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"Wenn deine Mutter und meine Ururgroßmutter nicht in die Schweiz eingewandert wären, gäbe es weder dich noch mich. Verstanden? Oder ist das zu schwierig für dich?" Das fragt Luise Freund Adrian, mit dem sie auf seiner Bodenseejacht sonnige Sommerferien verbringt. Auf dem internationalen Gewässer mit seinen geschichtsträchtigen Ufern tauchen Fragen auf. Die Schweizer haben migrationsfeindliche Abstimmungen hinter sich. Sie sind das ständige Tagesgespräch. Vor fünfzig Jahren hatte Luises Großvater das Kind bei einem Waldspaziergang auf einen Grenzstein gehoben und gesagt: "Jetzt stehst du genau zwischen zwei Ländern, mitten in Europa." Hundertfünfzig Jahre zuvor war das Jahr ohne Sommer gewesen, 1816. Missernten waren der Grund, dass Luises Vorfahrin aus dem badischen Königschaffhausen ins schweizerische Schaffhausen (ohne König) am Rheinfall einwanderte. Luise – in langer Familientradition nach der badischen Großherzogin benannt – denkt: Ohne das Jahr 1816 ohne Sommer gäbe es mich nicht. Dann gäbe es auch meine Söhne nicht, Fritz, der davon träumt, eine kühne Brücke über den See zu bauen. Fritz ist der Beobachter in dieser Geschichte. Auch die deutsche Geschichtsstudentin Lea beschäftigt sich mit ihrer Herkunft, mit den alten Fotos von Verwandten, über die ihre Eltern schweigen. Lea hat Schreckliches entdeckt. "Live sollst du das sehen", sagt sie zu Fritz. Wenn ihre Vorfahrin einen anderen Weg gegangen wäre, gäbe es Lea nicht. Auch Luise will aus der beschaulichen Ferienidylle aufbrechen und Spuren nachgehen bis hinunter an die Adria. Sie und ihre Söhne treffen auf Fremde, die dasselbe tun – Fragen stellen zu Nachbarschaft, Hass und Liebe.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Veronika Schilling
Risse
Wer gehörte nun zu wem – und musste das so bleiben?
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Impressum neobooks
Das Wasser fühlte sich warm an. Ich saß auf der Badeplattform und bewegte die Füße hin und her im Seewasser. Da schwammen winzige schlanke Fische unten herum. Der Grund schimmerte grünlich. Ich sah vom Anker nichts als die Leine. Dass ich mir ein T‑Shirt überziehen soll, hatte Mama schon zweimal gerufen. Wenn ich mir schon keine Sonnencreme auf die Schultern schmieren wolle. Die spülte ja gleich wieder weg, wenn ich hineinspringe, um mich abzukühlen, sagte ich mir. Eine Sauhitze war auf dem Boot. Ich bekam langsam schlechte Laune. Der Schnitt in der Fußsohle und so. Im rechten Fuß klopfte es.
»Zuerst der Schnitt im Fuß und dann noch zu viel Sonne!«, rief Mama aus der Kajüte und zog sich die Kopfhörer aus den Haaren. Sie hörte wohl gerade ein Stück von diesem Bedrich. Friedrich. Eigentlich Fritz – wie ich. Nach dem hatte sie mich benannt. Wie konnte sie nur, denn Fritz hieß doch heute kein Mensch mehr, nur ich. Um nicht zu sagen Friedrich. Ich überlegte mir einmal mehr, wie ich mich selber umbenennen könnte. Da sah ich wieder sie im lila Bikini am Steg drüben. Jedesmal tauchte sie unerwartet aus den Fluten auf direkt bei der Treppe und stieg die Stufen hinauf und schüttelte den Kopf, sodass die Tropfen glitzernd um sie herumflogen. Dann zupfte sie ein bisschen an ihrem Oberteil herum und legte sich auf den Steg.
Vor einer Stunde war ich ganz in der Nähe ans Ufer gewatet, und da im Schlick lag eine Glasscherbe und ritzte mir den Fuß auf. Scheißscherbe. Als ich an Bord zurück war und auf Adrians weißem Deck herumrutschte, rief Adrian: »Da ist ja Blut!« Und ob ich die Haifische anlocken wolle. Dabei rauchte er weiter seine feine Zigarre, warf einen nassen Lappen zu mir hinüber (zum Aufputzen) und Mama kramte in der Apotheke, rollte drei Meter Gaze ab, und in wenigen Augenblicken war ein Verband errichtet. Die Kopfhörer waren wie eine Halskrause unter dem Kinn meiner Mutter – Luise – und ich hörte Bedrich darin weiterdudeln. Sie summte leise mit. Zu Hause sang sie manchmal mit starker Stimme ein Operettenlied, aber dann saß sie an ihrem Schreibtisch und notierte irgendwelche Dinge auf Zettel und in Notizbücher und auf die vollgekritzelte Schreibunterlage. Auf dem Boot war sie leise und hantierte geschickt mit Gläsern, Flaschen, Snacks, Frottiertüchern und dem Weltatlas, auf dem sie mit dem Zeigefinger herumfuhr auf Seite 46.
»Ich bringe dir zu trinken.« Sie tauchte in die Kajüte. Ich ließ mich auf die Polsterbank sinken und hielt kurz Adrians Zigarre, damit er die Metalldose aufwuchten konnte, in die er die Asche abstreifte. Er hatte Schweißtröpfchen über der Sonnenbrille. Niemals warf er etwas in den See, das sei unseemännisch, keine Olivenkerne, keine Kleiderfusseln, nicht einmal eine flaumige Schwanenfeder, die angesegelt kam und auf seinem Badetuch hängenblieb. Er pflückte sie ab und setzte sie »seiner Nixe« im grünen Badekleid (aber mit Beinen) auf die Stirnlocken. Sie kniff ihn zum Dank leicht in den Arm und gab mir ein Glas Cola in die Hand. (Was ich lieber hatte als Orangensaft mit Fusseln drin, also Fruchtmark oder wie die hießen.)
»Danke, danke.«
Wir tranken alles Mögliche auf Adrians Boot. Wenn sie nicht genau hinsahen, nahm ich Mamas Löffel aus ihrem blauen Drink, tauchte ihn dreimal in Adrians Whisky und schöpfte ein wenig ab, um mein Cola zu verschärfen.
Nicht, dass es so sehr schmeckte.
Auf dem Steg drüben waren zwei Füße zu sehen, die in der Luft pendelten. Lila – ich sagte innerlich Lila – lag bäuchlings dort, wippte mit den Füßen und las ein Buch.
*****
Es war so warm, dass die Markise auch nicht viel nützte. Michael schritt einmal um den Wohnwagen herum, schaute kurz in die Ferne (Gewitter im Anzug?) und fragte sich dann, ob das Stützrad nicht etwas wenig Luft hatte. Na ja, er war ein Anfänger beim Campen, er könnte doch kurz auf ein Bier zur Anmeldung hinübergehen, da war vielleicht Reto, mit dem er sich während einer Woche angefreundet hatte. Der wusste alles. Alles über Technik, Aufbau, Raffinesse, neuste Gags eines Wohnwagens und er kannte die schönsten Campingplätze ganz gleich in welcher Gegend. Sie hatten gestern darüber geredet, wie sie überhaupt mit Camping angefangen hatten. Reto war Schreiner und fand es wunderbar, einen abklappbaren Tisch zu erfinden, den er völlig unsichtbar an seine Küchenzeile montiert hatte mit sieben verschiedenen Schrauben. Und er hasste Hotels.
»Ich hasse Hotels nicht, im Gegenteil«, hatte Michael erwidert. »Das Wahnsinnige ist, dass ich mehrere Lieblingshotels habe. Jetzt werde ich aber wohl nie mehr eines von innen sehen. Weil…«
Da war Mark, sein älterer Sohn. Er war im Frühling mit hängendem Kopf bei seinem Vater erschienen und hatte gesagt: »Da ist noch der scheiß Wohnwagen. Ich kann doch nicht allein reisen damit. Willst du ihn? Er ist in bestem Zustand. Frisch vorgeführt.«
Er hatte sich von seiner Freundin getrennt. Wer sollte die Wohnung behalten, wer nahm das Auto (Sie: Ich, wieso ich?! – Er: Ich habe beruflich gerade verdammten Stress. Und wer nimmt den verdammten Wohnwagen?)
Deshalb stand der Wagen jetzt hier im Allgäu und nicht in Kroatien, wo Mark hatte hinfahren wollen mit seiner Ex. Er machte jetzt Ferien im Schwimmbad zu Hause. Duschte sich den Staub von seiner Straßenbaustelle dort ab.
Im Innern des Wagens klapperte es. Was machte sie da bloß? Michael wusste, sie machte alles richtig, sie liebte Hausarbeit und hatte sich beschwert, dass es keinen Backofen gab im Wohnwagen.
Jetzt erschien Moni an der schmalen Tür und schob das Fliegengitter auf. Die linke Hand steckte in einer Kristallvase, von der Wasser tropfte, ihr Gesicht war ziemlich rot und ihr Strandkleid verrutscht.
»Sieh doch, wie dumm – meine Hand. Ich bekomme die Hand nicht mehr heraus. Was soll ich jetzt machen. Ich wollte die Vase ganz sauberwischen.«
Ach, das sah nach Mühe und Arbeit aus. Die Vase stammte von Monis Mutter und durfte nicht zertrümmert werden. So ein gutes Stück, das einen ewig an die Kindheit erinnerte. An den Sonntagsstrauß.
Moni hatte den Wohnwagen mit Begeisterung eingerichtet. Es fehlte an nichts, von den Doppelwandkaffeegläsern bis zur Salatschleuder.
Wenn es nicht brütend warm gewesen wäre, hätten sie in Kürze einiges Publikum gehabt, alle Nachbarn, die ganz selbstverständlich ihre Hilfe angeboten hätten. Aber die ruhten nun am Waldrand und beim Schwimmsee. Bei Meiers drüben hing die Hängematte bewegungslos da, obwohl sie gefüllt war.
Moni winselte ein wenig. »Soo dumm…«
»Komm, wir gehen zu Retos.«
»Ich so dumm mit der Vase da?«
»Ja, leg das Küchentuch darüber zur Tarnung.«
Michael holte seinen Geldbeutel und eine Kappe und verriegelte die Tür. Sie gingen quer über die Wiese. Retos Wagen stand genau am anderen Ende der großen Campinganlage.
»Was sollen sie denn machen? Wollt ihr zu dritt daran ziehen? So dumm, wie ich daherlatsche mit dem Tuch auf der Riesenfaust. Also wirklich, wie konnte ich.«
»Nicht so schlimm. Wir werden es hinkriegen. Hast du denn keinen Flaschenputzer dabei? Das würde mich wundern. Du hast doch für alles Bürsten und Besen und –«
»Hab ich ja auch. Zwei Größen Flaschenputzer. Aber diese Vase habe ich immer mit der Hand bis zum Grund gefegt. Ich bin dicker geworden, überall, an den Händen, an den Füßen. Der Granatring passt nicht mehr gut. Die Schuhe drücken.«
Michael lief hinter ihr her und betrachtete bei ihren Worten ihr Hinterteil. Er war noch nicht sehr lange mit ihr zusammen. Es hatte sich spontan ergeben, beim Zigarettenkaufen am Kiosk, wo sie seit Jahren die Stellung hielt. Er hatte sie gar nie besonders beachtet, bis Luise ihre Sachen gepackt hatte und zu Adrian gezogen war an den Hügel hinauf in die weiß leuchtende Schuhschachtel. Wie eine Tiefgarage mit Panoramafenstern, hatte Mark gespottet.
Und Fritz, siebzehn, zog jetzt hin und her, hatte zwei Betten, eins hier und eins dort. Er hatte es ungefähr gleich weit bis zum Gymnasium. Es war nicht festzustellen, wo er lieber war, und jedenfalls war er gut organisiert. Ließ nie etwas liegen.
Dieser Sommerurlaub war eine peinliche Entscheidung gewesen. Wo würde Fritz diese Wochen verbringen? Auf der Jacht? Mit Michael im Allgäu? Es ist ja nicht so weit, falls du von Langenargen hier heraufkommen willst. Und Fritz hatte genickt. Es war nicht so, dass er die Lebensumstände bei Adrian geil fand oder dass er Adrian sehr schätzte. Das wusste Michael.
Hallo, Susanne, hallo, Reto, hallo, hallo. Was hast du da Spannendes unter dem Tuch?
»Ärger, Notfall, Scheibenhonig!« Moni nahm das Küchentuch weg, das Kristall blitzte in der Sonne. Susanne und Reto sprangen von ihren Liegen auf und lachten. Aber Moni, so was. Eingeklemmt? Vielleicht etwas Öl. Alle vier standen dicht um die gläserne Hand herum und kicherten. Genau hineingepasst, aber nicht mehr herauszubringen. Susanne holte ihr Salatöl, träufelte etwas in die Vase, Michael zog die Vase mit beiden Händen weg, Moni schnaufte. Gerettet. Ihr Gesicht war noch röter geworden. Reto zwirbelte ihre kurzen blonden Haare. Als jung war Moni bestimmt süß gewesen.
»Danke, Gott, bin ich froh. Und die Vase ist nicht kaputtgegangen.«
Alle saßen am schattigen Tisch, und Susanne ließ die Ölflasche verschwinden und holte noch mehr Gläser und Wasser und Wein.
»Dass du so eine Vase mitschleppst, Moni, sagenhaft. Stilvoll.«
*****
Heute war der Himmel bedeckt, die Jacht dümpelte sachte. Das Wasser schien trübe. Ich sah nichts vom Anker, dafür umso mehr auf dem Bildschirm. Wenn die Sonne pausenlos herunterknallte, hätte man sich wohl ein bisschen Schatten in diesem sonnigen Urlaub gewünscht. Aber so ging es ja noch.
Ich machte mir ziemlich Gedanken über Mathe, obwohl jetzt Schulferien waren, die matheresistente Zeit des Jahres. Du bist eben sprachlich begabt, sagte Mama immer wieder. Als wäre das mit den Mathenoten völlig gleich. Wenn es so weiterging, brauchte ich wohl Nachhilfe, das nahm immer so viel Zeit weg, so Sonderzüglein. Extraunterricht, Mist. Ich hatte einen Berufswunsch, das war das Problem, und zwar seit ich ein fast meterbreites, in der Höhe aber normales Buch geschenkt bekommen hatte zum vierzehnten Geburtstag.
Brücken. Lange, hohe, prachtvolle, geschwungene, aufgehängte, eiserne, betonierte und waghalsige Brücken zogen sich über die langen Buchseiten. Dieses Buch verschwand nie in meinem Regal. Schon weil es nicht wirklich hineinpasste. Es lehnte aufrecht neben meinem Bett (in Vaters Haus). Wenn ich am Hügel oben übernachtete, dann nicht etwa, weil ich hier eingezogen wäre. Ich wollte nur wissen, was Mama so machte, wenn sie hier an ihrem Schreibtisch hockte und las und Wörter hinschrieb und oft den Kopfhörer trug. Unterdessen, in zwei Jahren, hatten sich meine Kleider und meine Bücher und die Sportsachen an beiden Orten verteilt. Es gab zwei Orte. Meine Adresse war Papas Adresse. In letzter Zeit hätte ich mich wohl neutraler gefühlt, wenn ich vielleicht … bei Mark hätte wohnen können. Zu wem gehörte ich eigentlich? Allein konnte ich ja schlecht wohnen. Dazu musste ich erst einmal Brückeningenieur werden. Eben das war mein Berufswunsch. Wenn jemand fragte, was ich werden wolle, sagte ich bloß: Inschinör.
»Ah, jetzt ist ein schönes Licht, gut zum Fotografieren. Wollen wir uns nicht etwas verschieben?«
Das fragte Mama. Sie hatte gerade eine Ladung Frühstücksgeschirr abgewaschen in der engen Küche der Jacht. Im Übrigen konnte man sich nicht gerade beklagen hier. Rundecke, verstellbarer Tisch in Höhe, Breite und Länge, bequeme Betten. Bullaugen mit Ausblick, so weit das Auge reichte. Die Bodenseeferien waren ganz mein Fall, auch mit all den schönen Städten am deutschen Ufer. Ich hatte nicht groß Verlangen gehabt, ins Allgäu mitzugehen. Es gab hier auch verschiedenste Bootsstege, Schiffsanlegestellen, die mich irgendwie interessierten. Warum blieben die Stege so felsenfest im Schlick stehen? Schwammen nicht davon? Ich war da am Ufer bei einem naturgeschützten Gebiet bis an die Hüften im Sumpf eingesunken. Bis wohin sollten die Pfeiler reichen, dass sie Halt fanden? Durch Rechnen findet sich alles, behauptete Adrian. Er musste es wissen bei all den Tiefgaragen, die er fortwährend bauen ließ.
»Gut, wir machen eine Runde«, sagte er nun und war ohnehin mit seiner kleinen Frühstückszigarre fertig. »Dann packt alles weg, dass nichts herunterfliegt.«
Ich hinkte hin und her. Der Fuß tat nicht mehr besonders weh nach drei Tagen. So lange hatte ich Lila nicht am Steg gesehen. Wir brummten dann los – wir hatten hier den volltönendsten Motor, V8, hört ihr das, schwärmte Adrian, während ich auf die lustig knatternden Fahnen sah. Das Schweizerkreuz. Überall waren hier am deutschen Ufer ebenso viele Schweizer wie deutsche Fahnen zu sehen und einige österreichische.
Mama wollte wieder einmal das Schloss Montfort fotografieren. Den verrückten Schießschartenturm, die Arabesken überall, die Veranden – aus jedem Winkel wollte Mama das Schloss dokumentieren. Sie hatte Schönheitssinn. Der Grund, warum sie am besten abgeschnitten hatte beim »Casting«, als sie von dem Anwalt eingestellt wurde, dem sie nun seit Jahren den Schreibkram machte. Der Anwalt ließ sich oft ihre Fotos zeigen und wusste über alle Teile von Bauten ein Fachwort, das nicht selten lateinisch klang.
»Kannst du noch etwas weiter heranfahren, zuerst noch etwas geradeaus – Fritz, halt bitte meinen Hut, ja, gut, gut.« Knips. Drei-, vier-, fünfmal. Dann hörten wir es alle deutlich: Anhalten! Wir sollten in Richtung eines großen blauen, etwas steif wirkenden Schiffs heranfahren und anlegen dort. Die Seepolizei. Drei Uniformierte standen hoch oben an der Reling, winkten und riefen. Es war ein rechter Zirkus, bis die Fender seitlich heruntergeschubst waren, damit das Polizeiboot und unsere »Nauta« nicht aufeinanderknallten.
»Sie haben eine Parallelfahrt gemacht. Sie sind eine ganze Weile dem Ufer nach gefahren«, stellten die Seepolizisten kühl fest. Sie wollten es den Schweizer Kollegen melden.
»Stimmt«, nickte Adrian säuerlich. »Wir haben nicht darauf geachtet.«
»Ich habe Fotos gemacht, wir können nie genug von Montfort kriegen«, sagte Mama zerknirscht. Die drei oben lächelten und wollten noch alle Ausweise sehen, die alle in Ordnung waren.
Die meiste Zeit lächelten sie nun meine Mutter an, die unter ihrem großen Sonnenhut einen romantischen Anblick bot. Die Sonne hatte den letzten Dunst durchdrungen und lächelte auch. Das gab dann wegen des Strohhuts dieses Sprenkelmuster auf Mamas Gesicht und ihren makellosen Hals, der nicht faltig war wie bei anderen Müttern.
Luise.
Sie würde am liebsten hier wohnen, sagte sie oft. Nicht zuletzt auf diesem maurischen Schloss, das so weit im Wasser draußen saß und wundervoll von den Wellen umtost wurde, wenn so richtig Föhn war. Und das als eine Art Neo-Luise. Hier hatte nämlich vor etlichen Jahren die Großherzogin von Baden Urlaub gemacht. Luise von Preußen. Die Tante von Max von Baden, verwandt mit all den Friedrichen.
Also wirklich, gehts noch, warum heißen wir nach diesen Herrschern, reklamierte ich, während wir nach dem Abschied von der Polizei weiter in den See hinaustuckerten, um irgendwo für die Fortsetzung des Tages Anker zu werfen.
»Ich heiße schon nach der Luise«, beharrte Mama. »Meine Tante hieß nach ihr, und meine Großmutter hieß auch nach ihr. Nach Luise von Preußen, der Tante von Max von Baden, die dann Großherzogin von Baden wurde. Das war halt so Mode. Oder hätte ich vielleicht nach Hedwig Tell benannt werden sollen?«
»Warum nicht?«, fragte Adrian. »Was habt ihr Schaffhauser denn mit den Saupreußen und den Schwaben zu tun? Was hast du damit zu tun?«
Meine Mutter Luise verstaute sorgfältig ihre Kamera, nahm ihren Romantikhut ab, begann Drinks anzurühren mit Früchten drin, schnell und geübt, während Adrian sie schief anguckte, nicht wegen ihrer berühmten Drinks, sondern weil er Thurgauer war seit tausend Jahren. Deshalb wohnte er in Kreuzlingen und wir mit ihm. (Und nicht in Langenargen.)
»Ganz einfach. Wir haben mit den Badenern direkt zu tun. Also ich als Schaffhauserin. Die Deutsche Bahn durchquert den ganzen Kanton und ihre Bahnhöfe sind mit Badische Bahn angeschrieben. Ich machte als Kind in unserem Wald einen Schritt nach links und stand in Baden. Nach rechts, und ich stand in Schaffhausen. Wir fanden das immer lustig, mein Großvater und ich. Er hob mich auf und stellte mich auf einen großen viereckigen Grenzstein. Jetzt, sagte er, bist du in der Mitte von zwei Ländern mitten in Europa.«
Ich schaute nach dem Ufer hinüber, wo sich das »Ferienhaus« Montfort wie ein fein geschnitzter Würfel aus dem Wasser reckte. Rotbraun und ocker, davor der blaue Bodensee. Luisen darin in langen Röcken und mit Annettevondrostehülshoffzapfenzieherlocken? Mama hatte als Kind noch Röcke und Schürzen getragen. So hatte sie früher erzählt. Eine Schürze sei gar nicht so dumm gewesen, da sie Taschen hatte, wo alles Platz fand, auch wenn es nass oder erdig war. Haselnüsse, Schneckenhäuser, angeknabberte Bleistifte, gebügelte Taschentücher, verlorene Schrauben, abgerissene Knöpfe. Luischen sammelte gern die verschiedensten Dinge und verlor selten etwas. Irgendwann war alles wieder zu gebrauchen.
*****
Die Buchen schlagen aus. Durch die Baumwipfel leuchtet ein blauer Himmel. Der Waldweg ist mit trockenen Tannennadeln gepolstert. Der Hund springt voran, Luischen hintennach.
»Luisli!«, rufen die Großeltern. »Nid so schnäll, susch gheisch no um!« Die Großeltern bleiben hier und dort stehen, heften ihre Blicke auf bestimmte Bäume von bestimmter Dicke und beraten miteinander, welche sie fällen wollen. Im Winter zieht der Großvater immer seinen schweren Militärmantel aus dem Ersten Weltkrieg über und stapft durch den Schnee zu seinen Bäumen.
Großvater verkauft die Stämme einzeln ans Sägewerk. Dabei muss er achtgeben, dass er seine Bäume auch wirklich alle kennt mit Namen und Nationalität. Einen Schritt zur Seite und er könnte sich irren und einen Baum des Landes Baden fällen. Nicht dass gerade der Geist von Max von Baden oder eines der vielen Friedriche oder gar Max’ Tante Luise von Preußen (die auch Wie-du-willst-Luise genannt wurde) aus den Büschen aufgetaucht und den Großvater getadelt hätte auf vornehme großherzogliche Weise. Nein, aber es wäre trotzdem peinlich. Nicht zu wissen, wo die Grenzen sind! Obwohl, vor den beiden Kriegen ist man fröhlich hin- und hergegangen, hat den Badenern beim Holzen geholfen und sie den Schaffhausern bei der Weizenernte. Mäderinnen sind mit ihren Sicheln herübergekommen. Man hat zusammen gearbeitet, gesungen, gefestet und hin und her geheiratet.
Der Großvater ruft: »Komm, Luise, sieh den grauen Stein.«
Luise ruft dem Hund, und alle stehen um den eckigen Stein herum. Auf den Seiten sind Buchstaben in den Stein gemeißelt: GB und CS. Die Großmutter lacht Luise an. »Schaffhausen, das bedeutet dieses CS. Canton Schaffhausen.«
Luisli kann es bereits buchstabieren: »Cee-Äss.«
Die Großmutter deutet um die Ecke des Steins. »Und jetzt lies weiter, hier um die Ecke, GB, Gee-Bee, wie Großbritannien. Wir sind hier schon in England, da hinten beginnt das Meer, in dieser Richtung.«
Der Großvater brummt, gib dem Kind keinen Blödsinn an. »Das hier, Luise, heißt GB wie Großherzogtum Baden. Baden, das sind unsere Nachbarn. Baden liegt auch am Rhein wie wir. Nicht am Meer. Komm, ich hebe dich auf den Stein. Jetzt stehst du genau zwischen zwei Ländern. Mitten in Europa.«
Zur Großmutter sagt er: »Deine Großmutter ist eingewandert aus Königschaffhausen am Kaiserstuhl in Baden. Königschaffhausen, Kaiserstuhl. Ist das nicht witzig genug?«
Der Großvater weiß viel aus der Geschichte zu erzählen. Er liest Chroniken. Er hat bei der Waldarbeit persönlich gehört, wie Hitler ins Mikrofon schrie. Aus den deutschen Dörfern wurde das Geschrei mit dem Wind bis in seinen Wald hereingeweht.
*****
Auf dem Campingplatz hatten sich Michael und Reto mit ihren Damen in bester Art zusammengefunden. Es war schön, zu viert in den Tag hineinzuleben, ins grünblaue Allgäu hineinzuträumen, die kleinen Probleme im Tagesablauf miteinander zu beheben. Das war das Lohnende am Campen, diese alltäglichen kleinen Aufgaben zu lösen, das Stützrad aufzupumpen, sich Butter und Eier zu spendieren über die Hecke hinüber, fremden Menschen verbindlich zuzuwinken, wenn sie freundlich aus ihren Klappfenstern herausspitzten.
Michael war Treuhänder. Er setzte sich zu Hause in Kreuzlingen täglich morgens um acht Uhr ins Auto, fuhr zwei Minuten bis in sein Büro und dort blieb er den ganzen Tag, schrieb, rechnete, empfing Kunden und trank Kaffee. Bis es Abend war. Im Sommer bei offenem Fenster. Aber das konnte es doch nicht gewesen sein?
Hier auf dem tief grünen Wiesland – das Allgäu war von einem berauschenden Grün – fühlte er sich wie in der Kindheit, kichernd mit den drei andern, die sich auch in die Kindheit versetzt fühlten. Sie saßen in der Dämmerung und flüsterten und lachten sich kaputt. Moni überbot Susanne noch mit ihren Anekdoten. Vielmehr waren es boshafte kleine Geschichten mit Zielgruppen. Sie habe lange Zeit eine Liste geführt, ein Notizbuch mit dem Titel »Q«. Das Buch enthielt die Namen der Frauen und Weiber, die Moni nicht mochte nach dem Motto: »Dumme Q…«
Susanne lachte schallend. Sie hatte Monis Stil gleich von Anfang an unwiderstehlich gefunden.
Es war schon wieder bald Mitternacht und es wurde ruhig auf dem Platz. Kein Kindergebrüll mehr. Man ging hinein in die vier Wände, damit man weiterplauschen und weiterschwatzen konnte und die Schläfer rundherum nicht störte. Will jemand noch gern Kuchen?
Es war vollkommen hier, dachte Michael. Und so aufgeräumt. Er versuchte sich zu erinnern, was Luise immer notiert hatte auf ihren Zetteln an ihrem Schreibtisch mit Dutzenden kleiner Schubladen. Ehrlich gesagt, er wusste es überhaupt nicht. Sie hatte hinter ihrem Schreibtisch einen Wall von Papieren, Büchern und Zeitungen gehabt, der sich stets vergrößert hatte. Wenn Luise etwas darin gesucht hatte, hatte sie es auch gefunden. Außer es gab einmal einen Erdrutsch. Dann hatte sie gejammert und ernstlich an ein effizientes Regal gedacht. Ob sie das immer noch so handhabte mit den Haufen hinter dem Schreibtisch?
Was sie jetzt wohl tat auf der Jacht? Was wohl Fritz tat? Konnte er schlafen bei dem Geschwanke des Boots? Er schlief doch manchmal schlecht. Angenommen, er wäre jetzt hier. Da, wo sich Susanne und Moni im Moment kringelten, da hätte er in wenigen Minuten einen gemütlichen Schlafplatz für Fritz eingerichtet.
Moni begann, an ihm herumzunesteln. »Hast du gehört, Reto und Susanne hoffen, dass wir sie einmal besuchen in Tettnang im Herbst.«
Der Herbst, das konnte sich jetzt noch niemand vorstellen. Die Sterne glitzerten, der Bach murmelte. Der Mond erschien über dem First des Sanitärgebäudes. Alle saßen halb nackt da.
»Wir waschen erst morgen ab.«
In der Kristallvase standen wieder frische Blumen, besorgt von Reto bei der Bäuerin nebenan.
»Wenn das Mutter sähe. Wenn sie das hier erlebt hätte«, sagte Moni auf einmal.
Monis Mutter war einen Tag vor ihrem neunzigsten Geburtstag gestorben. Eine Tragödie war es gewesen.
Michaels Mutter war mit sechzig Jahren gestorben. Jetzt war er selbst bald so alt.
*****
Was das alles für Schneeberge waren da drüben, also auf »unserer Seite«, das war mir immer ein Rätsel gewesen. Obwohl man auf jeder Schulreise vor so ein Panoramablech geführt wurde, seit ich mich erinnern konnte. Darauf stachen ein paar Berge hervor. Stieg man aber wieder ins Bähnchen und fuhr ein paar Minuten, veränderten sich die wichtigen Berge zu kleinen Haufen, während die flachen Winzlinge auf dem Blech jetzt wuchtig und unüberwindlich waren. Aufs Blech schaffte es also nur der, der hoch erschien und der zufällig vom Gipfel mit dem Blech aus gut sichtbar war.
»Fritz, zähl einmal die paar höchsten Gipfel der Alpen auf, zunächst nur die der Schweizer Alpen.«
Wobei Herr Huber genau wusste, dass der Alpenbogen quer über Europa lag wie eine riesige Banane und im Wienerwald endete als östlicher Ausläufer, und schon im Vorarlberg hatten wir keine Ahnung mehr von höchsten Gipfeln, weil die nicht in der Portion Alpen in unserer Geografielektion enthalten waren. Die Alpen waren mir immer höchst gleichgültig gewesen. Sie waren im Weg, solange man zurückdenken konnte. Siehe Gotthard. Das Wasser, das die Erde unwegsam machte, hatte mich hingegen immer interessiert. Du stehst plötzlich vor einem Bach, der vielleicht nur zwei Meter breit ist. Was machst du dann? Zum Beispiel als alte Frau? Obwohl, deren Wanderstöcke haben ja eigene Gummistiefelchen an. Irgendwie würde das schon gehen. Aber vielleicht ist das Wasser tiefer, als du denkst.
Das Wasser. Es war heute kobalttürkis hell. Mit glitzernden Brillanten.
Ich holte Mamas Atlas, den sie gerade nicht als Serviertablett für ihr Weinglas brauchte (sie döste wie immer am frühen Nachmittag im Schatten und Adrian war in der Kabine verschwunden), und blätterte vor bis nach Norwegen. Fjorde, lang und breit und mit Brücke. Ich notierte mir ein paar Zahlen über die Spannweite der Brücken, die Mama auf einer Reise in Norwegen fotografiert hatte. Die wahrscheinliche Spannweite. Ich wollte das dann im Web noch nachschauen, um meinen Verdacht zu erhärten: Die Norweger leisteten sich megalange Brücken über die Fjorde, wo die Schweizer und die Badener nicht im Traum daran dachten, eine kräftige Brücke von Gaienhofen nach Steckborn zu bauen. Ich dachte ernstlich daran, einige Skizzen zu machen und sogar ein Modell aus Karton zu bauen. Eines, Tages, eines Tages dann …
»Hallo! Hallo!«
Direkt vor meinen Füßen tauchte ein lila Fleck im Wasser auf. Ein Kopf, der sich schüttelte, gehörte zu dem Lila. Es war Lila. Ich fuhr zusammen. Der Atlas fiel nach hinten auf Adrians reinweiße Spielwiese und mein Parker-Roller fiel ins Wasser. O Gott, es war Lila, und mein schöner neuer Roller … Fast im gleichen Augenblick begann mein Fuß wieder zu schmerzen. Nicht zu glauben.
»O sorry, o nein, ich hole ihn dir gleich.« Lila holte Luft, machte eine schnelle Bewegung, kopfunter, und ich sah das schönste Hinterteil, das ich je sah, bezogen mit der lila Nixenhose.
Sie war in drei Sekunden wieder hier.
»Ich habe ihn!« Sie wischte mit langen feinen Fingern den Schlick vom Parker weg.
»Ein Parker, wie peinlich. Ich wollte dich nur überraschen, weil euer Boot heute genau auf meiner Tauchstrecke liegt. Hoffentlich trocknet er gut.«
Ich sah in die schönsten Augen, die ich je gesehen hatte von Nahem. Hellbraun leuchteten sie und bewegten sich aufmerksam vom Wasser aufs Boot, auf meine Füße, meine Knie, mein Gesicht. Ihre Augenbrauen waren zart und streng.
»Komm doch herauf.«
»Aber nein, deine Eltern würden das nicht schätzen. Ich habe überall Schlamm da. Und das Boot ist so weiß.«
»Du hast es erfasst. Die weißen Lederliegen da wären für ein chlorreiches Schwimmbad ideal. Aber ich komme runter.«
Wir schwammen ans Ufer zwischen Schloss Montfort und dem Steg. Die Wellen rollten über Sand, endeten aber auf großen Steinbrocken.
»Hier, hier ist eine gute Stelle, wo man gut hinein- und hinauskommt. Pass auf deine Füße auf.«
»Nicht nötig, schon verletzt vor ein paar Tagen.«
»Ja, zeig das einmal. Glasscherbe? Ich zeige dir meine Narbe vom letzten Jahr. Hier ist alles voll von Scherben.«
Wir saßen jetzt auf dem Steg und setzten unsere Wunden und Narben ins beste Licht mit dem glänzenden See als Hintergrund. Sie gab mir ein Frottiertuch und für sich rollte sie ein zweites Tuch auf, in dem ein Buch eingewickelt war.
»Historie?«
»Ja. Mathe oder so würde mich weniger interessieren. Ich studiere seit einem Jahr Geschichte.«
»Mathe ist auch nichts für mich. Aber ich brauche sie. Ich will nicht Geschichte oder sowas studieren.«
»Aber?« Ihre Augen wanderten schnell über meine Schulter an meiner Seite herab bis zu der Badehose mit dem seeblauen Streifen (meine Lieblingsbadehose zum Glück) und den Beinen (jetzt schon gebräunt zum Glück). Sie sah mir wieder ins Gesicht.
»Intscheniör.«
»Aha. Gut ja. Und für was? Maschinen? Heizung? Auto? Roboter? Luftschiffe?«
»Ähm, nein. – Brücken.«
Lila lachte. »Ich weiß nicht, an Brücken denke ich ganz selten. Sie sind einfach da.«
»Wie Roboter, was? Wie, denkst du, fährt man von Konstanz nach Kreuzlingen? Spart viel Umweg.«
»Zugegeben. Spart auch Boote. Superboot, eure ›Nauta‹. Ist es nach den römischen Seeleuten benannt?«
»Adrian sagt, es bedeute Schiffsherr.«
»Wo doch Schiffe weiblich sind.«
»So ist er eben.«
»Ich heiße übrigens Lea. Und du?«
»Fffrizzz…«
»Friedrich oder Frizzante?«
»Ähm. Bedrich…«
»Also sind deine Eltern wohl Smetana-Fans und nicht auf den Spuren der vielen alten Fritzen. So wie ich.«
»O Gott. Ich sag dir jetzt aber nicht, dass meine Mutter Luise heißt. Nach den Luisen. Sie hört übrigens nicht nur die Moldau plätschern. Sie hört sich alles an von Smetana.«
Lea lachte wieder mit wunderbaren Zähnen, nicht zu groß, nicht zu klein. Sie rollte ihr Buch wieder ein ins Tuch und bettete ihren Kopf darauf.
»Dafür dient Geschichte auch. Als Ruhekissen.« Sie hatte einen scherzhaften Ton drin, aber ich sah da etwas Melancholisches, das mich überraschte. War ihr das Studium zu schwer?
Dem Inschinör ist nichts zu schw…
Ich dachte aber gar nicht mehr an mich. Weder an meinen Fuß noch an meinen glühenden Kopf. Oder dass ich sehr Durst hatte. Ich dachte an sie. Alles war ausgefüllt von ihr. Von ihren geschlossenen Augen, ihren Augenbrauen, die in der Mitte zugespitzt waren. Der kleinen Zornesfalte auf der Stirn, der geraden Nase und von ihren entschlossenen Lippen.
Sie öffnete die Augen, legte ihre Hand kurz auf meine und sagte: »Ich habe etwas entdeckt. Etwas Furchtbares. Vielleicht erzähle ich es dir, wenn ich dich besser kenne.«
Etwas Furchtbares. Ich setzte mich im Schneidersitz hin, besah meine Fußwunde, ein dünner roter Strich, und dachte: Es ist nichts, das sie hier in Langenargen entdeckt hat heute. Eher etwas, das gestern geschah. Sie muss es erst geschichtlich untersuchen. Sonst würde sie es mir jetzt sicher zeigen an Ort und Stelle, so wie sie mir ihre Scherbennarbe ohne Umstände zeigt und ihr Geschichtsbuch und ihren Mund – so nahe. So nahe. Ich sprang ins Wasser.
*****
Mark verlor allmählich die Freude an diesem Sommer, so schön das Wetter auch sein mochte. Er fand es ziemlich beschissen, sich vorzustellen, wo er jetzt gerade sein würde, wenn ihn Tina nicht verlassen hätte. Er wäre jetzt unterwegs in den Süden, wo es garantiert nicht regnete wie hier in Kreuzlingen. Ein normaler kurzer Sommerregen war das. Auf seiner Baustelle ging alles genau nach Plan. Das Straßenstück würde fertig werden im Herbst. Er war Polier und konnte manchmal fast nicht anders, als schnell vorbeizuschauen in der Dämmerung, ob sein Ferienstellvertreter auch das machte, was er selber so bewerkstelligt hätte.
Er saß tatenlos in seiner Küche um sieben Uhr abends. Wenigstens hatte er keinen Umzugsstress, weil er Tina kurzerhand hinausbefördert hatte. Du warst es, die sich einen neuen Kerl angelacht hat. Es ist mir egal, ob er noch bei seinen Alten wohnt, und das mit siebenundzwanzig Jahren. Sie waren alle gleich alt, er, Tina und der Kerl (genau zehn Jahre älter als Fritz). Der Kerl bilde sich weiter und seine Eltern hätten ihm angeboten …
Schon gut, Tina, raus hier, dein Schicksal steht mir bis zum Hals. Die Möbel bleiben hier. Und so weiter.
Tina hatte sich damals gemütlich bei ihm niedergelassen und einen kleinen Job gemacht in einem Laden, um ihr Schminkzeug und ihre Siebenhundertfrankenjacken zu bezahlen, aber sonst war da nichts zu spüren von einem zweiten Einkommen. Er war froh, die Kuh loszusein. Wer weiß, ob sie mehr als ihre Fingernägel auf Hochglanz gebracht hätte auf dem Campingplatz, zum Beispiel die Küche und die winzige Nasszelle. Dass sein Vater jetzt mit der naiven Moni im Allgäu Ferien machte mit dem Wohnwagen, fand er irgendwie befriedigend. Wahrscheinlich passte das. Sie konnten ausprobieren, ob es passte und ob Moni dann einziehen würde bei Vater. Das Brüderchen würde sich wohl nicht ärgern über Moni. Sie brachte einem den Kaffee ans Sofa, sie kochte prima, sie maulte nie. Sie dachte nicht an andere Kerle.
Er selber konnte jetzt so richtig neu anfangen. Er konnte sich vorstellen, anstatt eines Wohnwagens ein Reisemobil anzuschaffen. Allein mit einem Haus am Haken unterwegs zu sein, war irgendwie lächerlich. Mit einem Wohnmobil hingegen könnte er sich das vorstellen, einfach abzudüsen, allein. Er hatte im Schwimmbad tagelang nicht eine einzige Frau gesehen, die ihm gefallen hätte. Mist. Der Kühlschrank sah auch leer aus.
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Es nieselte heute und dadurch schien das Allgäu so grün wie noch nie. Ein Fußballrasengrün war das. Mit verwundert wirkenden Kühen darauf. Sie schienen sich zu freuen, dass das Gras noch saftiger war und die Sonne nicht auf sie niederbrannte.
Michael stand unter der Tür, schaute durch all die Wagen und Zelte hindurch ins Weite, rauchte und fühlte sich sehr gut. Er hatte kaum zehn Seiten gelesen in den Krimis, die er im Gepäck hatte. Er brauchte das überhaupt nicht. Im ganzen Leben hatte er sich noch nicht so entspannt gefühlt. Er vermisste nichts, und das erstaunte ihn. Normalerweise machte er stets Pläne, überprüfte seine Erfolge, fühlte ein Getriebe in seinem Kopf, das ihn vorwärtsschob. Jetzt stand das still, schon fast zwei Wochen waren herum und er empfand keinen Ehrgeiz. Ihm schien, er habe nur ein Stützrad aufgepumpt in dieser Zeit und auch das nicht allein, sondern mit kundiger Hilfe von Reto und zwei benachbarten Caravanspezialisten. Er schaute auch selten sein Smartphone an.
Moni wischte und schrubbte nach Herzenslust. Die Fenster rundherum waren immer blitzblank wie alles Übrige auch. Nie stand benutztes Geschirr herum. Moni hatte für alles Tricks und ließ Dinge verschwinden, wo sie störten, um sie später im richtigen Augenblick wieder auf den Plan treten zu lassen. Sie war hier wie in einem eigenen Kiosk. Die Auslagen konnten nach ihren Wünschen gebunkert und ausgestellt werden. Allein die niedliche Wäscheleine! Moni liebte es, daran ihre farbigen, strassverzierten Longshirts, ihre Bikinis und ihre neonfarbenen Tangas aufzuhängen wie als Augenweide für jedermann.
Manchmal entdeckte sie neue Fächer und unerwarteten Stauraum im Wohnwagen. »Wie praktisch!«, rief sie oder auch Michael dann aus. An allen Ecken und Enden konnte man Sachen schlagsicher aufbewahren. Moni legte Wert auf Porzellan in jeder Lebenslage. Es gab Leute hier, die stellten triumphierend ihre Errungenschaften vor, Zubehör aus bestem Kunststoff in edlem Design aus dem Campingshop. Es gab zum Beispiel riesige Klammern mit Loch, die man an Tischchen heften konnte als Glashalter. Platzsparend. Haha.
Moni hatte eine Vorliebe für elektrische Haushalthilfen. Das erste tiefschürfende Thema zwischen ihr und Michael war ihre heißgeliebte Moulinex gewesen, die urplötzlich nach vielen Jahren mit einem kurzen Röcheln ihren Dienst quittiert hatte. Unersetzlich. Als sich Moni erholt hatte von diesem Verlust, stellte sie fest, dass es jede Menge Ersatz gab. Moni machte alles elektrisch, vom Entsaften über das Kaffeemahlen bis zum Schnetzeln des Gemüses. Ließ es elektrisch machen. Auch das Büchsenöffnen. Ausnahme war das Staubsaugen mit dem akkubetriebenen Sauger, der sie ganz schön ins Schwitzen brachte in den raffinierten Ecken des Wagens. Sie stellte das ätzende Summen ab und richtete sich auf. Da war wieder ein unbekanntes Fach, eingelassen in die Wand. Es enthielt sogar Dinge, die nicht ihr gehörten.
»Michael, was ist Tina für ein Typ? Sie lässt ihre Sachen einfach zurück.«
Moni hatte Tina nicht mehr richtig kennen gelernt. Sie wusste vor allem, dass sie auch gern strassbesetzte Pullover trug und bei Mark rasenden Ärger hinterlassen hatte. Und jetzt lagen noch Haarspangen und Creme für die Augenpartie da hinten im Fach sowie ein leeres Nagellackfläschchen und ein silbernes Notizbuch mit Bleistift in einer Lasche.
Es war eine Agenda. Coiffeurtermine, Nailstylistintermine, Bikinienthaarung, Gesichtsmaske, Aerobic, Brauen- und Wimpernfärben (weil sie sichs wert ist). Umzugswagen trifft ein um 8.30 Uhr. Irgendwelche Abkürzungen, die für Moni keinen Sinn ergaben. Vermisste Tina ihre Agenda nicht? An Ostern und an Pfingsten waren sie und Mark noch auf Ausflügen gewesen mit dem Wohnwagen. Tatsächlich, an Pfingsten hörten die Einträge auf. Nur ein paar Striche oder Kreuze kennzeichneten die Tage im laufenden Jahr, an denen möglicherweise etwas vorgesehen war. Es gab auch einige Notizen im hinteren Teil des Büchleins vom Typ »Highheels zum Schumi bringen« oder »Pralinen für Oma besorgen«.
Michael drückte seine Zigarette aus und stieg auf den Einstiegsschemel, um Monis Stichwörtern zuzuhören. »Weißt du was, Moni, ich habe wirklich vor ein paar Tagen einen Anruf bekommen, den ich nicht beachtet habe. Ich schaue mal nach, wer das hätte gewesen sein können.«
Er tippte auf seinem Smartphone herum. Ein paar Anrufe waren registriert. Verschiedene Nummern. »Ja, es war unter anderem Tina gewesen. Vielleicht wollte sie ja genau nach ihren vergessenen Sachen fragen?«
»Jetzt hör zu, da staunst du!«, brüllte Moni, »ich fass es nicht! Weißt du, was sie da notiert hat? ›Schwa’test positiv, scheiße‹.« Moni schnappte nach Luft, das silberne Buch fiel ihr aus der Hand.
»So stehts da. Was ist ein Schwa’test? Kennst du eine solche Krankheit, Schwa…? Also ich nicht. Du wirst Großvater, Michael!«
»Nun, es kann doch sein, dass ›der Kerl‹ Vater wird, oder? Und ein anderer wird Großvater? Meine Güte, Moni, da hast du aber Staub aufgewirbelt.«
»Staub? Jetzt hör aber auf. Ich habe welchen weggesaugt, nicht aufgewirbelt. Also wirklich, Michael.«
Er fragte sich etwas unbehaglich, ob das nun ein ungewohnter Scherz von Moni war oder wie üblich ihr voller Ernst.
Großvater.
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Mark stellte sich an die Kaffeemaschine und wählte eine Kapsel aus. Hinter der Maschine stand ein weißer Becher mit Silberrand, Silberhenkel und silberner Aufschrift »Kiss me!«, vorne, auf der Hinterseite und sogar innen. Das hatte sie natürlich vergessen mitzunehmen, das Kitschding, typisch. Sogar das Waschmittel hatte sie eingepackt und alle Zahnpastatuben. Dann aber silbergesäumte Becher zurücklassen. Mark warf die gebrauchte Kapsel hinein und setzte sich mit seiner – gläsernen – Tasse an den Küchentisch.
Es durfte doch wohl nicht wahr sein, dass er sich nach seiner Baustelle sehnte. Was sollte er noch in diese Ferienzeit hineinwünschen? Das Wetter war passabel. Er hatte dieses Jahr mehr Ferien als sonst abzusitzen, weil er so viel Zeit auf dem zu verbreiternden Straßenabschnitt verbracht hatte. Es gab mehr zu messen und einzuplanen und auch anzuweisen, weil unter anderem ein scheiß Mäuerchen mit Fingerspitzengefühl zu behandeln war. Privat. Hinter der Mauer linste gelegentlich eine ältere Dame über ihren speerbesetzten historischen Eisenzaun herunter und machte Bemerkungen: Was gedenken Sie zu unternehmen gegen die Risse, die in der Mauer entstanden sind??
Die Alte hatte einen Anwalt, den sie erwähnte in Nebensätzen, aber den hatte sie so oder so, weil sie prozessierte wegen ihrer vierten oder fünften Säule – Altersversicherungsbegriff, nicht etwa Säulenportikus an ihrer Villa. Sie hatte das erwähnt. Die Villa war in einen mittelgroßen Park eingebettet. Die Alte war regelmäßig mit Gartenschere und Rechen bewaffnet in ihrem Gesträuch zu sehen. Mit Sonnenhut und glitzernder Brille. Einen großen Teil ihres Gartens überließ sie den Vögeln, allerhand Beerenbüsche und Kirschbäume und Pflaumenbäume. Sie hatte Treibhäuser und an ihren Hauswänden Birnen-, Aprikosen- und Kiwispaliere und hatte den zwei bosnischen Lehrlingen auf der Baustelle bei glühendem Wetter schon oft zielsicher Früchte über die Mauer zugeworfen. Die Jungen waren begeistert gewesen. Danke, liebe Frau!, hatten sie hinaufgerufen. Und: Sie sind aber torgefährlich! (Dieses Jahr war wieder mal Weltmeisterschaft. Der Kummer in der Schweiz war groß, als die Nationalmannschaft zwei zu eins gegen Argentinien verloren hatte.)
