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Fünfzehn Dollar. Das ist das Tagesbudget der Geschwister Zuzanna und Janko, als sie in die USA fliegen. Sie wollen einen gemeinsamen Kindheitstraum verwirklichen und den Pazifik sehen. Zuzanna weiß, dass der Roadtrip Jankos letzte Reise sein wird. Seine Krankheit bremst das Fortkommen der beiden und ist gleichzeitig ihr stärkster Antrieb. Sie durchfahren Orte, an denen die Natur ihre Prozesse unerbittlich vollzieht. Sie bereiten sich auf einen Tornado vor, betreten karges Land, ein Vulkanausbruch hinterlässt seine Spuren. Als Geologin sind Zuzanna diese Vorgänge vertraut, nicht aber die Veränderungen in ihrem Bruder. Mit viel Zuneigung und Geduld versucht sie herauszufinden, was es bedeutet, wenn ein geliebter Mensch vergeht. Marina Schwabe ist ein leiser und kraftvoller Roman gelungen, der tief berührt. Sie erzählt vom Mut zweier Geschwister, die sich in einer ausweglosen Situation eine Freiheit erschaffen, die beide nie für möglich gehalten hätten.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2025
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MARINA SCHWABE
RIFT
ROMAN
STEIDL
für Jan
Nördlicher Juni
Die Nächte haben ihre
Eigenschaften verloren:
Weiße Stufen die
Horizonte mit
Rostroten Tüchern.
Wer hier hinaufspringt
Kann glücklich werden.
Dreimal rufe ich dich aber
Du bist nicht
Auf Erden.
Sarah Kirsch
NEW YORK
UPSTATE
ILLINOIS
SOUTH DAKOTA
WYOMING
MONTANA
UTAH
IDAHO
WASHINGTON STATE
OREGON
KALIFORNIEN
DANKE
Impressum
»Und noch die Bordkarte Ihres Mannes«, sagt die Person hinterm Schalter, aber Janko träumt und deshalb nehme ich sie entgegen. »Bruders«, korrigiere ich, ach, wie schön und einen angenehmen Flug, danke, Ihnen auch, dabei fliegt die Person hinterm Schalter nirgendwohin. Der Fehler fällt mir erst auf, als wir schon einige Schritte entfernt sind und alles sortiert ist und Janko immer noch träumt.
»Gate 7?«, fragt er.
»Gate 7.«
Wir setzen uns, wir sind viel zu früh, weil es so sein muss. Ich bin eingestellt auf Warten und Stress, Warten und Stress, ich habe alles dabei: Musik, Bücher. Ich stehe auf, »Bleibst du hier?«, frage ich. Janko nickt, er schaut den Flugzeugen beim Starten und Landen zu, wie sie beladen werden mit Essen und Getränken, befüllt werden mit Kerosin. Er schaut den Rolltreppen zu und allen Fahrzeugen, die etwas bewegen, jedes Fahrzeug mit einem Namen und einem Zweck. Wie in einem Kinderbuch, aber das sage ich nicht, ich wende mich von der Panorama-Scheibe ab und gehe auf die Läden zu. Wie langsam die Zeit vergeht.
Duty Free heißt Alkohol, Parfum, Uhren und Süßigkeiten, riesige Tüten Weingummis, Schokolade, rote Schnüre, es heißt helles Licht und reflektierende Flächen. Ich setze eine Sonnenbrille auf, sie kostet fünfzehn Euro, das liegt über unserem Budget. Über unserem gemeinsamen Tagesbudget, das sich aus unseren Kontoständen ergibt und mit der Zeit verrechnet wurde, die Janko noch bleibt. Geteilt durch sechs Monate. Die Sonnenbrille sieht lächerlich aus und es ist Winter, ich hänge sie wieder zurück. Die Zeit, die Janko noch bleibt, ist geschätzt von einer Ärztin, wir arbeiten mit einer fehleranfälligen Rechnung, also vorsichtig bleiben, kein Geld ausgeben. Kein Geld für Sonnenbrillen jedenfalls, es sei denn, sie würden Janko sehr glücklich machen, das wäre eine Ausnahme – eine, die wir nicht gemeinsam beschlossen haben, die aber trotzdem gilt.
Und wie war das mit der Halbjahresschätzung, wurde es wirklich so gesagt, ausgesprochen oder hat Janko es sich erschlossen aus den Umständen? Hat er mich wirklich direkt nach dem Arzttermin angerufen, auf dem Rückweg von der Praxis nach Hause, dasselbe Telefonat, in dem er mich um diese Reise bat, oder wusste er es schon länger, hat er es hinausgezögert, um meine Trauer nicht durch die Leitung zu hören? Wonach wird die verbleibende Zeit berechnet, nach dem Zerfall der Zellen, nach dem Wachstum einer Masse in Jankos Körper? Welche Konsistenz hat diese Masse, wurde das berücksichtigt, und wer hat die Ergebnisse zusammengetragen? Welchen Gesichtsausdruck wählte die Ärztin, hat sie ihn geübt? Hat sie gedacht, was ich jetzt denke, in Dauerschleife: erst sechsunddreißig Jahre alt.
Die Dauerschleife macht, dass etwas herabsinkt in mir, sich setzt, ich kenne die Antworten nicht, ich werde sie nicht bekommen, aber es ist nicht schlimm. Ich muss ihn nicht fragen, welchen Weg er von der Ärztin zurück genommen, ob es geregnet hat, denn es ändert nichts am Ergebnis. Wir sind jetzt hier.
Zurück am Platz frage ich Janko, wie es ihm gehe. Er antwortet »gut«, so wie immer. Vielleicht habe ich die Frage nicht richtig gestellt. Ich werde es mit Variationen versuchen (Bist du müde? Brauchst du was? Bist du hungrig?), aber nicht jetzt. Es tut mir gut, ihn so angstlos zu sehen. Vielleicht ist auch mein Körper nicht mehr als ein Vehikel, mit dem ich mich durch die Welt bewege, und wenn dieser vergeht und immer weniger wird, dann bedeutet das nichts. Jankos Sterben ist keine Entscheidung, die wir getroffen hätten; er ist krank, seit wir denken können, und was wir nicht entscheiden, müssen wir auch nicht unnötig aufladen oder besprechen.
Der Wartebereich füllt und füllt sich, er platzt beinah, die Scheiben biegen sich nach außen wie im Comic und die Menschen rempeln sich an und ein Kind fällt über jemandes Schuhe, denn niemand darf ins Flugzeug. Wir sitzen zum Glück, sonst würde ich jemanden ansprechen, ob wir sitzen dürfen, müsste etwas über die kaum sichtbare Krankheit erklären, einer fremden Person und in sehr kurzer Zeit. Denn Janko würde nicht fragen, würde stehen, bis er blass wird, sich leicht gegen mich lehnen, dann irgendwann hocken, aber nicht fragen. Zum Glück aber sitzen wir. Wir waren ja zu früh. Wir sind ja in Jankos Zeit.
»Was dauert so lange?«, murmele ich.
»Es muss enteist werden«, Janko zeigt auf zwei Menschen auf einer Hebebühne, die systematisch an der Außenhülle des Flugzeugs arbeiten. Er hat das Kinderbuch-Wissen und noch sehr viel mehr. »Das Grüne ist eine Mischung aus Glykol und Wasser. Damit wird das anhaftende Eis verflüssigt.«
»Okay.«
»Und das Braune ist ein Schutz vor neuem Eis in der Luft.«
»Cool, danke.«
Janko nickt. Schnee fällt aufs Flugzeug und wird weggesprüht. Der letzte Schnee des Winters, denke ich, auch wenn ich es nicht wissen kann.
Janko setzt seine Kopfhörer auf, als es so weit ist, ich führe ihn ins Flugzeug und er zeigt mir die Plätze. Der letzte Schnee überhaupt, korrigiere ich mich innerlich, aber schiebe den Gedanken weg, schnalle mich an. Manhattan ist teuer, also ins Hostel, den Lonely Planet ziehe ich aus Jankos Tasche. Das Notizbuch aus meiner. Darin klebt eine Liste mit Unterkünften, die ich 2010 erstellt habe, als ich schon einmal dachte, dass es knapp wird mit ihm. Ich hatte mich in eine panikhafte Suche nach Hostels und günstigen Hotels geworfen, um die Gedanken zu sortieren: copy and paste, eine detaillierte Auswahl treffen, die schönste Schriftart wählen, formatieren und drucken, nichts anderes zulassen. Dann gab es Entwarnung.
Ich fahre über den faserigen Einband des Notizbuchs. Es ist viel älter als die Liste, so alt wie unser Vorhaben. Vor zwanzig Jahren habe ich es gekauft und eine detailgetreue Karte der USA hineingemalt, die Bundesstaaten beschriftet.
Jetzt muss ich die Liste mit den Unterkünften prüfen, aktualisieren, dann etwas buchen. Die Schrift gefällt mir schon nicht mehr so gut, nicht mehr mein Stil.
Zu Hause passte die Hotel-Recherche nicht mehr hinein in die Tage, in die Stunden nach der Arbeit, nicht in die Nächte.
Seine Wohnung gekündigt, meine untervermietet, Jankos Möbel in meinen Keller. In einer Wahnsinnsgeschwindigkeit beseitigten wir die Dinge, die ihm etwas bedeuten. Janko wurde zu einem Experten für Kleinanzeigen, er wusste genau, wie viel er für welchen Gegenstand bekommen würde: Seine Preise lagen zwanzig Prozent über dem Marktdurchschnitt, erklärte er mir. Dafür konnte man seine Artikel sofort kaufen, und er versendete sie noch am Tag des Geldeingangs. Als er den letzten und schönsten Teil seiner Modelleisenbahn, eine Spur-1-Lok von Märklin, an seinen Nachbarn verkauft hatte, rief Janko mich an und sagte: »500-Euro-Scheine sind lila.«
Wir gaben keine Abschiedsparty, natürlich nicht. Dass ich ein halbes Jahr Urlaub nehmen müsste (meine Vorgesetzte verwendete ständig das Wort »Sabbatical«, was mir New-Agemäßig vorkam und mehr mit dem Silicon Valley und Apple zu tun hat als mit mir), sorgte im Institut für ein bisschen Entrüstung (»So plötzlich!«) und vielleicht auch Neid bei meiner Kollegin Anita. Ich stellte klar, dass ich gern auf mein Gehalt verzichtete, aber nach meiner Rückkehr genau an demselben Arbeitsplatz sitzen wollte, und irgendwie einigten wir uns darauf und ich bekam es sogar schriftlich, obwohl es dafür kein vorgefertigtes Formular gab.
Ich gehe davon aus, dass sich bei den Erdmassen nichts Gravierendes ereignen wird während meiner Abwesenheit.
Janko schaut »Game of Thrones«. Er hat mir vorgerechnet, wie viele Folgen er schafft, wenn er nur drei Stunden schläft und beim Essen weiterschaut (fünf Folgen). Nur einmal bittet er mich zu erzählen, damit er einschlafen kann, weil mein Murmeln ihn beruhigt. Als Einstieg fragt Janko, warum ein Flugzeug immer irgendwann eine Wolkendecke durchbricht:
»Wieso kann ich jetzt unter uns den Atlantik nicht sehen? Es gibt doch so etwas wie einen klaren Himmel, nachts zum Beispiel, da kann man ja manchmal die Sterne sehen und auch Flugzeuge darunter, wo sind diese Wolken dann bitte?«
Und ich sage leise:
»Ein Flugzeug wie unseres bewegt sich auf einem Langstreckenflug die meiste Zeit auf einer Höhe von ungefähr 12.000 Metern. Auf etwa 10.000 Metern, über der Tropopause, beginnt die Stratosphäre. Hier sammelt sich die Feuchtigkeit …«, so lange, bis Janko aufhört zu nicken. Als Janko schläft, weine ich.
Nach der Landung eine Schleuse und dann wieder warten, diesmal auf einen Stempel bei der Einwanderungsbehörde. Janko hat etwas zu tun, hat sich das U-Bahn-Netz von New York City vorgenommen und lernt es auswendig, geduldig. Das wird uns noch nützen, und in solchen Situationen hätte ich gern sein Gehirn. Ich tausche es aber freiwillig zurück, denn sofort fällt mir wieder ein, wie unsicher sich der Weg ins Hostel für ihn anfühlt.
Wir dürfen rein ins Land, eigentlich stand das nicht infrage, aber irgendwie doch. Ich erfasse nach der Schleuse schnell alle Schilder, hier holen wir das Gepäck, dort geht es zur U-Bahn, zwei Tickets kosten fünf Dollar, die PIN meiner Kreditkarte ist Jankos Geburtsdatum. Ich versuche ihn zu schonen, manches weiß ich noch zu vermeiden: Laute Geräusche zum Beispiel, viele Stimmen, die durcheinandersprechen, bestimmte Frequenzen, wie das quietschende Halten eines Zuges oder das zischende Druckablassen eines LKW an der roten Ampel. Also hören, was er hört, den Blick nach seinem richten.
Wir passieren die Orte, die möglichst schnell durchquert werden wollen. Manche Menschen werden geschoben oder getragen, niemand hält sich hier lange auf, in den Flughafentunneln, auf den überdachten Wegen, gefliest, ausgeleuchtet, ist man noch im selben oder schon im nächsten Gebäude? Wir werden Teil eines Flusses, folgen den Menschen vor uns, manche kommen aus unserem Flugzeug, manche aus anderen Maschinen, alles vermischt sich. Ist das ein Durchgang oder ein U-Bahnhof? Ich halte mich an die Schilder und an die Rücken vor mir.
Im Gehen gebe ich dann doch meine Unsicherheit mit ihm zu, frage Janko nach seinen Regeln. Er ist nicht verletzt, er listet sie auf:
In die U-Bahn geht Janko wie ins Flugzeug nur mit seinen Kopfhörern, sie dämpfen alles ab. In öffentlichen Verkehrsmitteln hört er nur eine bestimmte Band, ein britisches Quartett, fünf Songs vom ersten Album, fünf Songs vom zweiten, sie laufen in Dauerschleife. Er fährt nur mit der Bahn, wenn er die Namen aller Haltestellen und Knotenpunkte und kreuzenden Linien kennt.
Vor uns erscheint der Bahnsteig, jetzt weiß ich Bescheid. Janko setzt die Kopfhörer auf und lässt sich von mir die Rolltreppe hinunterführen.
In der U-Bahn schichtet sich der Mythos der Stadt auf die Plastiksitze. Ich kann das Vergleichen nicht lassen, wieso können die Dinge nicht für sich sein? Die Farbe der Sitze orange, in Berlin gemustert, und habe ich schon mal erlebt, dass jemand sich in der Bahn die Fußnägel lackiert? Den Namen unserer Station sage ich mir im Kopf zwanzigmal, ich scanne die durchlaufende Anzeige alle paar Sekunden, dazwischen genieße ich die fehlende Aussicht, unterbrochen von fremden Bahnsteigen. Als unsere Haltestelle erscheint, bleibe ich für mein Gefühl etwas zu lange sitzen, wie um mir etwas zu beweisen, bevor ich aufspringe, Janko den Rucksack aufsetze, er mir meinen. Wir stehen rechtzeitig an der Tür, als sie sich zischend öffnet.
Janko hakt sich ein, als wir die Stufen nach oben gehen, er macht es geschickt, so dass wir trotzdem hintereinandergehen und wenig Platz auf der Treppe blockieren. Ich nehme die Stufen in seinem Rhythmus, wir rempeln nicht aneinander.
Ich finde mich schnell zurecht in den Rechtecken der Stadt, Janko behält zur Sicherheit die Kopfhörer auf und bleibt dicht hinter mir. Ich habe keine Zeit, einen Eindruck zu gewinnen von den Gebäuden oder den Menschen, die um uns herum von A nach B eilen, ich bin fokussiert darauf, uns durch diesen Ameisenhaufen zu manövrieren.
Die Straße stimmt, die Ecke stimmt, das Hostel sieht okay aus, bisschen jugendlich vielleicht, aber es ist voll, keine Zimmer frei, sagt ein netter Mensch, den ich problemlos verstehe, aber die Info braucht trotzdem lange, um bei mir anzukommen. Damit habe ich nicht gerechnet, es ist doch einfach irgendein Dienstag, denke ich.
»Vielleicht sind Ferien«, sage ich zu Janko, wieder auf der Straße, ich überlege, das zu prüfen, aber was würde es ändern und wie soll ich es prüfen? Das zweite Hostel auf der Liste ist in der Nähe, wir laufen ein paar Blocks, und ein Block ist länger, als ich angenommen hatte, und neun Blocks sind ganz schön viel. Durch den schweren Rucksack, in dem angeblich nur das Nötigste steckt, ziehe ich meine Schultern nach vorn, laufe gebückt und krumm und kann förmlich spüren, wie der Raum zwischen meinen Wirbeln immer kleiner wird. Das ist nicht gut für Janko, ich müsste ihm was abnehmen, aber zwei Rucksäcke sind zu viel, mir ist meiner schon zu viel. Ich frage: »Kannst du noch?«, und Janko nickt. Ich kann die Distanz nicht verkleinern.
Das zweite Hostel hat einen Wasserschaden, es steht auf einem Zettel an der Tür, gekritzelt mit Edding, er fällt mir erst auf, als ich die Tür zweimal zu öffnen versucht habe, das zweite Mal mit Kraft, aber die Kraft geht nirgendwohin, jedenfalls geschlossen. Wo werden wir schlafen? Janko muss sich ausruhen, ich stelle den Rucksack ab, nehme Janko seinen vom Rücken, hole eine Wasserflasche heraus, gebe sie ihm zuerst.
Wir müssen einfach weitergehen, so lange, bis wir was finden. Und letztlich ist unser sicherer Schlaf nur eine Frage des Geldes. Wir werden einen Ort finden, er übersteigt vielleicht unser Budget, aber wir werden nicht auf der Straße schlafen müssen oder in der U-Bahn oder im Eingang einer Bankfiliale.
Aber zunächst brauchen wir eine Pause und einen neuen Plan, denn die Liste ist gescheitert. Wir irren durch dieses überfüllte Straßennetz mit Jetlag, schweren Rucksäcken, zerfressenem Körper. Also Kaffee irgendwo, ich schaue hoch, in dieser Kette vielleicht, die ich in Berlin meiden würde, weil zu amerikanisch, weil Global Player und Ausbeutung – aber hier irgendwie Lichtblick und bekannte Parameter und Gemütlichkeit. Janko bestellt einen Tee und wählt uns das Ledersofa in der Ecke aus.
»Wie lange, denkst du, bleiben wir hier?«, fragt er mich. Ich denke nach.
»Maximal zwei Stunden.« Er bedankt sich bei mir und holt sein Buch raus, taucht ab.
Ich lasse mir das WiFi-Passwort geben und einen Caffè Latte, klappe meinen Laptop auf, prüfe die Verfügbarkeit der verbleibenden Hostels auf meiner Liste, rufe eines an, vergleiche die Preise, reserviere ein Zimmer und buche online ein zweites. Das ist billiger. Und es gibt etwas, an dem wir uns festhalten können, zumindest für drei Nächte, die nun etwas vorgeben, einen Radius, in dem wir uns bewegen, Wege, die wir lernen können. Zur nächsten U-Bahn-Haltestelle, zum Supermarkt und ins Café. Und das Hostel bildet eine Station, dort kann ich überlegen, wie es weitergeht, denn in der Bewegung gelingt es mir nicht. Ich kann Janko von der Matratze aus fragen, was er sehen und erleben will, kann eine Route festlegen und Stecknadeln setzen in eine Karte.
Irgendwie schaffen wir es, den Rucksack nochmal aufzusetzen, nur noch eine kurze Strecke laufen. Es beginnt zu dämmern und die Fenster leuchten und die Häuser werden heller als die Luft. Ich schaue viel auf den Boden, obwohl ich weiß, dass die Stadt das Gegenteil verlangt.
Wir erhalten Schlüsselkarten und eine grobe Tour durchs Hostel, dann endlich landen die Rucksäcke im Schrank. Janko rollt sich ein auf dem Bett, er schließt sofort die Augen, ich schüttle mich, alle Gelenke knacken einmal und ich gehe wieder raus.
In dem Moment, in dem ich die Straße wieder betrete, bin ich keine Touristin mehr, ich steuere einen Supermarkt an, als wüsste ich Bescheid, welche Toastbrotmarke die leckerste ist, und alles hat eine solche Beiläufigkeit, dass ich auch Freunde auf der Straße treffen könnte.
Ich ahne bereits, wie es sein wird. Dass das Reisen daraus besteht, ein Bett für die Nacht zu suchen und Essen einzukaufen, und das jeden Tag. Das ist unser Job. Wir produzieren einen Alltag und eine Sicherheit für uns beide. Wir können einfach das tun, was der Körper von uns verlangt: essen, schlafen und sich bewegen.
Ich mache uns in der Gemeinschaftsküche des Hostels ein Abendessen aus gebackenen Kartoffeln und Sour Cream, einen kleinen Salat dazu, ich lasse mir Zeit, räume die Einkäufe in ein Regal und beschrifte den Bereich im Kühlschrank mit unseren Namen. Ich spiele mit der Idee, uns neue Namen und neue Identitäten zu geben für unsere Reise, welchen Namen ich wählen würde und was ich damit abschütteln könnte, aber dann ist es mir doch zu sehr Klischee.
Beim Warten auf die Kartoffeln im Ofen lese ich am großen Esstisch; es kommen andere Gäste, wir tauschen echte Namen und echte Herkünfte aus, wir lächeln, ich widme mich wieder dem Buch. Auf einem Tablett trage ich das Abendessen in unser Zimmer, ich habe Jankos liebste Schokolade gekauft, die es auch hier gibt, natürlich. Ich wecke ihn, er freut sich, wir essen im Bett, Janko sagt, dass er sehr gern im Bett isst, was ich noch nicht wusste. Ich frage nach seinen Wünschen für die Reise, nach ersten Anhaltspunkten, ich erfinde eine grobe Route bis in den mittleren Westen, schreibe etwas ins Notizbuch, Janko nickt es ab.
Das sind die Regeln: Für Essen haben wir fünf Dollar pro Tag und Person zur Verfügung. Wir geben außerdem noch Geld für Benzin und das Auto aus. Alle zwei Tage organisieren wir uns ein Zimmer mit Bad. Sonst kaufen wir nichts.
Wir fahren so weit, wie wir kommen. Erstes Ziel ist der Pazifik. Wenn der erreicht ist und wir noch können, überlegen wir uns ein neues Ziel. Der Pazifik ist erstmal das Wichtigste.
In den kommenden Tagen laufen wir, wir durchqueren die Halbinsel Manhattan zu Fuß. Ich bewundere Jankos Ausdauer. Er will überall hinlaufen, es ist seine Challenge mit ihm selbst, ohne dass die Schritte gezählt werden.
Am zweiten Nachmittag durchqueren wir den großen Park langsam. Ich stecke ab, was mir bekannt vorkommt aus »Friends«, aus »Gossip Girl«, aus »Der Teufel trägt Prada«: Ist es dieser Brunnen? Diese Brücke? Und finde dann doch etwas Neues: In der Mitte des Parks ist es wie in einem Wald, einem sehr gut gepflegten Wald. Und wenn man nach oben schaut und die Ränder absucht, auf die Freiflächen und die Wege tritt, dann sieht man die Häuserzeilen nicht mehr, sieht nicht mehr die riesigen Gebäude, die angeblich an den Wolken kratzen. Und darauf weise ich Janko hin, ich zeige an den Rand und sage:
»Wir könnten in jeder Stadt sein, man erkennt’s nicht.«
»Das stimmt aber nur halb. In welcher anderen Stadt gibt es schon einen so großen Park?«
»Ah ja«, sage ich. »Da hast du recht.«
Die Wege winden sich und führen im Halbkreis um sich selbst. Janko fängt noch einmal von Couchsurfing an, einer Plattform, die ihn schon in Berlin fasziniert hat. Und wie schon in Berlin versucht er, mich zu überzeugen, dass wir flexibel sind, aussuchen können, bei wem wir übernachten wollen, dass es nichts kostet und wir gleichzeitig Leute kennenlernen können. Er zählt alle Argumente auf und variiert die Sätze, und die Schneeglöckchen kommen raus und es ist nicht zu kalt, ich kann meine Jacke offen tragen. Doch etwas ist anders, unsere Rechnung kommt mir zu knapp vor, aber seine Wünsche sind wichtiger als meine und deshalb stimme ich zu:
»Lass es uns probieren.«
Nicki ist Weiß, um die dreißig, hat eine sehr kleine Wohnung und einen Hund. Wir sagen Hallo, machen Smalltalk und im Rauschen des Wasserkochers frage ich Janko auf Deutsch, ob er das wusste mit dem Hund, und er antwortet: »Ja, hätte ich es dir sagen sollen?« Und dann ist der Tee fertig. Wir reden über Deutschland, übers Reisen, über Nickis Job und über den Hund.
»Habt ihr Angst vor Hunden?«, fragt Nicki auf Englisch.
»Nein«, sage ich.
Nicki ist erleichtert, bemerkt, dass Janko den Hund streichelt und der nach einer Weile unter dem Tisch seinen Kopf auf Jankos Füße legt.
»Das macht er sonst nicht.«
»Das kennen wir schon«, sage ich. Aber ich erzähle nicht weiter.
Nicki will, dass wir uns eine Weile mit um den Hund kümmern, ihn ausführen, wenn Nicki auf der Arbeit ist, will aber auch, dass wir diese Verpflichtung nicht als getarnte Bezahlung für die Übernachtung verstehen, obwohl sie das eindeutig ist. Ich könnte Nicki beruhigen und sagen, dass Janko das Ausführen des Hundes sehr ernst nehmen, dass er lange Spaziergänge durch den Park machen wird, und dass mir eine Gegenleistung sogar lieber ist als keine, weil ich dieses Prinzip besser gelernt habe.
Stattdessen sage ich:
»Das passt schon«, und trinke meinen Tee. Wir bekommen einen Schlüssel.
Wir schlafen auf einer ausklappbaren Couch. Der Hund schläft bei uns am Bett und nicht bei Nicki. Nicki verlässt die Wohnung in der Dämmerung, geht in irgendein Büro, wird erst am Abend zurückkehren. Was macht Nicki ohne uns mit dem Hund?, denke ich auf meiner Bettseite und schlafe weiter.
Nach drei Tagen stellt sich das alte Gefühl wieder ein, ich bemerkte es beim Frühstück, eine Gelassenheit mit den Dingen, lange sitzen, lange essen, manchmal quatschen, manchmal nicht, in einer Zeitschrift lesen, ohne das Gefühl zu haben, gleich aufspringen zu müssen, gleich wird das Buffet abgeräumt, gleich kommen die Reinigungskräfte – einfach Zeit und eine Wohnung. Es ist ein bisschen wie früher, als wir Teenager waren, wenn unsere Mutter einen neuen Freund hatte und wir das Haus für uns und sehr viel Zeit.
»Sollen wir nicht einfach abhauen?«, fragte ich Janko einmal, als wir schon eine Weile beim Frühstück gesessen hatten und zögerten, den Weg zur Schule anzutreten, weil uns dort nichts Erhellendes erwartete. Janko schaute mich an. Er stellte keine Rückfrage, sondern saß einfach da und wartete, dass ich mich erklären würde.
»Wir könnten den Elf-Uhr-Bus nehmen, dann mit dem Zug nach Berlin und dort am Bahnhof einfach den nächsten vom Gleis gegenüber. Nach Paris vielleicht im Nachtzug oder an den Atlantik.«
»Hm.«
Ich starrte in den Garten und auf den Hühnerstall, der noch immer schmutzig im Hof stand, obwohl wir wirklich schon seit Jahren keine Hühner mehr hielten und wir unsere Eier wie alle im Dorf im Supermarkt kauften. Aber nichts war so beständig wie der Dreck in diesem Kaff. Der Himmel war dunkel, unklar, ob ein Regen kommen oder die Wolken einfach tiefer rücken würden.
»Meinst du, das klingt nur romantisch, oder meinst du, es wäre echt schön?«, fragte Janko.
»Ich glaub, es wär echt schön.«
Janko war in sich versunken und spielte mit seinem Kamm, den er immer in der rechten Hosentasche trug. Es war ein eng gezahnter, feiner Kamm für kleine Hände, abgebrochen an einer Seite. Seit einer Weile war es sein Tick, mit der Kante vom Daumennagel die Zinken abzufahren, immer wieder. Es war der erste Tick von ihm, den ich mochte.
»Reisen stelle ich mir stressig vor. Ich bin gerne zu Hause. Ich hab hier meine Sachen. Und die Bibliothek.« Janko sprach ganz leise, als wäre es ihm peinlich, dabei wusste ich das eigentlich schon von ihm. Wir waren mittlerweile beide zu spät, selbst wenn wir uns jetzt sehr beeilten, den Bus unten an der Hauptstraße würden wir nicht mehr bekommen.
»In die Bibliothek könnten wir fahren«, schlug Janko vor. »Jetzt oder auch heute Nachmittag.«
Jankos kleiner Radius. Diese winzige Welt. Er hatte einen Mitgliedsausweis in der Stadtbücherei. Die Bibliothekarin und Janko waren sich auf eine Art nah, die ich nicht verstand. Er nannte sie beim Vornamen, Birgit, obwohl sie viel älter war als er. Ich begleitete ihn manchmal, und er hatte so eine Lockerheit mit ihr, die mich eifersüchtig machte. Sie redeten über diesen Roman oder jenes Sachbuch, scheinbar hatten beide die gesamte Bibliothek gelesen, zogen Querverbindungen, gaben sich Empfehlungen und ganz zuverlässig bestellte Birgit die Bücher, die sich Janko wünschte.
Am Anfang wollte ich mitmachen und wir fuhren einmal die Woche fünfundvierzig Minuten mit dem Rad in die Kleinstadt und ein bisschen länger als eine Stunde wieder zurück, die Gepäckkörbe voll mit Büchern. Ich hatte die beiden Reihen mit Ballettgeschichten und die Reihen mit Pferdegeschichten nach einem halben Jahr durch und las später die gesamte Kinder- und Jugendabteilung, während Janko scheinbar wahllos Romane aus diesem oder jenem Jahrhundert mit Sachbüchern über Pflanzenkunde kombinierte.
Birgit war die schönste Frau, die diese Kleinstadt hervorgebracht hatte, da war ich mir sicher. Ihr Kleidungsstil war genau zwischen leger und seriös, sie trug ständig Schwarz und hatte ihre Haare zu einem nachlässigen urbanen Knoten gebunden. Sie lachte viel mit Janko, fand seine Witze tatsächlich lustig und wurde zu so etwas wie einer Freundin. Sie ermutigte seine frühen Schreibversuche, las seine Kurzgeschichten und gab sie ihm kommentiert zurück. Wie gern ich eine solche Vertraute gehabt hätte.
»Den Pazifik würde ich schon gern mal sehen«, sagte Janko in meine grauen Gedanken hinein.
»Den Pazifik?«
»Ja.«
»Warum den?«
»Weiß nicht.«
»Okay.«
»Er sieht toll aus in den Serien«, sagte Janko und ich wusste, was er meinte, und nickte deshalb heftig.
»Irgendeine bestimmte Serie?«
»Alle Serien.«
»Verstehe.«
Draußen setzte der Regen ein und verstärkte alle Gefühle.
»Sollen wir zur zweiten Stunde gehen?«, fragte ich.
»Ja, vielleicht. Lass uns noch ein bisschen sitzen.«
Ich danke Janko für die Idee mit dem Couchsurfing. Er nickt weise. Als der Hund wegen eines Geräusches in der Nachbarwohnung aufschreckt und bellt, schaut Janko ihn nur einmal kurz an und der Hund ist wieder still und legt sich hin.
