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Nervenzerfetzende Spannung in den finsteren Tiefen des Weltraums vom für den Arthur C. Clarke Award nominierten Bestsellerautor David Wellington
Die Besatzung der Artemis – angeführt von Firewatch-Agentin Alexandra Petrova – hat den wütenden Angriff des Basilisken überlebt und die Weltraumblockade um Paradise-1 durchbrochen. Jetzt können sie ihre ursprüngliche Mission fortsetzen und untersuchen, warum die erste Weltraumkolonie der Erde verstummt ist. Die Antwort scheint offensichtlich: Der Ort ist verlassen. Zumindest glauben sie das. Bis sie feststellen, dass einige der Kolonisten noch da sind … aber sie sind keine Menschen mehr. Petrova und ihre Crew finden sich plötzlich in einem verzweifelten Überlebenskampf wieder, während sie versuchen, das Geheimnis um die Kolonie zu lüften. Wenn sie scheitern, wird die Finsternis, die sich über Paradise-1 gelegt hat, sie alle verschlingen.
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Seitenzahl: 710
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die Besatzung der Artemis – angeführt von Firewatch-Agentin Alexandra Petrova – hat den wütenden Angriff des Basilisken überlebt und die Weltraumblockade um Paradise-1 durchbrochen. Jetzt können sie ihre ursprüngliche Mission fortsetzen und untersuchen, warum die erste Weltraumkolonie der Erde verstummt ist. Die Antwort scheint offensichtlich: Der Ort ist verlassen. Zumindest glauben sie das. Bis sie feststellen, dass einige der Kolonisten noch da sind – aber sie sind keine Menschen mehr. Petrova und ihre Crew finden sich plötzlich in einem verzweifelten Überlebenskampf wieder, während sie versuchen, das Geheimnis um die Kolonie zu lüften. Wenn sie scheitern, wird die Finsternis, die sich über Paradise-1 gelegt hat, sie alle verschlingen ...
Mit Revenant X setzt David Wellington sein großes Space-Horror-Abenteuer fort, das er mit Paradise One begonnen hat.
David Wellington, geboren in Pittsburgh, Pennsylvania, hat sich mit seinen Romanen um die Vampirjägerin Laura Caxton in die Herzen der Horror- und Dark-Fantasy-Fans geschrieben. Sein Science-Fiction-Roman Die letzte Astronautin wurde für den Arthur C. Clarke Award nominiert. Wenn er nicht schreibt, arbeitet David Wellington als Archivar für die Vereinten Nationen. Der Autor lebt in New York.
David Wellington
Roman
Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Langowski
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe ist unter dem Titel Revenenant X bei Orbit erschienen.
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Deutsche Erstausgabe: 12/2025
Copyright © 2024 by David Wellington
Published by Wilhelm Heyne Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Alle Rechte vorbehalten.
Redaktion: Joern Rauser
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, GbR, München
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-33431-4V001
www.diezukunft.de
Für Gary, der einfach nicht sterben wollte
Die ersten Siedler von der Erde hatten diesen Planeten Paradise-1 genannt. Alexandra Petrowa fragte sich allerdings, ob der Name scherzhaft gemeint war. Einen so erbärmlichen Ort hatte sie noch nie gesehen – sogar die atmosphärenlosen Jupitermonde strotzten vergleichsweise vor Leben. Hier fauchte der ewige Wind durch riesige Lavaröhren, die sich wie Gänge monströser Würmer durch die Berge wanden. Die wenigen stachligen Pflanzen, die zwischen den dunklen Felsen wuchsen, reckten sich mürrisch und geschunden dem grellen Sonnenlicht entgegen, das eine falsche Farbe hatte. Petrowa lief rasch durch die Hauptstadt der Kolonie, eigentlich war es nur eine Ansammlung von Fertigbauten und Wohnhäusern, die auf flachem Eruptivgestein standen. Der Ort erschien so neu und gleichzeitig so armselig, dass er noch nicht einmal einen Namen hatte. Man hatte sie hergeschickt, um hier nach dem Rechten zu sehen. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, die kleine Stadt verlassen vorzufinden.
Der Reihe nach hatte sie ein Dutzend Häuser kontrolliert, viel herumgerufen und dem unablässigen Wind Fragen entgegengeschrien. Niemand hatte ihr geantwortet. Angeblich sollten hier zehntausend Menschen leben. Aber kein Einziger ließ sich blicken.
Der Ort war nicht besonders groß und einfach strukturiert. Ein gitterförmiges Straßennetz gab es, und rings um einen weiten zentralen Platz herum hatten die Bewohner Häuser, kleine Werkstätten und Lagerschuppen errichtet. Südlich des Ortes lagen die Felder, von deren Ertrag sich die Menschen ernährt hatten. Die bestellten Parzellen erinnerten eher an Gärten als an landwirtschaftlich genutzte Flächen. Alle Pflanzen waren abgestorben und lagen gelblich verfärbt, verwelkt und schlaff auf dem schwarzen Boden herum. Etwas außerhalb des Ortes befand sich auch der Landeplatz, den sie selbst angesteuert hatten. Parker hatte dort ihr winziges Shuttle heruntergebracht. Beim Eintritt in die Atmosphäre war die Hülle gerissen, darum hatten sie es nur mit knapper Not überhaupt so weit geschafft. Die Trümmer des Shuttles waren die einzigen von Menschen gemachten Dinge, die sie dort draußen sehen konnte. Dahinter gab es nur noch Hügel und enge Einschnitte, hier und dort auch einen Einschlagkrater.
Nördlich der Stadt erhoben sich hohe Berge, die öde wirkten, finster und schroff. Von diesen Gipfeln wehte der scharfe, eisige Wind herunter.
»Hallo?«, rief sie wie schon hundertmal zuvor, doch auch dieses Mal bekam sie keine Antwort.
Sie ging weiter in die Stadt hinein, vorbei an Fertighäusern und einem Gebäude, das eine Schule sein konnte. Diese Menschen hatten alles gehabt, was sie brauchten. Sie hatten sich eine einfache Welt geschaffen, in der es auszuhalten und wo eine Lebensaufgabe gewiss leicht zu finden war.
Und jetzt waren sie fort.
»Ist es das, was du sehen wolltest?«, sagte sie zu dem Ding in ihrem Kopf.
Sie war gezwungen gewesen, ein sehr unschönes Bündnis einzugehen, um überhaupt bis hierher zu gelangen. Vor gut einer Milliarde Jahren hatten Aliens einen Wächter konstruiert, der diesen Planeten abschirmen sollte, damit Menschen wie sie ihm nicht zu nahe kamen. Um auf Paradise-1 landen zu können, hatte sie diesen alten Wächter in ihren Kopf hineinlassen müssen, wo er nun wie ein Parasit hauste. Normalerweise zappelte er wie ein Wurm, der sich in dem warmen Gefängnis ihres Kopfes einrichten wollte. Normalerweise sprach er mit ihr und stellte Forderungen. Und normalerweise war er auch nicht so still.
Das war jetzt anders.
»Du wolltest hierherkommen«, flüsterte sie. Das war die Abmachung gewesen.
Sie hatte sich diesem Wesen gestellt, das außerhalb des menschlichen Vorstellungsvermögens existierte, und ihm einen Namen gegeben. Sie nannte es den Basilisken, und er hatte sie geradezu hergetrieben und sie gezwungen, diesen Ort aufzusuchen.
Nach vielen Äonen hatte sich der Wächter schließlich gelangweilt. Allmählich war er auf das, was er zu beschützen hatte, neugierig geworden. Eigentlich hätte er Petrowa töten müssen, weil sie sich diesem Ort nicht nähern durfte, er hätte sie umbringen müssen, schon weil sie es wagte, hierherzukommen. Stattdessen hatte er ihr erlaubt, weiterzuleben, damit sie beide sehen konnten, was es hier unten auf dem Planeten zu entdecken gab.
Und nun? Was auch immer er gesucht haben mochte, hier befand es sich jedenfalls nicht.
Vielleicht war der Basilisk ebenso verwirrt wie sie selbst.
Und wohin waren all die Menschen verschwunden? Sie betrat ein Haus, ging in die verlassene Küche und sah eine Kaffeekanne auf einer Warmhalteplatte. Der Kaffee war längst verdampft, und am Boden der Kanne war nur noch eine schwarze Kruste übrig geblieben. Sie stellte den Strom ab. Dann berührte sie eine Jacke, die jemand über die Lehne eines Aluminiumstuhls gehängt hatte. In großen, verschnörkelten Buchstaben stand der Name ATLAS auf dem Rücken. Dies war der Name des ersten Kolonistenschiffs gewesen, das hier eingetroffen war. Wem mochte diese Jacke gehört haben? Hatte der Besitzer sie nur kurz abgelegt und gedacht, er würde sie gleich wieder nehmen und überstreifen, einen Ärmel nach dem anderen? Sie berührte ihren geschienten linken Arm – ein Unfall auf der Reise hierher. Sie dachte an den Kolonisten, dem die Jacke gehört hatte, an dessen Arme und den Rücken unter dem Stoff der Jacke. Das Gesicht konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Wer es auch gewesen sein mochte, auch dieser Mensch war verschwunden.
Sie ging wieder auf die Straße hinaus und blickte zum Himmel hinauf. Über ihr zogen eilige Wolken vorbei, die dünner waren als jene auf der Erde. Diesen Wolken mangelte es an Feuchtigkeit. Auf diesem Planeten gab es keine Ozeane, nur ein paar große Seen und einige ausgeblutete Flüsse. Hier regnete es so gut wie nie.
Warum hatten die Siedler für ihre neue Welt ausgerechnet diesen lächerlichen Namen gewählt? Einfach nur, weil sie hier einen Neuanfang wagen konnten? Die Pioniere, die hierhergekommen waren, hatten eine große Entschlossenheit mitgebracht. Sie wollten der Menschheit eine neue Zukunft bauen. Wohin waren sie bloß verschwunden? Sie konnten doch nicht ohne triftigen Grund einfach in die Berge gerannt sein. Oder etwa doch?
»Hallo!«, rief sie, ohne zu wissen, wen sie überhaupt meinte. »Hallo! Wo seid ihr?«
Zuerst kam keine Antwort. Dann hörte sie in der Ferne einen leisen Ruf, einen schrillen Klagelaut, der nicht nach verständlichen Worten klang. Sie brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, dass es kein Kolonist war, der ihr geantwortet hatte.
Es war Zhang, mit dem sie hergekommen war.
Ihr wurde eiskalt.
Ja, diese Laute kamen von Zhang, und er schrie um sein Leben.
Petrowa rannte in die Richtung, aus der die Schreie kamen, und stellte fest, dass die Quelle ein Fertighaus war, das am Stadtrand auf den Felsen hockte. Vor die Fenster waren dicke Fensterläden aus Plastik geklappt worden, und der Eingang war geschlossen, doch im Inneren konnte sie Zhang schreien hören. Immer wieder schlug sie auf die Entriegelung der Tür ein, bis sich der Zugang endlich schwerfällig öffnete. Petrowa hatte schon einmal gesehen, wie Zhang dem Tod gerade noch entkommen war, aber so wie jetzt hatte er noch nie geschrien. Noch ehe die Tür ganz offen stand, quetschte sie sich durch den schmalen Spalt und tastete mit der unversehrten Hand nach der Pistole an der Hüfte.
Während sich ihre Augen auf das schwache Licht im Inneren des Wohnhauses einstellten, ließ sie die Mündung der Waffe hin und her wandern. Zhang war in einer Ecke zusammengebrochen und presste den Rücken an die Wand. Sein linkes Bein war bis hinauf zur Hüfte blutig, und sein Gesicht wirkte vor Entsetzen verzerrt. Er starrte etwas im Schatten auf der anderen Seite des Raumes an, das sie noch nicht erkennen konnte.
»Ich bin da«, rief sie. »Zhang! Was ist denn passiert?«
Er schüttelte den Kopf und zeigte auf die dunkle Ecke. »Aufpassen«, keuchte er. »Passen Sie … auf … es … es ist …«
Was es auch war, es sprang sie so schnell an, dass sie kaum mehr als einen annähernd menschlichen Umriss erkennen konnte. Im Nu war der Angreifer bei ihr, eine Hand griff wie eine Klaue nach der Schiene an ihrem linken Arm, eine andere näherte sich ihrem Gesicht. Der Angreifer wollte sie offenbar umwerfen und niederdrücken, doch sie zog sich rechtzeitig zurück, bis sie die Wand als Stütze im Rücken spürte und sich breitbeinig dem Kampf stellen konnte. Dafür hatte sie trainiert. Sie hatte gelernt, wie man solchen Angriffen begegnete. Die Pistole war jetzt nutzlos – wenn sie versuchte, auf das Wesen zu schießen, würde sie sich höchstens selbst verletzen. Also packte sie die Waffe fester, schlug mit ihr auf den Angreifer ein und versuchte, den Kopf zu treffen. Auf einmal packten dessen Zähne den Kragen ihres Overalls und rissen daran, als wollte ihr das Wesen die Kehle durchbeißen und hätte sie nur knapp verfehlt. Wieder und wieder schlug sie zu, doch der Angreifer reagierte nicht. Er gab keinen Laut von sich, er schnaufte nicht einmal.
Endlich zog er den Kopf zurück, und sie konnte das Gesicht erkennen. Früher mochte es einmal ein menschliches gewesen sein, doch inzwischen sah es ganz anders aus.
Die Augen waren pechschwarz, als hätten sich die Pupillen geweitet und alles andere verdrängt. Von den Augen aus verliefen schwarze Adern über die Haut, die so bleich war wie der Bauch eines Fisches. Das Wesen hatte keine Haare, und den Mund bildete ein furchtbarer Abgrund aus gezackten Stummelzähnen.
»Petrowa!«, rief Zhang. »Weichen Sie aus, ziehen Sie sich zurück!«
Ihr war klar, dass das Wesen sie gleich wieder anspringen würde, um die Zähne in ihre Wange zu schlagen oder ihr die Nase abzubeißen. Sie drehte den Kopf zur Seite und zog ein Knie hoch. So konnte sie den Angreifer auf Abstand halten und die kleine Lücke, die entstanden war, für sich nutzen. Dann trat sie so fest zu, wie es nur möglich war. Dabei rutschte sie selbst zur Seite weg, schaffte es aber immerhin, das Wesen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es taumelte zurück, fort von ihr, blieb zwar auf den Beinen, musste jedoch mit beiden Armen rudern, um das Gleichgewicht zu halten. Jetzt sah sie, dass dessen Hände ebenso zerstört waren wie der Mund. In den Enden der zermalmten Finger steckten gesplitterte Fingernägel.
Sie zögerte keine Sekunde, nahm die Waffe herum und schoss einmal, zweimal und dann noch einmal. Zwei Kugeln mitten in den Rumpf. Eine etwas nach rechts versetzt in die Stirn.
Sie hatte getroffen. Sie wusste, dass sie getroffen hatte, denn im Kopf klaffte jetzt eine schwarze Wunde. Aus dem Loch quoll allerdings kein Blut, dort wehte nur ein feiner schwarzer Staub heraus, der vor dem albtraumhaften Gesicht waberte.
»Zhang«, rief sie. »Zhang!«
»Bleiben Sie zurück«, warnte er.
Zhang hatte eine eigene Waffe, die jedoch nicht ganz zuverlässig war. Sie handelte jedoch aus eigenem Antrieb und nicht, wenn er es verlangte. Um seinen Arm schlang sich ein dichtes goldenes Geflecht – ein medizinisches Gerät, das seine Gesundheit erhalten sollte. Und tatsächlich kam er hin und wieder zu der Ansicht, dass es angebracht sei, in die Offensive zu gehen.
Ein Ausläufer und dann noch einer lösten sich von einem Arm. Sie wurden dünner, als sie den freien Raum zwischen ihm und dem Wesen überbrückten. Sie stießen so schnell vor wie zupackende Schlangen und bohrten sich tief in die wächserne Haut des Angreifers. Es gab ein Geräusch wie bei einer elektrischen Entladung, woraufhin das Wesen ruckte und sich verkrampfte und den Kopf extrem verdrehte. Wie ein nasser Sack ging es zu Boden, nur die Füße zuckten noch auf dem Boden des Raums.
Nicht zum ersten Mal fragte sich Petrowa, wo ihre Vorgesetzten eigentlich so ein Gerät gefunden hatten. Es war mit Fähigkeiten ausgestattet, die sie bisher noch nie bei einem Implantat gesehen hatte. In einer Situation wie dieser, wenn es sie vor dem sicheren Tod rettete, wollte sie sich aber keine weiteren Gedanken dazu machen.
Die goldenen Schlangen zogen sich zurück und wickelten sich um Zhangs Arm, als sei nichts weiter geschehen. Er richtete sich an der Wand auf, bis er stand, und starrte das Wesen am Boden benommen an.
Der Angreifer erholte sich bereits von dem elektrischen Schlag, der ihn gelähmt hatte, und kam auf die Knie hoch. Das Gesicht verriet keinen Schmerz, und nicht einmal die Schusswunde im Schädel schien ihn zu stören.
Petrowa sah sich um. Wenn Kugeln nicht halfen, brauchte sie eine andere Waffe. Sie entdeckte einen Klappstuhl mit Metallbeinen. Mit der unversehrten Hand hob sie ihn hoch, wog ihn kurz und schlug dann mit aller Kraft zu. Beim ersten Mal prallten die Stuhlbeine mit lautem Krachen auf den Boden. Der Aufprall erschütterte ihren Arm bis in die Schulter. Sie knirschte mit den Zähnen, schlug noch einmal zu – und jetzt traf sie. Ein Stuhlbein drang tief in den Schädel des knienden Wesens ein. Wieder und wieder schlug sie zu, bis aus den Trümmern, die der Kopf gewesen waren, schwarzer Staub hervorstob. Sie schlug so lange weiter, bis sie absolut sicher war, dass dieser Gegner nie mehr aufstehen würde.
»Kommen Sie mit«, sagte sie schließlich und ließ den Stuhl klappernd auf den Boden fallen. Sie packte Zhang und zerrte ihn zum Ausgang. Er konnte den Blick nicht von dem zerstörten Körper des Angreifers wenden. »Kommen Sie«, drängte sie lauter und zerrte ihn durch die Tür hinaus ins Tageslicht.
Sobald sie draußen waren, drückte sie auf die Schaltfläche und ließ die Tür zugleiten. Dann standen sie schweigend auf dem felsigen Boden von Paradise-1 und versuchten, wieder zu Atem zu kommen.
Sie waren erst vor weniger als einer Stunde auf dem Planeten eingetroffen.
Zhang wirkte immer noch benommen. Die Beinwunde – den Biss – spürte er kaum, doch er wusste nicht recht, wo er sich befand.
»Parker. Rapscallion. Meldet euch«, sagte Petrowa. »Leute, redet mit mir. Zhang ist verletzt. Meldet euch!« Zhang begriff, dass sie das Funkgerät benutzte. Die anderen beiden Crewmitglieder konnte er nirgendwo sehen. Er bemühte sich, die Umgebung zu erfassen. Petrowa hatte ihm die Schulter unter die Achsel gestemmt und zerrte ihn über einen breiten, offenen Platz im Zentrum der Kleinstadt. Er wollte sie ansehen und etwas sagen. Etwas Wichtiges. Er leckte sich über die Lippen und versuchte, die Worte herauszubringen.
»Konzentrieren Sie sich«, ermahnte sie ihn. »Reden Sie mit mir. Haben Sie einen Schock?«
Ein Schock? Ja, er litt wohl unter einem Schock. Doch es stand ihr nicht zu, eine solche Frage zu stellen. Er war doch der Schiffsarzt. Jedenfalls war er einmal Arzt gewesen. In der letzten Zeit bedeutete dies aber nur noch, dass er Menschen beim Sterben zusehen durfte. So viele Menschen waren … schon gestorben.
»Zhang!«, rief sie und griff nach dem goldenen RK an seinem Arm. Das Gerät zog sich vor ihrer Berührung zurück. »Du da, du Apparat! Gib ihm etwas. Hol ihn da raus«, drängte sie.
Sie sollte es doch besser wissen, dachte Zhang. Der Rektifikator besaß eine beschränkte künstliche Intelligenz, was vor allem bedeutete, dass er einen eigenen Willen hatte. Er handelte, wenn er es für richtig hielt, und niemand konnte ihn dazu bewegen …
Eine goldene Schlange löste sich von seinem Handgelenk. Der Ausläufer verjüngte sich zu einer dünnen Spitze und stach ihn in die Kopfader an der Außenseite des Oberarms. Als er den Einstich spürte, keuchte er, und dann gleich noch einmal, als sich in seinem Kopf alles drehte und frischer Sauerstoff in sein Gehirn strömte. Hatte ihm das Gerät ein Mittel gegeben, das die Blutgefäße erweiterte? Er kniff sich in den Nasenrücken.
Auf einmal tat sein Bein weh. Gleich danach schmerzte es schrecklich.
»O nein«, keuchte er. »Nein. Nein, nein, nein. Petrowa …«
»Ich bin da, ich kann Sie stützen.«
Er nickte und bemerkte, dass er inzwischen auf der Schotterstraße saß. Von dort aus blickte er zu den dunklen Steinhäusern und den Fertigbauten auf. »Ich muss … ich muss das flicken«, sagte er. Das Bein blutete noch. Sogar stark, wenngleich nicht stark genug, um ihn rasch zu töten. Sie hatte ihm eine Aderpresse um den Oberschenkel gelegt – wann hatte sie das eigentlich getan? Er konnte sich nicht erinnern, erkannte aber immerhin, dass sie es nicht richtig gemacht hatte. Laien ohne medizinische Ausbildung legten Aderpressen meist nicht fest genug an. Man musste alle Blutgefäße abschnüren, weil man den Patienten sonst nur ungeheure Schmerzen zufügte. »Ich muss mir die Wunde ansehen und sie vielleicht auch nähen. Hier gibt es doch eine kleine Klinik. Wo ist sie? Als wir durch die Stadt gelaufen sind, habe ich sie bemerkt.«
Sie nickte. »Ich habe sie auch gesehen. Sie muss gleich da drüben stehen.« Petrowa zeigte in die entsprechende Richtung, doch er drehte sich nicht um. »Können Sie überhaupt gehen?«
»Ich glaube schon. Anscheinend sind keine Knochen gebrochen.« Er rappelte sich auf. Er zitterte, konnte aber aufrecht stehen. »Helfen Sie mir, ja?«
»Ich bin da«, wiederholte sie, während sie den humpelnden Mann stützte. Es tat weh, wenn er das verletzte Bein belastete. Er keuchte vor Schmerzen, riss sich aber zusammen und ging weiter, obwohl ihm im Overall das warme Blut über die Haut lief. Sie überquerten den Hauptplatz der Stadt, eine freie Fläche mit nackter Erde und einem Springbrunnen und einer großen Skulptur in der Mitte. Die Klinik befand sich auf der anderen Seite des Platzes. Sie half ihm durch die Tür in einen weiten Raum. Die Energieversorgung war noch intakt, und dank des Lichts war es drinnen fast so hell wie draußen auf dem Platz. Direkt hinter dem Eingang stand ein Behandlungstisch.
»Da wären wir.« Sie half ihm, auf die Liege zu klettern. Sofort fuhr ein Roboterarm von der Decke herunter und scannte ihn.
Er schüttelte den Kopf. »Petrowa, es kam wie aus dem Nichts. Es … hat mich einfach angefallen, und …«
Der Roboter hatte den Scan beendet. »Hallo. Willkommen in der Klinik. Anscheinend haben Sie sich geschnitten. Haben Sie Schmerzen?«
Zhang hatte schon oft mit solchen Robotern gearbeitet. »Umschalten auf Behandlungsmodus«, sagte er. »Beurteile die Verletzung. Muss sie genäht werden? Führe außerdem eine vollständige Untersuchung auf bakterielle und virale Infektionen, fremde Proteine und tierische Gifte durch.« Er drehte sich zu Petrowa um.
Erst jetzt sah er, wie verängstigt sie aussah. Sie machte sich Sorgen um ihn. Sie war beunruhigt, weil er verletzt war. Wider Willen lächelte er. Vor einiger Zeit hatten sie sich mal nicht sehr gut verstanden. Anfangs hatten sie sogar eine Abneigung gegeneinander gehegt.
Das schien jetzt aber schon sehr lange her zu sein. Nun waren sie wieder ein Team.
»Dieses Wesen, das mich gebissen hat«, setzte er abermals an. »Was ist Ihnen daran aufgefallen? Wie viel haben Sie gesehen?«
Sie wandte sich ab und tippte sich auf die Handfläche, um das implantierte Kommunikationsgerät zu aktivieren. »Rapscallion? Parker? Wo steckt ihr? Zhang ist verletzt. Kommt zur Klinik im Stadtzentrum. Meldet eure Positionen.«
»He«, sagte Zhang. »Hören Sie, dieses Biest, das mich angegriffen hat, das war …«
»Eine Art Alien«, behauptete sie, schüttelte dann den Kopf und starrte die Wand hinter ihm an. Sie mied den Blickkontakt. Er glaubte, den Grund zu kennen.
Der Roboter schnitt das Bein des Overalls mit einem Laser auf und hob mit einer mechanischen Pinzette vorsichtig den Stoff hoch. So konnte auch Zhang die Wunde endlich begutachten. Es sah nach einer klassischen Bissverletzung aus, eine tiefe Fleischwunde mit einem halbkreisförmigen Umriss. Der Angreifer hatte ein großes Stück Haut und einen Teil des Fettgewebes darunter abgerissen. Nun zeigte sich dort eine Grube voll von hellem, brodelndem Blut.
»Verletzung eingeschätzt. Empfehle Laserkauterisation und Sterilisierung des betroffenen Bereichs. Soll ich Schmerzmittel verabreichen?«
Er betrachtete den RK am Arm. Das Gerät hätte ihm seit der Verletzung jederzeit Schmerzmittel geben können. Das hatte es aber nicht getan. Stattdessen hatte es ihm etwas gegeben, um ihn zu wecken und aus dem Schock zu reißen. Womöglich konnte zwischen den Schmerzmitteln und dem Anregungsmittel eine negative Wechselwirkung entstehen.
»Nein«, antwortete er. »Fang einfach an.«
Als ein grüner Lichtstrahl über das misshandelte Bein wanderte, knirschte Zhang mit den Zähnen. Dann packte er die Kante des Behandlungstischs so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Schließlich konnte er sich nicht mehr beherrschen und schrie vor Schmerzen auf.
Petrowa legte die Hand auf seine Schulter und drückte. Vielleicht half ihm das. Ein wenig.
Als er wieder atmen konnte, zog er sie an der Hand herum, bis er sie ansehen konnte. Jetzt stellte er den Blickkontakt her.
»Ich glaube, das Ding, das mich angegriffen hat …«, begann er. »Das war kein …«
Mitten in dem Raum blitzte ein helles Licht auf, und auf einmal stand dort Sam Parker. Sam Parker, der Pilot, der sie hergebracht hatte. Sam Parker, der jetzt nur noch ein holografisches Gespenst war.
Er eilte zum Behandlungstisch und versuchte, das übliche Grinsen aufzusetzen. Normalerweise gab es nichts, was dieses Grinsen vertreiben konnte. Jetzt war es nur noch ein schlechter Abklatsch seiner gewohnten Miene. »Wie geht es ihm?«, fragte er.
Er hatte sich an Petrowa gewandt. Sie hob den Kopf und sah ihn achselzuckend an. »Gut. Wo steckt Rapscallion?«
»Er ist noch unterwegs«, berichtete Parker. »Ich dachte, es geht schneller, wenn ich mich über das öffentliche Netzwerk einfach hierher übertrage.«
Früher hatte es einmal einen Menschen namens Parker gegeben, doch dieser Mann war auf dem Weg nach Paradise-1 gestorben. Ihr Schiff, die Artemis, hatte dann beschlossen, ihn wiederauferstehen zu lassen. Es besaß eine vollständige Aufzeichnung seiner Persönlichkeit und seiner Erinnerungen vor dem Tod und hatte eine künstliche Intelligenz geschaffen, die sich für Sam Parker hielt. Das Hologramm war die gelungenste Nachbildung seines früheren Körpers, die es erzeugen konnte.
»Sind Sie wirklich dazu imstande?«, fragte Zhang. »Können Sie sich einfach so herumschicken?«
Parker blies die Backen auf. »Es gefällt mir nicht, aber ja, ich kann in jedem Computersystem existieren, das groß genug ist, um mich aufzunehmen. Dieses lokale System hat reichlich Platz. Meine Güte, Mann, was ist denn bloß passiert? Haben Sie einen tollwütigen Hund geärgert?«
Zhangs Blick wanderte zu der Wunde am Bein. Sie war hellrot, und wo der Laser die Haut zusammengeschweißt hatte, war eine Schwellung zu erkennen. »So hat es sich angefühlt. Aber es war …«
»Ein Alien«, warf Petrowa viel zu schnell ein. »Irgendetwas. Eine Art …«
»Ein Alien.« Parker suchte ihren Blick. »Wie der in deinem Kopf?«
»Nein, ganz anders.«
Die Tür der Klinik, eigentlich eher eine Luke, glitt seufzend auf und ließ eine große Gestalt aus hellgrünem Plastik eintreten. Rapscallion. Der Roboter benutzte momentan einen Körper, der annähernd menschlich aussah. Mithilfe eines 3D-Druckers hatte er sich sogar ein menschliches Gesicht gegönnt, eine Art Maske, die vorne am Kopf befestigt war, etwas schief allerdings.
»Habe ich etwas verpasst?« Hinter sich schloss er die Tür.
»Zhang wurde von einem Alien angegriffen, aber es war nicht die Art Alien, an die du vielleicht denkst«, erklärte Parker.
»Sie haben keine Ahnung, woran ich denke«, erwiderte Rapscallion.
»Dann wären wir also wieder alle beisammen.« Zhang seufzte leise. »Petrowa, wir müssen unbedingt darüber reden. Über dieses Wesen, was es auch gewesen sein mag.«
Sie zögerte mit der Antwort. Sie war abgelenkt, weil sie gerade durch ein Fenster der Klinik die Straße beobachtete. Schließlich hob sie die unversehrte Hand und wedelte in der Luft herum, als wollte sie ihn um Geduld bitten. Ja, sie mussten reden, sagte die Geste.
Aber nicht gerade jetzt.
Sie scannten die gesamte Siedlung. Parker konnte keinerlei Bewegung entdecken, keinen Hinweis darauf, dass das Wesen, das Zhang angegriffen hatte, nicht allein gewesen war. »Vielleicht gibt es nur diesen einen«, überlegte er. »Nur diesen einen Alien.«
Petrowa schüttelte den Kopf. »Vielleicht.« Dann zuckte sie gereizt mit den Achseln. »Na gut, vielleicht. Aber falls da doch noch mehr sind, müssen wir bereit sein. Wir sollten uns weiter umsehen.«
Parker erzeugte drei zusätzliche holografische Displays. Die rechteckigen hellen Flächen erschienen vor ihr in der Luft und zeigten die Feeds verschiedener Kameras in der Stadt. Der Hauptplatz war verlassen. Dort rührte sich nichts, der Wind wehte nicht einmal den Staub hoch. Ein anderer Bildschirm zeigte den Stadtrand im Schatten der Berge. Dort verlief eine lange Straße, an der im Abstand von jeweils fünfzig Metern Laternen standen. Sie betrachtete die aufgereihten Lagerhäuser und die Werkstätten mit den großen Rolltoren. Auch dort rührte sich bis auf ein Stück Müll nichts, anscheinend war es zerknülltes Verpackungsmaterial, das vom Wind getrieben über die Straße rollte. Die dritte Kamera zeigte einen Ausblick vom Dach der Hauptverwaltung, dem höchsten Gebäude in der Stadt. Von dort oben konnte die Kamera einen großen Bereich der Fertigbauten an den exakt rechtwinklig angelegten schmalen Straßen überwachen. Einige Haustüren standen offen, die Läden waren hochgezogen. Andere wirkten, als seien sie versperrt und verriegelt worden.
Auch hier bewegte sich nichts, absolut nichts.
»Keine Kolonisten, keine Aliens«, sagte er. »Warum bist du nicht erleichtert?«
»Weil ich es immer noch nicht ganz glauben kann. Ein einziger Alien kann doch unmöglich …« Sie hielt inne und sah ihn an, als fragte sie sich, ob sie ihm wirklich zumuten konnte, was sie sagen wollte.
»Sprich weiter«, sagte er.
»Hier haben zehntausend Menschen gelebt, bis sie den Kontakt mit der Erde abgebrochen haben. In diesem Ort hat es also zehntausend Menschen gegeben. Jetzt sind sie alle fort. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie alle an einem einzigen Tag eingesammelt und fortgeschafft wurden. Ich nehme aber an, alle sind tot.«
»Mein Gott«, sagte Parker.
»Wir haben die halbe Stadt abgesucht und nur eines dieser Wesen und keinen einzigen Kolonisten gefunden. Wie viele Kameras gibt es? Wie viele haben wir bisher benutzt?«
»Es gibt … dreihundertzwölf«, sagte er. »Wir haben bisher neunundzwanzig kontrolliert.« Um dies festzustellen, musste er nicht einmal auf einem Bildschirm nachsehen. Parker saß nicht wirklich neben ihr. Eigentlich steckte er im Computersystem der Klinik. Es fühlte sich an, als hätte er eine unsichtbare Hand ausgestreckt und sich die Zahl geholt. »Hast du vor, sie alle zu überprüfen? Es geht schneller, wenn du es mich oder Rapscallion erledigen lässt.«
Er rechnete damit, dass sie alles mit eigenen Augen sehen wollte. Früher hatte sie auch immer alles selbst getan, als traute sie niemandem zu, es richtig zu machen. Aber inzwischen hatte sie sich verändert. Die Alexandra Petrowa, die für diese Mission eingeteilt worden war, hatte beweisen wollen, dass sie mehr als nur die Tochter ihrer Mutter und dieser Aufgabe tatsächlich gewachsen war. Es fühlte sich an, als sei das sehr lange her. Er hatte beobachtet, wie sie sich zu einer Anführerin entwickelt und gelernt hatte, Dinge zu delegieren.
»Das soll der Roboter übernehmen«, entschied sie.
Rapscallion hob eine Hand, um ihr zu zeigen, dass er sich darum kümmern würde.
Parker sah ihr nach, als sie zu der Liege ging, wo Zhang ruhte. Das Ding an seinem Arm hatte ihm endlich ein Schmerzmittel gegeben, und danach war er sofort eingeschlafen. Sachte, um ihn nicht zu wecken, berührte ihn Petrowa an der Schulter.
»Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?«, fragte Parker.
Sie runzelte die Stirn. »Haben wir überhaupt Proviant? Wir hatten doch gar nichts mitgenommen.«
Das traf zu. Sie hatten nicht viel Zeit gehabt, ihren Flug hinunter nach Paradise-1 vorzubereiten. Parker hatte ein gestohlenes Shuttle gesteuert, das die Landung nicht überstand. Im Grunde besaßen sie nur die Kleidung, die sie am Leib trugen.
Erbost seufzte sie und fuhr sich mit den Fingern durch das dichte blonde Haar. »Noch ein Problem, um das wir uns kümmern müssen. Zhang und ich brauchen etwas zu essen. Außerdem Wasser und …«
»Komm mit«, sagte er. Er nahm ihre Hand und führte sie die Treppe in den ersten Stock hinauf. Dort befanden sich überwiegend Privatzimmer für die langfristige Pflege von Patienten. Luxuriös konnte man sie zwar nicht nennen, aber hier oben hatten sie zumindest ein wenig Privatsphäre. Es gab sogar eine kleine Küche, da die Patienten, die eine Weile hierblieben, versorgt werden mussten. Die frischen Lebensmittel waren verdorben, es gab aber noch einige Schachteln mit haltbarer Nudelsuppe und Brühe. Er riss den Deckel von einem Becher Ramen ab, und die eingebaute kleine Heizung wärmte das Essen auf, bis es blubberte. Er rührte die Würze aus dem beigelegten Beutel mit einem Löffel hinein und gab ihr den Becher.
Sie betrachtete erst die Nudeln, dann seine Hände und schien überrascht. »Wie kannst du … hartes Licht?«, fragte sie.
Er grinste. Ihm war klar, warum sie so reagierte. Als Hologramm hätte er den Plastiklöffel nicht benutzen können, und seine Hand wäre durch ihre hindurchgeglitten. Das war hier aber anders. Hier gab es in der Decke besondere holografische Projektoren, die es ihm erlaubten, künstliche Schwerkraftstrahlen zu benutzen, sodass er in der Lage war, Dinge zu berühren und zu bewegen. Wenn er ehrlich war, fühlte es sich großartig an, wieder etwas berühren zu können. Auf der Artemis hatte es ähnliche Hartlichtprojektoren gegeben, doch seit das Schiff zerstört worden war, hatte er sich nur noch wie ein körperloser Geist bewegt. Nachdem er diese Projektoren entdeckt hatte, fühlte er sich beinahe, als sei er von den Toten auferstanden.
Er konnte wieder etwas berühren. Er konnte die Menschen berühren, die ihm wichtig waren.
Sie stellte den Becher auf einen Tisch und schlürfte die Nudeln. Er sah zu, wie sie den Mund bewegte, und wie anmutig sie mit nur einer Hand das Essen zu sich nahm. Wie diese Nudeln wohl schmeckten? Waren sie zu heiß, zu fettig? Vielleicht war sie so hungrig, dass es keine Rolle spielte. Er erinnerte sich, wie es sich anfühlte, wenn man etwas schmecken konnte.
Während sie aß, gab sie wohlige Laute von sich. Er packte die Kante einer Anrichte und verstärkte den Druck so lange, bis das Material knirschte. Anscheinend hatte sie es nicht bemerkt.
»Oh, wie ich das vermisst habe«, sagte sie, stellte den Löffel in den leeren Becher und schob ihn weg.
»Ich auch«, sagte er.
»Ich meinte die Pause. Einen Augenblick, in dem gerade mal niemand versucht, mich umzubringen. Wenn ich einmal dazu gekommen bin, mich nur kurz hinzusetzen, ist gleich danach immer irgendetwas Schreckliches passiert.«
Parker zog den Kopf ein und blickte nach oben, als hätte er Angst, dass die Decke einbrach. Als nichts geschah, lachten sie beide.
»Gut«, sagte sie. »Wir müssen uns jetzt überlegen, wie wir weiter vorgehen. Eigentlich wollte ich nach der Landung mit den Kolonisten Kontakt aufnehmen und mir von ihnen erklären lassen, womit wir es zu tun haben. Das scheidet jetzt aus, also müssen wir unsere Probleme selbst lösen. Wie üblich. Wenn es noch eine Netzwerkverbindung gibt, könnten wir eine Nachricht an die Brandwache schicken und sie bitten, uns herauszuholen, was allerdings eine Weile dauern würde. Wie lange? Mehrere Wochen?«
»Zwei Monate«, antwortete Parker. Eher konnte auch das schnellste Schiff im Sonnensystem nicht hier eintreffen. »Ist das nicht gefährlich? Wird der Basilisk nicht jeden angreifen, der sich dem Planeten nähert?«
»Nicht mehr«, antwortete sie.
»Bist du sicher?«
Sie spannte den Unterkiefer so stark an, dass er es sehen konnte. Dann knirschte sie mit den Zähnen. Sprach sie gerade mit dem Parasiten in ihrem Kopf? Er verstand nicht, was da eigentlich vor sich ging.
»Solange der Basilisk bekommt, was er will, lässt er uns in Ruhe«, erklärte sie. »Das bedeutet aber auch, dass wir hier auf dem Planeten einiges zu tun haben. Wir können uns nicht einfach verkriechen und warten, bis das Rettungsschiff kommt. Auch Direktorin Lang wird sicher die Antworten auf einige Fragen verlangen. Hoffentlich finden wir in den zwei Monaten ein paar Dinge heraus, mit denen sie zufrieden ist. Vorausgesetzt, wir leben so lange.« Sie tippte sich auf die Handfläche und verband sich mit Rapscallion. »Wie läuft der Scan der Kameras?«, fragte sie.
»Oh, den hatte ich schon drei Sekunden nachdem Sie mir den Auftrag erteilt haben, abgeschlossen«, antwortete der Roboter. »Ich habe nichts gefunden. Deshalb habe ich die gespeicherten Aufnahmen der Kameras aufgerufen, weil ich dachte, dass sich dort vielleicht etwas finden könnte. Was ich gefunden habe, wird Sie überraschen.«
Petrowa zog eine Augenbraue hoch und sah Parker an.
Der Geist konnte nur mit den Achseln zucken.
Rapscallion spielte das Video zum dritten Mal ab, weil die beiden ersten Durchläufe anscheinend nicht ausgereicht hatten, um es zu erklären. Es war direkt dort in der Ecke des Bildschirms zu sehen. Achteten die Menschen denn überhaupt nicht auf die Metadaten?
»Der Zeitstempel«, sagte er.
Die Menschen beugten sich vor, als müssten sie dem Display äußerst nahe kommen, um die blinkenden Ziffern zu erkennen.
Die Aufnahme zeigte viele Menschen, die auf dem Hauptplatz des Ortes umherliefen. An dem Ort, wo zum ersten Mal ein Mensch den Fuß auf Paradise-1 gesetzt hatte, war eine Statue errichtet worden. Sie stand mitten in einem hübschen, aber einfach angelegten Springbrunnen. Offensichtlich kamen die Kolonisten an warmen Tagen gern hierher, um ihr Essen zu verzehren oder sich mit Freunden zu treffen und zu plaudern. In der Ferne konnte Rapscallion eine andere Gruppe von Siedlern erkennen, die eine Art rhythmische Fitnessübungen machten. Das Video lief weiter und zeigte eine Horde Kinder, die durch das Bild rannten. Offensichtlich spielten sie etwas, tippten sich gegenseitig auf die Schulter und rannten wieder weg. Es war reizend und sah ganz danach aus, als seien die Menschen glücklich und gesund.
Parker und Petrowa starrten den Bildschirm an, als hätten sie noch nie ein Video gesehen.
Zhang stemmte sich mühsam auf der Liege hoch. Seine Augen waren halb geschlossen, und er bewegte sich schwerfällig, aber er war wach. »Das Datum«, sagte er.
Natürlich war Zhang der Erste, der es begriff.
Rapscallion nickte erfreut. »Genau.«
Finster starrte Petrowa den Bildschirm an. »Das Video ist vierzehn Monate alt. Kurz bevor die Kolonie die Kommunikation mit der Erde eingestellt hat.« Sie wandte sich an Rapscallion. »Das verstehe ich nicht. Warum zeigst du es uns?«
»Weil dies die jüngste gespeicherte Aufnahme ist«, erklärte der Roboter. »Danach kommt gar nichts mehr. Kein einziges Video.«
Parker schaltete sich ein. »Wie kann das sein? Wir haben doch gerade die Feeds der Kameras gesehen. Sie funktionieren einwandfrei.«
»Das sind Livebilder«, wandte Rapscallion ein. Er ließ das Video weiterlaufen, bis es von selbst anhielt. Der Bildschirm wurde ohne Vorwarnung schwarz, die Aufzeichnung war beendet. »Die Kameras speichern nicht alles, was sie erfassen. Wenn man alle Kameras in der Stadt überprüft, wie ich es getan habe, stellt man fest, dass sogar keine einzige davon etwas aufzeichnet. Wenn man einer von ihnen den Befehl gibt, ältere Aufnahmen zu starten, kommt eine Fehlermeldung zurück.«
Parker öffnete ein eigenes Holodisplay und überprüfte einige Codezeilen. »Verdammt, was soll das?«, fragte er.
»Willst du mir sagen, dass vor etwas mehr als einem Jahr alle Kameras in dieser Kolonie gleichzeitig aufgehört haben, die Aufnahmen zu archivieren?«, fragte Petrowa.
»So sieht es aus. Ich glaube allerdings nicht, dass dies ein Programmierfehler oder ein Systemfehler gewesen sein kann«, antwortete Rapscallion. »Das wäre ein lächerlicher Zufall.«
»Richtig«, stimmte sie zu.
»Da war jemand ziemlich böse«, fuhr Rapscallion fort. »Und außerdem sehr gründlich. Nachdem ich dies hier gefunden hatte, habe ich andere Arten gespeicherter Daten im System gesucht. Ärztliche Aufzeichnungen, Wetterberichte, Ernteerträge. Egal was.«
»Es ist nichts mehr da.« Parker machte eine Geste in die Richtung seines Displays.
»In diesem Ort gibt es absolut keine Daten, die jünger sind als vierzehn Monate«, ergänzte Rapscallion. »Irgendjemand hat ein Programm geschrieben, das jeden Computer, jede Kamera und jeden Sensor davon abhält, irgendetwas abzuspeichern. Falls es mal Daten gab, wurden sie gelöscht. Und zwar sehr gründlich. Hier in der Klinik gibt es keinerlei medizinische Daten. Keine persönlichen Logfiles, keine Chat-Transkriptionen. Keine Benutzerlogs, keine Quittungen, keine Aktivitätsberichte oder …«
»Ich hab’s verstanden.« Petrowa hob die unversehrte Hand, um ihn zu unterbrechen. »Wir dürfen wohl annehmen, dass es dafür keine harmlose Erklärung geben wird.«
Parker schüttelte den Kopf. »Die Systeme sind dazu ausgelegt, peinlich genau alles aufzuzeichnen. Das ist sogar eine ihrer wichtigsten Funktionen. Alle Logfiles abzuschalten und die Datenbanken zu löschen … so etwas passiert nur, wenn man sich wirklich Mühe gibt. Ich meine, man muss ganz genau wissen, was man tut. Hier ist alles verschwunden – restlos.«
»Also haben sie nicht nur die Kommunikation mit der Erde abgebrochen, sondern auch dafür gesorgt, dass wir nichts erfahren, wenn wir persönlich nachsehen«, überlegte Petrowa. »Können wir klären, wer dafür verantwortlich war?«
»Wie gesagt, sie waren äußerst gründlich«, antwortete Rapscallion. »Falls ich es noch nicht deutlich genug formuliert habe, die Antwort lautet Nein. Sie haben sich sogar selbst aus dem System gelöscht. Es gibt nicht einmal einen digitalen Fingerabdruck.«
Petrowa beugte sich auf ihrem Stuhl vor und stützte die Stirn auf die gesunde Hand. »Was ist hier los? Jedes Mal, wenn ich denke, ich habe etwas begriffen …«
Parker streckte die Hand aus und strich ihr über den Rücken.
Zhang hatte sich auf dem Bett ganz aufgerichtet. Er warf Rapscallion einen fragenden Blick zu und nickte in Parkers und Petrowas Richtung, als müsste der Roboter instinktiv verstehen, was zwischen dem Geist und ihrer Anführerin vor sich ging.
Petrowa sah ihn an.
Rapscallion zuckte mit den Achseln. »Also, es scheint so gut wie hoffnungslos zu sein. Eine Möglichkeit gibt es allerdings noch. Informationen mögen es nämlich nicht, wenn man sie zerstört. Selbst wenn man eine Datenbank löscht, und sogar wenn man dabei sehr, sehr sorgfältig vorgeht, bleibt immer irgendetwas zurück. Es gibt ein paar Sektoren, die nur teilweise überschrieben sind. Die Daten sind in physischen Servern abgelegt. Natürlich sind es nur nackte Einsen und Nullen. Es wird schwierig, das zu verarbeiten, und ich kann auch nicht versprechen, dass etwas Lesbares herauskommt, selbst wenn ich es durch einen Entschlüsselungsalgorithmus laufen lasse, aber …«
»Jede Kleinigkeit hilft«, sagte sie. »Verschaff mir alles, was du kannst.«
»Alles klar, bin schon dabei«, sagte er. »Parker, Sie könnten mir dabei helfen.«
Das Hologramm nickte. »Gern.«
»Wie lange?«, fragte Petrowa. »Bis ihr etwas habt, meine ich?«
Rapscallion schätzte, dass es einen Tag dauern würde, bis er entscheiden konnte, ob er auf etwas Brauchbares gestoßen war. »Wir melden uns.«
»Schön«, sagte Petrowa. »Inzwischen gibt es bestimmt noch etwas anderes, das wir tun können. Ich habe den Eindruck, dass wir einige Hinweise haben, die wir nur noch richtig zusammenfügen müssen.«
»Dabei kann ich helfen«, bot Zhang an. »Wenn Sie das wollen.«
Alle sahen ihn an.
»Das Wesen, das mich angegriffen hat – die Leiche liegt noch dort drüben.«
Petrowa lächelte angespannt. Dieses Lächeln hatte Rapscallion schon einmal gesehen. Er unterhielt eine Datenbank mit Gesichtsausdrücken, und dieser hier bedeutete, dass sie Zhang gleich auffallend höflich sagen würde, wo er sie mal konnte.
»Ich könnte die Leiche untersuchen«, fügte Zhang hinzu.
»Sie wollen eine Autopsie durchführen«, sagte Petrowa. Die Anspannung hatte nicht nachgelassen.
»Vielleicht eher eine vollständige Obduktion«, antwortete der Arzt aufgeregt. Anscheinend war die Wirkung der Beruhigungsmittel abgeklungen.
»Es wäre gefährlich, die Leiche zu holen«, wandte Petrowa ein. »Ich bin nicht sicher …«
»Das könnte ich übernehmen«, schlug Rapscallion vor. Er freute sich, wenn er helfen konnte.
»Was?« Petrowa legte den Kopf schief. »Nein. Du arbeitest schon an der Datenrettung.«
»Oh, ich kann beides gleichzeitig tun. Lassen Sie mich die Leiche holen. Es wird nicht lange dauern.«
Zhang räusperte sich. »Wir müssen uns den Tatsachen stellen«, erklärte er. »Wir müssen akzeptieren, was wir beide gesehen haben.«
Rapscallion fragte sich, was dies zu bedeuten hatte.
»Gut«, lenkte Petrowa ein. »Dann hol die Leiche, aber sei vorsichtig.«
»Ich gehe mit«, sagte Parker. »Ein zweites Paar Augen kann nicht schaden.«
»Gut«, sagte sie noch einmal, jetzt an den Geist gewandt. »Aber … kommt wieder zurück, ja? Alle beide.«
»Wir müssen unsere Vorräte im Auge behalten«, sagte Parker, als sie auf den Hauptplatz hinaustraten. »Das Wasser können wir uns möglicherweise aus dem Brunnen holen.« Er ging zu dem Becken hinüber, das vor der Statue stand. Dabei musste er daran denken, wie dieser Platz im Video ausgesehen hatte. Voller Menschen, die Sonne hatte geschienen.
Im Video hatte auch das Monument äußerst beeindruckend gewirkt, viel zu mächtig für eine so kleine Stadt. Offensichtlich sollte es ein Symbol für die künftige Größe dieser neu besiedelten Welt sein. Es stellte einen übergroßen Menschen dar, der einen von abstrahierten Wolken umgebenen Planeten in der Hand hielt. Die Statue hatte ein Versprechen sein sollen.
Als er jetzt direkt davorstand, kam sie ihm eher wie ein Grabstein vor. Das Becken davor war voll von stinkendem, öligem Schaum. Parker wollte einen Finger in den Dreck stecken, doch der glitt natürlich ohne Widerstand einfach hindurch. Hier draußen, weit entfernt von den Hartlichtprojektoren der Klinik, war er wieder ein Gespenst.
Seltsam, wie unsicher er sich damit fühlte. Im Grunde war er im Freien doch unverwundbar. Er bestand aus Licht, das man nicht vernichten konnte. Außerdem hatten sie seit dem Angriff auf Zhang keine Aliens gesehen und keine Bedrohung mehr entdeckt.
Trotzdem fühlte er sich schrecklich verletzlich. Als könnte ihm jederzeit irgendetwas zustoßen, und als müsste er mit dem Schlimmsten rechnen. Vielleicht griff auch nur Petrowas Paranoia auf ihn über. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass sie richtiglag – und sich irgendwo in der Nähe eine Horde Aliens versteckt hielt und einen Hinterhalt vorbereitete. Sie war Sicherheitsexpertin und dazu ausgebildet, nach Bedrohungen Ausschau zu halten. Nach verborgenen Gefahren. Vielleicht gingen aber auch nur die Nerven mit ihr durch.
Und möglicherweise war dies sogar der wahre Grund dafür, dass er sich so unglaublich unsicher fühlte. Es zu wissen, half ihm allerdings auch nicht weiter.
Obwohl er keine Muskeln hatte, die zum Zittern beitragen konnten, schauderte er. »Anscheinend ist der Abfluss verstopft«, sagte er. »Kannst du ihn säubern?«
Rapscallion kam herbei, beugte sich über den Rand und betrachtete das Rohr, auf das Parker zeigte. Dann griff er mit einer hellgrünen Hand hinein und zog einen Brocken Algen heraus. »Algensalat«, erklärte er und hielt Parker den Brei unter die Nase.
Parker wandte sich ab. »Mach schon. Ich fühle mich hier draußen nicht wohl.«
Anschließend verließen sie den Platz und näherten sich dem Gebäude A13. Es war nicht schwer zu finden. Zhang hatte eine Blutspur hinterlassen, die sie direkt zur Tür führte. Auf der Schwelle blieb Parker stehen, die Hand zögerte vor dem Türöffner.
»Vermutlich ist das für Sie ausgesprochen widerlich, oder?«, fragte Rapscallion.
»Ich kann nicht …« Parker schloss die Augen und tat so, als müsste er tief durchatmen. »Ich kann nichts berühren.«
»Das müssen Sie auch nicht«, antwortete der Roboter.
Parker nickte, denn das wusste er natürlich. Er schickte einen Teil seines Bewusstseins hinaus in die Software der Türsteuerung. Es war kein Problem, eine Speicherstelle von Falsch nach Wahr umzusetzen und die Tür ferngesteuert zu öffnen, als wäre er ein Bühnenzauberer. Jedes Mal, wenn er so etwas tat, fühlte er sich wie ein Trickbetrüger.
Es klickte, die Tür glitt auf.
Drinnen war es zwar recht dunkel, doch Parker konnte genug sehen. Er benutzte Rapscallions Sensoren. Die Sinne des Roboters reichten bis fast in den Infrarotbereich. Während er ins Wohnzimmer weiterging, fiel ihm auf, dass die Wände leicht zu schimmern schienen.
Er wusste nicht, was er hier vorfinden würde. Die virtuellen Muskeln in seinem Hals waren angespannt wie Drähte, und sein nicht-existierendes Herz schien zu rasen. Seiner Ansicht nach konnte sich alles Mögliche in den Ecken verbergen, unter der Spüle lauern oder an der Decke entlangkriechen. Er rechnete damit, dass ihn jederzeit etwas laut kreischend ansprang.
Aber nein.
Hier war nichts außer der Leiche. Nur das tote Wesen auf dem Boden. Die Hände sahen eigenartig aus, die Haut war viel zu bleich. Der größte Teil des Kopfes fehlte. Früher wäre Parker beim Anblick eines derartig verstümmelten Körpers vielleicht zusammengezuckt. Oben in der Umlaufbahn hatte er allerdings eine Menge gesehen. Dinge, die er nicht mehr vergessen würde.
»Weißt du noch, dass dies eine ganz angenehme, einfache Mission werden sollte?«, fragte er. »Wir sollten zwei Passagiere hierherbringen und warten, während sie eine Inspektion vornahmen. Dann sollten wir sie wieder nach Hause fliegen.«
»Man hat mich eingeteilt, um eure Wäsche zu waschen und euer Essen zuzubereiten«, antwortete Rapscallion und spielte dazu eine Audiodatei mit einem vor Lachen brüllenden Publikum aus einem Theater ab. »Diese Aussicht hat mir nicht sonderlich zugesagt. Ich habe sogar darüber nachgedacht, euch alle im Schlaf zu ermorden. Dann habe ich euch aber kennengelernt und festgestellt, dass ihr eigentlich gar nicht so übel seid.«
Parker nickte. Das hatte er zwar nicht gemeint, aber es sollte ihm recht sein.
Rapscallion hockte sich hin und packte die Leiche an den Fußgelenken, warf sie sich über die Schulter und richtete sich auf. Es sah so mühelos aus, als hätte er lediglich einen Sack mit trockenem Laub aufgehoben.
»Kein Problem«, erwiderte der Roboter. »Lassen Sie uns umkehren.«
Parker nickte und ging auf die Straße hinaus. Bisher war ihm der Wind kaum aufgefallen, aber jetzt heulte er zwischen den Häusern durch die Straße und kreischte wie eine ganze Bande von Gespenstern. Unwillkürlich zog er den Kopf ein und stemmte sich gegen den Druck. Natürlich war das völlig unnötig. Er machte eine finstere Miene und richtete sich wieder auf.
Links von ihm glitt in einem anderen Haus eine Tür auf.
Parker blieb wie angewurzelt stehen.
»Rapscallion«, sagte er.
»Ich habe es gehört.«
Parker drehte den Kopf herum. Das war die Tür der Einheit A15 gewesen. Im Inneren war es dunkel, nicht einmal mit den geborgten Sinnesorganen des Roboters konnte er etwas erkennen.
»Sollte ich … ich meine, vielleicht sollten wir …«
Rapscallion drehte sich zu ihm herum. Meist dachte Parker gar nicht mehr darüber nach, dass das Gesicht des Roboters nur eine Maske war, eine Parodie menschlicher Gesichtszüge. Das war jetzt anders.
»Vielleicht sollten wir rasch zurückkehren. Möglicherweise war es nur der Wind«, sagte Parker.
Ein Wind, der gelernt hatte, einen Türöffner zu bedienen, dachte er.
Eigentlich gab es in Parkers Nacken kein einziges Haar, so wenig wie auf den Armen. Nichts, was sich vor Angst aufrichten konnte. Eigentlich konnte er nicht wissen, ob er von unsichtbaren, glitzernden Augen beobachtet wurde. Aber genauso fühlte es sich an.
»Wir sollten es überprüfen«, sagte er. Auch wenn es das Letzte war, was er jetzt tun wollte.
Rapscallion ging zum Haus A15 hinüber und spähte durch die Tür hinein. Parkers virtueller Körper spannte sich an. Er machte sich darauf gefasst, dass der Roboter zurückzuckte, ihm zurief, dass er weglaufen sollte, oder …
Nichts.
Parker riss sich zusammen. Er musste sich keine Sorgen machen. Ihm konnte gar nichts geschehen. Er schloss die Augen und schickte einen Teil seines Bewusstseins in das Computersystem des Hauses A15. In der Decke des Hauptraums war ein Holoprojektor montiert. Er verlagerte sich in den Projektor und erschien mitten in dem Raum.
Nun stand er von Angesicht zu Angesicht vor Rapscallion. Oder besser, von Angesicht zu Maske.
Erst jetzt fiel dem Geist auf, dass Rapscallion immer noch den toten Körper auf der Schulter trug.
Parker wandte sich schaudernd ab.
In diesem Haus ließ sich nichts Ungewöhnliches entdecken. Ein Sofa aus Kunstleder mit zwei Zierkissen. An der Wand ein gerahmtes Bild, das die ehemalige Lagune von Venedig zeigte. Die Dächer waren unter dem schimmernden Wasser gerade noch zu erkennen. Es sah aus wie ein Bild aus einem Andenkenladen. Vielleicht war der Bewohner von A15 früher einmal dort gewesen.
Ein umgekippter Couchtisch war der einzige Hinweis, dass hier etwas nicht stimmte.
»Niemand da«, drängte Rapscallion schon. »Kommen Sie, wir müssen zurück.«
»Ja«, stimmte Parker zu. Er musste zugeben, dass er sehr erleichtert war. Nachdem er sich umgedreht hatte, marschierte er versehentlich mitten durch den Couchtisch. Er hatte nicht mehr an die Tatsache gedacht, dass er eigentlich Beine haben müsste. Er drehte sich um und betrachtete den Tisch. »Könntest du mir einen Gefallen tun?« Umgekippt, wie der Tisch dort lag, wirkte es einfach falsch. »Könntest du ihn aufstellen?«
Rapscallion spielte den Audioclip eines Menschen ab, der mit der Zunge schnalzte, kam aber der Bitte nach. Es war nur eine Kleinigkeit, aber danach fühlte sich Parker schon etwas besser.
Für einen Augenblick lang jedenfalls. Dann sah er den Fleck auf dem Boden, der unter dem Tisch verborgen gewesen war. Jetzt starrte er die verfärbte Stelle an. Der Fleck war alt, vertrocknet. Dunkelbraun.
»Ist das … Blut?«, fragte er.
Rapscallion machte sich nicht einmal die Mühe, den Fleck zu scannen. »Sie haben die gleichen Sensoren wie ich. Sie benutzen gerade meine Sensoren. Was sagt Ihnen die spektrografische Analyse?«
»Es ist Blut«, bestätigte Parker und rief Petrowa. »Wir haben hier etwas gefunden.«
»Das klingt, als wolltest du mir nicht verraten, um was es sich handelt.«
»Vielleicht steckt nichts weiter dahinter. Nur ein alter Blutfleck auf dem Boden. Menschliches Blut.«
»Verstehe«, antwortete sie.
»Wir kommen jetzt zurück«, ergänzte er.
Er rechnete zwar nicht mit einer Antwort, doch sie sagte: »Anscheinend müssen wir noch gründlicher nachforschen. Kommt zurück, liefert die Leiche ab, und dann sehen wir uns zu dritt noch einmal in der Stadt um.«
Das war das Letzte, was er hören wollte. Er hatte sich darauf gefreut, in die relativ sichere und bequeme Klinik zurückzukehren und vorerst dort zu bleiben. Er schloss die Augen und sammelte sich.
»Verstanden. Bis gleich.«
»Was macht der Arm?«, wollte Zhang wissen.
Petrowa starrte schon wieder zum Fenster hinaus. »Gut«, behauptete sie.
»Sie müssen wissen, dass die Klinik hier vermutlich für längere Zeit die beste medizinische Versorgung bietet, die wir überhaupt bekommen können.«
Verständnislos starrte sie ihn an. Er hatte sich einen Bürostuhl besorgt, auf dem er im Sitzen durch die Klinik rollen konnte, ohne das verletzte Bein zu belasten. Jetzt bewegte er sich zum Behandlungstisch, klopfte auf die Fläche und forderte sie auf, sich dort hinzulegen. »Wir sollten mindestens die Schiene wechseln. Die da hat schon bessere Tage gesehen.«
Sie kratzte sich unter der Armschlinge. Einen Augenblick lang war sie schon drauf und dran gewesen, ihm zu sagen, dass er sich zum Teufel scheren sollte. Dann nickte sie und folgte seiner Einladung. Er half ihr, die Schlinge über den Kopf zu ziehen, bis die aufblasbare Schiene darunter freigelegt war. Wie erwartet, sah sie schmutzig aus. Unhygienisch. »Legen Sie sich hin, und strecken Sie den Arm so flach aus, wie Sie können.«
Sie befolgte die Anweisung. Als er die Luft aus der Schiene ließ, drehte sie den Kopf zur anderen Seite.
Sanft hob er den Arm an und zog die Schiene ab. Seit der ersten Behandlung hatte er ihre Verletzung nicht mehr untersucht und machte sich nun auf das Schlimmste gefasst. Er erinnerte sich, wie ihre Hand damals ausgesehen hatte, als ein verrücktes Kolonistenschiff sie verstümmelt hatte. Es hatte die Hand zertrümmert, sämtliche Knochen gebrochen und das Gewebe zerquetscht. Der Schaden war so groß gewesen, dass er sogar daran gedacht hatte, die Hand zu amputieren. Sie waren jedoch viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, am Leben zu bleiben, und außerdem hätte Petrowa sowieso keine Zeit gehabt, sich nach einem so schweren Eingriff auszuruhen und sich zu erholen.
Als er die Hand jetzt betrachtete, fragte er sich, ob er sich richtig entschieden hatte. Der Heilungsprozess hatte gerade erst begonnen, und die Haut war violett und gelb gesprenkelt. Die Finger standen in unterschiedlichen Winkeln ab. Vermutlich waren auch einige Sehnen gerissen. Es war möglich, dass sie die Hand eines Tages wieder benutzen konnte, aber das würde Monate dauern und hochmoderne Medizintechnik voraussetzen. Nichts davon stand ihnen hier auf Paradise-1 zur Verfügung.
Er nahm eine Sonde mit einer scharfen Spitze und hielt sie über ihre Fingerkuppen. »Sagen Sie es mir, wenn es wehtut«, sagte er.
Sie nickte, ließ aber den Kopf so weit abgewandt, wie es nur möglich war.
Nacheinander tippte er mit der Sonde auf ihre Finger, auf die Knöchel und den Daumenballen. Als sie nicht reagierte, drückte er so lange, bis ein kleiner Tropfen Blut herausquoll.
»Sagen Sie Bescheid, wenn Sie beginnen?«, fragte sie.
»Schon erledigt«, antwortete er und legte die Sonde zur Seite. Er suchte steriles Verbandmaterial und wickelte es um die Hand. Mit dem 3D-Drucker der Klinik konnte er eine maßgeschneiderte Schiene herstellen, die ihre Finger besser ruhigstellte, als es der aufblasbare Behelf vermocht hatte.
Inzwischen überlegte er sich, was er hätte tun können. Er hätte Stifte in die Hand setzen können, damit die Knochen nicht gegeneinander rieben. Er hätte ein Gitternetz aus ihren eigenen Stammzellen und Knorpeln injizieren können, damit die Knochen etwas hatten, an dem entlang sie wachsen konnten. Er hätte einige Fingerglieder durch gedruckte Kalziumprothesen ersetzen und die durchtrennten Nerven durch nachgezüchteten Ersatz aus der gesunden Hand ersetzen können. Es gab so viele Möglichkeiten.
Oder besser, es hätte sie gegeben, hätten sie sich an einem zivilisierten Ort befunden. An einem Ort, wo es gute medizinische Einrichtungen gab und wo niemand sie töten wollte.
Als er die Schiene sauber verbunden hatte, fühlte er sich wie ein Höhlenmensch.
»Die Schlinge brauchen wir nicht mehr, das ist immerhin etwas«, verkündete er. »Wir können den Arm direkt am Körper fixieren, dann ist es nicht mehr so sperrig.«
»Wann kann ich die Hand wieder benutzen?«, wollte sie wissen.
Zhang befestigte das Ende des Verbands.
»Das kommt darauf an«, erwiderte er.
Sie nickte, sah ihn aber immer noch nicht an. In einem Augenwinkel hing eine Träne, sie blinzelte schnell. Er nahm einen Baumwolltupfer und wischte sie weg.
»Fast fertig«, erklärte er. Zum Abschluss sprühte er schnell härtendes Harz über den Verband, das Handgelenk und halb auch den Unterarm hinauf. Danach konnte man fast meinen, sie trüge einen dünnen blauen Handschuh. Er formte die Schiene ein wenig nach, bis es aussah, als käme am Ende des Arms eine gewöhnliche Faust. Er lehnte sich zurück, bewunderte sein Kunstwerk und lächelte. »So«, sagte er. »Sehen Sie es sich an.«
Sie rührte sich nicht.
Er blickte auf sein Gerät. »Parker und Rapscallion treffen gleich mit der Leiche ein. Bald werden wir einige Antworten finden.«
Sie nickte nicht einmal.
Unter den Hartlichtprojektoren der Klinik konnte Parker Rapscallion helfen, die Leiche auf einen Behandlungstisch zu hieven. Die Obduktion verlief erheblich weniger unappetitlich, als er sich vorgestellt hatte. Beispielsweise blutete der Tote nicht. Aus den Wunden wehte ein wenig schwarzer Staub, sobald die Leiche bewegt wurde, doch das ließ sich leicht mit einigen Schläuchen regeln, die sie längsseits der Liege anbrachten. Normalerweise wurden damit Körperflüssigkeiten abgesaugt, ehe sie auf den Boden spritzten.
Und dann folgte der Kopf, oder vielmehr das, was von ihm noch existierte. Auch da hatte Parker mit etwas Grässlichem und Klebrigem gerechnet. Petrowa hatte berichtet, sie hätte so lange darauf eingeschlagen, bis nichts mehr übrig war. Anscheinend hatte sie aber übertrieben. Der Schädel war zwar an einem Dutzend Stellen gebrochen, und die Haut war auch aufgerissen, doch der Kopf hing nach wie vor fest am Hals. Zwar schlenkerte er unschön hin und her, aber wenigstens war es kein Matsch. Parker hatte sich innerlich auf Matsch vorbereitet.
Ehrlich gesagt, die Wunden waren noch das am wenigsten Schreckliche an diesem Körper. Viel verstörender fand er die schwarzen Adern, die sich unter der Haut schlängelten, und die gebrochenen und gerissenen Fingernägel, die an böse Klauen erinnerten.
Die Augen waren geschlossen. So blieben die durchgehend schwarzen Augäpfel, die Petrowa beschrieben hatte, für ihn unsichtbar, was er sehr begrüßte.
»Wie werden Sie mit der Untersuchung beginnen?«, wollte Parker von Zhang wissen. Er hatte bereits ausreichend viele Videos über Morde und Mordermittlungen gesehen, um eine grobe Vorstellung davon zu haben, wie Autopsien vor sich gingen. »Machen Sie einen klassischen Y-Schnitt?« Das war wohl der richtige Fachbegriff. »Entnehmen Sie die Organe, um sie nacheinander zu analysieren?«
»Das ist ein Alien«, wandte Rapscallion ein. »Vielleicht wäre ein U-Schnitt besser, um den Rumpf möglichst weit zu öffnen.«
Parker war klar, dass der Roboter eine Datenbank zur menschlichen Physiologie zurate gezogen hatte. Er wusste es, weil er Rapscallions Software in Echtzeit bei der Arbeit beobachten konnte.
»Vielleicht beginnen wir mit einer äußerlichen Untersuchung«, meinte Zhang. »Oder? Ich meine, das wäre doch sinnvoll, ehe wir den Körper aufschneiden. So hat man es mir jedenfalls im Medizinstudium beigebracht. Oder gibt es da Einwände?«
Petrowa kam herüber und starrte die Leiche schweigend an. Rapscallion zog sich ein wenig zurück, damit Zhang arbeiten konnte.
Der Arzt hatte einen Overall aus Plastik mit dicken Latexhandschuhen und einem harten Plastikvisier angezogen. Er rollte langsam um die Leiche herum, hob nacheinander die Arme und ließ sie dann auf den harten Untersuchungstisch fallen, zog den Kopf hin und her, bis die gebrochenen Knochen im Nacken gegeneinander rieben und knackten.
»Ungewöhnlich bleich«, erklärte er. Rapscallion zeichnete den Vorgang selbst auf, weil die Software der Klinik alles, was Zhang bewahren wollte, gleich wieder löschen würde. »Stark hervortretende Blutgefäße mit ungewöhnlicher Färbung. Traumata an Händen und Mund. Verletzungen und Fehlstellungen der Gliedmaßen lassen auf stumpfe Gewalteinwirkung schließen, möglicherweise von einem Kampf herrührend. Entschuldigen Sie«, sagte er, woraufhin Petrowa einen Schritt zurückwich, um ihm Platz zu machen. Als er auf der anderen Seite der Liege weitermachte, kam sie wieder näher, um alles genau zu beobachten.
»Was ist das für ein Wesen, Doc?«, fragte Rapscallion.
Petrowa antwortete an dessen Stelle. »Ein Alien«, sagte sie. »Nein, warte. Das ist der falsche Begriff. Er muss hier auf Paradise-1 heimisch sein. Sie waren schon hier, als die Kolonisten eintrafen. Stimmt doch? Demnach sind wir hier die Aliens.«
»Wie sollen wir ihn nennen?«, fragte Parker. »Paradisier?«
Zhang hatte am Ende des Tischs ein Tablett mit Werkzeug bereitgestellt. Er nahm einen kleinen Bildgeber und tastete die rechte Hand der Leiche ab. »Implantat entdeckt«, meldete das Gerät. Dann entstand ein Holodisplay, das den inneren Aufbau der Hand zeigte. Die Knochen traten als dunkle Schatten hervor. Das Implantat steckte etwa an der Stelle, wo der Daumen in der Handfläche verankert war. Es war so groß wie ein Reiskorn. Parker erkannte es, weil er selbst eines besaß. So etwas bekam jeder Mensch nach dem Schulabschluss. Mit diesem Gerät konnte man Nachrichten schicken und empfangen, Dateien abspeichern, Spiele spielen und Musik hören. Er vermisste sein Gerät.
»Ich überprüfe seine Metadaten«, erklärte Zhang.
»Sind die nicht auch gelöscht, so wie alles andere?«, fragte Petrowa.
»Die persönlichen Metadaten werden bei der Implantation dauerhaft gespeichert«, sagte Zhang. »Man müsste das Gerät zerstören, um die Daten zu löschen. Hier, schauen Sie mal.«
Auf dem Holodisplay lief der Text ab:
YOSHIDA, KENJI
MECHANIKER
ALTER: 23
Zhang sah Petrowa an und zog eine Augenbraue hoch. Sie drehte sich wortlos um und ging die Treppe hinauf. Fort von ihnen, nur schnell weg von der Leiche.
Parker zögerte. Er suchte Zhangs Blick, doch der Arzt ließ sich nichts anmerken. Dann wandte er sich an Rapscallion, der die Leiche anstarrte, als hätte er gerade etwas ungeheuer Interessantes bemerkt.
Der Geist runzelte die Stirn und eilte Petrowa hinterher. Sie hatte gerade das obere Ende der Treppe erreicht und lehnte sich nun an den Türrahmen eines Patientenzimmers. Die unversehrte Hand hatte sie sich vor die Augen gelegt. »Ich will es nicht hören, Zhang«, wehrte sie ab.
»Ich bin’s doch bloß«, sagte Parker.
Sie nahm die Hand weg und schenkte ihm einen Blick, der ihm fast das Herz brach. Er nahm sie in die Arme und zog sie an sich. Fast hätte sie ihn weggestoßen, doch dann presste sie die Stirn gegen seine virtuelle Brust.
Eine lange Zeit standen sie nur da, und er hielt sie fest. Er fragte sich, wie es sich anfühlen mochte, von einem Geist gehalten zu werden. Das Hartlichtsystem konnte seinen schlaksigen Körper simulieren und den Eindruck erwecken, er sei real. Die Körperwärme eines lebendigen Menschen konnte es jedoch nicht imitieren. Und sie konnte auch sein Herz nicht schlagen hören.
