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Dies ist die Geschichte von Luca Tambini alias Rosti, einem 40-jährigen Secondo italienischer Abstammung, Kunsttransporteur und pathetischen Loser, beheimatet im hippen Zürcher Kreis 3. Damit ist dann aber auch schon fertig mit Hipster. In den neun Büchern dieses Opus wechseln sich die Erzählstränge und -perspektiven rasant ab – es wird gelitten, geklaut, surreal assoziiert, über Fussball philosophiert; es wird die Leere breitgeschlagen und schliesslich eine neuartige Droge erfunden. Dabei mischen Weltverschwörungen, verkannte Genies, kahlköpfige Schläger und eine obskure Firma mit. Und die Zürcher Stadtheiligen Regula und Felix, die der Autor kurzerhand zu Boat People macht. ZanRés Anarcho-Roman ist eine aus persönlicher und intimer Warte erzählte Geschichte mit viel schwarzem Humor und abartigem Szenekolorit. Eine etwas schräg geratene Hommage an seine Stadt, sein Umfeld und seine Generation.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Titelei
Impressum
Biografie
1. Buch
2. Buch
3. Buch
4. Buch
5. Buch
6. Buch
7. Buch
8. Buch
9. Buch
Epilog
Inhalt
Dank und zum Buch
ZanRé
RITH’o’GEN’s 2011
Ein Szeneepos aus dem Kreis 3
© 2023 Songdog-Verlag, Bern
Cover: ZanRé/Buchwerkstatt.ch/Songdog
Lektorat und Satz: Songdog/Buchwerkstatt.ch
ISBN 978-3-903349-23-0
ZanRé, geboren 1959 in Männedorf ZH und aufgewachsen in Feldmeilen ZH, arbeitet in den Achtzigerjahren als Drucker, während er sich im Zuge der Jugendbewegung in verschiedenen künstlerischen Genres versucht: als Sänger in kurzlebigen Punk-Bands, als Videofilmer (mit dem Video-Spielfilm «Talmann» 1985), durch Medien-Performances. 1989 wendet sich ZanRé vollberuflich der Malerei zu. Es folgen diverse Einzel- und Gruppenausstellungen in ganz Europa, den USA und Südafrika. Daneben lässt er sich zum Karate-Lehrer ausbilden und veröffentlicht die Musik-CD «I bis VI». Neben verschiedenen Beiträgen in Underground-Literaturzeitschriften schreibt ZanRé unter dem Pseudonym Prinz di Parma den Post-Punk-Lyrikband «Himmel & Hölle» (1986, Eigenverlag) und unter eigenem Namen die Novelle «Zadok der Egoist» (WOA-Verlag 2002). ZanRé lebt und arbeitet als bildender Künstler in Zürichs Kreis 3. www.zanre.ch
Ich werde sterben, ich weiss es genau.
An diesem Dienstagnachmittag hatte ich mein letztes Brot gegessen. Fünf Scheiben Toast. Alles restlos vertilgt, bis auf die untere rechte Ecke, die aus gestalterischer Sicht deprimierende Ecke. Sie war verschimmelt. Ich hatte die toxisch verseuchten Winkel abgeschnitten und fachgerecht entsorgt. Den Rest ordentlich geröstet. Genügend, um die Schimmelpilze abzutöten. Wie ich hoffte.
Advent, Advent, das Bäumchen brennt! Die Lage war ernst. Nächtelang fand ich keinen Schlaf, und tagsüber war ich so fertig, dass ich nicht wusste, wo mir der Kopf stand. Mein Verstand war durchgebrannt, meine Existenz nur noch geräumtes Terrain. Ein Niemandsland, auf dem Fiebrigkeit und Taumel ein Doppel gegen Apathie und Stumpfsinn spielten. Wo gelbe Pac-Man-Beisserchen erbarmungslos an meinen Nerven nagten, die zerfetzt das Feld überspannten. All das in Super-Slow-Motion. Was tun, wenn das Leben nur noch peinlich ist? Wenn schlechte Erinnerungen aus der Tiefe aufgären und als Einzige zu trösten vermögen? Sie traf keine Schuld, sie war tot. Mit jedem weiteren Jahr, das sie auf dem Friedhof lag, wurden ihre Umrisse unschärfer. Meine Vorstellung von ihr verweste.
Santo Cielo, niemals hatte ich ihr Grab besucht, nicht mal an ihrer Beerdigung. Obwohl ich nur einen Steinwurf vom Friedhof entfernt wohnte. Doch den hatte ich gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Ich hatte schon damals unheimlich Schiss gehabt. Aber die Furcht wurde immer grösser. Phobisch. Das plötzliche Wiederauftauchen ihrer Leiche in meinem Kopf machte mir Angst. Erinnerungen an vergangene Frühlinge wollten erhört werden. Ein wachsender Schrecken, spriessend und berstend. Säfte drängten, hatten längst mein Bollwerk geflutet und die Fundamente stoischen Daseins bedrohlich ins Wanken gebracht. Panikpartikelchen, arglistig wie Tretminen, lagen unter meiner Haut verborgen, jederzeit bereit, beim ersten falschen Gedanken hochzugehen. War ich paranoid geworden, schizophren? Wovon war hier die Rede? Fürchtete ich eine kopflose Leiche oder die Leiche in meinem Kopf? Der Horror rief leise, aber unmissverständlich meinen Namen.
Ein Knacken, ein jäh an die Wand geworfener Schatten, stakkatoähnliche Lichteinfälle, den Tea Room aus den 70ern, ein Schlager aus den 80ern, ein abgefallener Knopf, Freiheit und Abenteuer. Der liebende Onkel, Ruhe und Ordnung, darf es ein bisschen mehr sein? Schneller und besser, ein tropfender Wasserhahn, das Fremde. Das Böse konnte alles sein. Und überall. War da nicht ein fauliger Hauch hinter meinem Rücken? Ich konnte es förmlich fühlen, wie die Angstbestie gleich einer schleimspritzenden Hydra hinter mir herschlich. Allein die Vorstellung, der Rotz dieses Ungeheuers könnte mich am Kreuz streifen, liess mich erschauern. Nur am Rücken. Es greift nur den Rücken an, dieses feige Biest. Und ein einziger Schleimtropfen dieses Satans würde mich zum Nistplatz des Schreckens machen. Ich musste den Rest meines Lebens Unterhemden tragen. Ohne Unterhemd würde ich sterben.
Mir war schlecht. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden, welche Götter ich anflehen oder was für traurige Lieder ich noch singen sollte. Meine Zuhörer waren alle gestorben. Götter und Nicht-Götter. Einer nach dem Anderen hatte mich verlassen. Idioten! Keiner von ihnen hätte sterben müssen. Es hätte genügt, wenn sie etwas taub geworden wären, dann hätten sie mein Gerede ertragen, bis in alle Ewigkeit. Und ich wäre jetzt nicht allein mit meiner Furcht. Aber nein, sie mussten ja gleich ganz kaputtgehen. Bitte schön! Ich hatte Wichtigeres zu tun, als mich um undankbare Zuhörer zu kümmern. Ich musste meine Angst aushalten. Oder loswerden. Vielleicht liess sie sich verkaufen, oder zumindest verschenken. Gleich morgen würde ich ein Inserat schalten. Morgen, ganz bestimmt. Angst zu verschenken!20 Punkt fett! Irgendwann würde mich die Müdigkeit retten. Vor Panik, vor Grauen, vor der totalen Verblödung, und ich würde einschlafen. Unendlich tief, fest und komatös.
Dienstag, 4. Januar. Es war lächerlich. Ich fühlte mich von einer kopflosen Leiche, die vor sechzehn Jahren anständig begraben worden war, ernsthaft bedroht. Einer Leiche, die nur noch in meiner Fantasie existierte, hatten doch Würmer und Maden ihr Werk längst vollbracht. Trotzdem schaffte ich es nicht, diesem Mahnmal der Kleinmut zu entfliehen. Im Gegenteil, die Erinnerung plagte mich immer von Neuem, wollte einfach nicht ablassen von ihrer Beute. Beharrlich geisterten längst vergilbte Jugendschwärmereien durch mein Gemüt. Triefend vor Kitsch und ohne jeglichen Realitätsbezug. Meine gegenwärtige Situation allerdings war alles andere als kitschig: Not und kein Ende in Sicht. Ich fuhr mit meinem Van, einem roten Fiat Ducato Diesel, quer durch die Stadt, ohne genau zu wissen, wohin, ein paar Schneeflocken tanzten vor der Windschutzscheibe, die Heizung funktionierte nur noch zögerlich, und der alte Kassettenrekorder hatte schon die Hälfte meiner Tapes zu Girlanden verarbeitet. Darunter so wertvolle Musikperlen wie PFM Live in Japan 2002, Jeff Beck Wired, oder ein Original-Übungsraumtape von Celtic Frost anno 1981. Alles unwiederbringlich zunichte gemacht. Das Leben konnte sehr, sehr hart sein.
Verdammt, Führerschein bei der Tombola gewonnen? Hat dieser Testa di Cazzo keinen Blinker? Einmal kurz auf die Hupe gedrückt, um diesen Träumer zurück auf den Asphalt zu holen. Jetzt biegt der Blödmann doch nicht ab. Dafür bremsen? Mann, Mann, Mann, mach ich dem eben mittels Lichthupe Beine. Doch der fährt nur noch langsamer und zeigt mir den Stinkefinger. Das ist genug! Überholen und weg. Und was macht der Wahnsinnige, als ich auf gleicher Höhe bin? Er gibt wieder Gas und drängt mich links ab. Bevor ich in die Leitplanke donnere, kann der seine Karre beim Autospritzwerk anmelden. Der hat wohl keine Angst um seinen teuer lackierten Merz.
Mit einem flüchtigen Blick streifte ich den Wagen meines Kontrahenten. Das Interieur war vollbesetzt mit vier grimmig dreinblickenden Typen, die wild gestikulierend auf den Fahrer einredeten. Folgsam drängelte mich der Irre weiter herzseitig ab. Madonna Santissima, was tun? Ich konnte nur noch voll auf die Bremse treten. Hinten hupte wer wie von Sinnen. ’tschuldigung! Und das alles auf der Hardbrücke, einer der am meisten befahrenen Strecken der Stadt. Im letzten Augenblick gelang es mir, die Spur zu wechseln und die Ausfahrt Höngg zu erwischen. Was um Himmels Willen sollte ich in Höngg? Ich zitterte am ganzen Leib, mein Unterhemd troff vor Schweiss, und bei der miesen Heizung würde ich mir bestimmt eine böse Erkältung holen. Herbert Grönemeyer eierte: «Wann ist ein Mann ein Maahann …!»
Arschloch!
Es schneite immer heftiger, und der Van hatte nur vorne Winterreifen montiert. Sparmassnahme. Die Limmattalstrasse war eng, dazu befand sich die Fahrspur direkt auf den Tramgleisen. Ich glitt also ganz langsam dahin, fest entschlossen, bei der nächstbesten Möglichkeit anzuhalten. Und als wären der Strapazen nicht genug, tauchte auch noch der Scheinwerfer einer Strassenbahn im Rückspiegel auf. Linie 13, ausgerechnet! Das würde mir jetzt auch kein Glück bringen! Oder doch? Gott sei Dank entdeckte ich rechts vor mir einen freien Parkplatz. Im ersten Anlauf einparkiert, trotz Totalstress gut manövriert, gratuliere. Grönemeyer hatte nun vollends den Geist aufgegeben. Ich riss die Kassette samt Bandsalat aus dem Rekorder und schmiss sie aus dem Fenster. Das Knäuel erinnerte mich an asiatische Nudelgerichte mit Sojasauce. Erst mal gut durchatmen. Entspannen. Ich liess meine Hände aufs Lenkrad sinken und versuchte an etwas Aufbauendes zu denken. An den leeren Kühlschrank, die unbezahlte Steuerrechnung, meine vernachlässigte Libido. OK, der Plan schien nicht aufzugehen, dafür ging mein Puls schon etwas ruhiger. Immerhin. Langsam wurde es dunkler, die Windschutzscheibe war schon von einem dünnen weissen Film belegt, liess kaum noch etwas erkennen. Nur noch schemenhaft sickerte das Leben der Anderen hindurch. Die Welt dämmerte langsam weg, blieb im Zwielicht von Gegenwart und Vergangenheit hängen wie ein Fetzen Papier an einem Ventilator.
Eine mir völlig unbekannte innere Ruhe überkam mich. Das gelbrote Licht der Strassenbeleuchtung gab dem Tag den Rest. Ich spürte kaum noch Aderschlag. Dafür war ich ganz bei mir, und so begannen sich Geister zu regen, von denen ich keine Ahnung hatte, dass sie in mir hausten – die Schemen der Zukunft. Erst glaubte ich an ein abstruses, mystisches Erweckungserlebnis, das man dem Kiffen hätte zuschreiben können, dann aber harrte ich gebannt der Dinge, die da auf mich zukommen sollten. Erst durchfuhr mich ein Hitzestrahl, dann manifestierten sich verwehte Lichtgestalten als Reflexionen auf der Windschutzscheibe. Ich erkannte Bekannte, Unbekannte und mich selbst. Geschehnisse wirbelten mir entgegen, als wären es Schneeflocken auf der Autobahn bei Tempo 100. Ich sah mich im Zweikampf Kartoffeln schälen, in der Wüste die Leere bemeistern und tot gestellt auf einem Schlachtfeld liegen. Sah mich ständig von Raben verfolgt, endlos Achterbahn fahren und die brutale Schönheit einer Explosion zeitlupenartig bestaunen. Ich sah Adam und Tom, wie sie Räume durchzogen und Zeiten verloren, die Stadtheiligen Felix und Regula, natürlich kopflos, und ich sah Gott in einem Laptop hocken. Ausserdem einen westlichen Magier Bilder malen, Vivi und Johannes auf Glatteis fahren, Katja von nah und von fern und eine Göttin in Satin eine Krone tragen.
Eisige Kälte holte mich aus meinen Fantastereien zurück. Ich sass nun schon eine halbe Stunde in meinem Van bei abgestelltem Motor und somit in einem unbeheizten Wagen. Mit schlotternden Fingern betätigte ich den Anlasser, doch mein Wägelchen gab keinen Mucks von sich. Festgefroren. Ich versuchte es noch einmal. Nichts. Meist nützte gutes Zureden. Doch heute fand ich die passenden Worte nicht. Da näherte sich ganz langsam ein schwarzer Mercedes von hinten. Ruhig Blut, die Stuttgarter Daimlerwerke hatten vermutlich nicht nur ein Exemplar dieses Typus gebaut. Aber Cazzo, ein Benz S 350, obsidianschwarz metallisiert, das konnte kein Zufall sein. Ich geriet in Panik, hebelte wie irre am Anlasser herum, nichts tat sich. Dann brach der Schlüssel ab. Porca Miseria, ich sass in der Falle! Der Wagen hielt unmittelbar schräg vor mir, kein Entkommen! Ja wie denn, mit abgebrochenem Schlüssel! Weglaufen mochte ich nicht, also stellte ich mich tot. Die Beifahrertür des Mercedes schwang auf. Lag es am Schneegestöber, an den Visionen, oder an meinem beklagenswerten Zustand? Ich sah doch tatsächlich Vivi aus dem Auto steigen!
Missmutig liess ich meinen unabgeschlossenen Kleintransporter zurück und machte mich auf zur nächsten Tramhaltestelle. Mir immer wieder vorrechnend, was ein neuer Anlasser plus Busse wegen Parkierens auf einem parkscheibenpflichtigen Stellplatz kosten würden.
Grazie al Cielo, waren die Feiertage endgültig vorbei. Für mich begann das Festtagsmartyrium jeweils schon am 22. Dezember. An meinem Geburtstag. An einem Tag, auf den meist auch der Winteranfang fiel. Das Zusammenfallen solcher Ereignisse konnte kein Zufall sein, sondern war klar vorgezeichnete Bestimmung. Rüdes Schicksal, welches mich von Anfang an ans Ende gestellt hatte.
Überhaupt, Feiertage. Ich war froh, diese Zeit alleine verbringen zu dürfen. Aber natürlich war das nur die halbe Wahrheit, oder höchstens einviertelwahr. Was gab es schon zu feiern? Ich war 44 geworden, der Heiland über 2000. Das Jahr je nach Kulturkreis: Die Juden waren bereits im sechsten Jahrtausend angelangt, die Chinesen im Jahr 4646, die Hindus erst im Jahr 1931. Am weitesten abgeschlagen lag der islamische Kalender, die Moslems lebten im Jahr 1431. In unserer Zivilisation wurde 1431 Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ob das was zu bedeuten hatte? Ich wusste es nicht, oder besser gesagt, ich konnte mich nicht entscheiden. Ich wusste lediglich, dass ich bei den Feiertagsdepressionen voll dabei war.
Immer mehr wurde ich zum Schrein meiner dunkelsten Vorahnungen. Meine Welt bestand nur noch aus verwischten Schatten. Erinnerungen, die mich wie Heuschreckenplagen besprangen und meine letzten Hoffnungsschimmer niederrangen. Mein letzter Glaube lag gemeuchelt in der Grube, all meine Befürchtungen nährend, die an meinem Gewand zerrten wie ein Orkan an einem lottrigen Fensterladen. Der letzte Mensch auf Erden, inmitten einer Meute hungriger Zombies. Hoffnungslos verloren, bevor das grosse Schlachten begann. Und es würde beginnen, und alles würde noch viel schlimmer sein. Ich schloss die Augen, damit es dunkel werde und mich niemand sähe in meiner Bedrängnis. Und als ich sie widerwillig öffnete, da sah ich alles so, wie es wirklich war: ein verschneiter Januartag, dem gebrochenes Licht eine Würde verlieh, die zu huldigen nur imstande war, wer über Monate mühsam eine Blätterkrone gestemmt hatte und nun nackt dastand. Eine Frische, die nur zu schätzen wusste, wem die Bise jahrzehntelang die Fassade geschmirgelt, und eine Nässe, die nur jene zu erregen vermochte, denen der Schirokko die Innereien so richtig durchgeblasen hatte. Es roch angenehm nach aufkommendem Sturm, nach Totentanz, nach Ende. Wie der Winter, trug auch ich etwas dem Ende zu. Oder begann es. Wo war Anfang, wo Ende, wo kam alles zusammen und was war im Kreis? Fülle oder Leere?
Auch der heutige Tag trüb und neblig. Auch der heutige Tag finster und bedeutungsschwanger. Grässliche Kälte lag über der verschneiten Stadt, und nicht nur über ihr. Der Winter, astronomisch gesehen neunundachtzig Tage, gefühlsmässig eine nie endende Periode arktischer Kälte, schwang gnadenlos sein Zepter. Eine grimmige Bise wehte beissend durch die Strassen, und nicht einmal die Tempoverlangsamung, die Winters Diktat gebot, konnte meine Abneigung mildern. Als Südländer empfand ich mehr als einen Monat jener Saukälte als unzumutbar. Auch die augenscheinlichen Schönheiten solcher Kälteperioden, der Reif an den Fenstern, die romantischen Eiszapfen, im Wind tanzende Schneeflocken, ja die gesamte, in Weiss gehüllte Stadt, konnten mir keinen Trost bieten. Die vom Schnee schwer gewordenen Äste, bis fast zum Boden gebeugt, führten mir nur meine eigene Last vor Augen: Bitternis und Grauen, schrecklich lange Dunkelheit und exorbitante Heizkosten, Grippe und Schlimmeres noch. Wintersport war mir ein Gräuel, auch im Fernseher, obwohl ich keinen besass. Nein, ich konnte diesen tristen Monaten nichts abgewinnen, vor allem heute nicht, wo der Frost in meiner Seele hockte, vor allem diesem Winter nicht, der mein letzter zu sein drohte.
Die Trennung von Vivi hatte ich nie wirklich verkraftet. Obwohl ich es mir jahrelang mit aller Kraft einzureden versuchte. In Tat und Wahrheit begann damals mein Rückzug aus der Realität. Der Moment der Entzweiung war gleichbedeutend mit dem langsamen Ausblenden sowohl ihrer als auch meiner Existenz. Ich wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben und konnte mich zeitweise nicht einmal mehr an ihr Gesicht erinnern. Es war tatsächlich vorgekommen, dass sie mir von der gegenüberliegenden Strassenseite her zuwinkte, ohne dass ich sie erkannte oder erkennen wollte. Kurz darauf zog sie weg. Ohne sich zu verabschieden, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Wie auch, wo ich sie doch ständig ignoriert hatte. Später dann machte ich ein paar halbherzige Versuche, sie ausfindig zu machen. Aber Vivi blieb verschollen. Und noch etwas passierte damals: Auf einmal flatterten ständig Raben ums Haus. Von früh bis spät schwarzberockte Krächzer, Myriaden von fliegenden Trauerklössen. Wenn das kein Omen war.
Nebst den Raben setzten sich bei mir auch noch ein paar nicht geringe, dafür umso nachhaltigere Schäden fest. Das Haus verliess ich nur noch selten, etwa zum Einkaufen oder um meine Einzahlungen zu machen. Hin und wieder gönnte ich mir einen Spaziergang durchs Quartier. Wenn es hochkam, gab es einen Kaffee am Idaplatz oder im Bubbles. Das wars! Weiteren sozialen Kontakt mied ich wie Kutteln oder Bananen. Unweigerlich schmolz mein Freundeskreis auf die verkohlte Kruste ein, die jeweils nach dem Verzehr eines Käsefondues auf dem Boden des Keramik-Caquelons zurückblieb. Warum man das La Religieuse nannte, wusste ich nicht. Bei keinem Job hielt ich es länger als ein paar Wochen aus. Die Familie in Italien besuchte ich kaum noch. Eine Brücke nach der anderen stürzte lautlos in den Abgrund. Dafür peinigten mich nunmehr Unruhe und Schlaflosigkeit, und bei jeder auftauchenden Schwierigkeit wurde ich von dem Verlangen durchdrungen, mich tot zu stellen. Macken verursachen Macken. Kein Wunder also, dass ich zu keiner andauernden Partnerschaft mehr fähig war. Kein Amore mehr, nur hin und wieder flüchtige Liebschaften, und auch die nur dünn gesät. Und keine kam an Vivis Klasse heran. Auch ich nicht.
Ich wusste, dass Vivi während unserer gemeinsamen Zeit oft mit seltsamen Typen herumhing, und auch, dass sie ständig Dope bei sich hatte. Meist verschenkte sie das Zeug. Vivi hing mit allem rum, was irgendwie andersartig war. Vorzugsweise mit verfilzten Politaktivisten linker Couleur, notorischen Szenegängern jeglicher Gattung. Mit Künstlern, Damen aus dem Gewerbe und Müssiggängern der gehobenen Klasse. Natürlich gehörten auch dubiose Businesstypen (damals schienen uns alle Geschäftsleute dubios) zu ihrer Entourage. Ausserdem machte damals, sehr zu meinem Leidwesen, das Gerücht die Runde, sie würde ungeniert die Beine breitmachen, wenn es ihr Vorteile brächte. Vivi war sicherlich kein Kind von Traurigkeit und in diesen Jahren ging es oft hoch zu und her, doch solch dummes Geschwätz tat ich als primitive Rache derer ab, die bei ihr nicht landen konnten. Und das waren viele. Edelnutte, Antifeministin, Kapitalistenkokotte waren nur ein paar der bösartigen Etikettierungen, die ihr von der Alternativszene angehängt wurden. Natürlich nur unter vorgehaltener Hand, denn ihr Dope rauchten sie alle gern und das offerierte Bier nahmen sie mit Handkuss.
Tatsächlich half Vivi wacker mit, ihr suspektes Image zu festigen. Oft legte sie ein rätselhaftes Verhalten an den Tag, umgab sich mit der Aura der Geheimnisvollen und war immer grosszügig im Umgang mit Geld. Dauernd kreuzte sie mit einem anderen Auto auf, war mit Hinz und Kunz bekannt und imstande, für jedes noch so ausverkaufte Konzert Tickets zu beschaffen. Niemand wusste, was sie beruflich tat, offensichtlich war nur, dass sie viel Freizeit hatte. Als ich sie einmal darauf ansprach, erklärte sie mir etwas verklausuliert, dass sie einen Teil des Familienvermögens verwalte. Was auch immer das bedeuten mochte. Mehr wollte ich gar nicht wissen. Adam warnte mich damals eindringlich, ich solle die Finger von ihr lassen, sie habe Verbindungen zu CIA und Mossad. Allen Ernstes behauptete er, Vivi benutze mich als Türöffner, um die Szene zu infiltrieren. Prompt kündigte er mir vorübergehend die Freundschaft. Aber Adam war nicht relevant, sondern nur einer dieser paranoiden Weltverschwörungstheoretiker.
Für mich war Vivi einfach nur klasse. Eine Stilikone der Kategorie unerreichbar. Ihre schwebende Eleganz, ihr abgehobener Reiz steigerte ihre Unantastbarkeit bis schier ins Uferlose. Ihr wiegender Gang, akzentuiert durch die hohen Absätze, auf denen sie geschickt über jeden noch so holprigen Kiesplatz balancierte, unterstrich ihr Sein von einem anderen Stern, verhalf ihr zur Ausstrahlung einer Grande Dame, für die sie aber viel zu jung war. Obwohl vom Typ her durchaus mit der jungen Catherine Deneuve zu vergleichen, hing sie dennoch in der Undergroundszene herum, was vielen nicht ins Bild passte. Niemand verstand, warum sie ausgerechnet mich zu ihrem Freund erkoren hatte, was das latente Misstrauen nur umso mehr verstärkte. Sie waren alle nur neidisch gewesen, diese Stronzi! Porca Miseria, wenn die gewusst hätten, welch hohen Preis ich für das bisschen Liebe noch zu zahlen hatte.
Wenn auch die effektive Zeit mit Vivi kaum ein Jahr währte, war sie für mich von ausserordentlich grosser Bedeutung. Als wir uns kennenlernten, war ich gerade zarte zwanzig geworden. Vivi, sieben Jahre älter, pflückte mich von einem wackligen Barhocker herunter und stellte mich in ihre Schuhe. Bedauerlicherweise wurde mir dabei ein Leben vorgegaukelt, das nicht für mich bestimmt war, und diese Schuhe würden noch leidlich zu drücken beginnen. Wie Schraubstöcke! Doch erst einmal war ich mächtig stolz und im siebten Himmel. Mein Leben war ein einziges Verlustieren, ein wohliges Planschen durch Zuckerwattegalaxien und Partylichter. Wie in Trance torkelte ich durch Erdbeereismeere und Gin-Tonic-Schwaden, durch den aktuellsten Kulturkosmos und die Underground-Hautevolee der Stadt. Es war ein perfektes Leben, ich musste mich um nichts kümmern – Vivi hatte alles im Griff.
Um dem Zerrbild einen noch kitschigeren Anstrich zu geben, kam alle vierzehn Tage ihr kleines Töchterchen zu Besuch, das ansonsten beim Vater wohnte. Wir verwöhnten das kleine Ding nach allen Regeln der Kunst. Zoobesuche, rosa Schleifchen in Hülle und Fülle und selbstredend ganze Armeen von Plüschtierchen. Wir spielten glückliche Familie und ich glaubte daran. Der Himmel hing voller Geigen. Ich war glücklich und kam mir erwachsen vor, ohne das Leben je wirklich gekannt zu haben. Alles kein Problem, es sah aus wie im Kino. Wie im Werbeblock.
Und dann waren da noch die Nächte. Keine Sekunde mochte ich von ihr lassen. Ich war einfach verrückt nach ihr. Wie endlose Ströme fuhren meine Hände an ihrem Körper entlang, schmiegten, rieben, fassten, packten, fiebrig und fordernd. Mal um Mal überliess ich mich diesem raublustigen Strudel, der fickrig nach mir griff, mich hinunter und hinauf riss, ganz wie ihm beliebte. Selig hielt ich meine Zunge an ihre Knospen, hörig gab ich mich dem Beben ihrer Ritze hin, die mir gnadenlos das Hirn aus dem Schädel vögelte, aber es tat ja so gut. Von überall her drang ihre frivole Glut bacchantisch in mich ein. Wir ritten diese reissenden Wellen Tausende Male, auf und ab. Blieben für immer zusammengeschweisst durch diese hungrige Naht, diesen Ozean der Begierde, tief und uferlos, wo ein unersättlicher Krake uns, seine Tentakel schwingend, vorwärtspeitschte. Mein unschuldiges junges Blut kochte und riss alles mit sich, verschlang den letzten Rest Verstand, während Vivi mir immer wieder mein Drängen und Wollen aus den brennenden Poren saugte. Ein einziges Dahinfliessen, bis nur noch feuchte Mattigkeit darniederlag. Gesegnet sei die pathetische Wollust eines gedeihenden Jünglings.
Irgendwann muss sich bei ihr Langeweile eingeschlichen haben, ohne dass ich etwas davon bemerkt hätte. Bis zu jenem rabenschwarzen Tag, als ich nicht mehr darüber hinwegsehen konnte, dass sie mich mit einem hübschen schwarzhaarigen Lockenkopf betrog. Vivi reiste in einem Monat dreimal nach Israel. So flog die Sache auf. Mein Gott, Tel Aviv! Also doch Mossad? In meinem verletzten Stolz führte ich ein dermassen übertriebenes Drama auf, dass sie mich noch in der gleichen Woche verliess. Nicht ohne mir als Dank für die gemeinsame Zeit eine Magnumflasche Champagner zukommen zu lassen. Noblesse oblige! Dafür nahm sie all das grosszügig über mich ausgeschüttete Leben mit, nur um es ein paar Jahre später mit ins Grab zu nehmen.
Ihre kopflose Leiche habe man vor vier Wochen gefunden, in einem Wald, auf dem Gurten, bei den Überresten der Burg Aegerten. Mehr wisse er auch nicht. Obwohl Johannes sonst alles wusste. Johannes, ein damals siebenunddreissigjähriges Arschloch und Bildungsfaschist, der gerne von seiner Intelligenz sprach, aber nichts anderes war als ein unscharf eingestellter Fotokopierer, gab sich entsetzt darüber, dass ich nichts von Vivis Tod wusste. Obwohl sie doch meine Freundin gewesen sei. Doch das war lange her. Woher zum Teufel hätte ich wissen sollen, was sie tat – oder dass sie niemals mehr etwas anderes tun würde, als zu verwesen? Johannes senkte den Blick, legte die Stirn angemessen in Falten, wie das Gutmenschen in solch dramatischen Momenten zu tun pflegen, und verlieh damit dem Moment die ihm angemessene Würde.
Johannes: eine Kreuzung aus Szenegänger und ewigem Student. Ein politisch Korrekter, der sein Bier aus der Flasche trank im Glauben, er sei Che Guevara. Einer, der Toleranz mit Anpassung verwechselte. Ein bigotter Co-Feminist. Ein Frauenversteher, der verzückt lächelnd von Käffchen und Telefönchen sprach, um dann ohne Weiteres in einer Männerrunde mit drei Bier intus zum primitiven Chauvinisten zu mutieren. Männlich wie sein modischer Bart, der ihn als neukonservativen Taliban entlarvte. Ein sozialdemokratisch wählender Heuchler übelster Sorte! Einer aus der Fighetti-Szene. Meine Verachtung ihm gegenüber war immens. Erst recht seit dem fürchterlichen Streit vor einem Jahr, als ich ihm all das ins Gesicht gesagt hatte. Sagen wollte …
Nach Vivis Tod ging es erst richtig los mit Elend und Verzweiflung. Augenblicklich wurde mir klar, dass nun definitiv kein Weg mehr zu ihr zurückführen würde. Aus und vorbei. Kein noch so schwacher Hoffnungsschimmer mehr. Jeder noch so abstruse Zukunftsglaube blieb jetzt aussichtslos und rüde unter einem Grabstein beerdigt. Delete! Vor allem aber blieb mir das Eingeständnis nicht erspart, dass ich Vivi noch liebte wie am ersten Tag, unkurierbar. Die jahrelang hochgehaltene Mauer der Verdrängung war durch die Nachricht ihres Todes brutal geschleift worden. Ich sah mich nackt dem Ansturm all meiner heimlichen Begehren und Sehnsüchte ausgeliefert. Nackt einer heranfallenden Wespenplage preisgegeben, die meine Seele wundstach, wie es nur unerfüllte Leidenschaft zu tun vermochte. Episoden und Ereignisse spukten im Kopf herum, ohne die geringste Aussicht, die Kopflose je wieder auferstehen lassen zu können. Es war entsetzlich. Viel schlimmer noch als die Trennung selbst.
Ich kramte alte Fotos hervor, zerriss sie, beweinte sie, um den Verrat wieder gut zu machen. Aber es war alles zu spät. Von nun an sollte es aus sein mit Leben. Die Einsicht, dass jede Bemühung früher oder später sowieso in einem feuchten Grab enden würde, beraubte mich jeglicher Tatkraft. Von Lähmung befallen und jeglichen Lebensmutes beraubt siechte ich dahin. Einem Albdruck ausgeliefert, der alles auffrass, dem noch der leiseste Geschmack von Leben anhaftete. Stillstand und Passivität wurden zur Lebensmaxime und liessen das Dasein als etwas unverschämt Absurdes erscheinen. Von da an verharrte ich eingeschlossen in meinen Innereien, um nur noch in Wachträumen, Halbschlaf und Melancholie zu existieren. Ich fühlte mich betrogen und zum ersten Mal lebendig begraben. Wie Uma Thurman in Kill Bill.
Dass ich ein paar Wochen später dann noch erfahren musste, dass Vivis Leichnam im Friedhof Sihlfeld, sozusagen neben meiner Haustür, beigesetzt worden war, zog mir definitiv den Boden unter den Füssen weg. Es war ein katastrophaler Schock. Ein Schlag, der mich völlig unvorbereitet traf. Man hatte sie mir als kopflose Leiche zurückgebracht, um sie in meinem Vorgarten zu verbuddeln. Santo Cielo, was für eine perverse Natur führte da Regie? Ich litt wie ein angestochener Hamster. Der Schlachterlehrling hatte das Messer falsch angesetzt, derweil der Meistergeselle beim Pausenbier sass, für die nächsten paar Jahre. Es war eine beschissene Zeit, und ich begann, mir noch intensivere Gedanken über den Unsinn des Lebens zu machen. Nun war sie also tot und ich lebendig begraben. Was mochte schlimmer sein?
Warum mir all das gerade jetzt wieder einfiel, konnte ich nicht erklären. Zu viel Einsamkeit? Zu viel Leere? Vermutlich lag es an der aktuellen Sternenkonstellation. Der Merkur sei rückläufig, stand in meinem Horoskop. Porca Miseria, auch das noch. Wo konnte ich mich beschweren, damit das Teil wieder vorwärtslief? Nun würde mir also nichts weiter übrigbleiben, als den Rest meiner Zeit in einem Polstersessel abzusitzen, demütig der Endlichkeit harrend, die da draussen bedrohlich im Raum herumschwirrte.
Der Hamster lief dröge in seinem Laufrad und träumte längst nicht mehr davon, auf einer Wiese frei zu sein. Stattdessen dachte er angestrengt über die Beschaffenheit der ihn umgebenden Metallstäbe nach. Er bewunderte die meditative Wirkung ihrer gleichmässigen Abstände. Überhaupt lernte er die spartanische Einrichtung des Käfigs zunehmend zu schätzen. Weniger sei mehr, sagte die Hand, die ihn immer seltener fütterte. Ganz im zen-zwinglianischen Geiste konzentrierte er sich auf seine Arbeit: das Laufen im Rad.
Irgendwann erschien es mir dann doch nicht ganz nachvollziehbar, dass jemand das Rad nur zum Laufen erfunden hatte. Vecchio Ragazzo, es wird langsam Zeit, den Brennschneider anzuwerfen! Ausbrechen und es allen mal so richtig zeigen. Oder so.
Ich begann einen Roman zu schreiben! Aber ich fand keinen Anfang, kam nicht auf Touren. Scheiterte schon an den ersten paar Zeilen und fand weder Plot noch Pointen. So ging es Tag für Tag. Ideen wichen mir aus, schlugen Haken, führten mich auf falsche Fährten oder Glatteis. Mit den Protagonisten erging es mir nicht besser. Sie ängstigten mich. Romanfiguren konnten ein beunruhigendes Eigenleben entwickeln, meist mit überbordendem Hang zu Narzissmus, da sie sich gewiss sein konnten, am Ende immer siegreich zu bleiben. Entweder, weil sie den Autor weit überlebten. Oder noch ärger, wie bei mir, weil sie sich dem Verfasser glattweg verweigerten. Aber ich kannte die Lösung. In meiner Not würde ich über Leichen gehen. Schlimmer noch: Leichen erschaffen. Ich war auf gutem Wege, denn alle Figuren, die ich bis anhin eingeführt hatte, waren entweder tot, starben kurz darauf oder lebten latent suizidgefährdet. Doch unter Schmerzen Geborenem das Leben zu nehmen schien mir kein guter Anfang zu sein, kein gutes Feng Shui. Falls es so etwas wie ein Literatur-Feng-Shui geben sollte.
Wo aber würde das hinführen? Das Ganze erschien mir auf einmal nicht mehr ganz so erfolgversprechend. Vielleicht etwas zu morbide angelegt? Eine Prise Siechtum zu viel? Ein Buch konnte sehr einseitig sein, auch wenn es beidseitig bedruckt war. Allenfalls liesse sich daraus eine Horrorstory zusammenschustern. Mit Zombies, die in Supermärkten ihr Unwesen trieben, Untote, die nächtens auf Friedhöfen Leichen fledderten. Dazu exklusiv und unzensiert das Paarungsverhalten von Dämonen und Gespenstern bei einer Orgie. Draculas Pfählung in Zeitlupe. Oder noch schockierender: ein Skelett auf dem Toilettengang. Alles live und in HD! Doch war das alles viel zu krank und würde mir nur noch mehr Psychosen, noch mehr schlaflose Nächte bescheren und ewige Unruhe. Und wer liest so etwas? Nur Frauen zwischen dreissig und fünfzig kaufen heutzutage überhaupt noch Bücher. Und die wollen etwas Aufbauendes, was Positives, mit guten Energien und so. Gegebenenfalls sollte ich es mit esoterischen Zombies versuchen, die Aura-Massagen anboten, bevor sie einem das Herz herausrissen. Allenfalls doch nicht. Zu prätentiös der Plan.
Und Madonna Santissima, was für ein Leichtsinn, ich schrieb in der ersten Person. Offenbar unterschätzte ich komplett die von selbsterfüllenden Prophezeiungen ausgehenden Gefahren: das Damoklesschwert der Ich-Form, die Todesklippe, in die ich mich couragiert hineinmanövrierte, wie ein vom Sturm in den Wahnsinn getriebener Steuermann auf einem Geisterschiff. Munter grölend in den Abgrund, mit viel Eigenschwung über den Weltenrand katapultiert, mitten hinein in die tosenden Fluten des Chaos. Ohne Netz und doppelten Boden. Leben und Tod nur noch durch eine zerfledderte Buchseite getrennt. Autosuggestion in negativster Form! Langsam, aber unaufhaltsam kroch mir Angst das linke Hosenbein aufwärts, gleich einem Schwarm verendender Raben, die mir, mit roten Pappnasen versehen, mein unabwendbares Schicksal vor Augen führten. Diese Vögel würde ich nie mehr loswerden. Das war mir jetzt klar. So klar wie Januarnebel über der Poebene, wie Staatspropaganda in Hollywood oder wie der Subtext eines Motivationstrainers.
Todesahnungen überzogen meine Gegenwart mit Gänsehaut. Schon sah ich meine Federn gerupft und hübsch über den Fussboden verstreut.
Endlich! Die zwei letzten Sätze gefielen mir so gut, darauf würde ich meine Geschichte aufbauen!
Mittwoch 6. Januar. Ich ging einkaufen und Flaschen entsorgen. Schliesslich war soeben ein neues Jahr angebrochen, und regelmässig das Altglas zu entsorgen gehörte zu den guten Vorsätzen, die ich auf jeden Fall einhalten wollte. Der Dreikönigstag schien mir passend. Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Altglas. In Italien feierten sie Befana. Eine Besen reitende alte Hexe aus dem Volksglauben, die nachts vom 5. auf den 6. Januar auf der Suche nach dem Jesuskind von Haus zu Haus fliegt und Gaben durch Schornsteine verteilt. Überall wurden also Geschenke verteilt, nur ich musste Flaschen entsorgen. Missmutig machte ich mich auf den Weg. Das Klirren des aneinander scheppernden Glases nervte. Und die mit Gläsern aller Art übervolle Einkaufstasche, die mir bei jedem Schritt seitlich in die Kniekehle stiess, nervte noch viel mehr. Ich versuchte anders zu gehen, aber wie denn? Mit nur zwei Beinen blieben meine Variationsmöglichkeiten beschränkt. Ich versuchte es im Passgang, also linkes Bein und linker Arm gleichzeitig nach vorn, und wäre beinahe gestürzt. Arg demotiviert hockte ich mich auf eine Bank bei der Bushaltestelle am Albisriederplatz. Und wartete. Auf nichts. Ich hätte jetzt einfach wieder aufstehen und das Altglas unauffällig unter der Bank Altglas sein lassen können. Der Gedanke machte mich kirre. Ich wollte wieder anfangen zu rauchen, hatte aber keine Zigaretten dabei.
Auch dieses neue Jahr brachte nur Probleme. Nebenan zündete sich jemand eine Kippe an. Ich fragte, ob er mir eine abtreten könne.
«Willste Cola?»
«Äh nein, eine Zigi wäre nett.»
«Ey, super Cola direkt aus Bolivien.»
«Nein, wirklich nur eine Zigarette.»
Er zeigte mir den Stinkefinger und stieg in das soeben eingetroffene Gefährt der Städtischen Nahverkehrsbetriebe. Netter Mensch. Dafür stolperte eine gutaussehende Brünette aus dem Bus, die, wäre sie nicht brünett gewesen, Katja hätte sein können. Sie war aber brünett. Umständlich versuchte sie eine Zigarettenschachtel aus ihrer Manteltasche zu nesteln, verhedderte sich in einem von ihrer Schulter gerutschten Taschenriemen, auch darum, weil sie unnötig viele Bewegungen machte. Insgesamt hinterliess sie einen ziemlich fahrigen Eindruck.
Geduldig wartete ich, bis Frau Houdini sich entfesselt hatte, und versuchte nochmal zu schnorren. Diesmal klappte es. Die Frau, die Katja hätte sein können, reichte mir den Stängel und fixierte mich mit ihren grünen, gigantischen Augen, die aussahen wie zwei Swimmingpools mit Algenbefall. Befana, kam mir spontan in den Sinn. Unversehens fragte sie nach meinem Sternzeichen. Schütze. Aha! Ein unruhiges Flackern lag in ihren Augen. Offenbar handelte es sich um Whirlpools. Es machte ganz den Anschein, als wollte sie mir etwas Unangenehmes verheimlichen. Schlechte Aussichten wahrscheinlich. Dann, beim Feuerreichen, kam sie auch noch viel zu nahe heran, mit diesem typisch penetranten Esoterikerinnenblick, der da heissen soll: Ich weiss alles über dich, ich hab dich nämlich tief in meine Seele hinuntergezogen, bis auf den Grund meiner Klärschlammbecken. Ich konnte mich nicht recht entscheiden, ob ich sie lächerlich oder doch ein wenig unheimlich finden sollte. Dann legte sie auch noch ihre Hand auf meine linke Schulter, und es gelang mir leider nicht, ein leichtes Zusammenzucken zu unterdrücken. Jetzt war mir definitiv unwohl. Mit einer unwirschen Kopfbewegung schwang sie ihr Haar zur Seite und meinte eindringlich, ich solle mir keine Sorgen machen, es kämen wieder bessere Zeiten, auch für mich. Leider wirkte sie nicht sehr überzeugend, und mir wurde die Situation definitiv peinlich, ja ich schämte mich richtiggehend, was zur Folge hatte, dass das soeben durch das Rauchen aktivierte Dopamin postwendend in einen unbefristeten Streik trat und sich ab sofort nur noch im Leerlauf bewegte. Somit klappte es nicht mit der Stimulierung der Glückshormone durch Belohnung, sprich Zigarette. Ich rauchte umsonst. Immerhin.
Als der Bus die Haltestelle verliess, machte der Dealer, der am Fenster Platz genommen hatte, ein Zeichen mit dem Zeigefinger: Kehle aufschlitzen. Was hatte ich dem denn angetan? Oder wollte er mich warnen, rauchen sei ungesund? Von überall her roch ich Gefahr, irgendwo blinkte immer ein oranges Warnsignal. Die Zeichen standen unvorteilhaft auf Bedrängnis, Schwierigkeiten, Tücke. Was mochte noch alles geschehen? Trotz Unterhemd lief es mir kalt den Rücken runter. Kein Wunder, ich sass seit ergebnislosen zwanzig Minuten auf dieser Bank, bei minus 7 Grad, und nur in eine Jeansjacke gehüllt. Warum ängstigte mich so ein kahlrasierter Idiot? Nicht er ängstigte mich, sondern das Darumherum. Das Grau des Himmels, der Verkehr, das Glatteis, die blinkende Ampel, die irren Augen einer mitfühlenden Frau, die Kälte, der Rauch einer Zigarette, der Supermarkt. Heute würde ich nicht einkaufen gehen, das stand schon mal fest. Ich erhob mich von der Bank und ging zurück nach Hause. Im Vorbeigehen blickte ich noch kurz auf die andere Strassenseite zu den Pennern, die auf der Traminsel lagerten. Sie schienen nicht zu frieren. Rotwein wärmt, auch der billige. Nach etwa dreissig Schritten erinnerte ich mich der Einkaufstüte mit dem Altglas. Unter der Bank vergessen. Unabsichtlich, Ehrenwort!
Santo Cielo! Auch heute wieder flatterten jede Menge Raben ums Haus. Ein ganzes Geschwader. Grundsätzlich schätzte ich ihr dreckiges Lachen als kompetenten Kommentar zur Weltlage. Doch bekam das alles jetzt eine neue Konnotation?
«Krah … Krah … Weiss der Depp denn noch immer nicht … Krah … Krah … dass er der Nächste sein wird … Krah … Krah … Schreibt er sich doch fleissig in die Todesliste ein. Krah … Krah …»
Nun gut, ich war zwar ein lebensmüder Melancholiker, aber so richtig sterben wollte ich dann doch nicht.
«Krah …Krah …!»
Zu viele Viecher. Leimruten oder gar eine Flab-Kanone wären hier vonnöten!
Auch heute war der Himmel also wieder voller Raben. Pechschwarze Federröcklein, vom Scheitel bis zur Sohle. Ich konnte mich nicht recht entscheiden, ob ich sie mögen sollte oder nicht, diese Grenzgänger zwischen den Welten, Symbole von Zwiespältigkeit, Tod und Wiedergeburt. Orakeltiere, denen sogar eine Verbindung zum Regen nachgesagt wurde. Nicht ohne Grund ist der Rabe Protagonist in allerlei Mythen. Viele Völker kennen Geschichten darüber, warum der Rabe schwarz ist. So besagt eine ukrainische Legende, dass man die Vögel beim Aasfressen erwischt habe und sie deshalb ihr weisses Gefieder gegen ein schwarzes eintauschen mussten. Glückskinder! Hatte ich nicht letzthin irgendwo gelesen, wer immer Schwarz trage, sei intelligenter als der Durchschnitt? Statistisch erwiesen!
Bei vielen nordamerikanischen Indianerstämmen hingegen repräsentiert der Rabe eines der wichtigsten Totemtiere. Laut einer ihrer Schöpfungslegenden flog der Rabe mit einem Beutel um den Hals über das grosse Wasser, und als er müde wurde, nahm er einen Stein aus dem Beutel und warf ihn ins Wasser. So entstand das erste Land. Dann flog er weiter, und nach und nach nahm er Dinge aus seinem Beutel und erschuf Pflanzen, Tiere und alles, was es auf Erden gab. Als er dann noch müder war, also praktisch fix und fertig und sein Beutel endlich leer, setzte er sich auf den Ast eines soeben erschaffenen Baumes und kotete munter drauflos. So soll der Mensch entstanden sein.
Nebst diesen Vögeln schwirrte auch eine Horde fussballspielender Nachbarskinder ums Haus. Lärmende Kleinkreaturen, die mit «Ruhe», «Maulhalten» und «Verpisst euch» anzufahren als pädagogisch inadäquat galt. Vielleicht waren die Raben gar nicht für mich bestimmt, sondern für die grölenden Gören. Hitchcocks Vögel! Werden und Vergehen einträchtig auf der Spielwiese vor meiner Stube vereint. Vielleicht wäre es doch gescheiter, die Raben würden mich fressen. Unser Quartier bereitete mir ohnehin immer grössere Sorgen. Vor ein paar Wochen wurde gleich gegenüber ein Mann von seinem Balkon im siebten Stock geworfen. Ganz zur Freude der Medien produzierte er Material für reisserisch schöne Pressebilder, denn der Getötete schlug bei jedem Stockwerk an den Balustraden auf und malte so eine unübersehbare rote Spur an die Fassade. Kunst am Bau, ganze siebzehn Meter lang. Letzte Performance eines verkannten Künstlers? Huu … Huu … Schon wieder eines dieser bösen Zeichen. Wo wir grad beim Thema sind: Zwei Wochen danach wurde gleich um die Ecke eine Frau von ihrem Mann mit der Axt erschlagen, auf offener Strasse, morgens um halb acht! Am Samstagnachmittag wurde im Treppenhaus des Nachbarhauses ein Teenager angestochen, und eine Woche später hatte sich im angrenzenden Block eine ältere Freak-Frau selbst eingeäschert. Mit brennender Zigarette eingeschlafen. Dabei liegt das Krematorium keine hundert Schritte entfernt. Aber die Freaks wollen ja immer alles gleich selber machen. Leider vermochten all die Gruselgeschichten die Armada von Hipstern nicht abzuschrecken, die seit ein paar Jahren wie eine Karnickelplage unseren Kreis 3 überrannten.
Tote Vivi, zwei Morde im Quartier, ein Halbtoter und eine versengte Leiche. Zu viele Karnickel, zu viele Raben, und ich, immer noch schlaflos, kotzte munter literweise mein Leben aus. Und nichts, aber auch gar nichts zwang mich, es immer wieder aufzulecken …
Auf der dunklen Seite des Mondes. Dort stand ich nun und kam nicht vom Fleck. Ich aber wollte ans Licht. Folglich musste ich etwas tun, etwas Entscheidendes. Als Erstes brachte ich die gleichnamige LP von Pink Floyd zum nächsten Brockenhaus, wo ich das geliebte Vinyl verschenkte. Das Ganze nahm mich ziemlich mit. Offensichtlich war aller Anfang schwer, doch trennen tat not. Und so hatte ich mich nicht nur von The Dark Side of the Moon getrennt. Nein, auch mein soziales Umfeld liess ich schrumpfen, so wie es einige indigene Völker Südamerikas nach kriegerischen Auseinandersetzungen mit den abgetrennten Köpfen ihrer Feinde taten.
Auf diese Weise wollte ich gewaltsam Platz schaffen für Neues und Besseres. Doch dieses liess auf sich warten, kam nicht auf Bestellung. Dafür tat sich eine beängstigende Lücke auf. Ein vehement Tribut fordernder Abgrund. Ein gurgelnder Schlund, der es gewohnt war, unablässig gefüttert zu werden. Doch da war nichts mehr. Ausser Leere, die nun langsam in dieses Buch tropfte. Leere setzt jedoch die Abwesenheit von etwas voraus, ich aber war anwesend. Somit musste es sich um Leere handeln, die gar keine war. Wie sollte man dieses Gefühl von nichts, was da ist benennen? Einfach nur Manko? Bloss Abwesenheit von Überspanntheit, von starken Reizen, von lauten Tönen? Leere war etwas, das zwar nicht da war, aber von etwas umfasst wurde, das da war. Einem leeren Eimer etwa. Oder anders: Der ungefütterte Abgrund war da und ich rundherum. Somit war ich der Eimer, das Rundherum der Leere. Immerhin. Dieser Abhandlung zufolge konnte ich nicht im Eimer sein!Das war tröstlich.
Leere an und für sich gab es also nur mit einem Rundherum. Beispielsweise mit einem leeren Haus oder einem leeren Portemonnaie. Die Leere im Universum … Damit wurde es schwieriger. Wo war das Ende des Rundherum? Wurde alles in ein schwarzes Loch gesogen? So musste es sein. Und ich sass mitten drin, in diesem schwarzen Loch, wo alle Zeit zusammenfloss, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinandergriffen, um in ein Meer, wiederum aus Leere, zu münden. Das Karussell drehte sich immer schneller und würde mich nächstens in hohem Bogen aus der Bahn katapultieren. Küchentischphilosophie hatte ich mir eindeutig weniger riskant vorgestellt.
Dieses schwarze Loch hatte mich also wieder eingesogen in längst überwunden geglaubte Zeiten. Was war bloss los? Wo war mein neues Leben geblieben? Ich hatte doch Raum geschaffen? Dass ich mich nicht selber füllen konnte, hatte ich begriffen. Aber warum füllte mich jetzt jäh die Erinnerung an Vivi? Ausdrücklich gegen meinen Willen. Was für ein herber Rückschlag. Auch Johannes geisterte überraschend durch meine Hirnwindungen. Auch er mittlerweile tot, an einem Zeckenbiss gestorben. Das ganze Jenseits schien sich bei mir eingenistet zu haben und machte Party. Eine verspätete Halloweenparty mit Gespenstern und fliegenden Leichen, mit Kopflosen, Schrumpfköpfen, Köpfen, in denen Äxte steckten, mit einem Schwarm laut flatternder Raben. Krah … Krah … Krah …
Des Unguten entschieden zu viel. So viel schlechtes Omen auf einmal konnte kein Zufall sein. Hier rief mir ein Etwas aus dem Nirwana zu: «Pass auf, das könnte deine letzte Chance sein.» Oder noch schlimmer: «Das war deine letzte Chance!»
Hatte ich es versemmelt, alles, das ganze Leben? Einfach nichts kapiert, all die Jahre lang? Nur Zeit vertrödelt, keine Nachhaltigkeit, Gott den Tag gestohlen? Nun packte mich das Gruseln vollends. Wie ein wildes Tier riss es mir die Gurgel auf und nahm mir meinen letzten Schnauf. Vor lauter Angst würde ich niemals mehr das Haus verlassen. Ja, nicht mal mehr aus dem Bett steigen. Wenn auch Schlaflosigkeit mir die Nacht zur Hölle machte, so würde mir diese Hölle tausendmal lieber sein, als die schaurige Ungewissheit, die das Leben bereithielt.
Als wäre das nicht genug, als würden Abnabelung und Paranoia nicht ausreichen, als wären meine Zweifel wider die Menschheit, wider eine real existierende Welt nicht hinreichend genährt, ereilte mich ein anonymer Anruf. Ein Mann beschimpfte mich unflätig. Erst glaubte ich, es handle sich um einen Scherz. Doch der Unbekannte, nicht zum Spassen aufgelegt, drohte die Schulden auf rustikale Art eintreiben zu wollen. Eier abschneiden oder so. Ich war im falschen Film, schon klar, aber die Handlung wurde immer abstruser. Nichts gegen eine Prise Surrealismus, aber Psychopathen machten mir Angst. Mehrmals überprüfte ich, ob die Haustür auch wirklich gut abgeschlossen war. Der Januarblues spielte vielen Leuten böse Streiche. Wirrnis und Wahnsinn hatten Hochkonjunktur, die Wunden der Festtage waren noch frisch und schmerzlich und die von Trauer genährte Wut entfaltete sich in diesem Kontext auf wundersame Weise. Ich schloss mich zu Hause ein, schloss mich aus der Welt aus und wartete auf den Abspann. Während draussen der Himmel unbeeindruckt von meiner Pein die Erde munter weiter puderte.
Fan Culo! Ich sass im Januarloch bei Minustemperaturen und fror mir den Hintern ab. Der Schnee fiel flockig auf meine Erinnerungen und nichts passierte. Nichts wurde besser, nur weil die Welt ein bisschen weisser wurde.
Ich war ziemlich durch den Wind und rief Adam an. Adam war ein vierzigjähriger Nerd. Asexuell, arbeitslos, ungesellig, scheinbar jeglicher Sinnenfreude beraubt. Ein Alien. Sein Äusseres sprach Bände. Ein unscheinbarer Gnom, vertrocknet, verschrumpelt. Mit blondem, dünnem, bereits gelichtetem Haar, das bis zur Schulter reichte. Von ausgemergelter Gestalt und leicht gebückter Haltung, als erwarte er jeden Moment Prügel. Wie Smeagol aus Herr der Ringe. Obligate Nickelbrille und auch im Sommer den immer gleichen abgewetzten grünen Parka tragend, ausserdem eine zu grosse, breitgerippte Manchesterhose, die eher einem Kontinuum von Löchern ähnelte, das von Reissverschluss und Säumen zusammengehalten wurde, als einem Beinkleid. Vollendet wurde sein Habit durch einen meist dünnen, dunkelblauen Pullover, der wie ein Fetzen an ihm herunterhing, wobei immer ein Büschel blonder Brusthaare aus dem zu grossen V-Ausschnitt herauslugte. Und, fast hätte ich es vergessen, seine Füsse zierten im Sommer Heilandsandalen, in den drei anderen Jahreszeiten halbhohe ausgelatschte Stiefeletten mit seitlichen Reissverschlüssen, die nie hochgezogen wurden, so dass die Schäfte zur Seite rausklappten, als hätte er Merkurflügelchen.
Doch in diesen Lumpen steckte Geniales. Als Fünfjähriger spielte er bereits Beethovens Diabelli-Variationen auf dem Klavier, konnte er lesen, schreiben und selbstverständlich Schach spielen. In der Schule musste er ständig mit Spezialaufgaben gefüttert werden, da er sonst aus lauter Langeweile die Lehrerschaft in den Wahnsinn trieb. Selbstredend schloss er später das Gymnasium mit Bestnoten ab. Kurz darauf verliess er Winterthur, wo er als Sohn einer frommen Mutter und eines introvertierten Mittelschullehrers aufgewachsen war. Kaum in der grossen Stadt am malerischen See angekommen, musste etwas passiert sein, das ihn aus der Bahn geworfen und in tiefste Verwirrung gestürzt hatte. Niemand wusste Genaueres, und Adam blieb diesbezüglich eine verschlossene Auster. Chemiestudium abgebrochen, Politologiestudium abgebrochen, Biologiestudium abgebrochen. Wie es schien, hatte er seine Studienzeit mehr in der alternativen Szene verbracht als im Hörsaal. Bei der Räumung des besetzten Wohlgroth-Areals1993war er einer der letzten, die von der angerückten Polizei unsanft herausgeschleift wurden. Dabei muss sein bis dato idealistisches Weltbild einen erheblichen Knacks abbekommen haben, den er ein paar Jahre lang mit Drogenexperimenten zu kurieren versuchte. Erfolglos. Anfang der Zweitausenderjahre jobbte er als Aushilfskoch in Kinderkrippen und bildete sich autodidaktisch als Informatiker weiter. Adam fristete ein Schattendasein. Gekonnt benutzte er die Schatten anderer, um in ihrer Deckung von einem dunklen Fleck zum anderen zu huschen. Unbemerkt von Träger und Wirt.
Wie immer fühlte ich mich unwohl mit Adam. Sein Gehabe ging mir auf den Sack. Vor allem seine verbissene Art, an Weltverschwörungstheorien festzuhalten, und die penetrante Weise, sein diesbezügliches Wissen bei jeder unpassenden Gelegenheit einzubringen. Adams wichtigstes Besitztum, Tempel und Bank zugleich, war ein Laptop, den er liebevoll TR’o’JA nannte und der, wie er meinte, unangreifbar sei. Auf TR’o’JA war alles gespeichert, was seine unermüdlichen Recherchen an den Tag brachten, um dann sorgsam, ja fast zärtlich in ein nur ihm bekanntes System einer Datenbank eingeordnet zu werden, inklusive Kommentaren und Quintessenzen.
Was er aber nicht wusste, war, dass Troia im Italienischen «treulose Hure» bedeutet. Oder er wollte es partout nicht wissen, denn ich hatte ihn unzählige Male freundlich darauf hingewiesen. Was ihn regelmässig in Rage brachte. Adam tat mir leid, soweit möglich, was auch ein Grund war, warum ich mich nach wie vor mit ihm verabredete. Trotzdem: Adam nervte, und zwar gewaltig. Dauernd nuschelte er beim Sprechen und benutzte absonderliche Fremdwörter, wo er nur konnte. Ausserdem hängte er ein alle in den Wahnsinn treibendes «Weisst du?» ans Ende jeder seiner Sätze. Ich hätte ihn gerne in ein Kommunikationsseminar gesteckt, wenn es denn etwas gebracht hätte. Lebenslänglich! Und noch was machte ihn unmöglich: Ständig pumpte er sein Umfeld um alles Mögliche an. Geld, Dope, Bier, Salz, Zucker, sogar Zigaretten. Der Nichtraucher! Das stresste, denn da traf er zielgenau meine Schwachstelle. Nein zu sagen fiel mir noch immer unheimlich schwer, obwohl ich seit Neuestem eifrig bemüht war, von geheucheltem Altruismus loszukommen. Die Welt war nun mal kein Streichelzoo. Und ich kein Hilfswerk. Nicht mehr. Erst müsste ich mir selber helfen.
Dass Adams Freundschaften dünn gesät waren, hinderte ihn keinesfalls daran, diese wirkungsvoll zu strapazieren. Verzweifelt lugte ich über den Rand der Tasse, hinter die ich mich in Deckung gebracht hatte, und wusste nicht recht, wie ich beginnen sollte. Schliesslich sagte ich räuspernd und so beiläufig wie möglich: «Sag mal, kannst du dich noch an Vivi erinnern? Vivi, meine Ex, die vor Jahren gestor…» Ich stockte, natürlich, heute war der 15. Januar! Vivis Todestag. Genau an diesem Tag vor sechzehn Jahren war sie gestorben. Das musste der Grund sein, warum sie mir plötzlich wieder so penetrant präsent war. Mein Unterbewusstsein schien offensichtlich der bessere Kalender zu sein als meine Agenda. Musste ich nochmals über die Bücher?
Adams immer feuchte Augen starrten abwesend ins Nichts, als wüsste er nicht, wovon ich sprach.
«Himmel, Adam, komm runter von deiner TR’o’JA! Die schöne Vivi, blonder Deneuve-Typ, immer piekfein gestylt! Meine Ex, die du nicht ausstehen konntest!»
«Ich mag sie alle nicht, deine Bräute. Du und dein billiger Frauengeschmack. Einfach nur indignierend. Bezahlst du die eigentlich? Und wenn ja, womit?»
Das war nicht Adam. Nicht der scheue Adam, den ich kannte.
«Adam, wie sprichst du denn über Frauen?»
Er zuckte zusammen.
«Mann, ich rede von der, die du immer als Mossad-Agentin abgestempelt hast. Es ging das Gerücht, man habe sie damals kopflos aufgefunden.»
Adam wirkte abgespannt, schaute geduckt nach links, nach rechts und murmelte drohend: «Haben sie dich jetzt auch schon infiltriert? Wie lange schon? Was willst du von mir? Genügt es denn nicht, dass man sie mit der Axt erschlagen hat? Weisst du?»
«Mit einer Axt?» Davon wusste ich nichts. Jetzt war ich verwirrt. Bis mir diese Bluttat vor ein paar Tagen in den Sinn kam. «Nicht der Mord von letzthin. Ich rede von der kopflosen Leiche meiner Exfreundin. Es geschah vor genau sechzehn Jahren! Und niemand weiss genau, wie. Es hiess lediglich, man habe sie ohne Kopf aufgefunden.»
Adam kratzte sich an der Stirn: «Mit einer Axt auf offener Strasse seziert. Weisst du? Vermutlich der libanesische Geheimdienst. Und überhaupt, was wird das hier, ein Verhör?»
«Momento Mori!», sagte ich, weil mir nichts anderes mehr einfiel, ich aber unbedingt noch etwas Gewichtiges als Schlusspunkt setzen wollte.
«Momento Mori ist zwar auch sehr hübsch, lieber Rosti, es heisst aber Me, Me-mento Mori!»
Fan Culo, lieber Adam!, wollte ich noch sagen, aber ich schaffte es nicht.
Das Geschäft lief erfreulich. Umsatz und Gewinn stimmten zuversichtlich, und alles in allem war ich ziemlich gefragt. Für mich durchaus gewöhnungsbedürftig. Doch ich gefiel mir so gut in der Rolle des Erfolgreichen, dass ich begann, eine geschäftliche Buchhaltung zu erstellen, auch wenn das niemand von mir erwartete. Dass ich auf Kunst gesetzt hatte, erwies sich im Nachhinein als Volltreffer. Die Früchte meiner Arbeit reichten für das Notwendigste, ohne dass ich das höchste Diplom im Türklinkenputzen hätte erwerben müssen. Ich arbeitete mit den besten Galerien der Stadt zusammen, war ständig in Kontakt mit Sammlern, Kuratoren und anderen wichtigen Leuten der Branche. Ich war zwar kein Star, wirklich nicht, aber wenigstens verdiente ich so viel wie ein Hilfsarbeiter.
Ich war Kunsttransporteur. In meiner Bequemlichkeit nahm ich nur Aufträge an, die in Reichweite lagen. Stadt und nähere Umgebung. Ich packte Kunst in meinen Kleintransporter, verfrachtete die kostbare Ware von Ateliers zu Galerien, von Depots zu Museen oder zu betuchter Kundschaft. Ich hatte Zutritt zu den bedeutendsten Künstlerwerkstätten der Stadt und bewegte mich ständig in stimulierender Gesellschaft. Mein Job war klasse! Stimulierend waren auch die vielen Frauen, die ich dabei kennenlernte: Galeristinnen, Künstlerinnen und gutsituierte Kundinnen. Viele waren überdurchschnittlich attraktiv. Nicht, dass ich ständig Amore gemacht hätte, das kam leider selten vor, eigentlich nur ein einziges Mal, wenn ich mir das nicht nur eingebildet hatte. Aber immerhin, so ein Umgang gab mir ein gutes Gefühl. Auch die meisten Typen waren patent und bescheiden. Glücklicherweise hatte ich es mit Profis zu tun und nicht mit diesem Hobby-ich-bin-auch-ein-Künstler-Gesocks. Mamma mia, die gingen mir vielleicht auf den Keks! Die ganze Stadt war infiziert: Halbtagskünstlerinnen, Einviertelkünstler, Kunsttherapeutinnen, Kunstpädagogen und all die, die sich von einer kreativen Ausbildung zur anderen hangelten. Bloss nichts zu tun haben mit dem wahren Leben.
Unter uns gesagt, gehörte ich auch zu den Pseudokreativen. Glücklicherweise wusste ausser den Käufern so gut wie niemand davon. Ob ich gut, schlecht oder schlimmstenfalls mittelmässig war, überliess ich den Experten. Erfolgreich war ich allemal, erreichte ich doch durch minimalen Aufwand recht gute Resultate. Ich arbeitete vorwiegend kleinformatig und ungelenk. Richtig malen konnte ich nicht, dazu fehlte mir die Übung. Aber ich wusste, wie Farbeffekte erzielt, welche Materialien wie verwendet wurden, hatte eine Ahnung von Bildeinteilung, und vor allem wusste ich, was man auf gar keinen Fall tun durfte. Das Know-how, die geheimen Codes der Kunstwelt wurden mir ständig von den besten Künstlern der Stadt dargelegt. Ich kupferte bei allen ab, auch weil mir als Laie nicht viel anderes übrigblieb. Ich kopierte hier, schaute da ab, fragte interessiert, wie sie es denn gemacht hätten, das tolle Werk. Und gegenüber diesem freundlichen, unbedarft daherkommenden Transporteur lüfteten sie gerne ihre Geheimnisse.
Wichtig war, dass ich mich beim Verkauf einigermassen schlau verhielt. Ausstellungen machte ich keine, so vermied ich Argwohn und unnötige Kosten. Da ich sowieso ständig mit den richtigen Leuten auf Tuchfühlung war, genügte meist eine zweckdienliche Bemerkung im passenden Augenblick, wie etwa: Der Iwan von der Galerie Baur & Hit hätte mir letzte Woche eine kleine Zeichnung abgekauft, aus Dankbarkeit für meinen Einsatz. Und schon galt ich bei den wirklich wichtigen Kunstleuten als Geheimtipp. Art brut sei das, was ich da mache, oder Outsiderkunst. Ach ja? Ich musste erst googeln, ehe ich verstand. Aber ich kapierte schnell, so eine Art neuer Krüsi wollte ich sein. Und solange ich genügsam blieb, ohne meinen Förderern in die Quere zu kommen, bescherte mir mein Inkognito-Künstlerdasein ein schönes Nebeneinkommen. Mehr wollte ich nicht. Gehaltmässig stieg ich langsam zum Gesellen auf, und tapfer beschloss ich, mit dem in meinem Umfeld weitverbreiteten ewigen Lamentieren aufzuhören. Es machte sich einfach nicht gut für einen erfolgreichen Geschäftsmann, der eine eigene Buchhaltung zu erstellen pflegte.
Mit meinem Eremitendasein war ich eigentlich ganz zufrieden, zumindest zeitweise. Was blieb mir auch anderes übrig. Lieber allein als in schlechter Gesellschaft, heisst ein beliebtes italienisches Sprichwort. Mein Freundeskreis war von mir gewichen wie Wasser von einem Fettfleck. Gleich wie ihre Ideale zur Einkaufsware verkamen, wurde ich zum schlechten Gewissen, das es zu verscheuchen galt. Je mehr der Ernst des Lebens sie vereinnahmte, desto mehr gedieh ich zur Persona non grata, bis der Abgrund unüberbrückbar wurde. Nicht einmal mehr über einen wackligen Holzsteg passierbar. Zu oft hatte ich ihre lausigen Gedanken gelesen, die wie Zeitungsaushänge von ihren Stirnlappen baumelten. Sie waren nicht mehr bereit, sich dauernd von einem Nestbeschmutzer belehren zu lassen und gleichzeitig seine Zeche zu bezahlen. Aus meiner Perspektive glichen unsere kollidierenden Realitäten einer Autoscooterfahrt. Alle gegen einen, nur dass mein Wägelchen als Einziges nicht gepanzert war. Und während ich nach wie vor lauthals unbequeme Wahrheiten aus meinem ramponierten Wägelchen bellte, wurden sie immer mehr zu Fronknechten des Systems, die ihr ruhiges Plätzchen im Mittelstand zu wahren suchten. Samt bildungsbürgerlichem Anstrich und trendigem Szenekolorit.
Das Handy klingelte, ich schaute aufs Display. Keine Nummer. Stimmt, schon lange keine mehr geschoben. Aber Santo Cielo, woher wusste das die Telekom-Gesellschaft?
«Guten Tag, ich rufe an im Auftrag der Rudolfo-Hess-Stiftung …»
Unglaublich, wie steif die Frau am Apparat klang. Eine Telefonverkäuferin, und erst noch eine himmeltraurige. Wollte die mir jetzt Porzellantassen oder Illustrierte verkaufen? Ich stellte mir die Frau vor, wie sie so dasass in einem öden Callcenter, als hätte sie einen Besenstiel geschluckt, Poveretta. Im Rücken eine sadistische Ausbilderin, von der sie permanent ihre Unfähigkeit bestätigt bekam. Ich war einfach zu empathisch, um gleich wieder aufzulegen.
Bene, bene, die wollten mich also engagieren, das konnten sie haben. Zwei neue Firmen aufs Mal – Rudolfo-Hess-Stiftung und Artesudamericana. Gleiche Adresse, verschiedene Stockwerke und: Löwenplatz! Nicht ganz top, aber ziemlich nah dran. Schauen wir mal. So konservativ, wie die Tante am Telefon geklungen hatte, sind die wahrscheinlich kleinlich und kompliziert. Dafür zahlen sie pünktlich. Man konnte nicht alles haben: entweder stimulierendes Umfeld oder pünktliches Geld. Anregende Kundschaft hatte ich schon genug. Nun sollte ich mich also bei denen vorstellen, noch heute Nachmittag. Das hiess: rasieren und Hemd wechseln. Hoffentlich würde sich der Aufwand lohnen. Nachdem ich mein Erscheinungsbild so gut wie möglich optimiert hatte, fuhr ich los. Zehn Minuten Fahrzeit, zwanzig Minuten Parkplatzsuche. Zu Fuss wäre ich schneller gewesen. Es war eines der Häuser gegenüber der Tramhaltestelle, nicht spektakulär, aber gediegen. Ich solle mich gleich bei Artesudamericana melden, meinte Frau Gerlang. Das Klingelbrett war golden und von erlesenem Geschmack. Was da alles so draufstand! Neben den obligaten Anwaltskanzleien und meinen beiden neuen Brötchengebern war auch der Name des Generalkonsulats derDominikanischen Republik ins edle Metall graviert. Ich wusste, dass das Moldawische Konsulat bei mir um die Ecke lag, jetzt wusste ich auch, wo sich Dominikaner konsulieren liessen. Wie schön.
Ein angenehmes «Ja, bitte?» ertönte aus der Gegensprechanlage, und nach meiner Identifikation summte der Verriegelungsmechanismus wie eine Savannah-Katze. Ein leichtes Drücken, schwups, ging die Tür auf, und ab da wurde es so richtig fett: Das Treppenhaus war schwarz marmorn, das Geländer vergoldet, ein edler Läufer schlängelte sich in die oberen Stockwerke. Der Lift war besetzt, und so hüpfte ich, zwei Stufen aufs Mal nehmend, aufwärts an der ersten Etage vorbei, wo ein glatzköpfiger Schrank von einem Mann mit einem Stecker im Ohr kein bisschen zurücklächelte, als ich ihm freundlich zunickte. Testa di Cazzo, dachte ich so leise wie möglich und stand schon bald vor der Tür zu meinem zukünftigen Wohlstand.
Gleiche Identifikationsprozedur und immer schön in die Überwachungskamera lächeln – der erste Eindruck soll ja entscheidend sein. Grosszügiger Kitsch in grosszügigen Räumen empfing mich überfallartig. Nebst weiterem Marmor, abgeschmackten Gardinen und Vorhängen viel Glas und Stahl, aber immerhin USM-Haller-Regale. Wo war der Gepard? So eine Standporzellanfigur gehörte doch standardmässig in solch ein geschmäcklerisches Interieur. Tatsächlich, links neben mir stand sie, die Wildkatze, und fauchte anmutig ihre Fadesse in den Raum. Echt chic! Was die wohl für Kunst importierten? Und was mir auch grad unangenehm ins Auge stach: Hier sah es auffällig südländisch aus. Porca Miseria, Südländer zahlen nie pünktlich, wenn sie überhaupt jemals zahlen. Meine gute Laune bröselte langsam dahin und erst jetzt sah ich sie hinter ihrem Pult aus dem rechten Seitenraum hervorkommen.
«Lo Bello, ich bin hier das Mädchen für alles», kokettierte sie offensichtlich und streckte mir freundlich die Hand entgegen. Mich hätte es beinahe längs auf den teuren Marmorboden gestreckt. Lo Bello machte ihrem Namen alle Ehre. Was für eine tolle Frau! An ihr war alles dran, was Mann sich nur wünschen konnte. Ihr Gesicht hatte beinahe asiatische Züge, die in einem ovalen, langgezogenen, afrikanischen Fetischkopf eingebettet lagen, und ihre dunkelroten Lippen sprangen förmlich aus dem dunklen Teint. Bestimmt würden sie sich beim Küssen leicht unterkühlt anfühlen. Ich liebte kalte Lippen. Ihre Augen sah ich mir nicht an, das wagte ich nicht, aber an ihren überhängenden slawischen Wangenknochen hätte ich gerne Freeclimbing betrieben, um dann bebend im dezent aufgetragenen Rouge abzustürzen. Rabenschwarzes, streng nach hinten gekämmtes Haar, das in einem kunstvoll gebogenen Pferdeschweif endete und sehr südamerikanisch wirkte, rundete das Bild ab. Eine wahrhaft unglaubliche Mischung. Die Essenz weltumspannender Verschwisterung. Ein Anschlag gegen alle männlichen heterosexuellen Globalisierungsgegner.
Einen silbernen Kugelschreiber zwischen Mittel- und Zeigfinger wippend, stand sie mit durchgestrecktem Rücken und leicht zur Seite geneigtem Kopf da. Eingehüllt in anthrazitfarbigen Satin, erschien sie mir wie die hollywoodsche Filmdiva einer vergangenen Epoche. Ich war erschüttert. Eine vom limbischen System ausgelöste endogene Psychose knallte mir ins Hirn wie ein Lasergeschoss der X-Flügler aus Star Wars. Ein ins Gesicht geschleudertes «Vergiss es!» Ich war zu keinem einzigen Gedanken mehr fähig.
«Guten Tag, Herr Tambini», sprach sie mich freundlich an. Ich versuchte verzweifelt im Boden zu versinken und brachte keinen Pieps heraus. Auf gar keinen Fall wollte ich weiter schauen, schon gar nicht auf ihre Beine. Mamma mia … Nur das nicht! Was sollte ich bloss tun? Testa di Cazzo, dachte ich konfus und stand geknickt da, wie ein Halm Büffelgras nach dem Durchmarsch von General Custers Kavallerieregiment in Kansas.
«Hallo? Grüezi, Herr Tambini», wandte sie sich noch einmal an mich. Vielleicht hätte ich ihr auf der Stelle einen Heiratsantrag machen sollen. Vielleicht hätte das was genutzt. Ich muss wohl einen ziemlich belämmerten Eindruck hinterlassen haben, denn plötzlich fing sie an zu lachen. Und zwar auf eine Art, die so gar nicht zu ihrer Erscheinung passte. Völlig unbeschwert und natürlich. Vermutlich hat Johanna Spyris Heidi so gelacht, bevor sie nach Frankfurt musste. Ansonsten war an ihr nichts, aber auch gar nichts Berglerisches. Was also war zu tun? Jetzt, wo mir mein Wunschtraum in Fleisch und Blut erschienen war? Warum stand mir niemand bei?
Nichts ging mehr. Totstellen? Ich konnte mich nicht entscheiden. Ich schloss die Augen, holte tief Luft, zählte bis drei, in der Hoffnung, dass der Spuk dann vorbei sein würde. Nichts da. Dann fasste ich wieder Mut, kehrte rasch meinen Verstand zusammen, der wie ein zerschellter Spiegel über den Marmorboden verstreut lag, und starrte intensiv auf Lo Bellos linkes Ohr.
