RIVE-GO Insel aus Null und Eins - Willie Javier de Beer - E-Book

RIVE-GO Insel aus Null und Eins E-Book

Willie Javier de Beer

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Beschreibung

Das Ding sah aus wie eine Comicfigur und kam direkt auf mich zu. Ich erwartete eine Begrüßung, aber es hob nur die Hand, spreizte den Finger und sagte: „Fuck you!“

Eine abgeschottete Insel im Atlantik, darauf Studenten und Professoren aus Europa und der ganzen Welt. Ihr Auftrag: Forschung und Entwicklung von Robotern und künstlicher Intelligenz. Die Tage sind mühsam, die Abende eintönig, alles durchweht ein hoher ethisch-moralischer Anspruch. Die Geschlechter leben getrennt, die Ernährung ist vegetarisch und Alkohol sehr teuer. Einzig an den seltenen An- und Abreisetagen steigen wilde Partys, die sich den Spaß machen, Neuankommenden mit Robotern und Maschinen möglichst viel Angst einzujagen. Es laufen sogar Wetten, wer wie schnell heulend zusammenbricht. Warum ausgerechnet das toleriert wird, weiß keiner.

Mittendrin Psychologiestudent Sammy, der diese Geschichte erzählt. Intelligent und sensibel, aber auch ohne falsche Illusionen. Das "Survival of the Fittest" gilt für ihn noch immer, nur versteckt es sich gern hinter den Idealen einer reichlich verlogenen Gesellschaft, in der nicht sein soll, was nicht sein darf. Eine Welt des schönen Scheins. Fast fliegt er sogar von der Uni, als sein Projekt, für das sich lange niemand interessiert, plötzlich als reaktionär und frauenfeindlich in Verdacht gerät und keiner mehr mit ihm zu tun haben möchte.

Sammy ist in die schöne Manu verliebt und fängt sogar, nur um ihr nahe sein zu können, mit dem Rauchen an. Eine schnelle, zufällige Nummer in der Uni-Garderobe ist für sie nur ein "Trostfick", für ihn so etwas wie ein Wunder. Dabei ist Sammy kein Loser, eher ein Realist mit sehr feinem Gespür für die wahren Absichten hinter einem hingehauchten "I love you". Seine Lage wird nicht wirklich besser, als Manu alberne Bemerkungen über seinen "Monsterpimmel" postet.

Manu gehört zu den "Fab Four", einer Gruppe attraktiver Studentinnen, die sich um den schillernden und bestens vernetzten Professor Bionick geschart hat. Er arbeitet an etwas Ungeheurem, Menschengleiche Roboter, realen Vorbildern in allen Details gleich, ein Milliardenmarkt der Zukunft.

Manches funktioniert bereits, anderes wird einfach behauptet. Da geht es viel um Show, um Bluff und so tun als ob, denn es warten Fördergelder, Sponsoren und glänzende Karriereaussichten. Als Not am Mann ist, muss Sammy als Roboter verkleidet Kellner spielen und sich betatschen lassen, nicht eben das, was er sich gewünscht hatte. Doch dann steht er plötzlich einer Maschine gegenüber, mit der er niemals gerechnet hätte. Und die alles in seinem Leben über den Haufen wirft.

Eine bissige Satire auf die Zukunft, die gerade eben Realität wird.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Willie Javier de Beer

RIVE-GO Insel aus Null und Eins

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

EPILOG

P.S.

Impressum

Title Page

Kapitel 1

 

 

 

 

 

1

 

Noch nicht mal zum Hafen raus war mir bereits schlecht. Das kleine Boot, auf dem ich mich auf dem Vordeck festkrallte wie eine Memme, schaukelte böse hin und her. Überall blätterte Farbe ab, es stank penetrant nach Ölschmiere und Fischresten, Dieselqualm drang aus allen Ritzen und Fugen, das alte Ding ächzte und stöhnte. Den Kapitän, oder wie immer man den mürrischen Typen im winzigen Häuschen am Steuerrad auch nennen mochte, verdunkelte ein Gesicht, das mich an einen frisch gepflügten Acker erinnerte, die Bartstoppeln wie Reste aufgewühlter Wurzeln und Triebe. Wahrscheinlich war er in einem längst zur bitteren Erinnerung geronnenen Leben mal Fischer gewesen oder Krabbenfänger und musste sich jetzt mit schlecht bezahlten Taxifahrten ein Zubrot verdienen. Ich versuchte zu rauchen, aber das machte es nicht besser, ganz im Gegenteil. Es war sowieso eine idiotische Angewohnheit, die ich mir nur angewöhnt hatte, um Manu näher sein zu können, der wohl schönsten Frau der Welt, jedenfalls für mich, dem unverbesserlichen Träumer.

Sie war damals in meiner Anfangszeit an der Uni oft draußen beim Rauchen gestanden, und ich hatte sie mit anderen herumalbern und lachen und sich alles Mögliche erzählen gesehen. Es war mir wie ein Ort der Glückseligen erschienen, zu dem ich nicht gehören durfte, nur weil ich einer dieser lächerlichen Gesundheitsapostel war und nicht rauchte. Das hatte mich dann entweder in schwarze, bodenlose Traurigkeit gestoßen oder in mir rasende Eifersucht geweckt, die ich in dieser Form gar nicht kannte. Bis hin zur Vorstellung, all die anderen um sie herum mit einer pulverrauchenden Maschinenpistole niedermetzeln zu müssen, um mir Genugtuung und Erleichterung zu verschaffen. Eines Tages kaufte ich kurzentschlossen am nahen Eingang zur Metro Zigaretten, dabei wusste ich nicht mal welche Marke ich nehmen sollte und wählte eine Packung mit einem hässlichen Foto voller Zahnfäule. Als ich mich zu ihr gesellte, musterte sie mich auf jene spöttische Art und Weise, die mir Hinweis genug hätte sein können, mich vor ihr gerade wieder einmal komplett zum Affen zu machen. Sie sagte, sie dachte, ich rauche nicht, woraufhin ich nicht mal einen einzigen vernünftigen Satz rausbrachte, sondern nur so etwas wie ein verstocktes Murmeln.

 

Abundzu. Schonmal.

Ich versuchte das verdammte Ding im zugigen Wind irgendwie anzukriegen, was überhaupt nicht einfach war und ein paar meiner Fingerkuppen röstete. Mir war gar nicht klar gewesen, wie entsetzlich es schmeckte, bitter, scharf, ekelhaft. Als lutsche man an einem Auspuff, vollkommen idiotisch, darin lag überhaupt kein Sinn. Natürlich musste ich husten und ebenso natürlich versuchte ich es zu unterdrücken. Das trieb mir Tränen in die Augen, was es keinen Deut besser machte. Du bist witzig, meinte sie fröhlich, aber ich war nicht witzig, ich war wie jeder verliebte Trottel auf diesem Planeten nur komplett neben der Spur. Manu hatte schöne Augen, einen geheimnisvollen Blick, melancholisch und vieldeutig. Ich konnte viel Zeit damit verbringen, mir irgendwelche Geschichten über sie auszumalen, die natürlich schnell jeden Kontakt zur Realität verloren. Sie hatte lange, dunkle Haare, einen tollen Körper, wie ich fand, und sie roch gut, wenn man den Zigarettengestank mal außen vor ließ, dem eher etwas Billiges, Nuttiges anhaftete, was aber andererseits auch einen gewissen animalischen Reiz verströmte.

Manu gehörte zu den sagenhaften Fab Four, jenen vier hübschen Studentinnen mit Traumnoten, die einen besonders guten Draht zu Professor Bionick hatten, der an unserer Uni voll Hollywood war, wie es irgendwer mal bezeichnete. Ein echter Star, der ständig in Talkshows hockte, von Fernsehteams begleitet durch die Gänge schlenderte und dabei interviewt wurde, sehr populäre Bücher schrieb, oder schreiben ließ, wie das Gerücht umging, von Studenten wie mir, wie ich später erfuhr, Maßanzüge trug, im feuerroten Ferrari fortbrauste, wo die meisten seiner Kollegen aus streng ideologischen Gründen Fahrrad fuhren, der bestens bis in höchste Kreise vernetzt war, oft reiste und sich dann an der Uni vertreten ließ. Von verhuschten Doktoranten, die das genaue Gegenteil von ihm waren. Gerüchte über ihn waren Legion, ein sehr weit verbreitetes behauptete, er verfüge über ein großes privates Vermögen, andere sagten, seine Frau wäre reich, wieder andere, er wäre nur ein verdammter Blender, ein Sack heißer Luft ohne jede echte Substanz. Man konnte es sich nach eigener Vorliebe heraussuchen, passend zum Neid oder der schäumenden Eifersucht. Bionick war umstritten, weil er Erfolg hatte und Aufmerksamkeit erfuhr und sie auch noch mit einer unglaublichen Großspurigkeit genoss, seine Kollegen blieben neben ihm völlig unsichtbar und wirkten wie kleinkarierte Zwerge. An ihrer Stelle hätte ich Bionick auch gehasst.

Ohne Manu wäre ich wohl nicht zu dieser Art zwanghafter Raucher geworden. Jetzt aber versuchte ich möglichst viele Pausen neben ihr zu verbringen, die Zigarette wie eine Trophäe zwischen den Fingern, über Gott und die Welt plaudernd, den Lässigen spielend. Ohne sie hätte meine berufliche Karriere auch keine unvorhergesehene, neue Perspektive bekommen, die auf nichts weiter als tausend Zufällen beruhte. Aber eines Nachts geschah etwas, für dass es vorher überhaupt keine Anzeichen gegeben hatte. So um drei herum glitt irgendeine Abschiedsfeier in der Uni in ihre komatöse Phase, in der sich ein Rest an sedierten Nachtschwärmern tapfer gegen den Gedanken des Nachhausegehens stemmte, doch andererseits zu nichts mehr fähig war, als mit einem Rotweinglas oder einer Bierflasche in der Hand vor sich hin zu starren.

Ich wollte bereits seit Stunden gehen, irgendwann schaffte ich es tatsächlich mich aufzurappeln, ein Wunder an Wille und Entschlossenheit. In einem kleinen, separaten Raum stapelten sich die Utensilien und Mäntel der Gäste und ich versuchte, dort meine Jacke wiederzufinden. Stattdessen fand ich Manu in einer Ecke, was mich sehr überraschte, denn ich hatte den ganzen verdammten Abend lang inständig gehofft - ja gefleht, es hündisch erbettelt - sie möge bitte kommen, doch sie nirgends gesehen. Ihre geröteten Augen verrieten, dass sie geheult haben musste, heftig und lange und leider nicht über mich. Okay, sagte ich mir, der Tröster in der Not ist ja immer ein guter Einstieg für all jene, die nicht die Gnade der athletischen Geburt und des schmelzenden Blicks besitzen und damit automatisch alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn sie einen Raum betreten. Ich tauchte also zu ihr hinab zwischen Mäntel und Jacken und Taschen und Beutel, fragte, was man halt so fragt, was denn passiert sei, ob es eine Möglichkeit gäbe, ihr zu helfen, eben das Übliche.

Gerne hätte ich ihr zugehört, auch um endlich mal etwas Privates über sie zu erfahren, doch sie sagte nicht ein Wort, guckte mich an aus geröteten Augen, sehr hübschen geröteten Augen wohlgemerkt, guckte mich sehr lange an, machte mich nervös, ergriff meinen Hals am Nacken, zog mich zu sich hinunter und begann mich auf eine Weise zu knutschen, als wäre es ihr letztes Mal. Selbst als ich nur einen atemlosen Augenblick später in ihr steckte und sich unsere Arme und Beine verknoteten, Mäntel und Jacken ein prima Polster bildeten im heftigen Auf und Ab, Vor und Zurück, Hin und Her, glaubte ich immer noch nicht so recht, dass es wirklich gerade geschah. Mein seit Stunden im müden Leerlauf vor sich hin tuckerndes Bewusstsein war damit komplett überfordert. Sie seufzte, kniff die Augen zu, erbebte und erzitterte, aber nur für einen Augenblick, ganz kurz. Ich seufzte, kniff die Augen zu, erzitterte allerdings weniger, eher würde ich es Krämpfe nennen, Spasmen. Im Endeffekt lief es aufs selbe hinaus, over the top, we have a lift off. Und tschüss.

Sie rappelte sich hoch, ihre Hände umfassten meine Wangen, sie schmatzte mir ein feuchtes Bussi auf die Stirn, was mich an meine Tante Olga erinnerte, umgriff noch einmal meinen heraushängenden, bananenförmig sich nach vorne ermattenden Schwanz, als wollte sie sich extra von ihm verabschieden, grinste, raffte ihr Zeug zusammen und huschte hinaus.

Hinterher kam mir natürlich die Idee, dass ich einfach nur der Nächstbeste gewesen war, der sich ihr geboten hatte, um ihrem Lover, wem auch immer, Herrn Wunderstecher, ich kannte ihn ja nicht, eins auszuwischen, aber erfahren hab ich es nie. Wie betäubt stolperte ich im ersten Dämmerlicht nach Hause in meine kleine Bude. Mal platzte ein idiotisches Lachen aus mir heraus, mal schüttelte ich den Kopf. Auch redete ich mit mir selbst oder lehnte mich an ein Brückengeländer, um das unter mir trüb und grau und träge dahin fließende Wasser zu betrachten. Kurzzeitig hing ich sogar der Illusion nach, jetzt irgendwie mehr von dieser Welt begreifen zu können, als hätte sie mir einen Teil ihres inneren Konstruktionsprinzips offenbart. Postkoitaler Philosophiezwang, könnte man es nennen, eine normale Reaktion, ausgelöst vom Belohnungssystem in unserem Kopf, eine wunderliche Mischung aus Selbstüberschätzung und Selbstbetrug, aber natürlich reizvoll.

 

Ich traf sie erst eine Woche später wieder und sie behandelte mich wie die ältere Schwester den kleinen Bruder, freundlich und ein wenig von oben herab. Ich redete mir derweil ein, wir hätten ein besonderes gemeinsames Geheimnis und ich müsste sie mit meinem absoluten Schweigen über das Geschehene beschützen. Von ihrem lebhaften Twitter-Account ahnte ich da noch nichts, in dem sie ausführlich über einen voll geilen Trostfick mit Monsieur Monsterpimmel schwadronierte. Ich weiß noch genau, wann sich meine eher kümmerliche Existenz an der Uni von einem Tag zum anderen veränderte und ich mit Frauen ins Gespräch kam, die vorher durch mich hindurch gesehen hatten, als wäre ich aus Glas. Ich war sogar so dumm zu glauben, ich selbst hätte mich weiterentwickelt und an Attraktivität gewonnen.

Haha.

Mein Sexleben nahm jedenfalls etwas Fahrt auf und befeuerte ganz nebenbei mein Selbstbewusstsein, man konnte sogar sagen, ich blühte ein wenig auf. Dabei war der Grund sehr simpel. Manu hatte sturzbetrunken einer Freundin verraten, wer der geheimnisvolle Jemand in der Garderobe gewesen war, über den sie den entscheidenden Satz geschrieben hatte, der mein Image so gewaltig aufpolieren sollte. Von dieser Freundin sickerte es weiter, zog Kreise, wurde schnell zum Running Gag. Was? Echt? Der? Das hätte ich ja nie gedacht. Wie lang ist er denn? Und wie dick? Ist er stark geädert? Große Eichel oder eher kleine? Tut es nicht weh? Wie oft kann er denn? Spritzt er mehr heraus als andere? Und seine Eier? Sind die auch dicker als sonst?

Meine Existenz an der Uni reduzierte sich auf ein einziges Thema und Körperteil. Doch immerhin war ich damit sichtbar geworden und der Masse enthoben. Weil ich ein Mann war und keine Frau, war es auch kein böser, böser Sexismus, sondern scheiß egal, ich sollte mich bloß nicht so haben, wenn ich schon damit prahlen würde. Denn genau das behaupteten viele. Ich würde damit angeben und mich wie weiß Gott wer fühlen mit meinem Riesenriemen, meinem Dödel, Dick, Hammer, Rammbock. Manche Frauen gefielen sich auch darin, mich als Tier zu beschimpfen und dass sie niemals allein mit mir in einem Raum sein wollten. Das, was man gemeinhin als seine Kumpels bezeichnete, ich hatte eh nicht viele, wollten genaue Angaben in Zentimeter, ruhend und erregt, bei Kälte und Sommerhitze, im Wasser und in der Sauna. Sie versuchten es immer wieder, machten mal auf lustig und hofften auf einen Versprecher, ein anderes Mal kehrten sie den Ernsthaften hervor, der als aufgeklärter, moderner Mensch durchaus darüber reden kann. Denn was sei denn schon dabei? Das Normalste der Welt, ich solle mich bloß nicht so anstellen, also endlich raus mit den Details, du dämliches Sackgesicht, du!

 

Ich gab keinerlei Auskünfte, enthielt mich allen Diskussionen, blieb komplett passiv, löschte sogar meinen Facebook Account, allein, es half mir gar nichts. Ich wurde zum Zuschauer, der auf eine Bühne blicken muss, auf der sein Leben vorgeführt wird, in dem er selbst gar nicht mehr mitspielt. Alles geschah in seiner eigenen Dynamik und ließ sich von mir in keiner Weise lenken oder beeinflussen. Wie ein Gerücht fraß es sich durch die Köpfe, angereichert mit allerlei Fantasien, Vorstellungen und Wünschen, verdrängten Ängsten und heimlichen Begierden. Eigentlich ein schönes Studienobjekt mit dem Potenzial zu einer Doktorarbeit, doch wer will schon rund um sein eigenes Geschlechtsteil promovieren? In dieser Zeit hab ich jedenfalls mehr über die Psychologie des Menschen gelernt als in vielen langweiligen Vorlesungen und Seminaren. Im Grunde sind wir alle Tiere und folgen Instinkten, vor allem aber sind wir Konkurrenten. Es ist nichts weiter als ein Rattenrennen um die besten Plätze beim Weiterreichen der eigenen Gene. The Survival of the Fittest.

 

Kurz darauf hörte Manu auch noch mit dem Rauchen auf und ich stand mit irgendwelchen Spasten draußen im Nieselregen, fröstelnd, die Schultern hochgezogen und sabbelte über Sigmund Freud oder Olympique Marseille. So hatten wir kaum noch Gelegenheit, einander über den Weg zu laufen. Wenn es dennoch mal geschah, viel zu selten, wenn ihr mich fragt, nickten wir einander zu, sprachen Belangloses und taten, als wäre nie irgendwas zwischen uns gelaufen. Ich war weiterhin verliebt und sie nicht interessiert, steckte fest in einer Art schwebendem Gefühl, kein Boden mehr unter den Füßen, aber der Himmel noch weit entfernt. Unerreichbar weit. Wenn ich an sie dachte, kam es mir vor, als wäre alles nur ein Traum gewesen, ein seltsam unwahrscheinlicher obendrein. Das einzige, was mir wirklich blieb, war die dämliche Angewohnheit, in angespannten Momenten Zigaretten rauchen zu wollen. Also leider ziemlich oft. Nur die Lässigkeit des Rauchens erschloss sich mir nie, es wirkte immer laienhaft und seltsam verdruckst.

Kapitel 2

2

 

 

Ich war nicht der einzige Passagier auf dem schaukelnden Boot, der zu der Insel hinüber gebracht werden sollte. Eine Gruppe junger Amerikaner, zwei Mädchen und drei Jungs, fläzten sich mir gegenüber auf das Vordeck und übertrafen sich gegenseitig an zur Schau gestellter Lässigkeit und Arroganz. Sie rissen ohne Unterbrechung blöde Witze und die Mädchen kreischten wie Nebelsirenen dazu. Sie wirkten zugedröhnt, aufgepeitscht und kippten ohne Ende Red Bull in sich hinein. Seekrankheit schien für sie nicht zu existieren, nicht mal als Wort. Zwei der Jungs wirkten einschüchternd durchtrainiert und zeigten flächendeckende Tattoos auf glatter, haarloser Haut, einer spielte das typische US-Schwabbelmonster. Die Mädchen waren eher zierlich und unscheinbar, schmale Taille, kaum Busen, eine hatte asiatische Züge und sehr langes, sehr glattes, sehr ölig schwarzes Haar. Sie glaubten, dass ich Deutscher war, keine Ahnung warum, wir hatten uns beim Einsteigen kurz begrüßt und ein paar Belanglosigkeiten ausgetauscht. Sie durften wahrscheinlich genau wie ich nicht über ihren Auftrag und ihre Projekte reden, mit keinem, niemals, und hatten entsprechende von unzähligen, schmierigen Anwälten ausgetüftelte Verträge unterschreiben müssen. Da wurde dann in erster Linie mit Schadenersatzansprüchen in Millionenhöhe gedroht, um einen möglichst nachhaltigen Effekt zu erzielen. Einschüchterung pur. Dabei weiß die Forschung seit langem, dass ein Geheimnis ab dem siebten Menschen, der darin eingeweiht wird oder der auf andere Weise Kenntnis davon erhält, sehr bald schon keines mehr sein wird. Da kann man auch gar nichts dagegen machen. Umso größer die Anzahl der Personen, desto kleiner die Chance, irgendwas wirklich geheim zu halten. Sieben ist da wohl rein statistisch eine magische Grenze. Wer also glaubt, man könnte ausgerechnet die Mondlandung einer ganzen Welt einfach nur vorspielen, mit Hunderten Technikern, Trickfilmspezialisten, Schauspielern, Caterern, Beleuchtern, Kabelträgern und Pausennutten für die Chefs, ist ein kompletter Schwachkopf, ganz einfach. Dieser Bluff wäre mit hundertprozentiger Sicherheit schon sehr lange vor der geplanten Ausstrahlung aufgeflogen.

 

Ich hielt die Gruppe für Informatiker oder Techniker. Für Psychologen oder etwas Ähnliches in meine Richtung schienen sie mir einfach zu extrovertiert und aufgedreht zu sein. Leute unseres Fachs waren meist ein bisschen seltsam und verhuscht, in sich gekehrt und leise, zuhörend und hm hm brummend. Bionick war auch darum so ein absoluter Exot. Vielleicht half dieser stille Charakterzug ja wirklich, andere besser zu verstehen. Zumindest redeten wir Leisetreter uns das gerne ein. Gab ja sonst nicht viel, was für uns sprach.

Kapitel 3

3

 

Rive-Gomaches hieß die Insel, zu der ich unterwegs war, alle sagten aber nur Rive-Go. Oder noch kürzer Rive, wobei sie das Wort in die Länge zogen wie eine sanfte Welle, die an den Strand gleitet. Ich hatte niemals vorher von dieser Insel gehört. Ihre Konturen schälten sich erst allmählich aus dem Dunst. Ein dunkel aufragender Klumpen, der nicht sehr einladend wirkte, mit einem dicken Leuchtturm obendrauf, der wie die abgebrannte Geburtstagkerze auf einer zuvor vom Tisch gefallenen Torte wirkte. Die Insel war zu einer Seite hin grotesk abgeplättet, wie eine Rampe oder ein Keil, nur ein paar verstreute Felszacken bohrten sich an ihren Rändern in den Himmel. Ich fand auch kaum Bäume, nur Gras gab es in allen möglichen Schattierungen, grau, grün, bläulich, oliv. Ich hatte vorher nicht viel in Erfahrung bringen können, Google Earth zeigte mehrere unterschiedlich große Gebäude, Wikipedia war auch nicht sehr ergiebig. Der Leuchtturm war bereits 1805 errichtet worden, richtig bewohnt war die Insel aber niemals. In beiden Weltkriegen diente sie als Festungsanlage, zuletzt den Amerikanern, die sie den Franzosen bald nach dem Krieg zurückgaben, weil wahrscheinlich die Kosten den Nutzwert um Längen überragten. Es wurde später eine ziemlich große Wetter- und Forschungsstation errichtet und ein Haus für Vogelkundler. Rive-Gomaches darf heute nur mit Sondererlaubnis betreten werden, was mit strengem Umweltschutz begründet wird. Man spricht von einem letzten Rückzugsraum für seltene Vogel- und Insektenarten, dabei beschweren sich gleich mehrere Vogelschutzverbände seit langem bitter darüber, dass ihre Leute keine Erlaubnis kriegen, hinzufahren. Offiziell gehört Rive-Gomaches zur Universität CNPP Lyon, die international hervorragend vernetzt sein soll und unter anderem auch mit unserer Uni zusammenarbeitet. Mir kommt es aber eher wie ein Wettbewerb vor, bei dem jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und dem anderen selbst den kleinsten Erfolg missgönnt.

 

 

 

 

Das Boot kletterte Wellenkämme wie Bergrücken empor und auf der anderen Seite ging es schwungvoll wieder abwärts, andauernd spritzte mir salziges Wasser wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Ein militärgraues, recht kleines, aber äußerst kraftvoll motorisiertes Schnellboot hielt auf uns zu, drehte kurz vorher ab, lief mit uns eine Weile parallel mit und man konnte erkennen, wie die Besatzung ihre Ferngläser auf uns richtete. Nach ein paar Minuten ließ es sich zurückfallen, machte kehrt und suchte sich ein neues Ziel.

Ich glaubte zu dieser Zeit noch, dass mich Bionick für diese geheimnisumwobenen Forschungsreihen, die auf der Insel stattfinden sollten, nur ausgewählt hatte, weil mich Manu dafür ins Gespräch gebracht hatte und ich perfekt ins Raster eines klassischen, männlichen Durchschnitts-Losers passte. Also in gewisser Weise eine wichtige Zielgruppe repräsentierte. Seit ich bei dieser Uni-Selbsterfahrungsgruppe mitgemacht hatte, wussten sie auch von meiner überwältigenden Mutter und den zwei ausgesucht boshaften älteren Schwestern, die mein Frauenbild – wie soll ich es ausdrücken? – eher etwas nachteilig beeinflusst hatten. Lassen Sie mich ehrlich sein, im Grunde fühlte ich mich Frauen gegenüber genauso hilflos wie mein Vater und erstarrte regelrecht, wenn es schwierig wurde. Es war die einzige, die letzte Abwehrmöglichkeit gewesen, die mir als Kind übriggeblieben war. Versteinern und auf bessere Zeiten hoffen. Verkorkste Typen wie ich werden sicher mal die perfekten Kunden sein für Maschinen, die ihnen etwas vorspielen von dem, was sie im wahren Leben des Kämpfens, Scheiterns und kläglich Untergehens niemals finden werden.

Liebe.

Eine völlig überfrachtete Bezeichnung übrigens. Ein Begriff, ebenso schwammig wie ungenau. Im Grunde ist Liebe nichts weiter als ein Hormoncocktail, der sich evolutionär bewährt hat, um Nachwuchs zu zeugen und groß zu ziehen. Leider wird das Wort Liebe heute obendrein sehr inflationär und ungenau verwendet, wie mit einer Gießkanne rieselt es von morgens bis abends über unser Leben, überfrachtet mit allerlei Bedeutung. Gibt ja kaum einen Song, der nicht davon trällert.

Oh, darling, I love you.

Glaubt irgendwer tatsächlich, dass der reiche alte Sack von seiner hinreißend schönen, jungen Gemahlin romantisch geliebt wird und diese einzig dem Reiz seiner tiefgründenden Seele erlegen wäre? Also ohne jeden merkantilen Hintergedanken, der ja wenigstens eine gewisse Logik hätte? Kinder bedeuten neun Monate Körperschwäche, danach viel Mühe, also ist jede Frau evolutionär gut beraten, sich einen Mann zu wählen, der ihr einen gewissen Rahmen bietet. Mein Gott, unsere Spezies mag jung sein, doch ein paar Jahrhunderttausende alle Vor- und Nachteile ausprobieren, waren es ja dann schon. Ein erstes Rendezvous ist immer auch ein knallhartes Vorstellungsgespräch, keinen Furz anders, genauso gut könnte es um eine neue Wohnung oder den begehrten Job gehen. Jede Kleinigkeit zählt.

Wer erstmal kapiert hat, dass er auf ewig die Arschkarten zieht, weil das Blatt, aus dem er auswählen darf, nur diese eine Sorte Karten enthält, der lernt eines Tages, dass er weder das Aussehen hat noch den sozialen Rang erobern wird, der den Erfolg erst möglich macht. Ab diesem erhellenden Moment wird er sehr empfänglich für jede Form der Schmeichelei und bereit sein, dafür ein Vermögen auszugeben. Roboter, die uns an diesem wunden Punkt abholen, werden das Milliardengeschäft der Zukunft.

Glaubt mir.

Kapitel 4

4

 

Kurz vor dem Ziel übergab ich noch mein billiges Hotelfrühstück dem Meer, schade drum war’s nicht. Der Kapitän streckte seinen hässlichen Furchenkopf aus dem Führerstand und beschimpfte mich wüst, ich wusste nicht warum, vielleicht weil ich nicht sehr seemännisch die dem Wind zugewandte Seite wählte und einen Teil prompt über das Vordeck kleckerte. Da ich ihn nicht verstand, war es mir auch egal. Genau wie die höhnischen Kommentare der anderen. Das nun folgende Anlegemanöver hätte ich auch noch hinbekommen, unser Boot rammte mit seiner Spitze den kleinen betonierten Kai, der Ruck war heftig. Die Amis sprangen fröhlich an Land, Rucksäcke und Taschen lässig über die Schultern gehängt, Sonnenbrillen auf der Stirn, oder die Basecap verkehrt herum aufgesetzt, was ja scheinbar seit dem seligen Fänger im Roggen zeitlose Mode bleibt. Kapitän Ahab schmiss meine Tasche raus, natürlich erst nachdem er mit ihr noch ein paar meiner Reste vom Vordeck entfernt hatte, und wartete kaum ab, bis ich mich mit meinen zitternden Gummiarmen und Gummibeinen hinaufstemmen konnte. Er trat mit dem Fuß gegen das Kai, drückte das Boot weg, schlüpfte zurück in die Kajüte, die wie ein Klohäuschen mit Fenstern aussah und hieb mit lautem Krachen den Rückwärtsgang rein. Minuten später tuckerte der Kahn qualmend und sich hin und herwiegend wie der Zeiger eines Metronoms über die schäumende Gischt. Der Gedanke, tatsächlich hier angekommen zu sein, hatte etwas Unwirkliches. Wie oft war vorher bereits davon geredet worden, wie sehr wurde es uns als besondere Auszeichnung verkauft, die nur wenigen zuteil käme. Noch lieber wäre ich jetzt allein hier gewesen, ganz allein.

Mutterseelenallein auf einer Insel.

Der Gedanke hatte etwas Tröstliches. Ich war als Kind gern allein gewesen, auf Bäumen gehockt und hatte die Eichhörnchen beobachtet, die Amseln, die Insekten, die Traktoren auf dem Feld, irgendwas. Oder ich hatte, die Augen geschlossen, den Geräuschen hinterher gelauscht, dem Rascheln der Blätter, dem Zirpen der Grillen, den fernen Flugzeugen. Ich hatte dicke Fliegen wie vorbeirasenden Verkehrslärm empfunden. Ich war von klein auf ein Träumer gewesen, der die unfassbare Schönheit eines Augenblicks für die Welt hielt und mit dem Leben verwechselte.

 

Einmal war ein Liebespaar aufgetaucht und hatte nichts Besseres zu tun gehabt als sich ausgerechnet unter meinem Baum miteinander zu beschäftigen. Sie blies seinen dicken, kurzen Schwanz und er grunzte und schwitzte. Dann legte er sich auf sie drauf und vögelte sie. Für mich, der sich kaum noch traute zu atmen, eine gefühlte Ewigkeit lang, rauf, runter, immerzu gleich, wie eine Ölpumpe in Texas weiter Ebene. Dabei gaben sie immer seltsamere Töne von sich, ganz so, als würden sie es nicht mehr lange machen. Drei Meter über ihnen zerbröselten die Illusionen eines heranwachsenden Jungen zu Staub. Die beiden da unter mir waren unfassbar hässlich. Und so wahnsinnig behaart, er wirklich überall, außer am Kopf. Ich hatte mir damals geschworen, mich an diesem seltsamen Spiel niemals aktiv zu beteiligen. Da wusste ich natürlich noch nicht, dass diese Entscheidung keine ist, die wir frei und unbefangen selbst fällen dürfen. Sondern sich zu einem Stachel im Hintern entwickeln wird, der ein ganzes verdammtes Leben lang weh tut. Aber sowas von.

 

Na ja, lange her, aber ausgerechnet jetzt dachte ich wieder dran. Der raue Beton des Kais war warm und ich streckte mich auf ihm aus wie ein Schiffbrüchiger, der es im letzten Moment doch noch ans sichere Land geschafft hatte. Ich stellte mir lieber nicht vor, wie mein Anblick auf andere gerade wirken würde. Held geht mit Sicherheit anders. Wenigstens hatte der verwaschene Himmel über mir etwas tröstliches, zumindest wollte ich genau das in ihm sehen. Trost für die Memme.

Kapitel 5

5

 

Die fünf Amis wurden bald abgeholt. Erst kam ein blecherner kleiner Wichtel, der wie aus einem alten Disneyfilm herausgefallen wirkte und irgendwas quatschte. Da alle lachten und so eine Art La Ola-Welle formten, dürfte es ziemlich abgefahren gewesen sein. Der Knilch verzog sich aber ohne dass ihm die Gruppe folgte, war also nur eine Art Vorauskommando. Dann polterte etwas Größeres heran, die Luft füllte sich mit metallisch hartem Schlagen, ein Schwirren gesellte sich hinzu, ich richtete mich überrascht auf, vergaß für einen Moment sogar meine Übelkeit. Es erschien eine militärisch wirkende Maschine, ziemlich groß, mit grau-grünem Tarnanstrich, eine Art Lastenpferd mit einer Menge hydraulischer Beine, nirgends Räder oder Raupenketten. Es kam nicht besonders schnell voran, seine Bewegungen waren aber äußerst sicher und geschmeidig dem Untergrund angepasst. Sein kastenförmiger Rücken schwankte nicht und blieb stets horizontal ausbalanciert, auch auf schrägem Untergrund. Es hielt vor der Gruppe an, senkte sich auf den Boden ab, zischte wie eine Dampflok, das Schwirren erstarb. Das Ding hatte keinen richtigen Kopf oder Hals, eher einen Dorn, an dem winzige Positionslampen grell blitzten wie bei Flugzeugen. Zwei der Jungs setzten sich oben in dort vorgesehene Ausbuchtungen, der fette Typ und die Mädchen klappten seitlich Sitze heraus, die komfortabel wirkten, selbst Sicherheitsgurte gab es. Sie alberten unentwegt herum und taten so, als wäre diese Maschine ein wilder Mustang, schrien Jipieh und was weiß ich noch alles, veranstalteten ein ziemliches Theater.

 

Ich quälte mich hoch, weil ich natürlich neugierig wurde, aber als ich endlich stand, spürte ich, wie weich meine Knie waren, wie sehr mir die Seekrankheit noch in sämtlichen Gliedern hing. Als ich näherkam, schrie einer „Achtung!“ und salutierte. Mit Sicherheit hatte er das mal in irgendeinem Nazistreifen gesehen. Die anderen kriegten sich kaum noch ein vor Lachen. Das Schwirren kam zurück, Hydraulik sirrte, das Ding erhob sich, drehte präzise auf der Stelle und stelzte perfekt ausbalanciert davon, eine betonierte alte Treppe hinauf, als wäre das gar nichts, später weiter oben über die buckelige Wiese, die vom Hafen steil auf einen wilden, unbebauten Hügel führte, hinter dem es dann Minuten später verschwand. Wow, was für ein Auftritt, hätte mir auch Spaß gemacht.

 

Ich war ehrlich gesagt ziemlich neidisch auf die Fünf. Ich selbst hatte ja keine Ahnung, wohin ich jetzt gehen sollte, mein Briefing war wie so vieles, was Bionick und die Fab Four organisierten, ein schlechter Witz gewesen. Eine Mischung aus Kannst-du-dir-doch-denken und Siehst-du-dann-eh. Ich überlegte, aufs Geratewohl loszulaufen, doch gefiel mir der Gedanke nicht. Ich sah mich bereits an irgendwelche Türen klopfen und bescheuerte Fragen stellen. Habt ihr ne Ahnung, wo meine Leute sind? Wer sind denn deine Leute? Keine Ahnung, hat mir keiner gesagt. Was willst du dann hier, du armer Irrer? Na ja, meiner Karriere nen Kick geben. Kick kannst du haben. Und zwar in deinen Arsch.

 

Mein Handy hatte ich ja nicht mitnehmen dürfen, auch keine Kamera, gar nichts elektronisches. Ich war vor dem Einstieg ins Boot ein weiteres Mal gründlich gefilzt worden. Sie hatten neben Metalldetektoren sogar ein Spezialgerät, das alles orten konnte, was eingeschaltet war und als Sender taugte. Ich war also komplett offline, ein sehr ungewohntes Gefühl.

 

Das Wichtelmännchen kam zurück, diesmal hielt es auf mich zu, immerhin ein Fortschritt, aber ganz wohl war mir nicht. Diese Karikatur einer Märchenfigur war klein wie ein Kind und hatte ein breites, dümmliches, sehr künstliches, aber dadurch auch etwas bedrohlich wirkendes Gesicht. Der dunkelgrüne Filzanzug konnte die grobe Mechanik darunter nur schlecht verbergen. Das Ding war gut zu Fuß, seine Bewegungen wirkten keine Spur unsicher, trotz des unebenen Untergrunds, das verriet eine gewisse Qualität. Ich erwartete, dass er sich vor mich hinstellen und irgendwas sagen würde wie vorhin zu den Amis, aber das tat er nicht. Stattdessen umkreiste er mich, eine Runde, noch eine Runde. Sein Gesicht blieb dabei stets auf mich gerichtet, seine Augen bargen natürlich Kameralinsen. Irgendwo hockte einer am Joystick und glotzte mich durch seine 3D-Brille an. Ich dachte darüber nach, dieses Ding mit einem gezielten Tritt ins Hafenbecken zu befördern. Aber dann könnte ich sicher gleich wieder die Rückreise antreten. Und kriegte eine gepfefferte Rechnung hinterher geschickt. Ich hatte eine Menge Formulare unterschreiben müssen, um hier sein zu dürfen, darunter war sicher auch eine Klausel über mutwillige Zerstörung. Plötzlich blieb diese schräge Nachbildung eines Psychopathen stehen, drehte sich mir zu, der rechte Arm hob sich, der Mittelfinger spreizte sich nach oben, die Stimme schnarrte.

„Fuck. You!“

Der Wichtel machte sich davon und irgendwo pisste sich einer ein vor Vergnügen.

 

 

Kapitel 6

 

 

6

 

Künstliche Intelligenz hat einen Haken. Es gibt sie nämlich gar nicht, also genau genommen. Letztlich bleibt sie vom Ansatz her stets Mathematik, sie folgt einem Algorithmus, der aus Ja – Nein Entscheidungen besteht. Schach geht super, es hat klare, strenge Regeln, begrenzte Akteure, ist also perfekt. Aber nimm nur eine Reihe der Spielfelder weg, oder lass die Königin mit einem der Bauern durchbrennen, dann bricht für diese künstliche Maschinenintelligenz die ganze Welt zusammen. Rien ne va plus. Ein Mensch dagegen würde sagen, oh scheiße, neues Setting, mal sehen, was man daraus machen kann, und weiterspielen, die Regeln irgendwie anpassen, gar zurechtbiegen, improvisieren. Eine Maschine aber hat keine Chance, ihr ist die komplette Grundlage entzogen, sie hat überhaupt keine Basis, auf der sie neu ansetzen kann. Für sie heißt es dann stets, alles von vorn. Sie kann nicht drauf los agieren, völlig neue Situationen lassen sich nicht vorher in Algorithmen verpacken, es wäre, als schriebe sich die Maschine ihr eigenes Programm neu. Dazu hat sie aber nicht die Voraussetzungen, denn unterhalb ihres Programms ist gar nichts mehr. Um das zu ermöglichen, müsste erst ein völlig neuer technischer Ansatz geschaffen werden, der aber bisher nirgends erkennbar ist. Das muss man wissen, um zu verstehen, was meine neue Aufgabe wurde.

 

Was man heute unter künstlicher Intelligenz versteht, sind enorm leistungsfähige Rechner, die eine große Anzahl Operationen sehr schnell bewältigen können. Das ermöglicht es, sie mit komplizierter Software auszustatten, die sie in die Lage versetzt, unser Leben zu imitieren. Sie verstehen nicht wirklich, was geschieht, natürlich nicht, doch sie vergleichen die Welt vor sich mit unzähligen ähnlichen Mustern in ihrem Speicher, um entsprechend zu reagieren. Umso mehr Möglichkeiten man ihnen also eingibt, desto verblüffender werden sich später ihre Reaktionen anfühlen. Die meisten sind ja Laien und lassen sich so ab einem bestimmten Leistungsniveau übertölpeln, sie glauben dann, die Maschine hätte tatsächlich so etwas wie einen eigenen Willen und Charakter, würde gar selbstständig denken und handeln können, ja, könnte lernen wie ein Mensch, also einen Vorgang durchschauen und ihn sich als Grundmuster einprägen. Genau das aber kann sie am wenigsten, es bleibt immer eine Imitation.

Es ist also megakompliziert, und es treffen sich zwei Fachrichtungen, die einander herzlich abgeneigt sind, kommt mir vor. Auch an unserer Uni gab es kaum Interesse, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Roboter waren Hollywood-Quatsch, künstliche Intelligenz wurde belächelt und als Spielerei von Techniknarren abgetan, die lieber vor einem Computer hocken, statt ihre Urängste und Ödipuskomplexe herauszuschreien und sich in einer Therapie zu bewähren. Das seit Jahren auf kleiner Flamme bei uns vor sich hinvegetierende Projekt „Kitchen 2030“ war darum bei unseren Profs in etwa so beliebt wie die Aufgabe, eine Denkschrift über unsere Fakultät zur 200-Jahr-Feier zu verfassen. Da es aber ein Wunsch der Politik war, alle Fakultäten mit der Industrie zu „vernetzen“, um „eine Brücke in die Zukunft“ zu bauen, und das bei jeder Wahl hervorgekramt und gefeiert wurde, musste es notgedrungen immer irgendwie weitergepflegt werden. Mit anderen Worten, es wurden Dumme dafür gesucht.

Also war es klar, dass ich da irgendwann hineinrutschte. War ich zuerst davon ausgegangen, dass sich meine Motivation nicht mehr unterbieten ließe, wurde ich eines Besseren belehrt. Allein die Tatsache, dass ich zu den angesetzten Besprechungen nahezu pünktlich erschien, stempelte mich zum krassen Außenseiter. Denn ich hockte dort dann erstmal lange allein herum. Dazu erwarb ich mir schnell einen gewissen Ruf als einer, der weitaus nüchterner und abgeklärter auf menschliches Verhalten, seine Wünsche, Hoffnungen und Ängste blicken wollte als andere, jedenfalls in meinem Alter, welches sich doch gerne in Träumen und Illusionen wiegt und entweder einer saftigen Romanze mit der Zielrichtung Familienglück bis ans Ende aller Zeiten oder alternativ Vögeln bis zur Bewusstlosigkeit anhängt. Genau dieser Charakterzug von mir sollte wunderbar zum angestaubten Ladenhüter „Kitchen 2030“ passen, in dem nach der perfekten, vollautomatisierten und natürlich sprachgesteuerten Küche der Zukunft gesucht wurde. Kein alberner Roboter mit Glühbirnenaugen im Schürzchen, der am Herd steht und umrührt, war gemeint, sondern ein völlig neu gedachter Raum, der den Menschen, der ihn betritt, wie einen Freund empfängt und ihm ganz und gar zur Seite steht. Es sollte ein komplett neuer Denkansatz gefunden werden, der sich möglichst von allem löst, was wir bisher unter einer Küche verstanden haben.

 

Das wurde jedenfalls behauptet, muss ich hier mit erhobenem Finger anmerken.

 

Sponsor war ein namhafter Hersteller, dessen Vertreter und Mitarbeiter sich ab und zu blicken ließen, um uns dann zusammen mit der Dekanin und ein paar müde dreinblickenden Professoren mit ihrer warmen Luft zu beglücken. Denn nichts anderes war es, was sie von sich gaben. Sie hatten zu meiner absoluten Verblüffung nämlich überhaupt keine Vorstellung davon, was die Zukunft für ihre Branche bedeuten könnte. Sie erhofften sich von uns, den Jungen, den Digital Natives oder wie auch immer sie uns nannten, den genialen Fingerschnipp, der sie erwecken sollte. Sie wussten, dass die klassische „weiße Ware“, die sie verkauften, ein Auslaufmodell war, dem bald etwas Neues folgen würde. Nur was das sein könnte, wussten sie nicht mal ansatzweise. Sie hatten keinen Peil von der Richtung, in die sie nun stattdessen marschieren sollten. Das einzige, was sie wirklich reichlich hatten, war Angst. Nämlich davor, gerade etwas sehr Elementares zu verpassen.

 

Es führte dazu, dass unser kleiner Haufen an Losern und Versprengten auch die abgefahrensten Ideen von sich geben konnte und trotzdem angehört, geprüft, bewertet und mitunter, man mag es kaum glauben, gelobt wurde. Ich erinnere mich an einen Vorschlag, der die Küche der Zukunft als neuen Ort der Begegnung definierte, in der die Familie wieder ganz neu zusammenfinden könnte. Aha. Über so ein Nichts an Aussage wurde wohlwollend genickt und es kamen Vorschläge für Zubehör wie ein viereckiger Topf, aus dem gemeinsam gegessen werden sollte wie in alten Bauernkaten, auch sternförmige und gewellte Motive wurden präsentiert. Eine Mitstudentin verkünstelte sich monatelang in Farbvorschlägen für Oberflächen, die sie mit unseren tief verborgenen Gefühlen in Verbindung bringen wollte und die später als Musterküche tatsächlich für eine Messe realisiert wurde. Sie war sehr stolz auf ihren bunten Flickenteppich und langweilte uns mit abstrusen Versuchsreihen, in denen sie beweisen wollte, dass wir den gleichen Tee aus Kannen unterschiedlicher Farbe anders schmecken und beurteilen würden. Am besten gefiel mir noch ein Typ, der eigentlich nur improvisierte und ansonsten nicht den kleinsten Finger rührte, als er einen Bananenspender beschrieb, der Kindern das Essen von Obst nahebringen sollte und dessen Idee er aus einem Trickfilm mit den Minions gestohlen hatte. Knopfdruck: Banana!

 

Mit all so einem Scheiß kamen wir durch, es war nicht zu fassen. Ich dachte dann immer nur, wer gar nicht weiß, wo der Mond ist, dem kannst du auch eine Sylvesterrakete zum Flug dorthin verkaufen.

 

Viele meiner Kommilitonen machten sich auch einen Spaß daraus, Fördergelder für abstruse Projekte einzustreichen, die sie dann bei nächtlichen Gelagen an irgendeinem See in größerer Runde und mit reichlich Alkohol verballerten. Motto, man lebt nur einmal.

 

Mich aber begann die ungewöhnlich große Freiheit, die sich uns hier bot und die so einmalig war im Vergleich zu allem anderen, was wir tun mussten, zu reizen. Küchengeräte und all die technischen Spielereien, mit denen man „Kitchen 2030“ vollstopfen konnte, gingen mir zwar gepflegt am Allerwertesten vorbei, doch die Sprachsteuerung, über die alles laufen sollte, begann mich zu interessieren. Dazu kam, dass für unsere Professoren Computer nichts als Hilfsmittel waren, Blechtrottel, mit denen sie sich herumschlagen mussten, um ihren Postverkehr oder Schreibkram zu erledigen. Sicher surften auch viele im Internet, googelten ihren Namen oder streamten Filme, aber das war es dann auch schon. Das komplexe Thema menschlichen Verhaltens oder seine Wünsche mit Software und Rechenleistung in Verbindung zu bringen, lag ihnen ferner als das nächste Sonnensystem.

Kapitel 7

7

 

Ich fing also an, darüber nachzudenken, was Menschen in einer Küche erwarten könnten, wenn sie Wünsche nur zu äußern bräuchten und sich mit dem System frei unterhalten. Sie würden sich Rezeptvorschläge machen lassen oder während der Zubereitung nachfragen, wie es weitergeht, dabei Kritik äußern und natürlich fluchen, wenn sie etwas nicht hinbekommen, was ihnen vorher als ganz leicht zu bewältigen verkauft worden war. Sie könnten die Küche tatsächlich als neuen, sehr privaten Rückzugsraum erleben, der ihnen Schutz gibt und Geborgenheit.

 

Umso mehr ich darüber nachzudenken begann, desto besser gefiel es mir.

Die Küche ist nämlich so ziemlich der wichtigste Raum in unserer Wohnung, wenn wir sie nicht künstlich zu einer Nische oder einem Küchenzeilen-Winkel verkommen lassen. Hier nämlich gibt es zu essen, mit der wichtigste Vorgang in unserem Leben überhaupt. Ich entwarf erste Karten, in denen Gefühle die Landschaften bildeten, in der sich unser Leben abspielt. Ich wollte jeder einzelnen Handlung einen Stellenwert zuordnen, sie als Möglichkeit formulieren und mir eine adäquate Reaktion der Küche dafür ausdenken. Eine Art Navigationssystem durch eine Welt aus Gefühlen, Empfindungen, Reizen, die genau kartographiert werden müssen und miteinander verknüpft. Ich spielte alltägliche Situationen durch und bemerkte sehr schnell, dass diese weitaus komplexer sind als ich zuerst vermutet hatte. Denn ich wollte in der Küche keinen Arbeitsplatz voller Vorräte, Behältnisse und Maschinen mehr sehen, sondern eine Welt der zärtlichen Umarmung, die ihrem Besitzer dienen will, in jeder Beziehung. Er sollte hier nicht nur Nahrung finden, sondern Unterhaltung, Zuspruch, Ansporn. Es war mir auch egal, wie die Kaffeemaschine Kaffee kocht und der Herd ein Schnitzel brät, das ganze technische Backup interessierte mich nicht. Ich wollte lieber bestimmen, was die Küche antworten wird, wenn ihr Besitzer sie am Morgen schlechtgelaunt anraunzt.

Das fand ich enorm spannend, denn es lag darin die Chance, eine emotionale Bindung zwischen einem Menschen und einer Maschine zu erzielen, die weit hinausgeht über das, was irgendwelche Technikfreaks vielleicht mit ihrem Motorrad erleben. Meine Küche sollte zu einem Wesen werden, in den sich seine Besitzer verlieben.

Und mir fiel Karl ein.

Kapitel 8

8

 

Er tauchte in meinem Inneren plötzlich auf, stellte sich müde vor mich hin und nannte mich Schwachkopf. Er fiel mir ein, wie einem eben etwas einfällt, einfach so. Seinen Namen hatte er von Anfang an. Ich ließ ihn nun meine „Kitchen 2030“ betreten, gerade aus dem Bett entstiegen und noch in der Boxershorts. Karl war ein primitiver Idiot, aber er hatte die Kohle für diese sündhaft teure Edelküche und natürlich erwartete er jetzt etwas für sein Geld. Das war das Setting, das ich mir vorgab. Natürlich musste Karls Küche eine entzückende weibliche Stimme haben, Karl stand auf die Variante mit leicht französischem Accent, denn Karl mochte es gern schlüpfrig. Also sagte Karl an diesem Morgen zu seiner künstlich-intelligenten Küche:

„He, Blechfotze, mach Kaffee.“

Denn so war er eben, ehrlich und direkt.