Rhino makes horny - Rolf Richter - E-Book

Rhino makes horny E-Book

Rolf Richter

0,0

Beschreibung

Der ehrgeizige Marketingmann Ralf Lemke arbeitet an der Produktidee seines Lebens, einem erotischen Hilfsmittel, das in Konkurrenz zu den weltweit ganz großen Players tritt. Die Übernahme seines Arbeitgebers gibt ihm die Chance, das Konzept mitzunehmen und in den USA zu vermarkten. Sein Jugendtraum "die USA", wird wahr und führt ihn nach Las Vegas und Los Angeles, um dort zu arbeiten und den american way of life and of business kennen zu lernen. Das dabei sein Privatleben zu kurz kommt und letztendlich ruiniert wird entschädigt ihn nur zum Teil durch großen Reichtum, der ihm zum Schluss bleibt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Rolf Richter

Rhino makes horny

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Eins

Zwei

Drei

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechszehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Impressum neobooks

Eins

Lemke war heute wirklich spät dran. Seine Frau hatte ihm durch ihre kurze Reise zu ihrer Mutter, zusammen mit den beiden kleinen Söhnen, einen freien Sonntagabend verschafft. Er hatte einen wunderbaren Abend mit Carolin verbracht. Carolin hatte sein Leben umgekrempelt. Sie kannten sich seit der Party in Lemkes Garten. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie sich nahe gekommen waren. Und Lemke die Chance bekam, so wie gestern Abend wieder, sein neues Produkt auszuprobieren. Dieser warme weiche Körper, die Hände Haare Haut, der Duft der Lust. Und jetzt hier diese kalte Wirklichkeit. Zum Glück hatte er sich den Wecker gestellt. Kaltes Wasser kann nicht eiskälter sein als ein solcher Morgen.

Dr. Grünfeld nahm seinen üblichen Platz ein und öffnete sein Notebook. „Guten Morgen. Ich hoffe, Sie hatten ein erholsames Wochenende. Wo ist denn Herr Lemke? Ich möchte über sein Projekt sprechen.“

„Ich glaube, er war eben noch nicht da“, sagte Clausen am anderen Ende des ovalen Tisches in dem schmucklosen Büro. Die Deckenlampen irritierten und blendeten ihn auf der blanken Tischplatte.

„Um neun Uhr? Kann ich mir bei Herrn Lemke gar nicht vorstellen“, sagte Dr. Grünfeld.

Es war Montag früh. Wie immer am Montag traf sich die Führungsriege der Permedical GmbH im Zimmer des Geschäftsführers, vier Männer, Krawatte, überwiegend dunkel gekleidet, eine Frau in einem grauen Business-Anzug. Sie saßen an dem für diese Besprechung zu großen ovalen Tisch.

„Bitte rufen Sie Herrn Lemke“, bat er Frau Cernic, seine Sekretärin.

„Ich bin jetzt seit einem Jahr hier und es gibt immer das Problem, dass Sie Ihre Mitarbeiter zu unseren Besprechungen nicht mitbringen. Ich versuche, seit einiger Zeit überholte hierarchische Strukturen abzubauen. Das kann doch nicht so schwer sein.“ Dr. Grünfeld war ungehalten.

Nach einer erfolgreichen Tätigkeit als Marketingmanager in einem bedeutenden Pharmabetrieb war er Geschäftsführer der Permedical GmbH geworden. Dr. Grünfeld war etwa Anfang 40, die noch verbliebenen, schon grau werdenden Kopfhaare bildeten einen Kranz um seinen Schädel. Die randlose Brille und seine schmalen Lippen gaben ihm einen ernsten, etwas unnahbaren Anblick. Die Frage, ob er auf seinen Doktor-Titel Wert legen würde hatte sich in der Firma niemand gestellt. Jeder sprach ihn mit seinem Titel an. Und er war „der Doktor“ in der internen Kommunikation. Oder auch schon mal „der Grüne“. Seine Sekretärin Frau Cernic, die ihn wohl am besten kannte, würde ihn wohl mit nüchtern und zielorientiert beschreiben.

„Vielleicht hat er einen schlechten Sonntag gehabt“, sagte Clausen leise zu seinem Nachbarn, um dann zu beginnen. „Ich möchte schon mal anfangen. Ich will zu dem Projekt einige Stichworte nennen und eine Information aushändigen, die wir vorbereitet haben“, sagte Clausen. Er nahm einen Stapel Papiere und verteilte ein Dokument mit Zeitplänen, als Ralf Lemke den Raum betrat.

Lemke setzte sich an die andere Seite des Tisches unter die beiden Bilder im Raum, Drucke von öden Stadtlandschaften. Die übliche Beleuchtung war für die Montags-Laune der Anwesenden zu hell. An das karge Ambiente des Raumes hatten sich alle gewöhnt. Lemke war noch nicht oft in den Kreis der Geschäftsleitung eingeladen worden. Der Grund war aber wohl eher die verklemmte Einstellung seines Vorgesetzten Clausen, der gern alles aus seinem Arbeitsbereich selbst vortragen wollte. Ein Kontrollfreak, eigentlich seiner Aufgabe nicht ganz gewachsen, wie Lemke fand.

„Fangen Sie bitte an, Herr Lemke“, unterbrach Dr. Grünfeld den Redefluss von Clausen. „Herr Lemke“, mischte sich Clausen gönnerhaft und völlig überflüssig erneut ein, „dann berichten Sie uns über unser Projekt.“ Unser? Es war kühl im Raum. Marketingleiter Clausen fühlte sich nicht ganz wohl. Er schwitzte. Aber er riskierte im Moment nicht, sein Sakko auszuziehen. Er spürte die angespannte Stimmung, die durch Dr. Grünfelds Bemerkungen entstanden war und die er auch auf sich bezog.

Clausens Verhalten führte oft zu Irritationen. Lemke sah dieses Projekt als SEIN Projekt an. Er hatte es beruflich nach einem langsamen Start mit seinen 32 Jahren noch nicht so richtig dahin geschafft, wo er sein wollte. Dieses einzigartige Projekt jetzt war vielleicht seine große Chance, sich in der Marketing-Welt einen Namen zu machen. Er war ehrgeizig. Und er ahnte heute noch nicht, dass sein ganzes Leben dadurch umgekrempelt werden sollte.

Der Geschäftsführer hatte entschieden, das neueste Projekt der Permedical GmbH von Ralf Lemke bearbeiten zu lassen, und nicht von Christof Brix. Der hatte zwar den besseren Draht zu ihrem gemeinsamen Vorgesetzten Clausen. Aber das hatte ihm hierbei nicht geholfen.

„Es ist noch etwas früh für eine umfassende Darstellung“, fing Lemke an. „Ach, ich sehe, dass Herr Clausen die von mir erstellten Übersichten verteilt hat.“ Lemke ärgerte sich über seinen Chef, der so tat, als ob der einen wesentlichen Anteil an diesem Projekt gehabt hatte.

Lemkes Vorbild war sein Vater, sein Idol gewesen, der sich viel um seinen Sohn gekümmert hatte, der Zeit für ihn hatte, mit ihm zum Fußball auf Sankt Pauli gegangen war. Anders, als seine Mutter, die an ihm herumnörgelte und ihm oft Vorschriften machen wollte. Sein Vater hatte bei einer niederländischen Bank sehr viel Geld verdient. Ganz plötzlich für den Jungen hatte er die Familie verlassen. Er wurde nach London versetzt. Und dort hatte er angeblich schon eine neue Familie. Was heißt das für einen fünfjährigen Jungen, neue Familie?

In wichtigen Jahren seiner Entwicklung praktisch vaterlos aufgewachsen war er dem Einfluss seiner Mutter stark ausgeliefert. Dann wollte er es eben ihr recht machen, ihr, die nie wirklich zufrieden mit ihm war. Umso mehr gab er sich Mühe bei seinen schulischen Leistungen, oft vergeblich. Und umso mehr konzentrierte er sich auf Sport, wo er ganz erfolgreich war.

„Wir planen, dieses Produkt spätestens im nächsten Herbst einzuführen, wie Sie aus den von mir erstellten Zeitplänen entnehmen können“, sagte Lemke. „Wir sind zurzeit noch in einer wichtigen Testphase.“ Und dann beschrieb Lemke im Detail, worum es sich handelte.

Zwei

Dr. Grünfelds Sekretärin Frau Cernic brachte den üblichen Kaffee. „Herr Clausen, möchten Sie heute einen Kaffee?“ „Nein danke, ich jetzt nicht“, sagte Clausen.

Clausen war nicht beliebt bei seinen Kollegen. Er kleidete sich deutlich anders als die Anderen. Er trug auffällig teure Anzüge und rahmengenähte Schuhe. Oft setzte er sich so hin, da jeder seine teure Armbanduhr oder die goldenen Manschettenknöpfe sehen konnte.

„Das wird ein Blockbuster-Produkt, sage ich Ihnen“, schaltete sich Clausen erneut ein. „Ich würde dazu gern in etwa 3-4 Wochen um einen speziellen Besprechungstermin bitten. Dann sind wir soweit“. Diese Andeutungen klangen geheimnisvoll. Alle übrigen Anwesenden waren etwas irritiert, wie so oft bei Clausens Vorträgen.

„Was ist denn das, ein Blockbuster“? fragte der Finanzleiter. Er mochte keine Anglizismen.

„Sie werden schon sehen“.

„Na, Ihre Begeisterung in allen Ehren“, sagte Dr. Grünfeld. Jeder konnte eine gewisse Skepsis heraushören. Jeder wusste auch, dass er und Clausen nicht gerade Freunde waren. Dr. Grünfeld hatte irgendwo mal einen Satz zu Arroganz gelesen, der ihm jetzt bei Clausens Auftritt wieder in den Sinn kam: „Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht.“

Bei Lemkes Rückkehr in sein Büro sah er seinen Kollegen Christof Brix, der sich in seinem Bürostuhl breit machte.

Brix war sauer, weil nicht er, sondern Lemke dieses Projekt bearbeiten sollte. Er scheute sich nicht, dies in unmissverständlicher Sprache auszudrücken. Die frühere kollegiale Freundschaft zwischen beiden war nicht zuletzt durch diese Entscheidung eingetrübt worden. Lemke mochte nicht diese oft vulgären Sprache seines Kollegen. Auch äußerlich unterschieden sich die beiden. Lemke, stets bedacht sich dezent zu kleiden, eher grau in grau mit passenden schwarzen Schuhen sah ein wenig auf den eher modisch und nicht richtig geschmackvoll gekleideten Brix herab. Anders als Lemke mit seinem korrekten Haarschnitt und Linksscheitel lief Brix oft mit längeren Haaren herum, die er gelegentlich mit viel Gel zu bändigen versuchte. „Was machst du auf meinem Platz“, fragte Lemke verärgert.

„Na, hast du wieder in den oberen Etagen rumgeschleimt?“ antwortete Brix. „Du Arsch hast mir das interessanteste Projekt weggeschnappt. Das sollte ich bearbeiten, hat Clausen mir gesagt.“

„Das liegt an dem Brilli in deinem Ohr“, sagte Lemke. „Das verträgt sich nicht mit einem medizinischen Produkt“. Diese überspitzte Bemerkung reizte seinen Kollegen natürlich. Und das hatte Lemke auch beabsichtigt. Brix griff diese Gelegenheit sofort auf.

„Was ist daran medizinisch? Es geht hier um ein Mittel, Männern das Bumsen zu erleichtern“. Das war die sehr ordinäre Beschreibung des Projektes, das Lemke bearbeiten sollte. „Außerdem war ich gestern im Labor. Und da gibt es große Zweifel, ob das Mittel überhaupt wirkt. „

„Was verstehst du davon, ob das wirkt oder nicht. Oder hast du das mit deiner Freundin getestet?“ Lemke wusste genau, dass Brix zur Zeit keine Freundin und sowieso Probleme mit dem weiblichen Geschlecht hatte. Er wollte sich diese Spitze nicht verkneifen.

Brix wurde noch gereizter. „Aber du, du bist sicher eifrig dabei, dein neues Produkt zu probieren? Zuhause, oder wo gehst du dafür hin?“

„Mach dich an deine Arbeit“, sagte Lemke, „und halt mich nicht länger auf. Und ich lade dich auch nicht zu meiner Grillparty am übernächsten Wochenende ein.“

Sie waren beide doch sehr unterschiedlich. Brix war unsensibel und bestimmt noch ehrgeiziger als Lemke. Ein Grund, warum dieses Projekt nicht Brix zugeteilt worden war, lag daran, dass Lemke sich mehr „nach oben“ am Geschäftsführer orientiert hatte. Anders Brix, der auf seinen guten Kontakt zum Marketingleiter Clausen baute.

Lemke hatte sich bei Frau Cernic beliebt gemacht, indem er mit ihr oft den neuesten internen Klatsch der Firma durchging. Oft ging er für einige Minuten ins Büro bei Frau Cernic vorbei. Anders als die vielen recht kahlen Arbeitsräume im Haus, der vom Geschäftsführer unausgesprochen vorgegebenen nüchternen Arbeitshaltung, hatte sie ihr Büro durch Bilder ihrer Leidenschaft für Südfrankreich und stets durch einen frischen Blumenstrauß geschmückt. Ein Umfeld, in dem Lemke sich für einen kleinen Plausch so zwischendurch recht wohl fühlte.

„Haben Sie gesehen“, sagte sie, „der Brix hat ein richtiges Kunstwerk am Arm, und vielleicht auch noch sonst wo an anderen versteckten Stellen.“ Sie meinte das großflächige Tattoo mit einem Schriftzug an Brix Unterarm,“ irgend etwas Lateinisches“. Sie gehörte zu den Menschen, die keine Fußballspiele oder Live-Konzerte im Fernsehen verfolgten. Die heute so modischen Körperverzierungen waren ihr so vermutlich fremd geblieben. Wäre sie Mitglied in einem Fitness-Center, hätte sie einen Eindruck vom aktuellen Stand der Körperbeschriftungen und Bemalungen durch Tattoos bekommen können. Lemke war, wie viele Menschen aus seinem Umfeld, tattoolos. Er gehörte zu der einen Gruppe von Menschen ohne, im Gegensatz zu der anderen Gruppe, die das schön fanden. Wie würden diese Menschen im Alter mit schrumpelnder Haut aussehen? Manchmal mokierte sich Lemke auch über Ohrringe, Brillis, Piercings. Manchmal empfand er sich in einem Anflug von Selbstkritik als intolerant. Konnte er doch feststellen, dass es Abgeordnete im Bundestag, ja selbst Minister mit solchen Körperverzierungen gab. Zum Glück waren seine beiden Söhne noch nicht in dem Alter, in dem diese damit verbundenen Diskussionen geführt werden mussten.

Offensichtlich mochte Frau Cernic Brix nicht besonders, der immer ernst und ohne jeden Charme war. Ralf Lemke dagegen war zuvorkommend, oft witzig und hilfsbereit. Sie wusste als Einzige davon, dass ihr Chef, Dr. Grünfeld, und Lemke sich bei einem Marathonlauf im nahen Büdelsdorf getroffen hatten. „Mein Chef läuft am Sonntag Marathon in Büdelsdorf“, hatte sie Lemke beiläufig erzählt. „Deswegen ist er abends immer sehr pünktlich weg, ich glaube, um zu trainieren.“ Zufällig hatte Lemke dann Dr. Grünfeld beim Marathon-Start getroffen. „Zufällig“ ist falsch, denn Lemke hatte sich sofort nach Frau Cernics Information zum Start nachgemeldet. Lemke und sein Chef waren eine Strecke zusammen gelaufen, bis Lemke dann aber davonzog. Es wäre doch zu auffällig gewesen, wenn er seinen älteren Chef auch noch hätte gewinnen lassen. Aber es schien, dass dieser Vorgang doch karriereförderlich gewesen war.

Drei

Lemkes Sympathie für seinen Kollegen Brix war nie sehr ausgeprägt gewesen. Die Szene in seinem Büro hatte dieses Gefühl verstärkt. Und doch war Lemke ein eher auf Harmonie bedachter Mensch und hatte eingelenkt.

„Kommst du dann doch zu meiner Party? Am nächsten Sonnabend bei mir im Garten“. Lemke hatte Brix nun doch noch eingeladen. Zum Glück, wie sich herausstellen sollte. Brix hatte wenige, eigentlich gar keine wirklichen Freunde, mit denen er seine Freizeit verbrachte. So war er froh, dass er nun doch eingeladen wurde und vielleicht andere Menschen kennenlernen konnte.

Es war ein schöner sonniger Tag, Sonnabend nachmittag. Einige Kollegen und Nachbarn waren gekommen, einige brachten ihre Kinder mit.

„Kann ich meine Schwester mitbringen? Die ist zur Zeit solo und hängt etwas bedrückt rum. Sie hat sich vor kurzem von ihrem langjährigen Freund getrennt“, fragte Brix. „Kein Problem, bring sie einfach mit“, hatte Lemke gemeint.

„Ich bin Carolin Brix und muss auf meinen großen Bruder aufpassen“, stellte sie sich kokett vor. Sie gab Lemke die Hand zur Begrüßung. Er war überrascht, dass dieser Brix eine so attraktive Schwester hatte.

Lemke war kein Draufgänger. Frauen gegenüber war er meistens zurückhaltend, oft schüchtern. Er war nicht der Typ, dem es leicht fiel, auf Frauen zuzugehen. So hatte auch seine Frau Britta damals die Initiative ergreifen müssen, als sie sich kennen lernten.

Er war groß, sportlich, nicht auffällig schön. Eigentlich ausreichend für sein Selbstvertrauen. Aber da lag genau sein Problem, als er noch ein Jugendlicher war. Warum ging er meistens allein von den Partys nachhause und nicht mit einem dieser attraktiven Mädchen, die Anschluss bei einem seiner Freunde gefunden hatten? Er wäre zu nett, zu höflich und unproblematisch, hatte irgendwann eine Frau zu ihm gesagt. „Nett ist langweilig, weißt du.“

„Kommt denn Clausen auch“? Fragte Brix im Vorbeigehen, „oder ist er lieber Golf spielen gegangen?“

„Also, ich habe ihn eingeladen, aber er wusste noch nicht genau. Hätte er geahnt, was du für eine nette Schwester hast, wäre er bestimmt hier.“

Lemke wusste um die Vorliebe von Christof Brix, sich mit Rum in Stimmung zu bringen, auch um seine Hemmungen zu überspielen. Lemke wusste auch, dass Brix dann etwas mehr erzählte, als er sollte. Er hatte ihm deswegen den Schuss Rum für einen Planter´s Punch großzügiger als üblich eingefüllt. Warum sollte Lemke sich diese kleine Boshaftigkeit entgehen lassen?

Carolin Brix hatte sich ein Glas Prosecco genommen. Sie sah Lemkes Frau Britta zu, die sich gerade bemühte, einen Streit zwischen ihren beiden Kindern zu schlichten.

Britta hatte extra für die Party den Garten in Ordnung gebracht, die Beete vom restlichen Herbstlaub befreit und die Terrasse gefegt. Ihr Mann war bei solchen Arbeiten keine große Hilfe. Er hätte zu viel im Büro zu tun, meinte er. Und so war die meiste Gartenarbeit des Doppelhausgartens an ihr hängen geblieben. Es wäre ja auch Arbeit für unsere Familie, sagte sie sich. Das Haus hatten sie kurz nach der Geburt des zweiten Sohnes gekauft. Es war zum Familienheim geworden, wo sie alle einen geschützten Raum gefunden hatten. Sie hatten viele gute Jahre zusammen gehabt. Der ältere der beiden Söhne war im letzten Herbst eingeschult worden, was dem jüngeren für das nächste Jahr auch bevorstand.

Der Alltag der Familie, die Kinder, die Arbeit, das Abbezahlen des eigenen Hauses, all das hatten auch bei den Lemkes die liebevolle Spannung ihrer ersten Jahre abgelöst. Britta und Ralf Lemke hatten inzwischen eigene Lebensräume aufgebaut. Natürlich waren ihre Hauptthemen die beiden Söhne und deren Entwicklungs-Schritte. Das war es, was ihre Gemeinschaft zusammenhielt und beflügelte. Sie hatten einige gemeinsame Freunde, die sich vor allem aus den Kontakten zwischen den Kindern im Kindergarten und neuerdings auch in der Schule ergeben hatten. Ralf Lemke hatte sich voll in seine Arbeit gestürzt. Schließlich wollte er doch eine bessere Position, mehr Geld und Ansehen haben, damit, wie er sich einredete, seine Familie stolz auf ihn sein könnte.

„Ralf, hier gibt´s Arbeit für dich“, rief jemand. Seine Frau hatte Nürnberger Würstchen für die Kinder auf den Grill gelegt, die jetzt gut sein mussten. Und sie hatte Lachsstückchen mit Öl und Kräutern mariniert . Es duftete nach dem Fisch, der in Folie auf dem Grill brutzelte. Die Kinder hatten sich zu einer Schlange aufgereiht, um sich Würstchen und Nudelsalat abzuholen, während Lemke zur Lachs-Ausgabe aufrief.

„Carolin, mögen Sie auch Lachs?“

„Ja, gern. Ich komme.“ „Bleiben Sie, ich komme zu Ihnen.“

Sie stellte ihr Glas auf eine Mauer an der Terrasse. Lemke gab ihr ein besonders großes Stück. Er blieb bei ihr stehen. „Köstlich,“ meinte sie. „Ich liebe Lachs.“ Es entspann sich ein Gespräch über die Frage, ob gutes Essen nachhaltige Glücksgefühle entfachen könnte.

„Sie sollten auch die Wirkung von Prosecco nicht vergessen,“ meinte sie.

„Der macht aber auch leichtsinnig. Obwohl, er öffnet manchmal die Augen für das Schöne im Leben. Und macht Mut.“ Das Gespräch mit dieser Frau beflügelte ihn. Dieses pseudo-philosophische Geplänkel entsprach noch nicht ganz seinen Erwartungen, aber das konnte ja noch kommen.

Sie lächelte ihn an. Ihre Augen ruhten auf seinem Gesicht, sie sah auf seine Hände, seine Füße, die in blauen Sportschuhen im Gras standen. Lemke hatte seit langem nicht mehr mit einer so aufregend schönen Frau gesprochen. Seine Zurückhaltung Frauen gegenüber war heute weg. Heute fühlte er sich plötzlich bestätigt. Carolin regte seinen Witz an, seinen Charme. Menschen, die ihn langweilten, machten sein Gehirn träge. Dann war er stets erneut erschrocken, zu welchen banalen Allgemeinplätzen er sich äußerte. Heute war es anders. Er sprühte vor launigen Bemerkungen, verpackte darin kleine Komplimente und er merkte, dass diese wahrgenommen wurden.

Ihr Bruder schlenderte erneut zu ihnen herüber, ein Glas in der Hand.

„Na Carolin, langweilt mein Kollege dich mit seinen neuen Produktideen? Diese komischen Salben, die nicht erlaubt sind“?

Lemke wurde ärgerlich. Brix störte. „Brix, du hast gar nichts mehr im Glas, gönn dir doch einen guten Drink“. Sie sprachen sich trotz des Du mit ihren Nachnamen an. Das täuschte einen herzlich-kameradschaftlichen Ton vor. Die kollegiale Spannung zwischen beiden war jedoch nicht zu überhören.

Brix verstand. Er störte hier nur. Er steuerte auf eine Gruppe von weiteren Gästen zu und bald tat der Rum seine Wirkung. Er erklärte lautstark die angebliche Ungenauigkeit der neuesten Flüchtlingsstatistik, auch wenn dies nicht jeder im Garten mitbekommen wollte.

Lemke kümmerte sich, wie so oft auf Partys, nicht um seine Frau Britta. Er vergaß vieles um sich herum. Er hatte sie aus den Augen verloren. Aber es ging ihr wie auch ihm. Sie ließ sich ganz gerne anflirten, ohne dass sie das Gefühl hatte zu weit zu gehen. Ein außenstehender Beobachter hätte bemerken können, dass sie sich hauptsächlich mit den Männern ihrer Freundinnen oder Nachbarinnen unterhielt, dass sie laut und herzlich lachen konnte und Komplimente über ihr sommerliches Kleid und ihr Aussehen genoss. Jetzt stand sie fasziniert mit großen Augen da und hörte dem Handballtrainer ihres ältesten Sohnes zu. Recht auffällig, wie es nicht so recht zum Thema der sportlichen Begabung ihres Sohnes passte. Ein attraktiver, braungebrannter Mann, der sich gern mehr um ihren sportlich angeblich so talentierten Sohn kümmern wollte.

„Was sind das denn für Produkte, die mein Bruder meinte“, fragte Carolin.

„Wissen Sie, heute ist Party, das ist kein Thema für heute Abend. „Das hat mit Arbeit zu tun und das möchte ich heute meiden.“

„Darüber möchte ich aber mehr wissen. Müssen Sie mir erzählen“, sagte sie. „Ich gebe Ihnen nachher meine Karte mit der Telefonnummer“. Lemke glaubte, sich verhört zu haben. Er sollte sie anrufen?

Vier

Clausen war nun doch nicht zur Party gekommen. Ohne abzusagen. „Ich würde mich freuen, wenn Sie auch kämen“, hatte Lemke noch am Freitag zuvor wiederholt. „Mal sehen, ob ich kann“, hatte er geantwortet. Lemke wollte es nicht mit Clausen verderben, nachdem die Verantwortung für das neue Projekt gegen Clausens Willen bei Lemke gelandet war. „Unser Chef hätte in der Firma zur Zeit keinen „guten Lauf“, hatte Lemke zu Brix gesagt.

Clausen hatte kein besonderes Wochenende erlebt. Vielleicht hätte er doch zur Party gehen sollen, dachte er sich nach diesen langweiligen Tagen. Der Montag fing an wir jede Woche, als er am Mittag die Essenskantine betrat. Heute war er mal wieder dran als Mobbing-Opfer. „Herr Clausen, Vorsicht, die Tomatensuppe, das wäre doch schade um Ihren schönen Anzug“. Clausen saß mit Anzug und Krawatte am Mittagstisch, während die Mehrzahl der Kollegen ihr Sakko zum Essen ausgezogen hatte. Einige Kollegen grinsten verstohlen. Auch zwischen den Prokuristen herrschte oft ein rauer Ton. Immer wieder erlebte Clausen kleinere Sticheleien oder auch verdeckte Angriffe auf seine Person. Es hatte bei seinem ausgeprägten Selbstbewusstsein einige Zeit gedauert, bis er bemerkte, dass dieses Mobbing ihm selbst galt, nicht seinem Aufgabengebiet.

Clausen hatte sich seine Probleme mit seinen Kollegen selbst zuzuschreiben. Seine verkopfte Marketingsprache rief Spott hervor. Der vor kurzem gestartete Versuch, die Vertriebsorganisation nach einem System „client-zentrierter und umsatzgewichteter Prozessanalyse“ auszurichten stieß nicht nur bei dem Verkaufsleiter auf Widerstand. Denn den würde es direkt betreffen. Es lag auch an seiner Art, seine Sprache mit Marketing-Begriffen und englischen Fachwörtern zu spicken. Und dann auf irgendwelche Studien zu verweisen, die dann seine Ansichten stützten. Niemand machte sich dann noch die Mühe, den Inhalt oder die Existenz dieser Studien zu überprüfen.

Clausen war seit 4 Jahren Marketingleiter der Permedical GmbH. Er war noch von Dr. Grünfelds Vorgänger in diese Funktion eingesetzt worden. Der neue Geschäftsführer ließ zunächst alle Strukturen und Positionen unverändert. „Herr Clausen, ich möchte mit Ihnen als Marketingleiter erfolgreich zusammen arbeiten“, hatte er ihm gesagt, als Dr. Grünfeld in den Betrieb kam. „Kümmern Sie sich zunächst um unsere Marken und Produkte. Arbeiten Sie erweiterte Positionierungsfelder für die vorhandenen Produkte aus“, hatte er ihm zur Aufgabe gemacht. „Schließlich wollen wir das Umsatzpotential so weit wie möglich ausloten“.

Das flache, zweistöckige Gebäude der Permedical GmbH lag am Rand von Neumünster. Der Bau war langgestreckt, zweckmäßig. In beiden Etagen hatte der vorige Geschäftsführer zur Beschleunigung der internen Kommunikation einige Roller aufstellen lassen. Mit höhergestellten Handgriffen. Und Fußbremsen. Niemand hatte diesen „Kinderkram“ angenommen. Aber die beiden Trainees hatten ihren Spaß damit. Sie rollerten in unbeobachteten Augenblicken um die Wette den Gang entlang. Clausen selbst rollerte nie, auch an diesem Nachmittag nicht. Wie immer ging er eilig den Gang entlang hin zu seinem Eckzimmer. Er sah kurz in die offenstehenden Räume seiner Mitarbeiter.

„Frau Kullack, könnten Sie mir bitte einen Espresso machen?“ rief er in das Zimmer seiner Sekretärin durch die offene Tür. „Einen Doppelten, wie immer?“ fragte seine Sekretärin. „Ja klar“.

Nach einem seiner Italien-Urlaube hatte er sich eine italienische Espresso-Maschine angeschafft. Regelmäßig hatte er sich über den dünnen Firmen-Kaffee mokiert.

„Sehen Sie bitte nach, ob Lemke in seinem Zimmer ist“.

„Ja, mache ich, soll er kommen“?

„Ja natürlich“, sagte Clausen.

„Hallo Herr Clausen“, sagte Lemke.„Was macht das Gleitgel-Projekt?“, fragte Clausen, ohne auf Lemkes Begrüßung einzugehen. „Bevor Sie mir davon berichten: Wie weit sind Sie mit dem Markennamen?“

„Die Agentur kommt in der nächsten Woche mit Vorschlägen. Zudem soll sie eine visuelle Umsetzung des Produktnutzens zu finden.“

„Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit, Herr Lemke. Der Countdown läuft“.

„Es ist nicht ganz einfach. Das ist eine Gratwanderung. Unser Produkt ist im erotischen Bereich angesiedelt. Wir müssen vermeiden, in die Schmuddelecke zu geraten. Deshalb sollten wir mit der Produktbeschreibung und werblichen Umsetzung sehr behutsam vorgehen.“

„Behutsam? Das Produkt soll doch wegen des Nutzens gekauft werden. Wir müssen deutlich machen, worum es sich handelt. Das kann man nicht auf Zehenspitzen machen“, sagte Clausen. „Da müssen wir eben laut und vernehmlich auftreten“.

Lemke stimmte dieser Meinung nicht zu. Er äußerte sich jetzt aber nicht dazu. Er hatte den Eindruck, dass Clausen sich nicht in die differenzierte Problematik des Produktes einfühlen konnte. „Ich lasse mir mein Projekt nicht mit dem Holzhammer kaputt schlagen“, dachte er. „Auch von meinem Chef nicht“.

„Nun zu den Test-Arbeiten. Ich plane, einer Gruppe der Heimbewohner unser Produkt zu geben. Mal sehen, wie sie damit umgehen. Auch, ob die Idee bei Älteren akzeptiert wird oder eher auf Hemmungen stößt“.

„Heim“ war die Umschreibung für die Holstein-Residenz in der Nähe von Rendsburg, einer Senioren-Wohnanlage. „Für den wohlverdienten Ruhestand“. So stand es in Marketing-Deutsch auf der Titelseite der aufwändigen Hochglanz-Werbebroschüre, die neben Clausens Espressotasse lag.

„Bei der Auswahl hilft mir Frau Brotkorb, die Pflegedienstleiterin. Die ist sehr interessiert an unserem Produkttest.“ Lemke erklärte den Ablauf der Studie, erwähnte auch süffisant lächelnd den Spaß, den er selbst an dieser Arbeit hatte.

„Sprechen Sie im Haus nicht so viel über das Projekt. Sie wissen, dass wir uns hier in einer Grauzone des Arzneimittelmarktes bewegen. Das kann uns viel Ärger machen“, sagte Clausen.

„Nein, völlig klar. Hier haben Sie auch eine Probe“, sagte Lemke und gab Clausen eine Tube mit der Filzschreiber-Aufschrift „Muster“. Lemke wusste, dass Clausen seit seiner Scheidung allein lebte. Ob er eine Verwendung für das Gleitgel hätte, war Lemke egal. Er enthielt sich einer entsprechenden Bemerkung.

Auch Lemke hatte das Gleitgel noch nicht selbst ausprobiert. Seine Frau Britta hatte zu Beginn eines Gespräches über dieses Thema ablehnend reagiert. Sie war konservativer als ihr Mann. Sie hätte genug gesehen, meinte sie. Während ihrer Tätigkeit in einer Apotheke hatte sie auch Viagra an ältere Herren verkaufen müssen. Nicht sehr erbaut, wie auch ihre Kolleginnen. „Dann muss ich mir etwas einfallen lassen, wie ich das Produkt ausprobieren kann“, hatte Lemke sich überlegt. Aber was? Und dann hatte er plötzlich Carolin kennen gelernt. Könnte da etwas laufen?

Fünf

Lemke rief Carolin nach zwei Tagen an, erst jetzt, um nicht überinteressiert zu wirken. „Frau Brix? Ja, ich kann sehen, sie ist frei. Ich stelle Sie durch“, sagte ihre Kollegin. Neugierig beobachtete sie Carolin Brix, die plötzlich einen ganz anderen, so wenig geschäftlichen Gesichtsausdruck annahm. „Moment, ich muss eben nach nebenan gehen“, sagte Carolin. Sie hatte durch die Glasscheibe einen freien Raum nebenan gesehen, wo sie ungestört reden könnte.

„Ich dachte, Sie würden sich gar nicht mehr melden. Schön, dass Sie anrufen. Aber, wie das so ist. Ich habe leider im Moment keine Zeit“.

Lemke war enttäuscht. Hatte er wieder Pech? Oder wollte sie es nur spannend machen. Er wollte diesmal nicht so schnell aufgeben.

„Dann, dann rufe ich morgen an. Oder, bevor Sie auflegen, was halten Sie davon, dass wir mal zusammen essen gehen. Ich kenne da ein nettes Lokal, gute deutsche Küche.“

„Deutsche Küche, wie ungewöhnlich. Ja, dazu hätte ich Lust. Wollen Sie mich morgen Abend abholen?“ Sie nannte ihm ihre Anschrift. „Das ist am Stadtrand Richtung Bad Segeberg. Sie klingeln einfach und ich komme runter. So um halb acht, ist das o.k.“?

„Prima. Ich hole Sie ab“. Lemke war froh. Vielleicht klappt es ja doch.

Es war schon etwas dunkel, als er sie abholte. Das Restaurant in Boostedt war nur eine kurze Autofahrt von Neumünster entfernt. Es lag in einem älteren Bauernhaus mit alten Sprossenfenstern. Große, verblühte Rhododendron-Büsche begrenzten den Weg vom Parkplatz zum Eingang des Restaurants. Der Weg war mit einigen am Boden befestigten Kugellampen beleuchtet. Ganz romantisch,empfand Lemke. Er war etwas aufgeregt. Es war lange her, dass er sich mit einer Frau, die er kaum kannte, getroffen hatte. Das war wohl das letzte mal damals, als er seine Frau Britta gerade kennen gelernt hatte.

Nicht besonders aufregend, dachte Carolin. Sie war aus ihrer verflossenen Beziehung einigen Luxus gewöhnt. Aber, mal sehen, was wird. Ihre Meinung sollte sich schnell ändern. „Oh, das ist aber schön hier“, sagte sie, als sie das Restaurant betraten. Die Lampen im Raum warfen ihr Licht auf die dunkelgrün gedeckten Tische. So blieb die Decke im Halbdunkel. Das Licht verbreitete Geborgenheit, Abgrenzung zum Nachbartisch. Dunkelgrüne Läufer auf dem Dielenboden führten zu den einzelnen Tischen. In der Ecke flackerte ein Kamin, der den Raum mit einem leichten Brandgeruch erfüllte.

„Ist das ein guter Tisch für uns?“ fragte er und wies auf einen Tisch in der Ecke. Heute war Dienstag. Das Lokal war kaum besetzt. Stühle aus dunklem Holz, bezogen mit hellgrün-gemustertem Stoff. Die Fenster waren umrahmt von hellen, halbtransparenten Vorhängen. Ihr kam ein Lieblingswort in den Sinn: gediegen.

„Woher kennen Sie denn dieses schöne Lokal“, fragte sie Lemke.

„Hierher führen wir ab und zu unsere Geschäftsgäste. Nur die Wichtigen, natürlich. Und so wie heute, die wichtigsten privaten Gäste“.

Die Bedienung brachte zwei ledergebundene Speisekarten und legte eine Weinkarte vor ihn. „Möchten Sie etwas zu trinken bestellen“? fragte sie.

„Bringen Sie mir bitte Mineralwasser“, sagte Carolin. „Bitte mit Kohlensäure“. „Einen Prosecco vorab?“ fragte er.

„Nein, vielen Dank. Ich muss einen klaren Kopf behalten“.

„Das ist aber vielleicht nicht in meinem Interesse“.

„Doch doch, sonst rede ich noch zu viel, so wie mein Bruderherz“. Sie kannte die Schwäche ihres Bruders.

„Aber mir können Sie doch alles sagen. Ich rede nicht darüber, großes Ehrenwort. Ich sage Ihnen dann auch, wie ich mit Vornamen heiße“.