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Leni Riefenstahl (1902-2003) gehörte zu den populärsten, aber auch zu den umstrittensten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Propagandafilmen "Sieg des Glaubens", "Triumph des Willens" und "Olympia" prägte sie das Bild des Nationalsozialismus und wies doch nach 1945 jede moralische Schuld weit von sich. Nicht zuletzt deshalb ist die Einstellung der Deutschen zu Leni Riefenstahl nach wie vor problembeladen, während sie in den USA bereits seit Jahrzehnten als bahnbrechende Künstlerin verehrt wird. Jürgen Trimborn untersucht neben Riefenstahls Karriere als Tänzerin und Schauspielerin im Berlin der zwanziger Jahre und ihrer Arbeit als Fotografin in der Nachkriegszeit vor allem ihre Sonderstellung im Dritten Reich, ihr persönliches Verhältnis zu Hitler und Goebbels sowie die Entstehungsgeschichte der wichtigsten Filme dieser Zeit. Darüber hinaus sucht er aber auch nach Erklärungen für die unterschiedlichen Bilder und Urteile, die vor allem in Deutschland mit Hitlers Filmemacherin bis in die Gegenwart verbunden werden und die, so seine These, auch Ausdruck der Verdrängung eigener Schuld sind.
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Seitenzahl: 805
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Jürgen Trimborn, geboren 1971, Studium der Theater- und Filmwissenschaften, Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie. 1997 Promotion. 1995-2000 Lehrbeauftragter insbesondere zum Film des Dritten Reichs an der Universität zu Köln. Seine Biographie »Riefenstahl. Eine deutsche Karriere« wurde 2003 für den Deutschen Bücherpreis nominiert. Ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen sind seine Biographien zu Arno Breker und Johannes Heesters.
Leni Riefenstahl (1902–2003) gehörte zu den populärsten, aber auch zu den umstrittensten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Propagandafilmen »Sieg des Glaubens«, »Triumph des Willens« und »Olympia« prägte sie das Bild des Nationalsozialismus und wies doch nach 1945 jede moralische Schuld weit von sich. Nicht zuletzt deshalb ist die Einstellung der Deutschen zu Leni Riefenstahl nach wie vor problembeladen, während sie in den USA bereits seit Jahrzehnten als bahnbrechende Künstlerin verehrt wird. Jürgen Trimborn untersucht neben Riefenstahls Karriere als Tänzerin und Schauspielerin im Berlin der zwanziger Jahre und ihrer Arbeit als Fotografin in der Nachkriegszeit vor allem ihre Sonderstellung im Dritten Reich, ihr persönliches Verhältnis zu Hitler und Goebbels sowie die Entstehungsgeschichte der wichtigsten Filme dieser Zeit. Darüber hinaus sucht er aber auch nach Erklärungen für die unterschiedlichen Bilder und Urteile, die vor allem in Deutschland mit Hitlers Filmemacherin bis in die Gegenwart verbunden werden und die, so seine These, auch Ausdruck der Verdrängung eigener Schuld sind.
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Jürgen Trimborn
Riefenstahl
Eine deutsche Karriere
Biographie
Inhaltsübersicht
Über Jürgen Trimborn
Informationen zum Buch
Newsletter
Prolog
Annäherung an einen Mythos
Der Aufstieg
1. Das Berlin der KaiserzeitKindheit und Jugend
»In meiner Jugend war ich ein glücklicher Mensch«
2. Erste KarriereschritteAufstieg zur Solotänzerin
Eine ernüchternde Erfahrung
Debüt als Tänzerin
Vom Tanz zum Film
3. Star des BergfilmsSchauspielerin bei Arnold Fanck
Der Entdecker
Der Weg zum Bergfilm
»Körperkultur-Phantasien«
Affären
Die weiße Hölle vom Piz Palü
Rätsel um den Blauen Engel
Stürme über dem Montblanc
Abenteuer im ewigen Eis
»Höhenmenschentum und Edelblond«
4. Aufbruch zu neuen KarriereufernRegiedebüt Das blaue Licht
»Aus meinen Träumen entstanden Bilder«
Ein »innerlich kranker Film«?
Ein nicht immer willkommener Mitarbeiter
Der Ruhm
5. »Ich war infiziert«Leni Riefenstahl und Adolf Hitler
Hitler und die Frauen
Gerüchte
Der »Führer« und seine Künstler
6. Die »Filmemacherin des Führers«Vorzeigekünstlerin des Dritten Reichs
Wie hat Propaganda auszusehen?
Karriereplanung
Der vermeintliche Todfeind
7. Wechsel zum DokumentarfilmDer Parteitagsfilm Der Sieg des Glaubens
Warum Riefenstahl?
Intrigen
Neue Herausforderungen
Ein unerwünschter Film
8. Riefenstahl prägt das Gesicht des Dritten ReichsTriumph des Willens und Tag der Freiheit!
Der »Reichsparteitag der Einheit und Stärke«
Ruttmann und der verhinderte Prolog
Neue Machtfülle
Die Zeremonienmeisterin
Ein unbequemes Buch
Propaganda und Gegenpropaganda
Militärisches Intermezzo: Der Kurzfilm Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht!
9. Perfekte KörperOlympia. Fest der Völker/Fest der Schönheit
Standards der Sportberichterstattung
»Diese Frau war meine Feindin!«
Streit im Olympia-Stadion
Welturaufführung an »Führers Geburtstag«
Riefenstahl in Amerika
10. Privilegien einer Staatskünstlerin
Künstlerischer Lebenstraum: »Penthesilea«
Riefenstahls Filmgelände
Der Fall
11. Ein verschwiegenes FilmprojektSeptember 1939 an der polnischen Front
Krieg
Hitlers Geheimauftrag
Die »Läuterung«
12. Flucht ins vermeintlich UnpolitischeDas Endlosprojekt Tiefland
»Im Auftrag und auf Wunsch des Führers«
Höhenflüge
Ein langes Nachspiel: Zigeuner für Riefenstahl
Die Kulturfilmproduzentin
Privates Glück und Unglück
Die letzten Kriegsmonate
13. Doch nicht immun?Riefenstahl und der Antisemitismus
»Hier hast Du Deinen Himmel gefunden« Riefenstahl und Julius Streicher
Nichts gewusst?
Der Neubeginn
14. Zusammenbruch und Neuanfang 1945Prozesse und gescheiterte Hoffnungen
»Rechtlos und meiner Freiheit beraubt«
Szenen einer Ehe
»Nicht belastet«?
Verführte oder Verführerin?
Prozesse um Recht und Ehre
Gescheiterte Filmprojekte
Sehnsucht Afrika
15. Riefenstahl entdeckt eine neue WeltLeben bei den Nuba
Die erste Sudan-Expedition
Die Jagd nach dem Bild
Die Nuba von Kau
Ein Film über die Nuba
Letzter Besuch
Faszinierender Faschismus?
Unbelehrbare Propagandistin oder geniale Künstlerin?
16. Die vorläufig letzte KarriereIkone des Alters
Spätes Glück
Epilog
Riefenstahl-Renaissance
Die Wiederentdeckung Riefenstahls in Amerika
Die Riefenstahl-Rezeption in Europa und Japan
Riefenstahl und die Deutschen
Von der Schwierigkeit, einen Film über Leni Riefenstahl zu drehen
Allerletztes Comeback
Von der Renaissance zur Rehabilitation
Anhang
Anmerkungen
Zeittafel
Filmographie
Literaturverzeichnis
Personenregister
Dank
Impressum
Leni Riefenstahl, mit verzücktem Gesichtsausdruck exaltierte Bewegungen ausführend – die Tänzerin. Leni Riefenstahl, barfuß und unerschrocken eine steile Gebirgswand hinaufkletternd – der Bergfilmstar. Leni Riefenstahl, die selbstbewusst einem Heer von Kameramännern Anweisungen gibt – die Regisseurin. Leni Riefenstahl bei Dreharbeiten, lachend neben Adolf Hitler – die Karrieristin. Leni Riefenstahl, wild gestikulierend bei einem Gerichtsprozess in der Nachkriegszeit – die Angeklagte. Leni Riefenstahl mit einer Fotokamera an der Seite eines hochgewachsenen Nuba-Kriegers – die Fotografin. Leni Riefenstahl, die als älteste Tiefseetaucherin der Welt dem Indischen Ozean entsteigt – die Ikone. Leni Riefenstahl, hochbetagt, bei der Eröffnung einer ihr gewidmeten Retrospektive in Rom, Tokio oder Potsdam – der Mythos.
Viele, sehr disparate Bilder drängen sich auf, wenn man sich das Leben Leni Riefenstahls vergegenwärtigt. Zu verschieden sind die Rollen, die sie in ihrem langen Leben gespielt hat. Zu widersprüchlich die Bilder, die entstanden sind, seit die Tänzerin, Schauspielerin, Regisseurin und Fotografin im Rampenlicht steht.
Den einen gilt Leni Riefenstahl als geniale Filmschaffende, den anderen als Künstlerin, die sich durch ihre Arbeiten für Hitler auf einen Pakt mit dem Bösen eingelassen hat. In ihren letzten Lebensjahren wurde sie zunehmend als Ikone ihrer eigenen Altersvitalität wahrgenommen, der man schon aus Respekt vor ihrem hohen Alter die von ihr und ihren Apologeten lange geforderte Absolution erteilen müsse. Als sie für ihren 100. Geburtstag im August 2002 die Präsentation eines neuen Filmes ankündigte und damit die längste Regiekarriere der Filmgeschichte vorweisen konnte, geriet sie erneut in die Schlagzeilen. Keine andere Filmregisseurin hat jemals so viel Beachtung gefunden und zugleich so viel Kritik auf sich gezogen wie diese Frau, deren Popularität international nach wie vor ungebrochen ist.
Wer war Leni Riefenstahl? Je länger ich mich mit dieser Frage auseinandersetzte, desto stärker wurde mir bewusst, dass Riefenstahl selbst am wenigsten dazu beitragen kann, das Rätsel um ihre Person zu lösen. Mit ihrer geschönten, korrigierten Version der eigenen Lebensgeschichte, an der sie seit 1945 konsequent festhält, hat sie vielmehr den Grundstein für dieses Rätsel gelegt. Mittels Schutzbehauptungen und Unterlassungsklagen hat sie alles daran gesetzt, ihre Sicht der Dinge als die einzig gültige zu zementieren. Auch wenn ihr dies nicht gänzlich gelungen ist, auch wenn immer wieder Kritiker und Zweifler auf den Plan traten, die versuchten, Riefenstahl mit der Wahrheit zu konfrontieren, auch wenn längst Dokumente vorgelegt wurden, die ihre Version widerlegen, spielt das von der Künstlerin festgeschriebene Bild ihres Lebens und ihrer Karriere auch heute noch eine nicht unwesentliche Rolle, wenn es darum geht, über Riefenstahls Platz in der Geschichte zu diskutieren. Längst ist die selbstkonstruierte, von allen unangenehmen Implikationen bereinigte Vergangenheit, die sie seit Jahrzehnten immer und immer wieder erzählt, zu ihrer Realität geworden. Sogar Riefenstahl-Kritiker behandeln heute viele der von ihr selbst geschaffenen Mythen und Legenden als Tatsachen.
Aber nicht nur das Selbstbild Riefenstahls, auch viele unabhängig von ihren Aussagen kursierende Gerüchte und Spekulationen, die die emotionalisierte Diskussion um ihr Werk und ihr Leben prägen, verstellen den Zugang zu ihr. Die Tatsache, dass nur die wenigsten ihre Arbeiten aus der Zeit des Dritten Reichs aus eigener Anschauung kennen und sich so selbst ein Urteil darüber bilden können, macht das Sprechen über Riefenstahl noch immer schwierig.
Deshalb scheiden sich an Riefenstahl, der letzten Überlebenden aus dem engen Umkreis Hitlers, bis heute die Geister. Eine sachliche, vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit ihr war bisher kaum möglich, dominierten doch stets die stark vorurteilsbeladenen Argumente den Streit um die »Filmemacherin des Führers« und die »Macht ihrer Bilder«. Einig ist man sich nur darüber, dass sie als umstrittenste Regisseurin der Filmgeschichte anzusehen ist, aber auch eine der wichtigsten Filmkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts war. Zwar ist man noch nicht zu einer abschließenden Meinung gekommen, dennoch beginnt man zunehmend, sich jenseits der einst so schnell gefällten Urteile mit dem Leben Riefenstahls zu beschäftigen. Den Menschen hinter diesem Wust von Vorurteilen, Anekdoten und Gerüchten zu entdecken wird zunehmend als reizvoll empfunden.
Am Anfang meines Interesses für Leni Riefenstahl stand zweifellos die Faszination für ein außergewöhnliches Leben, das Interesse an ihren Filmen, aber auch an der Frau, die diese geschaffen hat. Die Gerüchte, der Klatsch um sie machten sie noch interessanter. Noch bevor ich ihre nur schwer zugänglichen Filme sah, las ich ihre Memoiren. Was mich anfangs für sie einnahm, war, wie unumwunden sie ihre einstige Begeisterung für Hitler zugab, eine Seltenheit für Deutsche dieser Generation. Dass dies nur Teil eines weitverzweigten Erklärungsmodells war, mit dem sie die wahren Tatsachen ihrer Biographie verschleierte, konnte ich damals allenfalls ahnen. Je mehr ich mich mit dem Leben und der Karriere Riefenstahls auseinandersetzte, desto zahlreicher wurden die Fragen, die ich an die Schöpferin von Triumph des Willens und Olympia hatte.
Über Jahre besorgte ich mir möglichst alles, was über Leni Riefenstahl und ihre Filme veröffentlicht worden war. Bücher, Artikel, Aufsätze, Ausstellungskataloge aus aller Welt. Je mehr ich las, desto klarer wurde mir, wie wenig man tatsächlich über den Menschen Leni Riefenstahl weiß. Zwei Fragen waren es, die mich insbesondere fesselten und die in mir das Bedürfnis wachsen ließen, mich tiefergehend mit Leni Riefenstahl zu beschäftigen. Was ist wahr an der Lebensgeschichte, die sie erzählt, wie vielfältig sind die Korrekturen, die sie vorgenommen hat, um ein bestimmtes Bild von sich zu zeichnen? Und: Warum gestaltet sich das Verhältnis der Deutschen zu Leni Riefenstahl auch so viele Jahrzehnte nach Kriegsende noch so höchst problematisch?
Bald schon wurde mir bewusst, dass es in der Diskussion über Riefenstahl nach 1945 viel stärker um deutsche Befindlichkeiten, um das Hadern mit einer lange Zeit verdrängten, nicht aufgearbeiteten Vergangenheit ging als darum, einen neuen, objektiven Zugang zu ihrer Person zu finden.
Über Jahrzehnte, so schien es mir, beschränkte sich jede Auseinandersetzung mit Riefenstahl darauf, sie leichtfertig als Unperson zu brandmarken oder aber sie in völlig unreflektierter Weise als große Künstlerin, als geniale Regisseurin zu feiern, die mit normalmenschlichen Maßstäben nicht zu messen sei und deren Werk man mehr oder weniger entpolitisiert betrachten müsse. Beides hat indes wenig mit dem zu tun, wofür Riefenstahl wirklich stand, was ihr Leben und ihre Arbeit tatsächlich ausmachte. Gerade da im Windschatten der stark emotionalisierten Diskussion eine ernsthafte Annäherung an den Menschen Leni Riefenstahl ausgeblieben war, setzte ich es mir zum Ziel, jenseits aller Vorurteile, aber auch jenseits von Riefenstahls Selbstbild quasi »bei Null« anzufangen und mich so objektiv wie möglich diesem Leben zu nähern.
Wenn man beginnt, sich intensiv mit dem Leben eines Menschen auseinanderzusetzen, ist man – so dieser Mensch noch lebt – beinahe zwangsläufig versucht, Kontakt zum Objekt seines Forschens aufzunehmen. Man erhofft sich Auskünfte und Informationen, womöglich unveröffentlichte. Und nicht zuletzt hofft man darauf, durch den persönlichen Kontakt, im Gespräch und durch den Einblick in die Privatsphäre, jenseits der kursierenden Bilder einen Zugang zu der Person zu finden, über die man schreibt. Wenn in einem solchen Fall Kooperationsbereitschaft signalisiert wird, stellt dies den Schreibenden vor ein zentrales Problem. Denn zumeist ist diese Zusammenarbeit an bestimmte, teils akzeptable, teils aber auch weitreichende Bedingungen geknüpft. Zu groß ist die Versuchung für den Portraitierten, Einfluss auf die Darstellung des eigenen Lebens zu nehmen. Zu groß ist in einem solchen Fall andererseits aber auch die Versuchung für den Biographen, diese Einflussnahme zumindest in Grenzen zuzulassen, weil man sonst den persönlichen Zugang leicht wieder verliert.
Im Mai 1997, wenige Monate vor ihrem 95. Geburtstag, traf ich Leni Riefenstahl zu einem längeren Gespräch. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits sechs Jahre sehr intensiv mit ihrem Leben und Werk auseinandergesetzt und auch über meine Absicht, eine Biographie über sie zu schreiben, mit ihr korrespondiert. Ich wusste, dass Riefenstahl nur selten persönliche Interviews gewährte und Buchprojekte über sie bisher nie unterstützt hatte, und war deshalb überrascht, dass sie den Wunsch äußerte, mich kennenlernen zu wollen. Die Regisseurin empfing mich in ihrer Villa am Starnberger See, und ich erlebte eine ausgesprochen freundliche und ernsthaft interessierte Gesprächspartnerin, eine Frau, die auch in hohem Alter noch eine enorme Ausstrahlung besaß, voller Pläne steckte und voll mitreißender Begeisterungsfähigkeit von ihrer Arbeit zu berichten wusste, niemals jedoch, ohne ihre Legende, ihre Version der eigenen Vita aus den Augen zu verlieren. In den Stunden intensiver Gespräche gewann ich den Eindruck, dass Riefenstahl längst an ihren eigenen Mythos glaubte, nur in kurzen Momenten schien es so, dass sie die Widersprüche zwischen ihrem Leben und ihrer Lebensschilderung überhaupt noch spürte, ohne jedoch auf sie einzugehen. Wir sprachen über ihre Filme, über aktuelle Projekte, ihre Reisen, über die positive Aufnahme ihrer Memoiren in Amerika, über die ihr gewidmeten Retrospektiven im Ausland und über die Riefenstahl-Renaissance, die damals langsam in Europa und auch in Deutschland ihren Anfang nahm.
Überraschenderweise war es Riefenstahl selbst, die das Gespräch immer wieder auch auf die umstrittenen Kapitel ihrer Biographie brachte, auf die Punkte in ihrem Leben, für die sie nach 1945 immer wieder angegriffen wurde und die in ihrem Sinne richtigzustellen auch in hohem Alter noch ihr vielleicht wichtigstes Anliegen zu sein scheint. Ich hatte in diesem Moment noch die Hoffnung, dass mit Riefenstahl gemeinsam eine Annäherung an ihr Leben, und an die Hintergründe ihrer außerordentlichen Karriere möglich sein könnte. Bald jedoch sollte ich eines Besseren belehrt werden.
In der Korrespondenz und in Telefonaten, die auf das Zusammentreffen folgten, wurde schnell offensichtlich, dass ich von Leni Riefenstahl selbst am wenigsten einen Beitrag erwarten konnte, der zu einem ausgewogenen, möglichst objektiven Urteil führte. Auch wenn sie immer wieder betonte, dass es ihr nur um die »volle Wahrheit«1 ginge, war schnell klar, dass sie allein ihre persönliche Wahrheit durchsetzen wollte, auch wenn diese teils schon längst zweifelsfrei widerlegt war oder mir nach eingehender Beschäftigung unwahrscheinlich erschien. Zwar wurde ich aus dem Privatarchiv Riefenstahls2 mit Artikeln und Schriftstücken versorgt, in denen die Künstlerin sich selbst gut getroffen fühlte; darauf zu hoffen, von ihr Zugang zu Dokumenten zu bekommen, die neue Aspekte über ihr Leben und ihre Karriere enthüllten, war jedoch illusorisch.
Kritische Fragen wurden mit dem Hinweis auf ihre Memoiren beantwortet,3 die »der letzte und endgültige Beweis ihrer Unschuld«4 seien, die jedoch in Wirklichkeit als historisches Dokument wertlos sind und nur als Leitfaden und Korrektiv einer Biographie über Riefenstahl dienen können.
Da ich im Zuge meiner zehnjährigen Recherchen ein völlig anderes Bild von Riefenstahls Biographie gewonnen hatte, war es offensichtlich, dass hier keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit gegeben war. Wenn ich neue Erkenntnisse gewinnen wollte, so war dies nur möglich, ohne in irgend einer Weise von Riefenstahl abhängig zu sein, von ihr beeinflusst zu werden oder mir von ihr die Perspektiven vorgeben zu lassen. Sonst wäre das Ergebnis nichts weiter als eine Hagiographie gewesen.
Da mir aber der freie Zugang zu Riefenstahls Privatarchiv ebensowenig wie anderen Autoren oder Journalisten gestattet wurde, musste ich auf andere Quellen zurückgreifen, um die Fragen zu beantworten, die ich an Riefenstahls Leben hatte. Leider existieren zu vielen Abschnitten ihres Lebens außer ihren eigenen Bekundungen keine verlässlichen Aussagen, auf die man sich stützen kann, um ihre Selbstdarstellung zu verifizieren, so etwa, was ihre Kindheit und Jugend angeht. Auch bei der Recherche zu Riefenstahls Karriere im Dritten Reich haben sich immer wieder Schwierigkeiten ergeben, nicht zuletzt, weil Riefenstahl ihre Pläne und Projekte unter vier Augen mit Hitler besprach, so dass hier vielfach keine Dokumente vorliegen, mit denen sich ihre Aussagen überprüfen lassen.
Die Literatur zu Leni Riefenstahl war für meine Recherchen zwar ein Ausgangspunkt, Antworten auf die Fragen, die mich interessierten, fand ich hier jedoch selten. Neben einer kaum überschaubaren Flut journalistischer und wissenschaftlicher Veröffentlichungen – allein über einhundert Dissertationen liegen mittlerweile weltweit über die Filmemacherin vor –, die jedoch zum Großteil aufeinander rekurrieren und insofern wenig Neues bringen, gibt es eine Reihe von Büchern, die sich entweder den Filmen5 oder der Karriere Riefenstahls widmen, zumeist jedoch ohne das Thema biographisch anzugehen.6
Der Blick auf die Literaturlage hat mich also darin bestätigt, wie dringend erforderlich es ist, den Fall Riefenstahl neu aufzurollen. Bereits bekannte, aber auch bislang noch unveröffentlichte Quellen widerlegen in vielfacher Hinsicht die Darstellungen der Künstlerin, die nach den intensiven Nachforschungen teils signifikanten Korrekturen unterzogen werden müssen. Dabei soll die Diskrepanz zwischen dem, was sich tatsächlich ereignet hat, und dem, was die Legende um die Person Leni Riefenstahl ausmacht, offengelegt werden. Der Mythos, der sich um die Filmemacherin Hitlers rankt, sowie das Bild, das Riefenstahl selbst von ihrem Leben zu zeichnen versucht, sind mindestens ebenso aufschlussreich wie die ermittelten Tatsachen, da sie in einem bislang unentwirrten Knäuel miteinander verbunden sind.
Je intensiver ich mich mit Riefenstahl beschäftigte, desto mehr erstaunte es mich, dass bestimmte Fragen, denen die Regisseurin in ihren Memoiren konsequent ausweicht, noch nie gestellt worden sind. So etwa die Frage nach Riefenstahls Antisemitismus oder nach den Gründen für ihren Aufenthalt an der polnischen Front im September 1939. Aber auch scheinbar längst beantwortete Fragen, die etwa ihr Verhältnis zu Hitler und Goebbels sowie anderen Parteifunktionären betreffen, wollte ich neu aufwerfen.
Bislang wurde Riefenstahl noch nie in erster Linie als Karrieristin begriffen, der es bis zu ihrem Tod am 8. September 2003 einzig und allein um ihre künstlerischen Obsessionen, um Ruhm und Anerkennung und um die Kontrolle des Bildes gegangen ist, das von ihr in der Öffentlichkeit kursierte. Eine große Karriere zu machen, der sie bereitwillig alles opferte und für die sie durch ihren Pakt mit Hitler schließlich einen hohen Preis zahlen musste, war der Hauptantrieb ihres Lebens und Schaffens. Und gerade hier vermutete ich den Schlüssel zum Charakter Riefenstahls. Durch ihre persönliche Freundschaft zu Hitler hat Leni Riefenstahl eine Karriere gemacht, deren Höhen und Tiefen, deren Brüche und Widersprüche, nicht untypisch sind für das Deutschland des 20. Jahrhunderts. Eine deutsche Karriere.
Im Jahre 1871 war Berlin mit der Ausrufung des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser zur politischen Machtzentrale aufgestiegen. Die Spreemetropole wurde zum wirtschaftlichen, sozialen, insbesondere aber auch gesellschaftlichen und kulturellen Zentrum mit drei Millionen Einwohnern. Berlin war um die Jahrhundertwende durch ein ausgesprochen weltstädtisches Flair geprägt, wenn auch die restriktive Politik des Wilhelminismus modernen Entwicklungen und avantgardistischen Strömungen immer wieder Einhalt gebot. Aber das tat der Faszination, die von Berlin ausging, letztlich keinen Abbruch. Gäste aus dem In- und Ausland flanierten auf der vielbestaunten Prachtstraße Unter den Linden, vorbei an der pompösprotzigen Architektur, den steinernen Huldigungen für die Hohenzollernherrscher. Sie besuchten die reich bestückten Warenhäuser, die opulent ausgestatteten Opern, die glanzvollen Revuepaläste, die gefeierten Theater Max Reinhardts, und tauchten in die Welten des gründerzeitlichen Berlins ein, das sich im Licht seiner neuen Bedeutsamkeit sonnte.
Die Politik, die im kaiserlichen Berlin, der »schnellsten Stadt der Welt«, betrieben wurde, stellte die Weichen für den Weg, den das Deutsche Reich in den kommenden Jahrzehnten nehmen sollte. Der für seine operettenhaften Kostümierungen und seine theatralische Rhetorik bekannte Kaiser Wilhelm II. hatte, bejubelt vom Adel wie vom Bürgertum, das Motto ausgegeben, auch Deutschland brauche einen »Platz an der Sonne«. Die daraufhin betriebene Jagd nach Kolonien, die der willfährige Reichstag bereitwillig mittrug, sollte erst 1914 bis 1918 im Ersten Weltkrieg ihr vorläufiges Ende finden.
Im Berlin der Jahrhundertwende florierte die Wirtschaft. Die Stadt war von einem geradezu euphorischen Gründungsfieber erfasst worden. Im Zuge des Baubooms gründeten und etablierten sich zahlreiche aufstrebende Unternehmen. Auch Alfred Theodor Paul Riefenstahl, gelernter Installateurmeister, schloss sich der allgemeinen Aufbruchstimmung an.
Am 30. Oktober 1878 in Berlin als Sohn des Schlossergesellen Gustav Hermann Theodor Riefenstahl und seiner Frau Amalie geboren und mit zwei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen, verließ er als Kaufmann das Handwerksmilieu seiner Vorfahren und machte sich selbständig. Schon bald nach seiner Meisterprüfung übernahm er ein gutgehendes Installationsgeschäft, das er mit praktischem Verstand und geschäftlichem Weitblick führte. Seine Tochter Leni schilderte ihn später als großen, kräftigen Mann mit blondem Haar und blauen Augen. Zeitgenössische Fotos zeigen einen gutgekleideten, auf sein Äußeres bedachten und Respekt einflößenden Mann, der stolz auf den gesellschaftlichen Aufstieg zu sein scheint, der ihm aus eigener Kraft gelungen war. Alfred Riefenstahl hatte einen ausgesprochen starken Charakter, stets war ihm daran gelegen, alles fest im Griff zu haben und sich Autorität zu verschaffen. Er war lebensfroh und temperamentvoll, neigte aber auch zu Jähzorn, wenn sich jemand seinen Zielen entgegenzustellen wagte – ob im geschäftlichen oder privaten Bereich. Nur selten duldete er Widerspruch. Seine Freizeit verbrachte er auf der Jagd in den Wäldern um Berlin, beim Skat oder auf den Galopprennbahnen im Grunewald und in Hoppegarten.
Seine spätere Frau, Bertha Ida Scherlach, wurde am 9. Oktober 1880 im polnischen Woclawick als Tochter deutscher Eltern geboren. Ihr Vater Karl Ludwig Ferdinand Scherlach, ein aus Westpreußen stammender Zimmermann (in Riefenstahls Memoiren wird er zum »Baumeister« befördert1), hatte im benachbarten Polen Arbeit gefunden und sich dort auch niedergelassen. Gemeinsam mit seiner ostpreußischen Frau Ottilie zeugte er siebzehn Kinder. Bei der Geburt Berthas, des achtzehnten Kindes, starb Ottilie, und der achtunddreißigjährige Witwer stand plötzlich allein mit seinen Sprösslingen da. Schon kurz nach dem Tod seiner Gattin ehelichte er die Frau, die zuvor im Hause der Scherlachs als Erzieherin der Kinder angestellt gewesen war und die ihm in den folgenden Jahren weitere drei Kinder gebären sollte.
Als er sich entschloss, mit seiner Familie nach Berlin überzusiedeln, war er bereits zu alt, um noch eine neue Anstellung zu finden. So mussten die Kinder, auch seine Tochter Bertha, zum Unterhalt der Familie beitragen. Bertha hatte eine Ausbildung zur Näherin absolviert und fand, als Spross einer Großfamilie von klein auf ans Arbeiten gewöhnt, schnell eine Anstellung in der Reichshauptstadt. Auch wenn sie sich so selbst finanzieren konnte, war sie gezwungen, ein sehr bescheidenes Leben zu führen, da sie den erwerbslosen Vater und die jüngeren Geschwister unterstützen musste.
Erst als der stattliche Geschäftsmann Alfred Riefenstahl in ihr Leben trat, war ihr gesellschaftlicher Aufstieg gesichert. Den heimlichen Jugendtraum, Schauspielerin zu werden, musste sie jedoch mit ihrer Hochzeit endgültig begraben. Bertha Scherlach lernte den zwei Jahre älteren Alfred Riefenstahl 1900 auf einem Kostümfest kennen. Dass man zusammenbleiben würde, war schnell zur Gewissheit geworden, ein langes Werben gab es nicht – nicht zuletzt, weil Bertha schon bald ihr erstes Kind erwartete. Die Hochzeit fand am 5. April 1902 in Berlin statt.
Die Beziehung zwischen Alfred und Bertha Riefenstahl war eine schwierige, aber für die damalige Zeit nicht untypische Konstellation. Auf der einen Seite stand der Autorität in jeglichen Fragen beanspruchende Mann, auf der anderen Seite die kaum zum Widerspruch bereite und wohl auch nicht fähige Frau. Diese hatte sich, den gesellschaftlichen Spielregeln der Wilhelminischen Gesellschaft entsprechend, den Vorstellungen ihres Mannes unterzuordnen. Die beiden richteten sich in der kleinbürgerlichen Welt ein, in der die junge Familie schon bald fest verwurzelt war.
Am 22. August 1902 wurde die Geburt von Helene Bertha Amalia Riefenstahl im Berliner Standesamt XIII gemeldet. Die Geburt hatte, wie damals üblich, zu Hause stattgefunden, in einer einfachen, bescheidenen Wohnung in der Prinz-Eugen-Straße im Arbeiterbezirk Wedding. Hier verbrachte das Kind auch die ersten Jahre seines Lebens. »Leni«, wie sie von Kindesbeinen an gerufen wurde, sollte später auch ihr Künstlername werden, unter dem sie weltweiten Ruhm erlangte.
Leni Riefenstahl verlebte eine wohlbehütete und von materiellen Sorgen freie Kindheit. Langsam arbeitete sich die Familie vom kleinbürgerlichen Milieu in den Mittelstand empor. Alfred Riefenstahl hatte es mit seiner in der Kurfürstenstraße ansässigen Firma für Heizungs- und Lüftungsanlagen schnell zu einem gewissen Wohlstand gebracht – wobei er jedoch wohl mehr Glück hatte, als dass sich die Erfolge auf wirtschaftliches Kalkül zurückführen ließen. Um die Jahrhundertwende expandierte sein Geschäft, da aufgrund der zahllosen Neubauvorhaben und Modernisierungen alter Häuser zahlreiche Aufträge für das Installationsunternehmen eingingen. So ergaben sich gute Verdienstmöglichkeiten, die den Lebensstandard der Familie sicherten.
Alfred Riefenstahl erwartete von seiner Tochter ebenso wie von seiner Frau Disziplin und absoluten Gehorsam. Er war dazu erzogen worden, seine Familie mit fester Hand zu führen und keine Widerworte zu dulden. Das, was ihm sein eigener Vater einst vorgelebt hatte, betrachtete er nun auch als Ideal für die eigene Familie. In Familienangelegenheiten war er bald so kompromisslos wie in geschäftlichen Dingen. Es wurde für ihn zu einer Selbstverständlichkeit, seiner Frau und seinem Kind die eigenen Lebensregeln aufzuzwingen. Ständige Meinungsverschiedenheiten waren so vorprogrammiert. Schon die geringsten Störungen seines Tagesablaufs brachten ihn zur Raserei. So konnte er »wie ein Elefant trampeln, wenn sich am gestärkten Kragen seines Hemdes der Knopf nicht aufmachen ließ«.2
Wenn die Tochter, die sich insgeheim einen zärtlichen und liebevollen Vater wünschte, aus der harten Führung des eigentümlich kalten Alfred Riefenstahl auszubrechen versuchte und gegen die Rolle der folgsamen Tochter aufbegehrte, die dieser ihr zugedacht hatte, reagierte er mit jähen Wutausbrüchen, die das Klima in der Familie nachhaltig beeinträchtigten. So schreckte der Patriarch auch nicht davor zurück, seine Tochter bei geringsten Vergehen zu verprügeln, zu demütigen und einzusperren oder mit wochenlangem Schweigen zu bestrafen: »Als ich einmal dabei erwischt wurde [Äpfel zu stehlen, d. A.] und mein Vater davon erfuhr, verprügelte er mich fürchterlich und sperrte mich einen ganzen Tag lang in ein dunkles Zimmer. Auch bei anderen Gelegenheiten bekam ich seine Strenge zu spüren.«3
Die Tochter litt unter der Gefühlskälte des Vaters und versuchte diesem ihre ganze Kindheit lang einen Liebesbeweis abzuringen, stieß aber immer nur auf erbitterte Ablehnung oder unterkühlte Distanz.4
Dennoch musste der Vater schnell registrieren, dass in Leni ein Geschöpf heranwuchs, das den Dickkopf seines Vaters geerbt hatte und mit zunehmendem Alter auch dazu bereit war, den Kampf mit der väterlichen Autorität aufzunehmen. Immer häufiger traf sie Entscheidungen, ohne zuvor die Genehmigung ihres Vaters einzuholen, versuchte diese jedoch möglichst geheimzuhalten.5 Das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Tochter drohte ständig zu eskalieren, das harmloseste Ereignis konnte zur Belastungsprobe werden: »[…] es war oft sehr schwierig, mit ihm auszukommen. Er spielte gern mit mir Schach – aber ich musste ihn immer gewinnen lassen. Als ich ihn einmal matt gesetzt hatte, wurde er so zornig, dass er mir den Besuch eines Kostümfests verbot, auf das ich mich so gefreut hatte.«6
Bertha Riefenstahl befand sich als Mutter und Ehefrau bei den Auseinandersetzungen zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter oftmals zwischen den Fronten. Auch wenn sie gefühlsmäßig meist auf seiten der Tochter war, wagte sie nicht, gegen ihren Mann aufzubegehren. So versuchte sie in der Regel zu vermitteln und lief dabei Gefahr, selbst ins Schussfeld familiärer Auseinandersetzungen zu geraten, sobald sie sich einmal auf die eine oder andere Seite schlug.
Auch die Geburt des zweiten Kindes, die Alfred Riefenstahl 1905 endlich den erwünschten und auf den Namen Heinz getauften Sohn bescherte, lockerte die Atmosphäre im Hause nicht. Sie entspannte sich erst dann, wenn der Vater außer Haus war, in seinem Geschäft weilte oder sich in der Freizeit mit seinen Freunden vergnügte: »Zum Glück war mein Vater oft auf der Jagd, und wenn er dorthin fuhr, dann fühlten wir uns zu Hause endlich frei.«7
Zwischen den Geschwistern und der Mutter entstand so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft. Man freute sich, bei Abwesenheit des Vaters unbeeinträchtigt all den Beschäftigungen nachgehen zu können, die von diesem nicht gern gesehen oder schlicht untersagt wurden. Zu ihrem drei Jahre jüngeren Bruder entwickelte Leni schnell ein sehr herzliches Verhältnis. Sie fühlte sich zeitlebens sehr eng mit ihm verbunden, auch wenn dieser sich völlig von seiner aufgeweckten und vorlauten Schwester unterschied und einen wesentlich zurückhaltenderen und schüchterneren Charakter hatte.
Nach außen hin verkörperten die Riefenstahls das Bild einer glücklichen Familie. Die familiären Spannungen hinter den Kulissen gingen niemanden etwas an. Schließlich wollte man die Erwartungen, die an eine junge Familie der aufstrebenden Mittelschicht gestellt wurden, voll und ganz erfüllen. Eine Fotografie zeigt die beiden Kinder in ihrer sonntäglichen Marinemode, mit der man damals nicht nur den Stolz auf die kaiserliche Flotte, sondern auch die Zugehörigkeit zur »besseren Gesellschaft« demonstrierte.
Die florierenden Geschäfte Alfred Riefenstahls verlangten nach einer Anpassung des Lebensstandards. Leni Riefenstahls Kindheit war deshalb durch häufige Umzüge und Ortswechsel geprägt. Immer wieder musste sie sich neu einleben. Vom Wedding zog man zunächst an den Hermannplatz in Berlin-Neukölln, später dann in die Yorckstraße nach Schöneberg und anschließend nach Wilmersdorf, bis die Familie sich 1921 vorübergehend südöstlich vor den Toren Berlins, im märkischen Rauchfangswerder, niederließ.
Schon vor der Übersiedlung nach Rauchfangswerder, das auf einer Halbinsel des Zeuthener Sees liegt, spielte der Aufenthalt im Grünen eine wichtige Rolle im Leben der Familie. Leni Riefenstahl hat in Darstellungen ihrer Kindheit stets hervorgehoben, wie wichtig ihr bereits in jungen Jahren die Natur gewesen sei. Die zu Wohlstand gekommene Familie besaß früh ein Wochenendhäuschen in einem kleinen Dorf, das Riefenstahl in ihren Memoiren als »Petz« benennt und mit dem vermutlich der Ort Pätz am Pätzer Vordersee in der Nähe der kleinen brandenburgischen Stadt Bestensee gemeint ist. In dem eine Zugstunde von Berlin gelegenen Ort verbrachten die Riefenstahls nahezu jedes Wochenende mit ihren Kindern, um vor der hektischen Großstadt zu fliehen. Leni Riefenstahl wuchs nach eigenem Bekunden zu einem wahren »Naturkind« heran, »unter Bäumen und Sträuchern, mit Pflanzen und Insekten, behütet und abgeschirmt«.8 Der Aufenthalt im Freien wurde ihr zu einer unverzichtbaren Notwendigkeit.
Als die Familie sich dann später in Rauchfangswerder niederließ, begrüßte die von klein auf ans Landleben gewöhnte Tochter dies, auch wenn der tägliche anderthalbstündige Weg nach Berlin zeitraubend und anstrengend war. Das ständige Leben auf dem Land und in einer idyllischen Umgebung erschien ihr wichtiger als die Bequemlichkeiten der Stadt. Das Grundstück der Riefenstahls umfasste eine große, verwilderte Wiese zum Wasser hin, die von alten Trauerweiden gesäumt wurde, deren Äste sich bis in den See neigten. Die Familie besaß ein eigenes Ruderboot, machte Ausflüge zum nahegelegenen Wald und zu den Wiesen. Das nicht immer einfache Familienleben entspannte sich in dieser Idylle merklich. Selbst der wochentags zu Temperaments- und Wutausbrüchen neigende Vater zeigte sich hier, fernab seiner Geschäfte und dem Lärm der Großstadt, friedfertiger. Er konnte stundenlang am Ufer des Sees sitzen und angeln oder im kleinen Nutzgarten arbeiten, in dem die Familie Obst und Gemüse für den Eigenbedarf anbaute.
Die Suche nach dem in der Kindheit erlebten Naturidyll sollte Riefenstahl zeit ihres Lebens prägen. Der Aufenthalt in der Natur und im Einklang mit ihr erschien ihr als wichtiger und unverzichtbarer Kraftquell. Insbesondere die Zurückgezogenheit und Beschäftigung mit sich selbst waren dem jungen Mädchen sehr wichtig. Natürlich spielte Leni Riefenstahl mit den Kindern aus der Nachbarschaft, kletterte auf Bäumen herum und veranstaltete Wettrennen und Wettschwimmen: »Nichts war mir zu hoch, zu steil oder zu gefährlich.«9 Immer wieder jedoch zog sie sich, so stellt sie es zumindest im Rückblick dar, zurück und verbrachte ganze Stunden und Tage in ihren Traumwelten. So war es ihr von frühester Kindheit an immer wieder ein Bedürfnis, sich zeitweise von Spielkameraden sowie vom familiären Leben zurückzuziehen, etwa in eine kleine, von riesigen Sonnenblumen umstandene Bretterbude, die der Vater eigens für sie im Garten als Refugium gebaut hatte. Dort genoss sie die Abgeschiedenheit von der Welt und den Müßiggang, der ihr von den Eltern anscheinend kritiklos zugestanden wurde: »An diesem Platz habe ich viel geträumt.«10
Die harmonisierende Verklärung der Vergangenheit bildet einen Leitfaden in allen Selbstzeugnissen Leni Riefenstahls. Trotz der starken Belastungen des familiären Lebens, die es durch den jähzornigen und autoritären Vater gab und die sie teils auch selbst in ihren Memoiren schildert, obgleich sie ihre Kindheit und Jugend in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der revolutionären Unruhen in Berlin verlebt hat, laufen Riefenstahls Beschreibungen des Familienlebens auf die Schilderung eines zeitenthobenen Idylls hinaus. Keine Passage findet sich, die von materieller Not, den allerorts herrschenden Existenzängsten oder gar einer wirklichen Auseinandersetzung mit den politischen Geschehnissen handelt. Statt dessen das schlichte Bekenntnis: »In meiner Jugend war ich ein glücklicher Mensch.«11
1908 wurde Leni Riefenstahl in Berlin-Neukölln eingeschult. Den Lehrern fiel sie als ein wissbegieriges und aufgewecktes Mädchen auf, das sehr reif für sein Alter war. Sie empfand die Schule nicht als angstbesetzte Institution, sondern als einen Ort, an dem sie ihren Wissensdurst, der sich auf die unterschiedlichsten Gebiete erstreckte, wenigstens zum Teil befriedigen konnte. Jedoch verhielten sich ihre Spontaneität und Vitalität nicht immer ganz konform zum strengen preußischen Schulsystem, das beharrlich auf Zucht und Ordnung pochte. Die Schülerin gab sich oftmals nicht mit dem verordneten Lernstoff zufrieden, sondern bestürmte die Lehrer penetrant mit unzähligen, darüber hinausgehenden Zwischenfragen, was ihr so manche schlechte Note im Betragen einbrachte.
Schon in der Schulzeit scheint sich demnach eine ihr ganzes Leben bestimmende Charaktereigenschaft herausgebildet zu haben: Wenn etwas ihr Interesse fesselte, gab sie sich nicht eher zufrieden, als bis ihr Wissensdurst restlos gestillt war. Nach der Volksschule besuchte sie das Kollmorgensche Lyzeum, eine reine Mädchenschule, die sie bis zum Realschulabschluss mit Erfolg absolvierte. In ihren Lieblingsfächern, zu denen Turnen, Zeichnen und Mathematik gehörten, soll sie sogar Klassenbeste gewesen sein.
Noch bevor Riefenstahl, die protestantisch erzogen worden war, Ostern 1918 konfirmiert wurde, veränderte sich das Deutschland, in das sie hineingeboren wurde, dramatisch. 1914, Leni war gerade zwölf Jahre alt, brach in Europa der Erste Weltkrieg aus, an dessen Ende der Untergang des Kaiserreichs, eine Zeit der politischen Wirren und die Ausrufung der Weimarer Republik stehen sollten. Soldaten zogen von Berlin aus mit strahlenden Gesichtern und voller Siegesgewissheit in den Krieg. Die Stimmung im gesamten Reich und quer durch alle Schichten war politisch aufgeheizt, unzählige hurra-patriotische Schriften zum Krieg erschienen, und auch von den Kirchenkanzeln hörte man kämpferische und chauvinistische Parolen.
Schon bald jedoch sollte der Krieg massive Auswirkungen auch auf das Alltagsleben haben. Durch die Blockade der Alliierten war es bereits 1916 zu einer ernst zu nehmenden Lebensmittelknappheit gekommen, alle Nahrungsmittel waren rationiert. Viele Menschen hungerten. In den letzten beiden Kriegswintern wurde in den Schulen nicht mehr geheizt. Auch die sich ab 1917 häufenden Streiks der Berliner Arbeiterschaft beeinträchtigten das Leben.
Der Krieg endete 1918 mit einer als nationale Niederlage empfundenen Kapitulation, der Abdankung des Kaisers und der Ausrufung der Republik. In den Berliner Straßen tobte zu dieser Zeit ein blutiger Bürgerkrieg, immer wieder gab es Protestmärsche der Arbeiter sowie brutale Gegenmaßnahmen durch die Regierung Friedrich Eberts.
Die Revolution erschütterte die Grundfesten der Gesellschaft. Die Straßen und Plätze Berlins waren von zahlreichen Entwurzelten bevölkert, die allerorten spürbare Unruhe der Verhältnisse trug zur Verunsicherung der Menschen bei. Das große Maß an Orientierungslosigkeit wussten viele auszunutzen, so dass die politisch Unzufriedenen immer stärker und selbstbewusster ihre revanchistischen Forderungen skandierten. »Die Dolchstoßlegende«, die die angeblich im Feld unbesiegt gebliebenen deutschen Truppen zum Opfer des »Verrats an der Heimatfront« machte, fand immer größere Verbreitung. Die Inflation, die gerade viele Menschen aus den unteren Schichten ans Existenzminimum führte, verschärfte die politische Instabilität der jungen Republik.
Nur ganz am Rande nahm Leni Riefenstahl die Auswirkungen der Unruhen, der Streiks, des überall sichtbar werdenden Elends wahr, wandte sich jedoch sogleich mit einer »Gänsehaut« ab: »Dass der Weltkrieg inzwischen beendet war, dass wir ihn verloren hatten, dass eine Revolution stattfand, es keinen Kaiser und keinen König mehr gab, dies alles erlebte ich nur wie im Nebel. Mein Bewusstsein kreiste um eine kleine winzige Welt.«12
In der Zeit der Adoleszenz war die junge Riefenstahl völlig darauf konzentriert, ihre eigenen Ziele und Interessen dem Vater gegenüber durchzusetzen, sich nach und nach dessen diktatorischem Zugriff zu entziehen. Sie entdeckte neue Leidenschaften. Neben der Poesie war es nicht so sehr die Musik, die sie in dieser Zeit prägte, sondern viel stärker die Malerei. Zwar absolvierte sie auf Wunsch des Vaters fünf Jahre lang zwei Mal wöchentlich ihren Klavierunterricht bei einer privaten Lehrerin in der Genthiner Straße, aber sie tat es nur ungern: »Ich muss gestehen, ich hatte keine Freude an diesen Stunden, für die ich auch nur ungern geübt hatte, obgleich ich Musik so liebte.«13 Mit wirklicher Leidenschaft sollte sie sich erst kurze Zeit später in ein anderes Hobby stürzen: das Tanzen.
1918, Leni Riefenstahl war sechzehn Jahre alt, wurde sie nach der Mittleren Reife aus dem Kollmorgenschen Lyzeum entlassen. Mit den Plänen des Vaters, seine Tochter zunächst in eine Haushaltsschule, später in ein Pensionat zu schicken, um sie von ihren Träumereien in die Wirklichkeit des Lebens zurückzuholen, konnte sie sich nicht anfreunden: »Dorthin zu gehen, war mir ein unerträglicher Gedanke.«14 Sie überredete ihren Vater, die Kurse an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in der Prinz-Albrecht-Straße besuchen zu dürfen, was die Mutter zu der Hoffnung verleitete, ihre Tochter werde einmal eine bedeutende Malerin. Aber die Malerei blieb nicht die einzige Leidenschaft der Riefenstahl.
Schon während ihrer Schulzeit hatte sie eine besondere Leidenschaft für Gymnastik und Sport entwickelt. Lange bevor in den zwanziger Jahren die Körperertüchtigung und der Sport zur Ideologie erhoben wurden (eine Entwicklung, die darin enden sollte, dass die Nazis den sportlich gestählten Körper zum Idealbild des »arischen Menschen« verklärten), begann Leni Riefenstahl regelmäßig und mit großem Engagement Sport zu treiben, was sie auch bis ins hohe Alter niemals aufgeben sollte. Hier stieß sie ausnahmsweise einmal nicht auf Gegenwehr, sondern fand die volle Unterstützung ihres sportbegeisterten Vaters, der den damals schon populären, wenn auch von den Intellektuellen belächelten Turnvater Jahn als Idol verehrte. Er brachte seiner Tochter bei den Aufenthalten im Berliner Umland im Alter von fünf Jahren mit einer aus Schilf gebastelten Schwimmweste das Schwimmen bei, wobei sie einmal beinahe ertrunken wäre, weil sie zuviel Wasser geschluckt hatte: »Merkwürdigerweise habe ich dabei keine Angst empfunden – es ging alles so schnell, bis ich bewusstlos wurde. Ich habe das noch genau in Erinnerung, und seitdem war mir das Wasser vertraut.«15 Im Alter von zwölf Jahren durfte sie mit Genehmigung des Vaters dem Schwimmclub »Nixe« beitreten und auch an kleineren Schwimmwettkämpfen teilnehmen, bei denen sie oftmals Preise gewann.
Aber mit dem Schwimmen allein war die frühe Begeisterung Leni Riefenstahls für sportliche und körperliche Betätigung nicht befriedigt. Während der Schulzeit trat sie einem Turnverein bei und entdeckte so ihre große Leidenschaft fürs Geräteturnen. Niemals zeigte sie Angst oder ließ sich durch sportliche Rückschläge entmutigen. Selbst Verletzungen, etwa durch einen missglückten Sprung vom Fünfmeterbrett beim Schwimmen oder den Sturz von den Ringen, der eine Gehirnerschütterung zur Folge hatte, konnten sie nicht davon abhalten, sich auch weiterhin mit großer Begeisterung ihren sportlichen Aktivitäten zu widmen. Und immer wieder kamen neue Möglichkeiten der körperlichen Betätigung hinzu, so schon bald auch das Rollschuh- und Schlittschuhlaufen.
Eine weitere große Leidenschaft ihrer Jugend war das Theater und – natürlich – der Film. Schon ihr erstes Theatererlebnis, eine Schneewittchen-Aufführung auf einer Berliner Bühne, die sie im Alter von vier oder fünf Jahren sah, hatte sie nachhaltig beeindruckt: »Das Theater, die geheimnisvolle Welt hinter dem Vorhang, die ›Bösen‹ vor allem, die da ihr Wesen trieben, haben mir seit diesem Erlebnis keine Ruhe mehr gelassen. Ich wuchs zu einem schrecklich wissbegierigen Kind heran, das alle, die irgendwie mit dem Theater zu tun hatten, unaufhörlich mit tausend Fragen belästigte.«16 Schon bald verspürte sie die Berufung, selbst auf der Bühne zu stehen.
Obwohl es ihr wichtig war, sich immer wieder in ihre Traumwelten zu flüchten, und sie sich in ihrer Sonderrolle gefiel, empfand sie auch schon immer die Sehnsucht nach öffentlicher Anerkennung und Selbstdarstellung. Bereits als Kind verbrachte sie nach Schulschluss Stunden im Tiergarten, »wo ich mit meinen Rollschuhkünsten das Publikum anlockte, bis die Polizei erschien und ich Reißaus nahm«.17 Auch als sie die Möglichkeit hatte, ein Hauskonzert des Pianisten Ferruccio Busoni zu besuchen, nutzte sie die Möglichkeit, ihren narzisstischen Hunger zu stillen, tanzte den versammelten Zuhörern etwas vor – beglückt über den spontanen Applaus der Anwesenden und die aufmunternden Worte des Musikers. Je häufiger sie mit ihren Eltern ins Theater, in die Oper oder ins Ballett ging, desto stärker wurde ihr Wunsch, selbst im Rampenlicht der Bühne zu stehen.
Während jedoch die künstlerischen Leidenschaften der Riefenstahl sowie ihre zunehmende Begeisterung für den Sport von den Eltern gefördert oder doch zumindest mit Wohlwollen betrachtet wurden, und die Eltern ihre Tochter bei entsprechenden Gelegenheiten nicht ohne Stolz als »Wunderkind« vorführten, stieß sie mit dem Wunsch, zur Bühne oder zum Film zu gehen, auf strikte Ablehnung. Zwar hegten beide Elternteile eine besondere Faszination fürs Theater. Alfred Riefenstahl hatte in seiner Jugend selbst, wenn auch als Amateur und Laienschauspieler, auf der Bühne gestanden und verehrte die schöne Fritzi Massary, den umjubelten Operettenstar jener Jahre, zutiefst, »aber Schauspieler, besonders Schauspielerinnen, waren für ihn ›Halbseidene‹, wenn nicht sogar ›Halbwelt‹«18 – als berufliche Zukunft für seine Tochter demnach völlig indiskutabel.
Leni Riefenstahl jedoch ließ sich durch die strikte Ablehnung der Eltern nicht von ihrem neuen Ziel abbringen und bewarb sich 1918 heimlich und mehr aus Neugier als aus Überzeugung, um eine kleine Komparsenrolle. In der »B. Z. am Mittag« hatte sie eine Annonce entdeckt, mit der für den Film Opium, der im Tanzmilieu spielen sollte, zwanzig junge weibliche Komparsen gesucht wurden. Ohne ihre Eltern davon zu unterrichten, stellte sie sich vor, ergatterte zwar eine Filmrolle, lehnte diese dann aber ab, da sie wusste, dass sie die notwendige Zusage ihres Vaters zur Mitwirkung am Film ohnehin nicht bekommen hätte.
Dennoch hatte das Vorsprechen weitreichende Konsequenzen für ihren weiteren Lebensweg. Die Anwärterinnen mussten sich nämlich in der Berliner Tanzschule Helene Grimm-Reiters vorstellen, wo Leni während der Wartezeit mit wachsender Begeisterung die Ballettübungen der Schüler beobachtete. Mit diesem Erlebnis, das sie später, wie auch alle weiteren Wendepunkte ihres Lebens, als Offenbarung, als »schicksalhafte Wende«19 beschreiben sollte, erwachte ihre Begeisterung für den Tanz: »Mich überfiel ein unbändiges Verlangen mitzumachen.«20 Sogleich erkundigte sie sich nach den Aufnahmebedingungen und schrieb sich, ohne ihre Eltern vorher um Erlaubnis zu fragen, für den Anfängerkurs ein.
Die Hinwendung zum Tanz lag nahe, konnte Leni Riefenstahl doch hier ihre Leidenschaften miteinander in Einklang bringen: Die Bewegungslust und die Schulung des Körpers und der starke Drang zur Selbstdarstellung und das intensive körperliche Ausleben ihrer Affekte, das sie zuvor schon im Sport gesucht hatte, fanden im Tanz zu einer logischen Synthese zusammen. Hier konnte sie ihre sportliche Begeisterung mit ihren künstlerischen Interessen verbinden, konnte ihrer Kreativität und ihrem Ausdruckswillen eine neue Form geben. Die junge Leni Riefenstahl war überzeugt, mit dem Tanz ein ideales Medium gefunden zu haben. Und so sollte der Tanz auch ihre neue Leidenschaft, ihr erstes ernsthaftes Berufsziel werden.
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg herrschte nicht nur in Deutschland ein reges Interesse am Tanz, der als zeitgemäße Ausdrucksform angesehen wurde. Insbesondere der Ausdruckstanz erlebte in den zwanziger Jahren als befreiende Körperkunst die Phase seiner vielseitigsten Entfaltung und wurde vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen. Die deutsche Hauptstadt, wo unzählige Gastspiele mit in- und ausländischen Tänzern veranstaltet wurden, galt in dieser Zeit als das Zentrum des modernen Tanzes. Hier wurden die avantgardistischen Ansätze ausprobiert, wurde mit neuen Formen, Schulen und Inhalten experimentiert. Eine Generation junger Tänzerinnen und Tänzer machte sich einen Namen, und Riefenstahl hatte sich in den Kopf gesetzt, eine von ihnen zu werden.
Jetzt galt es nur noch, die anderen von ihren Fähigkeiten und ihrem Talent zu überzeugen. Die erste Hürde auf diesem Weg war in der eigenen Familie zu überwinden. Trotz der Ablehnung, mit der sie rechnen musste, offenbarte Riefenstahl ihren Eltern schon bald, für welches Berufsziel sie sich entschieden hatte. Der Vater war – wie zuvor schon bei ihrem Traum, Schauspielerin zu werden – alles andere als begeistert von den Plänen seiner Tochter. Die Mutter sah den neuen Berufsabsichten gelassener entgegen, ordnete sich aber zum Verdruss ihrer Tochter wie schon so oft zunächst dem Urteil ihres Mannes unter. Während jedoch die Schauspielambitionen der Tochter noch als harmlose Kleinmädchenschwärmerei abgetan werden konnten, mussten die Eltern bald einsehen, dass Leni dieses Mal fest entschlossen war, ihren neuen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Der Interessenkonflikt zwischen der enthusiastischen Tochter, die endlich ihr Lebensziel gefunden zu haben glaubte, und dem Vater, der sie für die Mitarbeit in seiner Firma gewinnen wollte, gipfelte in einem erneuten Machtkampf. Aus diesem ging nach einem langen und für beide Seiten kräfteraubenden Hin und Her die Tochter schließlich als Siegerin hervor.
Ein trotz allem Enthusiasmus nicht so einfach beiseite zu schiebendes Problem, das einer Karriere beim klassischen Ballett jedoch ernsthaft im Wege stand, war, dass Riefenstahl bereits verhältnismäßig alt war, als sie ihr Tanztraining begann. Statt wie andere Tänzerinnen in der Kindheit, begann sie erst als Siebzehnjährige mit der Ausbildung. An eine Karriere als Ballerina war insofern eigentlich nicht mehr ernsthaft zu denken. Diese Einsicht konnte Leni Riefenstahl jedoch nicht entmutigen oder gar von ihren Plänen abbringen. So stürzte sie sich mit großem Eifer ins Training, um in kurzer Zeit das Pensum nachzuholen, das eine Tänzerin in diesem Alter eigentlich schon längst absolviert haben müsste. Die Unkenrufe ihrer Umgebung überhörte sie geflissentlich. Wie so oft in späteren Situationen ihres Lebens setzte sie ihr ganzes Vertrauen allein in ihre eigene Entschlossenheit und ihren Ehrgeiz. Mit diesen Eigenschaften würde sie es, so ihre Überzeugung, schon zu etwas bringen. Dieser früh ausgeprägte Charakterzug, sich selbst immer alles zuzutrauen, auch wenn der Rest der Welt an ihr zweifelte, sollte für ihren weiteren Lebenslauf prägend werden.
Bertha Riefenstahl, die es nicht übers Herz brachte, sich dem sehnlichsten Wunsch ihrer Tochter zu widersetzen, ermöglichte es Leni, hinter dem Rücken des Vaters Tanzstunden zu nehmen. Heimlich begann also die nunmehr siebzehnjährige Riefenstahl in der von Helene Grimm-Reiter geführten Grimm-Reiter-Schule für künstlerischen Tanz und Körperkultur am Berliner Kurfürstendamm 6 ihre Ausbildung. Hier choreographierte auch Anita Berber ihre skandalumwitterten Bühnenauftritte als Nackttänzerin. In einer zeitgenössischen Selbstdarstellung der Schule, die auch Übungen im Freien anbot und jeden Monat Tanzvorführungen im Schulgebäude veranstaltete, wurden drei Zielsetzungen des Unterrichts genannt: Die »Durchbildung des Körpers zur Erlangung von Anmut und Befestigung der Gesundheit«, die Ausbildung für Bühne und Film sowie die Heranbildung von Lehrkräften.21
Auch außerhalb der Unterrichtsstunden verbrachte Leni Riefenstahl mit wachsender Begeisterung große Teile ihrer Freizeit mit dem Training: »Jede Stange, jedes Geländer wurde dazu missbraucht, in der Straße bewegte ich mich in Sprüngen fort, tänzelte und bemerkte kaum, wie mir die Leute kopfschüttelnd nachschauten. Schon immer hatte ich die Angewohnheit, mich nur mit dem zu befassen, was mich interessierte.«22
Der Ehrgeiz der Anfängerin blieb auch Helene Grimm-Reiter, ihrer Lehrerin, nicht verborgen. Diese hatte wenige Monate nach Riefenstahls Eintritt in die Schule den Blüthner-Saal für ihren jährlichen Schüler-Tanzabend gemietet, bei dem 1919 Anita Berber, die hier drei Jahre zuvor ihren ersten öffentlichen Auftritt gehabt hatte,23 Stargast sein sollte. Berber erkrankte jedoch kurz vor dem Tanzabend, und Leni Riefenstahl sah ihre große Chance gekommen. So kam die Siebzehnjährige nach langem Einreden auf Helene Grimm-Reiter zu ihrem Bühnendebüt. Sie führte zwei der Tänze Anita Berbers vor, die diese, von Riefenstahl dabei beobachtet, für den Abend einstudiert hatte, und genoss nach ihrem Auftritt den wohlwollenden Applaus des Publikums: »Nach diesem Abend war ich vor Glück wie betäubt, ich fühlte, dass nur dies meine Welt sein würde.«24
Trotz aller Ablenkungsmanöver erfuhr der Vater vom Auftritt seiner Tochter und damit auch von der Tatsache, dass sie hinter seinem Rücken Tanzstunden nahm. Dies führte nicht nur zu den üblichen Zornausbrüchen, sondern zu einer ernsten Krise und schließlich fast zum Zerbrechen der Familie. Von seinem Entschluss, die Scheidung sofort einzureichen, war er nur schwer wieder abzubringen. Seiner Frau, die gemeinsame Sache mit seiner Tochter gemacht hatte, verzieh er erst nach Lenis Versprechen, ihre Tanzpläne endgültig zu begraben.
Dies war auch der Grund dafür, dass Leni Riefenstahl sich wenige Monate nach ihrer Schulentlassung in der Staatlichen Kunstgewerbeschule anmeldete. Nur ihrem Vater zuliebe machte sie sich für kurze Zeit halbherzig ans Studium der Malerei. Nach wie vor kreisten ihre Gedanken nur um das Tanzen.
Doch auch die Kunstgewerbeschule musste sie schon bald wieder verlassen, da der immer noch misstrauische Vater nun darauf bestand, seine widerspenstige Tochter für ein Jahr in ein Mädchenpensionat am Fuße des Harzes zu schicken, wo ihr, fernab des großstädtischen Berlins, endgültig die Flausen ausgetrieben werden sollten. Leni Riefenstahl blieb nichts anderes übrig als sich der Entscheidung ihres Vaters zu beugen. So packte sie im Sommer 1919 ihre Koffer und fuhr ins Pensionat Lohmann in der Nähe von Quedlinburg.
Als sie im Frühjahr 1920 zurück nach Berlin kommen durfte, griff sie zu einer List. Sie verdingte sich in der Firma des Vaters als dessen Privatsekretärin, rang ihm dafür aber das Zugeständnis ab, nebenher weiter Tanzstunden nehmen zu dürfen. Während sie tagsüber Schreibmaschine, Stenographie und Buchhaltung erlernte, ließ sie sich abends weiter im Tanz unterrichten.
Beim nächsten Schüler-Tanzabend Helene Grimm-Reiters im Februar 1921 stand die mittlerweile Achtzehnjährige gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen, aber auch als Solistin eines Kleinen Walzers, erstmals offiziell auf der Bühne. Den Programmzettel zu diesem Tanzabend, auf dem ihr Name gleich viermal auftauchte (einmal unter »Helene Riefenstahl«, dreimal unter »Leni Riefenstahl«), bewahrte sie als Andenken an ihren ersten wirklichen Triumph über die väterliche Autorität wie eine Trophäe auf.25 Ihr Entschluss stand nach diesem Erlebnis endgültig fest: »Ich nahm mir vor, einige Jahre hart zu trainieren, nichts anderes zu tun als zu arbeiten und vor allem meinem Vater zu beweisen, dass ich eine gute Tänzerin werden und ihm nie Schande bereiten würde, was er so sehr fürchtete.«26
Wenn Alfred Riefenstahl auch immer noch nicht vom Talent seiner Tochter überzeugt war, finanzierte er ihr nun eine erstklassige Ausbildung. So konnte sich Leni Riefenstahl zwischen 1921 und 1923 ganz ihrer Tanzkarriere widmen. Zunächst schrieb sie sich an der Schule der russischen Ballettmeisterin Eugenia Eduardova in der Regensburger Straße ein, die erst ein Jahr zuvor eröffnet und bereits zu einem der renommiertesten Tanzinstitute der Reichshauptstadt aufgestiegen war. Die Eduardova, eine ehemals berühmte Tänzerin aus St. Petersburg, die dort an der kaiserlichen Ballettschule studiert hatte, war – wie viele Künstler – nach der russischen Oktoberrevolution nach Berlin gekommen. Dort machte die außergewöhnlich schöne Frau schnell auf sich aufmerksam und wurde schon bald als fähige Tanzpädagogin gehandelt.
An ihrer Schule erlernte die junge Riefenstahl am Vormittag die Grundlagen des klassischen Balletts, während sie am Nachmittag die Jutta-Klamt-Schule für Ausdruckstanz in der Pariser Straße besuchte. Jutta Klamt, eine autodidaktische Tänzerin und Tanzpädagogin, die aus der modernen deutschen Tanzbewegung kam, hatte ebenfalls ein Jahr zuvor eine eigene Schule gegründet und lehrte Riefenstahl die Grundlagen des modernen expressiven Bühnentanzes.
Es war die amerikanische Startänzerin Isadora Duncan gewesen, die sich von den Vorgaben des klassischen Balletts eingeengt fühlte und nach einem neuen, einfachen und unprätentiösen Tanzstil suchte. Sie hatte begonnen, barfuß und in einfachen, weiten Kleidungsstücken auf einer zumeist leeren, auf Dekoration verzichtenden Bühne zu stehen und die tänzerischen Ausdrucksformen auf das Wesentliche zu reduzieren. Mary Wigman hatte diese Ideen aufgegriffen und für Deutschland populär gemacht. Den modernen Tanz, den Wigman in ihrer weltberühmten Schule in Dresden-Hellerau lehrte, empfand Leni Riefenstahl nach ihren Versuchen im klassischen Ballett zunächst als Befreiung. 1923 schrieb sie sich bei Wigman ein, die die junge Tänzerin in ihre Klasse aufnahm. Riefenstahl tanzte dort mit Berühmtheiten wie Vera Skoronel und Gret Palucca. Nachdem die anfängliche Begeisterung abgeebbt war, empfand Riefenstahl den Stil Wigmans jedoch schnell als zu abstrakt, zu asketisch und zu streng, schwebte es ihr doch vor, ihre Märchen- und Traumvisionen in einem gänzlich neuen, eigenen und weitgehend selbständig entwickelten Stil zum Ausdruck zu bringen. Von ernsthaften Zweifeln über ihre Begabung gequält, brach sie das Studium bei Wigman nach wenigen Monaten wieder ab und kehrte nach Berlin zurück, um dort bei Eugenia Eduardova und Jutta Klamt weiterzustudieren.
Auch wenn die Tanzausbildung und die zunehmende Beschäftigung mit eigenen Choreographien einen Großteil ihrer Zeit beanspruchten, konnte Leni Riefenstahl nicht übersehen, dass im Leben ihrer Freundinnen die Beziehungen zu Männern eine immer wichtigere Rolle spielten: »Alle meine Freundinnen hatten schon ihre Liebesaffären, einige waren verlobt, und Alice, meine liebste Freundin, war sogar schon verheiratet. Ich hatte als einzige noch keine Erfahrung mit Männern gemacht. Mit der Zeit empfand ich das denn doch als ein Manko und begann öfter mit dem Gedanken zu spielen, mich auf ein Abenteuer einzulassen.«27 Nachdem sie sich in beruflichen Belangen gegen die väterliche Autorität durchgesetzt hatte, beschloss sie, nun auch ihr Liebesleben selbstbewusst in die Hand zu nehmen.
Ihre erste sexuelle Begegnung mit einem Mann war also kein zufälliges Ereignis, nicht die logische Konsequenz einer ersten Liebe, sondern vielmehr ein nüchtern kalkuliertes, von ihr selbst geplantes Ereignis – wenn es auch anders verlief, als sie sich dies ausgemalt hatte.
Riefenstahl war im August 1923, mit einundzwanzig Jahren, volljährig geworden. Sie verließ das Haus ihrer Eltern und bezog eine kleine Wohnung in der Fasanenstraße, in der Nähe des Kurfürstendamms. Zunächst finanzierte der Vater diese noch, wenige Monate später war sie bereits durch erste eigene Auftritte finanziell unabhängig geworden. Erstmals konnte sie sich nun auch mit Verehrern treffen und ausgehen, was ihr bis dahin vom Vater strengstens untersagt gewesen war. Für Alfred Riefenstahl war das Berlin der zwanziger Jahre mit seiner großen sexuellen Freizügigkeit eine lasterhafte Stadt, vor deren Gefahren er seine Tochter schützen wollte. Eifersüchtig hatte er bis dato starken Druck ausgeübt, um sie vor frühzeitigen sexuellen Erfahrungen zu bewahren. In der Prüderie des Elternhauses, in dem die Tochter auch nicht aufgeklärt wurde, war kaum mehr denkbar als heimliche Schwärmereien, die sie wohlweislich für sich behielt.
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als Männer, die ihr Interesse hervorriefen, aus der Ferne zu bewundern. Heimliche Rendezvous hinter dem Rücken ihres Vaters, wie es sie etwa mit Paul Lasker-Schüler, dem unwesentlich älteren Sohn der Dichterin Else Lasker-Schüler, gab, ließen sich nur selten arrangieren und waren von der Angst überschattet, vom Vater ertappt zu werden. Unter diesen Umständen mussten die Begegnungen natürlich rein platonisch bleiben. Die Regeln im Hause Riefenstahl waren klar: »Körperlichkeit gab es nur im Sport, Sinnlichkeit und Sexualität waren tabu in einem Milieu, in dem der Vater eifersüchtig herrschte.«28
Allenfalls wenn er eine gute Partie für seine Tochter witterte, sah Alfred Riefenstahl von diesen strengen Regeln ab. Sobald gutsituierte Aristokraten oder Millionenerben seiner Tochter Avancen machten, änderte sich seine Meinung schlagartig: »Der Schwarzhaarige war ein Chilene, der, wie mein Vater erfuhr, Silberminen besaß und einer der reichsten Männer seines Landes sein sollte, der andere ein blonder spanischer Aristokrat, der mit seiner Dienerschar eine ganze Hoteletage gemietet hatte. Ich ahnte, dass mein Vater sich den einen oder den anderen gut als Schwiegersohn vorstellen konnte.«29
Die junge Riefenstahl ließ sich jedoch nicht von ihrem Vater beeinflussen, sie wollte sich den Mann für das »erste Mal« selbst aussuchen. In ihren Memoiren berichtet sie von einer ganzen Reihe »glühender Verehrer«, von deren Werben sie sich zwar geschmeichelt fühlte, die sie aber als Männer nicht interessierten.
Auch der reiche Harry Sokal, der in ihrem weiteren Leben noch eine wichtige Rolle spielen sollte, wurde zunächst von Leni Riefenstahl als Liebhaber zurückgewiesen. Erstmals getroffen hatte sie den vier Jahre älteren Innsbrucker Bankier, der für die Österreichische Kreditanstalt arbeitete und den sie als einen Mann mit dunklem Haar und einem aristokratisch geschnittenen Gesicht beschreibt,30 im Sommerurlaub des Jahres 1923. Diesen verlebte sie gemeinsam mit ihrer Freundin Hertha zunächst am Bodensee und im Allgäu, dann an der Ostsee. Dort hatte Sokal sie angesprochen, als sie täglich am Strand ihre Tanzübungen absolvierte, und sich sogleich unsterblich in sie verliebt. Beeindruckt von der jungen Frau, habe er ihr spontan angeboten, in Innsbruck einen Tanzsaal zu mieten, wo sie erstmals öffentlich auftreten könne.31 Einen Heiratsantrag, den er ihr bereits am Ende des gemeinsam verlebten Urlaubs an der Ostsee machte, lehnte sie ab, was Sokal nicht daran hinderte, weiter um die junge Frau zu werben.
Von diesem Sommer an wurde Sokal für zehn Jahre ein wichtiger Faktor im Leben Riefenstahls. Er war nicht nur der schmachtende Verehrer, sondern wurde zu einem ihrer wichtigsten Gönner, der ihre Karriere rückhaltlos unterstützte. Als Produzent während ihrer Schauspielkarriere in den zwanziger Jahren sowie als Geldgeber und Koproduzent ihres Regiedebüts Das blaue Licht 1932 spielte er eine zentrale Rolle im Leben der aufstrebenden Frau und war auch privat immer in ihrer Nähe. Von 1926 bis 1933, als er Deutschland seiner jüdischen Herkunft wegen verlassen musste, wohnte er Seite an Seite mit Riefenstahl in einer großen Doppelwohnung in der Berliner Hindenburgstraße.
Ob es tatsächlich während dieser ganzen zehn Jahre bei einer platonischen Beziehung geblieben ist und Sokals Hilfestellungen reine Freundschaftsdienste waren, die er mit dem Hintergedanken leistete, die freiheitsliebende Riefenstahl irgendwann doch noch erobern zu können, oder ob sich daraus zumindest zeitweise doch eine Liebesaffäre entwickelt hat, muss dahingestellt bleiben. Riefenstahl selbst verneinte dies im nachhinein mit großem Nachdruck. Die Tatsache, dass ein ehemaliger jüdischer Geliebter für den Paradestar des Dritten Reichs lange Zeit höchst unbequem gewesen ist, könnte dabei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Sokal selbst hingegen bestätigte nach 1945 gegenüber dem amerikanischen Autor Glenn B. Infield eine Beziehung zu Riefenstahl, die bis 1925 angedauert haben soll.32
Für jenes »erste Mal«, für das sie mit der Vollendung des einundzwanzigsten Lebensjahres die Zeit gekommen sah, hatte sich Leni Riefenstahl jedoch einen anderen Mann ausgesucht. Ihre Wahl fiel im Herbst 1923 auf den Frauenschwarm Otto Froitzheim. Der stellvertretende Kölner Polizeichef und Tennischampion war ein Günstling der Berliner Gesellschaft, zu dessen zahlreichen Geliebten auch die Filmdiva Pola Negri zählte, Star in Lubitschs Stummfilm-Meisterwerk Madame Dubarry (1919). Leni Riefenstahl kannte den achtzehn Jahre älteren Junggesellen aus dem Berliner Schlittschuhclub, einem Sportclub, in dem sie mit Erlaubnis ihres Vaters als Neunzehnjährige Tennisstunden genommen hatte. Im Hause der berühmten Klatschkolumnistin Bella Fromm ließ sie sich Froitzheim vorstellen und schickte kurze Zeit später einen gemeinsamen Bekannten zu ihm mit der Nachricht, sie wolle ihn treffen. Da Froitzheim nicht abgeneigt war, eine weitere Eroberung zu machen, willigte er umgehend ein. Doch als der Tag des Treffens kam, hatte die junge Frau mit einem Mal Angst vor der eigenen Courage: »Am liebsten wäre ich davongelaufen.«33 Ein Zurück kam dennoch für sie nicht in Frage. »Was ich nun erlebte, war fürchterlich. Das sollte Liebe sein? Ich fühlte nichts als Schmerz und Enttäuschung. Wie weit war das entfernt von meinen Vorstellungen und Wünschen, die nur nach Zärtlichkeit verlangten […]. Ich ließ alles über mich ergehen und bedeckte mein verweintes Gesicht mit einem Kissen.«34 Nach dem vollzogenen Akt wurde sie von Froitzheim aus der Wohnung hinauskomplimentiert, nicht ohne dass dieser ihr für den Fall einer eventuell notwendigen Abtreibung noch Geld zuzustecken versuchte.
Die völlig unerfahrene junge Frau, die sich aufgrund der Berichte ihrer Freundinnen romantischen Vorstellungen hingegeben hatte, musste die Art und Weise, wie Froitzheim sie behandelte, schockieren. Sie zerriss den Schein und lief aus der Wohnung. Auch Tage später noch vermochte sie nicht ohne Wut und Scham auf dieses Erlebnis zurückzublicken. In einem langen Brief »über meine Liebe und meinen grenzenlosen Abscheu«35 schilderte sie ihm, wie sehr sie das Erlebnis irritiert habe. Der Brief schien das Interesse Froitzheims an der jungen Frau zu entfachen. Er begann sie zu umwerben, was sie nur in noch größere Verwirrung stürzte: »Diesen Mann wollte ich nie wiedersehen. Und jetzt schickte er Blumen. Warum warf ich sie nicht sofort aus dem Fenster, warum drückte ich sie fest an mich? Warum küsste ich die Karte? Ich schloss mich ein und weinte, weinte, weinte.«36
Wohl nicht zuletzt ihrer Unerfahrenheit und ihrer tiefen Irritation war es zuzurechnen, dass sie auf Froitzheims Avancen einging. Ohne wirklich verliebt in ihn zu sein, fühlte sie sich »ihm auf rätselhafte Weise verfallen«.37 Obwohl sie nach der ernüchternden Erfahrung nichts mehr für ihn zu empfinden vermochte, kam es ein halbes Jahr später zur Verlobung der beiden. Das besitzergreifende Wesen Froitzheims befremdete die junge Frau schon bald. Dennoch hielt sie die Beziehung zwei Jahre lang aufrecht. Erst als sie am Beginn ihrer Filmkarriere stand und den Regisseur Arnold Fanck kennenlernte, wurde die Verlobung wieder gelöst. Während Riefenstahl als Grund für die Trennung angab, dass Froitzheim sie mit einer anderen Frau betrog, sprach die mit Riefenstahl befreundete Bella Fromm die Vermutung aus, dass Froitzheim die Beziehung zu Riefenstahl beendet habe, da die Ehe mit einer Tänzerin seine Karriere bei der Polizei ruiniert hätte.38
Die ernüchternde Erfahrung mit Froitzheim, den man unter diesen Umständen kaum als ihre »erste Liebe« bezeichnen kann, bestätigte Riefenstahl in dem Entschluss ihrer frühen Jugend, sich zukünftig in Liebesdingen nicht mehr in Abhängigkeiten zu begeben. Schon sehr früh hatte sie die Entscheidung getroffen, niemals zur »Sklavin eines Mannes«39 zu werden, sondern sich ihr Leben selbstbestimmt einzurichten. Die Erfahrung der elterlichen Ehe, in
