Revolution im Stillen - Fabian Brix - E-Book

Revolution im Stillen E-Book

Fabian Brix

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Beschreibung

Thomas Appner ist ausgebrannt und von jeder Perspektive beraubt worden. Das einstige Versprechen, in seiner Berufung einen Sinn für sein Leben zu finden, ist nicht aufgegangen und das Hamsterrad des Alltags hat ihn abstumpfen lassen. All das, was einst von Bedeutung für ihn gewesen war, ist zur Belanglosigkeit verkommen. Thomas muss einen Ausweg finden, weiß aber nicht wohin und will nicht aufgeben, was er sich über Jahre hinweg so mühevoll aufgebaut hat. Als er eines Tages an seinem Arbeitsplatz auf Daniel trifft, wendet sich das Blatt jedoch so unerwartet wie schlagartig. Daniel hegt große Pläne, die durch das abrupte Ende seiner Beziehung allerdings vorerst zum Erliegen gekommen sind. Beide sind sich einig, dass ein Ausstieg in ein neues Leben nur gemeinsam funktionieren kann. Doch anstatt in eine andere Stadt zu ziehen, ein anderes Land aufzusuchen oder gar zu einem anderen Kontinent aufzubrechen, ziehen sie ins Zentrum ihrer Metropole, gründen zusammen mit Christoph - einer weiteren verlorenen Seele - eine Wohngemeinschaft und erheben aus den Trümmern ihrer Verzweiflung ihre ganz eigene Definition eines sozialen Utopia; völlig befreit von all dem, was sie zuvor in Ketten gelegt hatte oder von außen auf sie zugetragen worden war. Thomas schafft es dem ständig steigenden Druck seines Arbeitgebers mit Leichtigkeit die Stirn zu bieten. Christoph kommt zunehmend mit den Dämonen seines früheren Lebens ins Reine und Daniel verschafft sich virtuellen Zugang zu einer Institution, die offiziell noch nicht einmal existieren darf. Alles verläuft glänzend, bis ein unerwarteter Zwischenfall die felsenfesten Bastionen der WG ins Wanken geraten lässt und alle drei Opfer ihres eigenen Systems werden.

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Seitenzahl: 1059

Veröffentlichungsjahr: 2021

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In Erinnerung an Eddy. Warum es dir und uns nicht vergönnt war, den ganzen Weg zu gehen, erschließt sich mir bis heute nicht.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Rotation – Thomas’ Geschichte

Bindeglied – Daniels Geschichte

Außer Kontrolle - Christophs Geschichte

Erster Part

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Zweiter Part

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Dritter Part

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Epilog

Prolog

Dünnflüssig, billig und beinahe ätzend tropfte die koffeinhaltige Flüssigkeit vom Filter in die darunter stehende Kanne der Kaffeemaschine herab. Ein Discounter-Gebräu von irgendwelchen Standards weit entfernt, nur dazu bestimmt, seinem Konsumenten ein möglichst angenehmes Aroma zum attraktivsten Preis zu bieten. Was eigentlich einem totalen Widerspruch glich, war längst im alltäglichen Morast der abgenutzten Geschmacksknospen des anwesenden Personals dieses Hauses erfolgreich angelangt. Aber was vermochte dies den jungen Beamten schon zu stören, der nach der Kanne griff und jenes abgründig riechende Gebräu in eine ebenso lieblos gestaltete Tasse goss? Kein Aufdruck, kein dämlicher Spruch, keine von resozialisierten Hilfsarbeitern angefertigten Kunstwerke, die die restlichen Tage ihres verbliebenen Daseins vermutlich mit dem ehrenwerten Lebensinhalt bestritten, Tasse für Tasse mit unsäglich abstoßenden Motiven oder Sprüchen zu verzieren. Vollkommen funktional, in schlichtem Weiß gehalten, mit Henkel und einem Volumen von gut 200 Millilitern – man wollte es mit der Freundlichkeit keineswegs sofort übertreiben. Der Beamte war ein junger Aufstrebender mit zielgerichtet nach oben geformter Frisur, aber ohne Brille. Sein Anzug war nicht mehr der neuste, obwohl er es in seiner Abteilung selbst immer noch war.

Sein Blick zeigte nur gerade aus, was das Äquivalent für seine Zielstrebigkeit hinsichtlich seines Auftretens bildete. Die Gänge des Gebäudes fielen schlicht aus und funktional – genau wie die Tasse. An einen Zweck gebunden, der Sicherung und Gewährleistung des Wohlergehens aller, die sich frei von diesen vermeintlichen Störungen voll und ganz ihrer alltäglichen Rotation hingeben durften. Mit der Tasse in der einen Hand sowie einer Aktenmappe in der anderen durchschritt er mit entschlossen wie auch überzeugt wirkender Mimik die Gänge des Gebäudes.

»Dieser Fall ist etwas Besonderes«, hatte man ihm nahegelegt, weswegen es unkonventioneller Ideen bedurfte.

Somit war es nicht nur ein beliebiger Fall, es war seine Chance. Seine Chance, die er nur ergreifen musste, um den vor sich sitzenden, ihm bisher völlig Unbekannten auch genussvoll seine Macht zu demonstrieren. Ihn durch die Mangel zu nehmen, um kostbare Informationen aus ihm herauszupressen, die für das weitere Lösen dieses besonderen Falles unabdingbar waren. Es war somit seine Chance, beweisen zu können, dass das Können eines vermeintlichen Grünschnabels, wie man ihn von außen sah, nicht anhand seines Alters festgelegt werden konnte. Denn er war bereit dazu, darauf trainiert, mit Hilfe seines unschlagbaren Könnens Geständnisse aus einem Menschen herauszudrücken, dessen Vita auf ein paar Blatt Papier gedruckt ihm zu Beginn seiner Schicht auf die Schnelle in die Hand gedrückt worden war. Einem Individuum, welches offensichtlich den Mut hatte, zu einem anderen Individuum in Kontakt zu stehen, welches eine Gefahr darstellte. Viel wusste er über dieses andere, etwaige gefährlichere Individuum genauso wenig, lediglich, dass es eine Bedrohung für jeden Menschen in diesem Gebäude, in dieser Stadt und in diesem Land, ja wenn nicht sogar auf diesem Planeten darstellte.

Eine Gefahr für die globale Sicherheit. Eine Gefahr, die es zu beseitigen galt, zur Aufrechterhaltung des Wohlergehens eines jeden einzelnen. Die höchste Stelle hatte ihm diesen Auftrag übergeben, also würde er alles in seiner Macht Stehende tun, um sie nicht zu enttäuschen. Jeder Schritt fühlte sich merkwürdig an, erfuhr eine ungemein hohe Intensität, die er zuvor in dieser Form noch nicht wahrgenommen hatte. Als der junge Beamte schließlich sein Ziel erreicht hatte, zwei weiteren Beamten zunickte, eine Hand ausstreckte, um mit seiner Karte die Tür zum Verhörraum zu öffnen und mit der anderen einzutreten, offenbarte sich ihm ein Bild, das vielem, aber beim besten Willen nicht seiner eigenen Vorstellung gerecht wurde. Fast schon unverschämt lässig mit ausgestreckten Beinen und tief in den Stuhl gesunken, saß der zu Verhörende vor einem Tisch und folgte aufmerksam und mit einem abwertenden Blick den an ihn herantretenden Beamten. Er fand Erwiderung in dessen Augen, doch fiel diese beinahe noch abwertender aus, als seine Mimik es überhaupt hätte ausdrücken können. Aber welche Bedeutung hatte dies schon?

Hier ging es nicht um Freundschaft, jedenfalls nicht zwischen ihm und dem zu Verhörenden. Irgendwelche Gedanken darüber zu verschwenden, ob ein solches Verhältnis unter anderen Umständen vielleicht sogar möglich gewesen wäre, war sowieso komplett irrelevant, genau wie die Qualität des Kaffees, den der Beamte vor dem zu Verhörenden abstellte und schließlich selbst Platz nahm. Er war von Anspannung zerrissen, durfte sich aber unter keinen Umständen etwas anmerken lassen, auch nicht, als der ihm folgende Blick des zu Verhörenden ihn aufmerksam musterte. Höchstwahrscheinlich war sich dieser gleichermaßen der Tatsache bewusst, dass das ganze Verhör beinahe schon einem Wahnwitz glich, er es aber dennoch zu führen hatte. Der junge Beamte setzte sich, musterte kurz die vor sich liegenden Papiere der fein säuberlich sortierten Akte, während die durchdringend gierigen Blicke der anderen Beamten

hinter dem Spiegel ihn beinahe aufzufressen drohten – hätte er sie nur vernehmen können. Hinsichtlich der Sorgfalt glich die Akte einem Musterbeispiel und das ließ ihn innerlich schon beinahe triumphieren, denn dafür stand seine Abteilung und er war stolz darauf, ein Teil davon zu sein.

Aber nun war es an der Zeit das Wort zu ergreifen, um jenem ihm gegenüber Sitzenden, der auf den Namen ›Thomas Appner‹ hörte, das letzte bisschen Lebensmut zu nehmen und die so dringend benötigten Informationen endlich aus ihm heraus zu kitzeln. Und so sollte es beginnen.

»Nun, Herr Appner, Sie wissen, weswegen Sie hier sind?«

Der Verhörende gab sich unbeeindruckt. Sein Blick war unaufhörlich starr auf den Beamten gerichtet und seine lässige Sitzhaltung behielt er bei.

»Was ist das eigentlich für ein Kaffee?«, fragte er.

Der Beamte war überrascht und trotz uneingeschränkten Hörvermögens und anhaltender Anspannung sah er sich gezwungen, nachzufragen.

»Bitte was!?«

»Der Kaffee«, gab der zu Verhörende noch einmal schnippisch und mit einer leicht aggressiven Note von sich. Verwirrung machte sich in dem jungen Beamten breit, geradezu innerlich aufgewühlt war er, nicht akzeptieren wollend, dass die Erwartungen an den Verlauf des Verhörs für ihn nicht in Erfüllung gingen. Und das bereits von der ersten Sekunde an.

»Nun, was soll damit sein?«, fragte der Beamte unbeeindruckt.

»Haben Sie denn keine Ahnung, was das für ein Kaffee sein könnte?« unterstellte ihm sein zu Verhörender abwertend.

»Nun, ich schätze mal Filterkaffee«, gab der Beamte zunächst recht gleichgültig klingend von sich. »Spielt das denn jetzt irgendeine Rolle?«

»Eigentlich nicht wirklich«, antwortete ihm sein vermeintlicher Gast beinahe schon ein wenig gelangweilt.

Der Beamte zeigte Selbstbeherrschung und gab sich weiterhin diskret, was vielmehr aus innerem Stolz als aus irgendwelchen Anmaßungen des Respekts gegenüber dem Verdächtigen resultierte.

»Herr Appner, nun hören sie mir mal zu«, begann er seine ermahnende Ansprache, »Meine Geduld ist nur in limitierter Auflage verfügbar, also gönnen Sie sich selbst einen Gefallen und kooperieren Sie, damit wir das schnell und glatt über die Bühne bringen können.«

Thomas lauschte den Ausführungen des Beamten aufmerksam, dann beugte er sich ein wenig nach vorne, blickte mit einem leichten Grinsen im Gesicht tief in die Augen seines Gegenübers und wiederholte seine Aufforderung erneut mit einer scheinheilig freundlichen Gesinnung.

»Gerne. Aber zuvor würde ich gerne wissen, was das für ein Kaffee ist.«

Der Beamte schloss genervt seine Augen und atmete tief durch. Die Anspannung, die sein Gesicht zierte, verdeutlichte die Erkenntnis, die ihn umfing, dass Geduld der einzige Schlüssel zum Erfolg in diesem besonderen Fall war. Wahrhaftig, es bedurfte ungewöhnlicher Methoden.

»Da muss ich nachfragen«, presste er fast schon ein wenig verlegen hervor.

»Dann tun Sie das bitte!«, gereichte ihm Thomas mit einem beinahe schon sarkastisch fröhlichen Grinsen nahe.

Der Beamte erhob sich. Thomas konnte sich eine aufgesetzte Grimasse nicht verkneifen, verfolgte aufmerksam den Schritt des blutjungen Neulings, der die Tür des Verhörraums einen kleinen Spalt öffnete, um einen weiteren Beamten, der vor dem Raum mit einem anderen, genauso adrett gekleideten Herrn verharrte, schließlich zur Rede zu stellen.

»Er möchte wissen, was das für ein Kaffee ist!«.

Verdutzt blickte der Angesprochene auf seinen jüngeren und dennoch höher gestellten Vorgesetzten drein. Auch wenn seine Stellung keineswegs schlecht war, so oblag es ihm weiterhin dafür zu sorgen, dass das Lebenselixier der Beamten und Beruhigungsmittel für Wartende stets in der Küche der Abteilung aufzufinden war.

»Filterkaffee vom Supermarkt um die Ecke. Deren eigene Marke«, antwortete er seinem Vorgesetzten vor Überraschung sichtlich verlegen.

Die Türe wurde wieder geschlossen und der Beamte bewegte sich geradlinig und adrett auf seinen Platz zurück, legte seine Hände seitlich neben der vor ihm liegenden Mappe auf dem Tisch vor sich ab und versuchte den Anschein seiner Autorität und der vollkommenen Kontrolle mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten.

»Filterkaffee, ganz normale...«

»Jaja, schon mitbekommen«, unterbrach ihn Thomas mit einer abwertend winkenden Handbewegung.

Er nahm einen kleinen beherzten Schluck aus der Tasse, benetzte seine Lippen und Geschmacksknospen mit der tiefschwarzen Flüssigkeit, ging für eine Sekunde in sich und ließ seine Erwartungen an das Aroma des Kaffees zugleich in Erfüllung gehen. Billig und fade, kein Genuss, sondern das Mittel zum Zweck der Befriedigung der vorherrschenden Kaffeesucht in dieser Einrichtung, deren Konsumenten offensichtlich jeglicher Sinn für Geschmack und Genuss durch ihre ständige Bereitschaft wohl schon längst abhandengekommen war. Thomas stellte die Tasse wieder vor sich ab. Der Beamte blickte ihn ungewollt verwirrt an und fragte:

»Was sollte das eigentlich?«

Thomas beugte sich vor, zog eine Augenbraue hoch und ließ dem Grinsen auf seinem Gesicht auch den nötigen Freiraum.

»Nehmen Sie etwa ohne Vorkenntnis jeden Schwanz in den Mund?«

Entsetzen war kein Ausdruck für die Respektlosigkeit, die der junge Beamte in seinem ersten wichtigen Fall erfahren durfte. Respektlosigkeit in ihrer vollen Blüte. Nicht gerade schön zu erfahren, aber ungemein wichtig. Selbstbeherrschung des Anstands wegen wäre hier völlig fehl am Platze gewesen. Nur das tiefschürfende Verlangen, Thomas Appner im Zuge der weiteren Befragung die Vorteile von ›dehnbaren‹ Gesetzen am eigenen Leib verspüren zu lassen, ließen den jungen Beamten noch nicht gänzlich aus seiner Haut fahren. Er ballte eine Faust, kniff seine Augen fest zusammen und ließ seinen Blick auf die vor ihm liegenden Akten wandern.

»Die können mir nichts antun, denn die brauchen mich«, schoss es Thomas durch den Kopf. »Dummerweise wissen die noch nicht, dass mich diese Erkenntnis viel zu lange schon ereilt hat. Aber so war es nicht selten. Oft kapierst du erst am Ende, dass es die Unvollkommenheit gewesen ist, die dir die höchste Harmonie beschert hatte. Und warum habe ich das nicht gesehen? Weil ich durch und durch geblendet war und mich mein Streben nach Lebenswertigkeit genau davon abgehalten hat. Habe ich mal von Christoph gelernt. Mensch Junge, kaum zu glauben, dass du hier gelandet bist, wenn man mal bedenkt, dass dein scheiß Lebensinhalt vor nicht allzu langer Zeit nur aus derselben, immer gleichen, blöden Rotation bestand.«

Rotation – Thomas’ Geschichte

Vom immerzu konform klingenden Geräusch seines Weckers aus dem Schlaf gerissen, wachte Thomas wie jeden Morgen um Punkt 8 Uhr in seiner Neubauwohnung auf. Die Widerwärtigkeit des Piepens war der einzige Antrieb, der ihm noch zum Aufstehen geblieben war, um sich dieser lästigen Ruhestörung mit einem gezielten Knopfdruck auch wieder entledigen zu können. Zu jener Zeit war Thomas ein Idealbild dessen, was man ein echtes Arbeitstier nennt. Ein abgestumpft rotierender Vollidiot, der es von ganz allein aus eigener Kraft geschafft hatte, sich ins Aus zu schießen und am weit entfernten Zenit seiner Leistungen angelangt war. Die alltäglichen Prozesse seines Tagesablaufs sollten immer dieselben bleiben, so gut wie ohne Alternativen und so gut wie ohne Abweichungen und ohne jedwede Umwege, weil schlicht und ergreifend kein Platz mehr dafür blieb. Thomas rappelte sich auf und leitete seinen tagtäglichen Arbeitsprozess ein, indem er sich in seinen zwar nicht nach Maß geschneiderten, aber dennoch einigermaßen bequem sitzenden Anzug warf und anschließend den ersten Kaffee des Tages einführte. Seine Wohnung lag in einem der belebtesten Viertel der Stadt, doch war es in erster Linie die Leere selbst, die sich anstelle der ihn umringenden Lebensenergie schon so lange in ihm breit gemacht hatte. Der Rolle, welchen Anzug er trug, welchen Wohnort er bezog oder welcher beruflichen Tätigkeit er nachging, war daher genauso wenig eine Bedeutung zugeschrieben, denn fühlte er sich nicht mehr als ein Zahnrad von vielen, gefangen in einem riesigen Komplex, der unermüdlich fortschritt, um das fortlaufende Konstrukt auch am Leben zu halten. Und vollkommen gleichgültig, ob Penner, Kinderschänder, Anwälte, Lehrer, Polizisten oder Künstler, jedem Menschen war seine Rolle zugeschrieben worden, der er nachzukommen hatte, die ihn definieren sollte und ihn in die gesellschaftlichen Schubladen des Ansehens steckte, deren Erwartungshaltung es mit Aufrichtigkeit zu erfüllen galt. Allem Überfluss zum Trotze sah er sich noch immerzu in der Pflicht, sich irgendwann von Liebe erfüllt seinem Trieb hinzugeben, Nachkommen zu zeugen und damit den Fortbestand seiner Linie auch weiterhin zu gewährleisten. Weil er aus der Not gedrungen allerdings hatte lernen müssen, sein Verlangen zu zügeln und sich die Suche nach etwaigen Alternativen weit schwieriger als gedacht gestaltet hatte, so war ihm nichts anderes mehr übriggeblieben, als sein eigenes, kümmerliches Dasein zumindest mit einem vorübergehenden Wert zu versehen. Jeden Morgen verließ er kurz vor 9 seine Wohnung, um wenige Minuten später mit dem Bus zu seinem Arbeitsplatz zu fahren. Als Teil einer angesehenen Firma fokussierte sich das Spektrum seiner Aufgaben primär auf die Leitung bestehender Projekte bis hin zur Ausarbeitung und Überwachung der Prognosen etwaiger potenzieller zukünftiger Kampagnen. Er war das Bindeglied für die höchste Stelle, lieferte ihr essenzielle Auswertungen und entscheidende Ergebnisse aller laufenden Projekte, über deren weiteres Fortbestehen dann anhand diverser Kriterien eine Entscheidung getroffen wurde, ob ein weiteres Fortbestehen denn überhaupt noch Sinn mache oder nicht. Thomas hätte ein stundenlanges, sinnloses Referieren über die Aufgaben seiner Arbeit abhalten können, zog es indessen aber lieber vor, den Ball flach zu halten, anstelle mit einem künstlich intellektuell wirkenden Fachgequatsche gegenüber seinen Gesprächspartnern die vermeintlich fehlende Impotenz seiner Wenigkeit zu kompensieren. Sein Arbeitsplatz war eine Kabine von so vielen in einem nicht weiter auffallenden, ganz der Tristesse verschriebenen Großraumbüro. Auf engstem, nur notwendigsten Raum zusammengepfercht, nahm er Tag für Tag Platz in seinen persönlichen 4 Wänden, nur um im längst abgetragenen Glanz seines beständig wiederkehrenden Trotts mit vergeblicher Mühe fortwährend aufs Neue zu versuchen, dem immer gleichwährenden Szenario einen Funken Esprit entreißen zu können. Weder mit Gemälden noch mit anderen vermeintlich Lebensfreudeversprühenden Utensilien waren die Wände der Räumlichkeiten ausgeschmückt. Es blieb ein Konstrukt der reinen Produktivität, dafür ausgelegt, seinen Angestellten ein möglichst ruhiges und dem Wohlbefinden bloß nicht zu nahestehendes Klima zu gewährleisten, denn von der einst vorherrschenden Vertrautheit untereinander war hier nunmehr wenig zu verspüren. Längst war einer weitaus vielversprechenden und produktiveren Effizienz Platz gemacht worden. Und Thomas war ein Teil davon.

Der Gesichtsausdruck, mit dem er jeden Morgen seine Abteilung betrat, setzte sich aus erzwungener Motivation und unterwerfenden Demut zusammen, die aufgetragen wie Schminke, die eigentliche Gesinnung seines wahren Gedankenguts gut zu verstecken wusste, die sich dahinter erstreckenden Abgründe nichtsdestoweniger keinesfalls schließen konnte. Sein Gang war nicht besonders auffällig und ging er als Teil einer Gruppe aus anderen Mitarbeitern, so glich ihr gleichförmig kollektives Fortschreiten in Verbindung mit der von der höchsten Stelle vorgeschriebenen Kleiderordnung schon beinahe den Drohnen eines Bienenschwarms.

Er erreichte seinen fein säuberlich aufgeräumten Schreibtisch, der nach Vorschrift seiner Chefabteilung ein gewisses Maß an Ordnung vorzuweisen hatte, gleichgültig ob ihm dieser Umstand bei seiner Arbeit eine Hilfe sein würde oder auch nicht. Vorschrift war Vorschrift und einer Anordnung zu widersprechen, war ein Widerspruch in sich. Ein neuer Tag, derselbe Auftrag? Oder doch noch genügend Zeit für eine eigens entsprungene Idee oder spontane Vision, der Thomas immerhin noch den ein oder anderen bestärkenden Funken Antrieb entziehen konnte, sich Tag für Tag dem immer gleichen Prozedere zu unterwerfen, weil die Vorstellung etwas Eigenes erschaffen zu können, ihn zumindest noch die Illusion eines gewissen Restwerts seiner Wenigkeit zu schenken vermochte. Doch sollte mit jenem Tage alles anders kommen.

Bereits mit dem Herantreten an seinen Schreibtisch schlich sich in Thomas der leise Verdacht an, seine an und für sich bereits getane Arbeit müsse noch einmal aufgebrochen werden, um ursprünglich Abgeschlossenes in einem schier elend langen Arbeitsprozess von neuem durchzukauen. Ein kleiner gelber Zettel prangte inmitten des ordentlich abgestimmten Schreibtisches hervor, ein kleiner Verweis, den Thomas auf der Stelle nur zu gerne in seine kleinsten atomaren Einzelteile hätte zersetzen wollen, lediglich um die ergrauten Mauern dieses zentral gelegenen Betonblocks mit ein wenig emotional geladener Theatralik zu bereichern. Zu seinem eigenen Bedauern musste er sich gleichwohl selbst eingestehen, dass für eine angemessen energiegeladene performative Darbietung wie diese, ihm die so dringend benötigten Nerven allemal fehlten.

›Anlage 3A bitte bei Herrn Raab abholen!‹

Eine Signatur seines Chefs höchstpersönlich. Eine Ehre, die nur wenigen zuteilwurde und welchen Neid man ihm für diese vermeintliche Ehre vermutlich auch anheftete. Von Müdigkeit befangen griff Thomas nach dem Zettel und gab ein erdrückend schweres Seufzen von sich.

»Welch ein Glück diese Narren doch haben, nicht höchstpersönlich jenem unterteilt zu sein, der nicht nur die Fäden in seinen Händen hält, sondern dir obendrein auch noch seine Gebote in den Schädel meißelt«, dachte er sich.

Manchmal hegte er den heimlichen Wunsch, ihm wohnte derselbe Weitblick für umwälzende Entscheidungen inne; ohne weitrechende Überlegungen und ohne Wenn und Aber. Kein ständiges Abwägen etwaiger Konsequenzen, ohne Bedenken zu handeln oder auf die Rücksicht all derjenigen achtzugeben, die von den Folgen dieser Entscheidungen eine noch schwere Last zu tragen hatten. Anderen eine Überzeugung aufzudrücken, ohne bei Eintritt eines Misserfolgs die eigene Fehlbarkeit gar in Betracht zu ziehen. Welch ein Segen diese Überlegenheit für all jene doch sein muss, die von der Tugend ihrer Ideale befangen ihren Überzeugungen entgegenstreiten! Thomas ließ sich in seinen Bürostuhl fallen und knickte regelrecht ein. Der Abschottung der Kabinen wohnte immerhin der Vorteil inne, nicht permanent auch den Aasgeier-gleichen Blicken von manch anderem Mitarbeiter schonungslos ausgesetzt zu sein. So mancher wartete regelrecht auf die Schwäche eines anderen, nur um die angestaute Wut seines ehrgeizigen Strebens auch daran abzuwälzen und sich ganz im Zuge seiner überheblichen Rage an den offen prangenden seelischen Wunden regelrecht ergötzen zu können. Nicht alle, aber genug von ihnen, um jede Aussage, die eine vermeintliche Schwäche offenbarte, auch stetig mit Bedacht zu wählen. Es war zum Kotzen. Mühselig rappelte sich Thomas wieder auf, nahm den Zettel an sich und trottete los.

Er sollte einen Rückblick wagen und grundsätzlich bereits Abgeschlossenes wieder ausgraben, nur um Fehler zu korrigieren, die im Nachhinein betrachtet lediglich hineininterpretiert worden waren, um die laufenden Prozesse eines Projekts künstlich am Leben zu erhalten. Über den Unsinn dieses Verfahrens nachzudenken, lag ihm mittlerweile fern. Wenn es der Wille der Chefabteilung war, so hatte er auch in Erfüllung zu gehen. Thomas verließ seine Kabine, machte in eine der vielen Korridore des riesigen Bürogebäudes kehrt und gelangte in eine der benachbarten, mit einer weiteren, nichtssagenden Nummer versehenen Abteilungen. Ein für ihn manchmal nicht enden wollendes Labyrinth aus aneinandergereihten Kabinen, Türen, Gängen und Fahrstühlen, alle mit einer beliebigen Nummer versehen und dazu bedacht, Menschen zu beherbergen, die auf Papier gebannt und mit Worten bewaffnet die entscheidenden Schritte für essenzielle Prozesse vorantrieben, die an irgendeinem anderen Ort auf dieser runden Kugel, den Startschuss für einen neuen Prozess in die Wege leiteten, der bereits nach wenigen Augenblicken im Dickicht all der anderen mit ihm verknüpften Abläufe schon bald nicht mehr erkenntlich war.

Und letztendlich war er selbst ein Teil davon. Eines dieser unendlich vielen aneinandergereihten Zahnräder, die mit einer Nummer versehen sich Tag für Tag in stetiger Effizienz einer niemals enden wollenden Rotation hingaben. Ohne Stillstand und ohne Ausnahme. Er kam in der Abteilung seiner Bestimmung an, die dem Anschein nach genauso trist und schlicht gestaltet aussah wie jene, die er zu besetzen hatte; zumindest konnte er mit seinen Augen bisher keine gravierenden Unterschiede erkennen. Die Angestellten telefonierten eifrig, gaben sich emsig ihrer Arbeit vor dem Rechner hin und erzeugten dadurch ganz unfreiwillig eine eigenartige Spannung in der Luft, die sich aus den Worten der Telefongespräche, den klackenden Tippen der Tastaturen und den hektisch von A nach B rennenden Jungspunden zusammensetzte, die von ihren fiebrigen Träumen besessen dem Entgegenrasen ihres ersten Burnouts die höchste Priorität verliehen hatten. Gelegentlich ergriff einer das Wort und schrie eine Aufforderung durch den scheinbar ständig unter Spannung stehenden Raum. Es war dem Heraustreten aus seiner eigenen Abteilung zu verdanken, welches ihn kurzzeitig wachgerüttelt hatte und ihm einen Blick von außen auf die zum Alltag verkrusteten Szenarien bescherte – ein Teil davon blieb er ohnehin unentwegt. Nur gelegentlich in diesen Momenten, wenn sich die in ihm hochkochende Ansammlung aus Müdigkeit und einer nicht enden wollender Frustration zu einem explosiven Gebräu der Wut vermischte, so war es ihm tatsächlich vergönnt, für einen kurzen Augenblick die Überzeugung aus sich selbst herauszuschöpfen, einen schlagartigen Umbruch herbeizuführen. Wenn er nicht so müde gewesen wäre.

»Ich brauche Anlage 2, die müsste hier irgendwo bei dir liegen.«

Thomas trat an die Kabine von Martin heran, einem hageren Kollegen, der die ungefähr selbe Anzahl an Lenzen trug wie er selbst. Martin wurde das hochgeschätzte Glück zuteil, nicht andauernd den Blicken seines Vorgesetzten ausgeliefert zu sein, was ihm im Gegensatz zu Thomas eine alternative Präsentation seines Arbeitsplatzes gestattete, ja sogar erlaubte, private Gegenstände als Ausdruck der unzertrennlichen Verbindung zwischen Geschäft und Leben auf seinem Schreibtisch mit einzubeziehen.

»Jo, Thomas, gib mir einen kurzen Moment. Das war das Projekt 12B vom Kalendermonat 1, wenn ich mich nicht täusche?«

Martin wühlte in dem schier undurchdringbar wirkenden Dickicht an Papieren und fand tatsächlich innerhalb von wenigen Sekunden die von Thomas geforderte Akte zur Wiederaufarbeitung vermeintlicher Fehler eines streng genommen bereits längst abgeschlossenen Projekts.

»Okay, das müsste die...«

Martin drehte sich wieder um, stoppte seine Ausführungen abrupt und nahm die müde dreinblickende Gestalt namens Thomas Appner wahr, die von ihrem sehnsüchtigen Wunsch nach einem fernen Ort fernab dieses Büros mit gläsernem Blick vergeblich Zeit und Raum zu durchdringen versuchte.

»Hey man, träumst du?«, rüttelte Martin mit seinen beinahe schon einfühlsam gesprochenen Worten Thomas aus seiner Reise in die Unendlichkeit wieder wach.

»Alles gut bei dir?«, fragte Martin noch einmal mit demselben Maß an Empathie in seiner Stimme. Einfühlsamkeit war das richtige Wort für Martin, der schon mit wohlwollend warmem Klang im Stande war, seine Worte zu formen, die das mitfühlende Verständnis für seinen Kollegen nicht subtiler hätten ausdrücken können. Thomas rieb sich seine toten Augen und beschwichtigte seinen geschätzten Kollegen.

»Ach, schon gut, ich schlafe in letzter Zeit nicht all zu gut.«

»Kompletter Schlafmangel?«

»Nein, aber so ein ständiges Auf und Ab. Das ist nervtötend«, erklärte Thomas, dabei stets bemüht auch einen möglichst authentischen Anschein von Aufrichtigkeit auszudrücken. Auch wenn diese Attitüde zugleich das genaue Gegenteil seiner gegenwärtigen Gesinnung war, so wehrte er sich innerlich dagegen, einmal mit vollem Mut auszusprechen, was ihn grundlegend so beschäftigte.

»Wenn der Käse nicht vorbei geht, dann geh mal zum Arzt«, sprach Martin seine Empfehlung mit bestem Gewissen aus, reichte Thomas die gesuchte Akte entgegen und entlockte ihm sogar ein müdes Lächeln.

»Ist dies nicht im Großen und Ganzen letztlich der Grund, weswegen ich noch hier bin?«

Erschöpft stützte sich Martin mit seinen Ellbogen auf seinem Schreibtisch ab und sprach Thomas seine persönliche Empfehlung aus.

»Frag doch mal nach Urlaub...den könnte ich ehrlich gesagt auch mal wieder vertragen, und so wie es aussieht, scheinst du in dem Zustand keine sonderlich große Bereicherung für diese Firma darzustellen, zumindest im Moment, also...«

Thomas verstand die ironisch angehauchten Worte seines Kollegen, winkte mit einem müden Lächeln ab, bedankte sich bei Martin für dessen aufgebrachten Mühen und machte wieder kehrt zu seiner eigenen Kabine. Er hatte den bereits vor Wochen eingereichten Antrag auf Urlaub und die seitdem vergebliche Engelsgeduld auf Rückmeldung mit Absicht verschwiegen. Thomas’ Hoffnung, eine baldige Reaktion der höchsten Stelle auf sein bittendes Flehen erwarten zu dürfen, ebbte mit jedem verstrichenen Tag genau wie seine Leistungsbereitschaft zur maximalen Effizienz kontinuierlich immer weiter ab. Manchmal hegte Thomas den Verdacht, er hätte den absoluten Nullpunkt in seinem Leben schon längst überschritten, wäre aber aufgrund seines Arbeitspensums viel zu stark eingespannt, als dass er einmal Zeit für diese Erkenntnis gefunden hätte. Er kehrte in seine Kabine zurück, ließ sich mit einem leichten Ächzen in seinen Bürostuhl fallen und nahm die von Martin ausgesuchten Akten in Angriff. Weswegen ausgerechnet er für diesen Auftrag auserkoren wurde, konnte sich Thomas genauso wenig erklären, wie den Umstand warum ein von ihm persönlich abgeschlossenes und fein säuberlich ausgeführtes Projekt noch einmal aufgegriffen werden sollte. Nichts, aber auch wirklich kein einziger Fehler, der durch seine Verschuldung zustande gekommen war. Nichtsdestotrotz oblag es ihm diese Fehler und Ungereimtheiten zu finden und dem Willen seiner höchsten Stelle damit wie gewünscht Folge zu leisten. Thomas brach erneut in seinem Stuhl zusammen und rutschte so tief wie es ihm auch nur möglich war in diesen hinein. Er war in einer Sackgasse angelangt, hatte das Ende des Weges erreicht oder war auf diesem geradewegs zusammengebrochen, weswegen er keine Lust mehr, keinen Antrieb, keine Perspektive, einfach nichts mehr hatte, was ihm zum wiederholten Aufstehen und weiteren Voranschreiten hätte motivieren können.

Sein Entschluss hatte somit sein Manifest zugrunde gelegt. Urlaub! In etwas anderem fand er schlicht keinen Sinn mehr, denn ein Glied von vielen in einer schier niemals endenden Kette zu sein, schloss einen unvermeidlichen Verschleiß mit der Zeit zweifelsfrei nicht aus. Urlaub wurde in dieser Firma allerdings so lange hinausgezögert, bis ein Eingreifen unabdingbar blieb, weil ansonsten ein zu großes Risiko für die übriggebliebenen, stärkeren Glieder drohte, sie würden ebenfalls von den Abnutzungserscheinungen des Einzelnen zu stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Ausbreitung dieses negativen Einflusses auf den Rest der Firma wäre natürlich nicht zu verantworten gewesen, denn die Entbehrlichkeit eines einzelnen Angestellten blieb immer noch hinnehmbar, der Verlust einer ganzen Abteilung hingegen nicht. Also arbeitete man so lange bis man von Krankheit befallen sich außer Gefecht manövrierte, nur um sich von einem fachkundigen Mediziner wieder heilen zu lassen und vom Regenerationsprozess bestärkt anschließend so schnell wie möglich wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren und das sich nicht enden wollende Prozedere von Neuem zu starten. Weiter und weiter, bis der sehnlichst gewünschte Antrag auf befreienden Urlaub in Erfüllung ging, man aus seinem alltäglichen Rhythmus heraustrat und in einer Rekordzeit von wenigen Tagen das emsig angesparte Geld der letzten Monate verprasste, weil man entweder ein vorrübergehendes Ziel benötigte, sich kurzzeitig an der Zügellosigkeit der Dekadenz zu erfreuen wusste oder man eh keinen Nerv mehr übrighatte, es über einen längeren Zeitraum vernünftig verteilt sinnvoll investieren zu wollen. So war es zumindest in dieser Firma zur Gewohnheit verkommen und als Thomas einmal im Austausch mit einem Mitarbeiter seiner Abteilung über diese Überlegungen stand, gaben ihm dieser voll von geschwängertem Stolz in seiner Brust mit der Berichterstattung über den triumphalen Ablauf seines letzten Urlaubs zu allem Überfluss auch noch die zutreffende Bestätigung. Thomas kam diese Überlegung mit jedem weiteren Tage immer ironischer vor, doch fühlte er sich ebenfalls geradezu erlöst, wenn er seiner Sehnsucht nach der nächsten längeren Auszeit unverzüglich freien Lauf lassen konnte. Glücklicherweise lieferte ihm sein Fernseher bereits Abend für Abend einen ersten Überblick darüber, wer die Guten und wer die Bösen waren, was er beim Suchen seines Urlaubsortes beachten sollte und welches Angebot aus der geradezu erschlagenden Anzahl genau das richtige für ihn war. Er konnte sich glücklich schätzen, dass es so etwas für ihn und viele anderen Betroffenen gab und die Nachfrage offensichtlich auch Bestand hatte, ja geradezu immer stärker anzusteigen schien.

Mit einem leichten Kloß im Hals und einer noch stärker ausgeprägten Überzeugung riss er sich schließlich völlig verzweifelt aus seinem Stuhl heraus und betrat wagemutigen Schrittes den Gang zur Chefetage. Seine Abteilung unterlag zugleich der höchsten Stelle, also musste jeder Urlaubsantrag dort auch abgesegnet werden. Ein zweifelsfrei nicht sinnloses Unterfangen. Unterliegt es doch der geistigen Vernunft, dass jene, die Arbeit bereit stellen auch von ausreichender Weisheit gesegnet sein sollten, einschätzen zu können, wann die menschlichen Ressourcen zum eigenen Schutze auch eine wohlverdiente Pause einnehmen dürfen. Manchmal plagte ihn der Zweifel, ob er die Definition seines Lebens auch zugleich mit seinem Arbeitsplatz gleichsetzen sollte, seine Identität nicht von ihm selbst abhinge, sondern ausschließlich von seiner alltäglichen Tätigkeit. Und all jenen, die ihn dafür mit Ansehen rühmten oder auch mit Verachtung bespuckten, weil sie Sorge hegten, ihr kostbares Dasein würde unter der Anwesenheit von Thomas in Mitleidenschaft gezogen werden oder er ihren Platz streitig machen wollte. Und dies alles nur einer Tätigkeit wegen, die ausschließlich seinem Überleben dienen sollte, das Leben erst so lebenswert machte und zugleich mit ihren alltäglich routinierten Abläufen ihm obendrein eine felsenfeste Struktur geebnet hatte. Wahrhaftig, Thomas hatte Urlaub dringend nötig.

Sein eigentliches Ziel hatte er bereits erreicht und trotzdem fühlte er sich zum Verharren gezwungen. Anstelle anzuklopfen, einzutreten und einer offenen Aussprache seiner Sehnsucht zu eröffnen, ereilte Thomas für einen kurzen Augenblick tatsächlich das dumpfe Gefühl, er hätte die Schwelle eines Tagträumers endgültig überschritten und ihm wäre die Eingebung, zwischen Traum und Realität unterscheiden zu können, augenblicklich genommen worden. So angespannt fühlte er sich und zugleich so ermüdet, dazu verdammt im ständigen Pol zwischen extremer Erschöpfung und pochendem Adrenalin gefangen zu sein. Also verharrte er. Seine vom nassen Schweiß benetzten Hände begannen zu zittern, die steigende Anspannung durch den viel zu eng sitzenden Knoten seiner Krawatte entzog ihm den letzten Atem und schürte obendrein die unlängst quälende Angst, die Erwartungen an sein Schicksal doch zu hoch angesetzt zu haben.

Es war ein lähmendes Gefühl, auslaugend wie auch frustrierend zugleich und zeitraubend obendrein, denn gefühlt verbrachte er schon eine gefühlte Ewigkeit vor dieser Tür – zumindest beschlich ihn dieser Eindruck mit dem zunehmenden Verweilen. Hätte ein vorbeilaufender Mitarbeiter ihn angesprochen, Thomas hätte vermutlich keine schlagfertige Ausrede für dieses nach außen so kleinlich wirkenden Verhalten parat gehabt, weswegen er sich zum Fassen eines Herzens gezwungen sah. Der Moment der Wahrheit war damit eingetreten. Er klopfte an, legte eine Hand um die Klinke der Tür und trat zugleich ein. Das Sekretariat fiel geräumig aus. Zumindest geräumiger als er es zuletzt in Erinnerung hatte, wenn auch persönlicher. Größere Gemälde zierten die Wände zwar immer noch nicht, dafür zählte aber immerhin eine eigene Kaffeemaschine zu den Utensilien der Einrichtung und sogar ein paar Pflanzen hatten den Weg in den Vorraum zur Hölle gefunden. Ob es einzig und allein der Entscheidung der Sekretärin oblag, was relevant für ihre Einrichtung war und was nicht, vermochte Thomas auf Anhieb nicht direkt beantworten zu können. In jenem Moment lag ihm der Gedanke, das Wort zu ergreifen und überhaupt irgendetwas zu sagen, ohnehin ferner als der Appell jener Sekretärin an die Höflichkeit einmal vom Monitor ihres PCs aufzublicken und den vor Anspannung erstickenden Angestellten zu begrüßen. Also oblag es ihm doch, das Wort zu ergreifen.

»Entschuldigen Sie, ich hatte einen...«

»Geht es um einen Urlaubsantrag?« unterbrach ihn die Sekretärin mit weiterhin starr auf den Bildschirm gerichteten Blick harsch.

»Ähh...ja, genau!« presste Thomas verdutzt wie von Verlegenheit immer noch ein wenig gelähmt hervor.

»Das geht leider nicht.«

Ihre verlautete Antwort kam genauso blitzartig wie auch knochentrocken und traf Thomas härter, als es jegliches Ausmaß von physischer Gewalt in einem Szenario wie diesem hätte ausrichten können. Seine angespannt steife Mimik sackte urplötzlich in sich zusammen und da, wo aufleuchtende Hoffnung und Sehnen nach Ausgleich vorherrschten, kehrten schlagartig schmerzliche Blockaden und lähmende Frustration ein. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich also bestätigt.

»Bitte wie?«

Die Sekretärin hielt inne und blickte sogar in Thomas’ Richtung leicht schräg nach oben.

»Der Urlaub, der wird nicht genehmigt...zumindest im Moment, also kommen Sie wieder, wenn sich die Lage gebessert hat und die entsprechende Quote erfüllt wurde. «

Das Klicken ihrer Finger auf die Tastatur ihres Rechners und ihr abgewendeter Blick ließen in Thomas eine schlagartige Abneigung aufsteigen, wie er sie zuvor noch nie verspürt hatte. Doch vergeblich ist die Mühe jener, die bereits mit Verzweiflung nach Gerechtigkeit schreien müssen.

»Hören Sie, ich brauche den Urlaub wirklich dringend! Der Prozess läuft doch und die Projekte gehen voran, ich kann wirklich nicht nachvollziehen...«

»Sie müssen nichts nachvollziehen«, unterbrach sie ihn harsch, »Sie müssen lediglich verstehen, dass sie keinen Urlaub bekommen, zumindest im Moment. Mehr verlangen wir nicht.«

Thomas atmete tief durch, bereit dazu, seinen Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen, ehe sein Unterfangen von der sich schlagartig geöffneten, massiven Holztür des Chefbüros zugleich wieder unterbrochen wurde. Er sah sich seinem Vorgesetzten gegenüber, der hektisch mit einem Handy in der Hand ein offensichtlich wichtiges Geschäft abwickelte und dabei seiner Sekretärin auf seine herzlichst diskrete Art einen Stapel Papiere auf den Schreibtisch knallte. Sein Anzug war schwarz, seine Krawatte auch, genau wie seine Haare. Nur seine Haut war bleich, der Ansatz einer Glatze unverkennbar und nur zu deutlich wollte seine Stimmlage vermitteln, dass Kontrolle das stets das grundlegende Privileg seiner Arbeit war.

»Natürlich wird das kein Problem sein. Unser Projekt läuft und wird planmäßig abgeschlossen werden. Gut, auf Wiederhören und danke sehr!«

Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht steckte er das Handy in seine Hosentasche, sprach seine Sekretärin mit der Aufforderung »Ah gut, Doris, bitte lassen Sie mir die Papiere von heute Morgen noch einmal zukommen und dann geben Sie mir die Meetings für heute Nachmittag durch«, an und schenkte Thomas zunächst nicht einmal den winzigsten Deut wertschätzender Aufmerksamkeit. Direkt verarscht kam sich Thomas indessen nicht vor, vielmehr begannen sich Gedanken und die Hoffnung über seine potenziellen Tagträume wieder zu verstärken. Ehe er den Mut fassen konnte, seinen Mund zu öffnen, erbarmte sich das Gemüt seines ehrfürchtigen Chefs dann doch und sein Blick richtete sich mit einem auffordernden, »Brauchen Sie etwas?«, auf einen völlig eingeschüchtert wirkenden Angestellten, der seine Größe vielmehr durch die Abnutzung seiner Nerven als durch seine fundamentalen Qualifikationen verloren hatte.

»Nun, ich war auf Geheiß meines Urlaubsantrages hier und...«, versuchte Thomas hilflos stammelnd eine vernünftige Ansprache zu formulieren, ehe ihm sein Chef und Arbeitgeber aggressiv und mit einer geradezu verachtenden Note ein »Und wollten was?«, vor die Füße warf.

Thomas war seiner eigenen Emotionalität viel zu sehr ausgesetzt, als dass er mit einem schlagartigen Konter die Unverschämtheit seines Chefs hätte parieren können und stieß daher nur ein wimmerndes Flehen hervor.

»Hören Sie, ich brauche wirklich Abstand!«

Die Augen seines Vorgesetzten weiteten sich.

»Abstand? Abstand!? Hören Sie, wenn man Abstand gewinnen möchte, dann sollte man zunächst einmal mit gewissen Dingen abschließen, bevor man Sie beiseitelegt. Ich garantiere ihnen, dass Sie mit dem Befolgen dieser Vorgehensweise mit Sicherheit Abstand gewinnen können!«

Regungslos, von der Hoffnung nach erlösender Ruhe verlassen und von Leichenblässe durchdrungen stand Thomas ohne Fassung völlig unprätentiös und nicht mehr dazu fähig, ein einziges Wort über seine trockenen Lippen gleiten zu lassen, vor der stattlich anmutenden Statur seines angewiderten Chefs.

»Ja, was stehen Sie denn noch so herum!? Projekte erledigen sich nicht von selbst! Gottverdammt, ich bin von undankbaren Idioten umgeben!«, fluchte sein Chef mit seiner kratzig brummenden Stimme, ehe er mit einem lauten Türenknall wieder hinter den Mauern seiner persönlichen Bastion verschwand.

Thomas fing sich, blinzelte mehrmals und schüttelte dabei leicht seinen Kopf. Die Sekretärin zeigte tatsächlich Erbarmen, blickte zu ihm hoch und konnte sich ein gewisses Mitgefühl für seine Situation nicht verwehren.

»Ich behalte ihren Antrag, auch wenn ich nichts versprechen kann, im Moment ist er ein wenig...schwierig.«

»Nun ja, Sie müssen es wissen. Niemand sonst in diesem Laden kennt ihn durch seine Arbeit so gut wie Sie«, antwortete Thomas trocken.

Verlegenheit war es, die durch die Venen der Sekretärin rann und ihr ein Schmunzeln entlockte.

»Ach, glauben Sie mir, wenn ich ihnen sage, dass das nicht nur mit seiner Arbeit zu tun hat.«

Thomas ließ sich erschöpft mit einem frustrierten Seufzer in seinen Bürostuhl fallen – bereits zum zweiten Mal an diesem Tage. Sein Blick spiegelte den Zenit seiner Frustration wider und seine Körperhaltung glich einem nassen Kartoffelsack. Von Demütigung hinüber zur absoluten Demotivation gleitend, im schmalen Grat zwischen völliger Hingabe und völligem Aufgeben wandernd, legte er eine Kautablette auf seine Zunge und biss mit einem Harten Ruck auf diese ein. Es war nicht der Effekt der Tablette an und für sich, sondern die bloße Freude an der bloßen Gewalt des Zerkauens, die ihm tatsächlich für einen kurzen Moment eine gewisse Befriedigung schenken konnte. Hätte er keine Kautablette parat gehabt, wäre ihm nichts lieber gewesen, als die gesamte Abteilung dieser Büroebene mit seinen bloßen Händen höchstpersönlich in Schutt und Asche zu legen. Doch selbst dafür fehlte ihm der sehnlichst gewünschte Urlaub.

»Erfolg gehabt?«

Thomas schaute zu Martin hinauf, der sich an seiner Kabine lehnte und bereits ein paar weitere Akten in der Hand hielt, wohl dafür bestimmt, Thomas’ angesetzten Auszeit noch ein wenig weiter nach hinten zu verschieben – zumindest zeichneten die Mappen seine Signatur.

»Sobald das laufende Projekt beendet ist, vielleicht ja. Dann werde ich Urlaub haben«, seufzte Thomas.

»Im Notfall mal zum Arzt gehen, das kann mit Sicherheit helfen.«

Thomas beugte sich ruckartig nach vorne, zog Martin die Akten aus dessen Hand und knallte diese mit einem wutentbrannten Schlag auf seinen Arbeitsplatz.

»Ich brauche keine medizinische Fachmeinung, die mir nichts anderes als eine weitere Bestätigung für meine kümmerlichen Leistungen liefert«, presste er abwertend aus sich heraus und als Reaktion darauf sah sich Martin lediglich zum Hochziehen einer Augenbraue imstande.

»Verstehe«, kommentierte er Thomas’ verzweifelten Wutausbruch trocken, »Aber anstelle dir den Hirnkasten über irgendwelche Urlaubstage zu zerbrechen, solltest du dir überlegen, ob das Projekt dich braucht oder du vielmehr dieses Projekt.«

Martin klopfte Thomas im Vorbeigehen noch einmal auf dessen Schulter und Thomas schaute ihm sogar für eine Sekunde nachdenklich hinterher, ehe er sich von den Weisen Worten seines Chefs befangen wieder aufrappelte und sich die Essenz dessen Wort gebetsmühlenartig immer und immer wieder selbst zusprach.

»Urlaub sei ein Privileg für all jene, die in absehbarer Zukunft ihre Projekte auch zu einem gelungenen Abschluss führen könnten.«

Der eindringliche Appell pochte dabei immer und immer wieder auf und bohrte sich wie ein ätzendes Geschwür tiefer und tiefer durch seine vom Druck ohnehin schon geschundenen Gehirnwindungen.

»Mein Gott, am Ende schreibe ich mir diese Scheiße auch noch auf einen Zettel und klebe ihn an meine Pinnwand.«

Längst angebrochen war die frühe Nacht und Thomas kehrte müde in seine Wohnung zurück. Ohne große Umwege betrat er zugleich das Wohnzimmer, um sich mit einem erschöpften Seufzer zielsicher auf das weiche Polster seiner Couchgarnitur fallen zu lassen. Die Freude an einem prächtigen Abendessen war bereits seit längerer Zeit verflogen, was weniger dem Verschulden der Ausstattung seiner Küche gereichte – die war mehr als reichhaltig – als vielmehr der mangelnden Inspiration und der damit einhergehenden Freude am Kochen, die die Nahrungsaufnahme zu nichts mehr als einem Mittel zum Zweck hatte verkommen lassen. Seit Wochen war sein gesamtes Bestreben nämlich nur noch von einem einzigen Begriff definiert. Abschalten.

Es war der sehnsüchtige Wunsch nach Berieselung, nach dem Abdriften des ständigen Denkens und den einhergehenden Druck der Entscheidungen und ihrer bedeutenden Konsequenzen. Nichts wissen wollen, nichts in Frage stellen, nicht über die vertraute Gewöhnung einmal hinwegblicken, sondern unverzüglich schmackhaft komprimierte Unterhaltung im wärmenden Schein des Fernsehers zu konsumieren, lautete die erlösende Formel, die er sich Tag für Tag als Ziel zunutze gemacht hatte. Nicht einmal seinen Anzug wollte Thomas ausziehen, nur den seit Tagen schon zu eng sitzenden Knoten seiner Krawatte lockerte er. Doch mit dem Anschalten des ursprünglich erhofften Erlösers, hatte ihn bereits das nächste Dilemma ereilt, denn entgegen seiner hoch gesteckten Erwartung vermochte ihm nichts die so sehnlichst gewünschte und dringend benötigte Befriedigung zu geben. Kein Sender, keine Dokumentation, keine Realityshow - einfach nichts. Die erdrückende Anzahl von über 200 Kanälen – Tendenz steigend – hatte für einen der zermürbenden Frustration nahestehenden Anzugträger keine passende Antwort parat, um die geleerten Batterien von Geist und Knochen wieder mit dem dringend benötigten Saft zu füllen.

Einfach nichts.

Welch ein jämmerliches Bild Thomas doch darbot, in seiner schlicht aber schön eingerichteten Wohnung auf seinem schwarzen Ledersofa verzweifelt versunken, weil selbst die Distanz zu seiner vermeintlichen Berufung ihm keine Erfüllung für sein Leben zu gereichen wusste.

Von den Gedanken geplagt, zu dumm für das Fernsehprogramm zu sein, schaltete Thomas von Kanal zu Kanal immer und immer wieder vor und zurück, bis er schließlich an einer informativen Berichterstattung über die fiesen Tricks, der sich inflationär verbreiteten Urlaubsbetrüger und verlogenen Reiseleitern angelangt war, sein Finger dessen ungeachtet eine Sekunde später den roten Knopf der überdimensional großen Fernbedienung fand und den gesamten Raum in ein schwarzes Dickicht hüllte. Nur die Lichter der Stadt und ihre gelegentlichen Anzeichen des pulsierenden Lebens, das mitunter leise an die Fenster der Wohnung klopfte, ließen Thomas nicht vergessen, dass er den Schritt in sein nächstes Leben anscheinend noch nicht gänzlich vollzogen hatte. Stillstand blieb unterdessen genauso wenig eine Option und in einer zwar mitunter bequemen, aber nichtsdestoweniger nutzlosen Haltung weiterhin zu verharren erst recht nicht. Also stand er auf, ging in seine Küche hinüber, schaltete das Licht an und starrte in den Kühlschrank, nur um von der reichhaltigen Vielzahl an vorhandenen Lebensmitteln erneut mit Frustration befangen zu werden, weil sein persönliches Zeitgefühl und die Haltbarkeit all dessen, was einst vor langer Zeit genießbar gewesen war, noch keinen gemeinsamen Nenner gefunden hatte. Und wenn Thomas mit sich selbst ehrlich gewesen wäre, er hätte sich bei dem erschlagenden Überangebot ohnehin vor geraubter Inspiration sowieso nichts Schmackhaftes ausdenken können, weswegen der ungewollte Zufall dem angenehmen Selbstbetrug zuvorkommend in die Hände spielte. Vom Ehrgeiz nach Leistung zerfressen, war es ihm nichtsdestotrotz genauso zuwider, sich wie ein alter Mann alsbald Schlafen zu legen, schließlich war er von der vierzig und den anbahnenden Vorboten einer Midlifecrisis noch meilenweit entfern oder zumindest sollte er das sein, weswegen er notgedrungen zur Kaffeemaschine wankelte, den Apparat mit Pulver und Wasser befüllte und anschließend einschaltete. Aller anhaltenden Trenderscheinungen zum Trotz hielt er die klassische Mischung aus gemahlenen Bohnen in Kombination mit heißem Wasser immer noch stets für die ungeschlagen aromatischste Variante des Heißgetränks. Vielleicht war er diesbezüglich auch nur ein wenig konservativ, was er sich auch ohne Widerrede selbst eingestehen konnte, gleichwohl von der Überzeugung beseelt, dass der Übergang von Konservativität hin zur Nostalgie in mancher Hinsicht bekanntlich eh nur eine Frage der Zeit blieb, womit die Stagnation seiner Kaffeegewohnheiten ihn von selbst von der Trenderscheinung hinweg zum Zahn der Zeit geführt hätten. Er hasste diese lieblosen Kaffeepads und Vollautomaten, die mit ihrer eigenwilligen Zubereitung und ihren absurd anmutenden Designs die Illusion eines privaten Cafés für die eigenen vier Wände projizieren wollten, nur weil sich die Zeitspanne zwischen Eigenheim und dem nächsten Café in Anbetracht des zeitlichen Aufwands nicht mehr vereinbaren ließ. Ein Design glich dem anderen und die vermeintliche Vielfalt der zu käuflich erwerbenden Geschmacksrichtungen, blieb nichts anderes als eine lieblose Aneinanderreihung der immer gleichen Kapsel, die nur der Zuordnung wegen mit unterschiedlichen Farben bedruckt wurde.

Würde die klassische Filterkaffeemaschine aussterben, er würde sie hüten und warten wie ein zu Demonstrationszwecken vorgeführtes Museumsstück. Absurd, aber plausibel und in Anbetracht so mancher Verhaltensweisen anderer Konsumenten auch nicht weiter vom alltäglichen Wahnsinn entfernt, höchstens weniger gewöhnlich und daher noch nicht gänzlich gesellschaftlich akzeptiert. Das erhitzte Wasser der Maschine traf auf den mit Kaffeepulver befüllten Filter, dessen Aroma sich erst in der Küche und anschließend langsam in der restlichen Wohnung wohltuend verbreitete. Endlich konnte sich Thomas dazu motivieren, sich seines Anzuges zu entledigen und in etwas weitaus Bequemeres zu schlüpfen. Nicht selten fühlte es sich wie das Abziehen seiner eigenen Haut an, die so erhitzt an seinem Körper klebte und schon längst zu einem unverzichtbaren Teil seiner selbst geworden war. Seinen Anzug auf einen kleinen vorgesehenen Kleiderständer abgelegt, begab er sich in die Küche zurück, goss sich vom frisch gebrühten Kaffee ein und nahm die Tasse an sich. Schwarz und nichts anderes. Eine puristische Veranlagung, die in ihm innewohnte und über die er manchmal sogar schmunzeln musste. Mit seinem Kaffee bewaffnet setzte sich Thomas vor seinen Laptop, der in der Mitte des Wohnzimmers auf einem kleinen Esszimmertisch platziert das inoffizielle Zentrum der Wohnung markierte. Thomas nahm einen ersten Schluck und benetzte seine Geschmacksknospen mit dem kräftigen Aroma des Kaffees. Es war herrlich und für einen kurzen Augenblick sogar entschleunigend. Doch seine Frustration blieb und fernerhin auch die Lustlosigkeit, die seinem mangelnden Antrieb schließlich das letzte Stückchen Motivation raubte. Also sah er sich dazu gezwungen, sich der einzigen, nach reichhaltiger Überlegung verbliebenen, sinnvollen Beschäftigung hinzugeben, die man ihm angesichts der vorherrschenden Umstände überhaupt noch gelassen hatte. Dem Onanieren.

Lag sein Wille anfangs noch grundsätzlich darin, Befriedigung zu finden, so sank die Hemmschwelle im Laufe der Zeit und als Zeichen des Resultats seiner Abstumpfung immer weiter nach unten. Es ging längst nicht mehr darum, etwas zu finden, was eine persönliche Freude bereitet, sondern vor allen anderen etwas entdeckt zu haben, was aller Behauptungen entgegen dazu imstande war, die Grenzen des längst zum Gewöhnlichen gestraften doch noch einmal zu sprengen. Einzig und allein darin lag der Sinn und Zweck der pornographischen Plattformen. Vermutlich diente der Prozess so manchem zur gezielten Kompensation seiner fortgeschrittenen Impotenz, so zumindest die einzig logische Erklärung, die sich Thomas erschließen konnte.

Seine Kaffeetasse im Anschlag haltend, klickte sich Thomas durch den Dschungel pornographischer Angebote, und obwohl er von der Auswahl gewissermaßen hätte überfordert sein sollen, fand er dank des unauffällig im Hintergrund arbeitenden Algorithmus schnell das für seine Bedürfnisse passende Medium, dazu bestimmt ihm aus seiner beklemmenden Notlage so schnell wie möglich herauszuhelfen. Ohne großes Gehabe, das ›Vorspiel‹ überspringend, gleich zum fundamentalen Höhepunkt kommen wollend, schob Thomas mit der Maus ungeduldig den Regler des Videos von links nach rechts, unentschlossen darüber, welche Stelle des immer gleichen Prozedere ihm am meisten Gefallen entlocken konnte. An einer vorrübergehend passenden Stelle angekommen, gab er sich dem Prozedere hin, nahm unterdessen immer wieder einen Schluck Kaffee und versuchte dabei krampfhaft, Bewegung in eine Sache zu bringen, die allem Anschein nach, ihren Urlaub bereits in Anspruch genommen hatte. Keine Regung, nichts, nicht einmal das befreiende Gefühl von Entspannung wollte in ihm einkehren und selbst das Aroma seines duftenden Kaffees verschaffte ihm kein bisschen erlösende Entschleunigung. Frustration auf allen Ebenen machte sich in ihm breit. Enttäuscht und wütend zugleich klappte er den Laptop wieder zu.

Was am nächsten Tag folgte, war dieselbe Prozedur des immerzu gleichen Ablaufs, der die gleichförmig nicht enden wollende Rotation für Thomas schon lange zur Unendlichkeit hatte verkommen lassen. In einem Hamsterrad gefangen, mit der vergeblichen Hoffnung gebrandmarkt, durch ein immer schnelleres Durchleben seiner Tage endlich aus dem Kerker seines Alltags ausbrechen zu können, hatte sich Thomas’ Gefühlswelt mittlerweile ununterbrochen zwischen anstachelnder Selbstmotivation und lähmender Perspektivlosigkeit eingependelt. Nicht mehr dazu imstande, einfach stehen zu bleiben, nicht gewollt, unverzüglich aufzuhören. Thomas’ Gesichtszüge sprachen Bände und sein toter Blick war Auskunft genug über den vorherrschenden Mangel an innerer Ruhe und erholendem Ausgleich. Doch blieben es immer und immer wieder dieselben ermahnenden Worte seines Chefs, die ihn zu seinem Antrieb wie auch gleichzeitigen Verderben motivieren sollten.

»Urlaub sei ein Privileg für all jene, die in absehbarer Zukunft ihre Projekte auch zu einem gelungenen Abschluss führen können.«

Thomas hatte sich dieses eigens auferlegte Bedrängnis ganz von selbst in den Schädel gemeißelt, eines, welches ihn die Grenzen seines kümmerlichen Wohlbefindens weit überschreiten und den Ertrag seiner bisherigen Leistung stetig hinterfragen ließ, um – und sei es nur mit Gewalt möglich – endlich wieder einen Anreiz in seinem Schaffen zu finden, der ihm ein gewisses Gefühl von Selbstwert vermitteln konnte; ganz so wie man es ihm nahegelegt hatte. Doch war er nicht dazu in der Lage, über das Ziel hinaus zu schießen.

Als Martin eines Tages wieder an Thomas’ Kabine trat, war Entsetzen kein hinnehmbarer Ausdruck für das Erstaunen über die entstellten Gesichtszüge seines Kollegen.

»Du siehst furchtbar aus«, waren die Worte seiner nicht sonderlich freundlichen, aber dafür umso ehrlicher gewählten Begrüßung, was ihm Thomas allerdings auch nur schwer abschlagen konnte.

Müde drehte er seinen Kopf in Martins Richtung, der aufrecht neben dessen Kabine stand und bereits die nächsten Papiere für die Übergabe an seinen Kollegen bereithielt.

»Kannst du etwa nicht schlafen?« fragte Martin so vorsichtig wie gut gemeint.

»Schön wäre es«, antwortete ihm Thomas so demotiviert, wie es sein Erscheinungsbild einem Außenstehenden nur vermitteln konnte.

Nichtsdestotrotz hielt er unweigerlich an seinem verbitterten Willen fest wie auch der felsenfesten Überzeugung, seine gebrochene Haltung weiterhin mit ehrfürchtiger Würde und bezwingender Männlichkeit zu kompensieren. Ein offenes Geständnis abzugeben, dass er dem Druck nicht mehr standhalten konnte und wollte, schloss er nach wie vor entschieden aus. Schließlich galt es weiterhin Ziele zu erreichen, Standhaftigkeit zu bewahren, Projekte zu vollenden und im Zuge dessen irgendwann in ferner, aber mitunter auch greifbaren Zukunft doch mal wieder etwas Freiraum zu genießen.

»Was hast du denn für mich?« fragte Thomas von argwöhnischer Erwartung regelrecht durchdrungen.

Martin presste seine Lippen fest zusammen und warf noch einmal einen kritischen Blick über die Papiere, ehe er mit seinen Ausführungen Thomas’ Schicksal wieder ein Stück weiter besiegelte.

»Anlage 3 muss nochmal überarbeitet werden, Anlage 2 ist okay, aber ›okay‹ ist okay und das ist in dieser Firma bekanntlich nicht mehr ausreichend genug. Zumindest für den gegenwärtigen Zeitpunkt.«

Martin legte Thomas die Papiere auf dessen Schreibtisch und Thomas warf einen kritischen Blick darauf, der ihm ein Stirnrunzeln auf seine Stirn zauberte. Als er die Überschriften und ersten Seiten der Akte überflog, machte sich Verwunderung in ihm breit gepaart mit einem Gefühl der Unsicherheit, dicht gefolgt von Unbehagen, dem schließlich der Protest folgte und dem Thomas endlich ein empörtes »Moment mal!«, aus seiner trockenen Kehle hervorlocken konnte.

»Moment, das sind nicht meine Akten und erst recht nicht meine Arbeit, das ist...nicht mal meine Abteilung!? Willst du Pissnelke mich etwa verarschen!?«

Martin, der eigentlich schon Anstalten gemacht hatte, verschwinden zu wollen, verharrte noch für einen kurzen Moment und musterte den von Argwohn befangenen, abwertenden Blick, der sich in Thomas’ Gesichtszügen ausgeformt hatte. Böse war er ihm nicht und er wusste, dass ›Pissnelke‹ im Kontext der gegenwärtigen Situation keine ihm allein gewidmete Beleidigung war, sondern viel mehr treffsicher die stellvertretende Empörung für die gegenwärtige Situation der gesamten Firma zum Ausdruck brachte.

»Michael ist mit der Arbeit überfordert und die Dokumente müssen noch bis morgen raus. Ich würde dir ja gerne ein wenig unter die Arme greifen, aber die Rationalisierungsmaßnahmen unserer allseits geliebten höchsten Stelle verleiten uns zum Ergreifen von Konsequenzen und dem Neuverteilen der Aufträge!«

»Und was bedeutet das jetzt konkret!?« bohrte Thomas aggressiv nach.

»Du bist einfach zu gut in dem, was du machst.«

Martin klopfte Thomas im Abgang noch einmal ermutigend auf dessen Schulter. Selbst diesem enormen Druck ausgesetzt, fiel es ihm gleichermaßen schwer, mit Anmut und Aufrichtigkeit die geforderte Haltung ohne Ausnahmeerscheinungen Tag für Tag aufs Neue vorzulegen. Sich irgendetwas anmerken zu lassen, wäre unverzeihlich gewesen, weswegen einem nur das elendig ermüdende Weiterkämpfen übrigblieb und im Hamsterrad obendrein noch einen weiteren Zahn zuzulegen. Thomas sank schon wieder in seinem Stuhl zusammen, stützte sich mit seinen Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab und vergrub sein Gesicht regelrecht verzweifelt in seinen Händen. Während er mit den Fingern seine müde Gesichtsmuskulatur massierte, wägte er ab, ob ein Sturz aus diesem Stockwerk zum wohlverdienten Resultat der angestrebten Ruhe ausreichte oder zumindest einen langwierigen Reha-Prozess einläutete, der ihn von seinem Schreibtischstuhl weg an ein Krankenbett gefesselt hätte. Was das kleinere Übel war, konnte er jedoch im Verlauf des gesamten Abends nicht so recht beantworten und was hätte eine mit Gewalt geforderte Pause schon ausgerichtet? Letztendlich auch nur einen zeitlichen Aufschub, der die laufenden Prozesse verlangsamte und ihm im Nachhinein doch mehr Nachteile als wirklich essenzielle Vorteile eingebracht hätte. Wäre Frustration ein Antrieb, so hätte Thomas die Schallmauer längst durchbrochen und den halben Laden im Alleingang umstrukturiert. Doch war der Anblick geradezu lähmender Natur, mit anzusehen, wie sich die Anzahl der anwesenden Kollegen mit dem Voranschreiten der Stunden immer weiter minimierte, aber Thomas selbst, aufgrund seiner überragenden Qualifikationen, immer noch an seinen Arbeitsplatz gefesselt blieb und zum geduldigen Verharren gezwungen war.

Er wollte nicht mehr und er konnte nicht mehr. Ihm war aufgedrückt worden, wovon andere gedacht hatten, es sei noch nicht perfekt genug gewesen, er mit genauerer Betrachtung hingegn für völlig ausreichend erachtete. Somit blieb ihm nichts anderes übrig als die etwaigen Fehler seiner ausgeschiedenen Kollegen, die letzten Endes auch nur dem Menschsein unterlegen waren, mit Hilfe seiner überragenden Qualifikationen auch ordnungsgemäß nach Vorgabe der Chefetage auszubügeln. Sollte dies nicht geschehen, wäre das Risiko zu hoch gewesen, dass der Rest seiner Abteilung von seiner mangelnden Leistungsbereitschaft ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen und im schlimmsten Falle sogar dem Erdboden gleich gemacht worden wäre.

Thomas’ Hände waren von der Tinte seines Kugelschreibers mit Flecken übersät und sein Blick wechselte ständig zwischen dem Monitor seines Rechners und der Akte seines Kollegen. Es wäre ungemein hilfreich gewesen, hätte man ihn direkt auf die betroffenen Stellen der vermeintlich zu korrigierenden Fehler hingewiesen, weil so manch ausgearbeitete Akte – seiner vorläufigen Erwartungen entgegen – hin und wieder einem Schlachtfeld der mangelnden Qualifikationen glich.

Vielleicht lag der Grund für dieses Chaos auch in der ausgebrannten Seele eines Familienvaters, der von seinem Schicksal geprägt der erwarteten Effizienz nicht mehr hatte nachkommen können, weil sich die geforderte Trennung von Privatsphäre und Berufung gleichwohl nicht immer hatte einhalten lassen können; zumindest was die Machenschaften seiner Psyche anbelangte. Zugegebenermaßen hatte Thomas die Lage von dieser Perspektive aus noch nie betrachtet. Dies änderte zwar wenig an der Tatsache, dass der späte Abend bereits angebrochen war und Thomas noch lange kein Ende in Sicht hatte, doch schien ihn die bloße Überlegung zumindest für den Moment erstaunlicherweise besänftigen zu können; auch wenn er hierfür keine direkte Bestätigung hatte. An jenem Abend war es aber auch das Verlangen nach alternativen Umständen an seinem Arbeitsplatz, die sich ihm trotz fehlender – oder gerade deswegen - Erlaubnis unweigerlich in ihm hervortaten und sich nicht mehr aus dem Oberstübchen schlagen ließen. Und ironischerweise war es genau jene Sache, mit der er sich an manch anderem Abend zwar Befriedigung erhofft, allerdings bei aller Mühe keine gefunden hatte. Also, wieso denn nicht?

»Ach, fickt euch doch alle«, brummte Thomas verärgert und halblaut vor sich hin, griff in seinen direkt neben dem Schreibtisch positionierten Aktenkoffer, zog ein paar Kopfhörer heraus, schloss diese an der Buchse des Rechners an und öffnete zugleich eine beliebige Pornoseite. Hauptsache irgendeine Form der Ablenkung oder akustischen Untermalung, die das Verweilen in dieser elenden Tristesse zumindest ein wenig erträglicher erscheinen ließ. Das aus dem Kopfhörer dringende Stöhnen erzeugte eine wahrhaftig eigenwillige, wenn auch unweigerlich meditative Wirkung auf seine Arbeitsweise, die ihm bei genauerer Betrachtung dieses Szenarios sogar ein kleines Lächeln auf sein Gesicht zaubern konnte.

Bill war einer der neueren Angestellten, die Thomas wie so viele nur durch flüchtige Floskeln und ungeplante Verabredungen auf der Herrentoilette kannte. Viel Raum für Gespräche war nie vorhanden und umso größer war die Verwunderung, die in Bill einkehrte, als er den Gang mit Thomas’ Kabine passierte, daran vorbeischritt und über die halboffenen Kopfhörer der in der sonstigen Stille des späten Abends gehüllten, für ein Büro eher ungewöhnlichen Töne der pornographischen Videographie vernahm. Bill blieb stehen und sein Blick wanderte zugleich auf Thomas und dessen Monitor. Thomas hatte das Fenster nicht gänzlich minimiert, lediglich ein kleiner Ausschnitt ragte noch in der rechten, unteren Ecke des Bildschirms hervor. Bill war überrascht, anfangs sogar ein wenig empört, war er doch solche Methoden der Arbeit in dieser Firma noch nicht gewohnt und war es nicht ein Unding, auf Videomaterial wie dieses während der Arbeit zurückzugreifen? Bei seinen weiteren Überlegungen fragte Bill sich sogar selbst, weswegen er Methoden wie diese an seinem eigenen Arbeitsplatz bisher noch nicht praktiziert hatte. Er wollte Thomas darauf ansprechen, doch kam ihm dieser zugleich zuvor, drehte sich zu ihm um, schob ein Ohr des Kopfhörers zur Seite und ermahnte seinen Kollegen mit seinem müden Blick und einem genervten »Was?«.

Bill ließ seinen ursprünglichen Ansatz der Ermahnung mit gehobenem Zeigefinger wieder fallen und presste dafür ein lockeres, wenn auch ein wenig verlegen Klingendes, »Schöne Krawatte hast du da«, hervor.

Dann lächelte noch kurz und verschwand ohne das Verlieren eines weiteren Kommentars daraufhin wieder. Thomas konnte sich unterdessen ein erheitertes Grinsen nicht verkneifen.

Das Prozedere wollte nicht enden und wiederholte sich in den darauffolgenden Wochen gleichermaßen, was in Thomas eine schon beinahe beängstigende Paranoia aufkeimen ließ, die ihm zugeschriebenen Aufträge würden tatsächlich kein Ende nehmen. Hatte er zu Beginn seiner Anstellung gemeinsam mit so vielen anderen Kollegen noch die verbindende Motivation geteilt, sie könnten - jeder für sich und dabei doch gemeinsam als Teil eines organischen Kollektivs - etwas in Bewegung setzen, so fühlte sich das sichere Schreiten entgegen des toten Punktes für ihn mittlerweile unausweichlich an.

Er lebte schon lange nicht mehr, funktionierte stattdessen nur noch und stumpfte kontinuierlich weiter ab, weil sich die verstrichenen Tage nur noch durch ihre Nummerierung im Kalender unterschieden. Er sah sich von selbst dazu bewogen, den so ermahnenden Worten seines Chefs doch tatsächlich einen Funken des Antriebs entreißen zu müssen, die das einst so lodernde Feuer für seine Berufung wieder hätten entfachen sollen; wenn auch mit dem einhergehenden Preis der ständigen Demütigung. Der Abend des Freitags war längst angebrochen und es war der eigens auferlegte Tribut von Thomas’ Ehrgeiz, der ihn Begonnenes auch zu einem vernünftigen Ende bringen lassen wollte. Doch lag das Verschulden für diesen Umstand weniger in seinem Ehrgeiz als vielmehr in den kürzlich vollzogenen Rationalisierungsmaßnahmen. Das Büro war mittlerweile leergefegt und Thomas’ Kabine war eine einsame, leblose Insel inmitten diesen Toten Meeres, dessen von rauchenden Köpfen, knackenden Fingern und angespannten Gesprächen angereicherte Luft einen unverkennbaren Geschmack angenommen hatte, den er immer noch atmen konnte. Thomas hatte seinen Bürostuhl neben seine Kabine inmitten des Gangs gestellt, um mit über den Kopf geschlagenen Händen und einem nervösen Tippen seiner Füße irgendeinen Weg zu finden, sich von den angestauten Blockaden in seiner Birne zu befreien. Der Erfolg blieb wie nicht anders erwartet aus.

Die Tür am Ende des Büros öffnete sich und eine kleine Gruppe an gut gelaunten Mitarbeitern stritt zielstrebig dem Aufzug entgegen. Es war nicht die allgemeine Heiterkeit dieser vermeintlichen Kollegen, die verlegene Unverschämtheit in ein freies Wochenende überzugehen oder die generelle Güte, den Arbeitsplatz vor Thomas’ Augen zu verlassen, sondern die übertrieben wirkende Geilheit, sich am Leid anderer auch noch zu erfreuen.

Ihre Namen waren Thomas nicht mehr geläufig, doch was sich ihm seit ihrem ersten Aufeinandertreffen unweigerlich eingebrannt hatte, waren die ekelhaft schmierigen Gesichtszüge ihres vermeintlichen Anführers.

»Hey, Kollege! Was treibst du denn noch hier?«

Ein Ende der Zwanziger angelangtes Geschöpf mit dem Namen Patrick erlaubte es sich mit seiner Überheblichkeit wahrhaftig, das Wort gegen jenen zu ergreifen, der im Sinne des Allgemeinwohls dieser Firma schon seit Wochen die Grenzen seiner eigenen Belastung ausgelotet hatte.

»Wonach sieht es denn aus, du Held?« rief Thomas sichtlich genervt zurück und blieb dabei immer noch verhältnismäßig ruhig, schließlich war er sowieso viel zu müde, um auf dumme Kommentare wie diese einen schlagfertigen Konter zu erwidern.

Vermutlich hätte diesem Angestellten mit den strahlenden Schweinebaken sowieso jeglicher Intellekt gefehlt, um die ansprechend durchdachte Erwiderung auch sinngemäß zu erfassen oder gar wertschätzen zu können, weswegen sich Thomas zunächst bedeckt hielt.

»Dann überarbeite dich ja nicht, du Musterbild von einem Angestellten«, war das Einzige, was Thomas als lässige Antwort zu hören bekam, ehe Patrick im lachenden Einklang der anderen Mitarbeiter den soeben eingetroffenen Fahrstuhl betrat und fast schon ein wenig Stolz für die – zumindest in seinen Augen - gelungen wirkende Zeitüberbrückung empfand.

Tief in seinen Bürostuhl nach hinten gelehnt und ohne dabei auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, beobachtete Thomas den Abgang der Belegschaft. Als sich die Tür wieder schloss und schließlich Ruhe eingekehrt war, sprang er schlagartig aus seinem Stuhl heraus, streckte seinen Mittelfinger in Richtung Fahrstuhl und begann zu schreien:

»Fick dich, du dummer Hurensohn, fick dich doch einfach! Dich und den Rest von deiner scheiß Truppe! Und dein scheiß Gesicht auch!«

Thomas ließ sich wieder in seinen Stuhl fallen. Von seiner Wut zerrissen, aber auch für einen kurzen Moment von einer gewissen Befriedigung besänftigt, kehrte er schlagartig wieder zu sich zurück, atmete tief durch und rollte in seine Kabine zurück, um seine eigentliche Arbeit wieder aufgreifen zu können; doch sollte er dazu nicht kommen.

»Kaffee?«