Resque - Der Schatten der Welt - Nicolai Jetzinger - E-Book

Resque - Der Schatten der Welt E-Book

Nicolai Jetzinger

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Beschreibung

Zoe und Mia sind Resque-Soldaten, Zwillingsschwestern und schon seit ihrer Geburt ein eingeschworenes Team. Als Mia in einem Einsatz ums Leben kommt, macht sich Zoe auf die Suche nach ihrem Mörder. Doch dabei begeht sie einen folgenschweren Fehler, der den Tod vieler Menschen verursacht. Während sie alles daran setzt, den Schaden zu begrenzen, scheint der Kommandant, der mysteriösen Anführer der Resque, ganz eigene Interessen zu haben. Zoe und ihrem Freund Charles ist das ein Rätsel. Bis sie erfahren, was auf dem Spiel steht...

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Peru

Rio

Resque Island

Argentinien

Jagd durch Europa

Basis 042

Die Anuard-Mission

Das Ass

Oregon

Zurück in Rio

Legion

Sternminder

Der dritte Paragraf

Der Sturm

Die Unterwasserstadt

Der Angriff

Der Fehler

Impressum

Für Anna

Niemand hat mein Leben mehr verändert

Peru

Tief im peruanischen Hinterland stand Bill Hoobs vor den getönten Scheiben seines Büros und nippte an seinem Kaffee. Hier, im höchsten Stockwerk seines Kontrollturms hatte er eine gute Aussicht, der Morgennebel zog sich gerade über die Berge zurück. Bill versuchte, sich mit dem gewaltigen Panorama der Anden abzulenken, aber so recht gelang ihm das nicht. Denn heute war der Tag, der alles verändern würde.

Die Basis lag mitten in einer der entlegensten Regionen der Anden, knapp oberhalb der Baumgrenze. Wenige Jahre zuvor war hier noch ein Gletscher gewesen, doch die Klimaerwärmung hatte das Gelände freigegeben. Zurückgeblieben war ein karges und trostloses Tal, das perfekt für Bills Zwecke geeignet war.

Bill war der Chef der Meronic Space Aviation, einem kleinen und privaten, aber hoch spezialisierten Raumfahrtunternehmen. Heute würde das größte Projekt abgeschlossen, das er je geleitet hatte. Der Kommandant würde persönlich erscheinen.

Am Fuß des Berges unter ihm, auf einer langen, steil ansteigenden Startpiste, stand die MCHU-001 Pegasus, eine McHurley, die man speziell dafür gebaut hatte, um sie ins All zu schießen. Der gigantische Nurflügler war etwas unter einen halben Kilometer breit und füllte fast das ganze Panoramafenster aus.

Es klopfte an seiner Bürotür. Bill schüttete die Reste seines Kaffees in eine Zimmerpalme neben sich.

„Herein!“

Magali, seine Sekretärin und Ehefrau, kam herein.

„Bill, die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. Bist du sicher, dass du den Countdown aussetzen willst?“

„Ja“, antwortete Bill. „Ohne den Kommandanten ist ein Start unmöglich.“

„Wie du meinst.“

„Nur er ist in der Lage den Zündbefehl zu geben. Wie weit ist er noch weg?“

„Er landet etwa in ‘ner Stunde.“

„O Mann …“

Bill freute sich nicht gerade auf den Besuch. Der Kommandant war ihm unheimlich, er konnte es nicht anders sagen. Jedes Mal, wenn ihn der Kommandant anblickte, bekam er eine Gänsehaut.

Er ging zu seinem Schreibtisch, stellte die Tasse auf dem Tisch ab, bückte sich über den Computer und rief die Datenblätter der MCHU auf. Die Beladung war inzwischen abgeschlossen. Die Pegasus hatte jede Menge Satelliten an Bord, die später ein eigenes Netzwerk bilden würden.

„Sag den Technikern, dass sie alles noch einmal überprüfen sollen. Ich will keine Pannen!“

Magali nickte und schloss auf dem Weg nach draußen die Tür.

Bill richtete sich wieder auf und schenkte sich aus der Kaffeekanne noch einmal eine Tasse ein. Heute würde er sie brauchen.

Eine Stunde und sechs Tassen Kaffee später stand Bill an der Landepiste seiner Basis und blickte in den Himmel. In der Ferne entdeckte er einen winzigen, schwarzen Punkt, der immer größer wurde. Bill merkte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Das war das Privatflugzeug des Kommandanten, die Resqusto.

Es war ein mächtiger Düsenjet mit sechs Triebwerken unter den Flügeln. Rein äußerlich ähnelte die Resqusto einer pechschwarzen Boeing 747, aber Bill wusste es besser. Dieser Vogel war eine Sonderanfertigung.

Mit einem lauten Quietschen setzte die Resqusto auf und blieb auf der Landepiste stehen. Die gewaltigen Motoren erstarben.

Bill wartete geduldig noch einige Sekunden neben der Landepiste, bis sich die Flugzeugtür öffnete, dann klappte eine Gangway aus und Bill spürte einen Stich im Bauch.

Am oberen Ende der Gangway stand der Kommandant, der ihn sofort mit seinem stechenden Blick fokussiert hatte. Bill atmete einmal tief durch, spürte aber dennoch, wie sich alle Härchen auf seiner Haut aufrichteten.

Ganz langsam schritt der Kommandant die Gangway herunter. Er war nicht besonders groß oder kräftig, als besonders gutaussehend konnte man ihn ebenfalls nicht beschreiben. Er trug eine schlichte, schwarze Uniform und um den Hals hatte er ein schlichtes Halsband mit einem sehr unförmigen, technisch wirkenden Anhänger.

Der Kommandant wirkte nicht im Geringsten ungewöhnlich. Das Einzige, was ihn von einem gewöhnlichen Menschen unterschied, war die Atmosphäre, die er mit seiner Anwesenheit verbreitete. Es war totenstill auf dem Flugplatz, jeden einzelnen seiner Schritte konnte man hören.

Nach ihm verließ eine junge Frau in einer schwarzen Rüstung das Flugzeug. Sie trug ein Kurzgewehr und war die Pilotin des Kommandanten, das wusste Bill.

Der Kommandant erreichte das untere Ende der Gangway.

„Sind die Vorbereitungen abgeschlossen?“

Es war typisch. Keine Worte zur Begrüßung, der Kommandant kam sofort zur Sache.

„Es laufen im Moment noch die letzten Sicherheitschecks“, antwortete Bill. „In etwa fünfzehn Minuten sind wir startbereit.“

Der Kommandant nickte.

„Kelly“, sagte er zu seiner Pilotin. „Kümmere dich um das Flugzeug. Ich will in einer Stunde wieder in der Luft sein.“

Bill schickte ein Dankgebet zum Himmel. In einer Stunde war er seinen Chef wieder los.

Schnellen Schrittes führte er den Kommandanten in das Innere seines Kontrollturmes. Währenddessen wurde die Resqusto in den Hangar geschleppt und für den nächsten Start vorbereitet.

Zehn Minuten später erreichten sie den Startkontrollraum. Durch das große Fenster direkt vor ihnen konnten sie die McHurley erkennen, wie sie auf der Startbahn stand. Mehrere Techniker waren in die Auswertung der letzten Sicherheitstests vertieft und arbeiteten in aller Ruhe vor sich hin.

„Wie weit sind wir?“, fragte Bill, während er sich zu seiner eigenen Kontrollstation begab.

„Sicherheitschecks beendet“, meldete einer der Techniker.

Der Kommandant nickte und stellte sich direkt vor einen großen, roten Buzzerknopf, der sich mitten im Raum auf einem kleinen Marmorsockel befand.

„Triebwerke?“, fragte Bill.

„Zündbereit!“

„Propeller?“

„Eins bis zweihundert: grünes Licht.“

„Katapulte?“

„Stehen unter Spannung und sind entsichert.“

Damit war alles bereit. Bill wählte die korrekten Startprotokolle aus und schaltete sie scharf.

„Wir können die MCHU jederzeit starten, Sir“, sagte Bill.

Der Kommandant blickte auf den roten Knopf vor sich und grinste leicht. Dann verschränkte er die Finger ineinander und ließ die Hände auf den Knopf niedersausen.

In diesem Moment erhielt die MCHU den Startbefehl. Die Propeller begannen langsam zu rotieren und die beiden großen Triebwerke am hinteren Ende zündeten mit einem Donnerknall. Die Pegasus wurde aus der Rückhaltevorrichtung ausgehakt und von den Startkatapulten über die Piste den Berg hinaufgezogen. Erst langsam, doch dann immer schneller rollte sie über die Startpiste.

Die projektilförmigen Schlitten der Startkatapulte schossen aus ihren Röhren und schlugen in die umliegenden schneebedeckten Berge ein. Dann war die Pegasus in der Luft und gewann immer mehr an Höhe. Das Fahrwerk wurde eingezogen, obwohl sie es nie wieder benötigen würde.

Bill sah dem riesigen Flugzeug hinterher, als es am Himmel immer kleiner wurde. Die Pegasus würde immer weiter steigen, bis sie einen stabilen Orbit um die Erde erreicht hatte. Und dann würde sie ihren Frachtraum öffnen und mehrere hundert Satelliten aussetzen. Diese Satelliten würden auf eigenen Bahnen davon driften und sich um die ganze Welt verteilen. Sobald der letzte all dieser Satelliten auf Position war, war die Installation des Resnets abgeschlossen.

***

Während die MCHU in den Himmel stieg, saß Yurak Álvarez in seinem Büro. Er war Sicherheitsoffizier der Meronic Space Aviation und starrte geistesabwesend auf seine Überwachungsbildschirme. Mit Spannung hatte er die Ankunft ihres Investors verfolgt. Bisher hatte er nur Gerüchte über diesen Mann gehört, die in der Firma umgingen. Ihn mit eigenen Augen zu sehen war ein Erlebnis gewesen.

Als er das Blinken des Bewegungsmelders bemerkte, dachte er sich nichts dabei. Solche Ausschläge waren nichts Ungewöhnliches, meistens hatte sich irgendein Tier in die höheren Bergregionen verirrt. Yurak schaltete die Wärmebildkameras in dieser Region des Zaunes ein. Aber nein, es war kein Hase. Die Umrisse der Wärmebildkamera waren eindeutig. Am Zaun stand ein Mensch.

Das war schon ungewöhnlicher, aber immer noch recht normal. Vermutlich hatte sich wieder ein Einheimischer in die Gegend verirrt. Es gab in der Region einige Gruppen mehrerer Indianerstämme. Es waren arme Bauern, die weder lesen noch schreiben konnten und zum Teil noch an Geister glaubten. Sie hatten vor der Hochtechnologie in der Basis Angst, weshalb sie sich von der Basis fernhielten, außer es ging darum, mal wieder einen Schwerkranken ins nächste Krankenhaus zu fliegen.

Yurak nippte an seinem Kaffee und schaltete von Wärmebild auf normales Videobild. Und er staunte nicht schlecht. Es war kein Einheimischer. Es war eine junge Frau, die nicht so aussah, als würde sie aus diesem Teil der Welt stammen. Sie hatte lange, blonde Haare, wirkte nicht besonders groß und hatte definitiv europäische Gesichtszüge.

Das war komisch. Die Basis war extrem abgelegen, etwa zweihundert Kilometer von der Trans-Südamerikanischen-Schnellstraße entfernt. Die Touristenzentren Perus, die ohnehin winzig waren, waren hunderte Kilometer weit entfernt. Es gab keinen Grund für eine Touristin, sich in diese Gegend zu verirren.

Natürlich gab es auch auf der Basis einige Menschen mit europäischen Wurzeln, wie zum Beispiel seinen Chef Bill Hoobs, der aus den USA kam. Aber diese Leute wohnten und schliefen auf der Basis, es gab keinen Grund für sie, das Gelände zu verlassen. Zudem hätte er die Person dann mit Sicherheit persönlich gekannt.

Ohnehin sah sie nicht wirklich wie eine Touristin aus. Sie trug einen zerschlissenen, regelrecht zerrissenen, schwarzen Skinsuit und war so verdreckt, dass man meinen musste, sie habe sich seit Wochen nicht gewaschen.

„Was hast du wohl durchgemacht?“, murmelte Yurak vor sich hin.

Ratlos aktivierte er die Gesichtserkennungssoftware und nahm noch einen Schluck Kaffee, während er auf das Ergebnis wartete.

Es dauerte nur einen Moment, dann brach das System zusammen.

Error! Fehlercode 23446. System gesperrt stand groß auf dem Bildschirm.

„Santa mierda“, fluchte Yurak.

Was war denn hier los? Das war doch vollkommen unmöglich. Hektisch schlug er auf die Tastatur seines Rechners, doch nichts passierte, sein Computer verweigerte jede Eingabe.

Yurak sprang von seinem Bürostuhl und eilte zum Aktenschrank hinter sich. Dann riss er einen Ordner aus dem Regal, knallte ihn auf den Schreibtisch und schlug die Fehlernummer nach. Er fuhr mit dem Finger die ewig langen Tabellen voller Fehlercodes entlang, bis er die angezeigte Nummer erreichte. Aber dort stand nur ein einziges Wort: Chefsache.

Das half ihm nicht wirklich weiter. Yurak griff zu seinem Diensttelefon und rief in der Kantine der Wachmannschaft an, um die übliche Sicherheitsroutine in Gang zu setzen. Er schickte ein paar Wachen zum Zaun. Dann aktivierte er das Durchsagesystem.

„Bill Hoobs, unverzüglich in die Sicherheitszentrale.“

Vielleicht konnte der Chef Klarheit in die Sache bringen.

***

Bill und der Kommandant gingen gerade Richtung Flugfeld, als die Durchsage kam.

„Sir, ich glaube, darum muss ich mich kurz kümmern“, sagte Bill.

Der Kommandant zeigte keine Reaktion. Bill hasste das. Der Kommandant ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen und war entsprechend schwer zu lesen. Bill konnte nur hoffen, dass der Kommandant ihm zugehört hatte, als er sich auf den Weg in die Sicherheitszentrale machte.

„Was ist passiert?“, fragte Bill, noch bevor er die Tür ganz geöffnet hatte.

„Das möchte ich Sie fragen“, sagte Yurak. „Haben Sie eine Erklärung für diese Meldung?“

Bill starrte auf den Bildschirm. Den Fehlercode kannte er. Er wusste genau, was diese Meldung bedeutete. Aber das konnte eigentlich gar nicht sein. Das war eine Resque-Data-Warnung.

„Was haben Sie gemacht? Haben Sie die Gesichtserkennungssoftware bei unserem Investor oder seiner Pilotin benutzt?“, fragte Bill in ernstem Ton. „Sie wissen doch, dass Sie das nicht dürfen.“

„Nein, bei einer Person, die sich gerade am Ostzaun befindet“, sagte Yurak.

„Am Ostzaun?“, rief Bill irritiert.

Eine Resque-Data-Warnung bei einer Person, die am Sicherheitszaun stand? Das konnte gar nicht sein. Schnell hackte er den Entsperrcode in die Tastatur und starrte auf die Bilder der Überwachungskamera. Ein Sicherheitsteam umstellte gerade den Eindringling.

Bill zoomte auf ihr Gesicht und staunte nicht schlecht. Das Gesicht hatte er gerade eben erst gesehen. Die Pilotin des Kommandanten sah genauso aus. Aber die saß im Pilotensessel des Flugzeugs, das gerade über ihre Startbahn rollte. Es war kein Wunder, dass die Warnung ausgelöst wurde.

„Wann ist sie aufgetaucht?“, fragte Bill seinen Sicherheitsoffizier.

„’ne Minute, bevor ich die Durchsage abgesetzt habe.“

Das war definitiv nicht normal. Bill wusste aber auch nicht, was er dazu sagen sollte. Das fiel nicht in seinen Zuständigkeitsbereich, dafür war die Insel zuständig, das Hauptquartier selbst.

Die Person am Zaun ließ sich ohne Widerstand abführen, wie er über die Überwachungskameras verfolgen konnte. Das Sicherheitsteam fesselte sie mit Kabelbindern und lud sie auf einen der Geländebuggys.

„Lassen Sie sie in den Verhörraum bringen. Und …“, sagte Bill. Dann stieg ihm der Schweiß auf die Stirn. Der folgende Befehl könnte nach hinten losgehen. „… widerrufen sie die Starterlaubnis für unseren Investor.“

Es würde den Kommandanten sauer machen, aber das hier würde ihn mit Sicherheit interessieren. Was in aller Welt machte eine Resqueanerin am Ostzaun?

***

Kelly betätigte gerade den Schubhebel für die Resqusto und ließ das Flugzeug langsam auf die Startbahn rollen. Der Kommandant saß neben ihr im Co-Piloten-Sitz, hatte die Fingerkuppen aneinandergelegt und wartete regungslos darauf, dass sie starteten.

„Meronic Space Tower, hier Resqusto. Rollen zum Start“, sagte Kelly in ihr Funkgerät. Es war die gleiche Prozedur wie immer.

„Warten sie, Resqusto“, antwortete der Tower. „Haben Freigabe verloren.“

„Wie bitte? Was ist passiert?“, fragte Kelly den Tower.

„Der Chef hat aus irgendeinem Grund ihre Freigabe widerrufen.“

Autsch, dachte Kelly. Dem Kommandanten eine Startfreigabe zu verwehren war ungefähr so, als würde man sein eigenes Todesurteil unterschreiben. Das konnte in die Hose gehen. Sie hoffte, dass General Hoobs einen guten Grund dafür hatte.

„Sir“, sagte sie vorsichtig. „Wir haben gerade unsere Startfreigabe verloren.“

Der Kommandant drehte sich langsam zu ihr. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, aber dennoch fröstelte es Kelly. Sie spürte, dass er wütend wurde.

„Wir haben was?“, fragte der Kommandant ruhig.

„General Hoobs hat aus irgendeinem Grund unsere Freigabe widerrufen.“

„Ich hoffe, dass er einen guten Grund dafür hat.“

Die Drohung in der Stimme des Kommandanten war für geübte Ohren nicht zu überhören. Normalerweise überging er solche Freigaben. Aber Bill Hoobs war einer der Generäle. Dem Kommandanten die Startfreigabe zu verweigern, war in der Hinsicht eine sehr mutige Tat. Wenn er das ohne guten Grund gemacht hatte, würde es ein Donnerwetter geben.

***

Das Sicherheitsteam hatte den Eindringling in einen Verhörraum im Inneren von Bills Kontrollturm gebracht.

Hinter einem Einwegspiegel beobachtete Bill die junge Frau. Sie saß völlig still auf dem Stuhl, hatte die Arme schlaff auf dem Tisch gelegt und bewegte sich kein bisschen. Sie saß nur da und starrte ins Leere. Bill konnte nicht anders, als sich zu fragen, was sie wohl erlebt haben mochte.

Plötzlich knallte die Tür auf. Der Kommandant trat herein und fixierte Bill mit einem derart stechenden Blick, dass Bill erschrocken einen Satz rückwärts machte.

„Mister Hoobs, was ist los?“, fragte der Kommandant in ernstem Ton.

„W-wir hatten g-g-gerade einen S-s-sicherheits-z-z-zwischenfall.“ Bill deutete auf den Verhörraum.

Der Kommandant drehte sich zu dem Fenster. Der Ärger in seinem Gesicht verflog sofort.

„Das ist ja unglaublich“, sagte der Kommandant ruhig.

Bill spürte deutlich, wie ihn die Anspannung verließ. Erleichtert atmete er aus, er hatte gar nicht bemerkt, dass er die Luft angehalten hatte.

„Sie ist vor ein paar Minuten am Zaun aufgetaucht.“

„Wie lautet ihr persönlicher Identifikationscode?“, fragte der Kommandant.

„Z22-000-0384“, sagte Bill.

„Aus der zweiten Legion?“

„Ja, Sir.“

„Nicht möglich.“

„Was ist mit der zweiten Legion?“, fragte Bill.

„Die zweite Legion ist vor drei Monaten während eines Einsatzes verschollen“, sagte der Kommandant. „Spurlos. Zumindest bis jetzt. Ich denke, ich sollte mich mit ihr unterhalten.“

***

Zoe hatte es in den vergangenen Monaten nicht leicht gehabt. Ganz allein hatte sie sich über tausend Kilometer durch den südamerikanischen Regenwald gekämpft.

Ständig war sie auf der Hut gewesen. Der Dschungel war ein unerforschtes Terrain, aber keineswegs leer. Es gab Jaguare, Giftschlangen und Indianerstämme. Allem war sie aus dem Weg gegangen. Immer gen Westen, auf die Berge zu.

Wochenlang hatte sie nichts anderes als Maden gegessen. Und mit allem, was sie am Körper trug, auf dem nackten Dschungelboden geschlafen. Jeden Tag war sie mehr als dreißig Kilometer gelaufen. Bei Regen und bei Sonnenschein, bei Tag und bei Nacht. Das Einzige, was sie Antrieb, waren die letzten Worte ihrer Zwillingsschwester.

Als sie die Anden erreicht hatte, war sie so erschöpft wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie lief nicht mehr, sondern taumelte tagelang nur noch vorwärts.

Als sie endlich am Zaun der Anden-Basis stand, verließen sie die letzten Kräfte, die sie noch besaß. Als die Wachleute ihre Waffen auf sie richteten, brach sie zusammen. Sie wehrte sich nicht, als sie sie packten, ihr Kabelbinder über die Handgelenke zogen und sie in ihren Buggy zerrten. Sie nahm nicht mehr wahr, wie man sie über das Gelände karrte.

Das Sicherheitsteam setzte sie in einen Besprechungsraum. Zoe atmete flach, sie war so unglaublich erschöpft, dass sie es nicht in Worte fassen konnte. Aber jetzt war es fast vorbei. Nur noch ein kurzes Gespräch mit General Hoobs und sie war auf dem Weg nach Hause.

Zoe starrte auf die Tür, als diese sich endlich öffnete. Doch als Zoe sah, wer gerade den Raum betrat, verkrampften ihre Muskeln sofort. Mit ihm hatte sie im Leben nicht gerechnet.

„Sir“, sagte sie automatisch.

Der Kommandant sagte kein Wort. Er setzte sich auf die gegenüberliegende Seite des Tisches, verschränkte die Hände und blickte ihr tief in die Augen. Minutenlang fixierte er nichts anderes als ihre Augen. Dabei verzog der Kommandant keine Miene.

„Erzähl mir, was passiert ist.“

Zoe brachte kein Wort hervor. Aber der stechende Blick, der fortwährend auf ihr ruhte, brachte die Blockade in ihrem Inneren langsam zum Bröckeln.

„MiniHurley abgeschossen“, flüsterte sie. „Auftrag ausgeführt - Rest tot.“

Rio

Tief unter der Statue von Christus, dem Erlöser saß Zoe auf der Terrasse eines brasilianischen Straßencafés und aß Löffel für Löffel einen großen Eisbecher. Sie hatte sich ihre Jacke um die Hüfte geknotet und trug ein türkises Top, dass sie hier in einem Secondhandladen gekauft hatte. Sie hasste zwar diese Billigkleidung – sie kratzte furchtbar – doch so würde niemand merken, dass sie alles andere als eine gewöhnliche Touristin war.

In dem Café saßen noch viele andere Menschen. Die meisten schienen aus der Gegend zu kommen, doch sie war nicht die einzige Ausländerin hier. Zoe war froh, dass sie sich nicht wie ein Fremdkörper vorkommen musste. Das hätte ihrer Tarnung nicht gutgetan.

Sie spähte durch die offenen Terrassentüren in den Gastraum des Cafés. Sie hatte einen guten Blick auf die Theke, hinter der ein gestresster Brasilianer seine Gäste bediente. Er bemerkte Zoes Blicke nicht.

Mittlerweile war es vier Monate her, dass sie den südamerikanischen Regenwald hinter sich gelassen und in Peru den Kommandanten getroffen hatte. Aber dennoch kam es ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen. Die Ereignisse wollten nicht aus ihrem Kopf verschwinden. Sie musste nur ihre Augen schließen, um zu sehen, wie ihre Zwillingsschwester Mia erschossen wurde.

Sie selbst hatte den Kommandanten um diese Mission hier gebeten. Ihm war über seine Quellen zu Ohren gekommen, dass ein Söldner der Rock-Company das Handtuch geworfen und der Organisation dabei einige wertvolle Informationen gestohlen hatte. Was Zoe aber viel interessanter fand, war der Umstand, dass die Daten vermutlich Hinweise enthielten, wer ihre Zwillingsschwester getötet hatte.

Seit Tagen verfolgte sie den Aussteiger durch ganz Brasilien. Vor zwei Wochen war sie in Manaus gelandet und hatte dort seine Spur aufgenommen. Und nach drei Ortswechseln hatte sie hier her, nach Rio de Janeiro, zum Wirt dieses Lokals geführt.

Zoe kratzte ihren Eisbecher aus und stellte die leere Glasschale wieder zurück auf den Tisch. Sie kramte einen Fünfzig-Real-Schein aus ihrer Hosentasche, schloss ihre Faust darum und wartete auf die Bedienung.

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis die Kellnerin, eine junge Einheimische, bemerkte, dass Zoe aufgegessen hatte. Sie eilte herbei.

„Ist bei Ihnen alles in Ordnung“, fragte die Kellnerin auf Portugiesisch.

„Ja“, antwortete Zoe in klarem Englisch. „Ich würde gerne bezahlen.“

Die Kellnerin nickte. „Bar, Karte, Fingerabdruck?“, fragte sie.

„Bar“, antwortete Zoe und drückte ihr den Fünfzig-Real-Schein in die Hand. „Der Rest ist für Sie.“

Die Kellnerin sah den Schein einen Moment perplex an. Das waren über fünfundvierzig Real Trinkgeld, viel zu viel. Die Kellnerin starrte Zoe an und überlegte wohl, ob sie sich verhört hatte, doch Zoe lächelte nur wissend.

„Was wollen Sie?“, fragte die Kellnerin schließlich.

„Ich möchte Ihren Chef sprechen“, antwortete Zoe. „Vertraulich.“

„Kommen Sie mit“, sagte die Bedienung.

Zoe erhob sich von ihrem Stuhl und folgte der Kellnerin vorbei an den Gästen in ein kleines Büro im ersten Stock des Lokals. Die Kellnerin ließ Zoe dort auf einem kleinen Lederstuhl gegenüber einem Schreibtisch platznehmen. Dann verschwand sie durch die Zimmertür und zog diese hinter sich zu.

Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür erneut. Dieses Mal erschien der Wirt.

„Was kann ich für Sie tun, Miss?“, fragte er und setzte sich an den Schreibtisch.

Hinter sich vernahm Zoe noch mehr Schritte, bevor die Tür ins Schloss fiel. Doch Zoe ignorierte das. Sie fuhr in ihre Hosentasche und holte ein kleines Foto hervor. Dann faltete sie es auseinander und legte es vor den Wirt auf die Tischplatte.

„Ich will es kurz machen: Kennen Sie diesen Mann?“

Der Wirt musterte das Foto einen Moment, dann verzog er den Mund.

„Nein, den habe ich noch nie gesehen.“

Zoe seufzte. Man musste kein Genie sein, um zu erkennen, dass der Mann log. Sie hatte damit gerechnet, immerhin gehörte er zur brasilianischen Drogenmafia.

„Sir, wenn ich nicht wüsste, dass Sie etwas wissen, wäre ich nicht hier. Und die beiden Gorillas hinter mir machen ihre Aussage nicht gerade glaubhafter.“

Egal, was der Wirt erwartet hatte, das war es offenbar nicht.

„Männer, schnappt sie“, rief er.

Zoe hockte sich blitzschnell auf die Stuhlfläche und sprang nach oben. Sie klammerte sich an die Lampe, bis einer der Gorillas nah genug war, damit sie sich auf seine Schultern setzen konnte.

Dann presste sie ihre Oberschenkel zusammen, bis der Hüne anfing zu taumeln. Der andere Leibwächter griff nach ihr. Zoe packte seine Handgelenke und zog ihn heran. Beide Leibwächter knallten mit dem Kopf zusammen und der Hüne, auf dem sie saß, kam ins Stolpern.

Blitzschnell sprang Zoe von seinen Schultern, sodass er gegen die Wand donnerte und regungslos zu Boden fiel. Sie hängte sich an die Arme des anderen, zog ihn nach unten und schleuderte ihn in Richtung Schreibtisch. Er knallte gegen die Tischkante und blieb mit einer Platzwunde liegen.

Zoe rappelte sich auf und fasste den beiden Leibwächtern nacheinander an die Pulsadern unter dem Kiefer. Sehr gut, beide waren noch am Leben.

„Sie sollten einen Krankenwagen rufen“, sagte Zoe. „Möchten Sie sich jetzt unterhalten?“

Der Wirt glotzte sie mit kugelrunden Augen an. Eine zierliche, junge Frau hatte gerade in Sekunden seine Wachen überwältigt. Sie war sich sicher, dass er so etwas noch nie gesehen hatte.

„Ich habe ihm vor einer Woche eine Unterkunft vermittelt“, stotterte er und schrieb eine Adresse auf. „Dort werden Sie ihn finden.“

„Danke", sagte Zoe und zwinkerte ihm zu.

Dann verließ Zoe das Lokal. Ihre Rangelei im Hinterzimmer war von den anderen Gästen nicht bemerkt worden. Niemand beachtete sie, als sie durch die Tür schritt.

Rio de Janeiro war eine schöne Stadt, aber auch gefährlich. Der Unterschied zwischen Arm und Reich war groß und während an der einen Stelle der Stadt die Polizei die Kontrolle hatte, war zwei Straßen weiter schon das Revier eines Drogenkartells, für das die hiesigen Gesetze nicht galten.

Außerdem war auch die Rock-Company auf der Suche nach ihrem Aussteiger. Schon an ihrem letzten Halt war sie nur knapp einer Schießerei entkommen, dieses Mal hatte sie dafür gesorgt, dass es von vorneherein keine geben würde.

Der Zettel mit der Adresse führte Zoe zu einer brüchigen, alten Absteige in einem der elendsten Viertel von Rio de Janeiro. Es war nur etwas besser als die Favelas mit ihren Häusern aus Pappkarton. Ein Ort, den jemand nur dann aufsuchte, wenn er sich verstecken wollte und er keine Ahnung hatte, wie man es richtig macht. In der Gegend war kein Mensch.

Zoe umrundete das Gebäude und sah es sich genau an. An der Haustür waren mehrere Klingelschilder – keine Namen. An der Rückseite sah sie einige kleine Fenster, doch ihre Zielperson konnte sie nirgends entdecken.

Vorsichtig knackte sie ein Kellerfenster im Hinterhof und kletterte in das Gebäude. Dann lief sie durch das Treppenhaus nach oben. Nur etwa die Hälfte der Wohnungen schien überhaupt bewohnt zu sein.

Im dritten Stock entdeckte sie eine Wohnungstür, bei der jemand ein Haar zwischen Tür und Rahmen geklemmt hatte. Das war ein alter Trick, mit dem man überprüfen konnte, ob während der eigenen Abwesenheit jemand in der Wohnung gewesen war. Aber wenn man ihn kannte, war er völlig wirkungslos.

Zoe griff in die Tasche ihrer Jacke und zog einen kleinen Dietrich heraus. Dann schob sie ihn in das Schlüsselloch und schloss die Tür auf. Beim Öffnen der Tür drückte sie das Haar vorsichtig an den Türrahmen, sodass es nicht hinunterfallen konnte. Sie ging hinein und schloss die Tür von innen wieder ab.

Die Wohnung war sehr spartanisch eingerichtet. Der Raum wurde nur durch ein großes Fenster erhellt. Es gab kein Bett, sondern eine simple Matratze auf dem Boden mit ein paar dünnen Decken darauf. Davor standen zwei Taschen mit Klamotten. An der Wand hing ein alter, angelaufener Spiegel und an der Decke sorgte eine simple, altersschwache Glühbirne für Licht. Ansonsten gab es noch ein kleines Bad und eine Küchennische.

In einer Ecke, von der aus sie einen guten Blick auf die Tür hatte, setzte sich Zoe auf den Boden. Sie pulte einen Knopflautsprecher aus ihrer Jackentasche, setzte ihn sich ins Ohr und hörte damit sorgfältig den Polizeifunk ab.

Nach etwa zwei Stunden hörte Zoe Schritte auf dem Korridor. Es raschelte vor der Tür, dann schob jemand einen Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Es war ihre Zielperson. Er sah genauso aus, wie auf dem Foto. Er war kräftig gebaut und nur ein kleines Stück größer als sie selbst. Er sah ein wenig wie ein Latino aus. Wenn er aus den USA kam, musste entweder sein Vater oder seine Mutter aus Südamerika stammen. Würde er sich mal wieder rasieren, sähe er sogar ganz attraktiv aus, dachte sie sich.

Er musste einen Job auf einer Baustelle angenommen haben. Seine Kleidung war zementverkrustet. Sorgfältig prüfte er das Haar, das er im Türspalt zurückgelassen hatte, und war sichtlich erleichtert, als er es genauso vorfand, wie er es hinterlassen hatte.

Zoe grinste. Er war schlau, aber sie war schlauer. Sie drückte auf den kleinen Signalpinger, den sie in ihrer Hosentasche hatte. Jetzt wusste der Kommandant, dass sie ihn gefunden hatte.

Er schloss die Wohnungstür hinter sich und warf seine Jacke auf die Matratze, dann machte er sich auf den Weg in das angrenzende Badezimmer. Das war Zoes Moment. Er hatte sie noch nicht bemerkt.

„Charles Miller?“

Er zuckte zusammen, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Schlagartig drehte er sich um und suchte nach der Person, die gesprochen hatte. Ihm stand das nackte Grauen ins Gesicht geschrieben. Zoe wusste nicht, was er erwartet hatte, aber als er sie entdeckte, ließ die Spannung in seinem Gesicht wieder nach.

„Wer sind Sie?“, fragte er. „Und wie kommen sie hier rein?“

„Das tut nichts zur Sache“, antwortete Zoe. „Es genügt, wenn sie wissen, dass ich auf ihrer Seite bin.“

„Miss, ich vertraue niemanden, den ich nicht kenne.“

„Ich hätte Sie jederzeit töten können, in der Zeit, die sie gebraucht haben, um mich zu entdecken. Und auch jetzt könnte ich sie jeden Moment töten.“

„Ja, sicher“, meinte er belustigt. „Wer hat Sie geschickt?“

„Geheim.“

„Wie haben sie mich gefunden?“

„Runter.“

„Was?“

„RUNTER!“

Charles legte sich mit einem Satz auf den Bauch, nur eine Sekunde bevor das Fenster zersplitterte und zwei Kugeln durch das Fenster flogen. Sie schlugen exakt dort in die Wand ein, wo er eben noch gestanden hatte.

„Was war das?“

„Scharfschütze“, rief Zoe und rollte sich über den Boden. Ein kleiner, roter Lichtpunkt bewegte sich über die Wand des Zimmers. „Als ich hier eingestiegen bin, war der noch nicht da! Haben Sie eine Waffe?“

„Nein.“

„Man jagt Sie durch halb Brasilien und Sie haben keine Knarre!?“

„Ich musste in Sao Luis ziemlich schnell aufbrechen.“

Mist! Dann musste sie eine andere Lösung finden.

Zoe lief geduckt zu dem Spiegel und zerbrach ihn mit dem Ellbogen. Dann nahm sie eine der größeren Scherben und setzte sich unter das Fenster. Sorgfältig inspizierte sie das Gebäude auf der anderen Seite des Hinterhofes. Sie konnte deutlich den Scharfschützen erkennen, wie er hinter einem Fenster saß und mit seinem Gewehr auf sie zielte. Dann wieder ein Knall, und die Scherbe zersprang in ihrer Hand.

„Warten Sie hier!“, sagte Zoe. „Ich kümmere mich um ihn.“

Sie erhob sich, lief geduckt aus der Tür und hetzte das Treppenhaus hinauf aufs Dach. Es war ein Flachdach mit einer betonierten Umrandung, auf dem eine Menge Müll umherlag. Vorsichtig spähte Zoe über die Brüstung. Der Scharfschütze hockte in dem leerstehenden Gebäude gegenüber und zielte immer noch auf das Fenster. Hier oben konnte er sie unmöglich sehen.

Sie riss eine Wäscheleine, die quer über das Dach gespannt war, von ein paar Haltestangen ab und machte einen dicken Knoten in ein Ende. Dann nahm sie ein altes, schlankes Kupferrohr, brach es in drei Teile und steckte sie in den Knoten, sodass ein primitiver Enterhaken entstand. Diesen schleuderte sie auf das andere Dach hinüber. Er verfing sich zwischen zwei Metallspitzen, die auf dem Dach auf der anderen Seite aus einem Zaun ragten. Zoe zog zur Probe einmal an dem Seil. Es saß fest genug. Dann sprang sie vom Dach.

Sie schwang genau auf das Fenster mit dem Scharfschützen zu. Dieser bemerkte sie noch immer nicht, stattdessen feuerte er noch zweimal auf Millers Wohnung.

Zoe brach durch das Glas der Fensterscheibe, traf mit ihren Füßen den Kopf des Schützen und schleuderte ihn drei Meter weit in den Raum hinein, wo er gegen eine Tür knallte und am Boden liegen blieb.

„Que diabos“, rief der Schütze.

Zoe rappelte sich auf, hechtete auf ihn zu, packte ihn am Arm und kugelte ihm die Schulter aus. Er brüllte vor Schmerz. Sie kniete sich auf ihn und presste ihre Faust auf seine Halsschlagader. Indem sie ihm die Sauerstoffversorgung zum Gehirn abschnitt, konnte sie ihn ohne Probleme mehrere Stunden ins Land der Träume schicken.

Als sich der Schütze nicht mehr rührte, ließ Zoe los und legte ihren Zeigefinger auf seine Halsschlagader. Sie fühlte immer noch einen Puls, alles war gut. Er war weggetreten und für sie damit kein Hindernis mehr.

Sie hob sein Scharfschützengewehr vom Boden auf und donnerte es einmal gegen die Wand. Das Zielvisier zersprang und der Lauf verbog sich so stark, dass man die Waffe so schnell nicht mehr würde benutzen können.

Zoe lief zurück in Charles Wohnung. Er war bereits dabei, alles, was er hatte, in seine Taschen zu stopfen.

„Das war der Wahnsinn!“, meinte er, als sie zurückkam. „Wie heißt du?“

„Mein Name ist Zoe.“ Offenbar hatte er jetzt beschlossen, ihr zu vertrauen.

„Ich bin Charles. Und der war nur die Vorhut, wir müssen hier weg.“

„Ich weiß. Ich habe ein besseres Versteck.“ Zoe deutete auf seine Taschen. „Zieh dir die besten Sachen an, die du noch hast. Alles andere kannst du hierlassen. Und ruf ein Taxi.“

Eine halbe Stunde später, die Sonne versank bereits hinter dem Horizont, erreichten sie Zoes Hotel.

Das Frederick Omou war eines der besten Hotels der Stadt. Eine Fünf-Sterne-Unterkunft, in der normalerweise nur die Crème de la Crème eincheckte. Nachdem Zoe den Fahrer bezahlt hatte, stiegen sie und Charles aus dem Taxi und gingen gemeinsam die Stufen zum Hoteleingang hoch.

„Wow, ist das ein Palast!“, sagte Charles. „Da drin wohnst du?“

„Ja, hier sind wir sicher. So versteckt man sich ordentlich.“

„Das hätte ich mir nicht leisten können.“

Sie betraten das Gebäude. In der Hotellobby herrschte reges Treiben. Ein paar Dutzend Geschäftsleute, Schauspieler und sonstige Touristen genossen Drinks in der Hotelbar, badeten im hoteleigenen Pool oder spielten im Casino. Heute war es besonders gut besucht, da eine Abendgala veranstaltet wurde.

Zoe ging direkt zur Rezeption, an der eine schlanke Einheimische mit langen, seidenglatten braunen Haaren saß.

„Haben sie Post für Zimmer 523?“, fragte sie die Rezeptionistin.

„Einen Moment, Miss Robinson“, sagte die Rezeptionistin und wandte sich ihrem Computer zu. Zoe hatte unter einer falschen Identität in diesem Hotel eingecheckt, jeder hier hielt sie für Johanna Robinson, ein Fotomodel aus Neuseeland. Die Identität war gut genug, um einer oberflächlichen Überprüfung standzuhalten, obwohl es unwahrscheinlich war, dass irgendjemand mehr tun würde, als ihren Namen zu googeln.

„Ja, da ist in der Tat eine Nachricht für Sie“, sagte die Rezeptionistin. „Da ist eine E-Mail für Sie im Posteingang. Soll ich sie auf ihr Zimmer weiterleiten oder soll ich sie vorlesen?“

„Sie können sie ruhig vorlesen“, meinte Zoe.

„01:04 Uhr, kein sichtbarer Absender“, las die Hotelangestellte mit einem großen Fragezeichen im Gesicht.

„Super, da geht mein letztes Fotoshooting online“, rief Zoe und warf einen Blick auf die Wanduhr hinter der Rezeptionistin. Es war kurz vor sieben, noch sechs Stunden bis zu diesem Zeitpunkt. „Danke!“

Zoe ging zum Fahrstuhl, an dem Charles bereits wartete. Gemeinsam stiegen sie ein und Zoe drückte auf den Knopf für die fünfte Etage.

Kurze Zeit später betrat Zoe ihr Apartment. Es war noch fast unberührt, nur die Bettdecke war zerwühlt. Zoe hatte es nicht für nötig gehalten, bei ihrer Ankunft vorgestern alles auszupacken. Abgesehen davon war sie ohnehin mit wenig Gepäck aufgebrochen und davon hatte sie auf der Suche nach Charles bereits die Hälfte zurücklassen müssen.

„Was nun?“, fragte Charles und betrat ebenfalls das Zimmer.

„Unser Taxi hier raus geht in sechs Stunden vom städtischen Flughafen“, sagte Zoe und ließ sich aufs Bett fallen. „Inzwischen können wir es uns bequem machen.“

Charles blieb mitten im Raum stehen, drehte sich einmal um sich selbst und machte keine Anstalten, sich zu setzen.

„Wer bist du?“, fragte er erneut.

„Das habe ich dir doch schon gesagt“, antwortete Zoe. „Ich bin heute deine Lebensversicherung.“

„Zoe, erst habe ich gedacht, du wärst eine Undercover-Ermittlerin. Jetzt führst du mich in dieses Hotel. Und ich komme nicht darum herum, mich zu fragen, wer seine Undercover-Ermittler in so einem Palast verstecken würde. Das MI6?“

„Ich glaube, du hast zu viel James Bond geschaut.“ Zoe kicherte. „Nein, ich bin nicht vom MI6.“

„Wer hat dann genug Kohle, um seine Agenten in so einem Hotel zu verstecken? Und vor allem: Was wollen die von mir? Ich bin doch nicht so wichtig.“

„Charles, ich darf dir nichts sagen. Und ich bin keine Agentin. Ich bin eigentlich genau das, was du bist. Der Kommandant wird dir später alles erklären.“

„Wer ist der Kommandant?“

Zoe warf Charles einen zögernden Blick zu. „Das wirst du bald erfahren.“

„Was ist, wenn ich nicht kooperieren möchte?“

„Nun, es gibt da so eine Gruppe schießwütiger Söldner, die dich tot sehen möchte. Du kannst mit mir mitkommen oder du kannst sterben.“

Darauf wusste Charles wohl keine Antwort mehr. Er zog ein Gesicht, das zeigte, dass ihm die Aussichtslosigkeit seiner Situation wieder bewusst wurde.

„Tut mir leid. Tut mir wirklich leid, wenn ich etwas undankbar erscheine, aber ich habe die letzten Wochen viel durchgemacht. Und ich muss sagen, das hier überwältigt mich gerade ein bisschen.“

„Ich weiß. In Sao Luis hätte ich dich fast gehabt, aber dann bist du mir doch noch entwischt.“

Ein paar Stunden später war Zoe dabei, ihre Sachen zusammenzupacken. Es war nicht viel, nur ein großer, metallischer Koffer und eine kleine Tasche, in der sie alles verstaute, was sie die letzten beiden Tage gekauft hatte. Ihnen blieb nicht mehr viel Zeit, in einer guten Stunde mussten sie am Flughafen sein. Ein Taxi hatte sie bereits bestellt.

Während sie ihre Sachen sortierte, kam von irgendwo ein lauter Knall. Irritiert sah Zoe von ihrer Tasche auf.

„Hast du das auch gehört?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete Charles. „Das kam von unten.“

Da hörte sie plötzlich laute Schreie aus den Stockwerken unter ihnen. Schreie und Gewehrschüsse.

„Die Rock-Company ist hier.“ Charles knirschte mit den Zähnen.

„Die Rock-Company? Das hier ist ein Hotel mit hochrangigen Gästen“, rief Zoe.

„Glaub mir, Zoe, das interessiert die nicht. Die sind so brutal.“

Der Radau wurde immer lauter. Es ertönten immer mehr Schüsse. Ganzen Salven. Und bei jeder Salve wurden die Schreie lauter. Irgendjemand veranstaltete unter ihnen gerade ein Massaker. Einen Moment später ertönte der laute Sirenenton des Feueralarms.

„Wir müssen hier weg!“, rief Zoe.

„Wo willst du hin? Die haben bestimmt schon das ganze Erdgeschoss abgeriegelt.“

„Zur Vordertür können wir nicht mehr raus. Also haben wir noch fünf Richtungen, in die wir abhauen können.“

„Du willst fliegen?“

„Nein.“

Zoe stand auf und ging zu dem großen Koffer, der neben ihrem Bett lag. Er war mit mehreren Codeschlössern gesichert. Sie gab einen Code nach dem anderen ein und klappte den Deckel auf. Im Inneren lagen eine Vielzahl von mattglänzenden, schwarzen Platten und ein Gewehr.

„Was ist das?“, fragte Charles. „Ist das eine P90?“

„Ich würde mich jetzt gerne umziehen.“ Zoe zog ihr Top aus. „Und nein, das ist keine P90. Das ist ein Gitel G-5.“

Sie warf ihre Klamotten im hohen Bogen hinter sich und zog einen schwarzen Skinsuit an, dann kramte sie die einzelnen Platten aus dem Koffer und klickte sie sich an die Gliedmaßen. Schritt für Schritt verschwand sie in ihrer pechschwarzen Rüstung. Die Einzelteile surrten, als sie zum Leben erwachten. Ganz zum Schluss setzte sie sich den tropfenförmigen Helm auf und nahm ihr Gewehr aus dem Koffer.

Charles starrte sie mit kugelrunden Augen an, als sie in ihrer Rüstung vor ihm stand. Er stieß einen erstaunten Pfiff aus. „Also jetzt würde mich wirklich interessieren, für wen du arbeitest!“

„Später! Folge mir!“

Zoe lud ihr Gewehr durch und lief zur Tür ihres Apartments. Die Servomotoren ihrer Rüstung beschleunigten sie dabei fast auf übermenschliche Geschwindigkeit.

Zoe drückte ihr Ohr gegen die Tür. Draußen im Flur konnte sie keine Schritte wahrnehmen. Das war sehr gut, denn sie musste unter allen Umständen vermeiden, dass sie jemand in Rüstung sah.

Sie drückte die Türklinke hinunter und sah nach draußen. Im Head-up-Display ihres Plexiglasvisiers wurden ihr keine Bewegungen angezeigt. Sie klickte mehrere Male mit ihrer Zunge. Aber sie hörte keine Echos.

Vorsichtig schlich sie auf den Flur hinaus, Charles folgte ihr. Zoe lauschte auf die kleinsten Geräusche, während sie in Richtung des Treppenhauses schlich. Aber dank der Gala im Erdgeschoss war in ihrer Etage so gut wie nichts los. Die meisten Gäste nahmen an dem Event teil. Der Rest war vermutlich ausgeflogen und irgendwo in der Stadt am Feiern.

Als sie das Treppenhaus mit den Fahrschuhlschächten erreichten, hörte Zoe Schüsse aus der unteren Etage.

Es erklang ein lauter Schrei, der schlagartig verstummte. Dann sprachen mehrere Stimmen durcheinander.

„Das ist die Falsche.“

„Also noch eine umlegen.“

„Genauso ist es.“

„Checkt die nächste Etage.“

Zoe wich das Blut aus dem Gesicht. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Stimme!

Vor ihrem inneren Auge blitzte das Gesicht eines Mannes mit einer rasierten Glatze und Muskeln wie die eines Berggorillas auf. Das kaltblütige Monster, das den Befehl gegeben hatte, ihre ganze Legion zu ermorden. Er hatte die Überlebenden des Flugzeugabsturzes hinrichten lassen, bis nur noch sie selbst und ihre Zwillingsschwester übriggeblieben waren.

„Das ist Boris Rezato“, flüsterte Charles. „Sicherheitschef der Rock-Company. Wir sind so gut wie tot.“

„Charles, verschwinde hier!“, befahl Zoe. „Lauf zum Dach. Ich halte ihn auf.“

Charles sah sie noch einmal kurz an, dann rannte er los und verschwand über die Treppe nach oben.

Zoe drehte sich zum Korridor hinter sich und suchte nach einer passenden Deckung, um Rezato zu überraschen. Aber sie entdeckte nichts, was ihr weiterhalf.

„Na, die kommt mir bekannt vor“, sagte die Stimme im nächsten Moment hinter Zoe.

Zoe drehte sich um. Hinter ihr stand, zusammen mit zwei weiteren Männern, genau der Mann, den sie erwartet hatte. Und er hatte ein schweres Sturmgewehr in der Hand, das direkt auf sie gerichtet war.

„Sucht weiter nach Miller, ich kümmere mich persönlich um den Abschaum hier“, sagte Rezato zu seinen Männern.

Zoe dachte nicht nach, sondern reagierte. Sie sprang und rollte sich über den Boden, Millisekunden bevor Rezato das Feuer eröffnete und eine Salve dort in die Wand jagte, wo sie gerade noch gestanden hatte.

Zoe zog dreimal am Abzug ihres Gewehres. Die Kugeln flogen dicht an Rezatos Kopf vorbei. In diesem Moment öffnete sich eine der Apartmenttüren.

„Was ist hier los?“, rief eine Frau in den Korridor. Sie starrte Zoe und Rezato an. Rezato richtete sein Sturmgewehr auf sie und drückte ab. Er traf sie am Kopf und zweimal in die Brust. Sie war tot, bevor sie auf dem Boden aufschlug.

Zoe sah hoch zur Decke. Über ihr hingen ein paar Deckenlampen. Ohne darüber nachzudenken, hielt sie ihr Gewehr nach oben und jagte ein paar Kugeln in die Rigipsplatten. Es knallte einmal laut und ein paar Funken sprühten, dann flackerte das Licht und der Strom fiel aus. Die Sicherung der ganzen Etage war rausgeflogen.

Zoe hechtete zum Aufzugschacht, fuhr mit den Fingern in den Spalt der Aufzugtüre und drückte sie auseinander. Die Kabine befand sich gerade in der Etage unter der ihren.

Zoe klickte einmal mit der Zunge, vor sich konnte sie das Aufzugsseil erkennen. Sie sprang in den Schacht, schnappte sich das Seil und schlang es sich dank der starken Servomotoren ihrer Rüstung trotz der daran hängenden Kabine um den Arm. Sie hörte ein paar Schüsse und wie die Kugeln in den umliegenden Wänden einschlugen.

Zoe schoss in die Seilverankerung an der Kabine. Das Seil riss und zog Zoe im rasenden Tempo nach oben. Die Kabine raste währenddessen ungebremst in den Keller und zerschellte mit einem harten Aufschlag. Das Seil löste sich von Zoes Arm und sie sprang ins Leere. Durch die Ritzen einer anderen Aufzugtür konnte sie den Schein der Flurbeleuchtung erkennen.

Zoe griff im Fall nach einer Kante, schwang sich gegen die Aufzugtür und brach sie auf. Sie rollte sich im Flur ab und lief dann, so schnell sie konnte, die Treppen hoch.

Zoe sah sich um. Charles war bereits auf dem Dach eingetroffen und stand allein im Nieselregen.

Das Frederick Omou überragte alle Gebäude in der näheren Umgebung. Aus der Straßenschlucht unter ihnen vernahm Zoe Polizeisirenen. Irgendjemand hatte es offenbar geschafft, einen Notruf abzusetzen. Die Beamten waren gerade dabei, das Gebäude zu umstellen. Aber Zoe bezweifelte, dass irgendjemand innerhalb der nächsten Stunden es wagen würde, das Hotel zu stürmen.

Zoe griff sich an den Rücken und zog ein Seil aus ihrer Rüstung. Dann griff sie an ihre Hüftpanzerung, nahm einen Minimarschflugkörper in die Hand und klippte das Seil daran fest. Sie legte den Minimarschflugkörper auf die Startschiene auf ihrem Gewehr und zog am Abzug. Die Minirakete flog in Windeseile über die Häuserschlucht, zog das Seil hinter sich her und verkeilte sich in dem Kiesboden auf dem Dach des Hauses gegenüber.

Zoe knotete das andere Ende an einem Lüftungsaggregat fest, dann kletterte sie auf die Brüstung und packte das Seil.

„Leg deine Arme um mich!“, rief Zoe.

Charles packte Zoe von hinten, dann sprang sie über die Brüstung. Sie glitt auf der metallenen Innenfläche ihrer Handschuhe über die Straße hinweg. Unter ihr konnte sie das rote und blaue Blinken der Polizeiwagen erkennen.

Momente später landeten sie in dem groben Schotter, der das Dach des Gebäudes auf der anderen Seite bedeckte.

Vorsichtig rappelte sich Zoe auf und schnitt das Seil durch. So würde es für Rezato unmöglich sein, ihnen zu folgen.

Zoe warf einen Blick hinüber zum Frederick Omou. Es blitzte gelegentlich hinter dem einen oder anderen Fenster, aber ansonsten deutete nichts auf die Katastrophe hin, die sich gerade hinter seinen Mauern abspielte.

Nach der Uhrzeit, die im Head-up-Display ihres Helmes angezeigt wurde, sollten sie jetzt eigentlich schon auf dem Weg zum Flughafen sein. Da fiel Zoe auf, dass sie ihre Hand nicht mehr spürte.

„Zoe!“, rief Charles und deutete auf den Boden.

Am Boden neben Zoe hatte sich eine große Blutlache gebildet. Verwundert schaute sie auf ihren Arm, sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie getroffen worden war. Aber da war ein großes, rundes Loch in ihrer Rüstung, aus dem ihr Blut sprudelte.

„Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen“, sagte Charles.

„Nein, wir müssen zum Flughafen!“

„Zoe, du blutest wie ein frisch geschlachtetes Schwein.“

„Niemand darf mich in Rüstung sehen. Wir müssen los!“

Es knallte und neben ihnen spritzten ein paar Kieselsteine auf. Auf dem Dach des Frederick Omou hatten ein paar Söldner das Feuer auf sie eröffnet.

Zoe drückte ihren Zeigefinger auf die Wunde und rannte zum Treppenniedergang. Charles war dicht hinter ihr. Im Eiltempo liefen sie nach unten. Zoe wurde bereits schwindelig, sie konnte kaum noch geradeaus laufen.

Plötzlich platzten sie im Erdgeschoss in ein rappelvolles Lokal. Ein paar der Gäste drehten sich um, aber Zoe hatte keine Zeit, auf sie zu achten.

Die halbe Straße war mit Streifenwagen der Polizei zugeparkt. Die Beamten hockten mit ihren Pistolen hinter den Türen in Deckung und nahmen die Fenster und Türen des Hotels ins Visier.

Als Zoe die Eingangstür aufstieß, kam sie direkt hinter einem der Streifenwagen heraus. Der dahinter sitzende Beamte drehte sich um.

„Gehen sie wieder rein!“, rief er auf Portugiesisch. Da bemerkte er Zoes Aufzug und das Gewehr, das sie in der Hand hatte. Reflexartig richtete er seine Waffe auf Zoe. „Wer sind sie?“

Zoe hatte keine Zeit, lange Erklärungen zu formulieren. Sie hechtete auf den Beamten zu und verpasste ihm einen Handkantenschlag. Er sackte bewusstlos zu Boden. Derweil sprudelte das Blut wie aus einem Springbrunnen aus Zoes Unterarm.

„Charles, wir müssen hier weg“, rief sie. Zu zweit rannten sie den Bürgersteig entlang, vorbei an mehreren Passanten, die das Spektakel am Hotel beobachteten.

Zoe merkte, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Rezato musste eine ihrer Schlagadern getroffen haben, in ihrem Kopf fing alles an, sich zu drehen. Da stolperte sie über eine hervorstehende Bodenplatte.

Zoe brach auf dem nassen Bürgersteig zusammen. Sie versuchte, noch etwas zu erkennen, aber das Einzige, was sie noch sah, waren verschwommene Farben und ein paar Sterne.

Es hatte keinen Sinn. Sie war zu schwer verwundet, um noch den Flughafen zu erreichen. Sie war zu schwach, um weiterzulaufen. Sie konnte sich nicht mehr bewegen.

In der Ferne sah sie plötzlich ein Licht. Es kam auf sie zu. Erschrocken riss sie die Augen auf, als sie erkannte, wozu das Licht gehörte. Vielleicht war doch noch nicht alles vorbei.

***

Charles sah Zoe bewegungslos auf dem Bürgersteig zusammensinken. Er schüttelte sie, doch sie regte sich nicht. In diesem Moment stoppte neben ihm mit quietschenden Bremsen ein Wagen ab. Charles sah hoch und war sich für einen Moment nicht sicher, ob er träumte.

Der Wagen sah aus wie ein Automobil aus der Zwischenkriegszeit. Er war schneeweiß, hatte einen senkrechten Kühlergrill, eine lang gezogene Motorhaube und große, runde Scheinwerfer. Es musste mindestens hundert Jahre alt sein, so ein Auto hatte Charles bisher nur im Museum gesehen.

Die Wagentür öffnete sich und Zoe beförderte ihn und sich selbst mit letzter Kraft in den Wagen. Charles landete auf dem Boden des sehr geräumigen Heckabteils.

Im Inneren saß ein Mann, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Er trug eine schwarze Uniform und hatte einen unglaublich beherrschenden Blick. Um den Hals hatte er ein ergrautes, gewebtes Halsband, an dem ein sehr technisch wirkender Anhänger befestigt war. Aber das Beeindruckendste war das Gefühl, das Charles verspürte. Es fühlte sich an, als würde der Himmel selbst diesem Mann gehorchen. Der Mann verzog keine Miene, als im Glas des Wagens mehrere spinnennetzförmige Risse erschienen.

„Sir, warum?“, fragte Zoe den Mann.

„Jéan hat das Ganze am HDR verfolgt. Er hat mich informiert und ich entschied, dass es sinnvoller ist einzugreifen.“

Sie nickte und wurde bewusstlos. Dann fuhr der Wagen selbstständig wieder los und lenkte sich mit einem Autopiloten über die Straße.

„Unvernünftiges Ding“, seufzte der Mann. „Ich habe ihr extra gesagt, dass sie nicht übertreiben soll.“

Er griff unter den Sitz und holte ein paar Blutkonserven hervor. Dann nahm er Zoes verwundeten Arm und setzte einen unförmigen, länglichen Werkzeugschlüssel an der Panzerung an. Praktisch sofort sprang der Unterarmpanzer auf und die beiden Hälften landeten auf den Wagenboden. Er schob eine Schlaufe über Zoes Arm und zurrte sie extrem fest, dann hängte er die Konserven an einen Haken am Wagendach und steckte Zoe eine Nadel in den Unterarm.

„Wird sie es schaffen?“, fragte Charles.

„Sie braucht mehr, als ich im Moment tun kann.“

„Dann müssen wir sie sofort in ein Krankenhaus bringen.“

„Geht nicht. Wir müssen hier schleunigst weg, sonst haben wir am Ende noch die brasilianische Luftwaffe am Hals. Aber ich sollte mich wohl erst einmal vorstellen. Ich bin der Kommandant.“

„Sie sind der Kommandant?"

Doch der Kommandant hob die Hand. „Später.“ Dann fasste er an den Anhänger seines Halsbandes. „Kelly, wo steckst du?“

„Ich bin über der Bucht", antwortete eine Stimme aus dem Funkgerät. Die Stimme klang genauso wie die von Zoe.

„Okay, Kelly, der beste Punkt zum Einsammeln ist die Felsspitze westlich vom Leblon Beach. Zwei Minuten. Ich brauche die Medikapsel.“

„Verstanden. Kelly Ende.“

Das Funkgerät verstummte und das Auto wurde schneller. Es raste im Geschwindigkeitsrausch durch die Straßen und bremste nicht ein einziges Mal. Jede Ampel auf dem Weg war grün. Der Wagen steuerte völlig selbstständig durch die Stadt und bog schließlich auf die die Küstenstraße ein. Er raste parallel zum Strand entlang auf eine einsame Felsspitze zu. Mit quietschenden Reifen driftete der Wagen in die Kurve und fuhr den Berg hoch, direkt auf die Steilklippe zu.

Da ertönte aus dem Nichts ein lautes Dröhnen. Der Wagen eröffnete mit mehreren Maschinenkanonen das Feuer auf die Absperrung vor ihnen. Dann tauchte ein riesiges, pechschwarzes Flugzeug in der Windschutzscheibe auf. Es flog bis zum Rand der Klippe und blieb dann mitten in der Luft stehen, am Heck öffnete sich eine Rampe. Und der Wagen fuhr direkt darauf zu. Er gab noch einmal kräftig Gas, durchbrach die Absperrung am Rand der Straße und sprang über den Abgrund.

Langsam landete er auf der Rampe und rollte im Laderaum aus.

„Mister Miller“, sagte der Kommandant, „willkommen an Bord der Resqusto.“

Resque Island

Sobald das Frachtraumtor wieder geschlossen war, hatte das Flugzeug stark beschleunigt und war auf einen Ostkurs gegangen. Der Kommandant hatte Zoe in eine Koje gelegt, bevor er sie an einige medizinische Geräte angeschlossen hatte.

Dann hatte er Charles in eine geräumige Lounge im vorderen Teil des Flugzeugs geführt. Sie war außerordentlich gemütlich eingerichtet. An einer Flugzeugwand standen zwei lange, schwarze Sofas, auf der anderen Seite gab es eine kleine Theke mit einer beachtlichen Auswahl an Spirituosen und in der Mitte der Lounge war eine schwarze Wendeltreppe, die vermutlich ins Cockpit führte.

Irgendwie kam Charles der Kommandant in diesem Raum fehl am Platz vor. Dieser Raum passte nicht zu der Ausstrahlung, die den Kommandanten umgab. Aber dennoch setzte sich der Kommandant auf eines der schwarzen Sofas und bot Charles einen Platz an.

Charles wusste nicht wirklich, was er von der ganzen Situation halten sollte. Nicht nur von seinem Aufenthalt hier in diesem Flugzeug, auch von alldem, was er die letzten Wochen erlebt hatte. Aber fürs Erste war er hier vermutlich sicherer als in Brasilien.

„Können Sie mir sagen, wer Sie sind und was das Ganze hier sollte?“, fragte Charles, während er sich setzte.

„Ich bin der Leiter der Resque und der Hauptverantwortliche dafür, dass Sie heute überlebt haben.“

Der Kommandant hatte nicht die Spur einer Emotion in der Stimme.

„Was ist die Resque? Ich habe noch nie von einer Organisation mit diesem Namen gehört.“

„Es hätte mich überrascht, wenn es anders wäre.“

Auf der Wendeltreppe in der Mitte der Lounge ertönten Schritte. Charles blickte nach oben und hatte für einen Moment den Eindruck, Zoe würde herablaufen. Die junge Frau, die herabkam, sah absolut genauso aus wie Zoe und trug eine identische Rüstung, nur ohne Helm. Aber Zoe konnte es unmöglich sein.

„Kelly, wie ist die Lage?“, fragte der Kommandant.

„Könnte schlimmer sein. Uns hängen keine Jäger am Heck. Und das, obwohl in Rio sogar ein Flugzeugträger liegt. Ankunft auf der Insel in sechs Stunden.“

„Danke, Kelly. Ich ziehe mich zurück.“

Der Kommandant stand auf und verließ die Lounge durch die Tür, durch die sie sie betreten hatten.

„Warten Sie, ich habe noch ein paar Fragen“, rief Charles, doch der Kommandant ignorierte ihn völlig. Er verschwand und ließ Charles allein mit Kelly in der Lounge zurück.

„Ist der immer so?“, fragte Charles und schaute zu Kelly, die einfach nur mit den Schultern zuckte.

„Im Moment ist er eigentlich noch gut drauf.“ Kelly ging zur Bar. „Willst du was zu trinken?“

„Ein Tequila auf Eis wäre jetzt gar nicht verkehrt“, seufzte er. „Das Flugzeug hier ist der helle Wahnsinn.“

„O ja.“ Kelly grinste. „Die Air Force One ist ein Dreck dagegen.“

***

Nach mehreren Stunden Flug erreichten sie am frühen Nachmittag Kapstädter Zeit ihr Ziel. Resque Island, eine künstliche Insel ein paar hundert Kilometer südlich vom Kap der Guten Hoffnung.

Kelly zog den Schubhebel der Resqusto langsam zurück und betätigte den Hebel für die Flaps. Dann nahm sie Kontakt mit dem Tower auf und ging langsam tiefer.

Resque Island bestand aus zwei unterschiedlich großen, rechteckigen Inseln. Die größere der beiden war eine flache Sandpiste, auf die Kelly die Resqusto gerade zur Landung einschwenkte. Am Rand der Piste standen mehrere McHurleys nebeneinander aufgereiht, darunter die MCHB Lilienthal und die MCHW Lincoln. Im Vergleich zur Resqusto waren diese Flugzeuge gigantisch. An der Stirnseite stand ein Hangar, der groß genug war, um eine McHurley im Inneren aufzunehmen.

Auf der zweiten Insel stand ein riesiger Betonbunker mit einer umfangreichen Grünanlage und einem ganzen Dorf auf dem Dach. Hin und wieder durchbrachen einige Pools und Wasserbecken das Grün der Siedlung.

Zwischen beiden Inseln war ein mehrere hundert Meter breiter Kanal, der an einem Ende von einer sehr breiten Brücke überspannt wurde.

Umgeben waren die beiden Inseln von einem kilometerlangen, kreisrunden Wellenbrecher aus Sand und groben Steinen. Es gab nur eine große Lücke, durch die man ins offene Meer gelangen konnte.

Kelly bremste die Resqusto vorsichtig ab und ging tiefer, bis die Räder des Flugzeugs sanft die Sandpiste berührten, dann stieg sie auf die Bremsen, bis die Resqusto Schrittgeschwindigkeit erreicht hatte. Sie ließ das Flugzeug in den großen Hangar am Ende der Piste rollen und parkte es auf einer speziellen Plattform, dann wurde der Flieger nach unten in einen eigenen Wartungsbereich abgesenkt.

Kelly erhob sich aus dem Pilotensitz, streckte sich einmal durch und spazierte dann die Wendeltreppe nach unten in die Lounge. Charles saß dort auf einer Ledercouch.

„Miller, komm mit!“, rief sie und führte ihn nach hinten zur Heckgarage.

Dort angekommen senkte Kelly die Heckrampe ab. Im Wartungsareal warteten bereits die Sanitäter, die sie über Funk angefordert hatte. Noch bevor die Rampe den Boden berührte, kletterten die Sanitäter bereits an Bord. Im selben Moment marschierte der Kommandant wortlos an ihnen vorbei.

„Warten Sie, ich habe noch ein paar Fragen!“, rief Charles und wollte ihm nachlaufen.

Kelly packte ihn am Handgelenk.

„Er wird dir nicht antworten“, sagte sie. „Das macht er nie.“

Charles blieb mitten auf der Rampe stehen.

„Warum veranstaltet er so eine Rettungsaktion und nimmt sich danach nicht einmal die Zeit, sich mit mir zu unterhalten?“, fragte er.

„Er ist der Kommandant. Wann er sich mit dir unterhält, entscheidet er. Er hat im Moment schlicht und einfach Wichtigeres zu tun.

„Was ist denn bitte schön wichtiger?“

„Ist dir eigentlich klar, wie viel Staub ihr in Rio aufgewirbelt habt?“ Kelly seufzte. Sie konnte sich nicht erinnern, mit der Resqusto jemals einen heftigeren Start gehabt zu haben als den in Rio de Janeiro.

Hinter sich vernahm sie Schritte auf dem Metallfußboden. Die Sanitäter kamen wieder heraus und hatten Zoe auf einem Tragetuch dabei. Sie hatten ihr die Rüstung abgenommen, sie trug aber immer noch ihren Skinsuit. Die Sanitäter wuchteten sie auf eine Transportliege, die neben der Heckrampe bereitstand. Zoe war kreidebleich und atmete nur schwach.

„Wie geht es ihr?“, fragte Charles.

„Sie hat ‘ne Menge Blut verloren“, antwortete einer der Sanitäter. „Aber wir kriegen sie wieder hin.“

Die Sanitäter machten sich mit ihr davon. Deprimiert sah ihr Kelly hinterher. Es war nicht schön, eine Freundin in diesem Zustand zu sehen.

Währenddessen bemerkte Kelly die Wartungsmannschaft der Resqusto.

„Alles in Ordnung mit dem Flieger?“, fragte einer der Mechaniker.

„Nein“, antwortete Kelly. „VR-drei zickt immer noch rum. Ich will, dass da morgen ein neues Triebwerk drin ist. Außerdem solltet ihr den Duesenberg überprüfen. Wir mussten ziemlich heiß starten.“

Der Mechaniker nickte. Charles hingegen stand nichts tuend im Resqusto-Hangar. Er drehte den Kopf und sah völlig planlos hier hin und dort hin. Kelly legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Keine Ahnung, was du machen sollst?“, fragte sie. „Komm mit, ich zeig dir dein Quartier.“

Mit Charles im Schlepptau ging sie über eine schmale Gittertreppe aus dem Wartungsbereich nach oben in den Haupthangar. Vorbei an den zahlreichen MiniHurleys, die am Rand der Hangarhalle geparkt waren, bis sie durch die großen Haupttore in das grelle Sonnenlicht traten.

Kelly führte Charles über die große Hauptbrücke. Dabei wurde der Bunker mit jedem Schritt höher. Die nackte, graue Wand wurde immer größer, bis nichts anderes mehr zu sehen war.

„Es ist unglaublich, wie groß das Ding ist“, meinte Charles nach einer Weile. „Das muss der größte Bunker der Welt sein.“

„Der größte Bunker, ja das ist er“, antwortete Kelly.

Als sie das Haupttor aus schwarzem Gusseisen erreichten, stoppten sie. Über dem Eingangstor waren mit goldenen Lettern mehrere Worte eingraviert:

§ 1. Die allgemeinen Menschenrechte sind unantastbar.

§ 2. Oberstes Ziel der Resque ist es, menschliches Leben zu bewahren.

„Was ist das?“, fragte Charles.

„Die ersten beiden und wichtigsten Grundsätze der Resque“, antwortete Kelly stolz.

***

Jéan Proux stand im hinteren Teil des Planetaren Kontrollraums und lehnte am Geländer der HDR-Grube. Vor ihm, in einem zwölf Meter breiten und sechs Meter tiefen Schacht, schwebte das HDR, das Herz der Resque, wie es fast alle nannten. Es war eine zehn Meter durchmessende, holografische Weltkugel, die in vielen Gelb-, Grün- und Blautönen strahlte. Eine Seite der Welt war völlig in Dunkelheit gehüllt, die Umrisse der Kontinente wurden nur durch die Lichter der Städte nachgezeichnet. Die helle Seite strahlte hingegen in ihrer natürlichen Schönheit. Nur die Wolken wurden vom HDR automatisch entfernt.

Jéan fiel es mittlerweile schwer, die Augen noch offenzuhalten. Die ganze Nacht hatte er am HDR ausgeharrt und den Reliefglobus beobachtet. Es war ihm eine der unliebsamen Pflichten, aber in Abwesenheit des Kommandanten fiel die Aufgabe, das HDR zu überwachen, nun einmal auf ihn zurück. Da half nur Augen zu und durch.

Aus dem Gang hinter ihm ertönten Schritte. Es waren starke, entschlossene Schritte, der Kommandant kam zurück.

„Jéan!“, rief der Kommandant in den Raum. „Wie schlimm ist die Lage?“

„Miss Zoe hat da wirklich etwas Schönes angerichtet“, seufzte Jéan, richtete sich langsam auf und strich sich seinen Schnurrbart zurecht. „Der Vorfall in Rio beherrscht die Nachrichten. Und das weltweit.“

Jéan deutete träge auf den Kommunikationsbildschirm, der über ihnen von der Decke hing. Dieser zeigte gerade unterschiedlichste Statistiken unterschiedlicher Medienkanäle, doch deren Aussage war ein und dieselbe: Sie hatten ein Problem.

„CNN in den USA, n-tv in Deutschland, CNC in China“, sagte Jéan. „Überall. Wenn wundert es bei 80 Toten, darunter mehrere Prominente. Die Opfer im Frederick Omou sind aus über zehn Ländern. Bei der Ermittlung werden alle Gäste durchleuchtet. Da wird man bei Zoe wohl auf einige Lücken stoßen.“

Der Kommandant nickte. „Das ist Gift für die Geheimhaltung. Ab sofort werden einige neue Richtlinien für die Hotelauswahl bei Undercover-Einsätzen in Kraft treten. Aber trotzdem müssen wir uns jetzt erst einmal auf das aktuelle Problem konzentrieren.“

Der Kommandant ging um den kleinen Marmorsockel herum, der genau in der Mitte der Terrasse stand, die den hinteren Teil des Planetaren Kontrollraums einnahm, und lehnte sich an seinen Stammplatz zwischen den zwei Kontrollpulten ans Geländer der HDR-Grube. Dann fing er an, an Südamerika heranzuzoomen. Er zog das Hologramm mit den Händen immer größer, bis das Frederick Omou vor ihnen im Raum schwebte.

Rauch kam aus den Fenstern des Hotels. Eine riesige Meute von Reportern hatte sich vor dem Gebäude versammelt und versuchte, Fotos zu machen, doch eine Heerschar von Polizisten drängte sie zurück, um Platz für die Helfer zu machen, die die Leichen aus dem Gebäude trugen. Die mit weißen Tüchern verhüllten Körper reihten sich auf der Straße aneinander, ein paar wurden gerade in einen Lkw des Militärs geladen.

Jéan staunte immer wieder über die Fähigkeiten des HDR. Die von der McHurley Universe ausgesetzten Satelliten des Resnets konnten Gegenstände mit vierfacher Vergrößerung nachzeichnen und übertrugen jeden Punkt auf diesem Planeten in Echtzeit.

„Was ist mit den Söldnern der Rock-Company?“, fragte der Kommandant.

„Nach dem, was ich gesehen habe, haben sie sich mitten in der Nacht mit einem Hubschrauber abgesetzt“, antwortete Jéan und dachte an die letzte Nacht zurück. Noch bevor die Polizei das Hotel gestürmt hatte, war ein nicht registrierter Hubschrauber auf dem Dach gelandet. Laut den ersten Berichten waren alle Angreifer entkommen.