Rhapsodie Ost - Maxim Stöckigt - E-Book

Rhapsodie Ost E-Book

Maxim Stöckigt

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Beschreibung

Eigentlich war es so einfach mit dem rüber machen. Nach Berlin fahren, einsteigen in die S-Bahn im Osten der Stadt, aussteigen im Westen, und schon wäre man am Ziel. Eigentlich so einfach, wäre da nicht die Staatssicherheit mit ihren Augen, die gefühlt überall lauerte, vor allem am Grenzübergang. In einer Rhapsodie sind einzelne musikalische Themen lose miteinander verbunden und ergeben ein Gesamtwerk. Im Roman RHAPSODIE OST geht es um unterschiedliche Menschen, deren Wege erst nach und miteinander verbunden werden. Der fleißige Zugführer, der eine Frau tötet. Die verträumte Mormonin, die vom Krieg gezeichnet ist. Der erfolgreiche Pianist, der eine Geliebte hat. Die ehrgeizige Radiosprecherin, die sich nicht von ihm trennen kann. Sie alle leben das zwanzigste Jahrhundert im Osten Deutschlands auf ihre eigene Art im Schatten von politischen Umbrüchen. Sie träumen, gewinnen, scheitern und betrügen. Und dann treffen sich ihre Kinder und die Geschichte geht weiter.

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Seitenzahl: 598

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dieses Buch ist meiner Familie gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Dresden

Hans 1961

Hans 1945

Hans 1961 (II)

Hans 1945 (II)

Hans 1961 (III)

Hanna 1945

Hans 1961 (IV)

Hans 1945 (III)

Hans 1989

Hanna 1950

Hanna 1990

Hans 1954

Hans 2011

Hans 1954 (II)

Kapitel 2: Aufstieg und Untergang des Sozialismus

Siegfried 1969

Siegfried 1983

Siegfried 1969 (II)

Siegfried 1945

Annemarie 1945

Annemarie 1983

Siegfried 1952

Siegfried 1983 (II)

Siegfried 1952 (II)

Siegfried 1983 (III)

Annemarie 1954

Siegfried 1954

Siegfried 2002

Siegfried 1954 (II)

Kapitel 3: Schienenersatzverkehr

Karin 2009

Karin 1977

Karin 1969

Michael 1976

Karin 2009 (II)

Michael 2006

Michael 1969

Karin 2010

Karin 1977 (II)

Karin 1969 (II)

Michael 2010

Michael 1969 (II)

Karin 2010 (II)

Michael 2006 (II)

Michael 1969 (III)

Karin 1969 (III)

Karin 1977 (III)

Michael 2006 (III)

Karin 2010 (III)

Michael 2010 (II)

Kapitel 4: Endstation

Maxim 2003

Maxim 2008

Maxim 2003 (II)

Maxim 2008 (II)

Maxim 2003 (III)

Maxim 2008 (III)

Alexander2012

Alexander 2017

Kapitel 1 Dresden

Hans 1961

Hans schaute auf die Flagge der DDR. Der Baumwollbanner zappelte in der Dämmerung, als fühlte sich der Stoff unsicher, ob er sich zusammenziehen oder ausbreiten sollte. Gerade traten Hammer und Ährenkranz gewölbt hervor, deutlich sichtbar für Hans, da überkam ihn ein spöttischer Einfall.

Der Hammer für den Arbeiter, der Ährenkranz für den Bauern, eine Gesellschaft in zwei Kategorien aufgeteilt. Aber wo war er? Er war weder Hammer noch Ährenkranz. Er kam auf der Flagge seines Landes schlicht nicht wirklich vor.

Und deswegen gehörte er auch nicht in die DDR.

Hans lief auf die riesige schwarze Stahlkonstruktion zu. Er sah den Sand der Schwingstange der Treibräder, die Wasserperlen an der Rauchkammer und am Schieberkasten. Manchmal, am Schichtbeginn, wenn er die Lok zum ersten Mal ansah, bevor er hineinstieg, kam es ihm vor, als begrüßte er ein Lebewesen, als hätte dieser Koloss eine Seele, und die Form des Stahls, der Schmutz und die Wasserstreifen erzählten eine Geschichte. Unter dem Dampfkessel, dem Führerstand und dem stramm emporstehenden Schornstein bildeten die breiten Laufradsätze mit etwas Fantasie ein erwartungsvolles und riesiges, aber freundliches Gesicht.

Hans kannte alle Modelle und ihre Daten, auch die Lok an diesem milden Mai-Morgen: Modell V 15, Achsformel B, 32 Kilometer pro Stunde, 110 Kilowatt, 1435 mm Spurbreite, 22 Tonnen Gewicht. Seit 13 Jahren stieg er in die Lok und erhielt dafür 560 Mark im Monat. 13 Jahre, wäre er abergläubisch, könnte er von einer Unglückszahl ausgehen, und irgendwie lag die Wahrheit nicht fern.

Für Hans stand fest, dass er weggehen würde, fort aus diesem Leben in der DDR. Er würde aus diesem Land fliehen. Denn er fühlte sich bereit für den Westen, schon lange, obwohl fliehen riskant war, vor allem mit einer Frau und zwei Kindern, zu viele Spuren, Indizien, zu viele verräterische Signale, zu viele Spitzel, zu viele Unwägbarkeiten. Sein Plan durfte keinen Fehler enthalten, er musste perfekt sein. Er war 31 Jahre alt, es war nicht zu spät, um drüben neu anzufangen.

6:07 Uhr, Reparationsbuch durchblättern: keine aktuellen Einträge. Den Streckenplan durchgehen: Start Dresden, Ziel Görlitz. Bei Bautzen eine größere langsame Fahrstelle, und zweimal kurz langsamer fahren bei Neustadt, an der großen Baustelle. Er ging das Protokoll durch: Regler überprüfen, Dichte der Ventile, Stand der Bremsflüssigkeit, Stand des Wassers, Bremsstoffvorräte. Als Zugführer legte Hans Wert auf Genauigkeit, er wollte ein guter Lokführer sein, die Pflicht erfüllen, keine Störfälle verursachen, dem Bahnführer-Eid treu sein, sich selbst und den Stahlgesichtern schwor er es jeden Tag, den Lokomotiven, den Menschen, die er beförderte, aber niemals dem Staat.

Es würde ein warmer Tag werden, das deutete sich an. Dem könnte ein heißer Sommer folgen, sein letzter in Dresden, das wurde ihm jetzt noch einmal bewusst. Noch glitzerte der Tau auf dem Rasen.

Vielleicht hätte Hans auf der Flagge der DDR eine Lokomotive vorfinden müssen, um Sympathie zu fühlen. Und selbst das hätte nicht gereicht, um seinen Entschluss zu ändern. Ein Staat, den nicht die Deutschen, sondern die Russen kontrollierten. Schon immer störte ihn die russische Klammer. Der Russe griff sich einfach, was ihm nicht zustand, der Russe genoss es, andere leiden zu lassen. Warum hätte Dresden nicht weiter westlich liegen können, in der amerikanischen Zone, oder in der englischen?

Wichtig vor jeder Schicht war die Versorgung der Schmierstellen mit Ölkanne und Spritze. Nichts durfte undicht sein. Vor drei Jahren zerbarst ein Kessel bei Wünsdorf, weil ein Riss übersehen worden war. Das würde Hans nie passieren.

Dann war das Protokoll abgearbeitet. Hans heizte an, der Kessel erreichte Betriebstemperatur. Er wartete die Freigabe vom Stellwerk ab, der Zug setzte sich in Bewegung.

Vielleicht war die Lok der letzte Ort des Friedens auf dieser Welt für Hans. Kein Russe konnte aus der Lok einen Panzer bauen. Ein unschuldiger Ort. Bei Punkt A einsteigen, Protokoll einhalten, Punkt B ansteuern, Übergabe, Meldung an Brigadeführung, Schichtende. Keine Politik, keine Partei, kein Krieg, keine Rebellion, nur Gleise und Wasserdampf, schnaufen und pfeifen.

Die letzten Felder von Dresden flogen vorbei. Die Lok wurde schneller. Ein Schrankenmeister winkte, Hans winkte zurück, musste lachen, die Schranke war noch oben. So ein Narr, er winkt trotzdem. Traue nie einer offenen Schranke, wie oft sagte er das zu Karin, wann immer sie in Schienennähe spazierten, und früher zu Beate. Nun sah er es wieder, Schrankenmeister sind schlampig, wohl gestern ein paar Schnäpse zu viel gekippt, da winkt er fröhlich - und hinter ihm steht die Schranke offen.

Hans dachte an Karin, er hatte die Kleine lieber als die Große, niemals würde er das Hanna gegenüber sagen. Beate war in den letzten Jahren größer und abweisender geworden, die kleine Karin mit den kurzen dunklen Haaren und ihren fast fünf Jahren erkundete ihre Umwelt noch neugierig, die Augen leicht gekniffen, mit skeptischer kleiner Falte zwischen den Brauen. Vor einem Jahr hatten ihre Pupillen rot geglüht, nie würde er die Enttäuschung dieser Miene vergessen, im Krankenhaus liegend. Karin protestierte mit einem Weinkrampf gegen den Ausfall der Ferienfahrt, nach der sie wochenlang gefiebert hatte. Doch Hans lag hilflos im Bett, ein schwerer Unfall, verbrühte Haut, stechende Schmerzen, vor allem an den roten Armen. Keine Reise, das bedeutete ein Tränenmeer bei Karin. Sie verstand es noch nicht, sie hatte sich so gefreut, er konnte doch nichts dafür. Dabei hatte er die Feuerwehrleute gewarnt: vorsichtig muss man mit dem Kessel sein, wenn man brühend heißes Wasser entnimmt. Doch die Feuerwehr brauchte das Wasser zum Löschen, ein Haus brannte, Eile war geboten, die Lok wurde angehalten, der Schlauch in den Kessel gelegt, hochriskant. Warum hörte niemand auf ihn? Dann knallte es, der Schlauch platzte, so wie er es vorhergesehen hatte. Hans wurde bewusstlos, er hätte sterben können, hätte er nicht die Arme schützend vor sich gehalten. Zu viele Verbrennungen können die Haut nicht mehr atmen lassen. Im Krankenhaus schmerzten ihn wochenlang die versengten Arme und Schultern und die Kehle brannte noch dazu, weil Karin weinte, denn die Sommerreise fiel aus und er lag im Sommer 1960 wochenlang im Krankenhaus. Er trug auch ein Jahr später noch Abdrücke dieses Tages auf dem Arm, viele kleine Narben.

Im Westen würde alles besser werden. So ein Unfall wäre dort undenkbar.

Die Dämmerung warf eine deutsche Flagge auf den wolkenlosen Himmel, mit etwas Fantasie, und Hans steuerte darauf zu. Schwarzer Himmel, rote Färbung des Horizonts, goldene Strahlen der erwachenden Sonne über den Feldern. Fast hätte Hans wegen dieses Farbenspiels nicht die Kühe gesehen, die in der Ferne in Gleisnähe standen. Er sah das Tal vor sich, die Lok tauchte ein, die schwarzweißen Punkte dort hinten, das mussten Kühe sein. Sofort bremste er den Zug, griff zum Funktelefon, runter mit den Tieren, weg von den Gleisen, sofort, kümmert euch drum.

Hans trug nicht nur im Führerhaus die Verantwortung, dass niemand zu Schaden kam. Er war auch Vater, stolzer Vater, Vater einer Familie, Ehemann. Er brachte das Geld nach Hause. Er war auch so etwas wie der Lokfahrer seiner Familie. Am Steuer saß er und gab die Richtung vor, nun Richtung Westen, und ihm gefiel dieser Gedanke.

Die Kühe standen neben der Schiene, müde kauten sie oder saßen im Gras, ihr Anblick, wie sie vorbeizogen, erfüllte Hans mit Wärme. Eine gute Tat für heute. Vielleicht wären die Tiere überfahren worden, hätte er nicht zeitig hingesehen, ein paar Kinder standen auch daneben, mit ledernen Ranzen. Einige hatten den Mund geöffnet und sahen beeindruckt auf die Lok. Die Helligkeit verteilte sich, zog den Vorhang auf für das Leben am Tag. Die Kinder befanden sich wohl auf dem Schulweg. Vielleicht hätte sie der Zug tödlich erwischen können, zum Beispiel, wenn sie Münzen auf die Schienen legten, sich dann hinter das Gebüsch setzten, die platten Stücke zwischen den Pflastersteinen aufsammelten und nicht aufpassten. Nun aber sah er ihre bewundernden Gesichter. Hans dachte nach: Wie oft unterschätzten die Leute das Tempo der Lok? Verträumte Kinder erst. Wir waren früher viel aufmerksamer. Im Krieg mussten wir das sein, wir brachten uns alles selbst bei. Aber heute wird den Kleinen alles vorgemacht, sie wachsen behüteter auf, friedlicher, naiver, und eben argloser.

Der Rangierbahnhof kam in Sichtweite. Hans sah auf die Regler, auf die Steuerung, ab und zu blätterte er im Reparationsbuch und studierte die Störfälle. Die Lok fuhr gut, er saß gerne in ihr, seine Hand wanderte zum geschmierten Brot in der Papiertüte, der Hunger machte sich bemerkbar, Hanna bereitete ihm vor jeder Schicht so liebevoll Köstlichkeiten zu. Dann erschreckte ihn ein Rumpeln.

Das erste Gefühl, was er hatte, war düster. So ein Rumpeln hatte er noch nie gespürt. Es lag etwas auf der Schiene.

In seinem Kopf ratterte es. Ein Tier? Ein Stein? Minuten später, als er die ausgebreiteten Arme des Schichtführers sah, im ungewöhnlichen Takt wedelnd, ahnte er bereits, es war schlimmer, dieses Rumpeln war eine Katastrophe.

Er hatte einen Menschen überfahren.

Hans 1945

Laut heulte die Sirene vom Fliegeralarrn auf. Ein scharfer Kontrast zur leisen Februarnacht, doch Hans zuckte nicht zusammen. Dabei herrschte vor der schrillen Ruhestörung fast Stille, waren durch das geöffnete Fenster seines Zimmers nur ein kühler Wind und die Geräusche des Hofes gedrungen. Die Ziegen, Hühner und Schweine, das vertraute Grunzen, Blöken und Gackern. Aber wie aus dem Nichts verschluckte die Sirene den kompletten Hofhintergrund. Hans saß auf dem Holzstuhl, und es interessierte ihn nicht.

Mehr fesselte ihn das Buch von Maxchen Mohr, aufgeklappt auf seinen Schenkeln. Maxchen, der allerlei Schabernack in seinen Abenteuern trieb. In einer Geschichte stieg der Frechdachs in ein Geschäft und schrieb die Schilder vom Aushang um. Statt Lampen zu verkaufen pinselte er hin: Lumpen zu versaufen. Eine witzige Idee, fand Hans. Selbst solchen Unfug zu wagen hätte ihm wohl auch gefallen, doch fehlte ihm dazu der Mut. Und wie seine Mutter erst reagieren würde? Da gäbe es links und rechts eins auf die Ohren, was falle dem Knaben ein, Vater wäre entsetzt, er muss in der Gefangenschaft in Jugoslawien schon genug leiden. Und dann dieser Unfrieden, haben denn die Jungs von heute gar kein Benehmen mehr?

Als Hans noch ein kleiner Junge war, hatte er weniger Hemmungen. Er fuhr mit Vater Straßenbahn durch Dresdens Zentrum, der Schaffner verlangte kein Ticket, unter drei Jahren war die Mitfahrt ja kostenlos. Beim Aussteigen steckte Hans dann die Zunge raus, Ätsch, ich bin schon vier, und er grinste, und trotzdem hatte er danach ein schlechtes Gewissen. der arme Schaffner, was hatte er ihm denn getan?

Nicht die Sirene nervte Hans, sondern die zwei Fliegen, die beharrlich auf den Unterarmen oder seiner Nase landeten. Kaum hatte er sie verscheucht, kehrten sie zurück. Fliegenalarm hatte er jeden Tag auf dem Hof, nicht Fliegeralarm, dieses Wortspiel hätte gut zu Maxchen Mohr gepasst.

Hans hatte sich an die Warnsirenen gewöhnt, an die routinierte Flucht in den Keller, das Quietschen beim Zuschlagen der Tür, das stundenlange Ausharren im Dunkeln, und daran, dass dann doch nichts passierte, denn wieder ließen sich keine Flugzeuge über Dresden blicken. Einerseits erleichterte es ihn, andererseits stumpfte es ab. Bomben fielen nicht auf Dresden, obwohl die Sirene in den Kriegsjahren etwa 150 Mal aufgeheult hatte. Lediglich drei Ausnahmen gab es, im August letzten Jahres in Freital und Coschütz, im Oktober am Bahnhof in Friedrichsstadt und im vergangenen Januar in Leutewitz und Cotta. Da warfen Flugzeuge mit Bomben, aber zerstört wurden keine Wohnungen, sondern Mineralölwerke und Rüstungsfabriken, militärische Komplexe. Warum sollten die Amerikaner oder Briten Bomben auf den Stadtteil Omsewitz werfen? Was war denn hier schon kaputt zu schießen, außer den kilometerlangen Vieh- und Ackerflächen?

Fliegen statt Flieger.

Und so lernte Hans mit der Zeit, die Sirenen zu ignorieren, er blieb im Zimmer, obwohl mit Erklingen des Alarms der Strom ausgeschaltet wurde. Manchmal blieb er sogar in der Badewanne, Wasser war zu kostbar, es dauerte immer lange, bis es aufgeheizt war und endlich eingelassen werden konnte. Selbst die schreckhafte Mutter gewöhnte sich bald mehr Ruhe an.

3 von über 150 Alarmen. Es machte eine Wahrscheinlichkeit von Eins Komma Drei Periode, dass heute Bomben fallen würden. Hans rechnete gerne, darin war er gut. Die erwachsenen Männer bezeichneten Dresden bereits als Reichsluftschutzkeller, Hans schnappte den Scherz in der Straßenbahn auf, bis hier war es den alliierten Fliegern doch viel zu viel an Flugzeit, in dieser Stadt schien man noch sicher im Gegensatz zu anderen Städten im Deutschen Reich, die in den letzten Monaten heftig bombardiert wurden.

Nach dem nächsten Abwehrschlag seiner Handfläche gegen die nervenden Fliegen zuckte Hans allerdings wirklich zusammen. Ein dumpfer Knall zerrte ihn fort in die Realität, ein Schlag, wie er ihn noch nie zuvor gehört hatte. Wie verschwunden waren in seinem Kopf auf einmal die ganzen Notfall-Simulationen in der Schule und bei der HJ, die Übungen im Falle eines Falles, die immer etwas künstlich wirkten, spielerisch, ja manchmal sogar lustig: Wo stellen wir uns hin? Wo sind wir sicher? Nur der strenge Leiter durfte nicht mitkriegen, wenn heimlich gekichert wurde.

Aber jetzt war mit einem Mal alles anders. Motorengeräusche von Fliegern, ein weiterer tiefer Knall, Poltern im Haus, die wuseligen Schritte seiner Mutter, Hans-Rufe, nun komm schon, schnell, schnell, das Quietschen der Kellertür. Und dann der Keller, kalt und stickig. Mutter und Hans legten sich staubige Decken über. Mutter murmelte nervös, nun ist Dresden fällig, wir waren ja überfällig, auch noch an Fasching, aber ich habe es ja gesagt. Und jeder weitere Knall machte die Angst nur noch schlimmer.

Und dann Stille. Lange Stille. Bis wieder das Röhren zu hören war und es wieder krachte. Die Tür klapperte, sie schien zu zittern, Hans und Mutter rätselten. War der Einschlag direkt über ihnen, oder war das beim Nachbarn? Alles vibrierte. Die immer lauter aufheulenden Motoren der Flieger bildeten Vorboten des nächsten Knalls. Was bleibt von Haus, Schuppen und Stall übrig, überlegte Hans, hoffentlich überleben die Tiere. Auch die Ersparnisse waren im Stall eingemauert, hoffentlich würden sie nicht freigebombt. Hoffentlich, hoffentlich.

Hans wusste, dass ein Keller auch zum Grab werden konnte, wenn die Bombe ungünstig fiel und alles verschüttete. Die Engländer warfen manchmal im Zufallsprinzip Bomben über andere Städte ab, ohne Rücksicht darauf, ob sie Wohnblöcke trafen. Überleben wurde damit eine Lotterie, denn darum ging es ja im Krieg, ums Vernichten, um das Schüren von Angst. Keiner sollte sich sicher fühlen. Hans zitterte und überlegte, ob er heute sterben würde. Und wenn er heute sterben würde, ob seine fünfzehn Jahre Lebenszeit einen Sinn ergeben hatten.

Geboren war er in einem Dunkelpunkt der Geschichte, so sagte es Vater früher. Dezember 1929, am Nikolaustag, im Jahr des Zusammenbruchs, Wochen nach dem Kollaps der Börse und Weltwirtschaft. Nazis und Kommunisten zettelten Raufereien an. Auf den Straßen prügelten, jagten und töteten sie sich gegenseitig, als sei Bürgerkrieg. Als Hans drei Jahre alt war, verschwanden die Kommunisten, sie wurden verboten, die Nazis blieben und marschierten weiter. Von klein auf gab es im Leben von Hans den Führer, der den Deutschen in ihrer tiefen Not Arbeit, Aufräumen, Brot und Stolz versprach, und dafür in vielen Stuben als Heiliger an der Wand hing. Nicht so im Hause der Gärtners.

Der kleine Hans bemerkte schon früh seltsame Dinge. Als er in die erste Klasse ging, wurde Ignatz, der Jude, zwei Bänke im Klassenzimmer weiter hinten, tagtäglich gehänselt, obwohl er doch niemanden ärgerte. Selbst der Lehrer erklärte, das Judentum sei Gift für unser Volk, Ignatz solle gemieden werden. Bald traute sich Hans nicht mehr, mit Ignatz zu sprechen, keiner sollte mit dem rassischen Blutsauger sprechen und dann war Ignatz plötzlich verschwunden und seine Familie auch. Als Hans in die dritte Klasse kam, ging der Krieg los, der bis heute andauerte. Die Leute sprachen davon, wie mächtig Deutschland sei, wie siegessicher das Reich, wie überlegen allen anderen. Und jetzt, in diesem staubigen Keller, war alles ganz anders, jetzt versank das Reich in Bomben.

Vater hatte es ja immer gesagt, bis er eingezogen wurde, am Tisch, beim Abendbrot schimpfte er schon seit Jahren. Er drehte das Radio mit den Siegesmeldungen von der Front aus. Der Hitler bringt nur Unglück, diese Unterdrückung, diese Strenge und diese Rassenlehre, Krieg kann nicht die Lösung sein, das führt uns alle in den Untergang, er hat uns betrogen. Nur außerhalb des Hauses schwieg Vater über Hitler, alle schwiegen draußen. Bloß kein falsches Wort. Als Hans eine Uniform für die HJ besorgen sollte, kaufte Vater mit Absicht keine, sondern er flüchtete sich in Ausreden, es tut mir leid, leider haben wir gerade kein Geld zur Hand, kriegen wir vielleicht Rabatt, nächsten Monat bestimmt. Und zu Hause am Tisch sagte er, für so etwas Schändliches gebe er doch keinen einzigen Pfennig aus. So stand Hans am Anfang bei den Übungen in der HJ zwischen den Jungs wie ein Fremder, mit anderen Kleidern, ohne die vorgeschriebene Uniform und durch Vaters Worte auch ohne Motivation, wie einer, der nicht hineinpasste, und das gefiel dem grimmigen Leiter nicht. Doch er konnte nichts tun, bis es ihm irgendwann reichte, er selbst eine Uniform mitbrachte und sie Hans schenkte.

Seltsam nur, dass Vater nun selbst an der Front in Jugoslawien kämpfte und in Gefangenschaft geriet, im Kampf für Hitler, den er nicht leiden konnte.

Hans kauerte unter der Decke, Mutter hatte die Augen geschlossen und sagte keinen Ton, so als erwartete sie im nächsten Augenblick den Einschlag, der sie in den Tod reißt. Hans macht es seiner Mutter gleich. Vor seinen geschlossenen Augen zog sein Leben an ihm vorbei. Die Jahre der Arbeit auf dem Hof in Omsewitz, auf zweitausend Quadratmetern Land, zwischen Hühnerstall, Ziegen, Schweinen und Kaninchen. Anstrengend war es jeden Tag, aber doch nötig, das Gras mähen als Nahrung für die Tiere, das Melken der Ziegen, das Futter geben und reinigen, das Ausmisten der Ställe. Mutter war oft krank und lag im Bett, Hans musste den Hof pflegen, erst recht, als Vater an die Front kam. Von alleine führte sich der Hof nicht. Es war kein Mann mehr im Haus, also musste das Kind älter sein, als es eigentlich war und Dinge tun, die eigentlich der Hofherr tun musste. Jeden Tag Spaziergänge mit den Ziegen durch die Stadt, füttern, melken, ausmisten, waschen. Nur Tiere schlachten, das konnte Hans nicht, zum Leidwesen von Vater, der Fleischer von Beruf war, und wusste, wie man sie schlachtet und ausnimmt. Doch Hans konnte es nicht, er liebte die Tiere zu sehr. Heute füttern, morgen töten, das ging nicht. Sie schmeckten ihm, wenn sie gebraten auf dem Teller lagen, aber doch bitte nicht daneben stehen bei der Schlachtung, oder sogar selbst das Beil schwingen. Das konnte er nicht, das musste immer jemand anderes übernehmen.

Als vor einigen Monaten ein Zicklein krank wurde, humpelte, am Hinterleib zitterte und nicht mehr Wasser trank, und als Hans das arme Ding zum Tierarzt trug, schaute ihn der Doktor verblüfft an. Was wolle der Knabe, so eine Zeitverschwendung, warum er das Tier nicht einfach schlachte, ein Arzt habe wichtigere Angelegenheiten zu regeln. Das verstand Hans nicht und trug das Zicklein enttäuscht nach Hause. Es lebte nur noch ein paar Tage, bis es morgens regungslos aufgefunden wurde.

Wenn er durfte, spielte Hans draußen mit den Jungs Völkerball, auf den Straßen von Omsewitz, nur wenn ein Auto vorbeikam, mussten sie kurz auf den Bordstein weichen. Völkerball machte Spaß, aber war für Hans nur möglich, wenn die Pflichten im Hof erfüllt waren. Kommst du morgen wieder, Hans, fragten die Jungs. Morgen muss ich wieder helfen, musste er manchmal enttäuscht absagen. Wie sehr mochte Hans Völkerball, vor allem das Ausweichen, wenn die Jungs warfen und warfen, aber ihn einfach nicht trafen, als hätte er eine Tarnkappe auf. Wenn er selbst abwerfen sollte, gelangen ihm selten eigene Treffer, er warf nicht scharf genug. Du bist zu nett, Hans, sagten die anderen dann, und vielleicht war er tatsächlich zu nett, und bei den Mädchen kam das irgendwie nicht an, obwohl sie doch selbst so freundlich miteinander umgingen und über die Kerle schimpften. So grob und frech sind die Jungs. Aber die Maria wählte dann doch den ruppigen Thorsten statt den freundlichen Hans, und ging mit ihm und gab ihm einen Kuss. Und Hans war erst enttäuscht, aber verguckte sich dann eben in Brigitte, doch traute sich nicht, sie anzusprechen, weil er fürchtete, sich lächerlich zu machen. Du bist zu nett, Hans, ein Mann darf nicht zu nett sein.

Völkerball liebte er, das Toben auf den schwarzen Pflastersteinen. Doch er hasste es, wenn Mutter erschien, es ist spät, Hans, die Schweine müssen ausgemistet werden. Bei den anderen Jungs wurden kleine Schwestern oder Brüder geschickt, Hans hatte aber keine Geschwister, er schämte sich, wenn Mutter mit ihrem hellblauen Rock auf dem flachen Bürgersteig mit den runden Kanten stand, die einzige Erwachsene unter Jungs. Die Zeit beim Spielen verging so schnell, dass Hans diese Stunden als etwas Kostbares erschienen. Manchmal tat er so, als habe er die Zeit vergessen, obwohl er genau wusste, wie spät es war. Einmal noch ausweichen, einmal noch werfen, es läuft gerade gut, wir haben fast gewonnen, und dann weckte ihn Mutter mit strenger Stimme vom Bordstein, die Schweine und Ziegen brauchen dich.

- Mami, warum dürfen die anderen immer länger spielen als ich?

- Das sind kleine, verwöhnte Bengel.

- Aber die helfen auch daheim.

- Hans, wenn ich wieder gesund bin, packe ich auch mehr mit an. Und irgendwann kehrt Papi zurück. Aber solange musst du viel arbeiten.

- Das sagst du schon seit Monaten.

- Was ist denn das für ein Tonfall? Du weißt gar nicht, wie gut du es hast. Wie gut es euch heute geht. Als ich so alt war wie du, hatten wir nie Zeit zum Spielen. Sei dankbar.

Diskussionen mit Mutter hatten keinen Sinn, vor allem nicht, wenn sie ihm ein schlechtes Gewissen machte, was sie alles erleiden musste, und zusätzlich die Hand hob, zur Züchtigung bereit. Hans akzeptierte und trottete enttäuscht in den Stall.

Den Schmutz und Matsch beim Ausmisten hasste er, ihn nervten die Fliegen und der Gestank, selbst nach dem Waschen im Wassertopf ging der Geruch des Hofes nicht weg von seiner Haut. Aber Hans blieb keine Wahl, er musste es akzeptieren, auch wenn Dieter bei der HJ an seiner Schulter roch und sich über ihn lustig machte: Du riechst nach Mist, gehst du mit der Uniform in den Stall?

Es gab auch Höhepunkte in der Kindheit von Hans, wenn nicht gerade die Hofarbeit anstand. Zum Beispiel, als der Zirkus Sarasani nach Dresden kam. Da standen die Jungs alle Schlange, Hans mittendrin und staunte und rätselte über die Zaubertricks der Clowns. Unvergesslich blieb der Tag, als ein Zeppelin über Dresden schwebte. Welch ein Großereignis. Und alle legten den Kopf in den Nacken und staunten über diese riesige Zigarre am Himmel.

Viele der Jungs in seiner Klasse rauchten heimlich Zigaretten, wenn gerade keine Erwachsenen in Sichtweite waren, aber Hans traute sich nicht. Verbotene Dinge schüchterten ihn ein. Außerdem hatte er nach einer Lungenentzündung einen eingedrückten Lungenflügel, und die Tuberkulose machte ihm zusätzlich Angst, so viele starben um ihn herum daran.

Wegen Scharlach hatte er bereits ein ganzes Schuljahr verpasst, als er elf Jahre alt war. Trotzdem blieb er in Mathe und Physik der beste der 39 Schüler in seiner Klasse. Rechnen, Formeln kombinieren, Kürzen, wie spannend fand er diese Welt, während die meisten Jungs neben ihm die Augen gelangweilt rollten. Ich will mal Röntgenapparate bauen, sagte er stolz zum Lehrer, wenn ich groß bin. Für diese Arbeit musste man gut in Naturwissenschaften sein. Dann fand die Schule in den letzten Jahren allerdings kaum noch statt, denn fast jeder, auch die Lehrer, mussten an die Front.

Dass die Schule ausfiel, kam der Familie Gärtner nicht ungelegen. Weil Vater in den Krieg zog, gab es auf dem Hof genug zu erledigen, Füttern, Melken, Ausmisten, Waschen, mit Ziegen spazieren gehen, bis es abends endlich Essen gab, meistens Milchreis und Milchgrieß von der Milch der Ziege, oder auch Kartoffeln mit Quark. Nur sonntags kam Fleisch auf den Teller, denn da war Karnickel-Tag, ein Fest der ganzen Familie.

Hans schlug wieder die Augen auf, doch es änderte nichts, denn der Raum war sowieso finster. Wie würde es jetzt da draußen aussehen? Es fühlte sich an wie der Untergang der Welt. Bombe über Bombe fiel, wieder klapperte die Tür. Hans glaubte nicht an Gott. Er verabscheute strenge Führer, ob Gott, ob Hitler. Alles Blender, die alles verbieten und vorschreiben. Aber auf einmal ertappte er sich beim Beten, beim Wunsch nach Rettung durch eine höhere Macht.

Hans 1961 (II)

Der Aufstieg über die Treppen zum dritten Stock kostete Hans mehr Kraft als sonst. Sein Herz pochte, als er vor der Haustür stand und den Schlüssel aus der Tasche kramte. Er sah vor sich das Blut, überall dunkelrot, vertrocknet und verkrustet, ein durchgetrennter Körper, unwirklich wie eine zerfledderte Puppe, die Eingeweide offen und sichtbar, die Knochen zersplittert. Dreimal musste Hans sich korrigieren, weil er den Schlüssel nicht in das Schlüsselloch bekam. Dann ging die Tür endlich auf, zuerst stach der Geruch von Bratwürsten in die Nase, Hanna wusste, wie sehr er sich immer darüber freute, doch jetzt hatte er überhaupt keinen Hunger, gerade noch konnte er den Würgereiz bremsen und schüttelte seine Schuhe ab.

Hanna kam mit einer Schürze zur Tür gelaufen und sah ihm direkt in die Augen. Ihr Lächeln verschwand. Sie erkannte gleich, dass es diesmal anders war als sonst, wenn er von der Nachtschicht kam. Der Kopf hängend, die Augen zitternd, die Haltung gebeugt.

- Es ist etwas Furchtbares passiert…

Sie wartete nicht, bis er weiter redete, sondern schlang ihre Arme sofort um ihn. Er zog sie an sich, so fest, als hoffte er sich damit aus dem Strudel zu retten, in den er geraten war. Seine Augen wurden feucht, er kämpfte gegen die Tränen.

- Sie werden mich anklagen…

Sie erkannte das Schluchzen und merkte, wie wichtig sie jetzt für ihn sein musste, drückte sich noch enger an ihn, roch die Kohle und den Schweiß an seinem Kragen, strich durch seine Haare.

- Ich habe jemanden überfahren, Hanna.

Hanna schluckte.

- …

- Sie haben mich suspendiert, bis zur Verhandlung.

- Oh Gott…

- Ich habe die Frau nicht gesehen. Und jetzt ist sie tot.

Nun erst löste sie sich aus der Umarmung.

- Und was machen wir jetzt? Was wird aus unserem Plan?

- Wir werden das durchziehen. So lange haben wir gewartet, so umständlich haben wir alles durchdacht. Ich verspreche dir, wir werden das schaffen.

Doch seine Augen wirkten nicht mehr so sicher wie noch gestern, sie senkten sich geschlagen, suchten auf dem Boden nach Lösungen und Hoffnung, aber fanden nur Krümel auf dem Teppich.

Der Plan, der große Plan, der Plan ihres Lebens, er spukte schon seit Jahren im Kopf von Hans.

Eigentlich hatte er nie gedacht, dass er ihn wirklich entwerfen würde, dass er tatsächlich rüber machen würde, trotz all der Abneigungen gegen die DDR. Mit dem Überstehen und langsamen Abschütteln der ärgsten Stasi-Repressalien, der Geburt von Karin und der Einstellung als Lokführer schien er fast seinen Frieden gefunden zu haben. Schriftlich schnitt er in der entscheidenden Prüfung mit Vier ab, mündlich mit Drei, nicht glanzvoll für seine Ambitionen, aber was wirklich für ihn zählte, war die Praxiserfahrung in der Lok, und wenige machten ihm da was vor. Er war am Ziel, da sollten die anderen machen, was sie wollten.

Doch schon bald wuchs wieder die Skepsis. Angefangen hatte es vor zwei Jahren mit dem großen Unglück bei der Abendschicht. Hans prüfte gerade die Dichte der Ventile, als es neben ihm explodierte. Sein erster Gedanke war Krieg, es klang wie Omsewitz 1945, wie eine englische Fliegerbombe, die vom Himmel fiel. Hatten die Amerikaner einen Überraschungsangriff auf die DDR unternommen? Sein zweiter Gedanke war Sprengstoff.

Die Arbeiter seiner Brigade stritten sich, ballten die Fäuste. Das kann nicht sein, jetzt sterben wir schon während der Schicht, wir sind doch kein Kanonenfutter, das lassen wir nicht mit uns machen, nie wieder, nicht noch einer wird draufgehen, wir sind doch nicht lebensmüde. Die Vorgesetzten und der Brigadeleiter hoben die Hände. Kommt wieder zur Ruhe, es war ein Unfall, dafür gibt es eine Erklärung. Ihr wisst doch, die Arbeiter in den Bergwerken sind schuld, sie haben geschlampt, sie haben den Sprengstoff übersehen. Es wurde geschubst, gedroht, gerufen. So nicht, nicht mit uns, so lohnt es nicht zu sterben. Und Hans, der selbst einmal eine Dynamitstange aus der Kohle geangelt hatte, fühlte sich bestätigt. Es musste passieren, das Unglück war nur eine Frage der Zeit. Doch Aufregen brachte nichts, die Brigade würde die protestierenden Arbeiter allesamt wegen Aufmüpfigkeit bestrafen und nichts ändern, es war zwecklos.

Nur rüber machen konnte Sinn ergeben, das war der einzige Weg. Und so viele hatten es schon geschafft.

Ungefähr ein Jahr später kam das Unglück, als der Motorradfahrer der Feuerwehr mit Blaulicht seine Lokomotive stoppte, ihn aufforderte, den Schlauch in den Dampfkessel zu stecken. Hans weigerte sich. Ihr seid verrückt. Doch es half nichts, und der Schlauch platzte. Wochenlang lag er mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus, Hanna besuchte ihn täglich mit einem Körbchen Erdbeeren. Kaum bewegen konnte er sich mit den Verbänden, starrte die Decke an und grummelte wütend. Dieser Staat war lächerlich, erbärmlich, unfähig. Hans dachte an Stanoll, an das Einsperren nach langen Nachtschichten in kargen Räumen. Arbeiten Sie endlich mit uns, kooperieren Sie, wir sind im Krieg mit dem Kapitalismus. Erst sanfter Druck, dann drohende Worte. Sie werden es noch bereuen, überlegen sie es sich lieber noch einmal. Er dachte an den Volkspolizisten, der ihn mindestens einmal pro Woche auf dem Weg zur Arbeit anhielt. Stopp bitte, absteigen vom Fahrrad, Ausweis zeigen. Alles mit ausdruckslosem Gesicht und der Zahnlücke unter der grünen Mütze. Aber sie haben mich doch schon die letzten drei Tage angehalten, merken Sie sich keine Gesichter, glauben sie etwa, ich bin heute ein anderer? Und der Polizist mit der Zahnlücke hielt die Hand auf. Halten Sie die Klappe, Ausweis her.

Rüber machen, das war die Lösung, Hans und Hanna strickten eifrig ihren Plan. Das Problem waren lange die Kinder gewesen, vor allem die jüngere Tochter Karin. Mit einem kleinen Kind schaffen wir es nicht, meinte Hanna. Doch Hans hatte genug, immer wieder kochte die Wut. Ich hasse die DDR, ich hasse die Russen, sie haben Hanna geschändet, sie haben uns ausgeblutet, sogar Schweine haben sie abtransportiert damals 1945, ich kann nicht mehr, im Westen wird alles anders. Bald würde Karin ihren fünften Geburtstag feiern. Nun war sie alt genug für die Flucht. Und Beate wurde bereits elf.

Die Verhandlung begann zwei Wochen später im Kreisgericht Dresden. Hans nahm den Weg mit dem Fahrrad. Wieder stoppte ihn dabei der Polizist mit dem versteinerten Blick und der Zahnlücke, Hans schüttelte den Kopf, rollte die Augen, und streckte ihm den Ausweis entgegen.

- Sehr geehrter Herr Kreisgerichtsdirektor Kroh, ich beantrage hiermit die Anklage gegen Hans Gärtner wegen fahrlässiger Tötung der Schienenputzerin Gerlinde Grunewald am 8. April am Rangierbahnhof Görlitz. Durch eine Kollision mit der Lokomotive wurden Rückenmark und Halswirbel durchtrennt, was zum sofortigen Tod führte.

Die Worte des Staatsanwalts trafen Hans, weil sie so nüchtern und brutal ausgesprochen wurden. War er ein Mörder? War er schuldig? Hätte er es verhindern können? Nie hatte Hans auf Leute im Krieg geschossen, nie hatte er andere an die Stasi verraten, nie hatte er Hanna betrogen, und jetzt bestrafte ihn dennoch das Schicksal. Nur einen Verbündeten hatte er, seinen Anwalt Olaf Hübner, ein großgewachsener Mann mit kantiger Brille und hoher Stirn. Hübner wirkte selbstbewusst, in seiner geballten Faust steckte ein Bleistift, er hatte einen Plan, aber er hatte Hans gewarnt. Es würde hart werden.

Die Sonne fiel schräg durch das Fenster und beleuchtete den Raum. So als ob nun alles ans Licht kommen würde.

- Wir würden gerne den Unfallhergang genauer betrachten. Herr Staatsanwalt, bitte berichten Sie.

Der Staatsanwalt stand auf und zuckte mit dem rechten Auge, als ob ihn dort etwas juckte oder ein kleiner Krümel störte.

- Der Angeklagte Gärtner fuhr auf Gleis drei ein. Er hatte die Zustimmung zu dieser Fahrt von der Rangierleitung erhalten. Die tödlich verunglückte Frau Grunewald putzte zu diesem Zeitpunkt die Schienen. Aber Herr Gärtner stoppte den Zug nicht. Weil er langsam fuhr, hätte er Frau Grunewald, die keine Chance hatte, sehen müssen. Deswegen ist er schuldig.

- Einspruch.

Hübner legte Hans eine Hand auf die Schulter, bevor er aufstand. Keine Angst, das klären wir.

- Ich möchte hiermit zu Protokoll geben, dass Herr Gärtner bei der Einfahrt in den Bahnhof von einem entgegenkommenden Zug die Sicht genommen wurde.

Der Staatsanwalt zwinkerte wieder mit dem rechten Auge, der Krümel schien immer noch zu jucken.

- Das ist eine billige Ausrede. Es geht darum, was vor ihm auf der Schiene zu sehen war, nicht daneben.

- Haben Sie sich mal den Streckenverlauf am Bahnhof Görlitz angesehen, Herr Staatsanwalt?

Richter Kroh fiel ins Wort, das sei nicht erheblich in diesem Fall, und ja, Herr Hübner, er selbst kenne die Strecke und nichts sei dabei, was für die These der Verteidigung spreche.

Die erste Verteidigungsstrategie war gescheitert. Zum Glück hatte Hübner noch mehr auf Lager. Er vernahm mit dem Polizisten Albers den ersten Zeugen.

- Herr Albers, Sie haben die Leiche geborgen. Können Sie mir sagen, ob Frau Grunewald ihre weiße Schutzweste trug?

- Nein. Sie hatte ihre Schutzweste nicht getragen.

- Können Sie mir sagen, ob sich Frau Grunewald an diesem Morgen vorschriftsmäßig bei der Ortsaufsichtsführung gemeldet hatte?

- Nein, das wurde in der Schriftführung nicht vermerkt.

- Danke. Keine weiteren Fragen.

Hübner setzte sich und blinzelte Hans zu, dieses Zwinkern gab Mut. Staatsanwalt Hünich zuckte allerdings noch heftiger mit dem rechten Auge, der Krümel war trotz mehrfachen Reibens noch immer nicht beseitigt.

- Herr Albers, können Sie mir sagen, ob es bei der Leiche noch weitere Gegenstände gab, die gefunden wurden?

- Ja, wir haben einen Reinigungsbesen geborgen. Er klemmte zwischen der Gleiszunge und der Weichenzunge.

- Welche Farbe hatte der Reinigungsbesen?

- Er war orange.

- Können Sie mir sagen, ob man den Besen aus einer Entfernung von zweihundert Metern erkennen kann?

- Ich denke ja.

- Einspruch, das ist rein hypothetisch.

- Herr Richter, es geht um den Tathergang.

- Ich lasse die Frage zu.

- Und wenn der Besen von einer Person getragen werden würde?

- Ich denke, man konnte eine Person mit Besen schon aus weiter Entfernung sehen, selbst ohne Warnweste.

- Hat Frau Grunewald helle oder dunkle Kleidung am Tag ihres Todes getragen?

- Sie hat helle Kleidung getragen.

- Danke. Keine weiteren Fragen.

Hübner verzog das Gesicht. Auch die zweite Strategie der Verteidigung lief ins Leere. Das Verfahren wurde vertagt.

Auf dem Heimweg dachte Hans wieder an die zweigeteilte Frau, das Blut, die Knochenstücke, die Gedärme. Er musste auch an einen Fuchs denken, der vor drei Wochen neben dem Zug rannte, fast im gleichen Tempo, wie ein treuer Hund, als er die Elbe entlang fuhr, und der Fuchs neben ihm her jagte, auch mit einer Leiche, einer blutenden Ente im Maul, bis der Zug das Tier doch noch abhängte. Hans überlegte, ob er überhaupt je wieder eine Lokomotive steuern würde.

Hans 1945 (II)

Die ganze Nacht lag Dresden hell erleuchtet, überall brannte es. Nun am Tag waren die Feuer der abgeworfenen Bomben gelöscht, doch der Geruch verfolgte Hans. Aus jeder Richtung stieg es ihm stechend in die Nase, so ähnlich, als ob auf dem Herd in der Küche bei Mutter etwas angebrannt war, nur viel penetranter und vor allem allgegenwärtig.

Die Steine glühten noch zum Teil von der Hitze, alles war schwarz, überall lagen Holzklötze, Schutt, die Häuser wirkten wie Stummel. Hans irrte umher zwischen schwarzen Aschebergen und durch das Feuer geschrumpften Menschen. Er suchte die vertrauten Häuserfassaden und Gärten, die ihm einst Orientierung in Dresden gaben. Vergeblich. Er sah nur Berge aus verkohlten Überresten. Bald wusste er gar nicht mehr, wo er sich überhaupt befand.

Alles wirkte tot, wie eine Wüste aus Asche. Wie soll es hier jemals weitergehen? Wie soll das alles wieder zu einer Umgebung werden, in der man leben kann, in der man leben will? Als hätte er, nach Stunden des Bombardements, und weiteren Stunden der Stille im Keller in Omsewitz, den Planeten gewechselt, und nun hatte er eine Welt betreten, die es gar nicht geben konnte.

Er hatte Dresden geliebt. Wie gerne fuhr er einst mit im Mercedes V 170 von Onkel Erich, dem ersten mit Schwingachse, um die Kurven der Innenstadt, über die Hauptstraße, durch Plauen, Altstadt, Blasewitz, stolz sah er aus dem Fenster, die Häuser, Parks, Fabriken und Geschäfte zogen an ihm vorbei, und Erich kämpfte mit seiner Stimme gegen den Lärm des Motors und erklärte Hans seine Stadt.

Er hatte die Seele Dresdens geliebt. Wie die Menschen vor ein paar Wochen spontan auf die Straße liefen, der Strom war überall ausgefallen, die Straßenbeleuchtung abgeschaltet, wegen dem Fliegeralarm. Die Straßenbahn stoppte mitten am Hang, und alle kamen dazu, hielten eine Hand oder zwei an das Gefährt, schoben und drückten und zogen, und bald hatte es die Bahn den Berg hoch geschafft, und als es abwärts ging, sprangen alle auf und rollten mit, Hans war natürlich dabei, und als es geschafft war, klatschten die Leute in die Hände, jubelten und lachten. Ein unvergesslicher Moment.

Jetzt waren es Erinnerungen aus einem Dresden, was nicht mehr da war, nun stand Hans zwischen Trümmern, Häusern wie Gerippe, er blickte auf Einschläge und Löcher in den Straßen, teilweise fünf Meter tief, man konnte sogar die Schächte der Kanalisation erkennen. Menschen mit Schubkarren liefen am Altmarkt vorbei. Erst nach einer Weile bemerkte Hans geschockt, dass sie Leichen schoben. Die Schubkarren wurden umgekippt und die Toten gestapelt. Die Frauenkirche, die Staatsoper, die Kaufhäuser, die Leitungen der Straßenbahn, Hans konnte die unzähligen Orte der Zerstörung gar nicht mehr alle aufnehmen, während er stundenlang durch die Ruinen irrte.

Dann stoppte er am Röntgenwerk, oder an dem, was davon noch übrig war. Der Ort, auf den er seine Zukunft setzen wollte, die ersehnte Ingenieursschule. Er dachte an die Röntgenapperate, die er mal hier bauen wollte. Jetzt sah alles aus wie ein Berg aus Schutt, alles war kaputt, seine Hoffnung, sein Traum. So viele Eindrücke hatte er nicht verarbeiten können, weil sie ihm so unwirklich erschienen. Das konnte nicht wahr sein. Das hier war nicht echt, nur ein Alptraum. Erst in diesem Moment begann er zu verstehen, dass es die Wirklichkeit war. Es ist wahr, es ist wahr, es ist wahr, Dresden ist kaputt, kaputt, kaputt. Ihm schossen Tränen in die Augen, er konnte nicht mehr stehen, fiel nach hinten in den Staub, den Schmerz nahm er nicht wahr, er wünschte sich nur noch, zu sterben.

Die nächsten Tage fühlten sich an wie eine Beerdigung. Goebbels sprach im Radio von 40 000 Toten. Hitler versprach, für jedes Opfer einen alliierten Piloten zu ermorden. Die Menschen auf der Straße sahen sich kaum mehr an. Ihre Blicke gingen meist zu Boden. Sie griffen stumm nach Steinen und Schutt, grüßten nicht mehr. Manche fragten nach Essen oder Zigaretten.

Und es wurde immer schlimmer. Als Hans an einem Nachmittag die HJ besuchte, teilte der Leiter die Knaben in Siebenergruppen ein. Jetzt seid ihr an der Reihe, Jungs, der Befehl lautet Verteidigung des Vaterlandes, Notdienstverordnung des Reiches, ab Vollendung des 15. Lebensjahres macht jeder mit, der eine Waffe halten kann, ihr besucht noch einen kurzen Schießlehrgang, dann gibt es den Marschbefehl ins Grenzgebiet, um den Soldaten als Unterstützung zu dienen.

Manche der Jungs jubelten, jetzt schlagen wir zurück, ein Traum geht in Erfüllung. Ich will sein wie Werner Mölders. Ich wie Günther Prien. Wir werden den Iwan ausräuchern. Und der Leiter verzog den Mund zu einem sanften Lächeln. Eure Stunde ist jetzt gekommen.

Bei Hans und den Jungs in seiner Gruppe wollte nicht so recht Euphorie aufkommen. Die Blicke wanderten unsicher hin und her. Tut es für den Führer und eure Zukunft, brüllte der Leiter.

Es ging alles so schnell für Hans, zwischen Dresden in Trümmern, dem Wühlen in Schuttbergen, den Bergen der Toten, dem Aschegeruch und dem Einsatzbefehl zum Volkssturm und dem Marschieren durch unbekannte Wälder und Orte. Er kam sich bald wie eine Marionettenpuppe vor, an der von allen Seiten gezogen wurde.

Die Jungs in seiner Gruppe hatten fast alle keine Lust auf den Krieg. Sie fürchteten sich davor, sie mussten jetzt auf eine Front zuwandern, die sie am liebsten nie erreichen wollten. Es war ein kalter April. Sie froren in ihren kurzen Hosen und den zu großen Soldatenuniformen aus dem verlorenen Afrika-Feldzug, gefunden in irgendeiner vergessenen Kleidungskammer. Keiner gab ihnen eine Karte. Bald wussten sie gar nicht mehr, wo sie sich befanden, im Zweifel ging es immer durch den Wald. Dort war der Kontakt mit dem Feind am wenigsten möglich.

- Ich sterbe nicht für Hitler.

- Sag das nicht so laut.

- Mein Vater sagt, dass Hitler ganz viele Menschen weggesperrt hat, nur weil sie etwas gegen ihn gesagt haben.

- Bist du wohl vorsichtig, was du sagst? Wenn uns jemand hört, dann kommen wir an den Galgen.

- Na und, wer soll uns denn hier hören?

- Also ich sehe hier niemanden. Glaubst du etwa, einer von uns verpfeift die anderen?

- Ich sehe auch niemanden.

- Ich auch nicht.

- Wer weiß, ob wir überhaupt wieder lebendig zurückfinden?

- Wo sind wir denn überhaupt?

- Irgendwo im Wald.

- Schlauberger.

- Dummkopf.

- Selbst Dummkopf.

- Idiot.

- Selbst Idiot.

- Hört doch mal auf, euch zu streiten. Wir müssen rauskriegen, wo wir sind.

- Und was bringt uns das dann? Wir haben ja nicht mal einen Befehl.

- Ja genau. Was ist denn eigentlich unser Befehl?

- Fragt ihr mich wirklich, was wir tun sollen? Wir sind im Krieg.

- Aber hier ist doch niemand.

- Ja, hier ist gar keiner.

- Genau.

- Deswegen laufen wir ja auch Richtung Osten. Dort sind Soldaten, die unsere Hilfe gut gebrauchen können.

- Aber wir haben doch nur ein Gewehr.

- Genau, wie sollen wir denn zu siebt mit einem Gewehr kämpfen?

- Zeig mal her, das Ding, das sieht irgendwie stark aus, viel schöner als auf den Fotos.

- Vorsicht. Damit spielt man nicht.

- Schaut mal, wenn ich das Gewehr neben Hans halte: Wer ist größer, das Gewehr oder Hans?

- Blöde Frage. Wenn du das Gewehr in die Luft hältst, ist es natürlich größer als Hans.

- Aber da fehlt nicht viel.

- Na und? Du bist auch nicht viel größer.

- So ein Gewehr hat einen harten Rückstoß, ich kann damit überhaupt nicht zielen. Wie haltet ihr das Ding nur gerade?

- Weil du ein Schwächling bist.

- Selber Schwächling.

- Wollen wir mal austesten, wer ein Schwächling ist?

- Könnt ihr euch mal verhalten wie Soldaten und nicht wie kleine Kinder? Gib mir endlich das Gewehr!

- Leute, wisst ihr eigentlich, wie sinnlos das Ganze ist? Wir wandern zu siebt ohne Karte und ohne Befehl mit nur einem Gewehr in den Kampf gegen den Iwan.

- Hört auf, wir dürfen nicht an den Befehlen zweifeln. Wir haben einen Auftrag.

- Welchen Auftrag denn?

- Genau, welchen Auftrag denn?

- Ihr seid einfach zu blöd für den Krieg.

- Gar nicht, es ist nur sinnlos.

- Ach, hast du wieder Angst. Machst du dir in die Hosen?

- Jungs, hört doch mal mit dem Mist auf. Wenn uns jemand beobachtet, kriegen wir mächtig Ärger.

- Glaubst du, niemand hat etwas Wichtigeres zu tun als uns zu beobachten?

- Ich glaube, da steht jemand hinter dem Baum.

- Blödmann.

- Aber da hinten ist wirklich was. Seid mal ruhig!

- Verdammt. Da ist jemand. Psst!

- Wer nimmt die Waffe?

- Sei still!

- Das ist doch nur ein Wanderer.

- Und wenn es der Iwan ist?

- Versteckt euch.

- Das ist bestimmt der Iwan.

- Na klar, ganz allein im Wald, außerdem läuft der ganz woanders hin.

- Ich glaube, du hast Recht.

- Es war doch nur ein Wanderer.

- Ihr klingt wie Feiglinge. Warum bin ich bloß euch zugeteilt worden?

- Wisst ihr was? Wir können den Krieg gar nicht mehr gewinnen.

- Aber hörst du denn kein Radio? Das klingt da doch ganz gut. Wir werden schon noch zurückschlagen. Vertraue deinem Land.

- Aber doch nicht mit solchen Feiglingen wie dir.

- Blödmann.

- Selber.

- Das ist alles Quatsch. Mein Vater sagt, im Radio werden nur Lügen erzählt. Wir können den Krieg gar nicht mehr gewinnen. Die Amerikaner und die Russen haben uns eingekesselt.

Und so marschierten die Jungs weiter. In Gasthäusern machten sie Station, bekamen eine Suppe auf den Tisch gestellt. Und der Wirt lobte die Jungs, wie tapfer sie seien, ihnen gehöre die Zukunft, ihr habt in Dresden so viel durchmachen müssen, ich schiebe euch ein paar Betten zusammen, dann könnt ihr euch wärmen für den morgigen Tagesmarsch. Und die Jungs wollten sich schon Geschichten ausdenken, um anzugeben, doch da die Front noch zu weit entfernt lag, fielen ihnen keine Heldentaten ein, man hätte ihnen ja doch nicht geglaubt. Am helllichten Tag, wenn sie wanderten, wählten sie weiter lieber den Waldweg statt die Straße, um auf keinen Fall in Kampfhandlungen zu geraten.

- Wir brauchen keinen Führer, die Nazis sind hinüber, die Wehrmacht fährt uns an die Wand, unsere Stadt ist abgebrannt.

- Bist du wahnsinnig, jetzt zu singen?

- Wenn uns jemand hört, hängen wir am Galgen.

- Quatsch. Kommt, singt mit.

- Ich weiß nicht.

- Jetzt sei kein Feigling.

- Wir sind doch nicht die sieben Zwerge.

- Ja, uns fehlt das süße Schneewittchen.

Bald sangen sechs der sieben Jungs, während einer schmollte: Wir brauchen keinen Führer, die Nazis sind hinüber, die Wehrmacht fährt uns an die Wand, unsere Stadt ist abgebrannt.

- Moment Mal, hier waren wir doch schon gestern.

- Sag bloß, wir haben uns verlaufen.

- Wo sind wir denn jetzt?

- Zwischen Sebnitz und Hohnstein.

- Geht es vielleicht etwas genauer?

- Gestern sind wir an Lohsdorf vorbeigelaufen.

- Wisst ihr was, ich gehe nach Hause. Ich habe keine Lust mehr auf diesen Blödsinn. Das ist doch alles nur Mist.

- Bist du von allen Sinnen verlassen?

- Nein, das ist mein Ernst. Wollt ihr mit einer einzigen Waffe kämpfen? Dann geht ruhig weiter. Aber ohne mich. Das ist alles lächerlich.

- Er hat Recht. Wir wollen doch gar nicht kämpfen. Warum sonst laufen wir immer durch den Wald? Weil wir einen Kampf vermeiden wollen.

- Kein Iwan ist in Sicht, und ich will auch keinen sehen.

- Du bist ja auch ein Feigling.

- Idiot.

- Selber.

- Aber er hat Recht. Was soll das Ganze? Ich gehe auch zurück.

- Ich auch.

- Ich auch.

- Ihr seid alle Feiglinge. Ihr solltet euch schämen. Eure Väter würden euch nicht mehr in die Augen sehen, wenn sie das wüssten.

- Hier, nimm das Gewehr, erschieß uns doch. Oder gehe weiter und erschieß ein paar Russen. Viel Glück.

- Ja, ich wünsche dir auch Glück.

- Ihr wisst, dass auf die Desertion die Todesstrafe steht?

- An der Front sind wir auch tot, was sollen wir denn ohne Waffe machen? Außerdem habe ich keine Ahnung, wie man im Krieg kämpft.

- Ganz einfach, alle erschießen.

- Du bist so ein Idiot.

- Selber Idiot.

- Und was macht ihr, wenn ihr erwischt werdet?

- Wir verstecken uns einfach. Es ist sowieso bald vorbei. Ich sterbe nicht für so einen Schwachsinn.

- Ihr seid solche Feiglinge.

- Mach doch was du willst.

- Ich bin also der Einzige, der weitermarschieren will?

- Sieht so aus.

- Aber ich kann doch nicht alleine in den Krieg, ich brauche eine Armee, ich brauche euch, euer Land braucht euch.

- Es ist deine Entscheidung.

- Mach was du für richtig hältst, aber ohne uns.

Am Ende wanderten die sieben Jungs dann wieder geschlossen zurück. Immer Richtung Dresden. Sie liefen im Gleichschritt durch die Straßen, mit strengem Blick und aufrechtem Rücken, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Im Wald spielten sie Fange und versuchten, sich zu verstecken, wenn Flugzeuge tief über ihnen flogen. Ende April war es noch immer kühl und das Laub der Bäume begann erst zu erblühen und bot noch keinen ausreichenden Schutz für Blicke von oben. Flugzeuge sahen mehr als die Menschen, denen sie begegneten. Die Piloten konnten sie verpfeifen. Wenn die Jungs Hunger hatten, pflückten sie in den Büschen Kirschblüten. Wieder übernachteten sie in Gasthäusern, diesmal erzählten sie Geschichten von der Front, dass sie ein paar Russen erschossen hätten, und der Wirt lobte, das habt ihr gut gemacht. Doch er zweifelte auch. Aber warum geht ihr denn von der Front weg. Und die Jungs erklärten, sie sollen sich alle vor Dresden sammeln und dort auf weitere Befehle warten. Der Volkssturm laufe heiß, Befehl ist Befehl. Dann marschierten sie im Gleichschritt weiter. Und wenn sie alleine im Wald liefen, sangen sie wieder ihr Lied.

Nach einer Woche, der Mai hatte gerade begonnen, stand Hans endlich wieder vor der Haustür in Omsewitz. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, seit er das letzte Mal daheim war. Die Tür war verschlossen. Er klopfte, doch niemand öffnete. Er sah durch das Fenster und konnte nichts erkennen.

Er legte sein Ohr an die Tür und hörte, wie jemand im Haus lief. Noch einmal klopfte er und wartete ab. Wieder nichts.

- Mach auf, Mama. Ich bin wieder zurück.

Keine Reaktion. Plötzlich hörte er ein Schluchzen, direkt hinter der Tür. Noch einmal klopfte er, diesmal sehr viel kräftiger.

- Jetzt mache schon auf, was soll denn das?

Mutter schien zu weinen, direkt hinter dem Holz, doch sie sagte nichts.

- Ich bin wieder zurück. Lass mich bitte rein.

Langsam dämmerte Hans, dass irgendetwas nicht stimmte. Warum öffnete sie nicht die Tür, sondern weinte?

- Bitte geh, Hans. Bitte geh. Ich lasse dich nicht rein.

- Warum denn nicht?

- Du bist desertiert. Du darfst gar nicht hier sein.

- Ich bin nicht desertiert. Der Leiter hat gesagt, wir sollen nach Hause gehen und uns frische Kleidung besorgen.

Er log und wusste schon, während er es sagte, dass Mutter es ihm nicht abnehmen würde. Schon immer war er ein schlechter Lügner gewesen. Schnell wurde er rot dabei. Doch obwohl sie das nicht sah, hörte sie es heraus.

- Sie töten mich, wenn ich dich reinlasse. Geh!

- Mama, tu mir das nicht an! Bitte! Soll ich draußen sterben? Bist du jetzt etwa für Hitler? Lass mich rein!

Doch sie antwortete nicht mehr. Hans schlug dreimal hart gegen die Tür, Wut und Angst kochten in ihm.

Die Tiere grunzten und gackerten. Ein trockener Wind schüttelte die quietschende Tür an der Scheune, auf dem Boden sah er die Fußspuren der Mutter. Kurz zuvor musste sie noch hier entlang gelaufen sein. Es roch nach Schweinemist und Hühnerfutter. Bis auf die erblühenden Bäume war alles auf dem Hof exakt so, als ob er nur einen Tag fortgewesen war. Aber er war verstoßen worden. Er hatte keine Berechtigung mehr hier zu sein.

Hans schaute um sich, zu großes Interesse konnte tödlich sein. Er rannte los, weg aus Omsewitz, weit weg, bis er in einen Wald kam, einen Wald, ähnlich wie in den letzten Wochen, als er mit den HJ-Jungs marschierte. Er sprang über die Gräser, die umgefallenen Stämme, das Moos. Immer tiefer rannte er hinein, bis er sich sicher sein konnte, dass er wirklich alleine war. Dann sank er an einem Baum nieder und begann zu weinen. Er hasste seine Mutter. Er hasste Hitler. Er hasste den Krieg. Er hasste die Bombenflieger. Und wieder wünschte er sich, die Welt würde einfach nur untergehen.

Hans 1961 (III)

- Was macht unser Plan, Hans?

- Wir müssen Geduld haben.

- Wie lange noch? Ich habe Angst.

- Was soll ich denn tun? Jetzt schauen sie bei mir genauer hin. Wenn ich nun flüchte, dann sieht das so aus, als ob ich eigentlich schuldig bin und nur vor den Konsequenzen fliehen will.

- Was machen wir?

- Vertrau mir, wir schaffen das, wir haben alles genau geplant.

Eigentlich war es so einfach mit dem rüber machen. Nach Berlin fahren, einsteigen in die S-Bahn im Osten der Stadt, aussteigen im Westen, und schon wäre man am Ziel. Eigentlich so einfach, wäre da nicht die Staatssicherheit mit ihren Augen, die gefühlt überall lauerten, vor allem am Grenzübergang.

Der Plan besaß viele Unwägbarkeiten und Tücken. Vor einem halben Jahr hatten Hans und Hanna gewagt, die riskante Flucht durchzuspielen. Sie fuhren nach Berlin. Bei der Friedrichstraße standen sie schon im Waggon der A1 Richtung Zoologischer Garten, die Hand verschwitzt an der Haltestange im Abteil, die Füße nervös aufeinander tretend. Von jetzt an waren es nur noch wenige Haltestationen vom Ostteil Berlins bis zum Westen. Der Zug wippte in Richtung Grenze, als Hans plötzlich das Gesicht von Stanoll erblickte. Stanoll saß im Abteil! Er trug seinen grauen Mantel, schien eine Zeitung zu lesen, ab und zu sah er in seine Richtung. Hans überfiel Panik, er wurde beschattet! Er griff nach Hannas Hand, zog sie an sich und beide sprangen flink aus dem Zug, bevor die Türen zuschnappten.

Was sollte das, fragte Hanna verdutzt. Und Hans schaute Stanoll wortlos durch die Scheibe an, bis dieser ihm einen kurzen irritierten Blick erwiderte, und es war gar nicht Stanoll dort im Zug, nur ein ähnlich aussehender Herr im grauen Mantel. Wir nehmen die nächste Bahn, sagte Hans noch immer verwirrt und presste die Lippen zusammen. Er musterte die Leute auf dem Bahnsteig, suchte einen weiteren Stanoll, und überlegte, ob er an Wahnvorstellungen litt.

Im Westen war es dann bunt, eine Ankunft in einer anderen Welt. Junge Menschen mit nie zuvor gesehenen Kleidern, sie wirkten viel hübscher und reicher und gepflegter als in Dresden, Leuchtreklamen, unbekanntes Obst und Gemüse in den Läden in fantastischen Farben, bunte Litfaßsäulen mit wundervollen Namen, Persil, Coca-Cola. Die Eisenbahnen am Zoologischen Garten fuhren mit Strom und nicht mit Dampf. Volkswagen-Käfer rollten vorbei, die Menschen drängelten sich auf den Bürgersteigen. Einer schob Hans zur Seite. Starren Sie doch kein Loch in die Häuserwand. Schnodderiger Akzent. Hans fühlte sich wie ein Zwerg. Er war so neidisch auf alle um ihn herum, die in diesem Westen leben durften. Im KaDeWe kaufte er einen rosa Reifen für die Mädchen daheim. Der kostete ein gefühltes Vermögen.

Auf dem Heimweg kam es ihm vor, als reise er zurück in die Vergangenheit, zu den weniger schönen, weniger reichen, weniger bunten, weniger stolzen Orten, zurück in das triste Dresden. Trotzdem überfiel ihn zum ersten Mal seit Beginn des Planes Wehmut. Seine triste Heimat, seine triste Umgebung, alles war trist um ihn herum, aber es war SEINE triste Stadt. Was kannte er schon von dem Glanz dort drüben? Er könnte mit Beate und Karin nicht seine geliebten Ausflüge zu Burgen, Kirchen und Schlössern machen, er könnte nicht durch die Berge wandern und dabei Geschichten über die Fürsten und Kaiser des Mittelalters erzählen, die er auswendig kannte. Die historischen Anekdoten, die er so gerne von sich gab, über Schloss Wesenstein, Königsstein, Lilienstein. Im Westen kannte er sich nicht aus, dort erwarteten ihn nur Täler und Berge und Gebirge, zu denen er keine Beziehung hatte.

Am zweiten Verhandlungstag wirkte Hübner nicht mehr so selbstbewusst wie zuvor, sondern etwas zerstreut. Die Stimmung im Saal wirkte bedrückt, keiner sagte mehr Worte als unbedingt nötig. Hübner fuhr sich nervös durch die Haare, er wandte seine dritte Strategie an.

- Die Verteidigung ruft die Zeugin Sommer auf. Frau Sommer, wie ist ihr Verhältnis zu Frau Grunewald?

- Wir teilen uns manchmal eine Schicht.

- Kennen Sie sich nur beruflich oder auch privat?

- An manchen Tagen sind wir nach Schichtende gemeinsam im Wirtshaus ein Bier trinken gegangen.

- In welcher Verfassung befand sich Frau Grunewald in den Tagen vor ihrem Tod?

- Sie war unglücklich und hatte familiäre Probleme. Sie weinte und sprach darüber, dass es mitunter besser sei, sich vor eine Maschine zu werfen.

- Danke. Keine weiteren Fragen.

Staatsanwalt Hünich war an der Reihe, diesmal zuckte sein rechtes Auge nicht.

- Frau Sommer, ich bedaure den Verlust ihrer Freundin. Darf ich eine Frage stellen?

- Ja.

- Hat Frau Grunewald jemals ausdrücklich davon gesprochen, dass sie sich umbringen will?

- Immer nur indirekt.

- Vielleicht hat Frau Grunewald wie viele von uns manchmal einfach nur Dinge gesagt, um sich Luft zu verschaffen. Haben Sie Schwankungen in ihrer Stimmung festgestellt?

- Oh ja, an einem Tag war sie hochglücklich und am nächsten konnte sie sehr betrübt sein. Die Stimmung wechselte schnell bei ihr.

- Keine weiteren Fragen.

Als der Richter nochmal vertagte, ballte Hübner mit der rechten Hand eine Faust und schlug sanft auf den Tisch. Dabei zerbrach der Bleistift in seiner Faust. Hans wusste nicht, wo er stand in diesem Verfahren. Er flüsterte zu Hübner.

- Was bedeutet das?

- Jetzt müssen wir hoffen.

- Muss ich ins Gefängnis?

- Alles kann passieren.

- Und wieso ist mein Heizer Hermann nicht hier vor Gericht?

- Soll das ein Witz sein? Er hat die Lok doch nicht gesteuert.

- Aber er hätte die Schienenputzerin auch sehen können.

- Und er ist in der Partei.

Die Tage bis zum Fortgang der Verhandlung zogen sich. Der Juli ging auf das Ende zu, in Dresden war es heiß wie in einem Kessel. Hans saß mit einem lauwarmen Bier vor dem Fernseher, konsterniert und betrübt, er sah Bilder vom Weltall, Gagarin, Titow, Satelliten, Raketenstarts mit Feuerflutungen, Landungen mit Fallschirm, militärische Ehrungen. Er hörte große Worte vom technologischen Vorsprung, und er fragte sich, ob der Sozialismus vielleicht doch gewinnen könnte. Vielleicht war das alles ein großer Fehler. Vielleicht war der Osten weniger glanzvoll, aber dafür geschickter und schlauer. Was wenn sie dort drüben für den Triebwagenfahrer aus dem Sozialismus keine Verwendung finden würden? Was wenn er alles im Nachhinein bereute? Wenn er Dresden vermisste? Wenn Hanna unglücklich werden wird? Die Eindrücke Westberlins flackerten noch immer vor seinem Auge und verwirrten ihn, unübersichtlich und grell.

Was war hinter der Oberflächlichkeit im Westen?

- Nun mach doch nicht so ein miesepetriges Gesicht. Jetzt wird der Westen mit der Rakete überholt.

Gottfried stand in der Stube und ließ ein weiteres Bier zischen. Weil Hans ihn nur wortlos anblickte, setzte er sich neben ihn und gab ihm einen Klaps auf die Schulter.

- Sieht nicht gut aus?

- Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie meine Chancen stehen.

- Ich glaube nicht, dass sie so einen guten Lokfahrer wie dich zum Schafott führen.

- Im Westen gibt es E-Loks, Gottfried. Ich habe sie gesehen, die fahren dort alle mit Strom.

- Elektroloks gibt es bei uns auch bald. Warte mal ab, wir machen das hier nur noch ein bisschen ausgetüftelter. Wie mit den Kosmonauten in ihren Raketen. Der Sozialismus kann das viel besser als der Kapitalismus.

- Wer weiß, ob das so kommt. Die Russen haben doch damals unser Energienetz abgebaut. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

- Hans, du kannst es nicht lassen. Jeden Tag redest du davon, was die Russen ´45 bei uns geklaut haben. Wir leben jetzt im Jahr 1961 und du bist nicht mehr 15, sondern 31 Jahre alt.