Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das deutsche Schulsystem ächzt unter Reformstau, Lehrermangel und Pisa-Pleiten. Wolfgang Stock, Generalsekretär des Verbands freier evangelischer Schulen, fordert Bürokratieabbau und Reformen. Eltern, Schüler und Lehrer leiden unter dem deutschen Schulsystem: Überall fällt Unterricht aus, immer mehr unkundige Quereinsteiger werden eingestellt. Bürokratische Gängelung und ein absurder Bildungsföderalismus haben ein Monster entstehen lassen, das bei internationalen Vergleichsstudien immer schlechtere Noten bekommt. Auch Ausbilder und Hochschulen sind verzweifelt über die geringen Kenntnisse der Schulabgänger im angeblichen Land der Dichter und Denker. Dazu fehlen Lehrer in nie gekanntem Ausmaß. Was kann unsere Schulen retten? Wie können sie zu Orten werden, an denen gerne und gut gelehrt und gelernt wird? Wolfgang Stock analysiert die heutige organisierte Verantwortungslosigkeit vieler administrativer Ebenen. Er vergleicht das deutsche mit erfolgreichen Systemen anderer Länder. Für ihn ist klar: Unsere Schulen müssen von der bürokratischen Gängelung der Bundesländer befreit und in die Verantwortung der Gemeinden und Städte gegeben werden. PISA zeigt: Nur so kann Schule gelingen!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
1 Das deutsche Schulsystem ist kaputt
2 PISA-Offenbarungen
3 Zeitreise durch die deutsche Schulbildung
4 Bremsklotz Bildungsföderalismus
5 Was machen PISA-Sieger besser? Das Geheimnis der Champions
6 Mit mutigen Schritten zur Bildungsrevolution
7 Ausblick
8 FAQs – Häufig gestellte Fragen
Der Autor
Quellen und Anmerkungen
Cover
Hauptteil
Copyright-Seite
Inhaltsverzeichnis
Wolfgang Stock
Rettet unsere Schulen!
Wie wir die Bildungskrise überwinden und unseren Kindern eine bessere Zukunft schenken
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Der Fontis-Verlag wird von 2021 bis 2024 vom Schweizer Bundesamt für Kultur unterstützt.
© 2024 by Fontis-Verlag Basel
Umschlag und Grafik S. 77: Renè Graf, Fontis
Satz und Stühle-Grafik: InnoSET AG, Julian Messmer
Foto Wolfgang Stock S. 101 © privat
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
ISBN 978-3-03848-467-7
1Das deutsche Schulsystem ist kaputt
2PISA-Offenbarungen
3Zeitreise durch die deutsche Schulbildung
4Bremsklotz Bildungsföderalismus
5Was machen PISA-Sieger besser? Das Geheimnis der Champions
6Mit mutigen Schritten zur Bildungsrevolution
7Ausblick
8FAQs – Häufig gestellte Fragen
Der Autor
Quellen und Anmerkungen
Das deutsche Schulsystem ist kaputt
Alle, aber wirklich alle sagen: Unser deutsches Schulsystem ist kaputt. Lehrer und Schüler, Eltern und Politiker, sie alle beklagen die Zustände, Ergebnisse und Perspektiven deutscher Schulen. Auch «PISA» und andere internationale Studien bestätigen seit vielen Jahren: Deutsche Schulen werden immer schlechter.
In der neusten PISA-Studie, im Jahr 2022 erhoben und Ende 2023 veröffentlicht, erreichten 30 Prozent der deutschen Neuntklässler in Mathematik nicht die Mindestanforderungen der 9. Klasse. 25 Prozent können die Kernaussage eines normalen kurzen Textes nicht verstehen.1
Schockierend auch: Fast jeder Fünfte der 20- bis 34-Jährigen in Deutschland hat keinen beruflichen Bildungsabschluss – das sind amtliche Zahlen.2 Dabei werden Personen, die sich noch in der Ausbildung befinden, natürlich nicht mitgerechnet.
Allein schon diese Zahl zeigt, warum Schüler verzweifeln: Offenbar versagt für 18 Prozent von ihnen unser Schulsystem total. Es bereitet sie nicht gut genug auf eine Berufsausbildung vor, sie finden keine Lehrstelle – und das, obwohl Auszubildende überall händeringend gesucht werden.
Die weit größere Anzahl an Schülern schafft zwar einen Schulabschluss und ergreift dann einen Beruf – vorher hat sie sich aber durch die Schuljahre gequält, weil der vorherrschende Frontalunterricht in den staatlichen Schulen ihre kreativen Begabungen nicht gefördert hat.
Kein Wunder also, dass 85 Prozent der erwachsenen Bundesbürger Umfragen zufolge der Meinung sind, dass Kinder hierzulande von den staatlichen Schulen nicht ausreichend auf das Leben vorbereitet werden.3 Nur jeder Achte glaubt, dass die Schulen unsere Kinder und Jugendlichen mit den notwendigen Kenntnissen und Fähigkeiten ausstatten.
Doch Eltern in Deutschland sind nicht nur enttäuscht von den Schulen, viele sind regelrecht verzweifelt, weil in der Schule ihrer Kinder ständig Unterricht ausfällt und «Quereinsteiger» auch ohne pädagogische Ausbildung in die Klassen geschickt werden, um wenigstens irgendeinen Versuch von Unterricht anbieten zu können. Laut PISA leiden 73 Prozent der Schüler in Deutschland an eingeschränktem Unterricht wegen Lehrermangels – das ist deutlich mehr als 2018 (damals waren es «nur» 57 Prozent). 25 Prozent der Fünfzehnjährigen sagen, dass sie an Schulen lernen, in denen Lehrkräfte ungenügend ausgebildet sind. 2018 waren es dagegen nur 16 Prozent.
Eltern sorgen sich auch, weil Mobbing oder gar Gewalt zunehmen – und weil Schulgebäude oft in beklagenswertem Zustand sind. Trauriges Beispiel: In ihren Schultoiletten herrschen solcher Schmutz, Gestank, solche Zerstörung und Mangelausstattung, dass etwa die Hälfte aller Berliner Schüler das Urinieren und 85 Prozent das Defäkieren in der Schule vermeiden. Viele verzichten in der Schule auf ausreichendes (oder ein gesundes Maß an) Essen und Trinken, um nicht zur Toilette zu müssen. Jede zweite Schülerin empfindet in der Schule Stress, wenn sie ihre Periode hat. Grund dafür ist die mangelnde Privatsphäre in oben und unten offenen Kabinen sowie das Fehlen von Seife.4
Dazu kommt: Wenn ein Umzug in ein anderes Bundesland nötig ist, sind meist der Wissensstand oder die Fächerkombination in der Oberstufe nicht kompatibel mit den neuen schulischen Gegebenheiten. So beginnt der Englischunterricht in einigen Bundesländern bereits in der ersten Klasse, während er in anderen erst in der fünften Klasse startet. Auch die Dauer der Grundschulzeit variiert: In manchen Bundesländern dauert sie vier Jahre, in anderen sechs.
So verwundert es nicht, dass immer mehr Kinder in Deutschland unglücklich sind: 22 Prozent der deutschen Schüler gaben bei der PISA-Studie 2022 an, mit ihrem Leben unzufrieden zu sein; 2018 waren es noch 17 Prozent, der OECD-Durchschnitt liegt bei 18 Prozent.
Auch für die Lehrer ist die Schule oft kein Ort, an dem sie sich wohlfühlen. Im Gegenteil: Viele von ihnen werden in unserem Schulsystem unter anderem deshalb krank, weil sie in maroden Gebäuden arbeiten müssen. Toiletten stinken, Computer funktionieren nicht, Fenster und Sonnenschutz sind defekt, um nur einige Beispiele zu nennen.
Unterrichten ist an vielen Schulen auch schwer, weil viel zu viele Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult werden. Die Medienberichte über die Gräfenauschule in Ludwigshafen, der zweitgrößten Stadt in Rheinland-Pfalz, ist nur die Spitze des Eisbergs: 44 von 147 Erstklässlern haben dort 2024 das Klassenziel wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht erreicht.
Auch der enorme Lehrermangel belastet: Oftmals müssen Lehrer viel mehr Stunden geben, als sie eigentlich wollen, Teilzeitwünsche werden vielfach pauschal abgelehnt. Dazu stresst Lehrer die Herausforderung zu großer Klassen.5
Schon im Studium merken viele, die Lehrer werden möchten, dass dort die Praxis viel zu kurz kommt. Die Folge: Viele brechen ihre pädagogische Hochschulausbildung ab. Und von denen, die das Studium abschließen, will ein Drittel nicht an einer Schule arbeiten, sondern wandert nach dem Abschluss in die Wirtschaft ab.6
Wer doch in das System der staatlichen Schulen gehen will, wird im Referendariat, wo die «Praxis» gelernt werden soll, nicht selten vor brutal schwierige Anforderungen gestellt. «Die schlimmste Zeit meines Lebens» titelt der Norddeutsche Rundfunk einen Bericht über die Zustände im Referendariat, der letzten Phase der Lehrerausbildung.7 Und das Leibniz-Institut für Bildungsforschung dokumentiert, dass jeder vierte Referendar Burnout-gefährdet ist.8
Wie auch die Schüler leiden die Lehrer unter den zunehmenden Gewalttätigkeiten: Fast jede zweite Lehrkraft sieht aktuell an der eigenen Schule, dass Schüler psychischer oder physischer Gewalt von Mitschülern ausgesetzt sind, sagt die repräsentative Lehrerumfrage «Deutsches Schulbarometer 2024» im Auftrag der Robert Bosch Stiftung.9
Auch dadurch erhöht sich das Burnout-Risiko von Lehrkräften deutlich: Mehr als ein Drittel fühlt sich mehrmals pro Woche emotional erschöpft. Mehr als ein Viertel aller Lehrer in Deutschland würde den Schuldienst verlassen, wenn es die Möglichkeit dazu gäbe und dies nicht mit einem Verzicht auf Beamtenprivilegien verbunden wäre.
Große wie kleine Arbeitgeber verzweifeln ebenfalls am deutschen Schulsystem, weil Hauptschulabsolventen oft nicht einmal die einfachsten Rechenarten beherrschen – und auch Abiturienten Bewerbungsschreiben voller Rechtschreibfehler einschicken.
Die Deutsche Bahn, die im Jahr 2023 68 000 neue Mitarbeiter einstellen wollte, hat deshalb bereits 2018 Bewerbungsschreiben komplett abgeschafft. «Für Schüler ist so ein Motivationsschreiben schon schwierig», so die diplomatische Begründung der Bahn.10
Weil es aber ohne Basisfähigkeiten wie Lesekompetenz, Textverständnis und Grundrechenarten nicht geht und die Schule ihnen das nicht vermittelt hat, mussten 2023 rund 150 000 Schulabgänger in einer mehrmonatigen «Einstiegsqualifizierung» für eine Ausbildung fit gemacht werden.11 Dort werden ihnen grundlegende Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt – von Arbeitgebern und der Arbeitsagentur. Diese müssen nachholen, was deutsche staatliche Schulen nicht schaffen.
Wie mangelhaft die Lesekompetenz der deutschen Schüler ausgebildet ist, zeigt folgende Testfrage von PISA: 12
Blog der Professorin, gepostet am 23. Mai, 11:22 Uhr
Während ich heute Morgen aus meinem Fenster schaue, sehe ich die Landschaft, die ich zu lieben gelernt habe, hier auf Rapa Nui, mancherorts auch Osterinsel genannt. Die Gräser und Büsche sind grün, der Himmel ist blau und die alten, jetzt erloschenen Vulkane erheben sich im Hintergrund.
Ich bin ein bisschen traurig, weil ich weiß, dass dies meine letzte Woche auf der Insel ist. Ich habe meine Feldforschung abgeschlossen und werde nach Hause zurückkehren. Nachher werde ich noch einen Spaziergang durch die Hügel machen und mich von den Moai verabschieden, die ich in den letzten neun Monaten erforscht habe. Hier ist ein Bild von einigen dieser riesigen Statuen. …
Wenn Sie meinen Blog dieses Jahr verfolgt haben, dann wissen Sie, dass die Menschen der Osterinsel diese Moai vor Hunderten von Jahren gemeißelt haben. …
Frage 1/7
Beziehe dich auf den Blog der Professorin.
Klicke eine Antwort an, um die Frage zu beantworten:
Wann begann die Professorin laut dem Blog mit ihrer Feldforschung?
In den 1990er Jahren.
Vor neun Monaten.
Vor einem Jahr.
Anfang Mai.
Diese einfache Aufgabe konnte ein Viertel der Neuntklässler nicht richtig lösen und gab falsche Antworten auf die gestellte Frage. Dies ist nicht nur für sie selbst ein großer Frustpunkt.
Auch die verantwortlichen Politiker sind frustriert, denn die «strukturellen Probleme» (so Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger) sind nicht kurzfristig lösbar, schon gar nicht bis zur nächsten Wahl (was für Volksvertreter wichtig ist).
Politiker fühlen sich machtlos, weil sie Lehrer, die ja fast alle Beamte sind, nicht zu innovativen Lehrmethoden und noch nicht einmal zu Fortbildungen zwingen können – ganz anders, als dies in der Wirtschaft der Fall ist. Wenn Lehrer nicht wollen, brauchen sie jahrzehntelang keine einzige Fortbildung zu besuchen – und nichts passiert.
Gerne wird dann auf die Kultusministerkonferenz verwiesen: Weil dort alles von allen sechzehn Bundesländern einstimmig beschlossen werden muss, könne es ja nicht vorangehen. Doch dies ist nicht zutreffend, denn die Kultusministerkonferenz hat kaum echte Kompetenzen, und so ist jedes Bundesland für seinen eigenen Misserfolg verantwortlich. Die großen qualitativen Unterschiede zwischen Sachsen und Bayern auf dem Siegertreppchen und den Schlusslichtern Nordrhein-Westfalen, Bremen und Berlin zeigen brutal deutlich, dass man Schule auch in Deutschland besser machen kann.
Allerdings kann von der Kultusministerkonferenz nichts Hilfreiches erwartet werden: Eine Studie des Schweizer Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos analysierte Ende 2023 schonungslos, dass es dort 177 Gremien gibt, die im Jahr 2022
