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Riaru ist das global erfolgreichste Unternehmen: ein Online-Multiplayer-Game, das seinen Usern ermöglicht, in fremde Welten einzutauchen, sich selbst zu verwirklichen und sogar das eigene Business gewinnbringend zu vermarkten. Die Welt für jeden zu einem besseren Ort zu machen, ist das erklärte Ziel von Riaru. Mic möchte unbedingt an dieser idealistischen Idee mitwirken. Doch selbst ein exzellenter Studienabschluss in Softwareentwicklung ist unbedeutend, wenn man ihn in einer argentinischen Kleinstadt erworben hat. Der Karrieresprung nach Europa scheint aussichtlos. Doch dann wird Tuuli, die Gründerin von Riaru, auf Mic aufmerksam. Der Job im Berliner Headquarter gleicht einem Traum.
Bis Mic erwacht. Paul Lunow, selbst Gründer und Programmierer, gewährt in diesem spannenden Cyber-Roman tiefe Einblicke in die Struktur von Tech-Konzernen und den Umgang mit Metadaten. Mit seinem umfangreichen Hintergrundwissen macht er uns begreiflich, welch komplexe digitalen Abläufe in den Systemen hinter unseren Monitoren geschehen.
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Für meine Töchter und alle Kinder, die eine neue Vision der Zukunft gestalten werden.
PAUL K. LUNOW: „Riaru“Willkommen im modernsten Unternehmen der Welt
Ein Cyber-Roman
1. Auflage, Januar 2025, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2025 Periplaneta - Verlag und Medien
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
periplaneta.com - [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Marion A. Müller
Cover: Marion A. Müller (Made with Adobe Firefly)Satz & Layout: Thomas Manegold
Buch ISBN: 978-3-95996-298-8 eBook ISBN: 978-3-95996-299-5
periplaneta
Paul K. Lunow
Willkommen im modernsten
Unternehmen der Welt
Ein Cyber-Roman
periplaneta
Ein orange-grünes Dieselungetüm schiebt sich zwischen Schnelllade-Hof und Autohaus hervor und biegt in den Haltestreifen ein. Ruckartig kommt es zum Stehen, senkt sich druckluftzischend ab und öffnet seine Ladeluke. Es ist aus einer anderen Welt, das Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit, an die sich Mic nur noch schemenhaft erinnert. Als nicht nur der Verkehr, sondern die ganze Welt von fossilen Brennstoffen angetrieben wurde.
Seit kurzem hat die Busgesellschaft eine digitale Verkaufsstelle in Riaru. Das Telefon meldet fünf neue Nachrichten, Mic klickt auf später. Eine Nachricht springt auf das Display und fragt: Aktuelles Busticket aufrufen? Mic klickt auf Ja.
Die Fahrerin scannt den Code und winkt Mic durch. Nur vereinzelte Plätze sind besetzt von Menschen mit müden Gesichtern. Mit dem Bus reisen schon lange nicht mehr die Touristen übers Wochenende ans Meer, sondern es fahren jene mit, die müssen.
Als sie Tandil verlassen, die kleine Universitätsstadt im Herzen von Argentinien, beginnt der Regen und erzeugt ein wohliges Gefühl im Bus. Die Sitze sind alt und durchgesessen, aber gemütlich. Mic streckt die Beine aus und die Fahrerin klingt nett: „Wir verlassen jetzt Tandil und machen uns auf den Weg nach Claromecó. Das Verkehrsaufkommen ist normal, die voraussichtliche Reisezeit beträgt drei Stunden. Die Toilette im Bus ist kaputt, die erste Pause machen wir in einer Stunde.“
Mic entsperrt ihr Telefon, wischt die Fahrkarte weg und wechselt in die Familiengruppe. Familie ist reichlich übertrieben, nur zwei Profile werden in der Gruppe angezeigt. Aber das wird sich heute ändern mit dem Geschenk, das in der Reisetasche auf die Eltern wartet.
Bin auf dem Weg, schreibt Mic. Das Telefon aktiviert die Kamera und ergänzt die Nachricht mit einem Videoschnippsel. Mic winkt.
Bis gleich, du Nerd, antwortet Emilio sofort, ich hol dich ab.
Auf der Landstraße zischen die Autos auf den Spuren für vollautomatische Fahrzeuge am Bus vorbei.
Mic bewegt ihre Spielfigur in den Übersichtsbereich. Auf dem Bildschirm erscheint eine Nachricht: Glückwunsch! Neuen Umsatz gemacht. Anzahl Nutzende: 241.
Es geht steil nach oben. Während sich Millionen anderer Menschen in die Wälder der virtuellen Welt schlagen, um Monster zu erledigen und Rätsel zu lösen, damit sie virtuelle Münzen erhalten, hat Mic eine Erweiterung gebaut, mit der Kontakte verwaltet werden können. Mit einer Münze lässt sich eine Kopie des digitalen Adressbuchs kaufen. Im Gegensatz zur normalen Welt kommuniziert dieses Adressbuch aktiv. Es zeigt an, wer zuletzt getroffen wurde, wen man schon lange nicht mehr gesehen hat und welche wichtigen Ereignisse im Leben der Personen bevorstehen, sofern die Information vorher eingetragen wurde. Es ist eine einfache Software, die Mic an einem Abend zusammengezimmert hat, eine Erweiterung für die virtuelle Welt von Riaru. Und jetzt gibt es tatsächlich 241 Personen, die das Adressbuch gekauft haben. 241 Münzen könnte Mic in eine neue Kopfbedeckung für den Avatar investieren. Ein Umtausch in eine echte Währung und eine Auszahlung ist allerdings nicht möglich.
Die Zeit wird aufgesogen von dem kleinen Kasten vor den Augen, in dem sich eine ganze Welt befindet. Viel größer, schneller, bunter und schöner als die echte, in welcher der Bus gerade in die Hauptstraße von Claromecó einbiegt. Links und rechts der Hauptstraße gehen schnurgerade Sandpisten ab, im rechten Winkel zur einzigen befestigten Straße. Daran aufgereiht liegen die Häuser, meistens einstöckig.
Durch das Fenster des Busses hätte Mic einen guten Ausblick auf die Stadt, in der sich nichts geändert hat. Hier ist Mic aufgewachsen und wollte, genau wie alle anderen, weg.
Dröhnend bringt der Bus die Menschen zurück, als würde ein Magnet an den Zuckungen eines jeden Gedanken zerren.
Mic fällt Emilio in die Arme. Sie halten sich in geschwisterlicher Umarmung und er sagt: „Wie schön, dich wiederzusehen!“
Der Wind hat einen weiteren Weg zurückgelegt als Mic, er riecht nach Salz und kühlt die aufgeheizten Gebäude. Nach drei Schritten hat sich Claromecós Mischung aus Staub, Sand und Schweiß auf Mics Körper verteilt. Das ist zuhause.
„Wie bist du hier?“, fragt Mic ihren älteren Bruder.
Der grinst als Antwort breit. „Mit meinem neuen Auto natürlich, komm.“
An der Straßenecke steht ein roter Traktor, auf dessen Anhänger ein Fischerboot festgezurrt ist. Dahinter parkt ein vollelektrischer, grasgrüner Sportwagen, dessen Scheinwerfern böse in ihre Richtung starren. Er drückt sich mit seinen windschnittigen Linien flach auf die sandige Straße.
„Wie zum Teufel … Woher hast du den?“, fragt Mic und Emilo lacht.
„Keine Sorge, ist nur geliehen. Beziehungsweise bei uns in Reparatur. Wir müssen hinten rum in die Werkstatt fahren, damit Papa nichts merkt. Abgeholt wird er erst morgen.“
„Wenn Papa das mitkriegt!“, sagt Mic und als Emilio sich dem Wagen nähert, drehen sich die Türen von alleine Richtung Himmel.
„Einsteigen bitte!“
Als Emilio losfährt, ist der knirschende Sand unter den Reifen das einzige Geräusch. In einem großen Bogen geht es durch das Dorf, vorbei an einfachen Häusern und direkt durch Mics Vergangenheit. Der letzte Besuch ist ewig her, aber an jeder Straßenecke hängt eine Erinnerung an das mühsame Großwerden in einem von der Welt abgeschnittenen Ort. Emilio wird den Wagen waschen müssen, der Staub ist überall.
„Nur gut, dass Autos nichts trinken müssen“, sagt Emilio, als sie aussteigen.
Auf einem Schild steht Kundenparkplatz, aber es ist nicht mehr als eine sandige Einfahrt, die zwischen einem flachen Gebäude und dem Wohnhaus liegt. Emilio öffnet die Eingangstür und Maria reißt ihre Arme in die Luft und ruft: „Meine Kinder!“
Obwohl die Mutter kleiner ist, schrumpft Mic sofort auf Fingerhutgröße und sagt: „Mama.“
Auch der Vater drückt Mic kurz und fest: „Aha, der Kapitalismus! Jetzt müsst ihr eure dummen Sprüche lassen, Leute. Die Wissenschaft hält Einzug.“
Die Familie lacht und verteilt sich um den Esstisch. Nur, dass der Tisch viel kleiner geworden ist. Plötzlich sitzen zwei Alte und zwei Erwachsene darum und erinnern sich an Früher.
Nach dem Essen sagt Mic: „Mama, ich habe euch ein Geschenk mitgebracht.“
„Warum das denn? Du hilfst uns doch schon so sehr.“
„Weil ich es möchte, Mama. Und weil es wichtig ist.“
Draußen ist es dunkel geworden. Drinnen scheinen die LED-Strahler. Die Plastiktischdecke schmatzt den nackten Armen hinterher.
„Bitteschön“, Mic überreicht ein Paket, eingeschlagen in mit Blumen bedrucktem Papier, „ist für euch beide!“
Vorsichtig löst Maria die Klebestreifen, streicht das Papier glatt und schlägt dann die Hände vor dem Mund zusammen.
Der Vater sagt: „Was sollen wir damit? Dafür sind wir zu alt.“
Emilio beugt sich mit Kennermiene darüber. „Neustes Modell. Gute Wahl.“
„Ruhe“, bestimmt ihr Vater, „das ist Mics Beruf. Natürlich ist es das neueste Modell.“
„Mach es an“, sagt Mic.
Maria nimmt das Tablet aus der Verpackung, stellt es auf den Tisch und drückt auf den Knopf. Lautlos erwacht das Gerät zum Leben. „Hallo, Maria“, sagt es nach einer kurzen Ladezeit, ihre Mutter erschrickt und alle lachen.
„Mama, damit können wir uns beim Telefonieren sehen. Außerdem kannst du darüber fernsehen und spielen. Und Bilder anschauen. Es ist ein Fenster in die Welt.“
„Toll“, antwortet die Mutter, starrt auf das Gerät, als würde schon ein Fernsehfilm laufen, „aber du erklärst mir ganz genau, wie das funktioniert, ja?“
„Natürlich.“
„Sowas hätte deine Oma gebraucht. Dass wir sie beim Telefonieren sehen. Und Bilder schicken.“
Emilio steht auf, ihr Vater lässt sich zurück in den Stuhl fallen, Maria schaut weiter auf das LCD-Display, ihr Gesicht ist bläulich beleuchtet.
„Jetzt kannst du endlich in unsere Familiengruppe bei Riaru“, sagt Emilio.
„Quatsch, damit fange ich gar nicht erst an“, sagt Maria, „alle Welt spielt dieses dämliche Spiel und hat vollkommen verlernt, wie man sich unterhält. Ich schreibe weiter meine Briefe.“
„Die kannst du auf dem Tablet schreiben“, sagt Mic, „dann tun deine Handgelenke nicht so weh vom Schreiben.“
„Das zeigst du mir dann morgen“, sagt Maria, „du bleibst doch noch?“ Und sie schaut Mic direkt in die Augen.
„Bis morgen, ja.“
Mic und Emilio sitzen auf dem Dach der Werkstatt. Um sie herum rumort das Leben, bauen die Menschen an einem Zuhause und nennen es Zukunft. Der Himmel ist überzogen mit Sternen und ein paar hundert Meter entfernt rauscht das Meer.
„Wie läuft es wirklich in deinem Job?“, fragt Emilio.
Mic starrt weiter auf die alles umrundende Linie namens Horizont. „Mein wirklicher Job ist irgendwo anders.“
„Du hast doch bald die Probezeit bestanden.“
„Wenn ich sie bestehe.“
„Ach, ganz bestimmt, du bist die Klügste von uns allen.“
Jemand hämmert. Ein Hund läuft über die Straße. Ihr Vater betritt die Werkstatt und schaltet das Licht ein. Die Einfahrt durchziehen lange Schatten und der grüne Sportwagen funkelt.
„Ohne Internetverbindung kann der nicht fahren“, sagt Emilio.
„Internet gibt es überall.“
„Irgendwann mache ich meine Weltreise und dann finde ich es heraus.“
Von ihrem Sitzplatz aus sieht Mic drei Funkmasten: die Verbindung mit der Welt, das unsichtbare Versprechen, dass die Technologie kommt, um das Leben der Menschen glücklicher zu machen, sicherer und schöner.
„Ich will etwas machen, das den Menschen hilft und nicht einem idiotischen Boss. Etwas, das ich für richtig halte“, sagt Mic zum Horizont, „Oma hätte das Tablet geholfen. Mama wird es helfen. Es gibt Unternehmen, da arbeiten Hunderte von Menschen daran, wie wir die Technologie von heute nutzen können, um ein besseres Leben für alle zu schaffen.“
„Ein besseres Leben schafft man mit der Arbeit seiner Hände, nicht mit seinem Kopf.“
„Was für ein Blödsinn, schau dir mal die Welt an. Die Zukunft wird in den Tech-Konzernen in Europa erschaffen. Da gibt es Leute, die beschäftigen sich mit nichts anderem. Die sprechen darüber, wie künstliche Intelligenz uns die Arbeit abnimmt. Wie Muster erkannt, Erdbeben vorhergesagt, Krebs geheilt, das Lernen revolutioniert wird. Sowas will ich machen.“
„Dann bewirb dich da“, sagt Emilio, „du hast doch diese Auszeichnung von deiner Uni bekommen. Damit sollte es kein Problem sein.“
„Beste Abschlussarbeit des ganzen Jahrgangs, ich weiß. Nur deshalb habe ich jetzt überhaupt einen Job. Aber diese Unternehmen rekrutieren ganz anders. Meine einzige Chance ist es, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Ganz neu, ganz anders, ganz schnell. So wie noch nie jemand zuvor an die Sachen ran gegangen ist.“
„Mach das!“
„Das kann ich nicht. Ich muss den Eltern helfen. Ich helfe dir. Ich habe überhaupt keine Reserven. Ich bin ganz alleine.“
„Du kannst auch in Claromecó eine Firma gründen. Hat Papa auch gemacht.“ Emilio zeigt auf die Gebäude unter ihnen.
Mic schüttelt den Kopf. „Wer interessiert sich schon dafür, was hier passiert.“
Die Welt streckt sich verschwenderisch in alle Richtungen, außer in den Häusern des Dorfes sieht man kein einziges Licht leuchten. Ein Klecks in der gewellten Landschaft eines abgehängten Kontinents. Ein Gefängnis ohne Mauern.
„Wenn es Leute gibt, die diesen Tech-Kram machen, dann schaffst du es auch. Irgendwo kommen die auch her.“
„Ich habe mich überall beworben“, sagt Mic, „aber im Vergleich mit der ganzen Welt ist mein Abschluss aus einem Kaff nichts wert. Für eine neue Firma braucht es Startkapital. Eine Idee. Und die Kraft, etwas in der Welt zu verändern. Ich habe nichts davon.“
Emilio schnippt Steinchen vom Dach in die Einfahrt. „Meinst du, dass Mama mit dem Tablet zurechtkommt?“
„Sie muss es lernen. Nicht mehr lange und man kann nichts mehr ohne Internetzugang erledigen.“
„Ohne Riaru meinst du.“
„Riaru, Google, Apple, alle. Sie öffnen den Zugang zu einer neuen Welt.“
„Vielleicht musst du mal eine Webseite für unsere Werkstatt einrichten. Die Leute fragen manchmal danach, online Termine zu machen.“
„Ach ja?“
„Einer hat mal gefragt. Aber du kennst ja Papa.“
„Läuft es gut mit der Werkstatt?“
„Mein wirklicher Job ist irgendwo anders“, sagt Emilio und lacht. Mic versucht, ihn vom Dach zu schubsen, was natürlich nicht klappt. Ihr Lachen verhallt spurlos in der Dunkelheit um sie herum. Danach kommt die Stille. Unterbrochen von den nächtlichen Geräuschen von Tieren, Menschen und Maschinen.
„Womit spielst du da die ganze Zeit rum?“, fragt Emilio und deutet auf Mics Hände.
„Mit einem Mini-NodeMcu Lua WiFi-Board.“
„Mit was?“
„Das ist ein Mikrocontroller. Du kannst Mini-Computer dazu sagen. Um einen vor Jammer und Deauther-Attacken zu schützen. Oder wenigstens den Angreifer schneller ausfindig zu machen.“
„Was redest du da?“
„Meine Arbeit hängt von einer stabilen Internetverbindung ab. Eigentlich unser aller Leben. Aber die Verbindung kann angegriffen werden. Es muss nur jemand auf die Idee kommen, einen Störsender neben dein Haus zu stellen, und du kannst nicht mal mehr die Polizei anrufen. Davor sollen einen diese Teile bewahren. Nicht bewahren, aber bei der Verteidigung helfen. Habe ich selbst gebaut. Ich war letztens bei so einem Workshop.“
„Willst du das hier installieren?“
„Hab ich schon. In meiner Tasche ist ein ganzer Stapel von diesen Teilen. Ich habe das Gefühl, der hier wird etwas Außergewöhnliches tun.“
„Bist du jetzt ein Hacker, oder was?“
„Ich interessiere mich nur ein bisschen für Netzwerktechnik.“
„Komm! Mal sehen, ob du noch mit normalen Leuten tanzen kannst. Lust auf Party? Heute Abend ist Fischschuppen.“
„Klar!“, sagt Mic. Sie klettern über den Stapel Europaletten vom Dach. Emilio reicht Mic die Hand, wird aber ignoriert.
Das Licht kämpft sich träge über die Fassaden, die wie die Wände einer Schlucht stumm in den Himmel ragen. Übersät mit leeren Augen, die gleichzeitig in alle Richtungen schauen.
Der Himmel über Tandil ist bewölkt, wie immer – der Tag wird heiß, wie immer. Mic ist wach.
Mic liegt ganz reglos da, bedacht auf eine gleichmäßige Atmung und einen ruhigen Puls, um den Schlaf nicht zu vertreiben, um die Realität nicht anzulocken, um das Smarthome nicht zu wecken. Über dem Bett stapeln sich die Grundrisse von 15 anderen Welten, und auf der hier steht: Zuhause.
An einer Stange hängt Kleidung, als wäre sie aus einem fernen Land, wo man abends tanzen geht. Für Tandil ist sie unpassend. Neben der Kleiderstange ist der Durchgang zur Küche. Zwei Töpfe und zwei Pfannen gab es zum Einzug als Geschenk von den Eltern. Nur die Pfanne wurde seitdem einmal benutzt, als nachts Kratzgeräusche an der Wohnungstür die Stille vertrieben haben. Die große Gusseiserne wog schwer in den Händen, Mic stand hinter der Tür und lauschte dem Atmen, dem Fluchen und dem ununterbrochenen Kratzen, bereit zuzuschlagen, alles in diese eine, vernichtende Bewegung zu legen, um dann über den Körper zu steigen. Darauf achtend, den fremden Händen nicht zu nah zu kommen und dann wegzulaufen, direkt bis nach Europa in ein anderes Leben.
„Das ist nicht deine Scheißwohnung!“, hallte eine Stimme draußen über den Flur und das Schnaufen entfernte sich. Mic war so erleichtert und wahnsinnig enttäuscht.
Mics Telefon liegt auf einem Pappkarton, der seit dem Einzug als Nachttisch dient. An der Decke hängt eine nackte Glühbirne, ein paar Fotos sind an den Wänden verteilt. Doch auf dem Schreibtisch stehen zwei hochauflösende schwarze Monitore, davor liegen eine kabellose Tastatur und ein Trackpad, welche zusammen mehr gekostet haben, als manch Nachbar im Monat verdient.
Als hätte der Computer Mics Erwachen gespürt, springt die LED-Beleuchtung an und die Arbeitsumgebung erscheint auf den Monitoren. Die Systeme verbinden sich mit dem Internet, schicken lange Zeichenketten hin und her, um sich gegenseitig ihre Identität zu bestätigen. Dann meldet das Kommunikationssystem: Guten Morgen, Mic. In deinem Postfach befinden sich keine neuen Nachrichten.
Das Smartphone hat die körperlichen Veränderungen registriert, zwanzig Sekunden nach dem Öffnen der Augen. Die Körperfunktionen folgen einem Muster, und die Sensoren sind auf nichts anderes trainiert, als diese zu erkennen. Ein ganz normaler Arbeitstag wartet, schon wieder, wie gestern, wie morgen und wie immer.
Das Linoleum ist noch kalt unter den nackten Füßen. Das Bad hat kein Fenster und der Kühlschrank keinen Inhalt. Mic trinkt ein Glas Wasser und nimmt sich wieder vor, heute einkaufen zu gehen. Danach wäre ein Frühstück an der Reihe.
Niemand anderes aus der Familie hat es je geschafft, Claromecó zu verlassen. Niemand hat studiert oder hat wie Mic einen Job, in dem mehr Geld verdient wird, als die ganze Familie zusammen erwirtschaftet.
Mic darf sich nicht beschweren, es ist alles gut und genau so, wie es geplant war. Die Fähigkeit, einem Computer zu sagen, was zu tun ist, fühlt sich einfach und unbedeutend an. Aber immer noch suchen Unternehmen auf der ganzen Welt händeringend nach Menschen mit diesen Fähigkeiten.
Es sucht natürlich niemand Mic im Speziellen. Obwohl die Technologie rasante Fortschritte gemacht hat – nach der Meldung des Smartphones, dass der Schlaf beendet wurde, hätte das Smarthome Kaffee kochen und dann auch gleich neuen bestellen können – braucht die ganze technologisierte Welt Heerscharen an Menschen, die den Geräten dieses Verhalten einprogrammiert, die Software überprüft und Fehler behebt. Fehler, die immer in komplexen Systemen entstehen. Fehler, die meistens so einfach und dämlich sind, dass die vernetzten, automatisierten Systeme sie weder erkennen, noch beheben können. Wenn davon etwas durch die Medien geht, dann sagt ihr Vater: „Kann man das nicht gleich richtig machen?“
Die Hersteller bezeichnen ihre Produkte als intelligent. Die intelligente Kaffeemaschine kommuniziert mit dem intelligenten Kühlschrank. Keine Software kommt ohne den Stempel aus, und keine wird der Lehrbuchdefinition von Intelligenz gerecht.
Als kleines Kind war es für Mic schwierig zu akzeptieren, sich die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen, und das auch noch täglich, aber das war offensichtlich die Aufgabe. Mics kleines Inneres war überzeugt, dass man sich durchkämpfen muss und am Ende die Belohnung dafür bekommt. Die Liebe der Mutter, das leise Atmen des Bruders, das Spielzeug im gemeinsamen Kinderzimmer, dann ein Job nach dem abgeschlossenen Studium. Eine glückliche Familie und einen verdammten Job, der die Mühe wert ist, der etwas verändert und der für irgendjemanden auf der Welt einen Sinn ergibt.
Mic spült sich den Mund aus, zieht eine dunkelrote Jacke über das schwarze T-Shirt, greift das Telefon und die Kopfhörer, verschließt die Wohnung und bricht auf. Seit fünf Monaten und zwei Wochen ist es der gleiche Ablauf. ‚Sei dankbar, dass du einen Job hast‘, sagte die Mutter, und Mic hörte auf, mit ihr über dieses Thema zu sprechen. Ob der Job in zwei Wochen noch da sein wird, ist unklar. Dann endet die Probezeit. Die intelligente Wohnung schaltet sich in den Stand-by-Modus.
An der Bushaltestelle stehen die gleichen Leute wie immer. Nur einen Schritt vor ihnen donnert der Verkehr Richtung Innenstadt, wirbelt der Fahrtwind der Lastwagen die Plastikfetzen auf dem Bürgersteig umher. Die Regierung sprach davon, dass die selbstfahrenden Busse pünktlich sein würden. Und der CEO der Firma, welche die Busse herstellt, lächelte schräg am Publikum vorbei in die falsche Kamera.
Die Gruppe der Wartenden beginnt, auf die Uhr zu schauen und hin und her zu laufen. Die autonomen Busse stecken im gleichen Stau fest wie vorher die von Menschen gelenkten. Nur gibt es jetzt eine Person weniger, die schimpft.
Aus dem Verkehr schält sich das Wunderwerk der Technik, in grellen Farben. Die Scheinwerfer blicken grimmig auf die Gruppe am Straßenrand, als wäre es ihre Schuld, dass der Computer wieder seinen Fahrplan nicht einhalten wird. Hinter der Frontscheibe drücken sich schon die Rücken der Fahrgäste an das Glas. Die Radar- und Sensortechnologie ist gut versteckt, nur bei genauem Hinsehen erkennt man die schwarzen Plexiglasscheiben knapp über der Fahrbahn, hinter denen sich die Aufnahmetechnologie versteckt. Auf dem Dach reckt sich eine Antenne wie ein stummeliger Finger in den strahlend blauen Himmel. Ununterbrochen wandern Hunderttausende von Datenpaketen aus der Antenne zum nächstgelegenen Sendemast.
Mics Telefon verbindet sich mit dem Netzwerk des Busses, noch bevor der angehalten hat. Ein weiteres Datenpaket fliegt davon, die Identifikationsnummer des Telefons wird mit der Datenbank der Verkehrsbetriebe abgeglichen und dann abgerechnet. Das Telefon meldet: Abonnement aktiv. Noch 21 Tage bis zur automatischen Verlängerung. Ein täglicher Countdown, an dessen Ende die Wiederholung steht.
Mic stellt sich in die Reihe, um sich in den Bus zu quetschen. Die Menschen rufen wütende Sätze in die Menge. Die Blicke eines jeden sind starr an irgendeinen Punkt gerichtet, der Atem geht flach, um die Person nebenan nicht zu riechen oder sich selbst oder einfach nur, um die ungewollte Berührung zu ignorieren. Immerhin fällt niemand um, wenn der Bus anfährt. Die Algorithmen sind darauf trainiert, die Masse aus Technik und Leben absolut ruhig und gleichmäßig in Bewegung zu versetzen.
Die Systeme der anderen autonomen Fahrzeuge kommunizieren untereinander und warnen sich gegenseitig vor Gefahren, unbekannten Objekten und den größten Hindernissen auf den Straßen: Menschen.
Bei jedem Halt lässt sich Mic weiter ins Innere schieben, versucht, sich noch schmaler zu machen, wenn eine Person zu spät bemerkt, dass der Bus bereits an der Haltestelle steht. Nach vier Stationen wird ein Fensterplatz frei. Mit dem Rücken zur Menge, die Stirn an die kühle Scheibe gelehnt, entstehen ein paar Quadratzentimeter Raum, in das genau ein Telefon passt.
Mic aktiviert es und beobachtet seine Bemühungen, die Umgebung zu erfassen. Subroutinen springen an, säuberlich orchestriert fließt die Arbeit von Hunderten Menschen in wenigen Millisekunden zusammen. Das Telefon spricht den Bus an und fordert eine Verbindung zum Kommunikationssystem. Der Bus leitet die Datenpakete seiner Fahrgäste zum zentralen Netzwerkknoten der Verkehrsbetriebe.
Die ganze Menschheit vertraut auf die stete Verfügbarkeit von zentralen Diensten, einer Internetverbindung, einer funktionierenden Stromversorgung, einer schnellen Infrastruktur und sie baut auf Server, die die Anfragen verstehen und beantworten.
Plante man einen Anschlag, wäre das das richtige Angriffsziel. Auf alle oder auf einen, macht eigentlich keinen Unterschied, denkt Mic. Tausende Pakete sind hier im Einsatz, alle haben verschiedene Aufgaben und sind unterschiedlich in ihrer Struktur, manche sind feine Rennwagen, andere sind ganze Universen eigener Logik. Der stete Strom von Datenpaketen umfließt und durchfließt sie alle und erzeugt eine neue komplexe Struktur, die in sich selbst beschleunigt. Oder sich selbst im Weg steht. Diejenigen, die hier den Überblick behalten, denen die Infrastruktur gehört, könnten hier verstecken, was auch immer sie wollten. Aber es ist komplex. Zwei Menschen schaffen es kaum, sich über die Pläne des Wochenendes einig zu werden, geschweige denn, sich daran zu halten. Wie also sollte sich eine weltumspannende Verschwörung im digitalen Raum manifestieren?
Der ganze Vorgang, von mehreren Servern den Status ihres Posteingangs abzufragen, dauert nur Bruchteile einer Sekunde: Eine neue Nachricht von Freedom Foundation – Personalabteilung. Mic versucht, ihre Hoffnung zu beruhigen. Vielleicht ist es die positive Antwort, die alles ändert. Sie beschließt, die Nachricht erst nach dem Aussteigen zu lesen. Wenn der große Moment gekommen ist, dann soll der nicht im vollgestopften Bus stattfinden. Noch fünf Stationen.
Mic öffnet das Videoportal und tippt auf Zufällige Wiedergabe.
„Hallo“, sagt eine wohlklingende Stimme, das Bild ist schwarz, nur schemenhaft erkennt man eine Person, die eine Bühne betritt. „Uns zugeschaltet ist Tuuli, Gründerin und Geschäftsführerin von Riaru. Ja Leute, das Riaru, das ihr eben noch gespielt habt. Oder immer noch spielt. Jetzt macht mal eine Pause und hört zu!“
Eine anonyme Menge lacht, das Licht geht an und Tuuli Tanneck wird sichtbar, sie winkt. Schnitt. Schwenk ins Publikum, es tobt und klatscht, jubelt und schreit die Leinwand an.
„Ich freue mich, hier zu sein!“, sagt Tuuli, „das World Privacy Forum ist immer ein Lieblingstermin in meinem Kalender.“
Das hört das Publikum gerne, auch wenn es wohl kaum jemand glaubt.
„Riaru ist mit drei Milliarden Spielenden weltweit das größte Open World Game der Welt. Schaut euch um, jetzt gerade spielen Menschen unser Spiel. In diesem Moment. Sie bauen sich eine neue Existenz auf oder jagen einfach nur Monster. Wir haben hier ein paar unbeschwerte Stunden für dich vorbereitet. Eine Zeit, die nur dir gehört und die du dir verdient hast. Jeder Mensch braucht eine Ablenkung vom Alltag, mit all seinen Verpflichtungen. Unsere Mission ist es, diese Ablenkung für dich zu einem Erlebnis zu machen. Daran arbeiten wir seit Jahren, und wir sind verdammt gut darin. Unsere Aufgabe ist es, Technologie für alle Menschen zugänglich zu machen. Riaru ist inzwischen mehr als ein Spiel. Viele Tausend Betriebe haben ihre Geschäftsstellen virtuell nachgebaut und manche machen über die Plattform mehr Umsatz als über ihre eigene Webseite. Riaru kann von allen intuitiv bedient werden, es braucht keine Erklärung oder Einführung. Es ist ein Abbild von unserer Realität, und in der kennen wir uns aus. Mit Riaru bleibt niemand einsam zurück, wir nehmen jeden mit.“
Mic wird von einem Ellenbogen im Rücken getroffen, der Bus kommt zum Stehen, und die Menschen schieben sich gleichzeitig in den Bus rein und wieder heraus. Durch die Menge beobachtet Mic einen Typen, er sieht freundlich aus und lässt sich hin und her schubsen, viel mehr kann man auch nicht machen. Mic blickt wieder auf das Telefon.
„Wir halten uns an die Regeln“, sagt Tuuli, „Wir sind die Guten. Wir betreiben einen eigenen Sicherheitsdienst, wir kooperieren mit der Strafverfolgung, denn wir wissen, dass auch schädliche Elemente unsere Technologie nutzen.
Leute, wollt ihr wirklich, dass eure Mitspieler Drogen über Riaru verkaufen? Sex-Videos teilen? Vergewaltigungen oder sogar Kinderpornographie verbreiten?
Nein, verdammt, das wollen wir nicht! Wir haben die Daten, das Wissen und die Möglichkeiten, um diese widerlichen Elemente von unserer Plattform zu vertreiben. Und es ist unsere Aufgabe, es ist unsere Pflicht, diesen Unrat von unserer Plattform zu schmeißen. Ein für alle Mal. Die klügsten Menschen arbeiten seit vielen Monaten an Lösungen, wie wir unsere virtuelle Welt sicherer und freundlicher gestalten. Ohne die Privatsphäre des Einzelnen zu verletzen. Riaru ist ein schönes Spiel. Es ist dein Zufluchtsort, deine Perspektive und dein Freund. Wir sind die Guten! Und du“, jetzt blickt Tuuli genau in die Kamera, genau in Mics offenes Herz, „wirst ein Teil davon werden.“
Dann wird das Video vom System des Busses überschrieben, das Telefon meldet: Endstation. Bitte alle aussteigen.
Mic ist so weit von der glitzernden Tech-Welt entfernt wie kein anderer Mensch auf der Erde. Dort kämpfen sie für ein freies und gerechtes Internet, sie schmeißen die Bösen raus und arbeiten für die Guten. Hier öffnen sich die Bustüren und die Menschen ergießen sich über den glühend heißen Asphalt. Die Straßen sind strahlend weiß, in Hellgrau, Hellblau und Hellgrün ziehen sich die Bürotürme in den Himmel, komplett verglast und so heruntergekühlt, dass Mic einen Pullover in der Schreibtischschublade aufbewahrt.
Es ist immer der gleiche Weg. Jeder, der aussteigt, ist ein weiterer Punkt, der von oben betrachtet Teil eines Musters wird, zu einem Fluss aus Datenquellen, der sich als Delta gleichmäßig verteilt und Wege nachzeichnet, denen die Menschen immer folgen, zu dieser Uhrzeit an einem ganz gewöhnlichen Wochentag.
Nur ein Punkt bleibt heute stehen.
Vor drei Wochen hat Mic mit dem Human Resources Manager Georg gesprochen. Er arbeitet bei der Freedom Foundation, einer global operierenden Organisation, die sich für die Freiheitsrechte der Menschen im digitalen Raum einsetzt. Mic hatte bei dem Job Posting für eine Full Stack Engineering-Stelle auf den blauen Jetzt bewerben-Knopf gedrückt und wenige Tage später eine Einladung bekommen.
„Hallo“, sagte Georg, sein Videobild war verpixelt, hinter seinem Körper prangte das Freedom Foundation-Logo auf einem virtuellen Hintergrund. „Wie geht es dir, Mic?“
„Gut. Und dir?“
„Ich führe heute den Screening Call mit dir durch. Vielen Dank für die Bewerbung. In diesem Gespräch geht es darum zu erkennen, ob es eine Übereinstimmung mit den Werten unseres Unternehmens gibt und zu schauen, ob du zu uns passt. Sowohl fachlich als auch menschlich. Als Freedom Foundation legen wir darauf sehr großen Wert darauf, in einem Team zu arbeiten, das die gleichen Werte teilt. Hast du dazu Fragen?“
„Ich habe schon einiges über die Foundation gelesen, eure Projekte sind super. Ihr schaut euch die größten Tech-Player auf der ganzen Welt an. Allerdings unterstützen die euch auch finanziell. Entsteht dadurch ein Interessenkonflikt?“
„Eine gute Frage, dazu später mehr. Jetzt sprechen wir über dich. Wie bist du auf die Freedom Foundation aufmerksam geworden?“
„Meine Probezeit bei einem Unternehmen geht zu Ende. Ich habe viel gelernt, aber ich will etwas Neues finden. Mir ist es wichtig, einen positiven Umgang mit der Technologie zu gestalten. Technologie kann uns helfen, unser aller Leben besser zu machen. Besser und gerechter. Und die Freedom Foundation tut genau das. Dabei möchte ich helfen.“
„Klasse, danke, Mic. Was kannst du einbringen, um das Team zu unterstützen?“
„Ich kann programmieren und habe Erfahrung in allen technischen Bereichen. Die Datenverarbeitung liegt mir, ich kann aber auch Benutzeroberflächen bauen. Kein Problem. Was braucht ihr denn?“
„Großartig, genau das. Wir sind immer auf der Suche nach guten Leuten. Welche Eigenschaften hatte die beste Chefin, die du jemals hattest?“
Mic dachte an ihren jetzigen Chef, den fetten Santos, und stellte sich vor, er wäre eine Frau. Dann wäre es allerdings auch eine andere Firma und sie müsste dieses Gespräch nicht führen. „Eine Chefin kümmert sich um ihre Angestellten. Sie ist erreichbar und direkt, sie weiß, wo das Unternehmen hin möchte und kann die Gründe dafür erklären. Sie gibt uns die Richtung vor, lässt aber Freiraum, um die perfekte Lösung zu finden.“
„Eine interessante Ansicht“, sagte Georg, starrte weiter ununterbrochen in die Kamera und ging über zur nächsten Fragen: „Wie bist du in der Vergangenheit mit Konflikten mit Kollegen umgegangen?“
„Ich habe sie angesprochen und geklärt“, sagte Mic und dachte: Ich wünschte, die Technologie würde für uns die Konflikte lösen.
„Mic, es war ganz großartig mit dir zu sprechen. Vielen Dank für deine Zeit. Hast du noch eine Frage?“
„Nein.“
„Dann beenden wir jetzt das Gespräch. Meine Kollegin wird sich in den nächsten Tagen per Mail bei dir melden, um zu besprechen, wie es weiter geht. Hab einen schönen Tag und viel Erfolg für deine Karriere, Mic.“
„Dankeschön“, sagte Mic und führte den Mauszeiger zum Gespräch beenden-Knopf, doch der Computer meldete: Der Host hat das Gespräch beendet.
Eine Weile saß Mic noch vor dem Monitor und hatte den Eindruck, das Gespräch sei gut gelaufen. Georg kam ihr fremd und unnahbar vor, aber mit der Recruiting-Abteilung hat man normalerweise wenig zu tun. Die säuberlich vorgeschriebenen Antworten landeten zusammengeknüllt im Papierkorb.
Das war vor drei Wochen. Jetzt steht Mic in der Morgensonne, spürt die Hitze des Steins durch die Sohlen der Schuhe und starrt auf die Benachrichtigung auf dem Telefon: Eine neue Nachricht von Freedom Foundation – Personalabteilung
Die Nachricht, die alles ändert, ist erstmal auch nur eine unter vielen. Mic tippt auf die Zeile auf dem Display, das Telefon scannt die Gesichtsform und entschlüsselt die Daten.
Danke für deine Zeit und das freundliche Gespräch. Wir haben sehr viele Bewerbungen pro Stelle und wir müssen dir mitteilen, dass wir für die Full Stack Engineering Stelle eine andere Person ausgewählt haben. Das heißt aber nicht, dass du nicht zu uns passt. Versuche es weiter und wir sprechen uns bald wieder. Mit freiheitlichen Grüßen …
Die gestolperte Hoffnung krallt sich an die Innenwände des Magens. Noch eine Absage, wie immer. Kein Grund, gleich zu verzweifeln. Mic versucht, sich zu beruhigen: Ich habe einen guten Job. Ich werde die Probezeit bestehen. Ich habe noch genügend Zeit, etwas anderes zu finden. Es geht nicht gegen mich persönlich. Es ist alles gut.
Den Blick auf die Spitze der Bürotürme gerichtet, setzt sich der Datenpunkt in Bewegung, der vorberechneten Spur folgend.
Die Türen des Fahrstuhls öffnen sich und geben den Blick frei auf den mit Teppich ausgelegten Flur, der vorbei an den Glaswänden führt, welche die Product Unit von der Marketing und Sales Unit trennt. Im Rücken spürt Mic die Blicke der Leute im Aufzug, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, sich einmal im Leben ein paar Quadratmeter geteilt zu haben. Sie sehen in die fremde Etage, die genauso aussieht wie ihre eigene. Die Blicke schieben Mic in den Raum. Sie steigt als Einzige im zweiten Stock aus.
Neben dem Großraumbüro gibt es nur ein Einzelbüro, das direkt neben dem Eingang liegt. Darin sitzt wie immer Santos, der sich gerade eine Tafel Schokolade auf sein Butterbrot legt.
„Mici“, ruft er, als es sich gerade anfühlte, als sei die Aufmerksamkeit auf sein Butterbrot größer als die auf den Flur. „Komm rein, Mici“, sagt er und tut, als wäre er mindestens 20 Jahre älter, „Deine Probezeit ist bald vorbei.“
„Ich weiß“, sagt Mic.
„Was machen wir denn da?“, fragt Santos. Mic guckt auf das Schokoladenbrot und Santos gibt sich selbst die Antwort: „Mach einen Termin, damit wir besprechen, wie es weitergeht. Und jetzt los, retten wir mal wieder die Welt.“
Das Einzige, was Santos rettet, ist sein Geldbeutel. Niemand auf dieser Etage ist daran interessiert, geschweige denn dazu in der Lage, die Welt zu retten. Die Leute sind froh über ihren Job. Santos hat vor zehn Jahren MailGoat gegründet. „Die fortschrittlichsten Marketingtools des Landes“, steht auf der Webseite – aber wenn sich jemand anmeldet, läuft der Prozess immer noch über die zehn Jahre alte Infrastruktur, über die jeden Tag einige Hunderttausend E-Mails verschickt werden. Da für jede E-Mail bezahlt werden muss, lebt es sich als CEO von MailGoat recht gut. Santos verwaltet seinen vermeintlichen Erfolg, und alle anderen wollen nichts als ihren Job behalten.
„Noch was“, ruft Santos und Mic geht zwei Schritte zurück und streckt den Kopf in die Tür. „Der Editor muss fertig werden. Und zwar jetzt. Mit allen Mitteln. Das musst du hinkriegen, Mic.“
„Ja“, sagt Mic.
Die Tische im Großraumbüro sind unordentlich, auf den meisten stehen zwei Monitore, an denen lose Kabel baumeln, die auf einen Laptop warten. Sie starren wie gelangweilte Beamte ins Nirgendwo. Hier und da steht ein Sofa wie hingeworfen, auf keinem davon hat Mic bisher gesessen.
Mit einem leisen Klick rastet das Kabel in den Computer ein, der biometrische Sensor bestätigt die Identität. Die persönlichen Merkmale werden ausgelesen, mit Standort und Tageszeit angereichert, zu einem Datenpaket zusammengeschnürt und auf die Reise geschickt. Nach wenigen Millisekunden bekommt der Computer die Antwort, entsperrt den Hauptprozess und startet die externen Monitore.
Das blaue Licht überflutet das Gesicht, tunkt Mic ein in die digitale Welt, die Pupillen stellen sich auf die neuen Lichtverhältnisse ein, die die nächsten acht oder neun Stunden unverändert bleiben werden. Erst wenn Santos aufbricht, beginnt der Feierabend.
Als Erstes öffnet sich die Aufgabenliste. Bunte Linien kriechen entlang einer Zeitachse, zeigen mit Pfeilen auf andere bunte Linien. Sie liegen schon länger hinter den Erwartungen, aber niemand kümmert sich darum. Erst recht nicht der Projektmanager Diego, von dem alle annehmen, dass er noch einen zweiten Job macht, der ihm mehr Spaß bereitet. In der Übersicht wird Mic als grinsende Comicfigur dargestellt, die fröhlich durch ihre Punktaugen blickt. Das war einmal die Vorstellung vom Leben hier, am ersten Tag, vor fast einem halben Jahr.
Der Mauszeiger klickt genau zwischen die Augen. Das ist gar nicht so einfach, denn der Avatar ist klein. Die Übersicht schrumpft zusammen, drei Aufgaben-Tickets sind für heute aufgelistet, die gleichen drei, die sie gestern hatte, und die auch morgen da stehen werden. Die Beschreibung ist vage, und was auch immer Mic tut, lässt sich in die Arbeitsanweisungen hineininterpretieren. Mic beginnt mit einer Recherche, klickt durch das Ticketsystem und schaut den anderen virtuell über die Schulter. Wenn jeder seine Aufgaben ordentlich einträgt, herrscht Transparenz darüber, woran das Team arbeitet, was als Nächstes fertig wird und wie gut die Performance ist. Eine gute Idee, um in einer fragmentierten und komplexen Welt den Überblick zu behalten.
Mic klickt auf die Spalte mit den weiteren offenen Aufgaben. Sie ist leer. Diego hat nichts geplant. Niemand sonst hat seine zu bearbeitenden Fälle eingetragen. Noch schlimmer als die langen Arbeitsstunden ist die Langeweile. Mic sitzt wie immer vor dem Computer und starrt auf die Aufgabenverwaltung, in der Hoffnung, es würde sich etwas tun. Wenn der in die Zukunft gerichtete Teil des Gehirns kein Futter bekommt und wartet, dann entsteht Raum zum Denken. Daran, in die Welt zu ziehen, MailGoat zu verlassen, Tandil zu verlassen, dem ganzen Kontinent den Rücken zu kehren und an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen.
Solange wie Santos in seinem Glaskasten sitzt, wird Mic nirgendwo hingehen. Die drei Tickets lassen sich nicht abarbeiten, sie beinhalten keine Definition, wann sie erledigt sind. Stattdessen lassen sie die Zeit im Büro langsamer vergehen als im Rest der Welt. Am Anfang ist Mic noch zu Diego gegangen, hat ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er für sie nichts eingetragen habe. Er hat erst freundlich, später patzig reagiert. Gefordert, dass Mic ihm nicht vorschreiben solle, wie er seine Arbeit zu erledigen habe. Das einzige Ergebnis war, dass er danach noch undeutlichere Aufgaben formulierte. Mic hat aufgehört nachzufragen. Und darüber nachzudenken.
Es gibt stundenlange Videos von Programmierumgebungen, die komplizierte Zusammenhänge erklären. Einige Kollegen spielen diese im Vollbildmodus ab, während sie mit Kopfhörern auf den Ohren so aufrecht wie möglich vor ihrem Computer schlafen. Wirft Santos den berüchtigten Schulterblick, sieht er kilometerlange Code-Zeilen über den Bildschirm rasen, komplizierte Prozesse ablaufen und eindrucksvolle Statistiken entstehen und beglückwünscht sich selbst zu diesem hervorragenden Team, das mit ganzer Kraft daran arbeitet, noch ein paar E-Mails mehr pro Tag zu verschicken. Es sieht aus wie bei den Hackern im Kino.
Hey Guys, kommt ihr bitte einmal in den Meetingraum. Jetzt!!!, schreibt Diego im Firmenchat. Mit drei Ausrufezeichen.
Im Besprechungsraum Holunderblüte stehen fünf Personen um den Tisch herum, gegenüber der Tür hängt ein Monitor, darauf die postkartengroßen Gesichter von acht weiteren Leuten, die heute nicht ins Büro gekommen sind. Manche von ihnen waren noch nie da. Mic nimmt sich vor, ebenfalls mehr Homeoffice zu machen.
„Guten Morgen“, grüßt Diego in die Runde, „geht es euch allen gut?“ Die Kameraspinne in der Mitte des Tisches dreht sich mit leisem Surren in seine Richtung.
„Gute Nachrichten. Ich darf euch Ignacio vorstellen! Full Stack Engineer und ab heute Teil unseres großartigen Teams. Ignacio, das sind die Leute, die bei MailGoat dafür sorgen, dass unsere Kunden ein funktionierendes Tool bekommen. Du weißt ja, wir sind die größte Newsletter-Software Argentiniens. Wir sind die Einzigen, die moderne Technik mit klassischem Marketing verbinden. Wir haben die größte Empfängerdatenbank und über uns werden 10% aller E-Mails in unserem schönen Land verschickt. Wir haben einen ausgezeichneten Ruf zu verlieren, deshalb strengt euch an. Marktführer wird man nicht von alleine. Ihr seid direkt dafür verantwortlich, wie unsere Kunden uns bewerten. Also verbockt es nicht. Gut, dass wir dich jetzt dabei haben, Ignacio. Damit du mal einen Einblick bekommst, woran wir arbeiten, stellt dir jetzt jeder seine Arbeit vor.
Ich will gute Nachrichten hören. Die Kunden sind ungeduldig. Ich muss nicht erklären, dass die Kunden es sind, die eure Brötchen bezahlen. Ich will Vollgas heute. Erklärt Ignacio, woran ihr gerade arbeitet. Marcel fängt an und gibt dann weiter.“
Auf einer der Postkarten bewegen sich die Lippen, alle schauen auf den Bildschirm und Diego sagt: „Marcel, du bist gemuted.“
„...orry, sorry, sorry“, dröhnt es aus den Lautsprechern, „ist meine erste Videokonferenz“, sagt Marcel und niemand lacht, Diego dreht den Ton leiser. Mic macht zwei Kreuze in ihrem imaginären Bullshit-Bingo.
Marcel erzählt von seinem Tag, er erklärt technische Details und niemand unterbricht ihn, bis er nach fünf Minuten sein Mikro wieder ausstellt. Drei Kreuze.
Die fünf im Raum starren auf den Bildschirm oder aus dem Fenster, sie werden erst aktiviert, wenn jemand ihren Namen nennt. Aber Marcel hat es vergessen und so stockt die Runde schon nach dem ersten Beitrag. Diego ruft den Nächsten auf.
Das Kameraauge fährt den Kreis der Personen entlang, es richtet sich automatisch aus. Spricht jemand aus dem Video heraus, zuckt es kurz in die Richtung. Mic stellt sich vor, wie die Prozesse ablaufen. Die Schallwellen, die von den acht kreisförmig angeordneten Mikrofonen registriert werden, der Vorgang, bei dem jede aufgenommene Lautstärke miteinander verglichen und daraus die Richtung des Tons berechnet wird. Ist die Richtung gefunden, wird der Befehl an die Motoren gegeben, die Kamera auszurichten. Irgendjemand hat dem Gerät beigebracht, dass es nicht wünschenswert ist, sich auf Lautsprecher auszurichten. Auf dem Gehäuse steht „Intelligente Meeting Kamera“. Doch die Prüfung ist zu langsam und deshalb zuckt die Maschine kurz. Als hätte sie sich erschrocken und würde sich mit Gewalt dazu zwingen, sich nicht umzudrehen. Bloß nicht umdrehen, bloß nicht auffallen.
„Mic“, sagt Diego. Anscheinend nicht zum ersten Mal. Die Kamera dreht sich gemächlich.
„Ja“, sagt Mic und die Kamera dreht sich zurück. In der verspiegelten Linse hängen sie alle kopfüber von der Decke. „Ich überarbeite den Editor, in dem die Leute ihre Newsletter schreiben, er wird jetzt im neuen Layout angezeigt und funktioniert. Aber es hakt in der Synchronisierung. Wenn zwei Fenster geöffnet sind und denselben Inhalt bearbeiten, gibt es einen Konflikt. Keiner unserer Konkurrenten bekommt das hin, aber ich bin zuversichtlich, dass ich es schaffen kann, wenn ...“
„Hast du versucht, den Main Thread zu muten, wenn sich die Command Controls überlagern?“ Die Kamera dreht sich wieder zu Diego.
„Natürlich“, antwortet Mic, „aber das hat nichts mit dem Editor zu tun.“
„Lass uns dazu heute noch mal sprechen“, sagt Diego, „ich hab da ein paar Ideen. Ignacio kann gleich dazu kommen und du erklärst später im Detail, was da los ist, Mic. Das war’s Leute. Los an die Arbeit, was sitzt ihr hier noch rum?“
Eine Postkarte nach der anderen verschwindet vom Bildschirm und die Menschen im Büro verlassen den Raum. Die Kamera bleibt stehen, sie schaut hin und her, als würde sie sich fragen, wer sie wohl mitnimmt, aber niemand schaut zurück, außer Mic.
„Buh“, sagt Mic und die Kamera dreht sich erwartungsvoll in ihre Richtung. Sie filmt Mics Rücken, bis der im Türrahmen verschwindet. Nachdem sie fünf Minuten kein Geräusch mehr registriert hat, wechselt sie in den Stand-by-Modus. Es ist eine intelligente Kamera.
Im Flur steht Diego und blickt auf sein Telefon. „Mic, ich schicke dir die ID eines Kunden, der sagt, er hat seine Empfängerdatenbank verloren. Alle Adressen weg. Du stellst sie sofort wieder her.“
„Okay“, sagt Mic.
„Aber richtig schnell, deine Probezeit ist bald zu Ende, wäre besser, du hättest was auf der Haben-Seite, wenn du mit Santos sprichst. Sonst fliegst du.“
Diego dreht sich um und geht. Mic steht im Flur, hinter sich die Holunderblüte, vor sich das Großraumbüro, in dem die Leute an Tischen aufgereiht sitzen.
