« schießt es mir sofort durch den Kopf. War ich tatsächlich so lange bewusstlos. Sie müssen mir irgendein Beruhigungsmittel eingeflößt haben - schlussfolgere ich.

Meine Nervosität steigt weiter an. Ich war mir gar nicht bewusst, dass zu meiner hochgradigen Nervosität noch eine Steigerung möglich sein konnte. Meine zittrigen Beine drohen nun vehement nachzugeben. Ein neues seltsames, jedoch nicht zuordenbares Gefühl kriecht in mir hoch. Es verursacht mir unweigerlich eine unangenehme Gänsehaut und mich fröstelt es vor Angst. Irgendetwas stimmt hier nicht. Mein Magen fängt an zu rebellieren. Ich kann es nicht zuordnen. Eine Vorahnung? Die Erkenntnis darüber, dass es keinen Ausweg mehr gibt?

Der Stadtverwalter fängt gerade an, die Anklage zu verlesen, als hinter dem Anklagepodest plötzlich ein lautes Krachen ertönt.

Erschrocken zucke ich zusammen und blicke wie automatisch in die Richtung, aus der dieser Ohrenbetäubende Lärm stammt. Die jetzt mundtote Menge, die gerade noch belustigt und neugierig der Verhandlung lauschte, ist ebenso erstarrt.

Und ich traue meinen Augen kaum! Meine Stoßgebete sind tatsächlich erhört worden! Mein Blick bleibt weiterhin an der Anklagebühne haften, wo der Stadtverwalter und die Stadträte nun mit aufgerissenen Mäulern entsetzt aufspringen. Dann geht alles viel zu schnell. Ich kann noch beobachten, wie sich eine zum Kampf bereite und brüllende Menschenmenge mitten aus dem restlichen Mob hervortritt, mit Rauchgranaten um sich wirft und auf die Bühne zustürmt. Die Einen mit Knüppel ausgestattet, Andere mit riesigen Schwertern und Holzstöcken schwingend, verrät ihr Gesichtsausdruck puren Hass. So viel Hass in den Augen einer anderen Kreatur hatte ich bisher noch nie gesehen! Automatisch verfalle ich in meine abwehrende Haltung. Baue meine Mauer auf, hinter der ich mich immer dann verstecke, wenn ich Situationen nicht überblicken, oder meine Angst nicht mehr in den Griff bekomme. Doch mein Blick bleibt weiterhin auf die kämpfende und brüllende Menschenmenge gerichtet.

Erst im Nachhinein sollte ich erfahren, um wen es sich bei den unbekannten Kämpfern handelte, die gerade wie eine Welle der Zerstörung auf die Menge zustürmten: die berüchtigten Rebellen Wüstenhunde aus den Tiefen der roten Wüste, in die sich noch kein Thareaner gewagt hat, um sie näher zu erkunden.

Noch immer gefesselt überlege ich panisch, wie ich entkommen kann und wohin ich flüchten könnte, ohne von dem thareanischen Wächter neben mir niedergestreckt zu werden. Doch mein Körper hört nicht auf meinen Kopf und so verharre ich eine ganze Weile starr und gaffe auf das Gemetzel.

Das Gefühl meiner Angst hat sich verloren. Bewunderung übermannt mich stattdessen. Wie ich später erfuhr, war es das erste Mal, dass die Rebellen eine Verurteilung so direkt stürmten. Doch es ist offenbar an der Zeit gewesen, die ungerechtfertigten Methoden der Thareaner und deren öffentliche Exekutionen zu stoppen, die sie oftmals nurals ihr persönliches Schauspiel und zu ihrem eigenen Vergnügen veranstalteten. So hatten schon viel zu oft erbitterte Zweikämpfe zwischen den zum Tode verurteilten und den Zrakks - übergroßen Raubtieren mit langen säbelartigen Zähnen - stattgefunden.

Während ich noch immer versuche, das soeben vor mir stattfindende Geschehen zu erfassen und mir zu überlegen, wie ich diesem Wahnsinn entkommen soll, lässt der Thareaner plötzlich das Seilende los und stürmt schnurstracks der auflehnenden Menge entgegen. Nun muss ich nicht mehr nachdenken, nur noch handeln, denn das wird die einzige Gelegenheit für mich sein, diesem Inferno zu entrinnen. Mit einem hektischen Blick überprüfe ich rasch, ob auch wirklich niemand auf mich achtet. Und erst jetzt fällt mir auf, dass der Fremde mit dem dunklen Mantel spurlos verschwunden war!

Verwirrt suche ich nach einem Fluchtweg, kann jedoch keinen finden, denn der Pöbel, der mich vor wenigen Augenblicken noch beschimpft und die verschiedensten Dinge auf mich geworfen hatte, läuft nun völlig aufgeregt und voller Entsetzen brüllend in alle vier Windrichtungen, um über die Hauptwege zu entkommen.

Es herrscht schieres Chaos! Alle versuchen nun gleichzeitig in die Richtungen zu sprinten, in denen sich kleinste Fluchtlücken auftun und sind sich doch nur gegenseitig im Weg. So stoßen sie teilweise sogar mit heftiger Wucht gegeneinander und fallen mit einem deutlich hörbaren Puffen rücklinks in den Wüstensand. Dicke rote Sandstaubwolken steigen in die Luft auf. Wäre die Situation nicht so prekär und überaus ernst, könnte ich jetzt herzhaft darüber lachen. Doch ich muss hier schnellstens weg!

Die Rebellen haben bereits die Überhand gewonnen und kreisen den Stadtrat ein. Sie treiben die Masse nun in der Mitte des Platzes zusammen. Und jetzt reagiere ich schnell und mechanisch, ohne darüber nachzudenken. So kann ich gerade noch rechtzeitig durch eine kleine Lücke der sich schließenden Rebellen-Mauer entwischten, ehe es innerhalb des Kreises zu spät sein würde.

So schnell ich nur kann, renne ich los. Hinter mir höre das fürchterliche Kreischen der Thareaner. Ich halte mir die Ohren zu und konzentriere mich auf meinen Weg entlang einer Gasse, die ich endlich erreicht habe.

Als ich mich bereits in Sicherheit glaube, kurz einen Blick hinter mich wage um nachzusehen, dass mir auch niemand gefolgt sei, pralle ich hart gegen einen Körper und taumle zurück. Unsanft plumpse ich auf den staubigen Boden.

Erschrocken und völlig benommen blinzele ich nun nach oben. Ein stattlicher, fast zwei Meric großer und breitschultriger Hüne steht mir gegenüber und grinst mich dumm an. Sein rotes langes Haar hatte er zu vielen kleinen Zöpfen geflochten. Am Kinn seines von der Wüstensonne gegerbten und mit tiefen Furchen übersätem Gesicht hat er einen etwas längeren Bart in einem ebenso kräftigen Rot. Er wickelt sich ihn um seine Finger und blickt auf mich herab. Ich weiß nicht weshalb, aber es macht mich plötzlich wütend, wie er mich ansieht und vor allem, dass er mir im Weg steht. Mir wird klar, es ist meine Angst, denn er ist ein Fremder für mich und Fremden traue ich grundsätzlich nicht über den Weg! Auch wenn er offensichtlich zu den Wüstenhunden gehörte.

»Na! Nicht so stürmisch Kleine. Wohin denn so eilig«, raunt der Hüne mit einer tiefen, aber dennoch sanften Stimme.

Wie soll ich mich nun verhalten? Schutzmauer! Fällt mir da nur ein. Also blicke ich dem Rebell wütend entgegen. »Erstens - …«, ich versuche, so kess wie möglich zu klingen. »Ich bin nicht klein!« Diese Aussage finde selbst ich im Nachhinein etwas lächerlich, denn im Gegensatz zu meinem Alter, ist mir meine Körpergröße durchaus bekannt. Auf den Millimeric genau betrug diese nämlich Eins neunundfünfzig fünf. Ganz besonderen Wert lege ich dabei auf die fünf Millimeric, die mich wesentlich näher an die Eins-Sechzig-Grenze bringen. Nun lege ich eine gewisse Überlegenheit in meine Stimme: »Und zweitens«, fahre ich fort, wo ich gerade aufgehört hatte, »geht es dich überhaupt nichts an, wohin ich gehe!«

Mit vorgeschobenem Kinn rappele ich mich wieder auf, klopfe mir den Sand von meiner eh schon völlig verdreckten Kleidung und blitze den Fremden an.

Es ist offensichtlich, dass sich der Hüne vor mir nur krampfhaft ein Lachen verkneift. Das kann ich deutlich an dessen verspannten Gesichtszügen erkennen. Und es macht mich nur noch wütender. Ich versuche seinem Blick standzuhalten.

Trotz all seiner sichtbaren Anstrengung gelingt es dem Rebell nicht mehr, ernst zu bleiben. Es bricht aus ihm heraus wie aus einem Wasserfall. Meine Fäuste gegen die Hüfte gestemmt blicke ich ihm herausfordernd entgegen. Im Stillen versuche ich regelrecht, meine Augen zum Glühen zu bringen und baue meine Schutzmauer nun ganz hoch um mich herum. Nichts wird diese Mauer durchbrechen können!

Ungläubig und etwas belustigt über die zierliche Person, die ihm gerade wutentbrannt gegenüber steht, glaubt Virloc für einen ganz kurzen Augenblick, ein gefährliches Aufblitzen in ihren Augen erkennen zu können. Er ist sich dessen jedoch nicht sicher, deshalb schiebt er seine Beobachtung schnell wieder beiseite. Keine Zeit für sowas, denn sein ausdrücklicher Auftrag lautet diese junge Frau sicher und schnell von hier wegzubringen!

»Mein Name ist Virloc Servenoc. Sohn des Rebellenanführers Bernoc Servenoc. Und mit wem habe ich das Vergnügen?«

Völlig verunsichert, wie ich darauf reagieren soll, gehe ich vorsichtshalber erst einmal auf Konfrontation. Ich habe keine Zeit zum Austausch von Höflichkeiten. Verdammt! Ich muss hier weg! Und zwar schnell. »Das geht dich gar nichts an. Und jetzt lass mich gefälligst vorbei«, befehle ich deshalb forsch und versuche dabei, Virloc zur Seite zu stoßen, in der Hoffnung, er würde mir den Weg frei machen. Es erstaunt mich keinesfalls, dass dieser Rebell nicht einmal ins Wanken kommt. Wie ein Felsblock bleibt er vor mir stehen. Ich werde noch nervöser, obwohl sein Gesichtsausdruck noch immer freundlich und ruhig auf mich wirkt. Doch genau das macht mich so unsicher. Keiner hier in dieser verdammten Stadt ist einfach nur freundlich, ohne eine Gegenleistung zu erwarten oder etwas Böses im Schilde zu führen. Und dann auch noch sein breites Dauergrinsen. Macht er sich etwa lustig über meine verzweifelte Unsicherheit? All dies schießt mir mit Ärger durch den Kopf. Die Zeit lief mir davon.

»Warum so unfreundlich«, bricht er kess die Stille. »Immerhin hast du es uns zu verdanken, dass sich noch alle zehn Finger an deinen Händen befinden. Wären wir nicht rechtzeitig eingeschritten, müsstest du jetzt mit Hilfe deiner - entschuldige bitte vielmals meine Wortwahl - kleinen Füßen essen.« Und mit einem noch breiteren Grinsen im Gesicht blickt Virloc auf meine – zugegebenermaßen durchaus kleinen – nackten Füße. Wie automatisch folge ich seinem Blick, während der Rebell unverblümt weiterredet: »Außerdem habe ich heute schon vorzüglich gespeist. Also, nur keine Angst, ich werde dich schon nicht fressen,« und setzt damit seinen Frechheiten noch eins obendrauf.

Großartige Art, Scherze auf meine Kosten zu machen, während mir der Arsch auf Grundeis geht. Ich kann gar nicht glauben, dass er das tatsächlich ernst meint. In solch einer Situation? Natürlich kann ich wesentlich freundlicher sein, wenn nicht gerade eine ganze Horde Thareaner hinter mir her ist.

Virloc ist eine gesellige und gern scherzende Person. Doch jemand, der ihn nicht kennt, konnte seine saloppe Art schnell falsch verstehen. Der Rebell ist sehr gutmütig und hat einen großen Drang, helfen zu müssen, ohne auf sein eigenes Wohlergehen zu achten. Doch diese Frau vor ihm, scheint ihn völlig falsch zu verstehen. Virloc kann ihre Unsicherheit und Angst deutlich spüren und überlegte nun krampfhaft, wie er mit ihr am besten umgehen sollte. Er weiß, dass er vorsichtig mit dieser jungen Fremden sein musste, denn er war bereits vorgewarnt.

Verlegen blicke ich noch immer zu Boden und starre auf meine schmutzigen Füße. Dann schaue ich wieder schüchtern zu dem Rebell auf und mustere ihn diesmal sehr kritisch. Mein bisheriges Lebensmotto „Traue niemandem außer dir selbst“, das mich immerhin bis heute am Leben erhalten hatte, wird nun jäh über den sprichwörtlichen Haufen geworfen - dieser Rebell, namens Virloc, hat für mich etwas sonderbar Vertrauenswürdiges an sich. Soll ich gerade deshalb auf der Hut sein? Es ist so verwirrend. Bisher musste ich niemandem mein Vertrauen schenken. Und es war keine Zeit mehr, lange darüber nachzudenken. Soll ich ihm Vertrauen? Das eben Geschehene zwingt mich förmlich dazu, ihm seine Frage rasch zu beantworten. Mit einem Zögern, doch ich bemühe mich: »Mein Name… «, meine Stimme bebt, »…ist Sola.«

Virloc nickt mir mit einem vertrauenswürdigen Lächeln zu. »Wir sollten hier schnellstens verschwinden Sola«, raunt er wieder mit seiner tiefen Stimme, was mir nun seltsamerweise eine angenehme Gänsehaut bereitet. »Ich möchte dich gerne einladen, mit in unser Lager zu kommen«, fährt Virloc fort, »wir haben reichlich Proviant und einen angenehmen Schlafplatz. Du siehst hungrig und ziemlich erschöpft aus. Hier kannst du auf keinen Fall bleiben.« erwartungsvoll blickt er mir entgegen und wartet auf meine Antwort.

Ich bin immer noch skeptisch. Doch es ist keine Zeit mehr, um lange nachzudenken. Ein glücklicher Zufall wollte es wohl, dass die Rebellen just in dem Moment meiner Urteilsverkündung aufgetaucht waren und mir den Hintern gerettet hatten. Außerdem hatte ich tatsächlich fürchterlichen Hunger und ich war so unsagbar müde, dass ich am liebsten sofort umgefallen wäre. Zudem würden die Rebellen wohl oder übel sowieso bald dazu gezwungen sein, sich schnellstmöglich zurückzuziehen. Die Thareaner würden bald ihre komplette Armee mobilisiert haben und die Oberhand dieses Kampfes zurückgewinnen. Kurzerhand - ich entschließe mich, die Einladung dieses Rebellen anzunehmen.

»Du hast Recht, … ich komme mit dir. Danke.« Unverhofft wird es still, als er sich viel zu schnell in Bewegung setzt. Im nächsten Augenblick stürze ich auch schon hinter Virloc her.

Erst jetzt bemerke ich, dass die Stadt einer Geisterstadt gleicht. Das hatte ich während des letzten Drittels unseres Gesprächs überhaupt nicht mitbekommen. Keine Seele war mehr auf den staubigen Straßen und dem Marktplatz zu sehen. Ein unheimliches Knistern lag nun in der Stille um uns herum und ein kurzer Blick auf mein Gegenüber bestärkt mich in meinem unguten Gefühl. Wir mussten sofort hier weg! Ohne mich weiter umzusehen stürze ich hinter dem Rebell her. Nach Luft schnappend und mit meinen letzten geballten Kräften renne ich nun durch das große Stadttor hinaus an den Rand der für mich noch völlig unbekannten Wüste, wo sich bereits viele Wüstenhunde zum Rückzug versammelt hatten und auf den Rest Ihrer Sippe zu warten scheinen.

Während sich die Rebellenkarawane dann stetig und rasch von der Stadt entfernt, blicke ich noch einige Male zurück. Die vier riesigen Schornsteine im Osten der Wüstenstadt werden immer kleiner, bis sie schließlich ganz hinter den roten Sanddünen verschwinden.

Die Thareaner folgen uns nicht. Doch der genaue Grund ihrer Zurückhaltung ist mir mehr als schleierhaft.

Völlig müde und meine letzten Kräfte aufbringend stapfe ich nun zusammen mit den Wüstenhunden durch die sengende Hitze. Vor einer gefühlten Ewigkeit - das war bereits über einen Zyklusmarsch her, sagte mir Virloc, dass sich ihr Zeltlager tief in der Wüste, mehrere Zyklusmärsche von der Wüstenstadt entfernt im Verborgenen befinden soll. Das motiviert nicht gerade. Ich bin so unsagbar müde und schlapp. Meine Beine sind schwer wie Steinklötze. Ich bemühe mich dennoch, mitzuhalten und mich zusammenzureißen. Doch immer wieder geben meine Knie unter mir nach und ich stolpere ständig und falle immer öfter hin. Der heiße Wüstensand schmerzt höllisch unter meinen noch immer nackten und bereits völlig aufgeriebenen Fußsohlen. »Reiß dich gefälligst zusammen Sola«, ermahne ich mich selbst.

»Soll ich dich ein Stück huckepack nehmen«, schlägt Virloc mir vor. Er muss wohl bemerkt haben, wie erschöpft ich bin. Doch es war mir zu peinlich, meine Schwäche zuzugeben, geschweige denn, mich von ihm huckepack nehmen zu lassen. Natürlich lehne ich sein Angebot kategorisch ab. »Nein, danke. Es wird schon gehen.« Meinen Satz eben erst beendet, besiegt mich die Müdigkeit wie ein einschlagender Blitz. Ich merke, wie mein völlig geschwächter Körper kraftlos herab sackt und ich in den roten Wüstensand falle. Völlig bewegungsunfähig bleibe ich liegen. Dann wird es dunkel um mich herum.

Kapitel 2

Es ist bereits dunkel, als ich aus meiner Ohnmacht erwache. Ich liege auf einer schmalen Pritsche und versuche mich instinktiv zu orientieren. Über mir hängt eine Petroleumlampe an einer rund zulaufenden hohen Decke, die das Innere des kleinen Zeltes schwach beleuchtet. Sehr gemütlich, stelle ich fest.

Als ich nun versuche aufzustehen, geben meine Beine wieder nach. Unsanft sinke ich zurück auf die Pritsche. Mein Körper ist noch zu schwach und schmerzt irgendwie überall. Meine Kehle ist völlig ausgetrocknet und mich überkommt ein schreckliches Hungergefühl. Orientierungslos und nicht weniger verzweifelt darüber, so hilflos zu sein, fluche ich leise vor mich hin, als jemand plötzlich mein Zelt betritt. Ich erinnerte mich sofort an seinen Namen. Virloc.

Schmunzelnd kommt er auf mich zu: »Na so was. Auch wieder unter den Lebenden?« In seiner linken Hand hält er eine dampfende Schüssel. Ein süßlicher Duft erfüllt sofort den Raum. In seiner Rechten hält der Rebell eine Feldflasche. »Ich habe Dir eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken mitgebracht. Es ist nicht viel, nur etwas Hirsebrei und frisches Wasser. Alles andere würde Dir noch nicht bekommen. Das wird dir wieder zu Kräften verhelfen.« Mit einem zufriedenen Lächeln hält er mir Beides entgegen. Auch über Hirsebrei und vor allem Wasser bin ich äußerst dankbar und nehme Schüssel und Flasche mit einem Nicken entgegen: »Keine Sekunde zu spät. Vielen Dank«, erwidere ich schüchtern und sehe ihm mit zögerndem Lächeln entgegen. Virloc nickt mir verständnisvoll zu. Sofort mache ich mich über den leckeren Brei her.

»Ich habe mit meinem Vater gesprochen«, bricht er irgendwann das Schweigen und sieht mich gespannt an. Ich blicke nur kurz auf, und widme mich ohne ein Wort wieder meinem Essen. Es interessiert mich ehrlich gesagt überhaupt nicht, über was diese Wüstenhunde sich unterhalten hatten. Gespräche solcher Art mag ich nicht. Also zucke ich gleichgültig und desinteressiert mit den Schultern in der lahmen Hoffnung, er würde das Interesse daran verlieren, mir ein Gespräch aufdrücken zu wollen. Natürlich redet er weiter. Seine tiefe Stimme hat wieder diesen beruhigenden Sopran angenommen. »Sola. Wir haben einstimmig beschlossen, dass du hier bei uns im Lager bleibst. Du bist bei uns in Sicherheit. In der Stadt bist Du Freiwild. Dahin kannst du unmöglich zurück.«

Ein plötzliches Gefühl großer Wut überkommt mich über Virlocs Worte. Was bitte gab diesen Leuten das Recht, ohne mein Einverständnis Entscheidungen über mich zu treffen? Das hat ja wohl mit „Einstimmigkeit“ absolut nichts zu tun! Sie stellen mich einfach vor vollendete Tatsachen? DAS macht mir Angst und gleichzeitig werde ich fuchsteufelswild. Mein Herz beginnt zu rasen. Ich darf auf keinen Fall zulassen, dass Entscheidungen über meinem Kopf hinweg getroffen werden!

All meinen Zorn setze ich nun in meinen Blick und begegne so Virlocs gelassener Miene. »Soll das ein Vorschlag sein, oder ein Befehl? Denn es klingt nach einem Befehl«, will ich wissen. Mein Ton ist schärfer, als beabsichtigt.

»Sieh es, wie du willst«, gibt Virloc zurück. Mir wird bewusst, ich habe ihn merklich verärgert. »Fakt ist, du kannst sowieso nirgendwo anders hin. Ich denke, es ist nicht gerade der schlechteste Vorschlag. Aber mach, was du für richtig hältst. Ich werde keine Verantwortung für dich übernehmen, wenn du zurück in die Stadt gehst und die Thareaner dich lynchen«, entgegnet er nun ebenso zornig.

»Dazu müssen sie mich erst mal kriegen.« Im gleichen Moment, als ich mich das ohne darüber nachzudenken sagen höre, bereue ich meine unreife Aussage sofort wieder und weiche Virlocs Blick beschämt aus.

»Das werden sie Kleine. Glaub mir, das werden sie« versichert mir Virloc noch einmal, womit er auch leider völlig Recht hat. »Mag sein, oder auch nicht«, gebe ich nur halb zu. »Nenn mich nicht immer Kleine. Ich habe schließlich einen Namen« füge ich genervt hinzu.

Dem hat Virloc nichts mehr entgegenzusetzen. Stattdessen meint er gelassen: »Lass es dir bitte einfach noch einmal durch den Kopf gehen Klei …«, schnell bricht er ab, bevor ihm nochmal „Kleine“ rausrutscht, »…äh, Sola. Du kannst gerne bei uns bleiben.«

»Hm«, ist das Einzige, das ich darauf noch antworte. Ich bin viel zu müde, um solche Gespräche mit Vernunft und Überlegung zu führen, also drücke ich Virloc die bereits leere Schüssel in die Hand, trinke noch schnell einen kräftigen Schluck aus der Feldflasche und lege diese neben mich auf die Pritsche. »Danke fürs Vorbeikommen und die warme Mahlzeit«, sage ich und hoffe, er versteht meinen netten Rausschmiss.

»Keine Ursache«, entgegnet er mir mit einem freundlichen Lächeln. Dann dreht sich Virloc um und verlässt das Zelt.

In der darauffolgenden Nacht schlief ich sehr schlecht. Ich hatte einen fürchterlichen Traum, kann mich jedoch am nächsten Zyklus nicht mehr an den genauen Inhalt erinnern. Das Einzige, was ich noch darüber weiß ist, dass ich vor Irgendetwas oder Irgendwem weggelaufen bin. Bei diesem Gedankten überkommt mich ein unbehagliches Gefühl.

Doch der Morgen ist zu jung, um mir den Kopf über sinnlose Träume zu zerbrechen. Also schiebe ich mein Gedankenchaos weit von mir. Draußen vor dem Zelt leuchtet der Horizont in den schönsten Farben, Gelb, Grün und Violett, während die beiden Sonnen über dem Planeten aufgehen. Ich muss mir das ansehen. Raus an die Luft. Ich reibe mir den Hinterkopf. Noch immer verspüre ich einen leichten Schmerz und unter meinen Fingern kann ich die riesige Beule deutlich fühlen. Kein Wunder, denke ich im Stillen, so wie dieser Thareaner zugeschlagen hat! Selbst diesen Rebellen Virloc hätte es aus seinen Latschen gehauen. Vorsichtig stehe ich auf – noch etwas wackelig auf den Beinen, aber es geht - und schreite aus dem Zelt.

Ich höre mich selbst ein bewunderndes WOW aussprechen, bei dem wundervollen Anblick, der sich mir gerade bietet.

Direkt vor mir befindet sich eine wunderschöne OASE, die ich bisher nur aus Erzählungen kenne. Noch niemals zuvor habe ich einen dieser märchenhaften Orte zu Gesicht bekommen, daran würde ich mich sicher erinnern. Die Schönheit dieser Oase übertrifft jegliche Beschreibungen. Bisher war ich stets in dem Glauben, dass es sich wahrhaftig nur um Geschichten von ein paar Spinnern aus der Wüstenstadt handelt. Nicht einmal die Thareaner sind überzeugt davon, dass solch ein Ort auf Sinus-Six überhaupt noch existieren soll. Doch sie selbst waren ja bisher noch nicht in die Tiefen der Sinus-Wüste hervor gedrungen - zum Glück – wer weiß, was diese thareanischen Unholde mit diesem Ort sonst anstellen würden.

Die Zelte der Rebellen stehen als Halbkreis gebildet. Inmitten dieses Kreises befindet sich ein Wassertümpel. Vom Innern eines riesigen Steines, am anderen Ende des Tümpels, plätschert ein sagenhafter Wasserfall. Rings um den Tümpel ragen, in einem saftigen Grün, Bäume gen Himmel. Eine in der aufgehenden Sonne schimmernde und noch vom Tau überzogene Grünfläche, erstreck sich um das kleine, tiefblaue Gewässer.

»Ein Bad. Das ist genau, was ich jetzt brauche«, fällt mir sofort ein. Ich habe zwar noch nie in so einem Gewässer gebadet, doch irgendetwas sagt mir, dass ich ohne Bedenken hinein gehen kann. Selbst wenn es zu tief für mich sein sollte, um darin stehen zu können. Ich weiß, ich kann schwimmen. Voller Vorfreude auf diese willkommene Abkühlung streife ich mir rasch und ohne groß zu überlegen meine verschmutzte und teilweise zerfetzte Kleidung ab und gleite mit wohliger Gänsehaut in das kühle Nass. Es fühlt sich wunderbar weich und gleichzeitig erfrischend an, als das Wasser meinen Körper umarmt. Ich wasche meine verschmutzte Kleidung grob aus und lege sie zum Trocknen ans Ufer in den samtigen Rasen. Die Sonnen stehen jetzt bereits hoch genug, meine Kleidung sollte also rasch trocknen. In der Zwischenzeit kann ich diesen herrlichen Tümpel genießen.

Mein Bauchgefühl hat mich nicht getäuscht. Ich kann tatsächlich schwimmen. Ich gleite übers Wasser, hinüber zum Wasserfall. Dort angekommen, lasse ich mir den Rücken vom herunterfallenden Wasserstrahl massieren. Vertrauenswürdig tauche ich in die Tiefe des Tümpels hinunter und lasse mich schließlich auf dem Rücken treiben. Es ist ein geradezu befreiendes Gefühl. Ich vergesse einfach alles um mich herum.

Soweit ich zurückdenken kann, hatte ich kein so ausgiebiges Bad mehr genommen. Natürlich kann man sich in der Stadt Wasser teuer erkaufen, doch es war so teuer, dass man nicht wagt, es für die Körperreinigung zu verschwenden. Auch Regenwasser wird gesammelt und das nicht zu knapp, dennoch kommt es immer wieder vor, dass Lebewesen einfach verdursten. Für einen Wüstenplaneten regnet es sehr häufig und dennoch wächst auf Sinus-Six keine einzige Pflanze. So dachte ich zumindest bisher. Die Leute in der Stadt erzählen sich immer wieder, dass dieser Planet vor einigen Zentri noch grün und voller Leben war. Wunderschöne Landschaften soll es einst gegeben haben. Kaum vorstellbar, dass sich in dieser Wüste einmal Wälder und Wiesen erstreckten, wo einem jetzt nur noch staubiger Sand um die Füße weht.

Es waren die Thareaner bei ihrem Angriff auf Sinus-Six vor zehn Zentri, die diesen einst so schönen Planteten mit einer schrecklichen Waffe verdarben. Eine chemische Bombe, die im Innern des Planeten detonierte, fast alles Pflanzliche auf Sinus-Six in kürzester Zeit vernichtet hatte. Sinus-Six verwandelte sich in kürzester Zeit in eine einzige Wüste. Doch wie es schien, war dieser Planet nicht gänzlich tot. An diesem unbemerkten Winkel hatten die Bomben scheinbar ihre Wirkung verfehlt. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja noch mehr solcher versteckten Orte?

Ich blicke zum Himmel hinauf und sauge genüsslich die frische Luft ein, die eindeutig von den Pflanzen auszugehen scheint. Ich hatte dieses erfrischende Bad so sehr genossen, dass mir jetzt erst auffällt, wie sehr ich wohl die Zeit vergessen habe. Sicher sucht man bereits nach mir, denn keiner weiß, wo ich bin. Vielleicht hätte ich Jemandem Bescheid geben sollen? Kommt mir prompt in den Sinn. Immerhin stehen Sonnen bereits sehr hoch am Himmel, ich musste also bereits eine Stunde hier sein, so meine Schlussfolgerung. »Naja. Immerhin bin ich jetzt endlich einmal richtig vom Wüstenstaub befreit und meine Klamotten sind sauber und sicher schon getrocknet«, geht es mir durch den Kopf und mein Blick wandert automatisch zum Ufer.

Ich stoße einen erstickten, fast lautlosen Schrei aus, denn dort steht jemand! Er musste soeben aus dem Nichts aufgetaucht sein. Jäh spüre ich wieder diese seltsame Vertrautheit. »Konnte das sein?«

Die Laserpistole auf mich gerichtet - was mich jedoch nicht im Geringsten nervös macht - und meine Kleidung in der linken Hand haltend, mustert er mich. Er sieht nicht aus, wie einer der Wüstenhunde und er kommt mir auf eine merkwürdige Art bekannt vor. Er ist groß und hat eine schlanke Statur. Sein schwarz-bläulich schimmerndes Haar trägt er kurz, jedoch wellt es sich leicht. Soweit ich es erkennen kann, sind seine Augen dunkelbraun, fast schwarz. Statt der typischen Rebellenkleidung, die aus weiten braunen oder weißen Leinenhosen und Leinenhemden besteht und durch breite Nierengürtel festgehalten wird, trägt dieser Fremde hier eine schwarze Lederhose. Das Shirt zeichnet seine gut trainierten Bauchmuskeln deutlich ab und darüber trägt er einen langen Kapuzenlangmantel, welcher seine Silhouette dennoch gut erkennen lässt. Und plötzlich fällt es mir wieder ein! Langmantel. Schwarz. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Wie ein Blitz durchfährt es mich, als ich die seltsame Gestalt aus meiner Zelle nun wieder erkenne. Der Fremde aus der Stadt, der so plötzlich verschwunden war.

»Hey«, ruft er im selben Moment zu mir herüber »was hast du hier zu suchen«? Seine raue Stimme bereitet mir sofort eine wohlig-schaurige Gänsehaut. Was mich wiederum irritiert.

Verdutzt starrte ich auf seine Laserpistole, die er noch immer auf mich gerichtet hält. Nicht, dass mir das Angst machen würde. Es war die Tatsache, dass er diese seltsame Vertrautheit ausstrahlt, die mich völlig verunsichert.

»Okay Sola«, sage ich zu mir selbst, »sag was. Irgendetwas. Lass dir deine Unsicherheit auf keinen Fall anmerken«.

Ich scheitere kläglich: »Äh, … ich bade hier. Was sonst« und ich gebe mir alle Mühe dabei, frech zu grinsen.

Langsam lässt der Fremde seine Pistole sinken und steckt sie in seinen Halfter unter dem Mantel.

»Hm«, macht er lediglich und reibt sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger das Kinn, bevor er mir antwortet. »Zu dumm, wenn einem die Klamotten dabei gestohlen werden.« Triumphierend blickt er mir entgegen.

Mir wird augenblicklich heiß und ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt.

»Blödmann«, murmele ich kaum hörbar vor mich hin. Doch es scheint zu ihm durchgedrungen zu sein.

»Bitte? Ich habe dich nicht richtig verstanden.«

Und ob er das hat. »Ähm, ich meinte... da ist was dran« lüge ich schnell.

»Du weißt aber schon, dass man sich nicht einfach aus dem Lager entfernen soll, ohne Bescheid zu geben. Oder hat Virloc vergessen, dich in die Regeln dieses Lagers einzuweisen?«

»Grrr. So ein überheblicher Schnösel« ist mein nächster Gedanke. »Das hat er wohl tatsächlich versäumt«, antworte ich und wechsele auf das derzeit für mich wichtigere Thema: »Leg sofort wieder meine Sachen hin«, befehle ich ihm.

»Zu deiner eigenen Sicherheit würde ich vorschlagen, dass du dich über ein paar grundlegende Regeln hier informierst!« Und jetzt klingt er irgendwie nicht mehr so gelassen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich fast behaupten, er macht sich tatsächlich Sorgen um meine Sicherheit. Aber hey, ich habe die letzten fünf Zentri überlebt und hatte bisher auch keinen Aufpasser. Warum sollte ich jetzt damit anfangen?

Etwa zehn Meric weit vom Ufer entfernt, bis zum Hals im Tümpel stehend, sodass ich gerade noch den schlammigen Boden unter meinen Füßen spüren kann, beginne ich allmählich zu frieren. Instinktiv schlinge ich meine Arme um meinen Oberkörper, schon allein deshalb, da ich meiner Nacktheit plötzlich schamhaft bewusstwerde. Ich kann die Miene dieses Fremden nicht genau erkennen, doch es ist mir nicht entgangen, dass es ihm scheinbar großen Spaß bereitet, mich blöd dastehen zu lassen und das ärgert mich zutiefst. Forsch wiederhole ich deshalb meinen Befehl: »Leg gefälligst meine Kleider wieder hin und verzieh dich! Mir ist kalt und ich möchte aus dem Wasser.«

»Dann komm doch raus. Es hält Dich doch keiner auf.«

»Ich … habe nichts an«, stellte ich stotternd und unnötigerweise fest. Mein Gesicht brennt vor Scham. Ich spüre, wie die Wut beginnt in mir hochzukriechen.

»Oh. Das ist natürlich äußerst dumm.« Spott schwingt in seiner Stimme. Mein Zorn steigt heftig und schnell. Am liebsten würde ich diesem Unhold einen linken Haken verpassen! Und in dem Augenblick, als ich mich bereits dafür entschließe, meinen ganzen Mut zusammenzunehmen, einfach cool aus dem Wasser zu steigen und meinem Gegenüber dahin zu treten, wo es am meisten weh tut, taucht Virloc plötzlich hinter dem Fremden auf. »Gerettet«, denke ich erleichtert.

Fast etwas enttäuscht dreht Sen Qan Rahl sich zu dem Rebellen um. Er hat so sehr darauf gehofft, diese rätselhafte Schönheit, die ihn vom ersten Augenblick an so völlig aus der Bahn geworfen hatte, aus ihrer Reserve locken zu können. Vorbei!

»Qan. Wo bleibst du? Mein Vater wartet bereits auf Dich. Was hast du eigentlich mit diesen alten Lumpen vor?« Virloc zeigt auf meine Kleidung. Und erst jetzt scheint er zu bemerken, dass ich zitternd vor Kälte im Tümpel stehe. Und nun kenne ich endlich den Namen des mysteriösen Fremden.

Verlegen drückt Qan, Virloc die Klamotten in die Hand und flunkert »Ähm. Ich wollte sie warnen, sich nicht allein hier draußen aufzuhalten. Du weißt ja, was alles passieren kann«, dann macht Qan auf dem Absatz kehrt und verschwindet in Richtung Zeltlager.

»War er etwa gemein zu dir?« Sichtlich verwundert über diesen Qan, blickt Virloc nun zu mir.

»So leicht lasse ich mich nicht ärgern«, lüge ich so keck, dass ich es selbst glauben würde.

Doch Virloc bemerkt ganz offensichtlich meine überspielte Unsicherheit und grinst. »Scheinbar gefällst du ihm.... Sen Qan meine ich... Normalerweise hält er keine großen Reden mit Frauen aus unserem Lager.«

»Nur dumm, dass wir uns gar nicht unterhalten haben. Er ist ein Großkotz«, entgegne ich.

Was immer diese Konversation war, eine Unterhaltung war es mit Nichten!

»Wie auch immer«, meint Virloc salopp und hält meine Kleidung in die Höhe »ich lege dir die Lumpen wieder her. In deinem Zelt liegt neue Kleidung für dich. Die Sachen müssten dir passen. Meine Schwester hat etwa deine Größe und sie konnte Einiges entbehren. Zieh dich in Ruhe um und komm dann in das große Zelt. Mein Vater möchte mit dir sprechen. Außerdem gibt es reichlich zu Essen. Du bist sicher hungrig«, ohne eine Antwort abwartend, lässt Virloc meine zerfetzten Kleider fallen und wendet sich zum Gehen. Sprachlos blicke ich ihm hinterher, während dieser zurück ins Lager trottet.

Kapitel 3

Was der Rebellenanführer wohl von mir will? Was ist so wichtig, dass es nicht noch etwas auf sich warten lassen kann? Zumindest so lange, bis ich mir im Klaren darüber bin, ob ich nun im Lager der Rebellen bleibe oder gehe. Diese Gedanken schwirren in meinem Kopf umher wie Fliegen, als ich mich auf dem Weg zurück in mein Zelt mache.

Auf der schmalen Pritsche liegen eine schwarze Lederhose, ein helles Baumwolloberteil und dazu ein knöchellanger Mantel. Die Sachen passen wie angegossen. Das ist mal was ganz anderes als diese furchtbaren Leinen.

Hat es einen bestimmten Grund, dass sie mich ausgerechnet in die gleichen Klamotten stecken, wie sie dieser seltsame Sen Qan trug? Wenn diese Rebellen so gutes Leder besaßen, weshalb kleiden sie sich dann ausschließlich in Leinen? Sogar schwarze, feste Riemenstiefel, die mir bis kurz unter die Knie reichen, haben sie für mich beigestellt. Es ist nett und äußerst großzügig, stelle ich erneut fest und nehme dabei einen kräftigen Schluck aus der Feldflasche, die bereits mit frischem Wasser gefüllt wurde, binde mir mein ellenlanges, dunkles und noch immer leicht feuchtes Haar zu einem dicken Zopf zusammen und trete nach kurzer Zeit vors Zelt. Und da wird mir schlagartig klar, was der Grund dafür ist, dass diese Rebellen meist nur helle Leinenkleidung tragen. Denn schon nach kurzer Zeit steht das Wasser in meinen Stiefeln und der Schweiß kriecht mir aus allen Poren. Die Hitze bringt einen fast um und ich könnte schon wieder baden.

Zügig gehe ich deshalb über den riesigen, runden Zeltplatz, auf das Größte von allen Iglus zu und mir wird die reelle Größe dieses gigantischen Lagers bewusst. »Das muss das Hauptzelt sein. So groß wie eines der Appartements in der Wüstenstadt. Wie viele Rebellen man wohl dafür benötigt, um es aufzustellen« stellt sich mir unweigerlich die Frage. Und wie automatisch kommt ein bewundernder Pfiff über meine Lippen.

Vor dem Eingang des Zeltes stehen zwei Wachtposten und starren mich von oben herab an. Ihr prüfender Blick macht mich sofort nervös. Als die beiden Hünen mich dann allerdings ohne Anstalten, mit einem steifen Nicken passieren lassen, husche ich schnell an ihnen vorbei.

Verunsichert trete ich ins Innere des Zeltes, indem bereits reges Treiben herrscht. Gelächter und leise Musik dringen zu mir. Ein Festessen, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte, tut sich plötzlich vor meinen Augen auf. Unzählige, etwa einen halben Meric hohe Tische sind in einem schneckenförmigen Kreis aufgestellt. Um diese Tische herum befinden mindestens einhundert Rebellen. Männer, wie Frauen und Kinder sitzen auf dem staubigen Wüstenboden, der von uralten, halb zerrissenen Teppichen bedeckt ist. Es gibt frisches Obst, Gemüse, Brot und sogar Fleisch. Unweigerlich stellt sich mir mal wieder die Frage "Wo bekommen die das alles nur her"? Ich habe hier noch keinen einzigen Frachter oder ein Schiff landen sehen? Heute Morgen war auch noch alles ruhig im Lager. Das ist echt Verrückt. Doch andererseits kann es mir ja auch egal sein.

Das viele Essen sieht so lecker aus und ich habe einen Riesenhunger. Seit ich hier herumstehe steigt mir der unwiderstehliche Duft der unzähligen Speisen in die Nase.

Ich entdecke endlich Virloc, der inmitten der Menge, an einem der zahlreichen Tische neben einer jungen Frau sitzt. Seine jüngere Schwester, vermute ich, die netterweise Kleidung für mich entbehren konnte. Von der Größe unterschieden wir uns tatsächlich nicht sehr. Doch sie ist noch dünner als ich. Fast schon mager. Ihre helle, weiße Haut ist sehr untypisch für eine in der Wüste lebenden Person. Ihre roten, langen Locken umspielen ihr ebenso zartes Gesicht. Sie trägt eine blaue, seidene, mit Goldfäden bestickte, fast durchsichtige Hose. Das dazu passende Oberteil ist ein Hauch von Nichts. Darüber trägt sie einen Ärmellosen, hauchdünnen, ebenso durchsichtigen und in blau gehaltenen Mantel. Sie verkörpert wahre Schönheit! Zart und wunderschön gleicht sie einem Fabelwesen. Schon allein wie sie dasitzt. Den Rücken kerzengerade und ihren Kopf stets aufrecht und voller Würde haltend. Wo haben diese Leute das alles nur her?

In meinen Gedanken derart verloren, scheine ich regelrecht zu Virloc und seiner Schwester hinüber zu starren. Virloc hat mich längst entdeckt und wild Zeichen gegeben, mich zu ihnen zu gesellen. Etwas zögerlich schreite ich auf seinen Tisch zu. Mit einem schüchternen, aber höflichem Nicken, nehme ich neben der rothaarigen Schönheit Platz und mache mich sogleich über die Köstlichkeiten her.

»Hallo«, reißt die Rothaarige mich nach kurzer Zeit mit einer sagenumwobenen und engelsgleichen Stimme aus meinen Gedanken.

»Du bist also Sola«, stellt sie mit einem freundlichen Lächeln fest. »Mein Bruder hat mir viel von dir erzählt. Ich bin Zea.«

Mit vollem Mund blicke ich kurz zu ihr auf und nicke stumm. Ich habe keine große Lust auf ein Gespräch, möchte aber andererseits nicht unhöflich sein, deshalb schiebe ich mir sofort die nächste Ladung in den Mund.

»Wie ist es eigentlich so in der Stadt?« will Zea plötzlich wissen.

Was soll ich ihr darauf jetzt antworten? War diese Frage tatsächlich ernst gemeint? »Gefährlich«, ist deshalb alles, was mir einfällt, um die Wüstenstadt zu beschreiben. Und das war die traurige Wahrheit. Zea würde sicher keinen Zyklus lang dort überleben. Mir fällt nichts Passenderes ein, was ich ihr dazu sagen könnte, also deute ich ein freundliches Lächeln an und esse dann weiter. Zeas Augen leuchten in einem klaren Türkis. Ihr Blick verrät mir, dass sie gespannt auf eine weitere Reaktion von mir wartet, doch ich weiß einfach nicht, was ich ihr sonst noch erzählen soll. Also senke ich meinen Blick ohne ein weiteres Wort.

Ich spüre Zeas erwartungsvollen Blick auf mir ruhen. Sie wartet noch immer darauf, dass ich ihr von der Wüstenstadt erzähle. Scheinbar reden die Rebellen hier nicht sehr viel darüber, also werde ich es auch nicht tun. Ich lenke einfach vom Thema ab und stelle ihr zur Abwechslung auch eine Frage, die mich gerade beschäftigt. »Hast du vielleicht eine Ahnung, wo dieser nerv tötende Fremde abgeblieben ist? Mit dem habe ich noch etwas zu klären.«

Es war offensichtlich, dass sie genau wusste, von wem ich spreche, denn sie kann sich ein breites Grinsen nicht unterdrücken. »Sicher meinst du Sen Qan Rahl ...«, ihre Augen glitzern richtig, als sie seinen Namen ausspricht, »...der kommt und geht. Mal ist er hier und im nächsten Moment auch schon wieder verschwunden. Daran gewöhnt man sich aber sehr schnell. Ich habe ihn heute Morgen noch nicht gesehen. Sicher ist er bereits wieder weg. Er hält sich nie lange auf Sinus-Six auf.«

»Mistkerl«, rutscht es mir wie von alleine heraus. »Den krieg ich schon noch«!

Zea kichert. »Warum bist du eigentlich so böse auf ihn? Was hat er dir getan«, möchte sie nun neugierig wissen.