Resa - Nila Wolfram - E-Book

Resa E-Book

Nila Wolfram

0,0

Beschreibung

Resa muss von Berlin wegziehen, ihre Freunde zurücklassen und das alles nur, weil ihre Mutter mit ihrem neuen Ehemann ein neues Leben anfangen will. Aber muss dabei ihr Leben auf der Strecke bleiben? Und in dem Dorf, in das sie ziehen muss, erwarten sie so einige merkwürdige Bewohner ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Nila Wolfram

 

Resa

 

ROMAN

 

1. Auflage, 2018

 

Copyright © Nila Wolfram

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

Umschlagmotiv: © Aleshyn_Andrei / Shutterstock;

© Ollyy / Shutterstock

shutterstock.com

 

© Wortley / Pixabay

pixabay.com

 

Umschlaggestaltung: Nila Wolfram

 

Impressum:

Nila Wolfram

c/o Papyrus Autoren-Club

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

 

[email protected]

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Prolog

Ein stereotyper Anfang

Abdul

Sechzehn

Ein Einzug

Fünfzehn

Park

Ein paar Haare

Vierzehn

Ein Herr Liebe

LLLLLLL

Ein Priester

Dreizehn

Ein Abendessen

Zwölf

Eine Mitschülerin

Eine Aufregung

Elf

Jaguar

Eine Unannehmlichkeit

Ein paar Lampions

Zehn

Ein Zoo

Weiß

Ein Lippenstift

Neun

Eine Tüte

Acht

Ein Sohn und noch jemand

Sie

Ein Teich der Libellen

Sieben

Ein Labrador

Ein paar Diebe

Sechs

Ein Ausbruch

Ein Weg

Fünf

Eine Alster

Vier

Drei Rasierklingen

Eine Lüge oder mehr

Romanow

Drei

Ein Kaminfeuer

Zwei

Ein Feuerwerk

Eins

Erinnern Sie sich noch?

Ein Krankenhaus

SMS

Mond

Ein Lederarmband

Heimat

Ein Winter

Null

Prolog

Victor

Am Bahnhof stand die Zeit still, dachte er und zündete sich eine Kippe an. Niemand fuhr hierher, einige vereinzelte Reisende waren auf dem Weg fort von hier. Ein älterer Herr in einem Anzug, der ihm im Laufe der Jahre viel zu groß geworden war, der ständig auf seine Rolex schaute und den Kopf schüttelte. Ein junges kaugummikauendes Mädchen in Netzstrümpfen, das sich gegen die Ticketautomaten lehnte und auf den Bildschirm ihres Smartphones starrte. Auf den Bahnschienen hüpfte eine Amsel umher und pickte an den Gräsern.

Er saß verborgen in den Halbschatten der Wälder um den Bahnhof herum. Die Reisenden erahnten seine Anwesenheit nicht. Er kam sich manchmal nichtexistent vor, wie ein Phantom, das nur in seinem eigenen Kopf existierte. Auf seinem Schoß lag eine zerknitterte Zeitung, die er aus dem Müll gefischt hatte. Die freien Stellen hatte er mit Bleistiftskizzen versehen.

Das billige Wegwerfhandy vibrierte in seiner Jeanstasche. Er zog es heraus und las auf dem Bildschirm den Namen des Anrufers. Schon wieder sie.

Er zögerte einen Moment lang, konnte es ihr jedoch nicht antun, nicht ranzugehen. »Ja?«

Stille. Er hörte nur ihr Weinen im Hintergrund. Offenbar traute sie sich nicht, mit der Sprache rauszurücken. »Wo bist du?«, fragte er vorsichtig.

»Auf einem Klo an der Autobahn, ich weiß nicht mehr wo, ich weiß nicht -«, ihre Stimme zitterte, bald fragte sie, was sie immer fragte, wenn sie ihn anrief, »kannst du vorbeikommen, bitte, Victor? Mir ist so schlecht, mir tut alles weh, bitte, bitte …«

Er schwieg, wisperte schließlich in den Hörer: »Ich bin am Bahnhof.« Ablehnen konnte er nicht. Dafür tat sie ihm zu leid.

»Suchst du schon wieder nach Passanten, die du beklauen kannst?«

Er lächelte. »Du kaufst dir von dem gestohlenen Geld ja auch immer diese furchtbaren Lippenstifte.«

Sie lachte, es war ein negatives Lachen, wie alles an ihr. Ihre ganze Persönlichkeit war durchzogen von einer Art Traurigkeit. Mit jedem Schritt, den sie ging, schaufelte sie sich ein tieferes Grab, dachte er.

»Ich habe Petzold versprochen, heute Abend im Restaurant auszuhelfen«, überlegte er laut, »dem kann ich nicht so einfach absagen, du kennst ihn. Sonst wird er uns das nächste Mal rausschmeißen, wenn wir dort wieder Reste schnorren gehen.«

Sie seufzte und weinte wieder los, mit einem Mal, so war es immer bei ihr, wenn sie nicht bekam, was sie wollte, und wenn sie sich in den kranken Winkeln ihres Kopfes verlor. »Okay«, keuchte sie unter Tränen. »Ist schon okay. Das verstehe ich. Du hast Pläne.«

Er erinnerte sich daran, was das letzte Mal passiert war, als er sie in so einem Moment im Stich gelassen hatte. Nein. Er konnte nicht zu Petzold gehen, nicht an diesem Abend, vielleicht gab er ihm ja noch eine Chance nächste Woche oder so. »Wo genau bist du?«

Nach mehreren Anläufen, die nach asthmatischen Anfällen klangen, nannte sie eine Adresse mehrere Kilometer weit weg. »Das ist der letzte Ort, an den ich mich erinnere«, beendete sie ihren Satz.

Er pfiff durch seine Zähne. »Wie bist du dahin gekommen, verdammt?«

»Mit dem LKW, ein Fahrer hat mich mitgenommen, ich wollte nach Köln. Doch dann hat er mich einfach rausgeschmissen, als als …« Sie hatte erneut Heulkrämpfe, ihre Stimme klang mehrere Oktaven höher als sonst, sie klang wie ein kleines Mädchen, das sein Zuhause verloren hatte. »Ich wollte weg von denen. Ich hasse sie.«

Sie sprach von ihrer Pflegefamilie, die er bisher noch nicht getroffen hatte. Von all dem, was er über sie gehört hatte, mussten sie extrem scheiße sein. Sie bekam von ihnen nur eine Mahlzeit pro Tag, hungerte die restlichen Stunden oder bettelte in der Innenstadt mit ihm. Sie schlief auf einer Matratze in der Abstellkammer, eingepfercht zwischen Staubsauger und Müllsäcken, bekam natürlich kein Taschengeld und musste sich die Klamotten aus den Altkleider-Containern zusammen klauen.

Es wunderte ihn nicht, dass sie so verkorkst war.

»Ich bin gleich da, ja, dauert vermutlich eine halbe Stunde oder so, ja? Tu nichts, bis ich bei dir bin. Ich liebe dich, das weißt du, oder? Du hast mich, du wirst mich nie verlieren, du brauchst nur einige Minuten lang auf mich zu warten. Schließ die Augen, bis ich bei dir bin, tu nichts. Ruh dich aus.«

»Ich bin in der dritten Kabine, links«, stöhnte sie und klang müde, »beeil dich bitte, ich halte es nicht länger aus.«

»Ja.« Er legte auf, fluchte und stand auf, faltete die Zeitung sorgfältig zusammen und steckte sie in seine Jackentasche. Wie sollte er nur bis dahin kommen? Er hatte kein Geld für ein Ticket bei sich, konnte er sich was von Petzold leihen? Er rief ihn an, doch der Restaurantbesitzer ging nicht ran. Er fuhr sich mit den kalten Händen übers Gesicht.

Schließlich rannte er los, aus dem Wald hinaus, in Richtung der Straße. Einige Minuten später stand er an einer Bushaltestelle und streckte den Daumen nach rechts. Er musste denselben Weg nehmen wie sie, um zu ihr zu gelangen, obwohl er sich geschworen hatte, das nie wieder zu tun.

Zu viele schlechte Erfahrungen.

Am Himmel prangte der Mond, wie angeheftet, verteilte sein silbriges Licht auf die angrenzenden Häuser, in denen einige von ihren Mitschülern wohnten. Sie lagen in ihren heimeligen Betten, zockten an ihren teuren PCs, mit vollem Bauch, während er auf eine Fahrt ins Nichts wartete, hungrig.

Bis auf ein paar schwarz gewordene Bananen, die er aus dem Müllcontainer eines Supermarkts mitgenommen hatte, und einer abgelaufenen Flasche säuerlicher Milch hatte er an diesem Tag nichts gegessen.

Er fror in seiner Regenjacke. Darunter trug er ein Hemd von früher, das sie ihm in der Kleiderspende im Obdachlosenheim geschenkt hatten, und eine Jeans von Primark, die er sich im letzten Jahr für fünf Euro in Bochum gekauft hatte, als er dort mit ihr drei Wochen lang abgehauen war. Seitdem hatte er sie beinahe jeden Tag getragen und genauso sah sie auch aus, verschlissen, dreckig, die Hosenbeine voller getrockneter Erde und Schlamm. Am Hosenbund lösten sich einige Fäden, er trug keinen Gürtel, obwohl ihm die Hose mittlerweile zu groß geworden war. Er hatte sie mit einem Schnürsenkel, den er um die Hüfte geknotet hatte, befestigt. Ziemlich erbärmlich eigentlich.

Ausgerechnet jetzt fing es an zu schütten. Die Bushaltestelle hatte zu seinem Pech kein Häuschen, er stellte sich unter einen Baum, dessen Blätter dabei waren, auszufallen. Scheiß Herbst, dachte er. Er hasste diese Jahreszeit, wenn er nachts nicht mehr draußen schlafen konnte. Wie im Juli neben ihr im Park, wo sie eine Decke ausgebreitet und unter dem freien Himmel geschlafen hatten, an dem wie an einer Pinnwand der Mond »schief« hing. So hatte sie es jedenfalls behauptet, sie meinte erkennen zu können, wann der Mond »schief« war.

Manchmal wunderte er sich darüber, wie sehr sie spinnen konnte.

Als ein Auto vorüberfuhr, trat er in das Licht der Scheinwerfer auf den Bürgersteig, damit der Fahrer ihn im Regenschauer entdeckte, spannte seinen Körper an und wartete. Tatsächlich trat der Fahrer auf die Bremse, fuhr langsamer an ihm vorbei, schien ihn aus dem Auto heraus zu beobachten. Dann, als er direkt bei ihm war, trat er aufs Gas und bog scharfkantig in die nächste Straße ab.

»Arschloch«, murmelte Victor und flüchtete zurück zu seinem Baum. Jetzt waren bereits zweiunddreißig Minuten vergangen, stellte er auf seinem Handy fest.

Er überlegte einen Moment lang, ob er bei ihr anrufen sollte, um zu sehen, ob es ihr besser ging. Er entschied sich dagegen, um sie nicht unnötig aufzuregen. Vielleicht bekam sie ja in ihrem Zustand gar nicht mit, wie viel Zeit bisher vergangen war.

Nachdem er noch einmal bei Petzold angerufen hatte, der immer noch nicht ans Telefon ging, wartete er weiter mit verschränkten Armen. Um sich irgendwie aufzuwärmen, zündete er sich eine weitere Kippe an und starrte in die Finsternis, über die Lichttupfer der anderen Häuser hinweg, in denen irgendwelche Familien saßen und vielleicht fernsahen.

Alles Spießer, dachte er und beneidete sie im selben Moment.

Als irgendwann - er hatte selbst die Zeit vergessen, vermutlich war es längst nach Mitternacht - ein Auto vor ihm hielt und ihn der Fahrer dazu einlud einzusteigen, wischte er seine Bedenken beiseite und riss die Tür auf.

Hauptsache, er stand nicht länger im verdammten Regen.

Was danach passierte, lag sowieso nicht in seiner Macht.

Ein stereotyper Anfang

Resa

Hass.

Ein Anfang mit dem Gefühl von Hass konnte kein guter Anfang sein.

Und dennoch empfand sie nur das, hinten im Auto, eingequetscht zwischen den Umzugskartons und der Perserkatze ihrer Mutter Juliane, die in ihrer Transportbox gerade Tobsuchtsanfälle vor Panik erlitt. Die Katze, nicht Juliane.

Aus den Lautsprechern der Musikanlage dröhnte ein Opernkonzert. Die Schreie der Sängerin vermischten sich mit dem Motorgeheul des alten Mercedes und dem Gekreische der Katze. Über den Lärm hinweg diskutierten Juliane, die auf dem Beifahrersitz mit der zerknitterten Landkarte kämpfte, und Daniel, ihr Stiefvater, der am Steuer saß und sich weigerte, Passanten nach dem Weg zu fragen.

»Nein, Schatz … diese Straße führt in eine Sackgasse, glaub mir«, stöhnte Juliane zum vermutlich siebten Mal und schlug sich gegen die Stirn.

»Du hast ja keine Ahnung«, knurrte Daniel und wendete den Wagen trotzdem, scharf nach rechts.

Die Reifen schlitterten über den regennassen Asphalt, die Katze warf sich mit einem Fauchen gegen die Tür ihrer Box, die mit einem Gitter versehen war, pinkelte auf die mit Leder bezogenen Autositze.

»Keine Angst«, wisperte ihr Resa zu und wischte den Urin mit Daniels Jacke ab, die er auf einem Karton abgelegt hatte, natürlich nur, weil sie sonst nichts zur Verfügung hatte.

Die Straße, in die er abgebogen war, verschluckte jegliches Abendlicht. Es war so düster, dass Daniel das Fernlicht einschaltete und die Augen zusammenkniff und sich über das Lenkrad beugte, um die Umgebung besser erkennen zu können. Er weigerte sich noch immer, eine Brille beim Autofahren zu tragen, weil er meinte, dass das seine Augen nur noch kaputter machte. Was natürlich Schwachsinn war.

Die Häuser zu beiden Seiten der Straße waren kaum beleuchtet, die Jalousien heruntergezogen. Einzig irgendwo in der Ferne lief ein Fernseher, das wechselnde bunte Licht war die einzige Lichtquelle bis auf ihren Wagen. Davor standen Bäume, deren Herbstblätter durch den Wind segelten und sich auf ihren Scheiben und ihrem Autodach niederließen. Mit dem Fuß auf der Bremse fuhr Daniel ruckelnd vorwärts, in Schrittgeschwindigkeit, suchte nach irgendwelchen Hinweisen, Straßenschildern oder sonst was.

Stets ein Fluch auf den Lippen.

Die Katze winselte, ihr Körper verschmolz mit der Dunkelheit, nur ihre Augen glänzten durch die Gitter.

»Resa, Liebling, kannst du nicht mal die Navigationskarte oder dieses Dings auf deinem Smartphone einschalten?«, fragte Juliane und zog damit den Hass von Daniel auf sich.

Noch mehr Hass.

»Nein«, sagte er, »Juli, ich kenne den Weg. Ich bin doch schon einmal hier lang gefahren, ich brauche keine Navigationstante, die mir mit ihrer automatisierten Stimme erklärt, wohin ich muss. Die Menschen haben sich schon zweitausend Jahre ohne so einen Mist zurechtgefunden, ich brauche das nicht.«

Resa hatte die Funktion ihres Smartphones längst eingeschaltet und wusste, dass sie sich mit jedem Meter mehr von ihrem Zielpunkt entfernten, von der Adresse, von dem Haus, das Daniel für fünfunddreißigtausend Euro bei einer Zwangsversteigerung gekauft hatte.

Das Haus musste komplett renoviert werden. Das hatte er sich zur Aufgabe erklärt, jetzt, da er wegen eines Burn-outs ein Sabbatjahr genommen und den Lehrerberuf für zwölf Monate seines Lebens an den Nagel gehängt hatte.

Juliane seufzte und lehnte sich zurück, zerknüllte die Karte auf ihrem Schoß. Die Karte hatte sie zuvor heimlich an einer Tankstelle auf der Autobahn gekauft, mit der Ausrede, sich Tampons besorgen zu müssen.

Daniel trat auf die Bremse, befreite sich von seinem Gurt und riss die Autotür auf. Er sprang auf die Straße und murmelte eher zu sich selbst: »Das kann doch gar nicht sein. Das ist doch …«

Im Licht der Autoscheinwerfer wirkte er wie ein verwirrter Pinguin. Sein karierter Pullover steckte zur Hälfte in seiner Hose, seine Schuhe waren schlammbespritzt und seine Hose zur Hälfte hochgekrempelt, sodass seine weißen Socken sichtbar waren. Er hatte sich seit Wochen nicht mehr rasiert - seit die Sommerferien angefangen hatten -, doch wegen seines spärlichen Bartwuchses war auf seinem Kinn nur ein unidentifizierbarer blonder Flaum zu sehen.

»Daniel, jetzt steig wieder ins Auto«, bat Juliane durch das Beifahrerfenster.

Er schüttelte den Kopf, marschierte mit den Händen in den Hosentaschen um das Auto herum, mitten auf der Straße, als ob er dadurch einen besseren Überblick gewann.

Nachdem er einige Minuten an der frischen Luft über den weiteren Weg philosophiert hatte, kehrte Daniel zurück und ließ sich auf den Fahrersitz fallen, kaute auf seiner Unterlippe herum und sagte plötzlich: »Das ist alles deine Schuld, Juli, du hast mich mit deinen Einwänden komplett durcheinandergebracht. Wenn du nur diese Karte nicht gekauft hättest … Das hat negative Energie in mir freigesetzt, jetzt mal im Ernst, Juli.«

Juliane seufzte, fragte: »Ach, ja?« Dann nahm sie die Karte zwischen ihre Finger, riss das Papier stückchenweise auseinander, ließ die Fetzen durch das offene Beifahrerfenster mit dem Wind davonfliegen. Das dauerte etwa drei Minuten lang, mit dramatischer Opernmusik und Katzengejaule unterlegt. In diesen drei Minuten sagte niemand etwas, nicht einmal Daniel, der mit einem Mal komplett stumm war und die trockene Haut seiner Unterlippe blutig biss.

»Jetzt habe ich die negative Energie in dir ausgelöscht, Schatz«, sagte Juliane mit süßlicher Stimme, »jetzt wirst du den Weg bestimmt finden.« Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören, selbst für jemanden wie ihren Stiefvater nicht.

Resa schloss die Augen und wappnete sich für die dritte Runde Streit an diesem Abend.

Daniel: »Und du …«

Pink Floyds Wish you were here in ihren eingestöpselten Kopfhörern sperrte alles aus, jegliches Geräusch, jegliche sinnlose Diskussion, die vorne im Wagen geführt wurde. Resa ließ sich von der Melodie mitreißen, wippte im Takt mit den Schuhen, blinzelte aus dem Fenster hinaus.

In der Scheibe spiegelte sich die rechte Hälfte ihres Gesichts, wirkte merkwürdig verzerrt, ihre dunkelblonden langen Haare verdeckten ihr Auge. Der rote Nagellack an ihren Fingerspitzen war abgesplittert, sie kratzte weiter daran, während sie der Musik lauschte und irgendwann spürte, wie der Wagen wieder losfuhr.

Daniel brauchte mehrere Anläufe, bis er sich aus der Sackgasse befreite und den Wagen den Weg zurücklenkte, den Weg entlang, den sie bereits gekommen waren. Es war 21 Uhr. Sie waren seit genau acht Stunden unterwegs, von Berlin durch die Autobahn bis nach Niedersachsen und weiter. Sie hatten ein einziges Mal gehalten, um eine Toilettenpause zu machen. Nach Resas Berechnungen kamen sie vermutlich erst um 23 Uhr an ihrem neuen verfallsnahen Zuhause an und mussten sich dort erst zwischen Spinnweben und Rattenkot und Staub ein Schlaflager aus alten gebrauchten Matratzen bauen.

Sie ließ ihren Kopf nach vorne sacken und strich mit ihrer schmerzenden Stirn die kalte Fensterscheibe entlang. Einige Sekunden lang tat es gut, dann wurden ihre Kopfschmerzen wieder schlimmer.

»Hast du noch Ibuprofen?«, krächzte sie in Richtung des Beifahrersitzes und zog sich die Kopfhörer aus den Ohren.

»Klar, Engelchen.« Juliane begann, in ihrer Handtasche zu kramen, zog mehrere Packungen Taschentücher heraus, einen Lippenpflegestift, ein Notizbuch mit vollgekritzelten Seiten, etliche Kassenbons.

»Ist das wirklich so eine gute Idee?«, fragte Daniel leise, so leise, dass er offenbar von Resa nicht gehört werden wollte. Leider ohne Erfolg. »Du machst sie noch abhängig von diesen ganzen Schmerzmitteln. Sie muss sich nur die Beine vertreten, dann geht es ihr wieder besser.«

Juliane seufzte, zuckte mit den Schultern und zog einen Blisterstreifen hinter einem Deodorant hervor. »Es geht ihr nicht gut, Schatz.« Mit dieser knappen Erklärung reichte sie eine Tablette nach hinten, ließ sie in Resas offene Handfläche fallen.

»Es geht ihr nie gut, Juli.«

»Sie ist siebzehn«, sagte Juliane nur, als ob das die Begründung für alles war.

Resa hasste es, wenn sie über sie sprachen, wenn sie selbst dabei war. Immer mit diesem besorgten Unterton von Daniels Seite, als ob mit ihr etwas nicht stimmte und sie Hilfe brauchte. Dabei war er es doch, der eine Therapie nötig hatte.

Sie warf die Tablette in den Mund, spülte sie mit dem letzten Rest ihrer Mineralwasserflasche herunter.

Die Katze starrte sie dabei mit offen gerissenen Augen an. Sie war ein schwarzes Exemplar, mit platter Nase durch die Überzüchtung, hatte dadurch Probleme mit der Atmung und schnaufte auch jetzt am Gitter. Sie versuchte, mit letzter Kraft nach draußen zu gelangen. Juliane hatte sie vor genau sieben Monaten aus dem Tierheim adoptiert, eine schwarze Katze, weil die Tiere in dieser Farbgebung am wenigsten Chancen hatten. Da spielte der Aberglaube bei manchen Leuten immer noch eine große Rolle. Bei Juliane jedoch nicht.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde hielten sie erneut an.

Daniel drehte die Opernmusik leiser, atmete hektisch ein und aus und verkündete: »Wir sind da. Wir sind da.« Er schien es selbst nicht fassen zu können. Er stieg aus dem Auto, suchte mit zitternden Händen in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel, rief »Oh!« und öffnete die hintere Tür. »Hast du meine Jacke gesehen, Theresalein?«

Theresalein. Sie hasste es, dass er sie so nannte, dass er sie behandelte wie ein vierjähriges Kind. Wenn er so mit seiner Klasse umgegangen war, wunderte es sie nicht, dass seine Schüler ihn vorsätzlich bis zum Burn-out gemobbt hatten.

»Hier.« Sie reichte ihm seine mit Katzenurin durchtränkte Jacke.

»Oh, hast du versehentlich etwas verschüttet?« Er roch an der Kapuze der Jacke und verzog angewidert das Gesicht.

»Versehentlich«, log Resa.

An der Innenseite der Jacke war eine Tasche, deren Reißverschluss er aufzog. Ein Schlüsselbund kam zum Vorschein. Er klapperte triumphierend damit, warf seine Jacke zurück auf die Umzugskartons auf dem Rücksitz.

Dann spazierte er über die verdorrte Wiese zu dem Trümmergerüst, das ihr neues altes kaputtes Zuhause werden sollte.

Während er dort auf der überdachten Veranda mit dem Schlüssel hantierte, weit weg von ihnen, sie somit nicht mehr hören konnte, murmelte Resa zu ihrer Mutter: »Das ist es also.«

Juliane schluckte laut hörbar. »Mhm«, sagte sie. Und zwang sich zu einem anschließenden vernuschelten: »Schön, nicht wahr?«

»Dafür müssen wir alles zurücklassen.«

»Ja, Resa. Es wird alles gut, Resa.«

Juliane schien die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen nicht länger zu ertragen. Sie riss die Tür auf und stieg mit schwankenden Beinen aus. Draußen streckte sie den Rücken durch und legte den Kopf in den Nacken. Sie blinzelte in den nicht vorhandenen Sternenhimmel. »Komm, steig aus. Die Luft hier ist so rein.« Sie atmete tief durch, ihre Brust hob und senkte sich dabei.

In einem Nachbarhaus brannte Licht.

Die Gardinen waren nicht zugezogen. Hinter dem Fenster lief eine weißbekittelte Frau mit einem Tablett und Teetassen umher. Die Äste der Weide, die vor dem Haus stand, schlugen gegen die Scheibe. Ein alter Mann mit nacktem Oberkörper erschien vor dem Fenster. Seine grauen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Sobald er das Auto entdeckte, riss er die Faust hoch und zeigte ihnen den Mittelfinger.

Genau in diesem Moment rannte seine Pflegerin herbei und riss ihn vom Fenster weg, ohne dass Juliane etwas davon mitbekam. Juliane, die weiterhin die nicht vorhandenen Sterne begutachtete und die saubere Luft durch ihre von Berliner Abgasen verschmutzten Lungen strömen ließ.

Die Frau im Nachbarhaus zog hastig die Gardinen zu.

Die Katze auf dem Rücksitz schnaufte weiterhin.

Daniel kehrte mit einem Grinsen zu ihnen zurück und sagte: »Es ist auf. Und es ist wunderbar. Bitte folge mir, Juliane Volkers. Und du bitte auch, Theresalein Volkers. Gehen wir in unser neues Zuhause. Wir werden eine wahnsinnige Zeit haben.« Er legte Juliane den Arm um die Schulter und spazierte mit ihr über die verdorrte Wiese weiter zur Veranda.

Resa stieg ebenfalls aus, leicht widerwillig, die Transportbox mit der eingenässten Katze in der Hand. Sie nahm sich vor, dass dieser nichtssagende Ort am Rande von Nichts niemals ihr neues Zuhause werden würde.

Eher haute sie ab.

Abdul

Victor

Der Fahrer war ein etwa fünfzigjähriger Pakistaner, dessen Auto nach Räucherstäbchen und Rosenwasser roch. Aus seinem Radio drangen Sitarklänge, am Vorderspiegel hing eine Gebetskette. Er sprach gebrochen Deutsch, sein Akzent war so stark, dass er sich mehrmals verhaspelte. »Ja, okay«, sagte er, nachdem Victor ihm erklärt hatte, wohin er unterwegs war, »ich auch dahin.« Sein Name war Abdul, seine Hände über dem Lenkrad waren komplett schwarz behaart, selbst an den Fingern.

Die Radiouhr lief zurück, war wohl seit Monaten in der Winterzeit hängen geblieben.

Victors Jeans war durchnässt. Er fror. Aber im Auto, einem Fiat aus den Neunzigern, schien es keine Klimaanlage zu geben. Vor seinen Schuhen stapelten sich Mülltüten und Pfandflaschen.

»Sorry«, entschuldigte sich Abdul, sobald er seinen Blick bemerkte, »keine Zeit aufzuräumen.«

Victor kurbelte das Fenster herunter, trotz der Kälte, weil er den Geruch nach Räucherstäbchen nicht länger ertrug.

Abdul registrierte das mit einem Seitenblick, sagte jedoch nichts. Er fuhr das ruckelnde Auto über eine Brücke. Der See darunter glitzerte im Licht der Straßenlaternen. Die Motorgeräusche waren so laut, dass sie die hauchfeine Musik aus dem Radio übertönten. Bei jedem Schaltvorgang begann das Auto zu »husten«.

Ob dieses fahrbare Schrottteil ihn überhaupt bis zur Autobahn brachte war fraglich, geschweige denn bis zu ihr, etwa fünfunddreißig Kilometer entfernt von seinem derzeitigen Standpunkt? Er fluchte in seinem Kopf und kurbelte das Fenster wieder hoch, weil der Regen in das Innere der Blechdose drang. »Seit wann bist du in Deutschland?«, fragte er Abdul, weil er die Stille zwischen ihnen nicht länger ertrug.

Ein Lächeln legte sich auf die Lippen des Pakistaners. Er fuhr sich über den Bart und nickte, in Gedanken versunken. »Eine schöne Zeit, damals, 1978, gerade neu in Hamburg angekommen, Frau kennengelernt, es war, wie nennen Sie das, eine arrangierte Ehe, sie hat sich …« Mit einem Mal veränderte sich der Ausdruck in seinem Gesicht und Tränen stiegen ihm in die Augen, die er hastig wegblinzelte. »Drei Kinder bekommen, Faisal, Malika, Saif«, zählte er an einer Hand ab, »Frau geschieden, 1990. Ich habe Kinder seit fünfzehn Jahren nicht gesehen, nicht telefoniert.«

»Oh.« Victor empfand mit einem Mal Mitleid mit diesem fremden Mann, was ihn beinahe ärgerte. »Das ist …« Traurig hatte er sagen wollen.

»Und du?«, fragte Abdul plötzlich. Er wendete das Lenkrad nach links und fuhr in eine Seitenstraße, die mit ehemaligen Wohnungen der britischen Stationierungskräfte bebaut war, die jetzt zum größten Teil leer standen, da niemand an so einem hinterwäldlerischen Ort leben wollte.

Dort hielt er vor einem Gebäude, dessen Vorgarten gemäht und dessen Briefkasten gefüllt mit Zeitungen war. Ein automatisches Licht über der Eingangstür sprang an, davor lag eine Fußmatte aus Kunstrasen. »Du auch nicht aus hier?«

Sah man ihm das so direkt an? Er fühlte sich urdeutsch, obwohl er es natürlich nicht war. »Russland«, knurrte er widerwillig, »Jakutsk.« Und dann fragte er, wesentlich misstrauischer: »Warum halten Sie hier?«

»Isha verpasst, Gebet«, erklärte Abdul und löste seinen Gurt. »Muss einmal Wudhu machen, beten, fertig in halber Stunde, vielleicht schneller. Muss vor Mitternacht machen, sonst nicht gültig.« Er öffnete das Handschuhfach und wühlte eine Weile darin, kramte einen Müsliriegel mit Cranberry heraus und reichte ihn Victor. »Iss, zu dünn. Männer dünn ist nicht gut.«

Er ließ den Autoschlüssel stecken, setzte sich nur eine gehäkelte Mütze auf und humpelte aus dem Wagen. Etwas stimmte nicht mit seinem Bein. Er stöhnte, zog aus dem Rücksitz einen Regenschirm, den er jedoch nicht gegen das Wetter einsetzte, sondern als Krückstock. Er schleifte sich über den Asphalt bis zum Bürgersteig, brauchte mehrere Anläufe, bis er die Stufe überwunden hatte, drehte sich noch einmal zu Victor im Auto um und winkte freundlich. Dann schien ihm etwas einzufallen, er machte ein Zeichen mit der Hand, dass er sein Fenster runtermachen sollte.

Victor gehorchte.

»Du willst rein bis ich fertig bin? In Haus? Kühlschrank voll. Du kannst Samosas in Mikrowelle reinmachen, na? Auch alkoholfreies Bier, möchtest du?« Seine Stimme ging im Regen unter.

In ein fremdes Haus? Auf gar keinen Fall. Nicht dass er sich übermorgen als Geisel im Fernsehen sah.

»Nein, danke«, rief er aus dem Fenster und hoffte, dass Abdul sich beeilte.

Als die Eingangstür sich hinter dem humpelnden Mann schloss, spürte er das Vibrieren seines Handys in der Hosentasche. Hoffentlich war es Petzold, der ihm einen neuen Termin anbot, um seine Schulden zu begleichen und nicht -

Doch, schon wieder sie. Wenigstens hatte sie sich nichts angetan, bisher.

Er nahm ab und hielt sich das Gerät ans Ohr, traute sich nichts zu sagen.

»Du, Victor«, säuselte ihre Stimme, »du bist nicht gekommen. Du hast gelogen.«

»Ich bin auf dem Weg«, presste er hervor.

»Du bist ein Lügner.« Sie klang viel ruhiger als vorhin, was ihm verdammt noch mal Angst machte.

»Geht es dir gut?«

Stille. Nur im Hintergrund hörte er das Rauschen eines Wasserhahns.

»Geht es dir gut?«, wiederholte er eindringlicher. »Glaub mir doch, Mann, ich nehme diesen beknackten Weg auf mich, um zu dir zu kommen, sag Petzold ab, der mir morgen oder so den Hals umdrehen wird, weil er jetzt selbst Überstunden ziehen muss, sitze im Wagen eines fremden Mannes, und du kommst mir jetzt mit: Du Lügner. Was willst du denn noch von mir?«

»Schrei mich nicht an«, wisperte sie.

»Ich schrei gar nicht«, regte er sich noch mehr auf.

»Ich merke es, wenn du schreist«, hauchte sie, »dann musst du gar nicht laut werden, du kannst es auch so.«

Er verstummte und schüttelte den Kopf, warf einen Blick zur Eingangstür. Wo zur Hölle blieb der Mann?

»Ich bin bald da, versprochen«, sagte er wesentlich beherrschter, »du musst nur Geduld haben. Vertrau mir, verdammt, ich bin immer für dich da und du begreifst es gar nicht. Warum tu ich mir das überhaupt an?«

Diese Frage schien sie zu provozieren. »Ach ja? Ich brauche dich gar nicht. Scher dich doch weg. Hau ab nach Sibirien, Alaska, oder woher auch immer du kommst.« Ohne ein weiteres Wort legte sie auf, der schrille Ton ihres Schreis zum Schluss verharrte in seinen Ohren und klang nach.

Er blickte sich noch einmal um, starrte auf die Uhr auf seinem Handy, seufzte.

Es tat sich nichts.

Sollte er anklopfen? Darauf drängen, dass sie weiterfuhren, bevor sie sich noch etwas antat?

Er riss die Tür auf und trat hinaus, blieb einen Moment lang unschlüssig auf dem Bürgersteig stehen. Dann kehrte er um, lief um das Auto herum und ließ sich auf den Fahrersitz fallen.

»Scheiß drauf«, murmelte er und fühlte sich schuldig dabei. Er drehte den Schlüssel, warf den Motor an und trat aufs Gas. Ohne sich noch einmal umzusehen, fuhr er ruckelnd mit der Schrottkarre los. Vielleicht kam er nicht weit. Vielleicht hetzte ihm der Alte - der immerhin einen Dach über dem Kopf hatte, wo er seine Samosa-Fertiggerichte in der Tiefkühltruhe verstauen konnte - die Polizei auf den Hals. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.

Vielleicht kam er auch pünktlich an, bei ihr. Und schloss sie endlich in seine Arme, bevor sie sich etwas antat.

Autofahren hatte er immerhin mit sieben Jahren von seinem Großvater gelernt, in Jakutsk. Doch darüber dachte er nicht gerne nach und konzentrierte sich auf die Straße. Die Lichter der Straßenlaternen tanzten an ihm vorbei und irgendwo weit weg blinzelte der Mond hinter den Wolken hervor.

Sechzehn

Als er die Geräusche hörte, setzte er sich auf. Was passierte hier? Er lauschte an der Tür, hörte, wie eine Männerstimme unten feierlich verkündete: So riecht ein neues Kapitel. Ein neues Kapitel? Was zum Teufel?

Er sah sich um und versuchte, ruhig zu bleiben.

Es hätte so oder so irgendwann passieren müssen.

Jetzt war es also so weit.

Sie hatten das Haus verkauft.

Wenn er eine Waffe bei sich gehabt hätte, wäre er nach unten gestürmt und hätte sie alle abgeknallt. Ihm doch egal, wer sie waren, woher sie kamen. Sie konnten nicht einfach auftauchen und ihm alles wegnehmen.

Ein Einzug

Resa

Im Inneren des Hauses stank es nach Mottenkugeln und Schimmel.

Daniel atmete die Luft genüsslich ein und rief: »So riecht ein neues Kapitel.« Er schleifte seinen Koffer durch den Flur. Ein zerbrochener Spiegel mit schwarzen Flecken auf der Scheibe hing an der Wand. Er blieb davor stehen und zupfte an seinem Kragen, als müsste er für diesen Einzug perfekt aussehen.

Juliane schnaubte und hastete an ihm vorbei. Sie hielt sich schützend die Hände über den Kopf, als könnte jeden Moment die Decke einstürzen.

Resa folgte ihr hinein ins Wohnzimmer.

»Das ist doch schon ganz hübsch, findest du nicht, Engelchen? So ein großes Wohnzimmer hatten wir in Berlin nicht. Und sieh doch: Ein Kamin!« Julianes Stimme klang hoch und nervös. Ihre Wangen waren hitzig und alles, was sie sagte, sollte wohl mehr sie selbst beruhigen.

Der Boden unter ihren Stiefeln war aus Kork, ihre Schritte verursachten dumpfe Geräusche darauf. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich tatsächlich ein Kamin, der mit alten zerknüllten Zeitungen zugemüllt war.

Resa ließ die Transportbox sinken und öffnete die Tür. Der Katze jedoch schien die neue Umgebung umso gruseliger, sie verharrte in ihrem Gefängnis und wimmerte leise.

»Sie traut sich nicht ins Haus«, sagte Resa. »Offenbar ist sie hier das intelligenteste Wesen.«

Juliane rollte mit den Augen und marschierte zu einer Glastür, die sich aufschieben ließ.

Dahinter gab es eine kleine vertrocknete Grünfläche, die Daniel am Abend zuvor als »blühender Garten voller Kräuter und Obst« bezeichnet hatte.

»Hm ...« Darauf konnte Juliane wohl keine Lobgesänge mehr halten. Das einstudierte Lächeln in ihrem Gesicht schwand.

Hohe Hecken säumten die Grünfläche und ließen keinen Blick auf das Grundstück zu. Neben einem Strauch war ein schiefes Konstrukt aus Spanholzplatten aufgebaut, das wohl ein christliches Kreuz darstellen sollte. Darauf waren mit einem stumpfen Messer die Initialen BL eingraviert worden.

»Hat da jemand die Knochen seines Haustiers vergraben?«, fragte Juliane leise und schüttelte sich.

»Besser als die eines toten Menschen«, entgegnete Resa und erntete dafür einen finsteren Blick.

Die verwelkten Blätter der Trauerweide aus dem Nachbarhaus wehten durch die Glastür ins Wohnzimmer. Auf der Grünfläche draußen war es voll von bunten Herbstblättern.

Juliane räusperte sich. »Nun ja, wir müssen wohl einfach ein wenig Arbeit darin investieren. Das wird bestimmt Spaß machen. Wir machen Vorher- und Nachher-Bilder und schicken das dann unseren Freunden in Berlin. Die werden alle so neidisch sein.« Sie schien ihren Worten selbst nicht zu glauben.

Juliane ließ die Glastür offen und wandte sich ab, spazierte weiter ins nächste Zimmer, eine Küche mit zertrümmertem Fliesenboden. Schwarzer Schimmel hatte sich nahe des Fensters an der Decke gebildet. »Mist.« Sie schüttelte den Kopf. Doch um vor Resa weiterhin eine gute Miene aufzusetzen, zuckte sie mit den Achseln und grinste. »Das bringt es wohl mit sich, wenn man in ein altes Haus zieht, oder? Ach, so ein bisschen Feuchtigkeit. Das wird uns schon nicht umbringen.«

»Auf lange Sicht eigentlich schon«, murmelte Resa, aber ihre Mutter ignorierte ihre Worte.

In den Regalen über dem Gasherd befanden sich noch Becher, sowie eine halb geöffnete Erdnussbutterdose, in der sich Fliegen tummelten. Auch im ausgeschalteten Kühlschrank befanden sich noch eine halbleere Flasche Orangensaft, eine Packung Butter, Reste einer bestellten Champignonpizza.

»Das muss ich alles putzen«, stöhnte Juliane und schlug die Tür zum Kühlschrank zu.

Durch die Küche gelangten sie zu einer Wendeltreppe, deren Stufen mit einem abgenutzten Teppichboden ausgelegt waren. Statt eines Geländers gab es zu beiden Seiten der Treppe Wände, an denen Bilderrahmen mit Schwarzweißfotos hingen. Spinnweben hatten sich darüber gespannt, die Juliane mit ihrem Ellbogen beiseite schob. Die Fäden blieben an ihrer Jacke und an ihren rotgefärbten Haaren hängen.

Resa folgte ihr ins obere Stockwerk, wo es ein Badezimmer mit Fliesen aus den Achtzigern gab. Die Abwasserrohre verströmten einen Gestank von abgestandenen Fäkalien und Feuchtigkeit. Es gab eine Dusche, in der sich eine große Winkelspinne ihr Heim aufgebaut hatte.

Bei dem Anblick der Spinne wich Julianes gekünsteltes Grinsen endgültig. Trotzdem hauchte sie atemlos: »Ich habe mal gehört, dass Spinnen da leben, wo ein gutes Raumklima herrscht.«

Neben dem Bad befand sich ein Schlafzimmer mit Teppichboden. Die Spitzgardinen an den Fenstern hingen noch. Im Kleiderschrank lag ein Sack voller vergessener Kleidungsstücke, ein roter Rock thronte ganz oben auf dem Stapel.

»Ich muss mich einmal hinsetzen«, flüsterte Juliane. Sie torkelte zur Fensterbank, ließ sich auf der verstaubten Steinoberfläche sinken, stieß mit ihrem Knie gegen die altertümliche Heizung. Mit heiserer Stimme erklärte sie: »Du kannst dir schon mal den Dachboden ansehen. Daniel hat gesagt, dass das dein Zimmer werden soll. Doch wenn …« Ihre Worte verschwanden irgendwo auf ihrer Zunge, sie blieb stumm zurück und starrte auf die Lampe an der Decke, in der sich tote Insekten sammelten.

Beinahe hatte Resa Mitleid mit ihrer Mutter, aber nur beinahe.

Sie schlich über den Flur zurück zu der Wendeltreppe, wunderte sich darüber, dass sie sich so leise bewegte. Es fühlte sich an, als würde sie in die privaten Gemächer einer anderen Familie eindringen. So fremdartig. Die dritte Stufe knarzte, was sie zusammenzucken ließ. Am Ende der Treppe gab es eine Tür, die halb angelehnt stand. Sie gab ihr mit ihrer Stiefelspitze einen Ruck und trat ein.

Mit ihrem Smartphone leuchtete sie den Dachboden an.

Das ist es also. Mein neues Zimmer. Scheiße.

Das Zimmer sah aus, als wäre es noch vor kurzem bewohnt gewesen.

An den Balken an der Decke hingen glänzende Samttücher. Auf dem Holzboden war ein Lager aus Schlafsäcken aufgebaut. Leere Bierflaschen rollten vor der Fensternische, die Scheibe war eingeschlagen. Ein Kapuzenpullover hing an einem schief eingehämmerten Nagel an der Wand, als hätte ihn jemand zurückgelassen, um wiederzukommen. Und ein Notizbuch befand sich zwischen den Schlafsäcken.

»Und, wie gefällt es euch?«, rief Daniel vom Erdgeschoss herauf. Doch niemand antwortete ihm.

Resa hob das kleine Büchlein auf und blätterte darin.

Ganz vorne stand der Name: Romanow. Mit eleganter Schreibschrift auf das Deckblatt aufgezeichnet. Auf den nächsten Seiten gab es etliche angefertigte Skizzen. Von Straßen, Passanten, Blumenverkäufern, Cafés und immer wieder einem Mädchen.

»Warum antwortet mir denn keiner? Hat es euch so die Sprache verschlagen? Ja, ich finde auch, es ist so geil. Ja, ich weiß, ich habe normalerweise eine Abneigung gegen das Wort, aber es passt einfach perfekt. Stellt euch das mal vor, hier werden wir alle alt zusammen.«

Waren Erwachsene immer so verblendet? Passierte es automatisch, wenn man ein gewisses Alter erreichte, dass man sich und einander etwas vorspielte?

Resa blätterte weiter.

Das mit einem Bleistift auf Papier gebannte Mädchen blickte immerzu weg, nach unten, nach links, nach oben, nie direkt nach vorne. Ihre Augen glänzten, waren riesig, nahmen beinahe die Hälfte ihres Gesichts ein, so kam es einem vor. An ihren geschwungenen Wimpern klebten Mondsichel. Ihre vollen Lippen waren dunkel geschminkt. Sie besaß einen perfekten Kussmund und schien sich dessen auch bewusst zu sein, neckisch biss sie sich auf der ersten Skizze auf die Unterlippe. Ihre dunklen Haare fielen ihr wie Schleier über die Augen. Sie war überall in diesem Notizbuch. In jeder Ecke gab es eine weitere Skizze von ihr, von ihrem nackten Rücken, von ihrem Profil, von ihrer geschwungenen Nase. Einmal verglich der Künstler sie auf einer Zeichnung mit einem Reh, als sei dies das Tier, dem sie am ehesten ähnelte. Und tatsächlich, es stimmte.

Zwischen den letzten Seiten lag ein zusammengefaltetes Taschentuch, das mit einem Parfüm besprüht war. Der scharfe Duft nach Jasmin nahm die gesamte Schlafstätte ein.

»Resa?«

Julianes schwerfälligen Schritte näherten sich. Aus welchem Grund auch immer schaltete Resa hastig ihr Smartphone aus, tauchte alles in Dunkelheit und versteckte das Notizbuch hinter ihrem Rücken.

Mit ihrer Taschenlampe bewaffnet traf Juliane ein, ließ das gelbliche Licht über jede Ecke des Dachbodens wandern, seufzte über das eingeschlagene Fenster und betrachtete die Stoffbahnen an den Balken mit zurückgelegtem Kopf. »Es ist ganz nett eingerichtet«, sagte sie. »Immerhin etwas«, fügte sie leiser hinzu. »Was sagst du dazu? Willst du hier schlafen? Oder ist dir das hier oben zu gruselig?« Sie zeigte mit der Taschenlampe in ihrer Hand auf das Fenster. »Das muss natürlich erst einmal repariert werden.«

»Ja«, sagte Resa nur. »Okay.«

Von unten ertönte wieder die aufgedrehte Stimme von Daniel: »Juli, kommst du mal runter? Ich will dir was echt Tolles zeigen!«

Juliane seufzte, drehte sich um und trat vorsichtig die Treppenstufen hinunter, stützte sich an der Wand zu ihrer rechten Seite ab.

Resa zog das Notizbuch hinter ihrem Rücken wieder hervor.

Wer das Mädchen in diesen Skizzen wohl war? Und wer war dieser Romanow? Hatten sie irgendwann einmal hier gewohnt? Oder ... ein seltsamer Gedanke kam ihr: wohnten sie etwa immer noch hier?

Daniel kämpfte mit der Elektrizität im Keller, während Juliane im Wohnzimmer direkt vor dem Kamin eine Picknickdecke ausgebreitet hatte. Sie versuchte, gefundene Holzscheite aus der Scheune anzuzünden, die jedoch zu feucht waren. Stattdessen fingen die Zeitungsseiten Feuer und verglühten alle paar Sekunden wieder. »Irgendwie hab ich mir so einen Kamin einfacher vorgestellt«, murmelte sie. »Warum gibt es nicht einfach einen Knopf, mit dem man das Feuer einschalten kann? Ach nein. Das wäre ja dann eine Heizung. Und die Heizung hier funktioniert ja noch nicht.« Sie bestrich ein paar Brote mit Marmelade, trank einen kalt gewordenen Tee aus der Thermoskanne und redete beruhigend auf ihre Katze ein, die sich immer noch nicht aus der Transportbox traute. »Komm schon, kleine Maus. Hier tut dir niemand was.«

»Vielleicht will sie auch nicht unbedingt als Nager bezeichnet werden. Hast du dir das schon mal überlegt?« Resa hatte den Besen in die Hand gedrückt bekommen. Sie hatte ihre Jacke ausgezogen, die Ärmel ihres Pullovers hochgekrempelt und fegte den Boden. Womit hatte sie das verdient? Warum musste Juliane ihr das antun?

»Jetzt verzieh doch nicht das Gesicht«, sagte ihre Mutter, die es im Grunde selbst war, die das Gesicht missbilligend verzog. »Du wirst schon sehen. Es wird dir gefallen.«

»Und wenn es mir nicht gefällt? Kann ich dann zurück? Irgendwohin, wo wenigstens das beknackte WLAN funktioniert?«

»Wir sind eine Familie«, sagte Juliane.

Aber das stimmte nicht mehr, dachte Resa. Seit ihre Eltern sich getrennt hatten und Juliane Daniel geheiratet hatte und damit auch den Namen ihres Vaters Habicht abgelegt, waren sie keine Familie mehr. Sie waren nur noch Juliane und Daniel. Resa war für sie nur wie Gepäck. Ein lästiges Anhängsel.

Nach einer Viertelstunde fragte Juliane plötzlich: »Hast du das gehört?«

»Was?«

Juliane sprang schlagartig auf, schlich in ihren Socken auf Zehenspitzen durch die Küche zur Treppe und horchte. Aus dem Obergeschoss drangen Geräusche nach unten, ein Poltern, Schritte, jemand rannte hin und her, schmiss etwas um. Ein Krachen. Ihre Mutter zuckte zusammen und packte Resas Handgelenk, zischte: »Hol Daniel. Schnell!«

Resa nickte und eilte zu der Tür, die neben der Garderobe im Flur war. Dahinter verbarg sich eine Treppe, die zum Keller führte. Nachdem sie Daniel Bescheid gegeben hatte, folgte er ihr und nahm drei Stufen auf einmal und stürzte beinahe. Sobald er Juliane erreichte, war es oben bereits etwas ruhiger geworden. »Was ist denn los?«, keuchte er viel zu laut.

Juliane machte ein ebenso lautes »Schchhhh«. Und dann erklärte sie: »Da ist jemand. Oben. Auf dem Dachboden.«

»Das kann gar nicht sein.«

»Es ist aber so«, fauchte Juliane.

»Ich höre rein gar nichts.« Daniel runzelte die Stirn, die mit Dreck verschmiert war.

»Dann geh doch nach oben und überprüfe es einfach.«

Er zuckte mit den Schultern, tastete nach seinem Pfefferspray, das er zur Sicherheit selbst in der Schule immer bei sich in der vorderen Hosentasche trug, schlich die Wendeltreppe hinauf. Als Resa ihm nachlaufen wollte, zog Juliane sie an der Schulter zurück. »Du bleibst hier«, befahl sie und zwängte sich an ihr vorbei.

»Als ob«, murmelte Resa und blieb nicht unten.

Im ersten Stock war nichts los. Die Zimmer waren leer, keine Spur von irgendwelchen Einbrechern. Daniel drehte sich zu Juliane um und schaute sie so an, wie man jemanden anschaute, wenn man sagen wollte: »Na, siehst du?«

»Ich. Habe. Gesagt. Auf. Dem. Dachboden«, presste Juliane zwischen ihren Zähnen hervor.

»Das glaube ich nicht«, murmelte Daniel. »Es wird schon alles stimmen.«

Im nächsten Moment öffnete er die Tür zu Resas zukünftigem Zimmer, zum Dachboden. Er erstarrte mitten auf dem Treppenabsatz und ließ das Licht seiner Taschenlampe durch den Raum gleiten. »Oh«, war alles, was aus seinem Mund kam.

Resa lugte hinter seinem Rücken hervor. Die Schlafsäcke, die vor einer Stunde noch da gewesen waren, waren abgeräumt worden. Jemand hatte die Regale auseinandergenommen. Die verstaubten Bücher lagen auf dem Boden, einige der Bierflaschen vor der Fensternische waren zertrümmert und eine Wachskerze, die neben der Schlafstätte gestanden hatte, war zertreten. Auch der Kapuzenpullover, der an dem Nagel gehangen hatte, war nicht länger da. Der Einbrecher schien nach noch etwas gesucht zu haben. Nur nach was?

Resa spürte den Notizblock in ihrer hinteren Jeanstasche, fuhr mit der Handfläche darüber. Danach also.

War Romanow hier gewesen? Oder das Mädchen in den Skizzen?

»Interessant«, sagte Daniel und wanderte zu dem eingeschlagenen Fenster. »Entweder unsere Besucher sind Vögel … oder sie klettern mit Efeu bewachsene Wände entlang.«

»Du kannst hier nicht schlafen«, stellte Juliane fest und schüttelte den Kopf. »Auf gar keinen Fall.«

Ich habe keine Angst, wollte Resa sagen und schwieg. Wenn ihre Mutter sich etwas vorgenommen hatte, ließ sie sich davon eh nicht mehr abbringen.

»Ja«, stimmte Daniel zögernd zu. »Erst einmal muss ich die Scheibe erneuern. Dann sehen wir weiter.«

Er scheuchte sie nach draußen, schloss die Tür zum Dachboden ab, damit mögliche Einbrecher nicht noch weiter in das Haus eindringen und sie im Schlaf überraschen konnten.

Im Wohnzimmer baute Juliane aus den Decken, die sie mitgenommen hatte, einen Schlafplatz für Resa. Direkt neben dem Kamin, in dem die Holzscheite jetzt endlich zu brennen angefangen hatten. Es war ein schwächliches, rötliches Feuer, das die Schatten an den Wänden verstärkte. Der Geruch nach Ruß und Rauch vertrieb alle anderen Gerüche im Wohnzimmer.

Mit der Zeit traute sich sogar die Katze endlich heraus und ließ sich auf Resas Schoß nieder, schnurrte leise.

»Siehst du, es ist alles gut, Biest«, wisperte Resa und strich ihr über das Fell. Die Katze war nach Die Schöne und das Biest benannt.

Resa knabberte an dem Schwarzbrot, das Juliane mit geschmolzenem Frischkäse bestrichen und mit warm gewordenen matschigen Gurkenscheiben belegt hatte. Sie wippte mit der Bassmusik aus ihren Kopfhörern und wunderte sich selbst darüber, wie wenig genervt sie in diesem Moment von der gesamten Situation war.

Im Gegensatz zu Juliane. Die nicht still sitzen konnte. Die überall etwas sah, schnell mit dem Taschentuch darüber wischte, Staub pickte, von dem nicht gerade imaginären Schimmel womöglich imaginäre Hustenanfälle bekam und seufzte. Sie seufzte nur noch.