Risse im Schafspelz - Hermann Rath - E-Book

Risse im Schafspelz E-Book

Hermann Rath

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Beschreibung

»Ganz ehrlich: So einen leichten Tod hatte er nicht verdient.« Risse im Schafspelz – das sind die Momente, wenn das wahre Gesicht von Menschen oder Dingen hervortritt. Wenn die Zahlen zurückschlagen, innere Stimmen rufen oder Kunden zu Entführern werden. Wenn Schülerinnen beginnen, die Lehrerin zu mobben und ehemalige Partygäste zu Mördern werden. Zehn raffiniert gewebte Erzählungen über die Welt von heute und ihre manchmal dunkle, manchmal aber auch überraschend heitere Seite.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Risse im Schafspelz

Erzählungen

Hermann Rath

Inhaltsverzeichnis

EVELYN

VERWIRRUNG

KRAFTPROBE

DER LIEBESBEWEIS

RISSE IM SCHAFSPELZ

PARKIDYLL

WAGNIS UND GEWINN

DIE DIKTATOREN

MAUERKNECHTE

DUNKELFAHRT

EVELYN

Eine friedliche Stille lag in den ersten Stunden des 16. Juli über den Mietshäusern in der Havelgasse. Die Luft war sauber, die Nacht angenehm warm und im Schutz der Dunkelheit schliefen ihre Bewohner tief und fest. Eigentlich war alles wie immer.

Doch um 3.23 Uhr zerriss ein furchtbarer Schrei die nächtliche Stille. Obwohl es, wie sich später herausstellte, der Hilferuf eines Menschen war, ähnelte er doch eher dem Aufheulen eines wilden Tieres, das entsetzliche Todesqualen leidet. Mehrere Mieter, die bei offenem Fenster schliefen, wurden schlagartig wach und schlossen, von einer unbestimmten Furcht getrieben, hastig ihre Fenster, kontrollierten die Wohnungstüren und wählten die Notrufnummer der Polizei.

Nur wenige Minuten vergingen, dann jagte ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn heran. Vor dem mehrgeschossigen Wohnhaus stand bereits eine ältere Frau in Hausschuhen und zeigte aufgeregt auf ein dunkles, angekipptes Fenster im dritten Stock. Der Hausmeister, der im Erdgeschoss wohnte, beantwortete noch schlaftrunken die Fragen der beiden Polizisten und führte sie die Treppe hinauf.

Hinter der verdächtigen Wohnungstür war jetzt alles ruhig. Erst mit dem Klingeln setzten die Schreie wieder ein. Sie waren lauter und qualvoller als zuvor und gingen allmählich in ein Schluchzen über. Da trotz wiederholten Klingelns und lauter Ansprache keine Reaktion erfolgte, musste der Hausmeister die Tür mit seinem Generalschlüssel öffnen.

Die beiden Beamten betraten die Wohnung um 3.42 Uhr. Im Flur wurden sie von feuchtwarmer Luft und tiefer Dunkelheit empfangen. Sie schalteten das Licht an und horchten in die wieder eingetretene Stille. Der Flur, von dem die anderen Zimmer abgingen, wirkte sauber und ordentlich, nur ein angeschlagener Koffer mit mehreren bunten Aufklebern passte nicht so recht zu diesem Eindruck. Die Streifenpolizisten, zwei erfahrene Beamte, zogen ihre Dienstwaffen, verständigten sich mit Handzeichen und begannen mit der Durchsuchung der Wohnung.

Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt und ließ sich geräuschlos öffnen. Der Raum dahinter war mit hellen, modernen Möbeln ausgestattet. Sowohl auf dem Fensterbrett als auch auf einem Bücherregal standen Grünpflanzen, mehrere davon an Spalieren und Rankgittern befestigt. Eine Person wurde nicht angetroffen.

In der Küche befanden sich zwei leere Töpfe auf dem Herd, aber nirgends stand benutztes Geschirr herum, das Tischtuch war makellos sauber, sogar die in einer Obstschale liegenden Äpfel glänzten, als ob sie gerade poliert worden wären. Anscheinend handelte es sich um einen sorgfältig, schon fast penibel, geführten Haushalt.

Auch im Bad gab es nichts Ungewöhnliches. Auf einem Wäschetrockner hingen Socken, Shirts und schwarze Kurzfingerhandschuhe, wie man sie im Fitnessstudio trägt. Außerdem waren da zwei Zahnbürsten, zwei Bademäntel und Rasiercreme; alles deutete auf die Anwesenheit zweier Menschen hin.

Das letzte Zimmer am Ende des Flures war das Schlafzimmer. Dort fanden die Beamten, wie vermutet, zwei Personen vor. Die weibliche Person, später wurde bestätigt, dass es sich um die Mieterin Evelyn B. handelte, saß mit angezogenen, eng umschlungenen Knien auf einem Stuhl in der Nähe der Heizung. Sie hatte Lärmschutzstöpsel in den Ohren und starrte auf das Doppelbett.

Dort lag eine männliche Person mit aufgerissenem Schlafanzug und wimmerte vor sich hin. Die zusammenhanglosen Klagelaute wurden immer wieder von anfallartigen Krämpfen unterbrochen, die den ganzen Körper durchschüttelten. Mehrmals unternahm der Mann den Versuch, sich aufzurichten, wohl um den Polizisten etwas mitzuteilen, hatte aber offensichtlich nicht mehr die Kraft dazu. Auf seinem Nachttisch lagen eine Armbanduhr, ein Reiseführer und eine angebrochene Packung Schlaftabletten.

Im Polizeibericht steht, dass Frau B. trotz der Nachtzeit vollständig angekleidet war und ihr Haar einen frisch frisierten Eindruck machte. Als die Polizisten sich dem Bett nähern wollten, sprang die Frau auf und warf mit einer Gießkanne nach ihnen. Sie war sehr erregt, schrie unverständliche Worte und versuchte, in den Besitz einer Dienstwaffe zu gelangen. Nach einer kurzen körperlichen Auseinandersetzung gab sie ihre Widerstandshandlungen auf. Zu den nächtlichen Vorkommnissen machte sie keine Angaben. Da es keine Anhaltspunkte für die Anwesenheit einer dritten Person gab, gilt Evelyn B. als dringend tatverdächtig.

Unter Beachtung der Auffindesituation, so heißt es weiter, lasse sich folgender Tathergang rekonstruieren: Frau B., wohnhaft in der Havelgasse 23, hat in der Nacht vom 15.07. zum 16.07. auf dem Elektroherd ihrer Küche Wasser bis zum Siedepunkt erhitzt. Anschließend füllte sie mithilfe eines Trichters das Wasser in eine Zehn-Liter-Gießkanne aus verzinktem Stahlblech und ging damit in das gemeinsam genutzte Schlafzimmer. Dort hat sie gegen 3.23 Uhr ihrem schlafenden Mitbewohner das kochende Wasser in den offenstehenden Mund gegossen.

Der nur wenige Minuten nach den Beamten eingetroffene Notarzt fand einen Patienten vor, der großflächige Verbrühungen an Kopf und Hals sowie am Oberkörper und an den Armen aufwies. Er litt unter akuten, starken Schmerzen und sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Schon während der Erstversorgung setzte der Atem immer wieder aus und der Kreislauf drohte zu versagen. Unter ständiger Überwachung der Vitalfunktionen, gelang es Arzt und Notfallsanitäter die Transportfähigkeit des Patienten herzustellen, und ihn anschließend ins Unfallkrankenhaus zu überführen. Die toten, verbrühten Augen des Mannes und das krampfartige Röcheln, äußerte der Notfallsanitäter am Ende seiner Schicht gegenüber einem Kollegen, werde er wohl nie vergessen.

Als Ulrich Fischer, Reporter einer Berliner Tageszeitung, am nächsten Morgen die Pressestelle der Polizei anrief und sich nach besonderen Vorkommnissen der letzten Nacht erkundigte, erhielt er nur eine ungenaue, widersprüchliche Information über den Vorfall in der Havelgasse. Auch seine Nachfragen bei der Feuerwehr und Staatsanwaltschaft brachten keine neuen Erkenntnisse. Da er nicht zu denen gehörte, die nur die amtlichen Meldungen der Pressestelle umarbeiteten und daraus reißerische Boulevardgeschichten produzierte, begann er mit eigenen Nachforschungen. Schon bald fand er heraus, dass Evelyn B. zwei Tage vor der Tat eine private Unfallversicherung in fünffacher Höhe ihres Jahreseinkommens abgeschlossen hatte. Der Versicherungsschutz umfasste außerdem eine ungewöhnlich hohe Todesfallsumme, die gegebenenfalls an die Schwester auszuzahlen wäre. Vor wem oder was fürchtete sich Evelyn B.? War es nur ein unbestimmtes Gefühl oder gab es eine konkrete Bedrohung?

Die Befragung der Festgenommenen begann um 10.17 Uhr. Aus dem Protokoll geht hervor, dass sie sechsundzwanzig Jahre alt ist, ledig, kinderlos und als Operationsschwester in der Charité arbeitet. Zum Zeitpunkt der Tat war sie nicht alkoholisiert und stand, nach eigenen Angaben, auch nicht unter dem Einfluss von Medikamenten oder Drogen.

Zu den Personalien ihres männlichen Mitbewohners gab sie an, dass er Harald S. heiße, seit sechs Monaten in ihrer Wohnung lebe und als strategischer Einkäufer bei einem weltweit handelnden Medizintechnikunternehmen angestellt sei.

Die Beschuldigte gestand die Tat, zum Tatmotiv äußerte sie sich jedoch trotz mehrmaliger Nachfragen nicht.

Während der gesamten Vernehmung zeigte sie ein auffälliges Verhalten. Sie wirkte verwirrt, unterbrach den Fragesteller ständig durch Zwischenrufe und wechselte sprunghaft das Thema. Ihre verworrenen, unlogischen Äußerungen erschwerten die Verständlichkeit in erheblichem Maße. Wenn sie antwortete, sprach sie gehetzt und behielt immer die Tür im Auge. Mehrmals versuchte sie, den Vernehmungsbeamten tätlich anzugreifen.

Aufgrund ihres Zustandes und der von ihr ausgehenden akuten und erheblichen Fremdgefährdung erfolgte eine Einweisung in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses. Dort soll geklärt werden, ob die Frau vermindert schuldfähig oder sogar – hier hatte der protokollierende Beamte wohl versehentlich die Umschalttaste gedrückt – SCHULDunfähig ist.

Schon im Rettungswagen auf dem Weg ins Unfallkrankenhaus fiel Harald S. ins Koma. Er starb zweiundsiebzig Stunden später, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Die Leute redeten. Und wie sie redeten. Vermutungen, Verdächtigungen und üble Nachrede machten die Runde. Hinter vorgehaltenen Händen wurden Tatmotive erwogen, leise zischelnd ausgetauscht, wieder verworfen und von Neuem aufgegriffen.

»Bei der waren die Fenster immer geschlossen. Nie hörte man Geräusche aus der Wohnung. Kein lautes Wort, kein Fernsehen, keine Musik, keine Waschmaschine. Nichts. Als ob die Wohnung unbewohnt wäre. Ich bitte Sie, das ist doch nicht normal.«

»Und dann hat sie sich auch noch grün ernährt. In ihrem Einkaufswagen waren immer nur solche Sachen wie Gurken, Kohlrabi, Brokkoli, Salat und sogar grüne Nudeln. So etwas ist doch nicht gesund. Kein Wunder, dass sie so blass aussah und immer dünner wurde.«

»Ein richtiger Mann braucht doch Fleisch. Der Ärmste! Dabei war er so ein Netter. Gutaussehend, gut angezogen und immer gut riechend. War immer freundlich und hat gegrüßt, selbst wenn er erst spät abends von der Arbeit kam.«

»Wahrscheinlich konnte sie ihn nicht mehr halten. Er war doch jünger als sie und er hatte wohl auch seinen Koffer schon gepackt. Da hat sie vermutlich beschlossen, wenn er nicht bei ihr bleibt, soll er auch keiner anderen gehören.«

Zur Klärung der Todesursache wurde eine Obduktion durchgeführt. Die Untersuchung des Rechtsmediziners ergab, dass durch das heiße Wasser fast vierzig Prozent der Körperoberfläche teilweise bis in die tiefen Hautschichten geschädigt waren. Diese Verbrühungen zweiten Grades führten schließlich zum Tod durch Multiorganversagen.

Der Hausmeister konnte sich erinnern, im Winter bei der B. ein Thermostat ausgetauscht zu haben. Keine große Sache. Aus der Küche habe es damals wunderbar nach frischem Hefekuchen gerochen. Unwillkürlich seien bei ihm Kindheitserinnerungen wach geworden und er … Nein, aufgefallen sei ihm nichts.

Doch. Sie habe viele Bücher besessen. Zahlreiche medizinische Nachschlagewerke, wahrscheinlich Berufsliteratur, und eine beeindruckende Sammlung an Science-Fiction-Romanen und Verschwörungstheorien. Er lese ja selber gerne solche Nervenkitzler, deshalb sei ihm das wohl in Erinnerung geblieben.

»Im Februar, als ich mir den Arm gebrochen hatte, ist sie wochenlang für mich einkaufen gegangen. Und als ich anschließend zur Reha musste, hat sie täglich meinen Briefkasten geleert. Sie war immer hilfsbereit, oft mit einem Lächeln und einem aufmunternden Wort. Nie habe ich Aggressivität oder gar Wutausbrüche an ihr bemerkt.«

»Die Evi«, so erzählte die Nachbarin dem Reporter weiter, »war eine ganz normale junge Frau, die weder durch ihr Benehmen noch durch ihr Äußeres auffiel. Obwohl, sie war in den letzten Wochen schon irgendwie verändert. Wirkte unruhig, fast ängstlich, und wurde immer schmaler. Und sah auch ständig übermüdet aus. So ungefähr zu dieser Zeit hat sie auch damit begonnen, die Wohnungstür von innen abzuschließen.

Ob der Mann sie misshandelt hat? Davon habe ich nichts bemerkt. Die beiden machten immer einen harmonischen Eindruck.«

»Auf die Evelyn konnte man sich verlassen«, gab Oberschwester Renate zu Protokoll. »Sie war pünktlich, diszipliniert und kaum krank. Im Operationssaal war sie absolut stressresistent. Spontane Gefühlsäußerungen waren bei ihr selten. Das hat mich anfangs verunsichert, aber die Menschen sind nun einmal unterschiedlich. Das muss man akzeptieren.

Geselliges Beisammensein nach der Arbeit versuchte sie zu vermeiden, von ihrem Privatleben hat sie nur wenig preisgegeben. Enge Freundinnen hatte sie nicht, nur zu ihrer älteren Schwester hielt sie Kontakt. Ihre Beziehungen zu Männern waren, soviel ich weiß, nur lose und von kurzer Dauer. Allerdings mit ihrem letzten Freund, also dem Toten, war sie schon länger als ein halbes Jahr zusammen. Sie hat mir sogar mal ein Foto von ihm gezeigt, sodass ich dachte, jetzt hat sie den Richtigen gefunden.«

Warum hast du nur eine solche Wahnsinnstat begangen, fragte ihre Schwester Laura eine Woche später in einem Brief. Egal, was dir Harald angetan hat, ein derartig grausames Verbrechen lässt sich nicht rechtfertigen. Hattest du denn gar kein Mitleid? Und wann hast du dich zu dieser Tat entschlossen? Geschah es spontan oder hast du sie lange voraus bis ins Detail geplant? Ich habe so viele Fragen und nur du kannst sie beantworten.

Hast du auch nur einmal an uns gedacht, an Mutti, Vati und mich? Unser tägliches Leben ist zum Spießrutenlauf geworden. Hinter unseren Rücken zerreißt man sich die Mäuler und die Kinder zeigen mit den Fingern auf uns. Auf Schritt und Tritt erleben wir offene und versteckte Gehässigkeiten. Langjährige Bekannte drehen sich auf der Straße weg und spucken uns hinterher.

Was habe ich noch für eine Zukunft? Als Schwester einer Mörderin? Bist du wirklich ein kaltes herzloses Monster, wie es in den Zeitungen steht? Eine rachgierige Bestie, die für immer weggesperrt werden muss?

Schon als wir noch Kinder waren, hast du dich seltsam verhalten. Wenn wir anderen bei schönem Wetter draußen gemeinsam Verstecken spielten, bist du lieber in dein Zimmer gegangen und hast dich mit anderen Dingen beschäftigt. Welche furchtbaren Fantasien haben dich damals gequält? Welche krankhaften Neigungen und Abartigkeiten, die wir nicht bemerkt haben, brüteten in deinem Kopf und sind nun mit Gewalt ausgebrochen?

Du bist gleich nach der Ausbildung in die Stadt gezogen, weil du dich von der Familie und der Verwandtschaft zu sehr kontrolliert fühltest. Wärst du bei uns geblieben, wären all diese schrecklichen Dinge ganz sicher nie passiert. Wir bräuchten uns nicht zu schämen und auch die Nachbarn würden uns noch grüßen.

Ich habe solche Angst. Hoffentlich ist es nichts Genetisches. Ich will demnächst heiraten und möchte auch Kinder bekommen. Aber werden Kinder mit einem Tätergen geboren? Nein, ich glaube das nicht. Was also ist mit dir passiert? Welche äußeren Umstände haben dich du zu einer Verbrecherin, einer Mörderin, gemacht?

Ach Evi, ich möchte verstehen, warum du das getan hast. Ich hoffe, es geht dir inzwischen wieder besser. Bitte, antworte mir.

Es geht mir gut, antwortete Evelyn, ich bekomme hier Tabletten und zur Nacht eine farblose Flüssigkeit. Dadurch schlafe ich tief und fest, manchmal acht Stunden am Stück.

Alle Untersuchungen und Tests sind ergebnislos verlaufen. Ich bin also gesund. Trotzdem behauptet die Ärztin, eine Verhörspezialistin der Staatsanwaltschaft, ich hätte eine mangelnde Krankheitseinsicht. Sie will mir einreden, dass ich in einer irrealen Welt lebe und an Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen leide. Aber hier in der Klinik, so beteuert sie, könne man mir helfen, meine verzerrten Wahrnehmungen wieder mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Ich müsse nur geduldig sein, den Anweisungen des Personals Folge leisten und an mir arbeiten.

Bisher hatte ich zwölf Gespräche mit der Besserwisserin. Am Ende jeder Sitzung tippt sie mit zwei Fingern etwas in meine elektronische Patientenakte ein. Ich bin sicher, das Computerkabel hat eine direkte Verbindung zu denen, die nach wie vor meine Gedanken kontrollieren.

Ja, ich habe es getan. Ich habe ihn getötet. Aber weder Misshandlungen noch enttäuschte Liebe oder Geld spielten dabei eine Rolle. Ich bin auch kein heimtückisches lustmordendes Scheusal. Die Wahrheit ist: Ich werde seit Monaten überwacht. Die haben einen Sender in meinen Kopf eingepflanzt, damit sie mich jederzeit orten können. Sie belauern mich und verfolgen jeden meiner Schritte. Während ich auf der Arbeit bin durchsuchen sie meine Wohnung, und wenn ich zu Hause bin, hören sie meine Telefongespräche mit. Sie können meine Gedanken lesen und kommentieren jede Überlegung und jede Handlung. Sie sind unsichtbar, aber sie haben menschliche Stimmen und sie sprechen deutsch.

Die Ärztin will mir beweisen, dass ich unrichtige Schlussfolgerungen aus der Realität ziehe und es keine objektiven Anhaltspunkte für meine Wahrheit gibt. Aber was soll das? Ich weiß doch, dass ich recht habe. Das was ich erlebe, ist real!

Ich höre ständig Stimmen, die heftig miteinander streiten und sich abfällig über mich äußern. Sie machen mir Vorwürfe, beleidigen und beschimpfen mich. Ihr Anführer, sie nennen ihn Rutt, hat die Zentralgewalt in meinem Kopf. Er überprüft jeden meiner Gedanken. Nichts geschieht ohne sein Wissen und ohne seine Billigung. Wenn ihm meine Gedanken missfallen, löscht er sie einfach aus und ersetzt sie durch seine eigenen. Er bestimmt, was ich denke und was ich tue. Glaub mir!

In jener Nacht weckte mich boshaftes und schadenfrohes Gelächter. Aus dem Stimmengewirr erfuhr ich, dass Harald ein Organhändler sei und mich ausschlachten wolle. Die Bestellungen für Herz, Lunge und Leber lägen bereits vor. Und dann hörte ich Rutts drohende, befehlende Stimme: Es ist soweit … Er muss liefern … Listenpreis … Kann den Hals nicht voll genug bekommen … Du dumme Schlampe kannst es verhindern … Warum zögerst du … Tue etwas … Töte ihn!

Die Gutachterin sagte vor Gericht aus, Evelyn B. leide an Schizophrenie. Ihr Handeln in jener Nacht sei in zwanghafter Weise durch eine akute Psychose bestimmt gewesen, die es ihr unmöglich gemacht habe, das Schuldhafte ihrer Tat zu erkennen.

Das Gericht folgte dem Gutachten der Sachverständigen und erklärte Evelyn B. für schuldunfähig. Da aufgrund ihrer Erkrankung aber zukünftige Gewaltdelikte nicht ausgeschlossen werden können, stellt sie weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Der Vorsitzende Richter ordnete deshalb die unbefristete Unterbringung im Maßregelvollzug an. Hinter den vergitterten Fenstern einer solchen Anstalt wird sie wohl viele Jahre ihres Lebens verbringen müssen. Erst wenn aus ärztlicher und juristischer Sicht keine rechtswidrigen Taten mehr von ihr zu erwarten sind, kann eine Entlassung aus dem Maßregelvollzug erfolgen.

VERWIRRUNG

Es war ein wolkenloser Montag. Einer jener herrlichen Frühlingstage, die ein Versprechen auf die Zukunft in sich bergen. Die Zeit der Nachtfröste war vorüber, erste Frühlingsblüher wagten sich bereits aus ihren Verstecken und die Störche besserten in luftiger Höhe emsig ihre Nester aus.

Ganz oben aber, dort, wo die Luft dünn ist und das Wetter keine Rolle mehr spielt, wurde an diesem Montag das Himmelstor für Reimund Wagner weit geöffnet.

Als Reimund in Oranienburg den fahrplanmäßigen Regionalzug nach Templin bestieg, hielt er einen Augenblick inne und drehte sich noch einmal um. Doch dann hörte er die vertraute schnarrende Durchsage aus dem Lautsprecher und nach einem Blick auf seine Armbanduhr stieg er entschlossen ein. Zu dieser Tageszeit, am späten Vormittag, waren nur wenige Fahrgäste im Zug. Bis auf einen großen, zotteligen Hund, der nach Leberwurst roch, nahm niemand Notiz von seinem Erscheinen. Der Hund nutzte den Spielraum der Leine und beschnüffelte durch seinen Maulkorb interessiert die Grünpflanze, die aus Reimunds Reisetasche herausragte. Reimund hatte den Hibiskus aus einem Kopfsteckling gezogen und wollte damit seiner Mutter eine Freude machen. Um die Pflanze zu schützen, nahm er die Tasche in die andere Hand und ging mit leichten Schritten den Mittelgang entlang, ohne den Hund anzusehen.

Er suchte sich einen Fensterplatz und schlug die Märkische Allgemeine