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Wer kann wissen, ob es uns morgen noch gibt, oder ob wir noch die selben sein werden? Eine Autorin und drei Autoren schreiben über ihre Rituale des Verschwindens.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Angsthasenspiel
Pillenknick
Wunde Hunde
Dann ist das doch irgendwas Großes.
Dem Hasen die Kunst erklären
Noch eine Coverversion von »You can't put your arms around a memory« Oder: Wäre ich ein Lied von den Smiths hätte ich einen noch längeren Titel
Es liegt ja nicht an mir, dass ich hier falsch liege
Bad Habit of the Rabbit
Ich hör nichts davon
Dü-Dö-Dü, kein Abschluss unter dieser Nummer
Ich denke, die Worte sind
(engl. Chicken Game), Problem aus der Spieltheorie, Mutprobe: Zwei Autos rasen aufeinander zu. Weicht ein Fahrer aus, verliert er das Spiel, weicht keiner der beiden Fahrer aus, verlieren beide - ihr Leben
In den Nullerjahren hatte ich alles richtig gemacht. Ich zog nach Berlin und studierte Kommunikationsdesign. Ich gebe zu, das ist etwas abstrakt formuliert, aber es funktionierte tatsächlich. Wenn an Weihnachten Verwandte oder Schulfreunde zusammenkamen und wissen wollten, was ich »so mache«, war dieser Satz mein Joker: »Ich studiere Kommunikationsdesign in Berlin«. Dann musste ich nur noch ein paar Bewegungsmeldungen aus der noch jungen Bundeshauptstadt liefern - Potsdamer Platz, Reichstagskuppel und so weiter - und alle waren zufrieden. Die Schulfreunde meinten dann, dass sie schon immer nach Berlin ziehen wollten. Die Verwandten machten sich Sorgen, dass ich eventuell auf Drogen kommen würde, aber das war eine süße Sorge und sie konnten Sachen sagen, wie »meine Nichte aus Berlin« oder »meine kreative Cousine«. Mein Studienfach wurde von den Leuten nicht wirklich verstanden, aber es klang zumindest »spannend« und »irgendwie modern«.
Alles war gut in dieser Zeit. Ich hatte immer genug Geld beziehungsweise so viel weibliches Humankapital zur Verfügung, dass ich jeden Tag ausgehen konnte und den Urlaub machen, den man halt so macht, damit man mitreden kann. Eigentlich hätte ich entspannt und zufrieden sein können. Doch irgendetwas stimmte nicht mit mir. Tagsüber versuchte ich das Gefühl mit »MTV Cribs« und überflüssiger Arbeit an Semesterprojekten klein zu halten, nachts wollte ich es mit Alkohol abtöten, bis allein der Geruch der meisten Schnapssorten Brechreiz bei mir erzeugte. Doch mein Problem ließ sich durch Ablenkung nicht vertreiben, sondern nur aufschieben. Es schien fast so, als ob ich mir in den Kopf gesetzt hätte, Zeit einfach wegzupissen. Alles fühlte sich so konturlos an. Als ob mich eine fremde Macht dazu zwingen würde, keine eigenen Ziele zu verfolgen. »Was willst du machen, wenn du mit dem Studium fertig bist?«, »Was ist dir im Leben wichtig?« Auf diese Art von Fragen hatte ich einfach keine Antwort, all das lagerte sich in mir ab, hinterließ eine Art Belag, der mich Schritt für Schritt krank machte. Ich entwickelte kleine Neurosen und Panikattacken und war regelmäßig davon überzeugt, ersticken oder von einer Brücke springen zu müssen. Und niemand hielt mich davon ab. Aber ich tat es ja auch nicht.
Einmal war ich vor allen Leuten umgekippt. Meine Beine sackten weg, mein Körper folgte nach. Man hätte meinen können, dass ich den Unfall nur simulieren wollte. Ich landete auf der Seite, konnte mich gerade noch mit den Händen abstützen. Es sah beinahe elegant aus, wie eine weibliche Schwächeperformance. Doch für mich fühlte es sich wichtiger, viel bedrohlicher an. Nicht der Sturz, vielmehr das Loch, das sich in mir auftat. Ein tiefer Krater, weil der Druck etwas in mir zum Bersten gebracht hatte. Als mir jemand helfen wollte, konnte ich kaum antworten. Als ob die Worte über das Loch explosionsartig nach außen gedrungen waren und ich plötzlich völlig leer wäre.
Es passierte im letzten Semester auf der Verleihung eines Designpreises. Mein bester Freund, Daniel, hatte mich als seine Begleitung mitgenommen, weil wir hin und wieder miteinander schliefen und er seinen Erfolg vollumfänglich feiern wollte. Ich trug ein rotes Kimonokleid und goldene Zehensandalen. Beides hatte ich kurz zuvor in einem Secondhandshop gekauft, der nach Kilo berechnete und sich anscheinend nicht richtig um den Zustand seiner Ware kümmerte. Das Kleid hatte einen langen Schlitz bis zur Mitte des Oberschenkels, die Hälfte davon war eingerissen. Der Stoff roch irritierend stark nach Patschuli und Oma-Parfum, nicht der übliche Secondhand Geruch, sondern als ob er nicht gewaschen worden wäre. Trotzdem machte mir dieses Outfit Spaß. Ich konnte mich breitbeinig hinstellen und meine Oberschenkel präsentieren, während mich aufgekratzte Designerinnen musterten und weiß Gott was über mich dachten. Wie anders sahen ihre schwarzen Röcke, ihre Etuikleider aus!
Daniel schien weniger selbstsicher mit seinem Aussehen. Dauernd prüfte er den Sitz seines Jacketts, zog an den Manschetten und richtete seinen Seitenscheitel. »Ich muss noch dieses Foto machen«, sagte er angespannt »Ich möchte mich nächsten Monat in allen Magazinen abgedruckt sehen.«
Mir war schleierhaft, warum er sich so gehetzt fühlte. Die meisten Programmpunkte hatte er schon hinter sich. Die Verleihung der Urkunde für den Nachwuchspreis, das Abendessen, das exklusiv für die Gewinner ausgerichtet wurde, Fisch und Miesmuscheln. Jetzt stand für ihn nur noch das obligatorische Foto-Shooting an. Ja, es war ein großer Tag für ihn. Er konnte den Preis ab sofort in seinem Lebenslauf unterbringen und er hatte damit die Chance, einen Job in einem der besseren Design-Büros zu finden.
Am Abend vor der Preisverleihung war mir das so richtig bewusst geworden. Ich saß mit Daniel auf meiner Dachterrasse, wir hörten elektronische Musik, während er eine Animation für die begleitende Ausstellung rausrechnen ließ. Er lag entspannt auf seinem Sonnenstuhl und zählte alle Optionen auf, die er sich beruflich ausmalte. Es klang vielversprechend, aber auch so, als ob noch ein großes Stück Arbeit vor ihm liegen würde.
»Nach dem Bachelor gebe ich mir ein, zwei Jahre und dann habe ich was eigenes«, sagte er und streckte sich und legte seine Hand in meinen Nacken.
»Das glaube ich auch«, sagte ich resigniert, denn ich stellte mir vor, dass Daniel irgendwann einer dieser selbstherrlichen Agenturchefs werden würde und schlecht bezahlte hübsche Praktikantinnen hatte.
»Was wird wohl meine Zukunft sein?«, sagte ich gedankenverloren und kreiste meinen Kopf gegen seine Hand. Ich spürte wie sich der Schweiß seiner feuchten Haut in meine Haare rieb.
»Da bin ich mir auch nicht so sicher. Das habe ich mich tatsächlich auch schon gefragt. Ich finde, du bekommst deine PS einfach nicht auf die Straße. Du bist zwar talentiert, aber du lieferst nicht. Du machst immer nur rum.«
An diesen Satz dachte ich, als mir Daniel seine verschwitzte Hand auf den Rücken legte und wir uns auf den Weg zu seinen Fotos machten.
Hinter dem Foyer, in Richtung der Toiletten war ein langer weißer Gang. Irgendwo in dessen Mitte gab es eine kleine Ausbuchtung, mit einer Bar und einem großen Spiegel dahinter. Daneben war die Wand mit Logos aufgebaut. Die Kreativen drängten sich wie verrückte Affen, um sich ablichten zu lassen. Daniel machte es wie die anderen und stellte sich in der Schlange an.
»Du siehst fantastisch aus!» raunte er mir verschwörerisch zu und tat als ob er mich mustern würde.
Pflichtbewusst lächelte ich zurück, obwohl es mich nervte, dass er offensichtlich schon den Abend mit mir klar machen wollte. Seine Wangen hatten eine rötliche Färbung angenommen. Er sah wie ein überhitzter Hamster aus. Immer wieder blitzten seine Zähne auf, weil er vor Aufregung aus dem Mund atmete. Ich dachte daran, dass er manchmal nach Schweiß roch und ich das Bettzeug mit Deo besprühen musste, wenn er kurz im Bad war. Ob er auch jetzt stank, zwischen all den Leuten? Und ich beobachtete das aufgeregte Gedränge und fragte mich, warum alle so begeistert von einem Preis waren, für den sie bezahlen mussten. Es fühlte sich für mich an, als ob ich meilenweit von diesen Menschen getrennt wäre. Ich wollte eine Flasche Champagner auspacken, die Daniel und ich rein geschmuggelt hatten und mich allein damit betrinken. Doch daraus wurde nichts.
Plötzlich wirkte es, als ob ich schief wäre. Mein ganzer Körper wollte in eine Richtung sinken und ich musste mit voller Konzentration dagegen ankämpfen. Ich stelle mich breitbeinig hin, dieses Mal nicht um vor den Leuten zu protzen, sondern einfach nur um meine Haltung zu stabilisieren. Im Spiegel neben der Bar sah alles an mir normal aus. Ich hätte schwören können, dass ich ganz gerade stand. Doch immer wieder schien mir der Saft auszugehen und für den Bruchteil einer Sekunde wurde mir schwarz vor Augen. So kurz nur, dass ich nicht sicher sein konnte, ob ich das Ganze nur geträumt hatte. Daniel hatte sich mittlerweile zum Fotografen durchgekämpft. Er posierte mit einer hochgezogenen Augenbraue und tat als ob er sich die Fliege richten würde. Ich weiß noch, dass ich dachte: Ist er tatsächlich schon so weit sich selbst zu persiflieren? Würden man das Rot seiner Wangen mit Photoshop wegmachen müssen?
Und dann fiel ich. Eigentlich war es eher ein Sinken. Ein paar Leute glaubten wohl, ich wäre mit meinen Highheels gestolpert, bis sie sahen, dass ich nur Zehensandalen trug. Sie reckten die Hälse nach mir und runzelten die Stirn. Als ich nicht sofort wieder aufstand, lief ein dunkelhaariger Typ mit Brille auf mich zu. Er hatte Panik in den Augen, charmante aufgesetzte Panik. Er kniete sich vor mich hin und fasste mir an die Schulter.
»Alles in Ordnung?«
Sein Atem roch nach Sardinen und Alkohol.
»Ich denke schon«, sagte ich und wäre am liebsten sofort aufgestanden. Aber ich schaffte es nicht.
»Kann ich dir ein Wasser bringen?«
Der Typ und ich sahen zeitgleich auf die Champagner Flasche in meiner Hand. Es fühlte sich an als ob sich meine Augen mit Tränen füllen würden.
»Wie heißt du?«, fragte er und sah mich aufmunternd an. »Hast du auch einen Preis gewonnen?«
»Nein«, sagte ich. Und: »Ich heiße Alida.«
Manchmal schlüpfst du in so eine Ausgehnacht wie in einen Anzug von Armani; in anderen Nächten ist es eher so, als stürzt du mit dem Kopf voran in einen Altglascontainer. Auf dem Weg in den Club eben noch die Kopfhörermusik auf Trümmerlautstärke, übermotiviert »Follow the White Rabbit« mit einem Edding auf den Arm geschmiert, Euphorie aus der Dose gesüffelt, und alles hatte Sinn versprochen. Jetzt, in der Schlange vorm Einlass, spüre ich die Fassade bröckeln. Darf ich vorstellen, ein kleiner Fisch in einem großen Klärbecken namens Generation X-Beliebig. Ich fühle mich von allen Seiten beobachtet, als ob sie alle meine Unsicherheit wittern könnten. Mir fallen Julias Worte wieder ein: »Nur weil man paranoid ist, heißt das nicht, dass man nicht trotzdem verfolgt wird.» Ach Julia. Kluges Mädchen. Schönes Mädchen. Besonderes Mädchen. Besonders besonderes Mädchen… selbst dann noch, wenn sie Nervwahna zitiert. Ich vergewissere mich erneut, ob ich ihre Nummer auch ganz sicher aus meinem Handy gelöscht habe.
Höchste Zeit, ins Karussell einzusteigen. Es hat schon angefangen, sich zu drehen. Die Zentrifuge am Eingang saugt die Nachtschwärmer kilometerweit an. Der Tausendfüßler vor dem Eingang wächst schneller, als die Türe ihm die vordersten Segmente abbeißen kann. Mein letzter Drink ist jetzt auch schon über eine halbe Stunde her. Fast bin ich drinnen, ich kann die Nebelmaschine schon riechen. Und dann doch wieder – Stillstand.
Die Leute hinter mir gehen mir auf die Nerven, ey. Manchmal lässt sich das Gemasse nicht einmal betrunken ertragen. Affirmatives Gekicher von verschminkten Bimbos über Geprolle von überdrehten Abiturienten mit zu viel Scheitel, und Schlimmeres. Ungeduldige Ellenbogen und andere Körperkanten, die ich an Menschen – sofern sie nicht Objekt meiner Begierde sind – endlos störend finde, bollern mir in den Rücken. Ich hebe das Kinn und sage zum Monolithen, der den Zutritt ins Stereowunderland versperrt: »Also jetzt mal im Ernst, das hier bringt meinen Zeitplan für heut Nacht empfindlich durcheinander.«
Er sagt nix, hat wie immer auf Durchzug gestellt, und irgendwann lässt er dann doch endlich die nächste Handvoll Leute hinein.
Zwölf Tacken bin ich grad losgeworden, und das alles nur fürs Basis-Paket: drin sein, aber noch nicht in sein. Habe noch kein einziges bekanntes Gesicht erspäht, und hätt ich's mir nicht denken können!
Ich schiebe mich an die Theke, weil ich nicht mal mehr sicher bin, wie der Anfang geht, und tue so, als würde ich die Getränkeliste studieren. Eingekeilt zwischen Fremden kaufe ich mir ein Lächeln von der Bedienung... wow, das!... und damit eine gute Haltungsnote: In der Linken eine Zigarette, in der Rechten eine Pulle Bier. Damit habe ich mich für diesen Abend und für das
