Rhealistische Zeiten - Stephan Claus-Kröger - E-Book

Rhealistische Zeiten E-Book

Stephan Claus-Kröger

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Beschreibung

In der Aufbruchsstimmung der 80iger Jahre fassen Hardy, Bärbel und Kalle den Entschluss, alle Zelte abzubrechen, einen alten dänischen Frachtensegler zu kaufen und Charterfahrten im Mittelmeer anzubieten. Schon am ersten Tag an Bord ihres Schiffes "Rhea" überschlagen sich die Ereignisse, sind sie mittendrin in einer Welt voller Abenteuer. Unzulänglichkeiten des Oldtimers sorgen für Aufregung und Gefahren auf See. An der türkischen Küste geht ihnen die Rhea verloren. Wie kam es dazu? Können sie das Schiff zurückerlangen? Und welche Rolle spielt der Schotte Malcolm, der Jahre später ein starkes Interesse an den Erlebnissen von Kalle entwickelt, bevor er unvermittelt verschwindet?

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EPUB
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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Stephan Claus-Kröger

Rhealistische Zeiten

Roman

Impressum:

Verlag:

tredition GmbH, Hamburg

www.tredition.de

Copyright © 2015 Stephan Claus-Kröger

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Bernhard Gumb

Bezug über tredition Buch-Shop und den Buchhandel

ISBN:

978-3-7323-5299-9 (Paperback)

978-3-7323-5300-2 (Hardcover)

978-3-7323-5301-9 (e-Book)

Gewidmet

meiner lieben Frau Wiebke

und

meinem besten Freund Bernhard

Inhalt

In der Hitze der Nacht

Preston Court

Montag

Im Schein der Petroleumlampe

α

Die Idee

β

Kiekeboe

Der Seesack

γ

Eisgang

Die Fri

δ

Kreuzknoten

ε

Eroberung des Olymp

Dienstag

ζ

Scylla und Charybdis

η

Schoten und Fallen

Weiße Hunde

θ

Kommanditistensause

Die Lady Ann

Mittwoch

ι

Søby

κ

Ketelbinkie

λ

Mastbruch

μ

Saltholmen

ν

Olivers Debüt

Donnerstag

ξ

Mediterrane Aussichten

ο

Der Untergang der Hernil

π

Abtakeln

ρ

Jack Holborn

ς

Winternacht

τ

Auftakeln

υ

Phönix aus der Asche

φ

Mare Balticum

Freitag

χ

Wüstensand

ψ

Portes, Plakoto, Fevga

ω

Meuterei

Ebbstrom

Tabula rasa

Glücksesel

Trau, schau, wem

Epilog

Glossar

Perspektive

Schier endlos in den Himmel ragende Bäume.

Erfüllt von der stoischen Ruhe des Waldes konzentrierte ich mich auf die Rundungen, die Längen,

den geraden Wuchs einzelner Exemplare.

Welcher würde den Kräften des Windes und den Urgewalten

der See zu trotzen vermögen,

wenn das Schiff in den Wellen hin und her geworfen wird

und aufgeblähte Segel daran reißen?

Elastisch und formstabil müsste der gewachsene

Stamm

seine Haltung bewahren können.

Bis ich ihn gefunden hatte,

den Schiffsmast,

der schier endlos in den Himmel ragte.

In der Hitze der Nacht

Es ist keine dieser sternklaren Mittelmeernächte. Umhüllt von tiefster Finsternis sucht sich das Schiff seine Bahn, legt es sich mit jeder schräg heranrollenden Welle ächzend auf die Seite. Unheimlich knatternd schlagen die Segel gegen die Wanten: knarrendes Holz, gurgelndes Rauschen der Wellen, die schäumen, spritzend gegen die Bordwand klatschen, den Rumpf anheben und darunter durchlaufen. Mit festem Griff steuere ich Welle für Welle aus, den schwach leuchtenden Kompass im Blick, um wieder und wieder angestrengt in die Dunkelheit vorauszuschauen, ob irgendetwas zu erkennen sei. Doch zu sehen sind nur backbords einige Positionslichter anderer Schiffe, Fischer vermutlich, die ihre Netze durch das nächtliche Meer ziehen.

„Haben wir es bald geschafft?“, rufe ich Hardy zu.

Der holt sein GPS-Handgerät aus der Jacke, fingert daran eine Zeitlang herum und ruft mir dann in seinem Mannheimer Dialekt zu: „Alles klar, sind schon im griechischen Hoheitsgebiet. Die türkischen Gewässer hab’m wir schon lang hinner uns gelasse. Noch knapp zwee Meile bis zur Nordosthuk der Insel Symi.“

Schulterklopfen. Die Anspannung der letzten Stunden weicht aus unseren Gesichtern.

„Endlich, wir haben unsere Rhea zurück.“

Doch hallt da nicht ein lauter werdendes Motorengeräusch hinter uns heran? Irritiert drehen wir uns um. Nichts zu sehen. Schwarze Nacht.

„Sicher ein griechischer Fischer, der heim nach Symi will.“

Hardys Vermutung nehme ich dankbar auf. Doch ich spüre, wie Nervosität in mir aufsteigt, merke, dass ich mich wieder umblicke, weiter nach achtern lausche. Kein Zweifel, ein röhrendes Motorengeräusch schwillt an, kommt dichter. Es ist, als würden wir verfolgt werden. Ratlos schaue ich mich erneut um. Alles dunkel. Nur die Kompassnadel weist mir den Weg.

Plötzlich schiebt sich schemenhaft ein großer Schiffsrumpf backbord dicht neben uns; Such-Scheinwerfer blitzen auf, leuchten unser Schiff ab. Die Lichtkegel wandern gespenstisch durch die Takelage, heften sich dann auf uns, blenden uns. Dann geht alles ganz schnell. Aufheulendes Motorengeräusch, dazwischen Wortfetzen aus einem Lautsprecher: „Stop sailing“, im nächsten Moment ein harter Rums. Beide Schiffe sind längsseits gegeneinandergestoßen. Wie angewurzelt stehen Hardy und ich auf unseren Plätzen. Im Streulicht eines Scheinwerfers sehe ich es plötzlich - die türkische Flagge - ein türkisches Patrouillenboot, der Alptraum, den wir gerade schon glaubten, hinter uns gelassen zu haben. Drei Mann springen zu uns an Deck - Uniformierte; vorne und achtern werden Festmacherleinen belegt.

Der Dritte kommt schnurstracks auf mich zu: „Kapitan?“

Bevor ich antworten kann, klicken Handschellen um meine Handgelenke: „You are arrested.“

Preston Court

Kurz hinter dem Ortsausgang des kleinen, verschlafen wirkenden Fleckens Preston wies uns eine kaum leserliche Inschrift auf einem verwitterten Stein den Weg zu unserem Ziel: „Preston Court“.

„Stop for a moment please“, rief meine Beifahrerin. Ich bremste scharf, bog in den schmalen Weg ab und hielt an. Sie stieg aus und befestigte vier rote und weiße Luftballons, sowie ein Schild mit der Aufschrift: „Welcome to the Wedding of the year 2012!“, setzte sich ins Auto, und die Fahrt ging weiter. Der Weg schlängelte sich zwischen sanften Hügeln, gesäumt von üppig wachsendem Knickgehölz, durch weitläufige Felder. Dann lud uns ein geöffnetes, schmiedeeisernes Tor zur Einfahrt in eine Allee ein. Die Natur war hier in eine perfekt gestaltete Parklandschaft verwandelt. Der zur Durchfahrt freigegebene Weg endete zwischen Stallungen und Scheunen.

Zu Fuß das Terrain erkundend eröffnete sich uns ein frisch in Farbe gebrachtes Herrenhaus, in dessen Mitte ein mit schneeweißen Säulen eingerahmter Eingangsbereich mit einer steinernen Freitreppe die Blicke auf sich zog. Das stilvolle Anwesen thronte auf einem Hügel, eingefasst von kurz geschnittenem englischen Rasen, auf dem sich die ersten Hochzeitsgäste gruppiert hatten. Sie warteten auf den Beginn der Ereignisse, die männlichen Gäste in dezent gehaltenen Anzügen oder im sommerlichen Smoking mit weißem Jackett, einer pinkfarben aus der ansonsten einheitlichen Kleiderordnung heraus leuchtend, die Damen in langen Abendkleidern mit aufwändig hergerichteten Frisuren unter kleinen, phantasievoll gestalteten Hütchen.

Ich hielt Ausschau nach meinen englischen Freunden Elliot und Seren, die mich zu diesem Event eingeladen hatten. Da sah ich, wie Elliot aus einer der Gesprächsgruppen heraustrat und mich heranwinkte. Es folgte eine Vorstellungsrunde. - Mit höflichen Redewendungen wurde ich willkommen geheißen, bis wir vor einer stämmigen Person verharrten.

„Das ist Malcolm, ein alter Seebär. Den musst Du unbedingt kennenlernen“, stellte Elliot ihn mir vor und an mein Gegenüber gewandt, fuhr er fort: „Das ist Kalle, hat sich auf einem Frachtensegler Seebeine wachsen lassen. Ihm gehörte eine 100 Jahre alte, dänische Galeasse.“

Malcolm trat einen Schritt dichter an mich heran. Seine wachen Auge näherten sich meinem Gesicht.

„Und warum, gehörte? Hast Du die nicht mehr?“, fragte er forschend nach.

„Ach, das ist eine lange Geschichte, ist uns im Mittelmeer abhandengekommen“, entgegnete ich.

Doch das reichte Malcolm, dessen Interesse durch meine Antwort offensichtlich erst recht geweckt worden war, ganz und gar nicht.

„Was heißt abhandengekommen? Ist sie auf Tiefe gegangen, abgesoffen, oder hast Du sie verkauft?“

„Nee, beides nicht.“

„Dann gibt es das Schiff also noch. Wie heißt es?“

„Rhea, schwimmt vor der türkischen Küste“, blieb ich weiter etwas einsilbig.

„Aber wenn Du das Schiff nicht verkauft hast, wie hast du …“

„Sie wurde gekapert“, rief Elliot dazwischen.

„So kann man das auch wieder nicht sagen“, relativierte ich, „aber die Schiffspapiere hab’ ich noch alle im Original.“

Malcolm wurde merklich skeptischer.

„Gekapert von einem Engländer“, heizte Elliot die Neugier von Malcolm erneut an.

„Dann auf nach London. Lass Dein Schiff an die Kette legen und verklag den Engländer auf Rückgabe!“

„Ob das erfolgversprechend wäre“, wiegelte ich zweifelnd ab und fügte dann hinzu: „Überlegt hatten wir das schon, aber wenn wir damit bei Gericht durchkämen und das Schiff beschlagnahmt würde, läge es wohl erstmal längere Zeit in einem türkischen Hafen an der Kette. Über kurz oder lang würde es ausgeplündert und wäre am Ende ein alter Schiffstorso ohne Wert und Nutzen.“

Malcolm schaute nachdenklich schweigend in die Weite, so, als müsse er über meine Erklärung erst einmal nachdenken.

Da erklang eine Glocke. Die Hochzeitsgesellschaft wurde gerufen. Die Zeremonie sollte beginnen.

Wir alle begaben uns in einen festlich geschmückten, ehemaligen Stall, dessen Stirnseite von einer überdimensionierten, drei Meter hohen, historischen Spieluhr beherrscht wurde. Davor erwartete der Bräutigam unruhig auf und abgehend die Ankunft der Braut. Diese fuhr schließlich mit vornehmer Verspätung in einem knallroten Oldtimer-Jaguar E-Type vor. Der

Brautvater geleitete sie mit würdevollen Schritten in den Raum. Bezaubernd, wie sie so daher kam.

Die Trauung ging mit eindringlichen Reden, vielen Glückwünschen und einem nicht enden wollenden Blitzlichtgewitter über die Bühne.

Später, zu fortgeschrittener Stunde - Malcolm hatte mit seinem Dudelsack aufgespielt - trat er mit geheimnisvollem Lächeln zu mir an den Tisch und hielt mir sein Smartphone unter die Nase:

„Die gibt es ja wirklich, die Rhea, hab’ einfach bei Google „rhea sailing ship“ eingegeben. Schau mal. Ist sie das?“

„Ja, unverkennbar, die gedrechselte Holzreling rund um das Poopdeck. Die hatte sie schon damals.“

Und Malcolm setzte mit triumphierendem Lächeln fort: „Als ich diese Bilder sah, kam mir sofort in den Sinn, meine Kumpels anzurufen. So ein Abenteuer wollen die sich sicherlich nicht entgehen lassen. Wir werden das Schiff aus den Fängen des Engländers befreien.“

„Wie bitte?“, fragte ich überrascht nach.

„Na ja, Du bist hoffentlich dabei oder gibst uns die Schiffspapiere mit. Dann geht’s auf in die Türkei. Einer säuft den englischen Skipper unter den Tisch, die anderen kapern das Schiff und segeln schnell in griechische Gewässer. Dort hissen wir die deutsche Flagge, den Adenauer, wie ihr, glaube ich, sagt, und klarieren mit den Original-Schiffsurkunden im Hafen von Rhodos ein, so, als wäre es niemals unter englischer Flagge gefahren. Und zwei Monate später liegt die Rhea wieder in Deinem Heimathafen.“

Ich lächelte versonnen.

Doch Malcolm wartete eine Antwort in seinem ungestümen Aktionismus gar nicht erst ab. Für ihn stand der Plan, als hätten er und seine Freunde die Seesäcke schon gepackt.

„Auf in die Vorbereitung. Bist Du noch ein paar Tage da? Du musst mir alles über die Rhea berichten. Ich will mich mit dem Schiff vertraut machen.“

„Okay. Das könnte ich machen. Ich bin noch eine Woche lang hier,“ entgegnete ich mit einem leisen Zögern im Unterton. „Wo kann ich Dich treffen?“

„Kennst Du den Hafen von Whitstable, etwa fünfzehn Meilen von hier?“

„Ja natürlich.“

„Dort findest Du mich auf meiner Jacht, der „Iolaire“. Morgen früh ist Niedrigwasser. Dann liegt das Schiff neben den Fischerbooten tief unten im Schlick. Da siehst du allenfalls die Mastspitze. Musst ganz dicht an die Kaimauer herantreten, um mein Boot zu sehen.“

Im Schein der Petroleumlampe

10. September 2012, Montagmorgen, Beginn einer neuen Woche. Das Preston-Court-Party-Wochenende hatte ich gut überstanden. Also machte ich mich auf den Weg zu Malcolm.

Sein Schiff hatte ich schnell gefunden. Es war der einzige hochseetüchtige Segler im Hafen von Whitstable, eine knapp neun Meter lange Mahagoni-Jacht mit einem elegant wirkenden, positiven Deckssprung, einem hochgezogenen Bug und einem flachen, breiten Heck. Gebaut in Cork auf Irland, wie Malcolm mir später nicht ohne Stolz berichtete.

Über drei schmale Stufen kletterte ich in das Innere des Segelbootes. Ich folgte Malcolm in sein kleines, maritimes Reich. Augenblicklich umgab mich ein vertraut wirkendes Gefühl behaglicher Gemütlichkeit. In gebückter Haltung mit dem Kopf knapp unter der niedrigen Decke schaute ich mich vorsichtig um. Von der Decke hing eine messingfarbene Petroleumlampe, die leicht schwankend den Raum beleuchtete. Sanft fauchte sie vor sich hin.

Die aus dunkelbraunem Holz gezimmerte Kajüte strömte eine eigentümliche Geborgenheit aus. Auffallend viele Stöße, Kanten und Eckbereiche hatten schwärzliche Färbungen, die durch die glänzenden Klarlackflächen hindurchschienen. Augenscheinlich waren schon unzählige Lackierungen auf die Oberflächen aufgebracht worden, offenbar aber nicht immer rechtzeitig, um den ständigen Angriffen von Feuchtigkeit und eindringendem Wasser standzuhalten. Dies gab dem gesamten Gepräge des Raumes ein antikes Aussehen, das durch die Vielzahl der Gerüche verstärkt wurde, einer Mixtur aus Seetang, Salzwasser, Holzpech, Hanfwerg, Modder, verwoben mit menschlichen Ausdünstungen und leicht spakigen Kleidungsstücken.

Ich fühlte mich auf Anhieb zurückversetzt in die Zeiten der Rhea, der Eole, Hernil und Dimple. Das waren die Zeiten, in denen mich alte Holzschiffe begeisterten und wir uns über Plastiksegler nur herablassend als reizlose „Joghurtbecher“ ausgelassen hatten, als ich mich noch Stunde um Stunde, Tag um Tag, nein, Monat für Monat der Bootspflege hingegeben und noch nicht die Effektivität des zeitlich begrenzten Urlaubserlebnisses am Freizeitwert des Segelns gemessen hatte.

Malcolm hatte seinen Petroleumofen angeworfen und hieß mich, auf einer der beiden gepolsterten und mit grobem Segeltuch bespannten Längsbänke Platz zu nehmen. Auf den Tisch, der mittschiffs durch einen langen Schwertkasten in zwei schmale, längliche Hälften geteilt war, stellte er einen Pott frisch gebrühten Kaffee vor mich. Dieser duftete verführerisch. Aber damit nicht genug. Er öffnete hinter sich die Tür eines Schapps und beförderte daraus eine Flasche Single Malt Whisky hervor. Mit kräftigem Schwung füllte er zwei Wassergläser und prostete mir selbstgefällig zu:

„Cheers! Das ist der gute „Talisker 57° North“ von der Isle of Skye, in rauer Natur, im Torf gereift. Schmeckst Du das? So etwas Feines gibt es nur bei uns in Schottland.“

Ich versuchte, dies angemessen zu würdigen, konnte aber wohl doch nicht ganz verbergen, dass ich im Grunde hell entsetzt war, schon am frühen Vormittag derart geistige Getränke zu mir nehmen zu müssen. Immerhin lockerte dies meine Stimmung, und ich legte los, die Geschichte der Rhea zu erzählen.

α

Die Idee

Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Victor Hugo

Vollmond, die weiße Scheibe am nächtlichen Himmel überzieht die Meeresoberfläche mit einem glitzernden, tausendfach leuchtenden Schimmer. Die Segelyacht „Quo Vadis“ hebt sich im Gleichklang unaufhörlich heranrollender, breiter Wellenberge und taucht nach jedem Anstieg mit zunehmender Fahrt ab ins folgende Tal, während sich schäumende Wogen zu beiden Seiten hoch auftürmen. Das Echolot verwirrt mit Flackern und ständig wechselndem Aufleuchten. Längst hat es aufgegeben, eine verlässliche Tiefenangabe anzuzeigen. Ein Blick in die Seekarte bringt Klarheit. Wir befinden uns gut 20 Seemeilen südöstlich der Insel Ile du Levant. Die Meerestiefe liegt bei 1800 m. Das Echolot zeigt Tiefen bis 240 m. Ich schalte es aus, diese Batterieleistung können wir uns mit gutem Gewissen sparen.

Am Morgen des 7. September 1981 hatten wir in der verträumt wirkenden Bucht Port Man der Ile de Port Cros den Anker gelichtet, als die Sonne soeben durch die ausladenden Äste der Pinien blinzelte und erste Strahlen auf die noch schwarzgraue Wasseroberfläche warf. Glasklares, türkisfarbenes Wasser bis auf elf Meter Grund.

Dort hatte der Anker gelegen. Mit dem Rasseln der Ankerkettenwinsch war Spannung auf die Kettenglieder gekommen. Die Ankerflunken hatten sich aus dem Algenkraut gelöst. Dann hatte das Boot Fahrt aufgenommen. Wie eine Spirale schraubte sich der Anker langsam hoch bis an die Oberfläche, ein Griff über die Reling, das Ankergeschirr im Bug verstaut. Die Reise ging weiter, Start zu neuen Zielen nach friedlich durchschaukelter Nacht. Der venezianische Wachturm am äußeren Ende der Bucht säumte still das Kielwasser. Gemächlich zog die westliche Nachbarinsel Ile du Levant an Steuerbord vorbei.

Es war ein Segeltag wie aus dem Bilderbuch. Die Quo Vadis, eine „Gipsy 36“, hatten wir in Toulon für zwei Wochen gechartert.

Die Crew: Hardy, Bärbel, Niklas, Janina und ich. Kein Zweifel, ich war von einer bunten Truppe ausgeprägter Persönlichkeiten umgeben.

Hardy zog überall die Blicke auf sich. Seine durchtrainierte Figur, sein kräftiger, schwarzer Haarwuchs, markanter Bart, Goldring im linken Ohr wirkten augenblicklich präsent. Er trug in aller Regel Leder-Klamotten und verlieh sich damit ein cooles Rocker-Outfit. Sein Auftreten empfand ich immer als lässig. Dabei liebte er es gar nicht, sich in den Vordergrund zu schieben, blieb eher zurückhaltend bescheiden. Aber in seinen braunen Augen blitzte es unternehmungslustig. Rasch wanderten sie hin und her, erfassten schnell jede Situation, um dann einfühlsam und warmherzig in den faszinierten Blicken erstaunter Frauen zu verharren.

Und das war genau das Problem von Bärbel. Sie war nämlich seine Ehefrau, groß, blond, vollbusig, fröhlich, aber keineswegs oberflächlich. Engagiert nahm sie die Spannung aus den ersten Sekunden solcher Begegnungen, zog die Aufmerksamkeit auf sich. Man könnte fast meinen, sie hatte stets einen Eimer kaltes Wasser zur Hand, mit dem sie schnell die aufglühenden Gemüter abkühlte. Denn sie verstand es meisterlich, den weiblichen Neuankömmling sofort in ein lockeres, entspanntes Gespräch zu verwickeln.

Niklas war ein ruhiger Pol in der Gruppe. Auch er trug Vollbart. Es war schon fast wie bei „Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit“. Niklas war ein überaus geselliger Mensch. Er spielte gerne Gitarre und inspirierte uns zu einem engen, freundschaftlichen Miteinander. Dabei war ihm das Wohlergehen und der Zusammenhalt der Gruppe überaus wichtig. So verbreitete er eine Aura der Geborgenheit und des Vertrauens. Das war nicht nur sozialpädagogische Zauberei, sondern überzeugend gelebte Vision jenseits materiell bestimmter Beschränktheiten.

In diesem Kokon wirbelte Janina in ihrer natürlichen Lebendigkeit über das Charterschiff. Mit ihrem Afrolook a la Angela Davis und ihrer eigentlich ständig lauten Fröhlichkeit weder zu übersehen noch zu überhören, sorgte sie burschikos und herzlich für Feierlaune an Bord. Behände brutzelte sie bei Schräglage des Schiffes herrliche Gerichte, sprang an Deck, um die Segelstellung im Wind zu optimieren, und animierte uns ein ums andere Mal zu spannenden Doppelkopfrunden.

Unser Ziel war Korsika. Noch befanden wir uns bei den Iles d’ Hyères in Sichtweite der Küste. Wann sollten wir den Törn über die offene See wagen? Sofort? Die Wetterlage schien stabil. Windstärke vier bis fünf Beaufort aus Nordwest. Keine Wolke am Himmel.

Um 18:00 Uhr fiel an der Nordost-Huk der Ile du Levant die Entscheidung. Wir starteten zur Überfahrt. Achterlicher Wind. Sechs bis sieben Knoten Fahrt durchs Wasser. Wir steckten den Kurs ab auf die korsische Hafenstadt Calvi. Morgen früh müssten wir die ferne Insel erreichen.

Allmählich war es Nacht geworden, mit Vollmond Romantik pur. Vor zwei Stunden hatte ich das Ruder übernommen.

Ich konzentrierte mich auf meinen Atem, holte langsam in tiefen, ruhigen Zügen Luft und brachte ihn so in Einklang und Rhythmus mit den von achtern heranrollenden Wellen. Unglaublich diese Kraft, diese Unmittelbarkeit der Natur. Nur kurzzeitig unterbrach die Ratio mein Hochgefühl. Unsere kleine Nussschale mit ein paar Leutchen tanzte zuversichtlich über das Meer. Fernab von jeder Zivilisation befanden wir uns in den Gewalten der Natur, unter uns kilometertiefes Wasser, das uns in seiner Unendlichkeit einfach aufsaugen könnte. Doch dieser Gedanke überkam mich nur Bruchteile von Sekunden. Dann überfiel mich wieder die unglaubliche Faszination der See, der Vollmondnacht, das Gurgeln, das Rauschen, das Gleichmaß des Auf und Ab über die silbrig glitzernden Wellenberge.

Im Hochgefühl dieser phantastischen Segelnacht gerieten wir immer mehr ins Schwärmen.

Hardy kramte in seiner Erinnerungskiste und in seinem unnachahmlichen Mannheimer Dialekt brach es aus ihm heraus:

„Weescht noch im letschde Sommer uff de Hernil? Meine harten Rocker warn uf eemal ganz zahm. Und überhaupt, so begeischtert hab’ isch die noch nie erlebt vorher. Als isch noch Leiter des Mannhemer Jugendzentrums der Schwetzingerstadt war, hatte die immer nur den Harte raushänge lasse, musst isch immer auf der Hut soi, dass die net de nächste Streit aazeddelte. Und uf eenmal uff dem Segler uff de Ostsee braucht isch denne nur noch zu sage, jetzt an denne Leine ziehe, jetzad do arbeite. Gehorsam und brav wie kleene Schuljungs habe die alles gemacht, was wir ihne gesacht habbe, und waren glücklisch und zufriede.“

Dazu war es gekommen, weil Hardy sich überlegt hatte, wie er seine vom trostlosen und monotonen Alltag gelangweilten und zunehmend gewaltbereiten Jugendlichen auf andere Gedanken bringen könne. Das Stichwort hierfür hieß Erlebnispädagogik, ein Segeltörn auf einem Oldtimer, bei dem alle mit anpacken müssen.

Gehört hatte er von dem Projekt „Hernil“ auf der Ostsee von mir. Ein guter Freund hatte in Haugesund in Norwegen einen Logger gekauft, 1911 als Lotsenkutter gebaut, bis vor wenigen Jahren als kleiner Frachter an der norwegischen Küste in Fahrt, inzwischen als Motorschiff, achtern ein Ruderhaus, Frachtraum, davor ein kurzer Eisenmast mit Kran in Handbetrieb. Lothar hatte die Hernil in deutsche Gewässer überführt und Laboe als neuen Heimathafen auserkoren. In monatelanger Arbeit hatte er einen Segler nach historischem Vorbild so, wie er vielleicht mal ausgesehen haben könnte, daraus gebaut. Hütte (Ruderhaus) runter, zwei gerade gewachsene Douglasien im Sachsenwald mit dem Förster ausgesucht und per Langholztransport nach Laboe bringen lassen. Das wäre fast schief gegangen. Der gut zweiundzwanzig Meter lange, größere Stamm wollte im Oberdorf zunächst nicht um die Ecke. In Millimeterarbeit, nach mühseligem Hin- und Herrangieren, dem Abbau eines Verkehrsschildes und einem mittelprächtigen Verkehrsstau hatte es schließlich geklappt. Ein Jahr später im Winterlager waren die Bäume geschält, geschliffen und lasiert worden. Dann kamen Beschläge dran, und mittels Autokran wurden die Masten in die vorgesehene Mastspur auf dem Schiff eingepasst. Nach weiteren gut tausend Arbeitsstunden war wieder ein Segler aus dem alten Logger geworden. Mit zwölf Mann Crew, Schiffsführer Lothar und einem Decksmann (oft war ich das) Segeln auf der Ostsee. Charterfahrten mit Jugendgruppen und deren Betreuern, die auf dem Segler angeheuert hatten.

So war auch Hardy mit seiner Rockercrew dazu gekommen und schwärmte nun von seinen überraschenden Erlebnissen. Auch ich steuerte ein paar Anekdoten von meinen Fahrten auf der Hernil bei.

So dauerte es nicht lange, und eine Idee war geboren: „Was meint ihr, das, was Lothar da macht, das könnten wir doch auch oder?“

Ich war Feuer und Flamme. Warum eigentlich nicht.

Schnell steigerten wir uns in die neue Idee hinein. Die Phantasien schlugen Kapriolen. Bärbel, Niklas und Janina schürten kräftig das auflodernde Feuer der Begeisterung, bis Hardys Miene sich leicht verfinsterte und er mit einem resignierenden Zucken in den Schultern fragte:

„Aber wovon sollen wir denn so ein Schiff kaufen? Ich hab’ kein Geld und ihr, glaube ich, auch nicht.“

Allgemeines Schweigen, Nachdenken, weiter hob und senkte sich der Rumpf. Mit jeder anrollenden Welle strebte unser Schiffchen der korsischen Küste zu.

„Warum gründen wir nicht eine Reederei?“, brachte ich unsere Gedankenspielerei wieder in Gang. „Verkaufen Anteile am Schiff? Eine Abschreibungsgesellschaft. Dann kann jeder die Verluste des Schiffsprojekts in den ersten Jahren steuermindernd geltend machen.“

„Aber was sollte jemand bewegen, uns dafür Geld zu geben?“, zweifelte Hardy immer noch.

„Zum Beispiel Mitfahrrechte. Jeder könnte pro Jahr soundso viel Tage oder Wochen mitfahren dürfen,“ spann ich den Faden weiter.

Jetzt waren wieder alle dabei. Wir übertrafen uns gegenseitig mit neuen Ideen. Und Hardys Ehefrau Bärbel sinnierte bereits, sie könne ihren Krankenschwesterjob ja jederzeit kündigen. Das käme ihr ohnehin gerade Recht. Die herrliche Seeluft sei doch tausendmal besser als die sterile Atmosphäre im Operationssaal, wo sie bei Neonlicht und unangenehm warmer, drückender Luft als grünes Wesen verkleidet ständig das OP-Besteck parat halten müsse. Sie geriet darüber so richtig ins Schwärmen und hatte, glaube ich, im Geiste schon gekündigt.

Und als im ersten Morgengrauen das Leuchtfeuer von Calvi ein Strich Steuerbord voraus seine Blitze so gerade eben über die Kimm schickte und uns signalisierte, dass wir uns auf richtigem Kurs befanden, war das Schiffsprojekt von Hardy und mir bereits beschlossene Sache.

Bärbel nickte, ohne zu zögern: „Ich bin dabei“.

Wir hatten den rechten Kurs gefunden. Das Rhea-Projekt war geboren. Wir steuerten rhealistischen Zeiten entgegen.

Malcolm lächelte mir zu.

„Okay, auf dem Mittelmeer bist Du also auch schon gesegelt, allerdings nicht mit der Rhea. So eine Idee ist ja ganz schön und gut. Aber es muss Euch doch irgendwie gelungen sein, sie umzusetzen. Das scheint mir viel schwieriger. Und den Dialekt Deines Freundes, also den hab’ ich nicht verstanden, aber erzähl ruhig mal weiter.“

ß

Kiekeboe

Zwischen Kiel und Mannheim liefen die Drähte heiß. Der Traum war präsent, wurde zum Plan. Immer mehr Details waren Thema zwischen Hardy, Bärbel und mir. Ich besuchte wöchentlich die Seefahrtsschule, paukte bei Kapitän Prüsse - der war in Hamburg längst eine Legende - alles, was ich für den Sporthochseeschifferschein benötigte, ließ mich in die Geheimnisse der Astronavigation einweihen.

Und ich studierte alle einschlägigen Anzeigenmärkte, fragte hier und dort, wo wir denn ein geeignetes Schiff finden könnten. Bis mir eines Tages eine kleine Annonce in die Augen sprang:

Segler „Hinnerk von Hooge“ mit

SBG-Zulassung, rotbraune Gaffelsegel,

unternimmt von Hörnum/Sylt Fahrten

zu den Seehundbänken, zu verkaufen,

150.000,00 DM Festpreis.

Ob das unser Schiff werden könnte? Das musste sich ja in tadellosem Zustand befinden, wenn es sogar die höchsten Weihen der Seeberufsgenossenschaft besaß und für die gewerbliche Seefahrt zugelassen war. Es ratterte in meinem Kopf. 5.000,- DM pro Schiffsanteil hatten wir überlegt. Das wären dreißig Kommanditisten für unsere Reederei, nein halt, mein Bausparvertrag brachte 16.000,-DM, wenn ich den verkaufen würde. Das waren schon drei Anteile, also siebenundzwanzig Miteigner müssten wir finden. - Sofort rief ich Hardy an. Unser Optimismus ließ sich nicht mehr stoppen.

Doch galt es, erst einmal das Schiff zu besichtigen. Das war schnell organisiert. Am folgenden Samstag saßen Hardy und ich im Zug. Die Fahrt ging über den Hindenburgdamm. Grau, fast unbewegt lag sie da, die Weite des Wattenmeeres. Irgendwo da hinten im Süden der Insel Sylt, da musste das Objekt unserer Begierde liegen. Im Bahnhof Westerland stiegen wir aus und nahmen den Bus nach Hörnum. Knapp zwanzig Minuten später bog er in das Hafengebiet dieses südlichsten Inselortes ein.

Ich hörte mein Herz klopfen. Zwei Masten überragten nebeneinander den Deich. Das musste es sein. Das war es. Kurze Zeit später standen wir davor und betrachteten es neugierig. Ehrfürchtig schweigend, fast etwas erstarrt vor Aufregung, wanderten unsere Blicke vom Bug zum Heck und zurück. Tatsächlich, ein alter hölzerner Segler, Rumpf ca. zweiundzwanzig Meter lang, schwarz, am Bug ein relativ kurzer Bugspriet. Drei rotbraune Vorsegel angeschlagen, Mast mit Baum und Gaffel, dazwischen das Großsegel sauber aufgetucht, auf dem Ladeluk eine doppelseitige lange Sitzbank in Längsrichtung - Beobachtungsposten für zahlende Gäste zu den Seehundbänken, nach achtern hin ein großes, stählernes Ruderhaus auf einem Art Poopdeck mit Besanmast - nicht besonders schön und passend für einen Segler, aber drum herum eine wahrlich ins Auge springende, gedrechselte Reling.

Am Spiegelheck prangte der Schiffsname in geschwungenen Lettern „Hinnerk von Hooge“. - Hardy gab sich als Erster einen Ruck, trat an den Rumpf heran, streckte seinen Arm über die Mole und klopfte laut gegen die Reling. Drei Möwen flogen kreischend auf, kreisten über unseren Köpfen. Sonst Stille, es tat sich nichts. - Nach einer kleinen Ewigkeit des Wartens bewegte sich etwas im Ruderhaus. Langsam öffnete sich die Tür, heraus schaute eine völlig verschlafen wirkende, bärtige Gestalt:

„Kommt doch an Bord. Hab ’ne Mütze Schlaf gehabt.“

Schnell griffen wir nach den Wanten und sprangen an Deck. Uns gegenüber stand der Kapitän, der uns mit seiner Verkaufsanzeige angelockt hatte, aber in Wirklichkeit sein Schiff am liebsten gar nicht verkaufen wollte.

Rundgang auf und unter Deck, dann stiegen wir durch ein Luk im Innern des Ruderhauses in die Wohnkammer des Kapitäns. Es war eine winzig kleine, liebevoll ausgebaute Kajüte, an jeder Seite eine Kojenöffnung, wie Alkoven ausgebaut, in der Mitte ein kleiner Tisch, darum herum in den Rumpf eingearbeitete Bänke, auf denen wir Platz nahmen. Ein paar Erklärungen zu dem Schiff, kaum Fragen an uns. Das Gespräch verlor sich schnell in Monologen des Kapitäns. Wir hielten uns an der uns angebotenen Flasche Bier fest. Unser Gegenüber war schnell bei der dritten, vierten, fünften Buddel. Jetzt kam die Rumflasche auf den Tisch. Wir hörten Geschichten einer gescheiterten Ehe, über Geldsorgen und die Liebe zum einzig Gebliebenen, dem Schiff. Verstohlen musterte ich alles um mich herum und sog in meine Gedanken auf, was ich beobachten konnte. Hatte ich das eiserne, große Ruderhaus noch für sehr segelfeindlich gehalten, so zog mich die urgemütliche, kleine Kajüte im Heck des Schiffes hinter dem Maschinenraum vollends in ihren Bann. Da war er - unser Traum.

Irgendwann zogen wir beide wieder los, nicht ohne uns zuvor für einen zweiten Besuch mit dem Kapitän verabredet zu haben.

Auf dem Rückweg zunächst langes Schweigen. Wir brauchten uns nichts mehr zu sagen. Die Sache war klar. Wir hatten unser Schiff gefunden. Später im Zug, da brach es dann doch aus uns heraus. Im raschen Wechsel warfen wir uns die Bälle in schwärmerischer Begeisterung zu. Wir hoben das Schiff in unsere Traumwolke.

Von diesem Ausflug zurück berichteten wir Bärbel von unserer Mission. Sofort ließ sie sich von den Schilderungen einfangen. Irgendwelche Vorbehalte waren nicht angesagt. Sie schwamm einfach auf unserer Welle mit.

Doch jetzt, wo es langsam ernst wurde, zögerte ich nochmals einen Moment. Ein Zweifel schoss mir ob unserer verwegenen Ideen und Pläne in den Kopf:

„Aber wie mach’ ich das denn mit Hannah? Ihr wisst ja, jedes zweite Wochenende ist sie bei mir. Da sind wir ein eingespieltes Team. Das kann ich doch nicht einfach aufgeben.“

„Aber das ist doch kein Problem. Die kann auch mit auf dem Schiff leben. Wie alt ist sie jetzt?“

„Drei.“

„Das ist doch schön. Außerdem gibt’s Schwimmwesten und so ein kleines Boot wollen wir auch nicht kaufen“, gab sich Hardy weiter locker.

„Und wenn wir im Mittelmeer sind?“

„Dann kommt sie eben öfter mal ein paar Wochen am Stück mit.“

Auch Bärbel sah kein Problem: „Also ich find’ Hannah sowieso süß. Kann ich mir superschön vorstellen, mit der Kleinen an Bord rum zu tütern, zu spielen, ihr vorzulesen, sie einfach als viertes Crew-Mitglied dabei zu haben.“

Die Skepsis verflog. Warum nicht? Eigentlich kann Hannah das nur spannend finden, mit an Bord zu leben. So weit war alles geklärt. Wir waren „dreieinhalb“ Mitglieder der Stamm-Crew. Es galt, das Projekt voranzutreiben.

Da hakte der mir interessiert zuhörende Malcolm ein: „Aber wie wolltet ihr das bewerkstelligen? Wer war der Kopf eures Unternehmens, euer Kapitän?“

„Na, wir im Team natürlich“, antwortete ich arglos.

„Auf jedem Schiff gibt es nur einen Kapitän. Und wenn ihr euch streitet, teilt ihr euer Boot dann in dreieinhalb Teile?“, versuchte mich Malcolm zu provozieren und setzte dann fort: „Und überhaupt, was gab dir die Gewissheit, mit einem Ehepaar ein Team zu bilden?“

„Nun, Hardy war schon seit einigen Jahren ein guter Freund von mir. Ich halte ihn für absolut zuverlässig. Freundschaft ist für ihn Ehrensache; dafür geht er durch dick und dünn. Außerdem hat er eine ganz ähnliche

Einstellung zum Leben und Umgang mit seinen Mitmenschen wie ich, keinerlei hierarisches Denken, kein Unterdrücken des Anderen, einfach völlig machtbefreit, klar, ehrlich, direkt.“

„Und seine Ehefrau Bärbel?“

„Auch geradeaus, bodenständig, neugierig.“

Malcolm schien nicht sonderlich überzeugt, fragte aber nicht weiter. Ich nahm den Faden meines Berichts wieder auf.

Schnell hatten wir Freunde und Bekannte von unserem Bazillus angesteckt. Die ersten Anteilseigner waren mit „im Boot“. Es folgten ein Notartermin, sowie die Eintragung der Reederei als Rhea-Kommanditgesellschaft im Handelsregister. Ein Geschäftskonto wurde eröffnet. Alles lief wie am Schnürchen.

Der Plan konkretisierte sich: Ein Charterunternehmen mit einem Oldtimer-Segelschiff, Chartern mit uns als fester Crew im Mittelmeer, Griechenland, genauer gesagt, mit Kreta als Startbasis. Für diese hochgesteckten Ziele schien uns die „Hinnerk von Hooge“ exakt das Richtige. Zwölf Charterkojen würden darauf Platz finden. Die Seetüchtigkeit und Eignung für Charterfahrten ist amtlich bescheinigt. Was wollten wir mehr?

Malcolm sinnierte vor sich hin. Er schien unkonzentriert, hörte wohl nicht mehr richtig zu. Offenbar beschäftigte ihn gerade etwas gänzlich anderes. Ich stoppte meinen Redefluss und schaute ihn an. Stille.

Da hob Malcolm seinen Kopf und hub an: „Du, was ich Dich fragen wollte. Hast Du eigentlich den Engländer, den wir uns vorknöpfen wollen, schon mal getroffen?“

„Du meinst, nachdem er sich die Rhea unter den Nagel gerissen hat?“

„Nee, so überhaupt mal.“

„Und ob, aber das ist schon lange her. Ende der Sechziger in Peterborough.“

Malcolm schaute mich erstaunt an.

Der Seesack

Gedankenversunken zogen Horst und ich mit unseren Rucksäcken die schnurgerade, leicht abschüssige Straße entlang.

„Gibt es hier denn nur einen einzigen Architekten weit und breit?“, murmelte ich vor mich hin.

Rechts und links der Straße je eine Kette gleich aussehender Reihenhausscheiben, soweit das Auge reichte, viktorianische Architektur, wie ich später erfuhr.

Wir hatten uns am Abend zuvor - es war der 12. Juli 1969 - in London getroffen. Als ich nach einer ausgedehnten Wanderung durch die Londoner Straßen erfüllt mit Eindrücken in den Dormitory des Hostels im Westend zurückkehrte, saß Horst schon am Tisch, umringt von Backpackern, Australiern, Amerikanern, Franzosen, und tauschte Tramper-Erfahrungen aus. Freudige Begrüßung, Planung der verabredeten Reise. Schnell zwei Schilder gemalt, das eine mit „German Students“, das andere „Edinburgh“, unser erstes Ziel, dann noch auf beide Rucksäcke kleine Fähnchen Schwarz-Rot-Gold gebunden und so konnte es am nächsten Morgen losgehen.

Mit der Tube District Line zur Station Edware Road. Positionierung am Straßenrand, wir streckten unsere Daumen raus. Der Startplatz schien gut gewählt, beginnt doch ein kurzes Stück weiter die Autobahn M 1. Vielleicht würden wir ja einen guten Lift nach Norden bekommen.

Nur einen Augenblick später hielt schon eine dunkelblaue Vauxhall-Limousine. Eine Stimme fragte „Where you are heading for?“

„Up to North“, antwortete Horst.

„Allright, you are welcome“.

Erfreut griffen wir unsere Rucksäcke, sprangen ins Auto und los ging’s. Doch alsbald merkten wir, dass unser Fahrer keineswegs auf die M 1 einscherte, sondern eine Straße etwas östlicher wählte. Und schon knapp fünf Meilen weiter hielt er an und bedeutete uns auszusteigen mit den Worten: „I’m living here. I’ll drop you now. Good luck!“

Wir standen noch mitten im Londoner Häusermeer. „Camden North“ las ich auf einem Schild. Es half alles nichts. Daumen raus. Wieder ein paar Meilen. Viele Stunden brauchten wir, um uns aus dieser unglaublich großen, weitläufigen Stadt zu befreien, bis wir uns endlich zwischen Feldern und Wiesen in einer sanft hügeligen Landschaft befanden, immer noch im Nahbereich von London. Ein Farmer nahm uns auf der Ladefläche seines Pick-ups mit und ließ uns am Rande des Städtchens Peterborough absteigen.

In der Abenddämmerung zogen wir in Richtung Zentrum auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Aufrechten, zielgerichteten Schrittes kam uns ein drahtiger, junger Mann mit einem gewaltigen, dunkelgrauen Seesack auf dem Rücken entgegen.

Horst sprach ihn an: „Is there any parc around here?“

„Do you look for a place to stay overnight?“, verstand unser Gegenüber sofort.

Kopfnicken. Kunstpause. Dann: „Allright then.-Kommt mit! Ich hab’ Platz für Euch bei mir zu Hause. Bin auf dem Weg zu meiner Mom. Ihr kommt doch von da oben. Habt ihr ihr Haus schon gesehen?“

„Die sehen alle gleich aus“, widersprach ich, seinen feinen Humor nicht verstehend.

„Mein Name ist Oliver, Oliver Brown“.

In dem Moment sprang Malcolm auf und beugte sich über den Kajüttisch.

„Wie war sein Name? Oliver Brown?“

„Ja, wieso? Kennst du ihn?“

„Äh, lass man gut sein! Erzähl weiter!“

Malcolm ließ sich auf die Bank zurückfallen und schaute Löcher in die Luft. Ich ließ die Unterbrechung auf sich beruhen.

Oliver blickte uns erwartungsvoll an.

„Kalle“,

„Horst“, stellten auch wir uns vor und stiefelten mit unserem neuen Begleiter die Straße zurück, die wir gerade gekommen waren.

Nach kurzer Wegstrecke bog Oliver zu einem Hauseingang ab.

„Sind wir da?“

„Not yet. Hier wohnt meine Schwester. Hab’ sie lange nicht gesehen. Kommt, wir besuchen sie.“

Leicht irritiert trotteten wir willig hinter ihm her.

„What a surprise.“

Freudige Begrüßung. Wir stellten uns vor. Fragen nach dem Woher und Wohin. Eine knappe halbe Stunde später ging es wieder die graue Straße entlang. Es war nun schon nahezu völlig dunkel.

Schließlich überquerten wir die Fahrbahn und bogen nach links zu einem weiteren Hauseingang ab, ebenso unscheinbar wie alle anderen, fast beliebig erscheinend, kein Namensschild, verwittert eine Hausnummer. - Wir hatten von Oliver erfahren, dass er an der Universität Birmingham im College Betriebswirtschaft studiere und von Zeit zu Zeit bei seiner Mutter zu Besuch einkehre.

Mit einem leicht reserviert erscheinenden Lächeln stand sie in der Tür, eine große, stattliche, würdevolle, aber bescheiden wirkende Erscheinung. Liebevoll nahm sie ihren Sohn in die Arme und nach kurzer Erklärung Olivers, dass er zwei deutsche Studenten aufgegabelt hätte, wurden auch wir von ihr freundlich begrüßt und in die Stube gebeten.

Der Raum wirkte eher düster, dunkle, massive Möbel, eine Anrichte, überladen mit kitschigen Porzellanfiguren, ein gerahmtes Bild mit einem Frachtensegler, an dessen Reling sich ein Seemann, offenbar der Skipper, positioniert hatte, der dem Betrachter des Bildes mit ernstem Blick entgegen schaute, in der Ecke eine Schiffslampe, weitere kleinere Seefahrtsutensilien, schwere Vorhänge. Wir ließen uns auf ein abgenutztes, dunkelgrünes, mit Samt bezogenes Sofa komplimentieren, zeigten Zurückhaltung und harrten der Dinge, die da kämen.

Als ich aufstand und mich vor das große Bild stellte, um es näher zu betrachten, stand Oliver augenblicklich neben mir.

Auf den Seemann deutend erklärte er: „Mein Vater, sein Schiff, aber leider, leider alles vorbei, er ist verstorben, der elegante Frachtensegler in Faversham bei der Werft abgewrackt. Vater, Großvater, Urgroßvater, alle waren sie die britische Küste auf und ab gesegelt, in tiefster Seele verbunden mit der See, dem Wind und den Gezeitenströmen.“

Währenddessen versuchte ich, Einzelheiten auf dem Bild zu erkennen. Am Heck undeutlich ein Schiffsname. Ich konnte ihn nicht entziffern.

Malcolm murmelte etwas unverständlich dazwischen.

Ich fragte ihn: „Was meinst du?“

„Ach, nichts Wichtiges“, antwortete er und bekräftigte dies mit einer abwehrenden Handbewegung.

Ich maß dieser erneuten Unterbrechung meiner Erzählung keine weitere Bedeutung bei und fuhr fort.

Immer noch auf das Bild an der Wand deutend spann Oliver seine Gedanken weiter: „Freidenkende, hart arbeitende Männer, deren Schiff ihre Lebensader, ihr ein und alles war. Sturm, Wellen, die Sände vor der Küste, das waren ihre Konkurrenten, mit denen sie sich messen konnten.“

Immer mehr geriet er ins Schwärmen, bis Mrs. Brown dazwischen funkte.

„Are you hungry?“, fragte sie in die Runde. Sie habe ein großes Stück Fleisch in der Pfanne, das würde für drei Personen gut und gerne reichen. Dankbar nahmen wir ihre Gastfreundschaft an. Alsbald waren wir herrlich gesättigt, dazu eine Flasche Brown Ale. Überrascht und zufrieden zugleich tauschten Horst und ich die Blicke.

Olivers Mom erklärte uns, sie habe oben zwei kleine Kammern, in denen sie Schlafstätten für uns vorbereitet hätte. Ich reagierte beschwichtigend, sie solle sich keine Mühen machen, wir seien gut ausgerüstet und hätten unsere Sleeping-bags. Scharf, fast empört schnitt sie mir das Wort ab, ich solle mir darüber mal keine Gedanken machen, wir seien schließlich ihre Gäste.