Rock Heart - Paige Brown - E-Book

Rock Heart E-Book

Paige Brown

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Beschreibung

Die erfolgreiche Autorin von erotischen Liebesromanen, Emily Sands, kann es nicht fassen. Da zieht sie aus der WG aus, in der sie mit ihren zwei besten Freundinnen gewohnt hat, um in einer eigenen Wohnung endlich mehr Ruhe für ihre Bücher zu finden, und landet ausgerechnet in der Nachbarwohnung eines bekannten Moderators eines Musiksenders, der ganz nebenbei auch noch Sänger einer Indie-Rockband ist. Und als ob das noch nicht genug wäre, hat auch schon dieser nervige Stalker, der doch tatsächlich glaubt, dass sie in ihrem echten Leben auslebt, worüber sie in ihren Büchern schreibt, auch schon herausgefunden, wo sie jetzt wohnt.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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ROCK HEART

PAIGE BROWN

Copyright 2014 Paige Brown

Titel: Rock Heart

1. Auflage

Korrektorat: Kerstin Kemnitz

Umschlaggestaltung: TorDesign

Bildmaterial: Canva

Nicole Döhling

Dr.-Karl-Gelbke-Str. 16

08529 Plauen

Alle Rechte vorbehalten.

Kontakt: [email protected]

INHALT

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Epilog

1. KAPITEL

Verdammter Mist!«, fluche ich, markiere die letzten beiden Absätze blau und betätige die Entfernentaste. Aus der Wohnung nebenan wummern Bässe, die sogar mein Geschirr in den Schränken zum Klirren bringen. Wie soll ich bei diesem Krach eine knisternde Erotikszene schreiben? Ich bekomme nicht einen einzigen geraden Satz hin.

Vor einem Monat bin ich in dieses wirklich hübsche Apartment gezogen, um mich bei absolut himmlischer Ruhe voll und ganz auf meine Bücher konzentrieren zu können. In der WG, in der ich vorher mit meinen beiden besten Freundinnen gewohnt habe, war das leider nicht möglich. Früher hat mich ein bisschen Krach überhaupt nicht gestört. Ich konnte trotzdem in die Tasten hauen. Aber früher habe ich auch für mich geschrieben und nie damit gerechnet, dass eines meiner Bücher mal veröffentlicht werden und dann auch noch die Bestsellerlisten stürmen würde. Seit ich nicht mehr nur einfach so schreibe, fühlt sich die Arbeit an meinen Büchern anders an. Nicht mehr so entspannt. Ich habe ständig das Gefühl, dass mir bei jedem Wort jemand über die Schulter schaut und die Nase rümpft. Jedenfalls kann ich jetzt nur noch schreiben, wenn um mich herum Totenstille herrscht. Deswegen also der Umzug.

Nur leider hat mir niemand gesagt, dass mein Nachbar niemand geringeres ist als Jamie Elliott, der Star von Hard Rock Channel und Sänger der Indie-Rockband Soul of Mjölnir. Nicht dass ich ihn erkannt hätte, wenn ich ihm bei der Wohnungsbesichtigung begegnet wäre. Ich interessiere mich nämlich kein bisschen für Musik oder Rockstars. Genervt klappe ich meinen Laptop zu und greife zum Telefon. Wenn ich nicht gerade schreibe, recherchiere, lese oder mit meiner Steuerberaterin das Für und Wider höherer Ausgaben diskutiere, dann telefoniere ich. Und seit ich nicht mehr in der WG wohne, telefoniere ich sogar noch häufiger. Und das, obwohl ich weiß, dass ich die Zeit viel besser in meine Bücher investieren sollte, denn der nächste Abgabetermin steht schon vor der Tür.

»Jenny? Ich bin es, Emily.«

»Ja?«, kommt es krächzend aus dem Telefon.

»Schläfst du schon?«, frage ich peinlich berührt, weil mir gerade einfällt, dass Jenny diese Woche Frühschicht im Pflegeheim hat. Da geht sie immer früh ins Bett.

»Fast«, murmelt sie. »Nicht jeder von uns hat so flexible Arbeitszeiten wie du.«

»Tut mir leid, ich hab nicht auf die Uhr geschaut.« Ich werfe einen Blick auf die Wanduhr über meinem Schreibtisch: 1:37 Uhr. »Hier bei mir ist an Schlafen nicht zu denken.« Ich höre das Rascheln von Bettwäsche und vermute, dass Jenny sich gerade aus dem Bett quält oder einfach nur aufsetzt.

»Schon wieder?«, stöhnt sie und klingt plötzlich viel aufmerksamer.

»Ja«, bestätige ich. »Schon das dritte Mal diese Woche und wir haben erst Freitag.«

»Du solltest dir vielleicht überlegen, am Tag zu arbeiten.«

Ich bin eine Nachtschreiberin. Irgendwie hat sich das in den letzten Monaten so ergeben, dass sich mein Rhythmus immer mehr in die Nacht hinein verschoben hat. Wahrscheinlich, weil es nachts ruhiger ist. Niemand, der an der Tür klingelt, keine Agentin, die anruft, keine Lektorin, die nachfragt, wann ich endlich fertig bin. Einfach nur Ruhe.

»Vielleicht wäre das kein Problem, da ich ja jetzt allein wohne und keine Freundinnen mehr hier habe, die laut fernsehen, singen oder gackern. Oder Freunde mit nach Hause bringen. Aber wenn ich am Tag schreibe und in der Nacht nicht schlafen kann, weil nebenan die Charts rauf- und runterlaufen, wann soll ich dann schlafen? Ich hab mir das hier wirklich anders vorgestellt«, jammere ich ins Telefon.

»Ja, ich hab auch nicht gedacht, dass du mich dann jetzt immer aus dem Bett holst. Du solltest die Polizei rufen. Sind die nicht für so was zuständig? Es gibt doch Gesetze.«

Ich denke darüber nach. »Ich weiß nicht, ob die wirklich zuständig sind. In diesem Haus wohnen drei Parteien. Alle Parteien sind Eigentümer ihrer Wohnung. Und sonst wohnt hier weit und breit niemand.« Es gibt einen Grund, warum ich mich entschieden habe, in ein Haus zu ziehen, das sich weit weg von irgendwo befindet. Oder in diesem Fall hoch über allem anderen, wie dem Straßenlärm von London.

Dieses Gebäude war früher einmal ein Bürogebäude, in das man in der oberen Etage drei Maisonette-Wohnungen gebaut hat. Mit ihren hohen Decken und dem offenen Wohnbereich ist die Wohnung einfach perfekt geschnitten und super hell. In den unteren vierundzwanzig Etagen befindet sich noch alles im Umbau. Später sollen dort wieder Büros rein, so dass es zumindest nachts hier sehr ruhig hätte sein können. Es war Liebe auf dem ersten Blick, doch nach einem Monat Dauerparty in der Nachbarwohnung bin ich mir nun gar nicht mehr so sicher, ob ich die Wohnung noch liebe.

»Zumindest bei meinem anderen Nachbarn brauch ich mich nicht beschweren, dieser Riley spielt auch in der Band.«

»Ernsthaft?«, kreischt Jenny und ich muss das Telefon kurz auf Abstand halten, bis sie sich beruhigt hat.

»Ja. Als ich heute vom Meeting mit meiner Agentin gekommen bin, sind wir zusammen im Fahrstuhl nach oben gefahren und ich habe mal vorsichtig angefragt, was er von den Partys hält. Seine Antwort: »Die sind super toll. Eine echte Chance für die Band, Kontakte zu knüpfen. Ich bin übrigens Riley, der Bassist, wahlweise auch mal Leadgitarrist.« Ja, und da habe ich mich nicht mehr getraut, noch etwas zu sagen.«

»Und wie sieht dieser Riley aus?«

»Interessiert dich das jetzt wirklich?«, stoße ich frustriert aus.

»Warte, ich google die Band gerade.«

»Seit wann interessierst du dich für Rockbands? Du warst doch immer eher der Boygroup-Fan.«

»Das bin ich auch noch. Ich war neugierig und habe mir die Sendung deines Nachbarn angesehen. Der Typ ist ja mal richtig heiß!«

»Er nervt, das ist alles.«

»Nur, weil jemand ein Idiot ist, muss er ja nicht hässlich sein.«

»Die gut aussehenden Kerle sind immer alle Idioten. Das liegt in ihrer Natur.«

»Ja, da könntest du recht haben. Dieser Riley sieht auch nicht schlecht aus. Aber davon mal abgesehen, wenn du alle gut aussehenden Männer so idiotisch findest, warum sind dann die Kerle in deinen Büchern immer superheiß?«

»Weil diese Kerle nicht nur den Frauen in meinen Büchern gefallen sollen, sondern auch meinen Leserinnen. Und wie bitte soll man erotisches Knistern und alles auslöschendes Verlangen glaubhaft rüberbringen, wenn die Hauptfiguren sich nicht absolut anziehend finden würden? Natürlich müssen die Männer in meinen Büchern gut aussehend und nervig sein. Aber deswegen muss ich mich doch im wahren Leben nicht auch mit nervigen Idioten umgeben«, schimpfe ich, während ich ein paar störende Fussel von meinem Frotteeschlafanzug mit den rosa Wolken zupfe. Nebenan legt die Musikanlage eine Pause ein und das übertriebene Gelächter einer Frau dringt in meine Wohnung, bis es vom Einsetzen des nächsten Songs ausgelöscht wird.

»Warum gehst du nicht einfach rüber, klopfst an und bittest höflich darum, die Ruhezeiten zu beachten. Sag ihm, dass du gerne über die eine oder andere Party hinwegsehen kannst, aber hin und wieder brauchst du auch mal deinen Schlaf.«

»Ich weiß nicht«, sage ich seufzend.

»Emily, jetzt stell dich nicht so an! Wenn du jetzt nichts unternimmst, wirst du dir das ewig antun müssen. Du gehst jetzt nach nebenan und klärst das und ich werde wieder schlafen gehen. Und morgen möchte ich einen vollständigen Bericht.« Jenny ist in ihren Lehrerinnenmodus verfallen, wie ich es gerne nenne, wenn sie so bestimmend wird. Ich kenne Jenny seit dem Kindergarten und daher weiß ich genau, wenn ich mich jetzt nicht ergebe, wird sie morgen herkommen und die Sache selbst in die Hand nehmen. Jenny, Lilian und ich, wir haben alle drei die gleiche Kindergartengruppe und danach die gleiche Schulklasse besucht. Niemand kennt es so gut wie wir uns kennen.

»Also gut. Aber wenn er mich köpft, dann ist das nur deine Schuld.«

»Dann komme ich und schneide ihm seine Eier ab.«

»Damit kann ich leben, wenn du auch noch seinen Schwanz mitnimmst.«

Jenny lacht, dann verabschiedet sie sich gähnend und legt auf. Ich sitze noch eine Weile auf meinem Schreibtischstuhl und schaue aus dem Fenster auf die Lichter von London, um Mut zu sammeln. Dabei knabbere ich nervös auf meiner Unterlippe herum, die sowieso schon ganz wund und geschwollen ist, weil ich das immer tue, wenn ich mich irgendwie aufrege oder Panik schiebe. So wie jetzt.

Als sich nebenan anfeuernde Rufe unter die Musik mischen und eine Frau »Fick mich, Jamie!« schreit, platzt mir der Kragen und mit einem entschlossenen Ruck erhebe ich mich. Ich werfe mir einen Morgenmantel über meinen albernen Schlafanzug, den ich trotzdem liebe, weil er einfach bequem und kuschlig ist, und stapfe in den schwach beleuchteten Flur vor den nebeneinanderliegenden Wohnungen.

Vor der Tür dieses Hilfsmoderators und Möchtegernrockstars zögere ich und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Vielleicht sollte ich das auch tun, denn ganz plötzlich muss ich ziemlich dringend auf die Toilette. Musste ich eben auch schon?

Ein weiteres »Fick mich« bringt das Fass dann aber endgültig zum Überlaufen. Ich lege den Zeigefinger auf den Klingelknopf und halte ihn gedrückt, bis dieser Frauenliebling grinsend die Tür aufreißt, mich dabei gar nicht beachtet, sondern den Blick seitlich irgendwo in seine Wohnung gerichtet hält und brüllt: »Ich hab mich noch nie lange betteln lassen, also lass doch schon mal die Hüllen fallen, Kleine!« Dann wendet er sich mir zu und starrt mich verwundert an. »Heute ist keine Pyjamaparty, die ist erst nächste Woche.«

Ich mustere diesen Jamie mindestens genauso abfällig wie er mich. Er trägt eine löchrige zerrissene Jeans, sein Oberkörper wird nur von seinen zahlreichen Tattoos bedeckt, die sich wie ein bunter Teppich über seiner Haut ausbreiten. Ich erkenne eine zusammengerollte Schlange auf der rechten Brustseite. Auf der linken einen Raubvogel, der seinen gierigen Blick auf die Schlange gerichtet hat. Es ist fast unmöglich, meinen Blick von dieser Leinwand zu lösen und den sich darunter bewegenden Muskeln, die nicht übertrieben groß, sondern genau richtig proportioniert sind. Ein Durcheinander an Noten, kleineren Tieren, Kreuzen und Gesichtern breitet sich unter seiner Brust nach unten aus und bedeckt dort die harten Bauchmuskeln, die zu zucken beginnen, als der Typ anfängt zu lachen.

»Hast du genug gesehen?«

Ich schlucke hart und bin zum ersten Mal froh, dass die Beleuchtung im Hausflur so dunkel ist. Blinzelnd reiße ich mich von seinem flachen Bauch los. Ich muss gestehen, dass, wenn ich in meinen Büchern den Körper eines Mannes beschrieben habe, ich ihn mir in meiner Fantasie immer genau so vorgestellt habe: Oberschenkelmuskeln, die sich rund und kräftig unter dem Stoff einer Hose wölben, harte Brust- und Armmuskeln und ja, auch so ein scharf geschnittenes Kinn und solch hohe Wangenknochen waren mir dabei immer in den Sinn gekommen. Nur die Tattoos und die leicht gebogene, aber sonst wirklich hübsche Nase, hatte ich nie so im Kopf. Meine Männer waren eher immer Anzugträger und niemals der Typ Bad Boy. Ich blicke ihm in die elektrisierend lila-blauen Augen und bewundere seine wilde Frisur. Verärgert wünsche ich mir einen Kamm zur Hand, damit ich das zerzauste schokobraune Haar glätten kann.

»Ja, habe ich.«

»Dann komm doch rein. Ich hab zwar keine Ahnung, wer du bist, aber du siehst sexy aus – selbst in dem Aufzug - und gut aussehende Frauen können nie genug auf einer Party sein.«

»Nein, danke. Ich wohne nebenan. Wir sind uns schon im Fahrstuhl begegnet.«

»Ah ja, die Kleine mit der Bücherkiste.«

»Genau. Um die Sache abzukürzen, du hast eben erwähnt, dass du dich nie lange betteln lässt ...«

»Oh, willst du mir ein Angebot machen? Ich glaube, diese Nacht bin ich schon ausgebucht, aber vielleicht morgen?«

Mein Mund klappt auf und ich bekomme vor Entrüstung Schnappatmung. Einen Moment überlege ich mir, ob ich ihm meine Faust auf das sexy geschnittene Kinn drücken soll oder ihm doch lieber die schmale Nase brechen. »Ich wollte dir kein Angebot machen. Ich steh nicht auf Typen, die es im Bett nicht bringen und deswegen jede Nacht eine Andere vögeln müssen, weil sich das keine ein zweites Mal antun will.« Woher ich das weiß? Weil wir Nachbarn sind und ich ihn hören kann.

Er überkreuzt die Arme vor der Brust und lehnt sich gegen den Türrahmen, ein paar Ponysträhnen fallen ihm bis in die Augen. Grinsend sieht er auf mich herab. Er muss etwa 1,85 sein, gute zwanzig Zentimeter größer als ich. Auch ich überkreuze die Arme und funkle ihn giftig an. Er dürfte sechsundzwanzig sein, wenn es stimmt, dass Frauen geistig zwei Jahre älter – reifer - sind als Männer, dann sind wir zumindest geistig in einem Alter. Er sollte also dazu in der Lage sein, zu verstehen, was ich von ihm will, wenn er wirklich annähernd so weit entwickelt ist wie ich.

»Ich vögel jede Nacht eine andere, weil ich es kann. Und glaub mir, die Mädels sind alle sehr zufrieden mit mir. Aber wenn du mir nicht glaubst ...«

Ich trete von einem Fuß auf den anderen und beiße mir auf die Unterlippe. Als ich zu ihm aufsehe, bekomme ich mit, wie seine Augen meinen Mund fixieren und dabei etwas dunkler werden. Hinter ihm ruft jemand seinen Namen, doch er blickt sich nicht mal um, sondern starrt weiter auf meine Lippen. Und ob es mir gefällt oder nicht, der Ausdruck in seinem Gesicht dabei löst ein Prickeln unter meiner Haut aus und lässt meinen Herzrhythmus anschwellen. Sofort löse ich die Zähne von meiner Lippe und schließe den Mund. Ich hole einmal tief Luft und sage, weswegen ich gekommen bin: »Was ich sagen wollte, war: Du meintest vorhin, dass du dich nicht lange betteln lässt. Es wäre also schön, wenn du das auch diesmal so halten würdest und deine Partys etwas einschränkst und bedenkst, dass du hier nicht allein wohnst.«

Einer seiner Mundwinkel zieht sich nach oben und ich muss mich darauf konzentrieren, zu ignorieren, was dieses schiefe erotische Lächeln zwischen meinen Schenkeln auslöst. »Alle, die hier im Haus wohnen, befinden sich in der Wohnung hinter mir. Ich gehe also davon aus, dass die Musik niemanden stört.«

Ich räuspere mich übertrieben, straffe die Schultern und richte mich auf, damit er mich auch wirklich nicht übersehen kann. »Ich wohne in diesem Haus und ich befinde mich nicht in der Wohnung hinter dir«, mache ich ihn aufmerksam und spreche absichtlich sehr langsam, damit auch bei ihm ankommt, was ich sage.

»Ich habe dir angeboten, diesen Fehler zu beheben.«

»Und ich habe dir gesagt, dass ich keine Lust habe. Es ist mitten in der Nacht und normale Menschen schlafen um diese Uhrzeit.«

Ich erwähne nicht, dass ich um diese Uhrzeit arbeite und nicht schlafe. Da ich finde, dass alles gesagt ist, drehe ich mich postwendend um und gehe auf meine Wohnungstür zu. Wieder brüllt jemand seinen Namen und etwas zerbricht klirrend. Ich sehe zu ihm, während ich meine Tür weiter aufschiebe. Er beobachtet mich noch immer. Er schaut nicht einmal, was in seiner Wohnung gerade zu Bruch gegangen ist. Es scheint ihn nicht zu interessieren.

»Ich sorge dafür, dass die Musik leiser gedreht wird«, sagt er düster, stößt sich vom Türrahmen ab und verschwindet in seiner Wohnung, wo er mit lautem Gegröle begrüßt wird.

Wütend und verwirrt knalle ich die Tür hinter mir zu, ignoriere meinen Laptop, der mir Schuldgefühle einflößen will, als ich an ihm vorbeigehe und die Metallstufen zur oberen Etage erklimme, in der sich das Schlafzimmer und mein Bad befindet. Ich lasse den Morgenmantel einfach auf der Galerie fallen und werfe mich dann mit einem frustrierten Stöhnen ins Bett. Von nebenan dringt Gelächter und Musik zu mir. Natürlich ist die Lautstärke die gleiche wie vorher.

Wütend ramme ich eine Faust in die Matratze. Kennt ihr das, wenn einem etwas eigentlich nur ein klein bisschen stört und dann weitet sich dieses Stören zu einem ausgewachsenen nervenzerreißenden Notfall aus, der einem das Gefühl gibt, jede Sekunde zu platzen, wenn die Ursache dieses Übels nicht sofort beseitigt wird? Genau das passiert gerade mit mir. Ich presse die Unterkiefer fest aufeinander, knirsche mit den Zähnen, decke meinen Kopf mit dem Kissen zu und schreie so laut ich kann. Nichts hilft.

Also stehe ich wieder auf, trample die Stufen nach unten, nehme den Handfeger von seinem Platz unter dem Küchenschrank und hämmere damit gegen die Wand meines Wohnzimmers. Dabei hinterlasse ich unschöne Dellen und hässliche Flecken an der milchkaffeefarbenen Wand, was mich nur noch wütender macht. Ich überlege, noch einmal zu klingeln, aber das hat ja schon beim ersten Mal so gut geklappt. Also greife ich in meiner Wut und absoluten Verzweiflung zum Äußersten und rufe die Polizei an.

Der Polizist versucht mich mit beruhigenden Worten zu beschwichtigen, doch mittlerweile ist meine Laune irgendwo jenseits von Gut und Böse, also schreie ich in das Telefon, dass er gefälligst dafür sorgen soll, dass seine Kollegen ihren Job tun, schließlich würden er und seine Kollegen von meinen Steuergeldern bezahlt.

Nachdem der Polizist also versprochen hat, jemanden zu schicken, stelle ich mich bei ausgeschaltetem Licht an eines der riesigen Fenster und starre nach unten auf die Straße vor dem Haus, von der ich eigentlich nicht viel sehen kann. Aber irgendwann tauchen die Lichter eines Autos auf und zwei verschwommene Schatten steigen aus, die auf die Haustür zugehen. Mit nackten Füßen renne ich an die Wohnungstür und lausche angestrengt. Ich kann hören, als der Fahrstuhl oben ankommt, sich die Türen öffnen und dann sehe ich auf dem kleinen Bildschirm neben meiner Tür zwei Beamte vorbeigehen. Ich höre Stimmen und Gemurmel. Nichts, was ich verstehen könnte. Die Musik wird abgestellt und kurz darauf gehen die Beamten wieder. Ich setze ein zufriedenes siegreiches Lächeln auf, entferne mich von der Tür, lausche einige Sekunden. Ich kann noch Stimmen hören, auch noch leises Gelächter, aber davon abgesehen, ist es ruhig.

Ich werfe meinem Laptop einen Blick zu, beschließe dann aber, dass ich plötzlich viel zu müde bin, um zu schreiben. Viel lieber möchte ich noch ein paar Seiten in diesem Roman lesen, in dem eine adlige Tochter von einem barbarischen Wikinger entführt wurde und nun seine Sklavin ist. War ich gestern eigentlich schon bis zum ersten Kuss gekommen? Ich liebe die Ersterkussszenen in Liebesromanen. Ich wünsche sie mir mit jedem Satz sehnlicher herbei und bin doch enttäuscht, wenn sie dann zu schnell kommen.

Entspannt und zufrieden lege ich mich in mein Bett, nehme mein Buch vom Nachttisch und fange an zu lesen. Der dunkle Held reißt seine neue Sklavin gerade an sich, die sich natürlich windet und wehrt, da höre ich Stimmen im Hausflur. Danach tritt die Totenstille ein, die ich mir so ersehnt habe. Ich lese noch etwa fünf Seiten, dann reißt mich der Schrei einer Frau ein weiteres Mal aus meiner Geschichte.

Etwas klopft rhythmisch gegen meine Wand und in dem Moment, wo mir klar wird, dass das wohl das Kopfende eines Bettes sein muss, schreit die Frau auch schon: »Ja, Jamie! Ja! Schneller! Ich koooommmmeeee!«

Schockiert und entrüstet zugleich richte ich mich auf und werfe der Wand an der mein Bett steht einen zornigen Blick zu.

»Sag, dass ich es dir gut besorge«, knurrt jetzt eine Männerstimme. Noch immer knallt etwas gegen die Wand, die unsere beiden Schlafzimmer trennt.

»Du bist der Beste, Jamie. Oh mein Gott, ich werd gleich irre! Scheiße, ja!«, schreit die Frau und mir zieht sich vor Übelkeit der Magen zusammen. Ich stehe auf, gehe ins Bad und stelle das Wasser in der Dusche an, damit das Rauschen die Geräusche aus der Nachbarwohnung überspielt.

»Idiot!«, schimpfe ich. »Diese Show spielst du doch nur für mich. Sex, der Frauen in den Wahnsinn treibt, den gibt es im wahren Leben nicht. Den gibt es nur in Büchern. Ich muss das wissen, ich kenne beides. Den Sex im echten Leben und den in Büchern«, brabbele ich vor mich hin. Ich lehne mich gegen das Waschbecken, dann überlege ich mir, dass mein Nachbar eigentlich genauso viel aus meiner Wohnung hören müsste, wie ich aus seiner. Also fange ich laut an zu singen.

Ich singe ein paar Noten von Summer Wine, dann ein paar von Knockin´ On Heavensdoor und danach den Refrain von Early One Morning. Man wird jawohl unter der Dusche noch singen dürfen. Auch wenn man nicht eine einzige Note richtig trifft und den Text auch nicht beherrscht. Und jede Straßenkatze besser singen kann als ich.

Als das Klopfen gegen meine Schlafzimmerwand endlich aufhört, singe ich noch etwas lauter, während ich in mein Schlafzimmer gehe. Nur noch einmal den alten Folksong so laut ich kann, dann lege ich mich ins Bett und genieße die Ruhe.

2. KAPITEL

Am Nachmittag treffe ich mich mit Jenny und Lilian in unserem Lieblingscafé. Heute ist mir einfach nach dem leckersten Cupcake mit Zitronenminzcremé, den die Welt je gesehen hat. Und den bekomme ich - und auch die Welt - nun mal nur hier bei Tomy´s in Covent Garden.

»Er hat wirklich eine Sexshow für dich abgezogen?«, fragt Lilian ungläubig. Sie hat fast das gleiche rotbraune Haar wie ich, ihres ist nur etwas länger und voller. Meins reicht gerade so bis über meine Schultern, während ihres bis auf die Schulterblätter reicht. Und meins geht etwas mehr ins Rostfarbene.

Jenny sticht unter uns Dreien mit ihrer blonden Mähne immer richtig hervor. Das sage ich nicht nur so, das ist wirklich so. Wenn wir gemeinsam irgendwo hingehen, dann kleben die Blicke aller Männer auf ihr. Und ich wage zu bezweifeln, dass das an ihren nur minimal größeren Brüsten liegt. Lilian und ich haben beide nicht mehr als eine halbe Hand voll, deswegen ziehen wir Jenny gerne damit auf, dass bei ihr die Erdanziehung schneller zuschlagen wird.

Außerdem hat Jenny die blauen Augen einer Puppe, auch den blassen porzellanartigen Teint. Lilians Augen sind dunkelbraun wie Schokolade und ihre Haut olivfarben. Ihre Mutter ist Italienerin. Und ich, ich hab weder wirklich grüne noch wirklich braune Augen. Meine Augen liegen irgendwo dazwischen. Und mein Teint ist auch weder vornehm blass noch rassig dunkel. Von uns drei vierundzwanzigjährigen Grazien bin ich wohl die unscheinbarste. Aber ich habe mich daran gewöhnt, dass die Blicke aller Männer immer auf Jenny gerichtet sind. Und die Blicke der Männer, die sofort kapiert haben, dass sie nie eine Chance bei ihr haben würden, die wandern dann automatisch weiter zu Lilian.

»Ich schwöre, er hat das nur wegen mir gemacht. Ich habe ihn in seiner Männlichkeit verletzt. Ein Bad Boy wie er lässt doch so was nicht auf sich sitzen«, sage ich und rühre im Schaum meines fettfreien Latte. Wenn man schon wegen der Zitronenminzcremé über die Stränge schlägt, muss man das nicht auch noch wegen des Latte macchiato.

»Ja, dann schenk ihm doch deine eigene Show. Ich könnte wetten, schon die Vorstellung allein, dass du nebenan liegst und gerade einen Penis reitest, bringt ihn dazu, in seine zerrissenen Jeans zu kommen«, meint Jenny verschwörerisch.

»Die Vorstellung, du reitest einen Penis würde ihn in seine Hose kommen lassen, aber doch nicht wegen mir.«

»Du siehst heiß aus. Und außerdem, gibt es eine Frau, die so viele Sexfantasien hat wie du? Deswegen rennt dir dieser Irre doch hinterher. Die Männer stehen auf Frauen mit einer dreckigen Fantasie«, wirft Lilian ein.

Wenn jemand von uns eine dreckige Fantasie hat, dann meine beiden Freundinnen. »Ich habe keine dreckige Fantasie. Ihr wisst genau, alles was ich in meinen Büchern schreibe, habe ich irgendwann Mal so oder so ähnlich in anderen gelesen oder bin durch Recherche darauf gestoßen. Um solche Dinge wirklich zu tun, bin ich viel zu verklemmt und unerfahren.«

»Quatsch«, meint Jenny und schiebt ihren Cupcake beiseite. »Du brauchst nur den richtigen Mann dazu, das ist alles.«

»Ja, einen Bad Boy wie deine beiden Nachbarn es sind. Die würden deine dunklen Seiten schon aus dir herauskitzeln. Das dürfen sie auch gerne bei mir versuchen.«

»Du hast sie doch noch gar nicht gesehen«, werfe ich ein und strecke Lilian die Zunge heraus. Lilian steht auf den Typ Bad Boy. Jenny nimmt alles, Hauptsache es ist männlich und im besten Alter.

»Noch nicht. Aber ich werde. Heute Abend mit euch zusammen.«

»Was?«, frage ich unverständlich. »Willst du dich in den Hausflur setzen und warten, bis einer von beiden auftaucht?

»Nein, wir gehen heute ins Yorkshire, da haben Soul of Mjölnir einen Gig.«

»Oh nein«, sage ich stöhnend.

»Oh ja«, ruft Jenny begeistert.

»Ich werd dort nicht hingehen. Nicht nachdem ich gestern die Polizei gerufen habe.«

»Du kannst dich nicht ewig vor ihm verstecken«, sagt Jenny und grinst mich breit an.

Sie weiß genau, dass ich weiß, dass ich eigentlich keine Chance habe, weil ich gegen die beiden immer verliere. Trotzdem versuche ich weiter zu protestieren und meinen Freundinnen meine wirklich peinliche Situation klarzumachen. Denn mir ist es sehr unangenehm, dass ich gestern die Polizei gerufen habe und meine neuen Nachbarn mich jetzt für eine langweilige, bissige Zicke halten müssen. Manchmal bin ich einfach zu impulsiv und das ist auch schon meine negativste Eigenschaft. Impulsiv sein lässt einen Dinge tun, die man danach ganz schnell bereut.

»Das geht wirklich nicht. Ich fühl mich nicht wohl dabei. Und ich hab einen Abgabetermin und hänge ohnehin schon hinterher.«

Jenny und Lilian schütteln die Köpfe. Sie müssen nicht einmal etwas sagen. Ich gebe auf und hoffe darauf, dass die Bar so überfüllt sein wird, dass meine Nachbarn, insbesondere Jamie Elliott, mich nicht zu sehen bekommen.

»Du gehst in Jeanshosen?«, will Jenny wissen und rümpft die Nase. Ich klettere nach hinten auf die Rücksitzbank des knallroten VW Beetle und stöhne.

»Warum haben wir nicht mein Auto genommen, das hat wenigstens vier Türen«, brumme ich und ziehe den Gurt um meinen Körper.

»Du hättest ruhig mal einen Rock anziehen können«, meldet sich jetzt Lilian vom Fahrersitz zu Wort.

Ich seufze. »Ihr wisst genau, ich trage nie Röcke. Mit den Dingern fühle ich mich unten rum nackt.«

»Ich bin untenrum nackt unter meinem Rock, deswegen fühle ich mich noch lange nicht nackt«, wirft Jenny grinsend ein und dreht sich zu mir um.

»Du bist untenrum immer nackt. Und ich erwähne jetzt nicht aus welchem Grund.« Der Grund ist: sie will bereit sein für alle Eventualitäten. Sollte sich die Möglichkeit ergeben, in irgendeiner dunklen Ecke eine schnelle Nummer hinzulegen, will sie sich nicht durch langes Herumgefummel aufhalten lassen.

Lilian kichert und beißt vor Begeisterung fast in das Lenkrad. Jenny zuckt nur lässig mit den Schultern, sieht mich provozierend an und beginnt, ihren ohnehin schon sehr kurzen Rock zentimeterweise ihre Oberschenkel hochzuziehen.

»Lass das, ich will es nicht sehen«, protestiere ich entschieden.

»Wie kann jemand, der solche Sexszenen schreibt, nur so verklemmt sein?« Jenny zieht ihren Rock wieder nach unten.

»Ich bin nicht verklemmt, nur gut erzogen.«

Beide fangen gleichzeitig an zu prusten. Trotzig richte ich meinen Blick aus dem Seitenfenster. Nichts hat sich verändert, meine sexuell offenen und kein bisschen schüchternen Freundinnen lieben es noch immer, mich mit ihren Anspielungen rot wie eine Tomate werden zu lassen. Da hat auch mein Auszug nichts dran geändert. Oder die Tatsache, dass ein nicht unwichtiger Anteil der weiblichen Bevölkerung unseres Landes mein Alter Ego für jemanden hält, der vielseitiges Wissen über Sex hat.

»Gut erzogen? Deine Eltern rennen den ganzen Tag nackt durch die Wohnung, weil sie Kleidung störend finden«, meint Lilian und streckt einem anderen Fahrer die Zunge raus, als der sich darüber aufregt, dass sie viel zu langsam an einer grünen Ampel losfährt.

»Genau deswegen ist es doch verständlich, dass ich etwas gegen Nacktheit habe«, verteidige ich mich murrend.

»Das kann man wohl nicht abstreiten«, meint Jenny und reicht mir eine kleine Flasche Sekt. »Auf ex!«, befiehlt sie und stößt mit ihrer eigenen gegen meine.

Da lasse ich mich nicht zweimal bitten, denn ich habe das dringende Bedürfnis, etwas gegen meine wachsende Nervosität zu unternehmen. Etwas liegt mir unangenehm im Magen und das ist weder mein gemischter Salat von vorhin noch die Kommentare meiner Freundinnen, die beide in ihren knappen Klamotten mal wieder umwerfend aussehen.

Zwischen ihnen wirke ich immer wie das graue Mäuschen, das ich nun mal bin. Aber nachdem ich mein Leben lang die schockierten Gesichter unserer Besucher miterleben durfte, wenn sie meine Eltern nackt Zuhause angetroffen haben, habe ich ein Problem mit dem Nackt sein. Deswegen und wegen dem, was ich im Kindergartenalter erlebt habe, schaffe ich es auch nicht, mich beim Sex vollkommen fallen zu lassen. Weswegen mich meine Partner bisher immer für steif und langweilig gehalten haben.

Um auf meinen Knoten zurückzukommen, der kommt von der Panik, die ich habe, wenn ich an ein mögliches Zusammentreffen mit Jamie denke. Wahrscheinlich hält er mich längst für prüde.

---ENDE DER LESEPROBE---