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Wem kann man noch trauen, wenn alles Fake ist? Im Oktober 2024 rufen US-Streitkräfte die höchste Sicherheitsstufe aus, in München soll ein angeblich von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abgeschossen werden und global nimmt die Zahl bedrohlicher Fake News dramatisch zu. Anrufe und Video-Botschaften werden so täuschend echt gefälscht, dass niemand mehr weiß, ob er wirklich mit einem vertrauten Menschen spricht. Superintendent Valentine O'Brien ermittelt in Deutschland, als die digitalen Netze kollabieren und keine Verbindung mehr sicher ist. Während O'Brien sich auf eine gefährliche Reise quer durch Europa begibt, um seine vermisste Schwester zu suchen, bricht weltweit das Chaos aus – und die Menschheit steht vor ihrer dunkelsten Stunde.
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Seitenzahl: 622
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wem kann man noch trauen, wenn alles Fake ist?
Im Oktober 2024 rufen US-Streitkräfte die höchste Sicherheitsstufe aus, in München soll ein angeblich von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abgeschossen werden und global nimmt die Zahl bedrohlicher Fake-News dramatisch zu. Anrufe und Video-Botschaften werden so täuschend echt gefälscht, dass niemand mehr weiß, ob er wirklich mit einem vertrauten Menschen spricht. Superintendent Valentine O’Brien ermittelt in Deutschland, als die digitalen Netze kollabieren und keine Verbindung mehr sicher ist. Während O’Brien sich auf eine gefährliche Reise quer durch Europa begibt, um seine vermisste Schwester zu suchen, bricht weltweit das Chaos aus – und die Menschheit steht vor ihrer dunkelsten Stunde.
Peter Grandl
Die Wahrheit stirbt zuerst
Thriller
»Es irrt der Mensch, solang er strebt.«
Johann Wolfgang von Goethe, Faust
Dieser Roman ist allen Kampfpilotinnen und -piloten
der NATO gewidmet, die täglich unter enormen Belastungen ihr Leben für unsere Luftsicherheit riskieren.
Valentine O’Brien
Counter Terrorism Commander des britischen Metropolitan Police Service (MPS)
Camille Milloz
Erste Kriminalhauptkommissarin im Auftrag der Generalbundesanwaltschaft
Seiko Itō
Cybercrime-Expertin des japanischen Geheimdienstes PSIA
Akira Nagashima
Computer-Nerd und Seikos Freund
Jill Jones
Archivarin bei der New York Times
Gerald Coffey
Portier im New York Times Tower
Laurent Lamy
Leiter der Interpol-Taskforce zur Bekämpfung von Cyberkriminalität
Noah Morel
Französischer IT-Spezialist und leidenschaftlicher Funkamateur
Wolfgang »Wolf« Jäger
Pilot der deutschen Luftwaffe im Rang eines Oberstleutnants
Desmond McNamara
Priester einer Gemeinde in Irland
Margaret »Maggie« O’Brien
Valentines jüngere Schwester
Marthe Swordlet
Margaret O’Briens beste Freundin
Dr. Heinrich Dorn
Der Anfang, die Mitte und das Ende
Man würde später argwöhnen, der Teufel persönlich habe wohl mit Gott eine Wette darüber abgeschlossen, ob der Fortbestand der Menschheit gerechtfertigt sei, nach allem, was die Natur des Menschen in seiner Geschichte an Unmenschlichem offenbart hatte. Und dabei dauerte die Existenz der Menschheit in der gesamten Evolution der Erde bislang nur einen Wimpernschlag. Sie war ein absolut unbedeutender Teil der Entstehungsgeschichte des Universums. Der Verlust des Homo sapiens wäre nicht nur verschmerzbar, die göttlichen Mächte würden ihn vermutlich kaum wahrnehmen.
Dass aber ausgerechnet der Nationalfeiertag einer Nation zum Schicksalstag und als Beginn der Katastrophe gebrandmarkt wurde, war schlichtweg eine Fehlinterpretation. Denn kaum jemand wusste von jener leidvollen Liebesgeschichte, die Jahre zuvor ihren Ursprung hatte und genau genommen den Anfang meiner Geschichte markiert – und letztendlich am Ende sogar über das Schicksal der gesamten Menschheit entscheiden wird.
Und so schließe ich mich den Chronisten der Gegenwart an und beginne die Tragödie in ihrer Mitte, am 3. Oktober 2024, mit einem gewöhnlichen Linienflug, der seine Passagiere von London nach München bringen soll.
G.
Esha Kholi reihte sich in die Warteschlange zur Sicherheitskontrolle am Flughafen London Heathrow ein. Der handliche Rucksack, den sie trug, war ihr einziges Gepäck. Ihre Kleidung hatte sie nach deren Funktionalität ausgewählt. Weder die Cargo-Hose mit den außen angebrachten Knopftaschen noch die Mehrzweckjacke würde ihre Bewegungsfreiheit einschränken.
Vor ihr stand jetzt eine korpulente Frau mit zwei aufgekratzten Zwillingen, die der Sicherheitsbeamte am Fließband für die Gepäckkontrolle mit scharfem Blick tadelte.
»Marvin! Elias! Ich zähle bis drei, und wenn dann keine Ruhe ist …«, mahnte die Mutter laut, wurde jedoch jäh von den beiden Jungs unterbrochen, die im Chor »Drei!« riefen und lachten.
Esha fühlte sich erneut in ihrer Entscheidung bestätigt, keine Kinder in diese Welt setzen zu wollen. Sie dachte an ihre ältere Schwester Indira, die bereits zum zweiten Mal schwanger war. In den Augen ihrer Mutter verkörperten Indira und ihr Ehemann Hamid das perfekte Paar. Ihr Vater hingegen war unglücklich darüber, dass Hamid die Kinder großzog und Indira als Ärztin für den Lebensunterhalt sorgte.
Kinder gehören zu ihrer Mutter und Männer in die Arbeit, so lautete eine von vielen Lebensweisheiten, die er oft von sich gab, während sich die Schwestern verstohlene Blicke zuwarfen. Auf Drängen der Mutter widersprachen sie jedoch nicht, um den Familienfrieden zu erhalten. Gleichzeitig waren dies die seltenen Momente, in denen die beiden ungleichen Schwestern eine innere Verbundenheit spürten – und das kam mit zunehmendem Alter nur noch selten vor.
»Taschen ausleeren, Jacke ausziehen und Rucksack ablegen«, erklärte der Security Officer Esha. Er war sichtlich erleichtert, dass das Mutter-Zwillinge-Trio inzwischen den Körperscanner passierte.
»Den Gürtel auch ablegen – und die Schuhe hier reinstellen.«
Esha zog den Gürtel aus den Schlaufen ihrer Hose und stellte die Schuhe in eine der grauen Plastikwannen, die sie bereits in den Händen hielt.
»Na, Sie machen das offenbar nicht zum ersten Mal«, witzelte der Mann grinsend.
Scheißkerl, dachte Esha. Bei der gestressten Mutter warst du nicht halb so nett. Aber kaum steht dir eine junge Frau gegenüber, sabberst du dir aufs Lätzchen.
Ein stechender Schmerz fuhr ihr in den Unterleib. Er kam so überraschend, dass sie sich ein wenig krümmte.
»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte der Beamte mit gespielter Besorgnis und streckte den Arm nach ihrer Schulter aus.
Berühr mich, und ich brech dir dein Handgelenk, Wichser.
Der Mann zog die Hand wieder zurück. Fast so, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
»Esha, es gibt Mittel und Wege, deine Regelschmerzen zu lindern. Seelische Belastung und Stress können die Symptome außerdem verstärken«, hatte ihre Schwester ihr einmal gesagt.
»Du meinst, ich soll meinen Job aufgeben, damit meine Periode weniger heftig ist?«
»Wieso nicht?«
Gelangweilt winkte eine Sicherheitskraft, die vor einem Bildschirm stand, Esha jetzt in den Körperscanner.
»Füße auf die Symbole am Boden stellen, Arme nach unten abwinkeln und Hände nach außen drehen.«
Mit einem Knopfdruck startete sie die Apparatur, die einen leichten Summton von sich gab. Plötzlich kam Leben in das Gesicht der Frau. Ihre Augen weiteten sich. Hilfe suchend wandte sie sich hektisch an einen Kollegen, der sich neben sie stellte, auf den Bildschirm blickte und sofort einen stummen Alarm auslöste. Die Frau im Scanner war eindeutig bewaffnet. In einer der aufgenähten Taschen ihrer Cargo-Hose zeigte der Bildschirm eine Pistole; man konnte sogar deutlich die Kugeln sehen, die sich im Magazin befanden.
Esha ließ die Hände sinken, drehte sich um und machte einen Schritt auf die beiden Beamten zu. Kaum trafen sich ihre Blicke, wusste sie Bescheid.
Verdammte Scheiße, man hatte sie erwischt.
Aus den Augenwinkeln konnte sie bereits bewaffnete Einsatzkräfte erkennen, die mit kugelsicheren Westen und schussbereiten Waffen auf sie zukamen.
»Heben Sie Ihre Hände, und bewegen Sie sich ganz langsam auf uns zu«, befahl einer von ihnen.
Esha folgte den Anweisungen, ohne eine Regung zu zeigen. Jede falsche Bewegung konnte zu einem Blutbad führen. Alle anderen Fluggäste und die Beamten an der Sicherheitskontrolle waren verstummt. Sogar die Fließbänder mit den Gepäckstücken links und rechts von ihr blieben stehen.
Einer der Polizisten packte sie unsanft am Oberkörper, drehte sie um und legte ihr Handschellen an, während seine Kollegen ihre Maschinenpistolen auf sie richteten.
»Leisten Sie keinen Widerstand, oder wir machen von der Schusswaffe Gebrauch.«
Esha war sich bewusst, dass dies keine leeren Drohungen waren. Der Beamte tastete sie mit geübten Griffen ab, fand die versteckte Pistole an ihrem Oberschenkel und nahm sie an sich, als sie das laute Klacken von harten Ledersohlen hörte, die schnell näherkamen. Sofort stellten sich Polizisten dem heraneilenden Mann energisch in den Weg.
»Bleiben Sie stehen, und heben Sie beide Hände!«, schrie ihm einer der beiden entgegen. Fast alle Menschen in Sichtweite waren inzwischen in die Hocke gegangen oder suchten nach Deckung, aber noch gab es keine Panik.
Der Mann mit den Lederschuhen kam keuchend zum Stehen und hielt den beiden Polizisten einen Ausweis unter die Nase. Die Polizisten senkten daraufhin zögernd ihre Waffen und machten ihm Platz. Wenig später hatte er die vier Männer eingeholt, die Esha Kholi abführten, und zeigte auch ihnen seinen Ausweis.
»Danke für Ihren schnellen und effektiven Einsatz, meine Herren, aber ich übernehme die Dame jetzt.«
Verblüfft betrachteten die Sicherheitskräfte den Ausweis, der keinen Zweifel an der Dienstgewalt des Mannes ließ.
»Wenn ich Sie um die Waffe bitten dürfte, Officer«, sagte der Mann freundlich.
Der Polizist holte die Waffe hervor und betrachtete sie einen Moment lang. Sie ähnelte der Polizeipistole HK P2000, hatte aber einen deutlich kürzeren Lauf.
»Wer ist die Frau?«, wollte er wissen, während er Esha die merkwürdige Pistole aushändigte.
»Verschlusssache, meine Herren. Darüber darf ich leider nicht reden.«
Kurz darauf saß Chief Inspector Wisny mit Esha Kholi in der Personalkantine des Flughafens. Wisny nahm vorsichtig einen Schluck aus dem Becher, den er sich gerade aus dem Kaffeautomaten gezogen hatte. Esha hingegen rührte nur lustlos mit einem Holzstäbchen in ihrem Becher herum.
»Esha, wie konnte das passieren? Gott, du bist doch keine Anfängerin mehr! Du hast den falschen Security Check genommen. Unser eingeweihter Verbindungsmann stand einen Zugang weiter.«
»Ich … Ich war in Gedanken woanders.«
»Das ist deine Antwort? Echt jetzt?«
»Was willst du hören? Scheiße, ja. Ich hab Mist gebaut. Aber so was passiert nun mal.«
»So was darf aber nicht passieren, Esha. Nicht uns. Nicht einem Air-Marshal.«
Esha nickte betroffen.
»Ist der Flug nach München in dieser Woche dein letzter Einsatz?«
Sie nickte wieder.
»Du solltest mal ausspannen, Urlaub machen … Einfach Stress abbauen.«
»O Mann, du hörst dich an wie meine Schwester.«
Wisny nahm erneut einen Schluck von seinem Kaffee. Esha blickte auf die Uhr.
»Ich muss jetzt, mein Flug nach München geht in zwanzig Minuten. Kai wird schon am Gate sein.«
»Wo ist die Zielperson?«
»Nicht aufgetaucht. Schätze, wir fliegen ohne sie.«
»Bleibt trotzdem wachsam. Die Möglichkeit besteht immer, dass ein Komplize an Bord ist, von dem wir nichts wissen.«
»Wem erzählst du das? Ich mach den Job seit drei Jahren, und ich nehm das verdammt ernst. Also mach dir keinen Kopf, wir bringen die Maschine sicher nach München.«
Oberstleutnant Wolfgang Jäger – oder Wolf, wie ihn die Kollegen des Taktischen Luftwaffengeschwaders 75 nannten – vollzog mit seinem Eurofighter Typhoon eine steile 180-Grad-Kurve. Gleichzeitig drückte er mit annähernder Schallgeschwindigkeit die Nase des Jagdfliegers steil nach unten, um der Zielerfassung seines Verfolgers zu entgehen, der ihm außer Sichtweite nachsetzte. Der strahlend blaue Himmel kippte seitlich weg, bis die Linie am Horizont steil über ihm lag und er in eine graue Wolkendecke eintauchte.
Sofort blähten sich Hose, Weste und ein Luftpolster im Helm auf, um die G-Kräfte zu mindern, mit denen der Körper zu kämpfen hatte. Bei 4 bis 4,5 G wurde ein untrainierter Mensch ohnmächtig; mit dem Anti-G-System in seiner Ausrüstung konnte Wolf die doppelte Belastung aushalten, bevor ihm schwarz vor Augen werden würde. Dennoch setzten ihm die 6 G, die bei diesem Flugmanöver auftraten, heftig zu. Täglich musste er deshalb seinen Körper, vor allem seinen Rücken, trainieren, um die enormen Kräfte beim Kampfeinsatz ertragen zu können. Immer wieder kam es vor, dass Kameraden bei solchen Manövern einen Bandscheibenvorfall erlitten und dann monatelang ausfielen.
Kaum hatte Wolf die Wende vollzogen, donnerte er auf 4000 Fuß Höhe mit einer Geschwindigkeit von Mach 0,9 unter seinem Gegner hindurch. Er blickte zufrieden aus dem Cockpitfenster. Der zweite Jagdflieger seiner Rotte, sein Wingman, war ihm gefolgt. Oberstleutnant Amir Yildiz flog nun seitlich über ihm und hob sichtbar den Daumen, um ihm anzuzeigen, das alles in Ordnung war.
Die beiden Jets waren Teil eines größeren NATO-Übungsmanövers im Luftraum von Rheinland-Pfalz, irgendwo über Ramstein und Zweibrücken. Fünfundzwanzig Militärflugzeuge, darunter nicht nur Eurofighter, sondern auch andere NATO-Kampfflugzeuge, waren an dieser minutiös ausgearbeiteten Luftkampfübung beteiligt. Die besondere Brisanz bestand darin, dass Wolf und Yildiz die einzigen Kampfflugzeuge flogen, die mit scharfer Bewaffnung ausgestattet waren. Jeder der beiden Jets verfügte über zwei IRIS-T-Raketen, 140 Schuss Munition für die 27-mm-Bordkanone und mehrere Hitze suchende Täuschkörper.
»Red One – Sunrise«, meldete sich der Jäger-Leitoffizier, der vom Boden aus die gesamte Übung überwachte und steuerte, mit seinem Call-Sign.
»Sunrise – Red One«, bestätigte Wolf den Funkkontakt.
»Red One, Sie sind nicht getroffen worden. Setup for phase 2«, gratulierte ihm der Flightleader zu seinem Manöver und forderte ihn auf, sich dem Kampfgeschwader wieder anzuschließen.
»Sunrise, copy. Proceeding to Regen north«, erwiderte Wolf. Dabei dachte er an seine Frau und seine Tochter, mit denen er heute eigentlich in den wohlverdienten Urlaub geflogen wäre.
Spät am Vorabend hatte sich allerdings überraschend sein Staffelkapitän Oberstleutnant Trautman bei ihm gemeldet. Die Koffer für eine zweiwöchige Kreuzfahrt standen bereits im Gang. Ein Linienflieger sollte sie am kommenden Tag nach Hamburg bringen.
»Wolf, wir haben einen Notfall. Mirkos Vater ist vor wenigen Stunden gestorben.«
»Das war abzusehen. Wie geht es Mirko?«
»Er überspielt es, würde sogar den QRA morgen übernehmen, aber ganz ehrlich … Ich will ihn da nicht sehen. Nicht in diesem Zustand. Was ist, kannst du übernehmen?«
»Sabine wird mir die Hölle heiß machen, Martin. Du weißt, wir wollten in den Urlaub, alle vier.«
»Mist. Du bist gerade meine einzige Option. Wann legt euer Schiff ab?«
»Am Sonntag. Wir wollten uns aber noch Lübeck ansehen.«
»Hör zu, Wolf. Sag Sabine, ich sorge persönlich dafür, dass wir dich am Samstag nach Lübeck bringen. Und wenn ich dich mit dem Fallschirm aus einer Transall werfen muss. Versprochen!«
Der QRA hatte heute Morgen um sieben Uhr begonnen. Vierundzwanzig Stunden dauerte die Schicht für die gesamte Crew, die zum Quick Reaction Alert in einem speziellen Areal auf dem Militärflughafen in Neuburg an der Donau eingeteilt war. Vierundzwanzig Stunden, in denen keiner der beiden Piloten oder einer der Techniker das Areal verlassen durfte – und zwar unter keinen Umständen. Aus diesem Grund nannten die Soldaten den Bereich auch gerne den »offenen Vollzug«.
Vier Eurofighter befanden sich durchgehend aufgetankt und schwer bewaffnet einsatzbereit in Luftschutzbunkern im gesicherten Sperrbereich der QRA. Im Einsatzfall jagte eine Schiffssirene, die man kilometerweit hören konnte, die Crews im Laufschritt zu den Hangars. Maximal fünfzehn Minuten später mussten die Jets in der Luft sein können. Auf die Frage, ob das auch dann gelte, wenn die Piloten gerade fest schliefen, gab Wolf seinen Schülern immer dieselbe Antwort: »Ein Pilot, der zum QRA eingeteilt ist, schläft nicht. Ein QRA-Pilot ruht nur.«
Tango-Scramble nannte man den Einsatz, wenn es nur eine Übung war. Alpha-Scramble lautete die Bezeichnung, wenn sich die Rotte aufmachte, um eine tatsächliche potenzielle Bedrohung des Luftraums zu überprüfen. Im Jahr 2023 hatte es dreißig von diesen scharfen Einsätzen gegeben. Vierzehn davon waren erfolgt, weil man den Kontakt zu zivilen Luftfahrzeugen verloren hatte und die Abfangjäger vor Ort »die Lage verdichten« sollten. Niemand wollte einen 11. September auf deutschem Boden riskieren. Die übrigen sechzehn Alpha-Scrambles galten russischen Militärmaschinen, die den Hoheitsbereich der NATO verletzt hatten.
Der Job des gesamten QRA-Teams wurde von allen Beteiligten mit großer Sorgfalt ausgeführt – dazu gehörten auch tägliche Übungsflüge und gelegentliche Manöver wie an diesem Tag über Ramstein. Auch wenn jede Flugstunde eines Eurofighters den Staat siebzigtausend Euro kostete.
»Red One – Sunrise«, meldete sich jetzt erneut die Stimme des Jäger-Leitoffiziers.
»Sunrise – Red One, go ahead.«
»Red One, betanken Sie Ihre Maschinen in der Luft, und kehren Sie danach zum Stützpunkt zurück.«
Erleichtert, die Übung erfolgreich hinter sich gebracht zu haben, bestätigte Wolf den Befehl und gab die neuen Koordinaten ein. Einen weiteren Einsatz würde es heute nicht geben. Wieder dachte er an seine Frau und seine zwei Töchter – morgen um diese Uhrzeit würde er sie in Lübeck wiedersehen.
Den Gefechtsstand des Nationalen Lage- und Führungszentrums für Sicherheit im Luftraum in Uedem, einem kleinen Ort mit achttausend Einwohnern nahe der holländischen Grenze, beschrieben Mitarbeiter gerne als irgendetwas zwischen Amtsstube und Hauptquartier eines Bond-Bösewichts. Eine Fläche von zweihundert Quadratmetern, vollgepackt mit Personal und Elektronik. Mehrere Beamer projizierten fortwährend Daten und Bilder zur aktuellen Luftlage auf überdimensionale Leinwände, die über den Köpfen der Mitarbeiter hingen.
Das NLFZ SiLuRa war 2003 als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York gegründet worden. Seine Aufgabe war es, den Luftverkehr in Deutschland zu überwachen und wenn nötig Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit wiederherzustellen. Elftausend Flugbewegungen wurden pro Tag registriert und überwacht. Entsprechend komplex war die Arbeit dieses Führungszentrums, in dem das Verteidigungsministerium, das Verkehrsministerium, das Innenministerium sowie Kriminal- und terrornahe Behörden Nebenstellen betrieben, um Hand in Hand arbeiten zu können.
Um 13:17 Uhr Ortszeit erhielt der diensthabende Duty Controller, Stabsoffizier Friedrich Bäumer, einen Emergency-Call vom Wachleiter der Kontrollzentrale in Karlsruhe, der die Zusammenarbeit aller heute an die Grenzen bringen würde.
»Oberstleutnant Bäumer am Apparat.«
»Hier Upper Area Control Center Karlsruhe«, antwortete der Wachleiter mit militärischer Sachlichkeit, ohne jegliche emotionale Regung in der Stimme.
»Wir haben von Flug LH two four one one einen Squawk seven five zero zero erhalten. Departure London Heathrow ten fifty, arrival in Munich thirteen fourty. Es handelt sich um einen Airbus A320NEO mit 169 Passagieren und sieben Besatzungsmitgliedern.«
»Kein Zweifel? Ein Squawk 7500?«, hakte der Duty Controller nach. Einen 7500er, die Entführung einer deutschen Passagiermaschine, hatte es zuletzt 1977 in Mogadischu gegeben, damals durch arabische Terroristen.
»Der diensthabende Supervisor hat mehrmals versucht, den direkten Kontakt herzustellen, aber ohne Erfolg. Der Pilot der Maschine bestätigte währenddessen über seinen Transponder den Squawk 7500 zwei weitere Male. Aktuell haben wir keinen Hinweis auf eine Fehleingabe. Wir gehen daher davon aus, dass ein Renegade-Fall vorliegt. Flug LH2411 wurde nach derzeitigem Erkenntnisstand entführt.«
»Hat die Maschine den Kurs beibehalten?«
»Bislang liegt keine Abweichung vom Kurs vor. LH2411 wird voraussichtlich in dreiundzwanzig Minuten den Flughafen München erreichen.«
Damit endete das Gespräch. Allen Beteiligten war klar, von nun an zählte jede Sekunde.
Um 13:19 Uhr setzte Oberstleutnant Bäumer eine präzise abgestimmte Meldekette in Gang, die unter anderem das Büro des Inspekteurs der Luftwaffe, Generalleutnant Gerhartz, sowie den Quarterback des Luftwaffengeschwaders 74 über die Lage informierte. Dieser nahm umgehend Kontakt mit dem Jäger-Leitoffizier der QRA-Rotte auf, die sich noch immer im Luftraum über Ramstein befand, und befahl, die Bereitschaftsstufe wegen eines Renegade-Falls auf Combat Air Patrol zu erhöhen. Aus dem Tango-Scramble war nun ein Alpha-Scramble geworden, ein militärischer Einsatz mit höchster Priorität im gesamten Luftraum. Die Deutsche Flugsicherung hatte dadurch Order, den Luftraum in einer Höhe von 4000 Fuß von Ramstein bis nach München augenblicklich freizuschaufeln, um den Kampfjets die Möglichkeit zu geben, ungehindert mit Überschallgeschwindigkeit zum Zielort zu gelangen.
Stefan Schilling, ein hochrangiger Mitarbeiter der Bundespolizei in Uedem, hatte parallel dazu mit der Dienststelle Besondere Schutzaufgaben Luftverkehr Kontakt aufgenommen. Er rechnete sich keine großen Chancen aus, dass die BSL bei dieser Entführung von Nutzen sein würde; doch eine vergilbte Post-it-Notiz an seinem Rechner machte ihm Mut. Die Hoffnung stirbt zuletzt, stand unter einem Smiley Aufkleber.
Die Dienststelle BSL hatte ihren Sitz in der Nähe des Frankfurter Flughafens in einem Bunker, der von den dortigen Mitarbeitern nur als der Keller bezeichnet wurde.
Um 13:21 Uhr nahm Polizeihauptkommissar Dirk Wöhrmann dort den Anruf von Schilling aus dem Nationalen Lage- und Führungszentrum entgegen. Die beiden kannten sich von gemeinsamen Tagungen und Schulungen und hatten sich mittlerweile angefreundet.
»Hi, Dirk, ich komme gleich zur Sache. Wir haben einen Renegade-Fall, und ich hoffe schwer darauf, dass einer eurer Air-Marshals an Bord ist.«
»Welcher Flug?«
»LH2411 von London nach München, voraussichtliche Ankunft am MUC um dreizehn vierzig.«
»Moment, Stefan, das haben wir gleich.«
Schillings Finger trommelten nervös auf dem Schreibtisch, während er auf eine Antwort wartete.
»Ist dein Glückstag, Stefan, wir haben tatsächlich zwei Air-Marshals auf dem Flug. Den Einsatz leitet Polizeioberkommissarin Esha Kholi.«
»Wer ist die Zielperson?«
»Ein mutmaßlicher Extremist, Abu Yahya Elkekli. Seit dem U-Bahn-Anschlag in München im vergangenen Jahr steht er im Verdacht, einer islamistischen Terrorzelle anzugehören. Laut BKA ist die Beweislage noch dünn, aber er steht unter Beobachtung.«
Stefan Schilling schöpfte Hoffnung.
»Dann … Dann könnt ihr eingreifen und die Lage unter Kontrolle bringen? Oder ist das vielleicht schon passiert?«
»Jetzt kommt die schlechte Nachricht, Stefan. Elkekli ist nicht an Bord. Er hat das Flugzeug nicht betreten.«
Stefan Schilling schloss die Augen und dachte nach.
»Was habt ihr, Stefan? Nur einen Squawk, oder mehr?«
»Wir sind blank, Dirk. Wir haben nur den Squawk vom Transponder. Einen direkten Kontakt zum Piloten konnten wir bisher nicht herstellen. Ist es vielleicht möglich, dass ihr mit euren Air-Marshals während des Fluges Kontakt aufnehmt?«
»Rein theoretisch schon, aber auch nur mit langen Verzögerungen. Vor allem, wenn die Maschine noch auf Reiseflughöhe ist. Aber klar, wir tun, was wir können, um zu klären, was da oben los ist. Ich melde mich sofort bei dir, wenn wir mehr wissen.«
»Und die Liste?«
»Hab ich soeben verschickt, dürfte bereits bei eurer Einsatzleitung sein.«
Damit meinte Stefan Schilling die Passagierliste des betroffenen Fluges, die weit mehr enthielt als nur die Namen der Fluggäste. Als einziger Bundesbehörde war es der BSL erlaubt, bei einem Verdachtsmoment noch vor Reisebeginn Daten zu allen Passagieren zu sammeln und auszuwerten.
»Ich kann dir jedoch jetzt schon sagen, dass wir keine Auffälligkeiten entdeckt haben. Aber die Air-Marshals an Bord ziehen trotzdem immer in Erwägung, dass Komplizen des Extremisten an Bord sein könnten, auch wenn die Zielperson selbst den Flieger nicht bestiegen hat. Wenn im Flieger also irgendeine Gefahrenlage auftaucht, glaube mir, dann haben die Extremisten ganz schlechte Karten.«
»Du machst mir Hoffnung, Dirk.«
»Genau dafür sind wir da, Stefan. Dafür sind die Männer und Frauen meiner Einheit ausgebildet worden. Dort oben in der Luft sind sie die LLOD.«
»Die was?«
»Die Last Line of Defense, mein Freund!«
Lufthansa-Flug LH2411 von London nach München war bereits weit im deutschen Luftraum. Esha Kholi hatte im hinteren Drittel des Airbus A320 einen Gangplatz genommen. Der siebenunddreißig Meter lange Airframe, der Rumpf der Maschine, ließ sich von ihrem Sitzplatz aus optimal überblicken. Direkt vor ihr erstreckten sich hundertachtzig Sitzplätze, aufgeteilt in zwei Dreierreihen. Ihr Teamkollege Erik Solter saß in der Business Class ganz vorne. Von dort aus konnte er den Zugang zum Cockpit überwachen. Das vermeintlich sichere »Holzbrett«, wie die Air-Marshals die Cockpit-Tür nannten, war bei einer ernsthaften Bedrohung kein echtes Hindernis. Genau deshalb saß Erik hier. Denn sollte es ein Terrorist bis ins Cockpit schaffen, konnte er nicht nur die Kontrolle über das Flugzeug erlangen; er war dann auch im Besitz einer extrem gefährlichen Waffe, wie der Anschlag auf das World Trade Center gezeigt hatte.
Esha war wegen ihres Fehlers am Flughafen noch immer aufgewühlt. Dabei war das »Runterkommen« nach einer emotionalen Situation Teil der psychologischen Ausbildung. Air-Marshals wurden darauf trainiert, nach einem schweren Kampf oder traumatischen Erlebnissen die Beherrschung nicht zu verlieren. Ein unüberlegter Schuss aus der Subkompaktwaffe, die Esha bei sich trug, könnte eines der Fenster in Stücke reißen. Bei einer Reiseflughöhe von sieben bis acht Meilen würde das zu einer explosiven Dekompression führen, die in Verbindung mit der extrem niedrigen Außentemperatur von Minus 55 Grad unweigerlich den Tod aller Insassen zur Folge hätte. Aber selbst wenn nur die Hülle des Flugzeugs durch einen Querschläger beschädigt würde, hätte der Druckabfall dramatische Folgen.
Schon bei der Aufnahmeprüfung für die Ausbildung zum Air-Marshal hatte man sie scharf attackiert und provoziert, um sie aus der Reserve zu locken. In einer Art Kreuzverhör hatte ein hochrangiger Vorgesetzter ihr vorgeworfen: »Ist es nicht so, dass gerade ihr muslimischen Frauen sofort einknickt, wenn euch ein Macho scharf anschreit? Dann bleibt doch nicht viel übrig von der Masche mit der starken Frau, dann seid ihr doch nur noch kleine weinende Prinzessinnen, oder?«
Esha war ausgetickt, hatte den Offizier angeschrien und ihm ihre Schreibunterlagen an den Kopf geschmissen. Dann war sie mit hochrotem Kopf zur Tür gerannt, um den ganzen Scheiß hinter sich zu lassen.
Der Offizier, der gerade noch ein verdammtes Arschloch gewesen war, hatte ihr daraufhin ganz sanft und leise erklärt: »Das war eine bewusste Provokation, Frau Kholi. Ein Teil des Tests. Wenn Sie als Air-Marshal in einem Flugzeug mit einer geladenen Waffe einem Terroristen gegenüberstehen, dürfen Sie nichts an sich heranlassen, müssen immer die Kontrolle behalten – vor allem über sich selbst.«
Esha war geblieben, hatte sich wieder auf ihren Platz gesetzt und den Aufnahmetest schließlich bestanden.
Die Zwillinge saßen mit ihrer Mutter ein paar Reihen vor Esha auf der linken Seite. Einer von den beiden war gerade den Stuhl hochgeklettert und schnitt über die Rückenlehne hinweg Grimassen. Der betroffene Fluggast in der Sitzreihe dahinter drückte verärgert den Serviceknopf über sich. Schon war eine Flugbegleiterin zur Stelle und bemühte sich, den aufkeimenden Streit zu schlichten.
In diesem Moment forderte der Pager an Eshas Handgelenk, der wie eine Digitaluhr aussah, ihre Aufmerksamkeit. Eine Nachricht aus nur wenigen Zeichen war eingetroffen, mehr war bei der aktuellen Flughöhe nicht möglich: C7500. Kurz für: Confirm Squawk 7500. Der Pilot hatte ganz offensichtlich über seinen Transponder im Cockpit eine Flugzeugentführung gemeldet. Vergessen waren der Vorfall am Flughafen und die nervenden Zwillinge. Das hier war keine Übung – das war jetzt ein realer Einsatz, der ihre volle Konzentration forderte. Esha fuhr jäh hoch, während sie gleichzeitig die Druckknöpfe an ihren Schenkeltaschen löste, um jederzeit an ihre Waffe gelangen zu können.
Die Flugbegleiterin, die noch immer mit den zankenden Gästen beschäftigt war, wandte sich ihr sofort zu: »Bitte bleiben Sie sitzen. Die Anschnallzeichen sind bereits aktiviert worden, wir gehen in Kürze in den Landeanflug über.«
Esha setzte ein eisiges Lächeln auf, ohne Anstalten zu machen, der Anweisung zu folgen. Stattdessen ging sie auf die Frau zu, griff sie am Oberarm und nahm sie auf die Seite. Der Fluggast und die Mutter verstummten augenblicklich.
Leise flüsterte sie der erschrockenen Frau ins Ohr: »Ich bin der Air-Marshal hier an Bord. Code 23A17.«
Es dauerte einen Moment, bis die Flugbegleiterin begriff, dass Esha keine Bedrohung darstellte. Der Pilot hatte die Crew vor dem Abflug darüber informiert, dass ein Air-Marshal-Team an Bord sein würde, ohne deren Identität preiszugeben – nur den Code hatte er ihnen genannt.
Die Flugbegleiterin nickte nervös, während Esha fortfuhr.
»Ich muss eine Überprüfung vornehmen, aber es besteht kein Anlass zur Sorge. Ich möchte Sie trotzdem bitten, sich nun auf meinen Platz zu setzen und sich anzuschnallen.«
Doch statt sich zu bewegen, starrte die Flugbegleiterin nur an ihr vorbei aus den Fenstern. Ein Raunen ging durch die Reihen der Passagiere, die nach und nach ebenfalls in dieselbe Richtung blickten und teils mit den Fingern auf etwas zeigten. Esha drehte sich um und erkannte sofort den Grund der Erregung: Ein grauer Kampfjet mit dem Hoheitsabzeichen der deutschen Luftwaffe flog direkt neben ihnen. Jubelnd begannen die ersten Passagiere zu winken und Fotos zu schießen – aber weder Esha noch der Flugbegleiterin war zum Jubeln zumute. Ganz im Gegenteil; der martialische Eurofighter vor ihren Augen war ein sicheres Zeichen dafür, das sie alle in Lebensgefahr schwebten.
Wolf verfolgte aufmerksam, wie sich der Eurofighter seines Wingman soeben dem viermotorigen Tankflugzeug näherte, das mit seinen vierzig Meter Spannweite die Sonne verdeckte wie ein gewaltiger grauer Vogel. Der Airbus A400M zog einen langen Schlauch hinter sich her, dessen Ende aussah wie ein überdimensionierter Federball.
Routiniert dockte Oberstleutnant Yildiz den ausgeklappten Füllstutzen zielgenau an den Trichter. Der Co-Pilot der A400M bestätigte den sicheren Kontakt und startete die Betankung des Kampfjets. Während Wolf den Vorgang aus sicherer Entfernung verfolgte, meldete sich Sunrise erneut.
»Lima Kilo Zero One – Sunrise.«
Überrascht stellte Wolf fest, dass der Jägerleitoffizier sein Rufzeichen Red One in Lima Kilo Zero One geändert hatte. Ein sicheres Indiz dafür, dass die Übung für ihn beendet war.
Als LK01 bestätigte er den eingehenden Call und wartete gespannt auf die Anweisungen.
»Lima Kilo Zero One, you are ordered A-Scramble on renegade track bearing 110 Degrees 160 nautical miles.«
Die Nachricht wurde im vertraut sachlichen Tonfall vorgetragen, trotzdem erhöhte sie Wolfs Puls merklich. Ein A-Scramble-Renegade-Einsatz bedeutete die Entführung eines zivilen Luftfahrzeugs. Dann folgte die Übermittlung der Zieldaten, Flughöhe und die Anweisung, sich dem Ziel mit Überschallgeschwindigkeit zu nähern, um die Lage vor Ort aufzuklären.
Wolf ließ sich seine Erregung nicht anmerken und bestätigte ebenso knapp und ruhig den Befehl: »Sunrise – Lima Kilo Zero One, copy all.«
Mit Blick auf seinen Wingman, dessen Betankung noch nicht abgeschlossen war, teilte er Sunrise mit, dass er den Auftrag allein ausführen würde, um keine Zeit zu verlieren.
Wenige Sekunden später kippte Wolfs Kampfjet seitlich weg und zog nach oben, um die erforderliche Höhe zu erreichen, auf der er mit Schallgeschwindigkeit fliegen durfte. Dann drückte er den Schubhebel auf Anschlag, zündete den Nachbrenner und beschleunigte den Kampfjet auf über 1700 Stundenkilometer. Wieder blähte sich sein G-Set auf, während er so heftig in seinen Sitz gepresst wurde, dass die Muskeln zu brennen anfingen. Der Bordcomputer hatte per Datenlink bereits die Zielkoordinaten erhalten und zeigte ihm die Entfernung an. 328 Kilometer. In 11,4 Minuten würde er die Zivilmaschine erreicht haben. Aber was dann?
In seiner gesamten dreißigjährigen Dienstzeit hatte Wolf keinen einzigen vergleichbaren Einsatz geflogen – und das Leben als Kampfpilot bei Luftwaffe und NATO war weiß Gott von brenzligen Situationen und tragischen Ereignissen überschattet worden. Allein aus seinem Umfeld waren in den vergangenen Jahren fünfzehn Piloten im aktiven Einsatz gestorben. Darunter auch einer seiner besten Freunde, der bei einem Übungseinsatz über Nordrhein-Westfalen 2014 mit einem Learjet kollidierte, welcher der Zieldarstellung gedient hatte. Ein anderer Kamerad, mit dem er 2010 in Afghanistan stationiert gewesen war, hatte bei einem Aufklärungsflug über feindlichem Gebiet die Orientierung verloren, war in falscher Höhe geflogen und hatte mit seiner F15 die Felswand eines Bergrückens gerammt.
Gefürchtet war aber vor allem der sogenannte g-LOC, der komplette Bewusstseinsverlust während des Fluges, ausgelöst durch den Abfluss des Blutes aus dem Gehirn aufgrund enormer G-Kräfte. Dann gab es keine Möglichkeit mehr, den Piloten von außen zu retten.
Doch all diese Gefahren nahm Wolf in Kauf. Aus tiefster innerer Überzeugung war er bereit, für die Freiheit seines Landes notfalls sein Leben zu opfern. Dafür hatte er trainiert, dafür waren sie alle ausgebildet worden. Jeder Pilot war sich der Risiken bewusst, die dieser Beruf mit sich brachte. Allerdings hatte der 11. September 2001 diese Risiken um eine Komponente erweitert, die für Kampfpiloten einen grauenvollen Albtraum darstellte und mit keiner der anderen Gefahren und Herausforderungen auch nur annähernd vergleichbar war. Seitdem konnten sie in die Lage geraten, ein ziviles Luftfahrzeug abschießen zu müssen, eine vollbesetzte Passagiermaschine mit unschuldigen und wehrlosen Menschen an Bord.
Wie alle Kampfpiloten musste auch Wolf sich in regelmäßigen Abständen einer psychologischen Kontrolle und Beurteilung unterziehen. Doch sosehr Wolf auch die Aussprache mit der Bundeswehr-Psychologin schätzte, so wenig ließ er durchblicken, wie er darüber dachte, ein ziviles Luftfahrzeug zu zerstören.
In Gedanken hatte er den möglichen Ernstfall, bei dem ein Terrorist eine Passagiermaschine als Waffe gegen ein ziviles Ziel einsetzen wollte, immer wieder durchgespielt. Und immer war er zu demselben Ergebnis gekommen: Er würde den Abzug nicht betätigen. Was immer auch geschehen mochte, er würde die gekaperte Maschine nicht abschießen. Auch wenn die Terroristen dadurch ihr grauenvolles Ziel erreichen würden.
Sollte es jemals zu einer solchen Situation kommen, sollte er jemals einen derartigen Befehl erhalten, dann würde er die Ausführung verweigern und sich auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes berufen, das 2006 entschieden hatte: Die Ermächtigung der Streitkräfte, durch unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ein Luftfahrzeug abzuschießen, ist mit dem Recht auf Leben in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie nicht vereinbar, soweit davon tatunbeteiligte Menschen an Bord des Luftfahrzeugs betroffen werden.
Der Gedanke, dass nun ausgerechnet er im schlimmsten aller anzunehmenden Fälle tatsächlich vor diese Wahl gestellt werden würde, war nahezu unerträglich und ließ erneut einen inneren Zwiespalt aufkeimen. Könnte er wirklich damit leben, tatenlos zuzusehen, wie ein voll besetztes Verkehrsflugzeug in ein Flughafengebäude stürzte? Alle Vorsätze kamen ins Wanken, während diese Frage über ihm schwebte wie ein Damoklesschwert. Aber anders als Damokles hatte er nicht die Möglichkeit, sich davonzustehlen.
Vollkommen im Einklang mit dem unendlichen Blau über ihm, schloss er die Augen und nahm die Hände von seinem Steuerknüppel. In diesem Moment, bei über 1700 Stundenkilometern in der oberen Troposphäre, fühlte er sich Gott ganz nahe und bat ihn darum, ihm im entscheidenden Augenblick den richtigen Weg zu weisen Dann öffnete er die Augen wieder, schaltete seine Bordkamera ein und hielt die folgenden Minuten als Videoaufnahme fest.
1,8 Millionen Flüge kreuzten jährlich den oberen Luftraum über 7500 Metern, für den das Upper Area Control Center Karlsruhe zuständig war. Aber seit Flug LH2411 um 13:15 Uhr einen Renegade-Fall gemeldet hatte, war die vertraute Routine der eingespielten Belegschaft einem Ausnahmezustand gewichen, für den es keinen Präzedenzfall gab. Auch die dienstältesten Lotsen hatten etwas Vergleichbares bisher nicht erlebt. Alle Versuche, mit dem Lufthansa-Piloten, der den Squawk 7500 abgesetzt hatte, Kontakt aufzunehmen, waren bisher gescheitert.
Immer wieder hatte der Centerlotse Mariusz Burska gesendet: »Confirm Squawk is intentional.« Während seine Vorgesetzte Supervisor Sabrina Heimisch alle externen Stellen informiert hatte, die das Notfallprotokoll für einen solchen Fall vorsah. Doch noch immer setzte LH2411 seine Reise zum MUC fort, wo inzwischen der Flugverkehr eingestellt worden war und sich Polizei und Rettungskräfte auf eine mögliche Bodenlage vorbereiteten. Sabrina stellte sich das Chaos vor, das gerade in den beiden Terminals herrschen musste. Pro Tag frequentierten bis zu achtzigtausend Fluggäste diesen Flughafen, dazu kamen Tausende von Angestellten. Eine Evakuierung aller Menschen in so kurzer Zeit war so gut wie unmöglich.
»Sabrina, ein Funkspruch vom Piloten«, rief Mariusz ihr quer durch das Control Center zu und fuchtelte dabei nervös mit dem Arm wie ein kleines Schulkind. Alle Fluglotsen, die an diesem frühen Nachmittag Dienst hatten, blickten von ihren Monitoren auf und schienen kollektiv die Luft anzuhalten. Sabrina lief auf Mariusz zu und beugte sich weit über dessen Schulter, um den eingegangenen Funkspruch besser hören zu können.
»Was hat er gesagt?«, fragte sie kurzatmig. Mariusz spielte die stark verrauschte Aufnahme ab.
»Center Control, this is Lufthansa Two Four One One. Wir … Wir haben einen Terroristen an Bord. Er ist im Cockpit und hat den Co-Piloten erschossen.«
Sabrina war wie betäubt. Kaltes Entsetzen überfiel sie, ihre Bluse klebte am Körper, und auf ihrer Stirn standen kleine Schweißperlen.
»Fragen Sie den Piloten, ob der Terrorist irgendwelche Forderungen hat.«
Mariusz nickte und gab die Frage weiter: »Lufthansa Two Four One One. Hat der Terrorist irgendwelche Forderungen gestellt?«
Im Control Center hätte man in dieser Sekunde eine Stecknadel fallen hören können. Abgesehen vom Rauschen aus Mariusz’ Lautsprechern, herrschte absolute Stille.
»Fragen Sie ihn noch mal«, verlangte Sabrina.
»LH2411, hat der Terrorist irgendwelche …«
Weiter kam Mariusz nicht, da ihn die klare und deutliche Stimme des Piloten unterbrach: »Der Terrorist zwingt mich, die Maschine direkt in das Flughafenterminal abstürzen zu lassen.«
Das Entsetzen erfasste die Anwesenden und entlud sich teils in lautem Aufstöhnen. Manche begannen zu weinen, ein junger Mann bekreuzigte sich, und vor Sabrinas innerem Auge tauchten die Fernsehbilder vom 11. September auf, als zwei Passagierflugzeuge die Türme des World Trade Center zum Einsturz gebracht hatten.
Wolf war nur noch vier Minuten vom Ziel entfernt, als ihn sein Jägerleitoffizier erneut kontaktierte.
»Lima Kilo Zero One – Sunrise. Die Lage hat sich zugespitzt. Soeben hat der Pilot der Zielmaschine die Entführung bestätigt. Nach seiner Aussage ist einem Terroristen der Zugang ins Cockpit gelungen. Er bestätigte außerdem die Ermordung des Co-Piloten und gibt an, gezwungen zu werden, das Flugzeug in das Hauptgebäude des Flughafens zu steuern. Seitdem ist der Kontakt wieder abgebrochen.«
»Und jetzt?«, erwiderte Wolf, obwohl er die Antwort bereits kannte.
»Versuchen Sie, die Lage zu verdichten. Nähern Sie sich dem Ziel, und geben Sie sich zu erkennen. Machen Sie einen Cockpit-Check. Wenn wir Glück haben, lenkt der Terrorist ein und es kommt zu keiner weiteren Eskalation.«
Die Order entsprach exakt der Standardvorgehensweise, die auch Wolf als Ausbilder seinen jungen Schülern für einen Renegade-Fall beibrachte. In der Theorie ging man davon aus, dass allein die pure Anwesenheit eines Kampfjets den Entführern die Ausweglosigkeit der Situation vor Augen führte. Ein schwer bewaffneter Typhoon Eurofighter mit zwei IRIS-T-Raketen, die deutlich sichtbar unter den Flügeln hingen, war aus dem Cockpit eines Airbus ein Furcht einflößender Anblick. Vor allem, wenn er nur wenige Meter neben einem flog. Die Drohgebärde war allerdings vollkommen wirkungslos, wenn der Terrorist sich ebenfalls im Klaren darüber war, dass der Abschuss eines zivilen Luftfahrzeugs im deutschen Luftraum keine Rechtsgrundlage hatte.
Eine Signalanzeige im Cockpit meldete Wolf, dass die Zielposition in weniger als einer Minute erreicht werden würde. Wolf drosselte sukzessive die Geschwindigkeit, bis sich am Horizont der Airbus A320 als schmaler grauer Schatten vor dem klaren Himmel abzeichnete. Einen Moment später konnte er das Logo mit dem weißen Kranich auf der blauen Schwanzflosse deutlich erkennen. Jetzt trennten ihn nur noch fünfzig Meter von der Lufthansa-Maschine, die nun leicht unter ihm lag. Die ausladenden Flügel des Airbus mit fast vierzig Meter Spannweite reflektierten das Sonnenlicht. Um Einblick in das Cockpit zu bekommen, verringerte er die Distanz erneut deutlich, bis er nur noch fünfzehn Meter entfernt war. Aus seiner Perspektive sah es jetzt fast so aus, als würde er direkt über den Tragflächen des Airbus schweben. Jeder noch so kleine Fehler konnte zu einer Kollision mit unabsehbaren Folgen führen.
Noch lag das Cockpit des Airbus vor ihm, aber er konnte bereits sehen, dass sich die Passagiere an den Bullaugen der Maschine die Nasen platt drückten. Darunter auch zwei kleine Jungs, die sehr aufgeregt winkten.
Esha konnte es kaum fassen. Die Sensationsgier der Passagiere hatte wie ein Lauffeuer um sich gegriffen. Jeder wollte offenbar einen Blick auf den Kampfjet werfen, der auf der Backbordseite die Sonne verdunkelte. Immer mehr Passagiere der rechten Sitzreihe drängten auf den Gang oder quetschten sich über die Fluggäste auf der linken Seite. Die wenigen Flugbegleiterinnen waren dem Ansturm nicht gewachsen.
»Bitte bleiben Sie ruhig, und nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, bitte«, hörte sie schwach ihre Aufforderungen inmitten des Stimmengewirrs, während sich überall ausgestreckte Arme mit Handys den Fenstern entgegenreckten.
Esha war in ihrer Ausbildung zum Air-Marshal auf vieles vorbereitet worden, aber nicht darauf. Nachdem sie den Eurofighter gesehen hatte, galt ihr einziges Interesse dem Cockpit. Doch der Weg dorthin schien unüberwindbar, so viele Menschen drängten sich auf dem schmalen Gang. Sie hoffte inständig, dass es Erik gelungen war, die Terroristen aufzuhalten. Und dass es Terroristen an Bord gab, stand für Esha außer Frage. Erst der Squawk 7500, dann der Abfangjäger.
Esha hob ihren Ausweis über den Kopf und schrie so laut, dass die entfesselten Passagiere verstummten: »Bundespolizei! Dies hier ist ein Notfall. Ich wiederhole: Bundespolizei, dies ist ein Notfall. Nehmen Sie sofort Ihre Plätze wieder ein.«
»Aber …«, begann eine schmächtige Frau mit grauen Haaren kleinlaut.
»Kein ABER!«, schrie Esha sie an. Sie wollte keinen Zweifel daran lassen, dass sie nun die volle Autorität in diesem Flugzeug hatte.
»Setzen Sie sich augenblicklich auf Ihre Plätze. SOFORT!«
Erstaunlicherweise folgten die meisten Anwesenden ihrem Aufruf, auch wenn viele der Handys nun auf sie gerichtet wurden. Manche Unbelehrbare bewegten sich zwar nur sehr widerwillig und langsam, aber Esha nahm sie kaum noch wahr. Sie drängte sich bereits den Gang entlang bis zu den bescheuerten blauen Vorhängen, welche die Business Class von der Economy Class trennten. Aber auch hier kam ihr nichts verdächtig vor. Nur Erik war nicht an seinem Platz.
»Haben Sie hier irgendetwas Auffälliges bemerkt?«, rief sie streng, erfüllt von einer wilden Entschlossenheit. Dabei hielt sie ihren Ausweis vor die verängstigten Gesichter der Passagiere, doch außer Kopfschütteln bekam sie keine Antwort.
»Wo ist der Mann, der hier saß?«, setzte sie nach und zeigte mit dem Finger auf den leeren Sitzplatz neben einem beleibten Herrn.
»Er … ist nach vorne«, sagte der Mann und zeigte mit dem Finger auf die Türen von Cockpit und Toilette.
»Auf die Toilette?«, hakte Esha nach.
Der Mann schüttelte den Kopf.
»Nein, die Tür daneben … zu den Piloten.«
Esha steckte den Ausweis weg, zog ihre Pistole aus der Seitentasche und hielt sie mit beiden Händen und angewinkelten Armen steil nach oben.
Niemand hatte mehr Augen für den Kampfjet, sondern nur noch für die Frau mit der Pistole in der Hand. Von einer Sekunde auf die andere war die euphorische Stimmung gekippt; Angst machte sich breit.
Wolf konnte von seinem Eurofighter aus nun direkt auf das Cockpit sehen. Das Sonnenlicht traf jedoch im falschen Winkel auf die segmentierten Fenster der Kanzel, sodass das Innere für ihn fast vollständig im Dunkeln lag.
»Sunrise, ich habe keine klare Sicht ins Cockpit. Ich ändere den Anflugwinkel«, meldete er. Schemenhaft nahm er hinter den Fenstern hektische Bewegungen war, erhielt aber im selben Augenblick einen neuen Befehl.
»Lima Kilo Zero One, negativ. Brechen Sie die Aufklärung ab.«
Wolf hatte den Befehl zwar verstanden, zögerte aber, während er seinen Jet nochmals um einen Meter senkte, um einen besseren Winkel für einen Einblick ins Cockpit zu bekommen. »Sunrise, bitte um Aufschub des Befehls, ich werde jeden Augenblick freie Sicht haben.«
»Lima Kilo Zero One, negativ. Es gab soeben einen zweiten Funkspruch vom Piloten des Airbus.«
Wolf konnte inzwischen den Piloten in seiner dunklen Uniform deutlich erkennen, selbst die drei goldenen Streifen an seinem Unterarm, denn er war aufgestanden und winkte ihm hektisch zu. Gleichzeitig sah er einen Zivilisten, der direkt hinter ihm stand.
Sunrise fuhr fort, die Lage zu erklären: »Der Terrorist droht damit, auch den Piloten zu erschießen, wenn sich Ihr Kampfjet nicht sofort entfernt.«
Das war deutlich. Auf keinen Fall wollte er das Leben des Piloten aufs Spiel setzen.
»Sunrise, bestätige. Ich drehe ab.«
In diesem Moment trat im Cockpit eine weitere Person aus dem Schatten, eine Frau. Wenn ihn nicht alles täuschte, hatte sie eine Waffe in der Hand. Mehr konnte Wolf nicht erkennen, denn der Kampfflieger hatte bereits seine günstige Position verlassen und zog wieder nach oben.
»Sunrise, hier Lima Kilo Zero One. Im Cockpit befinden sich vier Personen, eine davon mutmaßlich bewaffnet.«
»Lima Kilo Zero One, copy. Fliegen Sie in einem großen Radius vom Zielobjekt fort. Die Terroristen sollen sehen, dass Sie sich entfernen. Danach setzen Sie sich unbemerkt hinter das Zielobjekt und warten auf weitere Befehle.«
Staatssekretär Nils Specht hetzte durch die endlos langen Flure des Dienstsitzes des Verteidigungsministeriums auf der Hardthöhe in Bonn. Tausendfünfhundert Mitarbeiter waren hier beschäftigt. Heute Vormittag hatte Bundeskanzler Scholz anlässlich der Feier zum Tag der Deutschen Einheit in seiner Rede betont, »dass wir unsere Einigkeit, unsere Freiheit und unsere Demokratie gemeinsam verteidigen müssen«. Verteidigungsminister Pistorius hatte an den Feierlichkeiten in Schwerin nicht teilgenommen, um stattdessen mit seinen Mitarbeitern in Bonn den Umbau der Streitkräfte voranzutreiben, den er bei einer Pressekonferenz am 4. April angekündigt hatte, um genau diese Wehrfähigkeit zu gewährleisten.
Neben Heer, Luftwaffe und Marine gab es seitdem die vierte Streitkraft Cyber- und Informationsraum – kurz CIR –, die auf elektronische Kampfführung und Cyberoperationen, Aufklärung und den Schutz der elektronischen Infrastruktur spezialisiert sein sollte.
Endlich hatte der Staatssekretär die Tür des großen Sitzungssaals erreicht. Nils Specht atmete noch einmal tief durch, dann öffnete er entschlossen die Tür und betrat den Saal.
Pistorius war gerade im Gespräch mit einer Gruppe von Männern und Frauen, einige davon trugen Uniformen mit goldenen Sternen auf den Schulterklappen. Aber kaum erblickte der Minister seinen Staatssekretär, hielt er inne.
»Herr Specht, was kann ich für Sie tun?«
»Herr Minister …« Er hob ein Smartphone empor, das unentwegt rot blinkte.
»Auf Ihrem Telefon wurde soeben der Notfallcode 9-1-1 ausgelöst. Ich fürchte, Sie müssen diese Sitzung vertagen.«
Pistorius zögerte keine Sekunde.
»Meine Damen, meine Herren, bitte entschuldigen Sie mich – diese Sache duldet keinen Aufschub!«
Er nahm Specht das Handy ab und folgte ihm in den Flur.
»Wir haben Raum Norwegen für Sie vorbereitet.«
Wenige Meter weiter öffnete Specht seinem Minister zuvorkommend die Tür und schloss sie hinter ihm auch wieder. Aus dem abhörsicheren Raum im vierten Stock des Gebäudes hatte man einen guten Blick auf die kunstvoll gestaltete Kantine in Form einer Pyramide, die von einer sonnigen Parkanlage mit einem Fluss umgeben war. Das friedliche Ensemble, das sich da vor ihm ausbreitete, konnte seine Erregung jedoch kaum lindern. Es war das erste Mal in seiner Amtszeit, dass er mit dem Notfallcode 9-1-1 konfrontiert wurde.
Innerlich aufgewühlt stellte Pistorius sich an das Fenster und entsperrte sein Handy über die Gesichtserkennung. Sogleich öffneten sich die kleinen Kacheln mit Livestreams weiterer Mitglieder des Bundeskabinetts und des Bundeskanzlers höchstpersönlich.
»Danke, Herr Minister, dass Sie sich dieser dringenden Angelegenheit annehmen«, meldete sich die vertraute Stimme des Inspektors der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz. »Herr Bundeskanzler, sehr verehrte Kabinettsmitglieder, mit Herrn Pistorius sind nun acht Kabinettsmitglieder anwesend, womit Sie beschlussfähig sind. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass die nun folgende Abstimmung aufgezeichnet wird, aber Verschlusssache bleibt. Die Abgabe Ihrer Stimme erfolgt anonym über die App auf Ihrem Handy.«
»Liegt denn wirklich die Entführung einer Verkehrsmaschine vor?«, unterbrach Außenministerin Baerbock den Generalleutnant.
»Das ist korrekt, Frau Ministerin. Ich werde Sie sofort über alle Einzelheiten aufklären. Danach bleibt Ihnen nur eine sehr kurze Zeitspanne, um darüber zu entscheiden, ob besagtes Verkehrsflugzeug durch einen Abfangjäger der Luftwaffe eliminiert werden soll.«
LH2411 war bereits in den Sinkflug übergegangen und verlor allmählich an Höhe.
»Was passiert jetzt?«, fragte Wolf nervös, und ohne irgendwelche Standardphrasen des Militärs zu verwenden. Gemäß der Anweisung des Jägerleitoffiziers hatte er sich einen halben Kilometer hinter LH2411 gesetzt. Für den Einsatz der IRIS-T-Raketen war die Distanz zu kurz. Das legte die Vermutung nahe, dass man ihm befehlen würde, die Maschine mit seiner Bordkanone flugunfähig zu schießen. Er führte sich immer wieder vor Augen, dass er in diesem Kampfflieger nur der verlängerte Arm seiner Befehlshaber war – bloß funktionierte das nicht so reibungslos, wie es in den Vorschriften stand. Denn zwischen Befehl und Ausführung lag etwas, was schwerer wog als purer Gehorsam: sein Gewissen.
»Soweit man mich informiert hat, findet soeben eine Abstimmung der Kabinettsmitglieder statt«, antwortete Sunrise, der nun auch entgegen allen Gepflogenheiten auf einer persönlichen Ebene mit Wolf sprach.
»Und was ist mit diesem Urteil des Verfassungsgerichtes von 2006? Ich dachte, es wäre unzulässig, ein …«
»Der Quarterback hat schon damit gerechnet, dass Sie das fragen werden. Er hat mir eine Nachricht geschickt, die direkt von SiLuRa kam. Ich lese vor: ›Soweit ein Einsatz der Streitkräfte zulässig ist, kann in Eilfällen, laut Bundesverfassungsgericht vom 3. Juli 2012, das Bundeskabinett eine Entscheidung treffen.‹Reicht Ihnen das?«
Wolf spürte zum ersten Mal in der Pilotenkanzel des Kampfjets so etwas wie Klaustrophobie. Die Gurte, die ihn an den Sitz pressten, nahmen ihm die Luft zum Atmen. Unter dem Helm bildete salziger Schweiß ein Rinnsal, das ihm über die Wange lief, und die feuerfesten Lederhandschuhe klebten an seinen Fingern.
»Ich weiß nicht, ob ich das kann …«, versuchte Wolf sich zu erklären, wurde aber von Sunrise unterbrochen.
»Lima Kilo Zero One, standby. Ich bekomme eine Meldung rein.«
Dann war es wieder totenstill auf dem Funkkanal, und Wolf war allein mit seinen Zweifeln. Wie in Trance blickte er starr auf die Umrisse der Verkehrsmaschine vor ihm. Da der Bordcomputer automatisch den Abstand kontrollierte und der Himmel frei von Wolken war, hatte Wolf den Eindruck, als würde er in der Luft stehen. Ein Blick auf den Höhenmesser verflüchtigte die Illusion.
»Sunrise, das Zielobjekt verliert schnell an Höhe!«
»Copy. Die Tower-Lotsen am MUC haben mitgeteilt, dass LH2411 nun direkt auf die Terminals zufliegt.«
»Wie viel Zeit bleibt uns noch?«
»Zwei Minuten.«
Wolf dachte an all die Menschen, die ihn aus den Bullaugen der Maschine angestarrt hatten. Vor allem an die beiden kleinen Jungen, die ihn aus nächster Nähe angelacht und ihm zugewinkt hatten. Irgendetwas piepste in seinem Anzug; der Ton kam nicht von den Armaturen und auch nicht aus dem Lautsprecher des Helms.
»Lima Kilo Zero One – Sunrise. Die Abstimmung ist beendet, das Ergebnis ist negativ. Ich wiederhole, das Ergebnis ist negativ. Der Abschuss des Zielobjekts wurde nicht freigegeben.«
Wolf atmete auf, obwohl sich aller Wahrscheinlichkeit nach in wenigen Minuten vor seinen Augen eine Katastrophe abspielen würde.
Wieder hörte er die Stimme von Sunrise: »Bleiben Sie aber in sicherem Abstand, und dokumentieren Sie den Absturz der Maschine.«
Wolf prüfte den Höhenmesser. Sie waren jetzt noch 4000 Fuß vom Boden entfernt.
Die Verantwortung war ihm genommen worden. Trotzdem war es eine unfassbare Qual, mitansehen zu müssen, wie LH2411 sich unaufhaltsam dem Flughafengebäude näherte. Dann hörte er wieder den Signalton, der irgendwo aus seiner Jacke kam. Das iPhone! Es war definitiv erneut das unverwechselbare Ping einer eingehenden WhatsApp-Nachricht. Wahrscheinlich hatte sein Handy Verbindung zu einem Sendemast aufgenommen, der in Reichweite lag. Seine Familie kam ihm in den Sinn – hastig streifte er seine Handschuhe ab, zog das iPhone aus seiner Brusttasche und sah elf neue Nachrichten, allesamt von seiner Frau Sabine. Schon die erste davon fühlte sich an wie ein Messerstich.
Schatz, wir sind am Flughafen. Hier ist die Hölle los. Alle Flüge sind ausgefallen, ich glaube nicht, dass wir heute noch unseren Flieger nach Hamburg bekommen. Viel sagt man uns aber nicht. Es ist das reinste Chaos. Ich liebe dich, und ich soll dich von den Kindern fest drücken und küssen.
Im Anschluss folgten Fotos von den Mädchen, die Grimassen schnitten und ihm die Zungen rausstreckten. Alles, was danach geschah, konnte Wolf später in Vernehmungen nur noch vage wiedergeben.
»Lima Kilo Zero One, Sie haben soeben Ihre Waffensysteme aktiviert. Dazu wurden Sie nicht autorisiert«, hörte er die Warnung von Sunrise, während er im Display die Bordkanone auswählte.
»Lima Kilo Zero One, deaktivieren Sie augenblicklich Ihre Zielvorrichtung«, ertönte die immer schriller werdende Stimme des Offiziers in seinem Helm.
In der Erkenntnis seines drohenden Verlustes lag jedoch etwas so Verhängnisvolles, dass er den Befehl nicht mehr wahrnahm. Er spürte nur noch eine dumpfe Übelkeit und eine bleierne Angst, die sich mit verzweifelter Ohnmacht mischte.
Mit wässrigen Augen richtete Wolf die manuelle Zielerfassung auf das linke Triebwerk der Lufthansa-Maschine aus.
Ich soll dich von den Kindern fest drücken und küssen …
Die Stimme des Jägerleitoffiziers hatte jegliche Zurückhaltung verloren.
»Lima Kilo Zero One, Sie missachten einen direkten Befehl. Deaktivieren Sie augenblicklich …«
Der Funkverkehr endete abrupt. Hatte er das Gerät ausgeschaltet? Mit seinem Daumen legte er einen roten Knopf am Steuerknüppel frei. Das Fadenkreuz hatte das Triebwerk erfasst. Wolf betätigte den Abzug. Lautlos wurde die Turbine des Düsenjets von seiner Bordkanone in Fetzen gerissen. Instinktiv wich Wolf den Trümmern aus, die ihm entgegenflogen, aber noch immer hielt der Airbus den Kurs, als wäre nichts geschehen. Zielerfassung rechtes Triebwerk, Fadenkreuz, Abzug – und wieder löste sich eine Turbine in Rauch und Trümmer auf. Schwarzer Qualm vor strahlend blauem Himmel. Feine Dieseltropfen besprühten Wolfs gläserne Kanzel. Die Menschen an Bord der Maschine waren dem Tod geweiht. Der Kurs von LH2411 bestätigte das. Deutlicher als zuvor neigte sich die Nase des Passagierflugzeugs dem Boden entgegen. Noch 600 Fuß, und noch immer flog er im Schatten des Airbus, bereit, auch sein eigenes Leben zu opfern, den Airbus notfalls zu rammen, um eine Katastrophe zu verhindern. Noch 400 Fuß.
Ich soll dich von den Kindern fest drücken und küssen …
300 Fuß. Mit einem tiefen Atemzug gewann er mühsam die Kontrolle über seinen gequälten Geist zurück, sein Blick wurde klar, und nur die Art, wie er atmete, rasch und stoßweise, sowie ein Zucken um seine Lippen verrieten noch immer den Schmerz, den er beim Anblick des abstürzenden Flugzeugs spürte. Trotzdem entschloss sich Wolfgang Jäger in diesem Moment weiterzuleben, zog in letzter Sekunde den Steuerknüppel zu sich heran und schoss haarscharf über den Münchner Terminal hinweg, sodass die Fensterscheiben des Gebäudes laut klirrten. Eine Sekunde später explodierte Flug LH2411 in einem glühenden Feuerball auf einem Ackerfeld in der Nähe der Landebahnen. Die Erde bebte. Flammen und Rauch stiegen auf. Feuerwehr und Rettungsdienste rasten auf die Absturzstelle zu. Wolf zog starr vor Entsetzen nach oben und wandte den Blick ab. Schemenhaft sah er trotzdem die lachenden Zwillinge vor seinem inneren Auge. Immer höher und höher jagte er den Eurofighter hinauf in den Himmel, fort von dem Grauen, das er verursacht hatte, bis die Landschaft unter ihm nur noch aus konturlosen braun-grünen Flächen bestand.
Doch die Bilder in seinem Kopf blieben gestochen scharf, die Gesichter der Opfer, die brennenden Turbinen, das grelle Aufblitzen der Maschine am Boden. Jeder winzige Moment spielte sich immer wieder ab, wie eine endlose unerbittliche Schleife, fest eingebrannt in seinen Erinnerungen.
Carrie, knapp über zwanzig, mit einem schiefen Lächeln, aber sportlicher Figur, stand mit einem Handtuch bedeckt vor einem großen Spiegel mit goldenem Barockrahmen. Den Kopf weit nach vorne gebeugt, betrachtete sie eine gerötete Stelle auf ihrer Wange. Sie warf Valentine, der hinter ihr nackt auf einer abgewetzten Ledercouch lag und abwesend wirkte, einen kurzen Blick zu, dann widmete sie sich wieder dem Makel in ihrem Gesicht.
»Das ist echt wack. Wenn das ein Pickel wird, krieg ich die Krise.«
Der Spiegel hing in einem der überteuerten Apartments im Londoner Bezirk Westminster, wo viele Politiker, Lobbyisten und Prominente ihre luxuriösen Wohnungen hatten. Nur gehörte dieses Apartment nicht in dieselbe Kategorie. Es war dringend sanierungsbedürftig, roch modrig, und Valentine rechnete damit, dass die marode Elektrik eines Tages das ganze Haus in Schutt und Asche legen würde. Der Spiegel war wahrscheinlich das einzig Kostbare, was er besaß.
Carrie drehte sich zu ihm um und stemmte herausfordernd die Arme in die Hüften.
»Was ist jetzt, bleibst du da liegen, oder fährst du mich zurück?«
Valentine reagierte nicht. Heute war der zweite Todestag seiner Mutter – der Tag, an dem er immer an das schmerzliche Zusammentreffen mit seiner Schwester erinnert wurde. Er hatte gehofft, Sex mit Carrie würde die Erinnerung übertünchen wie dick aufgetragene Farbe, aber es hatte nicht funktioniert.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, hakte Carrie nach, ließ ihr Handtuch fallen und stellte sich aufreizend vor ihn.
»Ich hatte dir gesagt, dass es knapp wird. Ich kann nicht«, erklärte er und hoffte, sie würde die Ausrede schlucken.
»Ist das echt alles? Ficken, und dann kann ich wieder verschwinden?«
»Ich hab dir nie was vorgemacht, Carrie. Zwischen uns … da ist nichts – außer eben das.«
Carrie presste trotzig die Lippen zusammen, dann zeigte sie wütend mit dem Finger auf ihn.
»Scheiß auf dich … Scheiß auf alle Typen!«
»O nein, komm mir nicht so. Ich hab deine TikToks gesehen, deine Insta-Posts, auf denen du mich präsentiert hast wie eine Trophäe – den Cop von Scotland Yard. Wenn du ernsthaft den Mann fürs Leben suchst, solltest du nicht das Ergebnis kritisieren, sondern die Ursache.«
Carrie schnappte nach Luft.
»Du … du … Bloody bastard … Du lebst in einer Bruchbude und laberst geschwollene Scheiße. Weißt du was, mich siehst du nicht wieder.«
Entschlossen drehte sie sich um, klaubte ihre Kleidung auf und stürzte ins Bad. Weinte sie etwa? Er setzte sich auf und fuhr sich schuldbewusst mit den Händen über das Gesicht.
»Carrie?«, rief er dann laut, aber sie antwortete nicht. »Ich meinte doch nur, wenn du eine ernsthafte Beziehung suchst, warum datest du dann über Tinder?«
Er raffte sich auf und machte einen Schritt in Richtung Bad, als die Tür aufflog und Carrie in knallenger Jeans und schwarzer Bluse vor ihm stand.
»Was denkst du wohl?«
»Keine Ahnung, erklär es mir.«
»Mann, daran merkt man, wie alt du bist. Das läuft heute eben so. Was passt dir daran nicht, Mr. Ich bin so viel besser?«
»Was mir nicht passt? Ich verrat’s dir. Jeder präsentiert im Netz seine perfekte Welt, perfekte Freunde, die tollsten Locations, und alle haben immer Spaß. In Wirklichkeit ist das alles aber nur Fake, um anderen ein tolles Leben vorzugaukeln, weil das eigene so leer ist, dass man sich die Anerkennung durch Likes holt.«
»Echt jetzt? Und du? Bist du nicht auch auf Tinder, weil du einen Kick suchst, um nicht in Selbstmitleid zu versinken?«
Valentine blieb stumm und spürte, wie seine gespielte Fassade des lässigen Mittdreißigers Risse bekam – so sehr hatte sie seinen wunden Punkt getroffen. Dem Anschein nach hatte Carrie das aber nicht einmal gemerkt. Sie schlüpfte in ihre Pumps, stellte sich dann ganz nah vor ihn und packte überraschend und sehr kräftig seine Hoden.
»Sag, dass es dir leidtut!«, forderte sie streng und blickte ihm dabei tief in die Augen. Das Gefühl, ihr ausgeliefert zu sein, erregte ihn unwillkürlich, und so tat er, worum sie ihn bat.
»Es tut mir leid«, antwortete er mit trockener Kehle.
Sie erhöhte den Druck ihrer Hand, sah, wie sich sein Mund öffnete und er nach Luft schnappte. Dann legte sie sanft ihre Lippen an sein Ohr und flüsterte: »Und … fährst du mich jetzt nach Hause?«
Er zögerte.
»Ich kann nicht, ich kann wirklich nicht.«
Wütend ließ sie los und stieß ihn zurück.
»Ich muss wirklich ins Revier … Aber danach könnte ich …«
»Vergiss es, Valentine. Du hattest deine Chance, aber du hast es verbockt. So was Verkorkstes wie dich finde ich an jeder Ecke … aber in jünger.«
Einen kurzen Augenblick später knallte die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss. Das Schlimme war, dass er nichts spürte. Keinen Verlust, keinen Schmerz und kein Bedauern. Ob Carrie, die Erzieherin, Bessie, die Buchhalterin, oder Trisha, die Psychologiestudentin – irgendwann lösten sich die Erinnerungen an sie alle in Nichts auf.
Aus der Küchennische tönte ein unverwechselbarer Dreiklang – der Notruf der Anti-Terror-Einheit Counter Terrorism Command, kurz CTC. Hastig suchte er nach seinem Smartphone und fand es neben einer aufgerissenen Packung Shortbread.
»Ja?«, meldete er sich forsch, wohl wissend, dass Zoey aus der Zentrale am anderen Ende der Leitung war.
»Superintendent O’Brien?«
»Sie funken mich an. Wer soll denn sonst unter dieser Nummer rangehen?«, antwortete er resigniert.
Zoey ging nicht darauf ein.
»Chief Constable Perkins will Sie sprechen, ich stelle durch.«
Valentine ging nervös zum Fenster, während er auf die Verbindung wartete. Gespräche mit dem Constable waren ihm zutiefst unangenehm, da dieser zu sexistischen Anspielungen neigte und hin und wieder auch streng konservative Ansichten predigte. Unten auf der Straße sah er Carrie, die soeben in ein Taxi stieg. Dann blickte er in den Barockspiegel und spürte eine unangenehme Scham, da er jeden Augenblick seinen Chef in der Leitung haben würde und dabei völlig nackt war.
»O’Brien, wo stecken Sie?«, ertönte eine markante Stimme.
»In Ermittlungen, Chief Constable.«
»In welchem Fall?«
»Unbedeutend. War eine Sackgasse.«
Constable Perkins machte eine unangenehme Pause. Ein sicherer Hinweis darauf, dass er ihm nicht glaubte, weshalb Valentine versuchte, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen.
»Hören Sie, Constable … Ich bin durch. Dieser Undercover-Job hat mich mürbe gemacht, von innen aufgefressen. Verstehen Sie, was ich meine?«, erklärte er niedergeschlagen.
»Das war der Grund, O’Brien, weshalb wir Sie da rausgeholt haben. Ich wollte Sie ja in den Innendienst stecken, zusammen mit ein paar netten Kolleginnen, aber das wollten Sie auch nicht.«
Valentine verdrehte die Augen. Konnte der Chief das denn nicht einfach mal sein lassen?
»O’Brien, ich weiß nicht, ob Ihnen das hilft, aber an dem Punkt waren wir alle schon mal. Das Einzige, was meiner Erfahrung nach hilft, ist weiterzumachen, nicht den Kopf in den Sand zu stecken … sondern nach vorne zu schauen«, erklärte der Constable in ungewohnt verständnisvollem Tonfall.
»Ich habe deshalb einen Auftrag für Sie. Viel Papierkram, aber eher eine diplomatische Mission. Ich will, dass Sie wieder auf die Beine kommen.«
Valentine setzte sich auf die Couch, um sich nicht länger im Spiegel sehen zu müssen.
»Diplomatische Mission? Um was geht es?«, fragte er misstrauisch.
Constable Perkins holte tief Luft.
»In Deutschland wurde ein Airbus A320 der Lufthansa von Terroristen gekapert. Ziel war offensichtlich der Münchner Flughafen, der mithilfe der Verkehrsmaschine zerstört werden sollte. Die deutsche Luftwaffe hat den Airbus aber kurz zuvor abgefangen und eliminiert.«
O’Brien schluckte. Als Terrorismus-Experte kannte er die weltweiten Planspiele zu einem solchen Szenario. Doch ihm war weltweit kein einziger Fall bekannt, bei dem der Abschuss eines Zivilflugzeugs auch nur in Erwägung gezogen worden war. Dass ausgerechnet die sonst so zögerlichen Deutschen eine so radikale Maßnahme ergriffen hatten, überraschte ihn.
»Wie darf ich Ihr Schweigen interpretieren, O’Brien?«
»Was haben wir damit zu tun? Warum wird unsere Abteilung involviert?«
»Die Maschine kam aus London, ein Drittel aller an Bord befindlichen Passagiere hatte die englische Staatsbürgerschaft. Also ist es auch unser Fall.«
Ohne groß nachzudenken, stolperte O’Brien in die nächste Frage.
»Gibt es Überlebende?«
Der Tonfall des Constables wurde strenger.
»Ich sagte doch, die deutsche Luftwaffe hat die Maschine abgefangen und zerstört. War irgendetwas an meiner Aussage missverständlich, Superintendent?«
»Mein Fehler. Es tut mir leid … Wie gesagt …«
»Hören Sie, O’Brien, Sie werden lediglich als Beobachter vor Ort sein. Sie sollen für die deutschen Behörden nur die Schnittstelle zu uns bilden, einen reibungslosen Informationsaustausch gewährleisten und so weiter. Verstehen Sie? Sie werden nicht selbst ermitteln müssen – das tun bereits unsere Leute hier in Heathrow und die deutschen Kollegen vom LKA in München. Momentan wissen wir ja noch nicht mal ansatzweise, wer die Terroristen waren oder wie sie überhaupt in London an Bord gekommen sind. Aber ich schwöre Ihnen, wir drehen hier jeden Stein um. Und bis Sie in München landen, haben wir hoffentlich eine erste Spur, so wahr mir Gott helfe. Und alles, was Sie tun müssen, ist, unsere Erkenntnisse an die Deutschen weiterzugeben und dafür zu sorgen, dass die uns nichts vorenthalten.«
»Das klingt so, als würden Sie mit Schwierigkeiten rechnen.«
»Sagen wir mal so, ich habe meine Erfahrungen mit den … Deutschen.«
Hatte er gerade Krauts sagen wollen? Der Constable machte keinen Hehl daraus, dass er 2020
