Ringe - Conrad H. Melan - E-Book

Ringe E-Book

Conrad H. Melan

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Beschreibung

Welche Leser sollen mit einer Erzählung über Ringe und Ringkunde angesprochen werden? Vielleicht - Märchenliebhaber, besonders Tolkien-Fans und Wagnerianer, die auch die jeweils andere Ringdichtung kennen oder bei ­dieser Gelegenheit kennen lernen sollten, - Juristen, die über mehr oder weniger „fachgerechte“ Arbeit an erfundenen Fällen lächeln können, - Personen, denen die von Lessing unübertrefflich schön formulierte Botschaft der Ringparabel zugedacht war und zugedacht bleibt.

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Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inhalt

Ring frei, für welche Botschaft?

Familientradition

Ringe im Wettbewerb

Ringkatastrophe oder Ringdämmerung

Zwei Märchenwelten

Mittelerde und Umgebung

Saurons Ring

Drei Elbenringe

Mittelerde nach dem Ende der Ringe

Der Rheingold-Ring

Ein anderes magisches Objekt

Götter, nur mäßig verehrt

Nach der Götterdämmerung

Der Letzte Ringkongress

Abschied

Anhang

I. Besuch einer Ausstellung

II. Ringe vor Gericht

A. Der uralte Erbfall

B. Nachdenkliche Richter

Ring frei, für welche Botschaft?

Als Ring wird – so steht es im Brockhaus – normalerweise ein aus unterschiedlichstem, oft metallischem Material gefertigter kreisförmiger, in sich geschlossener Körper bezeichnet. Für Ringe größeren Umfangs kennt man auch den Ausdruck Reif. Ringe gibt es als technische Gegenstände, zum Beispiel Dichtringe, vor allem aber als Schmuckgegenstände. Diese können als Herrschafts- und Würdezeichen Bedeutung haben, aber auch magisch-religiöse Funktionen erfüllen.

In Sage und Märchen spielen Zauberringe eine bedeutende Rolle. Ihre übernatürliche Kraft steht innerhalb der Erzählung selbst zweifelsfrei fest, wenn wir es mit einem echten Märchen zu tun haben. Sie kann und darf nicht in Frage gestellt werden, solange man in der Märchenwelt gedanklich verweilt, das heißt, den dort geforderten Glauben an Übernatürliches aufrechterhält. Eine Erzählung, die diesen Glauben nicht fordert, genügt nicht den von J. R. R. Tolkien in dem Essay »On Fairy-stories« formulierten Anforderungen an ein echtes Märchen. Die Zauberringe, deren Kraft im Märchen nicht bezweifelt werden kann und darf, sind magische Ringe im engeren Sinne oder echte magische Ringe.

Sie sind zu unterscheiden von nicht nur in der Märchenwelt, sondern in der Realität vorkommenden Objekten, an deren übernatürliche Kräfte sehr viele glauben oder zeitweise geglaubt haben. Dass es solche Objekte – nicht notwendigerweise in Ringform – irgendwann gab oder noch gibt, wer wollte das bezweifeln? Für ihre Wirkungen bieten sich nicht immer vernünftige naturwissenschaftliche Erklärungen an. Vielleicht begründet eben der weit verbreitete Glaube an die Wirksamkeit in Verbindung mit anderen Faktoren eine als übernatürlich empfundene Kraft. Wir wollen sie in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als im weitesten Sinne magisch oder kurz »quasimagisch« bezeichnen. Sie besteht nur vorläufig und geht verloren, wenn der Glaube daran untergeht.

Könnte nicht zum Beispiel Geld, dessen Wert von dem allgemein oder doch weit verbreiteten Glauben an seine Kaufkraft abhängt, auch heute noch als real existierender quasimagischer Gegenstand eingeordnet werden? Und können als übernatürlich empfundene Wirkungen, solange daran geglaubt wird, nicht auch von unkörperlichen Gegenständen ausgehen, etwa von manchen Gedankengebäuden, geistigen Kunstwerken oder Musik?

Zurück zu den Ringen: Mit »Lore of the Rings«, einem mit Ringkunde übersetzten Ausdruck, der bei Tolkien in »The Lord of the Rings« (deutsch: »Der Herr der Ringe«) vorkommt, war in Mittelerde anscheinend das Wissen gemeint, das Elben gegen Ende des Dritten Zeitalters über die im Zweiten Zeitalter, also vor Jahrtausenden, geschmiedeten Großen Ringe noch besaßen oder hochgelehrte Zauberer durch intensive Forschungsarbeit zusammengetragen hatten. Wir beschäftigen uns mit Ringkunde in einem etwas anderen Sinne.

Der Bericht über den großen Ringkrieg von Mittelerde verarbeitet ebenso wie Wagners »Ring des Nibelungen« eine uralte märchenhafte Überlieferung. Diese beiden großen Ringmärchen haben viel mehr gemeinsam als das Motiv des von einem machtlüsternen Unhold geschmiedeten magischen Ringes, der unschädlich gemacht werden muss. Weit umfassender als die meisten Märchen behandeln sie offen oder verdeckt Probleme von Macht, Recht und Religion. Man kann viele Einzelheiten einander gegenüberstellen, an denen sich interessante Übereinstimmungen und tiefgreifende Unterschiede zeigen. Obwohl es Tolkien für seinen großen Roman im Vorwort bestritten hat, stellt sich die Frage, ob beide Märchen und die in ihnen vorkommenden magischen Objekte Träger von Botschaften sind und ob zwischen diesen eine wie auch immer geartete Beziehung besteht. Betrachten wir aber zunächst eine andere, allerdings weniger märchenhafte Erzählung über Ringe, in der es ganz offen um Recht, Macht und Religion geht: das von Boccaccio im »Dekameron« (Erster Tag, Dritte Geschichte) und von Lessing in dem Theaterstück »Nathan der Weise« (Dritter Aufzug, Siebenter Auftritt) überlieferte Gleichnis der drei Ringe.

Die beiden Versionen dieser als Ringparabel bekannten Erzählung stimmen nicht ganz überein.

Bei Boccaccio vermutet ein für seinen Reichtum und für seine Weisheit berühmter Kaufmann jüdischen Glaubens mit gutem Grund eine Falle, als er von seinem in Geldnot befindlichen Sultan, einem Moslem, aufgefordert wird, das aus der Sicht eines weisen Mannes richtige Religionsgesetz zu benennen. Um sich nicht durch die Antwort in der einen oder anderen Richtung zu kompromittieren und dafür zahlen zu müssen, erzählt er von drei Brüdern, die nach dem Tod ihres Vaters darum streiten, wer vom Vater den sogenannten echten Ring erhalten hat und dadurch gemäß einer in der Familie geltenden Tradition als Alleinerbe eingesetzt ist. Der Vater hat aber von dem echten Ring Duplikate anfertigen lassen und jedem seiner von ihm gleich geliebten Söhne einen von drei völlig gleich aussehenden Ringen gegeben. Der echte Ring lässt sich nicht identifizieren. Die Frage, wer des Vaters »echter Erbe« ist, bleibt unentschieden. Entsprechendes gilt, so der Erzähler des Gleichnisses, auch für die drei Religionsgesetze, die Gott drei Völkern gegeben hat.

Der Sultan lässt sich von dieser Antwort beeindrucken. Er verhält sich tolerant und vernünftig, nimmt gerne ein von dem Juden freiwillig angebotenes Darlehen in Anspruch und schließt mit ihm sogar Freundschaft.

Keinem der zum Nachweis des Erbrechts vorgelegten Schmuckstücke wird in dieser Version der Ringparabel irgendeine übernatürliche Eigenschaft nachgesagt. Von einem auch nur im weitesten Sinne magischen Objekt ist keine Rede. Die Geschichte ist zwar als Gleichnis erfunden, aber eigentlich kein Märchen. Die Annahme einer Beziehung zwischen ihr und Tolkiens Märchen über die Elbenringe erscheint auf den ersten Blick abwegig.

Den Überlegenheitsanspruch des Christentums tastet die Ringparabel im Dekameron nicht an. Die beiden vorher am Ersten Tag erzählten Geschichten enthalten eine Satire, die sich gegen die Geistlichkeit, aber nicht gegen die christliche Religion als solche richtet. So bekehrt sich in der Zweiten Geschichte ein weiser und hochanständiger Jude auf Drängen seines christlichen Freundes zum Christentum, erstaunlicherweise jedoch erst, nachdem er in Rom die Schlechtigkeit christlicher Würdenträger gründlich kennen gelernt hat. Sein Gedankengang: Eine Religion, die so etwas aushält und sich immer noch täglich weiter ausbreitet, muss unter dem ganz besonderen Schutz des Heiligen Geistes stehen und demnach die richtige sein. Lebensgefährliche Ironie sollte hier nicht unterstellt werden. Die gutkatholischen Christen, die vor der Pest an einen Ort in der Nähe von Florenz geflüchtet sind und sich die Zeit mit Geschichtenerzählen vertreiben, müssen weiterhin davon ausgehen können, dass sie die allein seligmachende Religion haben.

In Lessings Theaterstück beantwortet der Titelheld mit dem Gleichnis der drei Ringe ebenfalls die Frage des Sultans nach der aus der Sicht eines weisen Mannes richtigen Religion.

Es entsteht aber hier nicht der Eindruck, dass der Sultan dem Juden eine bösartige Falle gestellt hat, um ihm Geld abzunehmen. Die beiden führen ein ernsthaftes und ehrliches Gespräch über den Wahrheitsanspruch der Religionen und die aus seiner Unbeweisbarkeit zu ziehenden Folgerungen.

Der echte Ring soll in Nathans Gleichnis nicht nur, wie bei Boccaccio, den Alleinerben legitimieren. Ihm wird die Kraft nachgesagt, seinen Besitzer, der ihn in dieser Zuversicht trägt, vor Gott und den Menschen angenehm zu machen. Haben wir es mit einem Märchen zu tun? Ein von den drei Brüdern angerufener Richter zieht bei allen ihm vorgelegten Ringen die behauptete Kraft in Zweifel. Niemand kann ihm die wohltuende Wirkung eines der drei Objekte beweisen oder auch nur glaubhaft machen. Der Ring mit der geheimnisvollen Kraft ging vermutlich verloren. Vielleicht hat er auch nie existiert. Das sagt der Richter allerdings nicht laut. Für den Fall, dass die drei Brüder an die Echtheit ihres jeweiligen Ringes glauben und dies nach außen überzeugend vertreten wollen, empfiehlt er ihnen ein bestimmtes Wettbewerbsverhalten. Sie werden aber vor der Hoffnung gewarnt, dass die Echtheit vor dem Jüngsten Tag endgültig bewiesen werden kann. Deshalb und wegen ihres für sein eigenes Ringmärchen mit Nachdruck abgelehnten allegorischen Charakters hält Tolkien, wie wir annehmen müssen, die Ringparabel auch in Lessings bzw. Nathans Fassung nicht für ein echtes Märchen. Einer der drei Ringe mag in dem Sinne »echt« sein, dass er kein Duplikat ist, sondern der ursprünglich im Besitz des Erblassers befindliche Ring. Aber einen echten magischen Ring, dessen übernatürliche Kraft innerhalb der Erzählung außer Zweifel steht, sehen wir nicht.

Als Botschaft enthält diese Version der Ringparabel mehr als nur die kluge, nämlich unverfängliche Beantwortung einer schwierigen Frage. Das wird nicht nur durch das Gleichnis selbst, sondern vor allem durch die Rahmenhandlung deutlich. Es geht um den mit einem Machtstreben verbundenen Anspruch auf Alleinbesitz oder doch vorrangigen Besitz göttlich offenbarter Wahrheit, das Wettbewerbsverhalten der Religionen und die Einstellung ihrer Vertreter gegenüber Andersgläubigen, Ungläubigen und Ketzern.

Bei den konkret angesprochenen Religionsgemeinschaften interessiert man sich für die Ringparabel und ihre Botschaft anscheinend nicht übermäßig, trotz der von Vertretern aller drei Religionen abgegebenen Bekenntnisse zu Toleranz und Friedfertigkeit. Aber das soll uns nicht weiter kümmern.

Merkwürdige Erbfolgeregelungen sind in der juristischen Praxis nicht völlig unbekannt. Der juristisch interessante Rechtsfall hätte sich, so eigenartig er auch erscheint, rein theoretisch in der Realität oder in einer zwar erfundenen, aber nicht besonders märchenhaft aussehenden Welt zutragen können. Die Rahmenhandlung und sonstige Einzelheiten, durch die gleichnishaft drei ganz bestimmte monotheistische Religionen in ihrem Verhältnis zueinander vorgestellt werden, lassen sich ausklammern. Nehmen wir einmal an, dass nicht drei, sondern etwa nur zwei Geschwister um das Erbe streiten und die Hauptpersonen des Geschehens nicht alle männlichen Geschlechts sind.

Fehlt der Geschichte so der durch die Rahmenhandlung vorgegebene spezielle Gleichnischarakter, hat es Sinn zu fragen, wie sie nach einer Entscheidung des Gerichts über den Streit der Geschwister weitergeht. Wir wollen uns eine Fortsetzung vorstellen, durch die möglicherweise eine Verbindung zwischen der Ringtradition der Familie und dem Fundus erkennbar wird, der an Vorstellungen über Ringe und ihre Kraft an anderer Stelle märchenhaft überliefert ist. Ein überzeugendes Ergebnis dieses Versuchs kann nicht garantiert werden, auch kein hoher Unterhaltungswert. Wer das Vorhaben deshalb für sinn- und zwecklos hält, mag an dieser Stelle die Lektüre abbrechen.

Der folgende Text ist, das sollte bereits klar geworden sein, eine ringkundliche Erzählung, kein wissenschaftliches Werk. Ihm ein Literaturverzeichnis beizugeben oder ihn mit Fußnoten zu belasten, erschien unverhältnismäßig. Allerdings wird über die Tätigkeit sogenannter Ringforscher in einem unbekannten Land berichtet. Sie machen sich Gedanken über die Bedeutung von früher einmal existierenden Ringen für die Geschichte ihres Landes und betrachten in diesem Zusammenhang auch märchenhafte Überlieferung. Dabei entfalten sie so etwas wie wissenschaftlichen Ehrgeiz. Ihnen werden in unserer Erzählung, zugegebenermaßen ohne Quellenangabe, gelegentlich Erkenntnisse unterstellt, die man vielleicht schon in bekannter Literatur über Tolkien oder über Wagners »Ring« – zu Letzterem etwa bei G. B. Shaw, E. v. Pidde und H. Rosendorfer – hat finden können. Wer daran Anstoß nehmen will, mag bedenken, dass die vorliegende Arbeit nicht auf den Erwerb eines akademischen Grades auf dem Gebiet der Ringkunde oder Märchenkunde abzielt.