Resonanzfrequenz - Dominik S Walther - E-Book

Resonanzfrequenz E-Book

Dominik S Walther

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Beschreibung

Was passiert, wenn alles, was sicher scheint, schrittweise zerfällt? Nur wenige Tage vor dem Ende seines Kunststudiums wird die prämierte Abschlussarbeit von Brent zerstört. Und was zunächst nur wie ein großes Problem für Brent aussieht, weitet sich schnell zu einer Krise der gesamten Schule aus und erfasst Brents kleinen Freundeskreis. Während er sich bemüht, auf den Überresten seines Studiums eine Zukunft zu planen, löst sich um ihn herum sein bestehendes Leben auf. Und am Ende findet sich Brent mit einer Wahrheit konfrontiert, die er am liebsten vermieden hätte.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Widmung

Ereignishorizont

Synchronizität

Präzession

Das hydrostatische Paradoxon

Nicht–lineare Dynamik

Träge Masse

Potentielle Energie

Eine Frage des Siedepunktes

Deterministisches Chaos

Unschärfe

Der dritte Hauptsatz der Thermodynamik

Ditetragonal–pyramidale Kristallklasse

Resonanzfrequenz

Über das Buch

Der Autor

Impressum

Vorwort

Hallo und vielen Dank, dass Sie dieses Buch lesen möchten. Mein Name ist Dominik S Walther und ich starte dieses eBook mit einer Werbeeinblendung auf meine Webseite http://www.dominikswalther.net. Warum? Nun, ich brauche ihre Unterstützung, denn das Schreiben ist nicht nur seit vielen Jahren ein fester Teil meines Lebens, ich muss auch davon leben. Denn so ernähre ich mich und meine Familie. Lange an meinem Computer und vor meinen Texten zu sitzen, neue Geschichten zu Texten zu formen – das ist mein Traum und ich hoffe, dass ich das auch in der Zukunft machen kann. Aber das geht nicht ohne Sie, mein Leser.

Es gibt diese wunderbare Erfindung namens Internet über das ich weder lamentieren möchte noch kann, denn ich halte das Internet für die vielleicht wichtigste technologische Entwicklung der letzten dreißig Jahre. Man findet heute fast alles im Internet, auch eBooks und mit wenig Mühe findet man eBooks auf kostenlos. Oft bekommt man illegale Kopien sogar einfacher und komfortabler als auf legalem Weg. Ich selbst mag als Leser keine geschlossenen Shop-Systeme und verzichte, soweit das möglich ist, auf Kopierschutz, denn er erschwert nur die Nutzung von eBooks, und manchmal macht er sie sogar unmöglich.

Also: ganz egal wo und wie sie dieses eBook bekommen haben, ich hoffe sehr, dass Ihnen die Lektüre Spaß macht. Wenn es richtig gut läuft, dann wünschen Sie sich vielleicht sogar, noch mehr von mir lesen zu können. Und im Idealfall denken Sie während oder nach der Lektüre sogar: „Schönes Buch – kann ich dem Autor irgendwie 'Danke' sagen?“ Ja - das können Sie, sogar sehr einfach!

Sie können meine Arbeit unterstützen, indem sie dieses eBook (oder andere) kaufen. Sie können auch eine – im besten Fall begeisterte – Rezension in einer der Verkaufsplattformen hinterlassen. Und sie können dieses Buch ihren Freunden und Bekannten empfehlen. Und wenn Sie mir ein Bier bezahlen wollen oder ein schönes Glas Wein, das ich in einer meiner Schreibnächte genießen kann, auch solche Unterstützungen können Sie mir auf meiner Homepage zukommen lassen: http://www.dominikswalther.net.

Eine andere Möglichkeit ist, mein Buch zu verschenken. Schicken Sie doch einer Freundin oder einem Bekannten (oder einer Institution, oder mehreren Freunden) ein Exemplar dieses Buchs als Geschenk (oder als Spende). Auf diese Weise wird noch jemand Freude daran haben, und für mich bedeuten mehr Verkäufe gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit und mehr Einkünfte.

Sie können mich auch gerne besuchen, auf http://www.dominikswalther.net lese ich alle Kommentare, sie können mir auch eine Mail schreiben, oder sich für meinen Newsletter eintragen – ich verschicke ab und an eine Mail mit Updates zu mir und meinen Büchern. Sie finden dort ebenfalls Informationen zu Orten und Personen, die mich beim Schreiben meiner Bücher inspirieren, Links zu Musik und manchmal auch weitere Informationen zu Figuren.

Nun aber genug der Vor-Worte. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Freude beim Lesen, denn nur dann habe ich meinen Job gut gemacht. Und wenn es Ihnen gefallen hat, lassen Sie es mich doch einfach wissen.

Danke und bis bald,

Dominik

 

 

Widmung

 

Für Chrisitan, Jens, Doris und alle Gäste der LeGru1 im Berlin kurz nach der Jahrtausendwende.

Ereignishorizont

Da muss es doch etwas geben. Irgend etwas. Brent horcht in den Abgrund. Er spürt. Hält die Luft an, damit die Reflexe seines Körpers nichts überdecken. Eine Regung. Eine Reaktion. Bitte! Brent lauscht mit zunehmender Verzweiflung in sich hinein. Da muss es doch etwas geben. Die Anderen warten, aber hinter ihren gesenkten Blicken geraten die Gedanken schon in Bewegung. Will er nichts sagen? Würde das etwas ändern? Die Wahrheit ist simpel, aber sie einzugestehen fällt schwer. Brent spürt nichts. Gar nichts. In ihm ist nur eine große, beunruhigende Leere. Der Kanarienvogel in Brents emotionalem Bergwerk ist schon vor langer Zeit, ganz still und leise von seiner Stange gefallen. Und dabei könnte doch alles so einfach sein.

Brent spürt die Erwartung. Er kennt diese Menschen, hat sie studiert, weiß von ihren Gewohnheiten. Er hat ihre Eigenheiten analysiert und, wenn es opportun erschien, sogar kopiert. Eine Zeit lang hat er sie vor dem Spiegel geprobt, bis er mit sich zufrieden war. Bewegung. Gestik und Mimik. Das ganze Verhaltensrepertoire zwischenmenschlicher Interaktion. Er weiß, dass etwas von ihm erwartet wird, auch wenn für diese Situation kein Referenzsystem existiert. Überraschung wäre angebracht. Ungläubiges Staunen vielleicht? Die Augen hervortreten lassen wie Carmen? Nach Luft schnappen wie Lucia, wenn sie aufgeregt ist? Vielleicht das in Ungläubigkeit erstarrte Stirnrunzeln seines Vaters, als er ihm mitteilte, dass er es zu Hause nicht mehr aushielte und ausziehen werde? Brent entschließt sich, etwas zu riskieren. Er schließt die Suche nach Wörtern ab, mit der die Wirkung dieses Augenblicks vielleicht zu steigern gewesen wäre. Er wird nichts spielen. Authentisch sein. Oder ist er das schon längst, ohne es bemerkt zu haben? Ein Lächeln huscht über sein Gesicht und verschwindet, als ihm klar wird, wie unangemessen es in dieser Situation ist.

Noch sind die Anderen zu überrascht, aber die Schonfrist wird schnell vergangen sein. In ihren Köpfen keimen bereits erste Gedanken. Der Erste wird Stefano sein. Es wird spontan klingen. Passend. Noch hat er Zeit, noch hat Brent die alleinige Definitionshoheit. Aber es wird knapp. Ticking, ticking, ticking time bomb. Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss nehmen, was übrig bleibt. Brent spürt diese Leere, die schon immer in ihm gewesen ist, diese alles erklärende Leere, die ihn so oft passende Antworten finden lässt. Nur eine angemessene Reaktion auf das, was gerade geschehen ist, lässt sich nicht finden.

Zu Brents Überraschung ist es Carmen, die zu ihm kommt und ihre Hand auf seinen Arm legt. Warum gerade sie? Ihr Gesicht drückt Mitleid aus. Ganz klar. Traurige Augen, ernster Blick, nach unten gezogene Schultern und Mundwinkel. Und dann spürt er es auch. Es kommt schnell und verglüht ebenso plötzlich. Wie eine Sternschnuppe am Sommerhimmel. Das Gefühl der Leere bleibt bestehen. Brent fröstelt trotz der Sommerhitze. Carmens Mitleid weht durch die tiefen, dunklen Schächte, in denen Brent herum irrt. Wie Sauerstoff, der dem toten Indexvogel Leben bringen möchte und doch nur trockene Staubwolken vor sich her treibt. Dann legt sich der Staub. Carmens Mitleid füllt jeden kleinen Winkel, jeden Blindstollen mit atembarer Luft. Ein beruhigendes Gefühl. Aber die Ruhe währt nur kurz. Denn dem Lufthauch folgt Wasser und sofort spürt Brent die vertraute Panik in sich aufsteigen. Raus hier! Je länger Carmen bei ihm stehen bleibt, desto schwerer ihre Hand auf seinem Arm wiegt, desto weniger Widerstand hat er ihr entgegenzusetzen. Flüssiger Sauerstoff flutet die unterirdischen Gänge, friert die Gesteinsschichten ein und vereist den Weg nach draußen. Brent schafft es gerade noch rechtzeitig, aber er kommt mit leeren Händen an die Oberfläche zurück, wo der Wellengang von Carmens Meer aus Mitleid unaufhörlich an brandet. Brent klettert auf einen der schon seit langem still gelegten Fördertürme seines Gefühlsbergwerks. Hier oben kann er ihre Wellen an die Metallkonstruktion schlagen spüren. Das ist Carmen. Immer bereit zu geben. Wahrscheinlich ist das in dieser Situation sogar angemessen. Brent kann ihr trotzdem nicht in die Augen schauen und wendet seinen Blick auf das unförmige Metallgestell, das bis vor wenigen Augenblicken noch seine Zukunft war.

Eine Filmszene: Ein Mensch liegt sterbend auf der Straße. Durchscheinend hebt sich seine Seele über den leblosen Körper. Der Lichtleib versucht mit den Helfern zu kommunizieren, aber die Umstehenden starren auf den Leichnam, sie können die Seele des Verstorbenen nicht erkennen. Brent fühlt sich wie so ein Seelenwesen. Ohne Verbindung zum Körper, der gerade stirbt. Carmen schaut durch Brent hindurch auf seinen Körper. Die anderen starren auf Brents Arbeit, die zerstört vor ihnen liegt. Keiner kann Brent sehen.

Carmens Arm stört. Warum muss sie ihn anfassen und ihre Energien so ungehindert auf ihn einströmen lassen? Bei starken Interferenzen von außen ist es kein Wunder, dass man sich selbst nicht mehr spürt. Carmen, die emotionale Sturmflut erweist sich als zu stark für Brents Deiche. Sie überdeckt alles mit ihrer offenen, ehrlichen und mitleidvollen Sympathie. Dafür könnte er sie hassen. Und er weiß, dass das ungerecht wäre. Es trifft sie keine Schuld, es ist in ihm. Beziehungsweise es ist nichts in ihm. Das hat er schon vorher gewusst. Schon immer. Aber er hat es nie wahrhaben wollen. Nun benutzt er sie als Ausrede, als Blitzableiter seiner Wut. Das ist nicht nur feige, es ist erbärmlich und gemein, denkt Brent.

»Brent?«

Lucias Stimme. Warum kann man ihn eigentlich nicht in Ruhe lassen? Gerade jetzt.

»Brent?«

Schon wieder Lucia. 'Lucia, Lucia, mit ihrem dicken Fetthaar.' Dass die Gedanken gehässig werden, ist ein ganz schlechtes Zeichen.

»Brent. Alles ok?«

Lucia lässt nicht locker. Lucia lässt nie locker. Immer muss sie ihm auf die Pelle rücken, mit ihren Fragen, ihrer Sympathie, um die er sie auch nie gebeten hat, ihrer überbordenden Körperlichkeit, die manchmal sogar in Brent eindringt und sich dort breit macht, als sei er ein Teil von ihr.

Und dann geht es los. Als ob Lucias Stimme das Signal zum Generalangriff gewesen sei. Brent spürt, wie sich die Blicke vom Boden heben und erst mit verstohlener, dann mit offener, schmerzender Klarheit an ihm hängen bleiben. Zunehmend fordernd. Sie warten. Es ist Zeit für eine Antwort. Nur verspürt Brent nicht mehr die geringste Lust, ihnen diese Antwort zu geben. Er hat nicht wissen können, dass es so kommen würde. Lucias Stimme im Ohr, Carmens Hand auf dem Arm. Brent seufzt innerlich, nach außen als ein Ausatmen getarnt. Dann dreht er sich um, lässt den Hammer laut polternd aus der Hand gleiten und stößt die Tür des Seminarraums auf. Carmens Hand mit den rot lackierten Fingernägeln bleibt in der Luft stehen, als ob sie noch immer den kräftigen, verschwitzten Arm unter sich spürt, der nun zügig ins Helle verschwindet. Für einen Moment sieht Brent aus dem Augenwinkel, wie sich ihre Hand schützend über die bunten Trümmer und Einzelteilen legt, um die alle noch immer wie um Brents Leiche im Kreis herum stehen. Natürlich ist das nur eine optische Täuschung und Brent ärgert sich, dass er eine Kleinigkeit derart überinterpretieren kann. Es ist ein Zufall gewesen, nichts anderes. Nur ein verdammter Zufall!

»Reg' Dich nicht auf, Brent. Das ist doch genau, was man jetzt von dir erwartet.«

Die hundertviereinhalb Kilogramm seines Körpers ruhen auf der aus grobem Holz gehauenen Bank vor dem Flachbau. Sonnenschein. Brent kann die rauen Fasern des Holzes durch den dünnen Stoff seiner Hose fühlen. Vogellärm und leises Rauschen der Ausfallstraße klingen zu ihm durch die dichten Bäume. Rollgeräusche von Sommerreifen auf Kleinstadtasphalt. Brents Welt, denkt Brent.

»Reg' Dich nicht auf, Brent.«

Brent atmet tief, schmeckt ozonhaltige Sommerluft, freie Radikale. Sauerstoff füllt die Lunge, diffundiert durch die winzigen Kapillare in seine Blutbahnen, von wo aus er zu wichtigeren Teilen seines Körpers transportiert wird. Jeder Atemzug neuer Treibstoff. Ein raffiniertes System. Brent konzentriert sich auf das Heben und Senken seines Brustkorbs. Er kontrolliert seinen Atem, der heftiger geht, als es ihm gefällt.

»Ruhig, Brent. Ruhig.«

Eine Sommererinnerung: Trockene Luft, brennende Sonne. Brent als zwölfjähriger Junge, das Luftgewehr seines Vaters. Brent auf der Jagd. Alle im Dorf hassten sie diese Tauben. Fliegende Ratten nannte man die ungeliebten Dinger. Es störte niemanden, dass der junge Brent nachmittags durch die Dorfstraßen schlich und graue Tauben tötete. Auch nicht den Metzger, an dessen Namen sich Brent nicht mehr erinnert. Die Taube saß auf dem Giebel seines Hauses, Brent hatte sie schon von Weitem gesehen. Er hoffte, dass sie nicht weg fliegen würde, bevor er in Schussweite kam. Er war kein guter Schütze und die Entfernung groß. Trotzdem erwischte er sie mit dem ersten Schuss. Direkt in den Hals. Oder ins Herz. Auf jeden Fall war sie sofort tot. Die anderen hatten noch versucht, ein letztes Mal zu fliegen, zum Himmel aufzusteigen, als Abschied ans Leben wuchteten sie ihren zur organischen Materie vergehenden Körper mit schwächer werdenden Flügelschlägen nach oben, bevor die Kraft sie ganz verließ und der Erdboden das Taubenleben beendete. Diese Taube aber blieb sitzen. So lange saß sie dort, dass Brent schon befürchtete, er habe sie verfehlt. Er wollte das Gewehr gerade nachladen, als sie zu kippen begann. Ganz langsam, vorn über, über den Hausgiebel hinaus und die Wand hinunter. An der Stirnseite der Metzgerei fiel sie nach unten, wo sie auf einem Busch liegen blieb. Auf der weißen Stirnseite des Hauses zog sich ein roter Streifen entlang. Brent hätte nie gedacht, dass eine kleine Taube so stark bluten kann. Eine Taubentodesspur.

Der Metzger war nicht böse. Er drückte Brent einen Gartenschlauch in die Hand und ließ ihn die Hauswand abspritzen, bevor das Blut antrocknete. Die Wand dunkelte durch das Wasser, das Rot verschwand. Es war Sommer und es war heiß. Das Wasser kühlte. Brent spülte die Überreste der toten Taube die Wand hinunter, bis der letzte Rotschimmer verschwunden war, dann ging er nach Hause. Im kleinen Keller des Neubaureihenhauses lud er das Gewehr ein letztes Mal, hielt den Lauf mit beiden Händen fest an die Brust und drückte den Abzug mit seinem großen Zeh. So hatte er es in einem Film gesehen. Er schoss aus kürzester Distanz, konnte diesmal nicht verfehlen. Seine Hände zitterten nicht, darauf war Brent sehr lange stolz. Das Fleisch auf seiner Brust spritzte auseinander. Hell rosa Fleisch. Darin ein kleines, graues Projektil. Kein Blut. Brent legte das Gewehr zur Seite und betrachtete die neue Öffnung seines Körpers im Spiegel. Ganz langsam sickerte Blut hinein. Viele laute Atemzüge später hatte sich das Blut zu einem Tropfen gesammelt, der sanft größer wurde und schließlich, widerwillig, an seinem Körper hinab glitt. Brent wunderte sich, dass nur so wenig Blut aus ihm heraus wollte.

Seinen Eltern erzählte er, es sei ein Unfall gewesen: er dachte, das Gewehr sei ungeladen. Sie akzeptierten diese Wahrheit ohne Fragen zu stellen. Schließlich war ja kaum etwas passiert. Die kleine Wunde würde schnell verheilen und die andere Wahrheit hätten sie niemals verstanden. Brent selbst brauchte Jahre, um dieses Verlangen von damals zu verstehen. Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach, war einer der Leitsprüche seiner Eltern gewesen. Genau wie: Man kann nur beurteilen, was man selbst kennen gelernt hat.

Das strohige, schleifende Geräusch von Sommerespandrillos auf warmen Pflastersteinen. Er muss sich nicht umdrehen um zu wissen, wer da kommt. Diese kleinen Fluchten sind seine einzigen Auszeiten. Mehr gestattet sie ihm nicht. Ihre Hand auf seiner Schulter, leicht gewölbt, wie Carmens Hand vor Minuten in der Luft. Widerstand ist zwecklos, aber er hat das Recht zu schweigen. Alles, was er sagen könnte, würde ohnehin gegen ihn verwendet werden. Selbst von ihr. Wenigstens kann sie mit seinem Schweigen umgehen. Brent und Lucia schweigen in der Sonne. Es hätte romantisch sein können, wenn er nicht fortwährend darum kämpfen müsste, nicht unter den erneut auf ihn ein brandenden Wellen aus Sympathie zu ertrinken. Um sich vor der Gefühlssturmflut seiner Freundin zu retten, fängt Brent an, zu erklären. Sie hat ihn nicht gefragt, aber er spürt, dass sie diese Frage trotzdem in sich trägt. Vielleicht erklärt er es auch nur sich selbst. Das macht im Augenblick keinen Unterschied.

Es sind diese beide Sätze, die seit Tagen in seinem Kopf Achterbahn fahren. Brent fragt Lucia, ob sie das erste Newtonsche Axiom kennt. Die Intensität ihrer emotionalen Brandung nimmt augenblicklich ab. Das muss er sich merken. Für einen viel zu kurzen Moment bekommt Brent Luft. Lucia denkt nach. Dann legt sie erneut los. Sie pegelt die Lautstärke ihrer Gefühle wieder nach oben und brüllt Brent einfach nieder.

Das Erste Newtonsche Axiom besagt, dass jeder Massepunkt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung auf einer geradlinigen Bahn verharrt. Das gilt, solange keine Kräfte auf ihn einwirken.

Brent wartet, ob der Satz ihm ein wenig Ruhe verschafft. Er spürt die Sonnenstrahlen auf sein Gesicht brennen und Schweiß die Innenseiten seiner Arme hinunter laufen. Da ist noch ein zweiter Satz, erklärt er Lucia. Man definiert eine Kraft als die Ursache einer Beschleunigung. Oder anders formuliert: eine Kraft ruft eine Beschleunigung hervor, solange keine Gegenkraft wirkt.

Lucias Wellen schlagen an ihn heran. Sie unterspülen die schwindende Sicherheit seiner Sätze. Selbst wenn es nur für eine kurze Zeit gewesen ist, so war es doch eine Sicherheit. Um sich die fragile Stabilität noch ein wenig zu bewahren, konzentriert sich Brent, wirft die Satzbestandteile in seinem Kopf durcheinander und schaut, ob sich aus ihnen etwas Neues ergibt. So ist das in den Wissenschaften, denkt Brent, man muss das Bekannte so lange betrachten, bis man etwas Neues an ihm entdeckt.

Es ist schwül. Hochdruckwetter. Kleine Wolken stehen am Sommerhimmel. Cumulus humilis. Klassische Schönwetterwolken. Das heiße Wetter wird andauern.

»Ich mache mir Sorgen um dich, Brent.«

Synchronizität

Die Möbiusbänder seiner Nächte werfen kaum sichtbare Schatten. Zwei parallele Hügelreihen laufen in immer gleichem Abstand nebeneinander her. Gäbe es keine Ecken, könnte man sie als Parallelen bezeichnen. Aber Parallelen treffen sich in der Unendlichkeit, wohingegen Brents Schlafzimmer, das ist das Problem der parallelen Hügelreihen, vollkommen endlich ist. Wobei Schlafzimmer, wenn man es ganz genau nimmt, auch eine irreführende Bezeichnung ist. Die falschen Stuckbahnen an der Decke werden sich niemals begegnen. Styropor–Träume. Im fahlen Licht das durch das offene Fenster zusammen mit der Hitze und den Geräuschen einer sternklaren, warmen Frühsommernacht herein dringt, sind sie kaum voneinander zu unterscheiden.

Eines jener unergründlichen Rätsel. Warum kleben halbrunde Styroporgeraden an der viel zu niedrigen Decke? Man könnte sie für Stuck halten, aber diese Neubauwohnung in der Vorstadt stammt aus den siebziger Jahren. Damals hatte man andere Vorlieben. Vielleicht wollte der Vermieter mit den Attrappen aus Styropor den Wohnwert steigern? Brents Augen fahren das Rechteck über ihm erneut entlang. Den Weg zum Fenster. Die Konturen schärfen sich im schwachen Nachtlicht. Am Fenster vorbei, zur anderen Zimmerecke und die Decke wieder hinunter. Einen Augenblick des Verschnaufens, wenn die Augen senkrecht nach oben starren. Kurzes Einrasten. Brent im Hier und Jetzt. Dann weiter bis in die hintere Ecke und über die Tür hinweg. In der Dunkelheit verschwimmen die Leserillen zur grauen Fläche. Aber Brent kennt ihren Verlauf genau, er bleibt ihnen treu wie dem täglichen Abendritual: Hinlegen, Lucia einen Kuss geben, Warten bis ihre Atemzüge ruhig und sanft geworden sind, auf den Rücken legen, Warten.

Wieder und wieder fahren seine Augen die unklaren Zeilen über ihm ab, lesen die Dunkelheit auf der Suche nach einem Geheimnis, dass ihm vorenthalten wird. Brents Blicke haben nie auch nur einen Millimeter dieser Stuckbahnen auf seiner nächtlichen Wanderschaft abtragen können. Im Gegenteil. Vielmehr hat sich das Rechteck der Deckenverzierung in seine Augen eingebrannt, wie die fest gefrorene Bildschirmanzeige eines abgestürzten Computers. Es hat sich in die Bewegungsmuskulatur seiner Augen eingeschrieben. Ein Körperwissen, wie Radfahren, das man nicht wieder verlernt. Brent bemerkt tagsüber immer öfter, wie sich das Rechteck seiner nächtlichen Ruhelosigkeit in das Gesichtsfeld einschiebt, wie die Perspektiven von Gebäuden, Konturen von Straßen oder Bäumen sich mit den imaginierten Stucklinien überdecken, an diesen gemessen werden. Seine Augen finden auch tagsüber keine Ruhe.

Diese verdammte Schlaflosigkeit. Nachts treibt sie ihre hinterhältigen Spiele. Nachdem sich erst Müdigkeit wie flüssiges Blei auf seine Augenlider legt und ins Gehirn tropft, bis an Lesen, Reden oder Arbeiten nicht mehr zu denken ist, beginnt das Herz einen rücksichtslosen Rhythmus zu hämmern, kaum dass Brent sich dem Schlafzimmer nährt. Er hat es mit Tee probiert und mit Schlaftabletten. Ohne Erfolg. Und das Schlimmste daran ist, dass es auch die Tage in Mitleidenschaft zieht. Durch der Tagesmüdigkeit sieht Brent die Welt wie hinter einer dicken Schicht aus Watte. Der eigene Körper irgendwo, ortlos, die Reaktionen verlangsamt und die Wahrnehmung verschleppt. Erst wenn er angerempelt wird, bemerkt Brent manchmal, dass sein Körper noch vorhanden ist, dass er Raum einnimmt.

Eine Filmszene. Oder ein Traum auf der Schwelle zwischen Wachen und Einschlafen? Mit den anderen im Kino. Ein Mann in einem plüschgelben Vogelkostüm rennt einer Straßenbahn hinterher. In ihr sitzt die Frau, die er liebt, mit Tränen in den Augen. Auf viel zu großen Füßen rennt der Vogel ohne Aussicht, sie jemals einholen zu können. Das Gefühl, zu spät zu sein. Nichts dagegen tun zu können. Als der Vogelmensch den Plüschkopf abnimmt und darunter der verschwitzte Kopf eines Menschen zum Vorschein kommt und die Frau zu lächeln beginnt, fängt die Wut an. So ist es nicht. So ist es nie! Das ärgert Brent furchtbar. Er hasst es, wenn es sich Filme zu leicht machen. Selbst jetzt noch, auf der Suche nach den weit auseinander liegenden Inseln mit Schlaf kann Brent diese Wut in sich glimmen spüren, die es ihm unmöglich gemacht hat, nach dem Kino mit seinen Freunden über den Film zu reden. Ein feiger Film.

Lucia räkelt sich neben ihm leise im Schlaf. Ein Seufzen. Oder ein Keuchen. Brent schämt sich seiner Wut. Er will sie nicht wecken. Nicht wegen so einer blöden Sache. Im Sternenlicht kann er ihre Augäpfel unter den geschlossenen Lidern in kurzen, ruckhaften Bewegungen tanzen sehen. Ein Flattern schüttelt ihre Lider. Die Brauen heben sich unmerklich. Lucia träumt.

Mit Lucia zusammen zu leben erfordert gewisse Regeln. Sie ist kein einfacher Mensch, auch wenn sie jedem auf den ersten Blick so erscheint. Das hat auch Brent erst lernen müssen. Sie ist ein leidenschaftlicher Mensch, aber dabei sehr heimlich. Selten formuliert sie ihre Ansprüche, das macht das Zusammenleben anstrengend. Sie lässt Brent Schritt für Schritt herausfinden, was er wissen muss. Inzwischen hat Brent gelernt, damit umzugehen, die Heimlichkeit zu respektieren oder zu teilen. Das Zusammenleben wird einfacher, wenn man vermeidet, nicht lösbare Probleme zu thematisieren. Manchmal muss man eben erst einmal selbst nachdenken, bevor das Reden beginnen kann. Nur heute hatte sie sich damit scheinbar nicht zufrieden geben können. Sie fragte. Sie insistierte sogar. Dann kamen die Tränen in ihren Augen, die Brent verunsicherten. Als ihre Stimme zu brechen begann, wusste er sich nicht mehr zu helfen. Brent hatte jede Steigerung mit höchster Verwunderung beobachtet und sich gleichzeitig immer einen Schritt weiter zurück gezogen, so dass ihr am Ende nichts mehr übrig blieb, als ihm die Freiheit zu lassen, die er braucht. Dieser Mechanismus hatte sich über die Jahre eingespielt und nur aufgrund dieser Rücksicht war es überhaupt möglich, ihre immer wieder überbordende Emotionalität zu ertragen.

Erst wenn er bereit ist, kann sein Reden anfangen, nicht wenn sie es einfordert. Zum Reden braucht es Klarheit. Ohne den Rückhalt eines Konzepts würde Lucia Brent mit ihren Gedanken und Rückfragen zu stark ablenken. Wie die kleinen, brennenden Metallstreifen, die ein Flugzeug aus stößt um anfliegende Raketen mit Wärmesensor zu irritieren. Es gelingt ihr, ihn immer wieder im Kreis herum und dann ins Leere Laufen lassen zu lassen, bis sein Treibstoff am Ende ist und er sich mit einem der Ablenkpartikel begnügt. Und alle das, bevor überhaupt klar geworden wäre, wer die Rakete abgeschossen hat. Und warum?

Lucias zierliche Gestalt hält sich am Rand der Kuhle, die Brents massiver Körper in die Matratze drückt. Brent lässt seine Augen den kleinen Aufschwung am Bogen ihrer dunkelblonden Augenbraue hinauf gleiten. Kleine, widerspenstige Haare, die aus der Ordnung hüpfen, zwei von ihnen auf dem Sprung, die anderen zu überragen, von Lucia in regelmäßigen Abständen aus ihrer Wurzel gezupft. Über der Stirn eine Strähne ihrer dunklen Locken, die sie so verdammt weiblich wirken lassen. Zwischen den irrlichternden Augen eine feste, gerade Nase. Ein stolzer Nasenrücken, die runde Spitze ins Kissen gedrückt. Der Zeigefinger der linken Hand nur Millimeter davon entfernt. Kleine, dunkle Poren auf den Nasenflügeln. Die kleine Narbe unter dem Auge. Heute liegt sie wie das Halbrund eines abgeschnittenen Fingernagels auf ihrer durchsichtigen Haut, deren Wärme Brent bis auf seine Seite des Bettes spürt. Ein Wärme produzierender Organismus. Ein Bettlaken schmiegt sich eng in die Mulde ihrer Hüfte. Der Oberkörper bleibt unbedeckt.

Ein schlanker Bauch, den zu streicheln er liebt. Brents Augen klettern von der Hüfte zu ihren Schultern. Den Brustkorb ersteigt er auf den Hügeln ihrer Rippen. Das Knochengerüst drängt sich durchs Fleisch. Zwei kleine Brüste mit kreisrunden, scharf konturierten Brustwarzen. Wann haben sie zum letzten Mal miteinander geschlafen? Dass Brent sich nicht erinnern kann, hat nichts zu bedeuten. An viele Dinge kann er sich nicht erinnern. Andere vergisst er absichtlich. Was wäre schlimmer: alles zu vergessen, sich an nichts mehr erinnern zu können und jeden Augenblick wie einen ersten erleben oder sich an alles erinnern zu können, in jeder Situation eine unendliche Folge von Assoziationen, Bildern und Erinnerungen präsent zu haben? Brent beschließt, diesem Gedanken bei Gelegenheit nachzugehen.

Sein Finger streicht Lucias Oberkörper entlang zur Schulter. Ganz sanft gleitet er über die Haut. Er beneidet sie um ihren Schlaf. Sein allabendlicher Kampf ist für sie nicht nachvollziehbar. Nie gewesen. Lucia bleibt im Bett nie länger als ein paar Minuten wach. Selbst wenn sie sich unterhalten. Nach wenigen Augenblicken legt sie den Kopf auf ihr Kissen, dann schließt sie die Augen und ist kurz darauf in einer anderen Welt. Brent hat schon öfter erlebt, dass sie einen angefangenen Satz nicht mehr zu Ende brachte. Auf diese Weise verarbeitete sie ihr Leben. Lucia zermahlt im Schlafen, was sie tagsüber beschäftigt. Knirschende Zähne. Brent kann ihr Schlafen hören. Ein Quietschen und Knarren, wie alte Schiffsplanken, die aneinander arbeiten und reiben, während das Schiff durch hohe Dünung vorwärts stampft.

Brents Finger fährt langsam und gedankenverloren ihren Körper hinab, er schwebt über ihrer Haut und umkreist den winzigen Bauchnabel mit dem Tattoo. Sein Blick ruht auf ihrem Gesicht. Es ist aufdringlich, einen Menschen beim Schlafen zu beobachten. Trotzdem kann Brent es nicht lassen. Lucia würde ihm verzeihen, obwohl sie ihm gerade schutzlos ausgeliefert ist. Jeder Gedanke Brents kann sich ohne Widerspruch in ihr Gesicht einschreiben. Der Schlaf macht sie hilflos.

Kein Mensch erträgt einen Blick länger als wenige Sekunden. Dann ist die Intimität bereits zu groß. Der Flirt beginnt. Oder der Streit. Wie viele Streitereien beginnen mit einem falschen Blick, einer unbeabsichtigten Provokation? Brent ist es gewohnt, Menschen zu beobachten, aber er hat gelernt, seine Untersuchungen so anzustellen, dass sich niemand belästigt fühlt. Er verletzte die Dreisekundenfrist nicht. Das Maximum an direkter, gerichteter Aufmerksamkeit, die ohne Gegenreaktion ertragen werden kann. Ohne emotionale Bezugnahme. Dann wird aus einem Blick Realität, das Eindringen zum Angriff. Aus Spiel wird Trieb.

Während sein Finger die Decke von der Hüfte hebt und sie vorsichtig zu ihren Knien befördert, lässt Brent seinen Blick in ihrem Gesicht ausruhen. Eine Versicherung und eine Bestätigung liegt darin. Selbst die zuckenden Augen können ihn nicht irritieren.

Er hat nicht bemerkt, dass Lucia nackt ins Bett gekommen war. Wo war er bloß mit seinen Gedanken? Im fahlen Mondlicht schimmert Lucias Scham unschuldig weiß. Sein Finger spielt mit dem dünnen Streifen Schamhaar, den sie über ihren Schamlippen wachsen lässt, um sich nicht gänzlich nackt zu fühlen. Brent war diese sympathische Albernheit sofort aufgefallen, als er sie zum ersten Mal nackt sah. Ein Puzzlestück seines Verliebtseins.

Brents Blut sammelt sich, lässt ihn eine nur selten erlebte Kraft gegen das Bettlaken pressen spüren. Mit sanftem Druck schiebt er Lucias Hüften nach hinten. Ohne aufzuwachen dreht sie sich, bis sie auf dem Rücken liegt. Brent passt auf, dass seine Gewichtsverlagerung das Bett nicht ächzen lässt. Das Experiment gelingt. Er schiebt seinen schweren Körper nach unten, an die Kante des Bettes, und positioniert seinen Kopf über der Gabelung ihrer Beine. Er spürt den schmalen Haarstreifen an seinen Lippen. Es ist zu dunkel, um Details zu erkennen, aber Brent kennt sich hier aus. Die ausgefransten, fleischigen Enden ihrer Schamlippen schmiegen sich an seine Lippen. Mit der Zunge erspürt er die beiden, sich verschämt heraus drängenden, inneren Schamlippen. Engelsflügel nennt er sie. 'Lass mich auf deinen Engelsflügel fliegen' sagt er, wenn er Lust auf sie hat. Dann freut er sich über Lucias Erröten, weil sie Scham nicht nötig hat und weil er weiß, dass sie diese Formulierung ebenfalls erregt.

Mit dem rechten Daumen drückt Brent vorsichtig den Saum ihrer Schamlippen nach oben. In der verwirrenden Ordnungslosigkeit tastet seine Zunge nach dem Olivenkern ihrer Lust. Mit einem kalten Luftstrom aus gespitzten Lippen umspielt er ihn. Seine eigene Lust hängt steif über ihren Beinen, zeigt auf sie mit entblößtem Kopf. Brent bemüht sich, Lucia nicht mit seiner Erregung zu berühren. Er will es sich nicht zu einfach machen. Dieser Moment ist rein und klar. Sex dagegen ist auf ein Ziel ausgerichtet. Man erregt sich gegenseitig, befeuern die eigene Lust, bis es kein zurück mehr gibt und der kopflose Wunsch, ineinander zu verschmelzen, alles überlagert. Dagegen ist dieser Augenblick rein und Brents Lust ungerichtet. Sie ist sich selbst genug. Natürlich könnte er seine Anspannung jederzeit zum Sex werden lassen, aber Brent genießt das Besondere. Seine Lust ist ohne Begehren, seine Liebe metaphysisch. Brent genießt die Lust an seiner Lust. Er erfreut sich an der Klarheit dieser körperlichen Regung. Keine Gefahr geht von ihm aus.

Beischlaf vollzieht sich wie das Zusammenspiel kommunizierender Röhren. Eine Flüssigkeit wird in miteinander verbundenen Röhren stets in gleicher Höhe stehen. Unabhängig vom Durchmesser der einzelnen Röhren. Wird der Wasserstand in einer erhöht, gleichen sich beide sofort auf einen mittleren Pegel aus. Gegen Brents Körper ist Lucia schmächtig. Trotzdem kann Brent beim Sex nie mit Sicherheit bestimmen, ob seine Lust aus ihm selbst entstammt, oder ob er ihre Lust in sich spürt, sie verstärkt und zu seiner eigenen macht. Sobald eine weitere Person beteiligt ist, gehört einem die Lust nicht mehr alleine. Sobald man nicht mehr alleine ist, werden die Dinge schwierig.

Das Sprichwort sagt, dass geteilte Freude doppelte Freude bedeutet. Brent hat das nie verstanden. Wer seine Freude teilt, verringert sie. Teilt man Euphorie durch einige Menschen, fühlt sich das an wie Freude alleine. Es ist eine einfache Mengenrechnung: man dividiert die Gesamtmenge der Freude (oder Lust) durch die Anzahl der Beteiligten. Nur wer alleine genießt, kann alles für sich behalten.

Lucia stöhnt. Noch schläft sie, aber ihr Atemfrequenz ist schon erhöht. Brents Zungenspitze schmeckt saure Feuchtigkeit. Er verharrt reglos über ihr. Sie dreht den Kopf, atmet seufzend aus. Die Finger ihrer rechten Hand zucken. Spürt sie ihn im Schlaf? Träumt sie von ihm? Brent tritt den Rückzug an. Langsam, vorsichtig und bis zum Zerplatzen erregt schiebt sich Brent zurück auf seine Seite des Betts. Im Umverteilungsautomatismus seines Körpers, während das Blut sich in seinem Unterleib gesammelt hat, ist Brent jegliches Zeitgefühl verloren gegangen. Das passiert ihm nicht oft. Lucia dreht sich auf die andere Seite, zeigt ihm den mit den kleinen Leberflecken übersäten Rücken. Ein vertrauter Anblick. In seinen schlaflosen Nächten hat Brent die Flecken zu Sternzeichen kartographiert. Er dreht sich vorsichtig auf den Rücken und betrachtet seine Erektion. Sie fühlt sich intensiver an als gewöhnlich. Er spürt das Blut in seinem Schaft mit jedem Herzschlag pulsieren, auf dem Weg durch die Venen, durch die Beine zurück zum Herz, zur Lunge und von dort, mit Sauerstoff angereichert, zum Kopf hinauf.

Die abklingende Erregung macht Brent noch wacher. Aber er zweifelt, dass er wach genug ist, um lesen oder arbeiten zu können. Leise schiebt er sich aus dem Bett. Nackte Füße auf filziger Teppichauslegware. Brent braucht kein Licht um sich zurechtzufinden, in dem scheinbaren Chaos des Schlafzimmers kann Brent seine Schritte blind setzen. An seiner Seite des Betts lehnen Lucias Körperzeichnungen und Aquarellarbeiten, die fremdartigen, bunten Landschaften aus den ersten beiden Semestern. Zwischen Fußende des Betts und dem Regal mit Brents Serien von Wachsköpfen findet er leicht hindurch, muss dann nach links ausweichen, um nicht mit der Hüfte an die beiden massiven, gebäudeartigen Metallobjekte zu stoßen, die er im letzten Semester geformt hatte. Zwei Schritte bringen ihn bis an die Truhe, er der er die Skizzen und Vorstudien seiner ersten beiden Semester versteckt hält, an Lucias Ölgemälde aus dem dritten Semester vorbei, dem einzigen Großformat in ihrer Wohnung. Nie wieder hat Lucia eine so große Fläche bemalt, und Brent hat für Öl sowieso nichts übrig. Vor der Schlafzimmertür lehnt Lucias Rucksack mit den Skizzenbüchern, den Brent beim Aufziehen der Tür noch gerade mit seinem Fuß vom Umfallen bewahren kann.

Die Zeichnungen liegen im Wohnzimmer vor der alten Couch auf dem Boden verstreut. Die Versuche des Abends. Brent hatte an ihnen gearbeitet, bis Lucia nach Hause gekommen war. Es war ein Versuch, die Spannung abzubauen. Er hatte nicht bemerkt, wie viel Zeit vergangen war. Die Kohlepartikel flossen direkt aus seinem Arm aufs Papier, arrangierten sich dort zu Flächen und Formen. Über die einzelnen Bögen hinweg arbeitete Brent, ohne Begrenzung, an einer großen Collage. Er wusste nicht, was sich durch ihn hindurch ereignete. Gefühlszeichnen, nennt Brent das, wenn der Kopf ausgeschaltet ist und der Körper zum Medium einer durch ihn fließenden Energien wird. Was dabei entsteht, entzieht sich der bewussten Kontrolle. Im Nachhinein staunt er dann selbst, was in dieser Abwesenheit entstanden ist.

Schon bevor Lucias Schlüssel an den Metallzähnen des Haustürschlosses schabte, hatte Brent einen Energietiefpunkt erreicht. Mit Lucia in der Wohnung wurde es noch schwieriger. Ihre Anwesenheit stoppte den Fluss der Energie, bog ihm um in andere Kanäle. Brent begrüßte sie mit einem Kuss und sie setzten sich in die Küche, wo sie rauchten und die Reste einer Flasche Wein tranken. Natürlich wollte sie mit ihm über den Tag reden. Bis sie schließlich aufgab und wie zum Trotz von ihrem Freitagabend erzählte. Lucia ließ Brent an ausgewählten Fragmente von Carmens Liebesleben teilhaben. Aber er erfuhr dabei nichts Neues. Es gab diese Gerüchte schon lange, und sie waren nie weit von der Realität entfernt. Carmen besuchte ihren Dozenten nicht nur, um mit ihm über ihre Arbeiten zu sprechen. Keine Neuigkeiten sind schlechte Neuigkeiten. Brent gab sich nur mäßig begeistert.

Lucia muss sein Zögern völlig falsch verstanden haben und begann Brent erneut nach dem Vorfall am Morgen gefragt. Brent musste ihr erst mühsam erklären, dass er mit den Gedanken noch beim Zeichnen gewesen war und sie ihn falsch verstanden hatte. Brent war selbst darüber erstaunt, dass es in seinem Denken keine Rolle spielte, was in der Schule passiert war. Und er wollte nicht mit Lucia darüber sprechen. Noch nicht. Brent wollte den Überraschungseffekt gezielt einsetzen.

Sie hatten das Missverständnis geklärt ohne die Verärgerung groß werden zu lassen. Danach waren sie wie immer gemeinsam ins Bett gegangen. Einer jener kleinen Kompromisse einer dauerhaften Beziehung. Brent weiß, dass er nicht einschlafen wird, aber Lucia mag es, die Schwere seines Körpers neben sich zu spüren. Sie genießt die Verbindlichkeit des kleinen Rituals.

Die Uhr am Videorekorder zeigt blinkend weit nach Mitternacht. Brent hatte recht, er ist viel zu erschöpft zum Lesen. Unruhe und Müdigkeit halten ihn gefangen. Manchmal ist dieser Zustand gut zum Zeichnen. Brent beginnt vorsichtig, dort weiter zu machen, wo er vorhin aufgehört hatte.