Richtung Süden - AnSo Fröhlich - E-Book

Richtung Süden E-Book

AnSo Fröhlich

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Beschreibung

Kurzgeschichten von AnSo Kleine und unaufdringliche Geschichten über Schwarzfahrten, Identitätswechsel, Dreiecksbeziehungen, Nahtod-Erfahrungen, Ausreißer, Großmütter, Affären, kleine Morde unter echten und eingebildeten Liebespartnern sowie Religionsstiftern. Sowie ein nachdenkliches kleines Stück über Vögel und Vergänglichkeit. Geschrieben von AnSo 2009-2016

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Richtung Süden +

Titel SeiteRichtung SüdenZu Höherem berufenArbeitsverweigerungFilmrissWie man sich trifftSommerurlaubAbgefahrenZwei Seiten eines DreiecksTitelUmsonstAusreißerPicknickÜber die Liebe und den leeren BauchIdentitätswechselAusgeticktFragmenteMehr als nur Licht am Ende des TunnelsAmamaVögel unter dem Himmel

Richtung Süden

Kurzes und Kleines vonAnSo

Richtung Süden

Piep-piep-piep – noch während sich die Türen der U-Bahn schlossen, sah Nina Lohse die beiden Männer in blauen Anoraks, die am anderen Ende des Waggons zugestiegen waren. Fahrkartenkontrolleure? Oder nur Sicherheitspersonal? Ihr Herz legte einen Galoppsprung ein und rutschte dann in die Hose.

Der Zug war ziemlich voll. Nina saß ganz vorne links am Fenster, gerade schob sich noch eine dicke Dame mit bestickter Mütze, einer Unzahl von prallen Einkaufstüten und einem rattenartigen Hündchen im Schlepptau neben sie; gegenüber saßen ein Junge mit Ohrstöpseln und wippendem Turnschuhfuß und ein Anzugherr mit Aktentasche. Nina vergaß die blauen Männer. Sie machte sich dünn und rückte noch weiter in ihre Ecke. Diese Frau war wirklich raumgreifend. Jetzt lehnte sie auch noch ihre Schulter gegen Ninas und lächelte breit.

Nina schaute weg, schaute aus dem Fenster in die Dunkelheit, schaute in sich hinein, wurde noch dünner und war schließlich nur noch ein Strich, dem niemand etwas anhaben konnte.

„Die Fahrkarten bitte!“ Jetzt war Nina kein Strich mehr, sondern eine Verbrecherin.

Nein, Verbrecherin war ein zu hartes Wort. Diese Karten waren unverschämt teuer. Zwei Stationen wollte sie nur fahren, um an den Landungsbrücken ihr Fahrrad abzuholen, und das hätte 1,30 Euro gekostet. Eigentlich fuhr sie ja gar nicht Bahn, sondern Rad. Außerdem hatte sie zwar vorhin noch Geld am Automaten geholt, aber der gab keine kleinen Scheine aus, und Fünfziger nahm der Fahrkartenautomat nicht. Nahm sie mal an. Sie war also sozusagen ein Opfer widriger Umstände. Das würde sie den Kontrolleuren erklären. Sie fuhr sonst nie schwarz. Naja, sie fuhr sonst eigentlich nie U-Bahn. Aber wenn, dann nicht schwarz – schon allein wegen der Nerven.

Früher, als Studentin in Köln, war sie manchmal schwarz gefahren, denn da gehörte Schwarzfahren sozusagen zum guten Ton. Sie hatte ihre Zehnerkarte mit Fixogum präpariert, diesem Architektenkleber, den man samt Zeitstempel wieder abrubbeln konnte. Schrecklich ungemütlich war es gewesen, mit so einer Karte unterwegs zu sein. Was, wenn sie erwischt worden wäre? Das gab als Betrug bestimmt viel höhere Strafen als fürs Schwarzfahren, schließlich brauchte es auch mehr kriminelle Energie. Statt so eine manipulierte Fahrkarte vorzuzeigen, würde sie lieber behaupten, sie hätte gar keine. Dann war es doch besser, tatsächlich keine zu haben. So wie jetzt. Nina atmete tief durch. Allerdings gab es hier in Hamburg ohnehin keine Mehrfahrtentickets.

Die Männer in den blauen Jacken kamen unerbittlich näher.

Sie könnte sich unsichtbar machen oder ganz klein, so klein, dass sie leicht in der Jackentasche ihrer ausladenden Nachbarin verschwände. Die brauchte ohnehin so viel mehr Platz, dass es nur angemessen wäre, Nina umsonst zu befördern, wenn diese doppeltdicke Frau auch nur den regulären Preis zu zahlen hatte. Mitsamt ihrer Hundsratte.

Die U-Bahn war aus ihrem Tunnel aufgetaucht und hielt aufs Wasser zu, um dann in einem weiten Bogen den Hafen entlang zu fahren. Sie könnte einfach geradeaus weitersausen, noch höher steigen und den schienengebundenen Kontrolleuren in ihren hässlichen Anoraks vor der Nase weg ins Blaue verschwinden. Nina jedenfalls fühlte sich leicht genug für so eine Reise. In Richtung Süden, das war nie falsch. Palmen und Sonne kamen ihr in den Sinn. Eine Untergrundbahn, die nicht unterirdisch fuhr, hatte ohnehin den Beruf verfehlt und konnte dann doch auch gleich ganz was anderes machen.

Der Gedanke gefiel Nina. Sie warf einen Blick neben sich. Wenn all die Rundungen nun Ballons wären? Die Dame nähme das kleine rote Hämmerchen, schlüge mit einem freundlich gelächelten „Entschuldigen Sie“ die Fensterscheibe neben Nina ein und schwebte rund und leuchtend mit all ihren Tüten hinaus, den Zug hinter sich herziehend, durch die Nacht in den sonnigen Süden.

Nina lächelte. Die Frau neben ihr kramte in ihrer Handtasche und machte keinerlei Anstalten, die Scheibe einzuschlagen. Der ältere der beiden Kontrolleure wandte sich jetzt ihrer Sitzgruppe zu: „Ihre Fahrkarten bitte!“

Nina lächelte nicht mehr. „Ich habe keine Fahrkarte“, sagte sie leise; fast nur ein Wispern war ihre Stimme, geschluckt von der Wärme, die vom Hals zu den Wangen hinaufstieg.

Der Kontrolleur beugte sich zu ihr vor, da legte sich eine rundliche Hand auf Ninas Knie, und sie hörte eine volle, dunkle Stimme sagen: „Die junge Dame ist mit mir unterwegs – auf die Gruppentageskarte. Hier, bitte.“

Der Zug fuhr in die Station Baumwall ein, die Männer in den blauen Anoraks stiegen aus. Die dicke Dame zwinkerte Nina noch zu und hüpfte dann erstaunlich flink mit Sack und Pack ebenfalls aus dem Zug.

„Danke“, sagte Nina leise. Der Turnschuhjunge grinste und wippte mit dem Fuß.

Zu Höherem berufen

Froh bin ich und stolz, bei dem Experiment mitwirken zu dürfen; eine bessere Chance auf einen prominenten Platz in der Weltgeschichte kann es wohl nicht geben.

Es handelt sich um ein auf mehrere Jahrtausende angelegtes Forschungsprojekt zur menschlichen Entwicklung, das die Leitung des Großen Ganzen bewilligt hat und an dem eine ganze Reihe unterschiedlicher Teams mitarbeiten. Unser Teilprojekt befasst sich mit Ethik. Meiner Meinung nach geht es im Wesentlichen um Fragen von Führung und Verführung, und ich nehme an, dass ich deswegen als Teilnehmerin ausgewählt worden bin.

In den letzten Jahren habe ich viele Kunden beraten, die in hohen Positionen tätig sind und denen ich helfe, ihre Ziele noch besser durchzusetzen. Durch das Projekt hat sich meine Arbeit etwas verändert, denn für die Teilnahme wurde mein freier Wille eingeschränkt. Zeitweilig übernehmen „sie“ – ich weiß leider nicht einmal, wer das dann genau ist – sogar ganz und gar, dann bin ich nur noch Werkzeug und kann lediglich zur Kenntnis nehmen, was ich sage. Wenn ich gewusst hätte, dass Propheten derart fremdbestimmt sind, hätte ich vielleicht abgelehnt, an der Studie teilzunehmen. Aber genau genommen hat man mich ohnehin gar nicht gefragt.

Eines Nachts im vergangenen November, ich war allein in einem Ferienhaus in den Bergen und gegen Mitternacht endlich eingeschlafen, war es in meinem Zimmer plötzlich hell, gleißend hell. Zwei strahlend schöne Männer in weißen Gewändern hoben mich aus dem Bett, öffneten meinen Brustkorb, nahmen das Herz heraus und wuschen es rein, um es anschließend wieder einzusetzen. Dann nahmen sie mich mit in eine andere Sphäre, an den Ort, von dem aus das Große Ganze geleitet wird.

Wir kamen in einen weiten Raum, fast wie eine Arena. Unübersehbar viele Menschen waren da. In der ersten Reihe, auf einem Podest wie einem Siegertreppchen, ein junger Mann mit Dornenkrone, der mir sehr vertraut vorkam, dann ein älterer mit beeindruckendem Vollbart und einer mit Glatze in rotem Gewand. Weiter hinten meinte ich noch ein paar zu kennen, einen dünnen Inder mit runder Brille, einen Rundlichen im Gehrock mit hoher Stirn und Rauschebart.

Alles Männer, dachte ich. „Wir haben es immer wieder auch mit Frauen versucht, aber sie waren bisher nicht sehr erfolgreich. Jetzt hoffen wir, dass die Zeit reif dafür ist, deswegen bist du ausgewählt worden“, kam die Antwort auf meine Gedanken durch eine Stimme mitten in meinem Kopf.

„Das Ritual mit dem Herzwaschen hat schon einmal sehr gut funktioniert, darum haben wir es bei dir auch durchführen lassen. Der Teilnehmer hatte bereits zu Lebzeiten eine große Gefolgschaft, heute zählt etwa ein Viertel der Menschheit zu seinen Anhängern. Allerdings haben, ähnlich wie in anderen Fangruppen auch, die Radikalen die Oberhand gewonnen. Qualitativ wird seine Platzierung daher wohl weniger gut ausfallen.“

Die Regeln in diesem Experiment sind, so erfuhr ich, sehr einfach. Es geht darum, Werte zu verbreiten, wobei die Teilnehmer sowohl in den Methoden als auch in der Ausformulierung weitgehend frei sind. Mal hat einer vor allem von „Nächstenliebe“ gesprochen, ein anderer hat den Slogan „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ benutzt, eine Dritte den „Dienst am Nächsten“ propagiert. Manche haben ihre Lehren mit Wundern bekräftigt, etwa indem sie die besonderen Regeln, die für Projektteilnehmer gelten (Schwerelosigkeit zum Beispiel), öffentlich zur Schau stellten. Größere Verstöße gegen Naturgesetze müssen allerdings beantragt werden. Jedenfalls gilt es, möglichst viele Anhänger auf der Erde zu gewinnen.

Deren Zahl bestimmt den Rang in der aktuellen Wertung. Für die Gesamtwertung am Ende der Versuchsreihe wird zusätzlich bei jedem Kandidaten geprüft, was seine Gefolgsleute real für Frieden, Glück und Wohl des Planeten und seiner Bewohner bewirkt haben.

„Da könnten wir große Überraschungen erleben“, erklärte die Stimme in meinem Kopf. „Teilnehmer, die du jetzt gar nicht siehst, weil sie so weit hinten liegen, werden dann ganz oben auf dem Treppchen stehen.“

Die Restlaufzeit des Projekts betrage noch fast zweitausend Jahre, „falls nicht vorher jemand alles in die Luft jagt“. Ein empörtes Schnauben brachte meinen Kopf zum Vibrieren. „Man sollte nicht glauben, dass es ein Ethikprojekt ist, wenn man sieht, was für verbohrtes Pack sich in vielen Fangruppen findet.“

Parallel zur Versuchsanordnung auf der Erde laufe natürlich ein Vergleichsplanet ohne Propheten in der Andromeda-Galaxie.

Die beiden makellosen Strahlemänner brachten mich zurück in mein Schlafzimmer. Den jüngeren der beiden, einen feingliedrigen Beau mit braunen Locken und funkelnden Augen, der aus jeder Pore zu leuchten schien, versuchte ich zum Bleiben zu überreden, aber er verschwand mit seinem Kollegen zusammen im Nichts.

In den folgenden Tagen, die ich noch allein auf dem Berg verbrachte, war ich geneigt, das Ganze für einen Traum zu halten, aber kaum dass ich wieder unter Menschen kam, bestand kein Zweifel mehr. Ich moderierte gerade ein Podium zu Methoden der Kundengewinnung, als „sie“ übernahmen und ich plötzlich enthusiastisch rief: „Um Erfolg zu haben, müssen Sie sich selbst lieben! Niemand kann Sie lieben, wenn Sie selbst es nicht tun, und niemand kann Sie mehr lieben als Sie selbst. Fassen Sie sich ein Herz: Beschenken Sie sich selbst mit der Liebe, die Sie in der Welt sehen wollen!“

Etwas ruhiger – und zu meiner Erleichterung auch wieder etwas näher an meinem üblichen Skript – fuhr ich fort: „Der erfolgreichste Weg zum Kunden führt unbedingt über Ihre eigene Einstellung. Ihre Einstellung prägt Ihre Persönlichkeit. Ich werde Ihnen jetzt erklären, wie Sie die richtige Einstellung erlangen, wie Sie den ‚Denken-Fühlen-Handeln-Code‘ Ihrer Kunden entschlüsseln und diese in Ihrem Sinne positiv beeinflussen können.“

Leider hatte ich keine Ahnung, wie man einen „Denken-Fühlen-Handeln-Code“ entschlüsselt, aber ich hörte mich schon weiterreden: „Auch Firmen und Unternehmen gehen in diesen Jahren durch heftige Zeiten des Umbruchs, hin zu einem anderen Bewusstsein, einem neuen Denken über Leben und Arbeit. Alte Denk- und Handlungsweisen verlieren ihre Wirkkraft, bisher erfolgreiche Strategien brechen weg“ – das passierte mir offenbar gerade selbst. Wie sollte ich da bloß wieder rauskommen?

Wie eine Antwort erklang es aus meinem Mund: „Der mental-rationale Ansatz hat ausgedient. Er führt allzu oft in Krankheit, Depression und Burnout. Wo Emotionen unterdrückt werden und wo nicht wahrhaft kommuniziert wird, kann kein Erfolg entstehen.“

Okay, der letzte Satz hätte zumindest wieder von mir sein können. Leider folgte ein nicht uninteressanter, aber reichlich wirrer Schwall über „Umsetzung des ureigenen Potentials durch die Kraft der Emotionen … gehirngerechte Kundengewinnung in wettbewerbsüberfluteten Märkten mithilfe aktueller neuro-wissenschaftlicher Erkenntnisse ... nachhaltige Win-win-Situation durch mehr Balance …“

Ich war inzwischen meine aufmerksamste Zuhörerin. In der Tat schien meine Rede immer mehr an mich gerichtet zu sein: „Sie wollen Menschen berühren und begeistern? Stellen Sie den Menschen in den Mittelpunkt. Sie können Ihre Kunden begeistern, wenn Sie persönlich Begeisterung ausstrahlen!“ Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg.

„Rackern Sie sich nicht mehr für andere ab!“, appellierte es jetzt aus meinem Mund. Toller Tipp, wenn man nicht mal selbst bestimmen kann, was man sagt. Machten „die“ sich etwa über mich lustig? „Entdecken Sie Ihr Herz als ‚Navigationssystem‘ für ein glückliches, erfolgreiches Leben! Lassen Sie sich nicht in eine Schwäche hineinzwingen, die Ihrer eigentlichen Bestimmung widerspricht!“

In mir mischten sich Staunen und Wut, da fiel mir auf, wie gebannt das Publikum an meinen Lippen hing. „So können Sie Glück und Erfolg elegant verknüpfen“, hörte ich mich enden und dann leise, nur noch zu mir gewandt, hinzufügen: „Letztlich ist alles eins.“ Das Seminar war vorbei.

Natürlich war es ziemlich peinlich, zumal außer mir niemand mehr zu Wort gekommen war – aber danach hatte ich meine ersten Anhänger.

An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen. Dieses Mal war alles gut gegangen, aber ich durfte auf keinen Fall noch einmal dermaßen die Kontrolle verlieren. Ich war eine ausgezeichnete Trainerin. Mich bevormunden zu lassen, entsprach weder meinem „ureigenen Potential“ noch meiner „eigentlichen Bestimmung“. Das würde ich mir nicht wieder bieten lassen.

Schließlich kam ich doch zur Ruhe. Vielleicht war ich einfach nur erkältet.

In den folgenden Tagen führte ich zahlreiche Beratungsgespräche, professionell und souverän. Fast hatte ich den seltsamen Traum und meinen bizarren Auftritt wieder vergessen, als ich einen Fachkongress eröffnete. Schon als ich die Stufen zur Bühne ansteuerte, hatte ich das Gefühl, ein paar Zentimeter zu wachsen. Schwungvoll nahm ich das Mikrofon. „Spüren Sie es auch? Die Zeit ist reif für einige grundlegende Veränderungen auf der Welt – und in Ihrem Leben“, hörte ich mich sagen. „Selten waren die Schwingungen so günstig. Der Schlüssel für ein glückliches und erfülltes Dasein liegt in Ihrer Hand.“

Die Kolleginnen und Kollegen im Saal schienen ein wenig überrascht von dieser Begrüßung, aber folgten meinen Ausführungen mit wachsendem Interesse, als ich – nun ja, oder wer auch immer – ihnen erklärte, dass sie weit erfolgreicher wären, wenn sie die Schicksalsgesetze kennten und sich mit den Regeln auseinandersetzten, nach denen das Universum funktioniert. Ich erläuterte die geistigen Gesetze des Lebens wie das der Anziehung, das der Resonanz, das vom guten Anfang und das der Polarität sowie die Vorteile eines Lebens im Einklang mit dem Kosmos.

„Ich wette, die meisten von Ihnen versuchen allzu oft, Erwartungen anderer zu erfüllen und es allen recht zu machen. Das gilt als normal. Doch wollen Sie wirklich ‚normal‘ sein? Wäre es nicht viel besser, Sie wären glücklich? In der Tat wäre das nicht nur besser für Sie, sondern auch für unsere Gesellschaft und unseren Planeten.

Zögern Sie nicht – ändern Sie noch heute Ihre Strategie und gewinnen Sie Ihre Mitmenschen, ja das gesamte Universum für sich!“ Meine Stimme klang ungewohnt voll. Noch nie hatte ich erlebt, dass mein Publikum so gebannt dem folgte, was ich zu sagen hatte.

Auch ich selbst lauschte fasziniert meinem Redeschwall. Mal ging es um Akzeptanz, um „positive Realitätsgestaltung“ und „himmlische Pakete“, dann war die Rede vom wohlwollenden Universum und davon, wie wir alles erreichen können, was die Welt zu bieten hat. So ganz logisch war das alles nicht, dachte mein leider völlig machtloses Ich – und bewunderte dann wieder den Auftritt, den der Rest von mir da bot. „Löschen Sie Ihre mentalen Verhinderungsprogramme, verbessern Sie Ihre innere Programmierung – damit Sie Ihr ureigenes Potential künftig voll ausschöpfen können.“

Wie im Rausch nahm ich den Applaus entgegen. Mit der fremd-vollen Stimme erklärte ich noch, dass ich selbstverständlich weiterführende Seminare anbiete. Noch am selben Abend war mir klar, dass ich angesichts der Anfragen künftig größere Räume würde finden müssen.

Nachdem mir diese plötzliche Übernahme ein paarmal passiert war, begann ich aus dem, was ich mich hatte sagen hören, eine geschlossene Ideologie zu formen. Schließlich ist niemandem damit gedient, wenn ich wirres Zeug predige – und gewinnen werde ich damit auch kaum. Inzwischen habe ich zudem die Erfahrung gemacht, dass die Übergriffe seltener sind, wenn ich von mir aus aktiv werde und das Projekt vorantreibe.

Vor allem habe ich meine Zielgruppe erweitert, bin vom beruflichen zum Lebens-Coach geworden und nenne mich nun meist Mentaltrainerin. Für einen Spitzenplatz brauche ich neben den Führungskräften, die vormals meine Kunden waren, zusätzlich die breite Masse. Eine Trennung von Beruflichem und Privatem ist daher kontraproduktiv. Ich muss überall, in meinem persönlichen Umfeld ebenso wie öffentlich, als charismatisches Vorbild gelten.

Vollends klar wurde mir das, als ich neulich noch einmal – und das wird das absolut letzte Mal gewesen sein – die Kontrolle verlor. Es geschah bei einem Abendessen im Freundeskreis. Nur ich hörte, dass die fremde Predigerstimme übernommen hatte und nicht mehr ich selbst zu meiner Gastgeberin sprach: „Wenn du erfolgreich sein willst, musst du die Beziehung zu Geld und Beruf ebenso pflegen wie die zu deinem Partner und deinen Kindern. Sie entspricht deiner Beziehung zum Universum. Mach dir klar, dass die Wohltaten des Universums dich erreichen wollen – sei bereit, sie zu empfangen!“

Alle anderen Gespräche waren verstummt, der ganze Tisch blickte auf mich. Inzwischen wusste ich selbst, was ich zu sagen hatte. Mit aller Kraft rang ich die innere Übernahme nieder und sagte: „Sind wir nicht im Grunde alle auf der Suche nach der Erkenntnis, die uns – ohne unsere Intelligenz zu beleidigen – aufzeigt, wie wir unser Leben glücklicher und erfüllter gestalten können? Wie wir im Einklang mit uns selbst, mit dem Universum und dem ganzen Kosmos in Frieden und Wohlstand leben können? Große Geister wie Platon, Da Vinci und Einstein“ (die religiösen Führer erwähnte ich wohlweislich nicht, schließlich wollte ich keine Pferde scheu machen) „haben um das Geheimnis gewusst. Ereignisse werden durch Gedankenenergie angezogen. Beruflicher und persönlicher Erfolg, gelungene Beziehungen, Gesundheit und Glück – sie sind möglich. Die Kraft, die dahinter steht und nach der wir so oft suchen, ist nicht von uns getrennt, sie ist in uns selbst!“

Tja. Aus der Tischrunde an diesem Abend wurde eine feste Gruppe, die rasant wächst, bald werden wir sie teilen müssen.

Ohnehin glaube ich längst, dass es strategisch klüger ist, die Grundlage für eine weltweite Bewegung – Religion würde ich es nicht nennen, das ist meiner Ansicht nach ein veraltetes Konzept – zu legen, als schon zu Lebzeiten möglichst viele Anhänger um sich zu scharen. Ein paar muss ich natürlich überzeugen; vor allem aber brauche ich Jünger, die nach meinem Tod für mich missionieren. Ich fürchte nur, das wird mit schönen Worten allein kaum zu erreichen sein. Vermutlich muss ich doch noch irgendwann ein spektakuläres Event bieten, etwas, das richtig Eindruck macht.

„Ich hatte zwar eine ganze Menge Anhänger gesammelt, aber es hätte nie und nimmer für diesen Platz gereicht“, sagte mir der strahlende Jüngling mit der Nummer Eins damals bei der Berufung. „Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt und mich hinrichten lassen. Verdammt unangenehm, kann ich dir sagen.“ Er musterte mich kritisch. „Empfehlen würde ich es dir nicht, da musst du echt was aushalten.“ Jetzt strahlte er wieder. „Aber du siehst: Es hat sich gelohnt!“

Beim Weggehen zischte er mir noch zu, dass ich bloß nicht wagen sollte, seine Idee zu klauen. Unmissverständlich fuhr er sich mit der Hand über die Kehle. Offenbar hat er keine Ahnung von der aktuellen Lage, Kreuzigungen gibt es doch heute gar nicht mehr. Aber irgendwas ähnlich Beeindruckendes muss ich machen, sonst schaffe ich es bestimmt nicht auf einen der vorderen Plätze.

Ihr werdet noch von mir hören.

Arbeitsverweigerung

Als ich ankam, saß Rafael Golowski in der Küche seiner Wohngemeinschaft beim Frühstück. Ihm gegenüber plauderte die aparte Brünette, die er bei der Preisverleihung am Vorabend abgeschleppt hatte, ohne Punkt und Komma. Mit ihrem beigefarbenen Kostüm wirkte sie wie ein Fremdkörper in diesem Chaos aus dreckigem Geschirr, Altpapier und Bierkisten. Golowski selbst sah müde und verkatert aus, aber er erkannte mich sofort und wurde noch eine Spur blasser. Alle Menschen erkennen mich sofort.

„Entschuldige mich einen Moment.“ Die junge Dame schien etwas irritiert, doch Golowski führte mich über den Flur und durch ein großes, unordentliches Zimmer auf einen Balkon.

„Warum ich?“ Er stellte die Frage, die alle stellen, und sah dabei in den Hinterhof hinunter. „Ich bin jung, mein Leben hat gerade erst angefangen.“

„Sie sind wohl gestern auf der Preisverleihung zu weit gegangen.“ Golowski schien sich nicht zu erinnern, sondern sah mich nur verständnislos an. „Ich zitiere: ,Was kümmert mich das Schicksal? Sehen Sie sich doch meine Bilder an: Ich bin unsterblich!‘ – Im Rathaus! Vor Publikum!“ Meine Stimme klang jetzt sarkastisch. „Kaufen Sie sich eine Zeitung. Ihre Unsterblichkeit steht als Überschrift im Lokalteil. Sie sind dran.“