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Da behaupte noch mal einer – in der Provinz sei nichts los! Wie man sich irren kann! Buchhalter Manfred M., wohnhaft in Hinterunterkleinsttrödelingen, erhält ein Paket, das eigentlich gar nicht für ihn bestimmt war. Beim Öffnen entdeckt er einen derart brisanten Inhalt, dass er Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um es wieder loszuwerden. Doch merkwürdig – die Rückgabe gestaltet sich ziemlich schwierig, denn die bürokratischen und menschlichen Hürden scheinen unüberwindbar. Und das ist fatal, denn der ominöse Inhalt der Lieferung verleiht dem Besitzer eine ganz besondere Fähigkeit: Unbegrenzte Macht. Doch selbst damit muss man erst mal umgehen können! Der Roman "Rocketman Fred" beschreibt humorvoll den alltäglichen Horror einer kleinen Dorfsiedlung und die Folgen der unerwarteten Paketlieferung. Dabei orientiert sich die Geschichte auch am immer weiter eskalierenden Irrsinn unserer modernen Zeit.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Matthias Grau
Rocketman Fred
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung
Warnhinweis für Allergiker
Endlich Wochenende!
Juristische Belehrung
Massepunkt und Federkonstante
Nadelspitz glühende Punkte
Schlafmütze
Fehlgeleiteter Zuneigungsalgorithmus
Spinöse Phase
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Impressum neobooks
Und immer schön daran denken:
Mit einem abwechslungsreichen, interessanten Leben machen Sie irgendwo am anderen Ende der Welt einen armen, unterbezahlten, persönlichen digitalen Assistenten sehr glücklich!
Der Inhalt dieses Werkes ist zu 99,9 Prozent frei von Corona. Es könnte jedoch Restbestandteile von Sarkasmus enthalten. Das ist die garstige, hässliche Schwester der Ironie. Und selbst die ist schon nicht besonders hübsch.
Endlich Wochenende! Der Freitag war wie immer nur schleppend vorangekommen. Montage huschten stets rasch vorbei, fand Manfred, der seit seiner Lehre zum Buchhalter nun schon … tja, wie lange eigentlich … in der kleinen privaten Steuerberatungsgesellschaft arbeitete?
Er suchte im Inneren seines mausgrauen Mantels nach der elektronischen Berechnungsapparatur und schämte sich ein bisschen dabei. Früher hätte er so einfache Zahlen schnell im Kopf ausgerechnet. Aber sein Kopf war müde geworden. Die ermattende Eintönigkeit seines Lebens hatte ihre Spuren hinterlassen. Der Kopf war ohnehin viel zu schade für solch schnöde Dinge wie Rechnen.
Auch die Augen machten nicht mehr so mit wie früher. Aus Faulheit. Für Optiker ein gutes Geschäft. Sein Kollege, Helmut Rindiger, 41 Jahre alt, Geburtstag 14. Juli, Staatsangehörigkeit Deutsch, Geburtsort Hinterunterkleinsttrödelingen, Augenfarbe braun, Haarfarbe braun, Größe 176 cm, Gewicht 94 kg, Anschrift 05180 Hinterunterkleinsttrödelingen, Letzte Reihe 3, hatte ihm erzählt, er hätte als Kind nicht gut sehen können, aber statt ihm eine Brille zu verpassen, schleiften ihn die Eltern jede Woche zweimal in eine Sehfähigkeitsverbesserungslehranstalt für Kinder. Dort lernten die Kleinen, ihre Augen auf unterschiedlich weit entfernte Ziele zu fokussieren, immer abwechselnd von ganz nah über mittel bis weit weg und wieder zurück, um sie so zu trainieren. Und es funktionierte! Den Augen fiel es mit der Zeit immer leichter, sich schnell auf wechselnde Entfernungen einzustellen. Helmut Rindiger sah alles scharf, egal wie nah oder weit entfernt es war.
Manfreds Augen waren nicht trainiert. Wozu auch, es gab in seinem Leben nichts Interessantes mehr zu sehen. Nur das dunkle, graue, karge Büro mit den summenden Leuchtstoffröhren und den künstlichen Zimmerpalmen, sein liebloses zweietagiges Einfamilienhaus, die immer gleichen gesichtsähnlichen Vorderansichten seiner Familienmitglieder und Kollegen. Bei einigen Kollegen war er sich aus verschiedenen Gründen nicht einmal sicher, ob das, was sie an der Vorderseite ihres Kopfes mit sich herumtrugen und der Umwelt präsentierten, überhaupt noch der Definition eines Gesichts entsprach. Sicherheitshalber schlug er den Begriff in einem Internetlexikon nach. Die dort aufgefundene Beschreibung ergab tendenziöse Hinweise auf eine Erfüllung aller notwendigen Parameter, aber Manfred vermutete einen Interessenskonflikt und lobbyistische Verstrickungen seitens der Lexikonbetreiber, daher blieb er lieber bei seiner Unschlüssigkeit.
Aus der anderen Manteltasche fingerte Manfred die Brille heraus, legte die Pads des Seitenstegs auf der Nase ab und verhakte die Bügel des klobigen Gestells hinter seinen leicht abstehenden Ohren. Die Brille begleitete ihn auch schon seit den Achtzigern – kantig, groß, viereckig, aus hellbraunem, inzwischen etwas rissigem Kunststoff. Er hatte sie irgendwann nach einer ärztlichen Untersuchung in der Schule verschrieben bekommen, weil er dem Unterricht kaum noch folgen konnte, was mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad des zu vermittelnden Lehrstoffes irgendwann auffiel.
Die Gläser schienen fast blind, so verschmiert wie sie waren. Manfred putzte sie nie, vielleicht weil er sie eigentlich nicht tragen wollte, denn die Augen entspannten sich mit Brille und wurden dadurch immer schlechter.
Vielleicht sollte ich öfter mal im Kopf rechnen. Auch das Gehirn will trainiert werden, wusste Manfred. Aber er wollte nicht. Nicht mehr. Denken war anstrengend, es kostete Energie und führte nur zu weiteren, überwiegend unangenehmen Gedanken. Zum Beispiel über sein trostloses Leben. Sein schmuckloses Haus. Seine herzlose Frau. Seine hoffnungslos missratenen Kinder. Seine geistlose berufliche Tätigkeit.
Er tippte das aktuelle Jahr in den Taschenrechner, drückte die Minustaste. Nun das Jahr seines Firmeneintritts. Ist-gleich-Taste.
Meine Güte! So lange schon ertrug er die stupide Zahlenhantiererei! Und das war noch vornehm ausgedrückt! In Wirklichkeit war sie so elendig langweilig, dass es Menschen gab, die sie lieber andere Menschen machen ließen und ihnen sogar freiwillig Geld dafür zahlten.
Er steckte den Rechner wieder weg und schaute zum Handgelenk. Siebzehn Uhr, achtundzwanzig Minuten und elf Sekunden. Die DIN-Norm-VDE-0833-gerechte Einbruchmeldeanlage quittierte die Eingabe der Sicherheitskombination mit leisem Piepsen. Dann ein längeres Piepsen. Es bedeutete, er hatte zehn Sekunden Zeit, das Büro zu verlassen. Griff zur Klinke, runterdrücken, Tür öffnen, rausgehen, Tür schließen, Schlüssel ins Schloss, herumdrehen, Blick nach unten zum Handgelenk. Siebzehn Uhr, neunundzwanzig Minuten und sechsunddreißig Sekunden. Manfred verfolgte den dünnen Sekundenzeiger auf seiner Bahn bis zum Zenit des Zifferblattes. Oder was er dafür hielt, denn die fast blinden Brillengläser ließen nur unscharfe Konturen der schnörkellos rationalen, quarzstabilisierten Herrenarmbandzeitmesseinrichtung erahnen. Punkt siebzehn Uhr dreißig zog er den Schlüssel aus dem Schloss.
Er drehte sich zur Personenaufzugsanlage um und tastete suchend nach dem Anforderungsknopf. Seit ein neuer Immobilienspekulant den puritanisch-betonalen Häuserblock, bestehend aus Wohnungen und Geschäftsräumen, übernommen und sich anscheinend verkalkuliert hatte, wurden Reparaturen und Wartungen auf das Nötigste beschränkt. Die Griffe der seit Jahrzehnten nicht gewarteten Fenster waren teilweise abgebrochen, die Etagenbeleuchtung funktionierte nicht, Manfred stand im Dunkeln. Erst die sich öffnenden Türen ließen das Licht der Fahrstuhlkabine den kargen Vorraum erhellen. Manfred stieg ein und drückte auf den Knopf der Tiefgarage: Minus drei. Es knarrte, quietschte und ratterte. Der Fahrstuhl versuchte, die Türen wieder zu schließen. Sie ruckelten hin und her, öffneten sich butterweich, wollten sich wieder schließen, mit demselben geräuschvollen, wenig vertrauenerweckenden Ergebnis. Blitzartig schossen Manfred drei Gedanken durch den Kopf: Fahrstuhl, Wochenende, eingesperrt. Ebenso blitzartig drückte er den Öffnen-Knopf und sprang aus der ächzenden Apparatur. Bloß nicht steckenbleiben! Um diese Zeit war bestimmt kein Servicemitarbeiter mehr zu bekommen, zumindest nicht schnell. Wer weiß, wie lange er in dem Ding eingesperrt wäre, wenn etwas schiefläuft. Die klemmenden Türen waren eine deutliche Warnung, die man besser nicht ignorieren sollte.
Stattdessen lief er die Treppen hinab – Erdgeschoss, minus eins, minus zwei, minus drei. Jetzt noch zweimal um die Ecke, dort stand er: Ein zwanzig Jahre alter Personenkraftwagen blinkte lustlos, als er vom Schlüssel über Funk den Befehl zum Aufschließen der Türen erhielt. Deutsches Fabrikat, untere Mittelklasse, spießig, langweilig und ohne erkennbares Design. Der Lack des Wagens war durchaus gepflegt, kein sichtbarer Rost, weder Kratzer noch Beulen, und dennoch war der Gelbton, eine Mischung aus Pestgrün und Ebolagelb, kein erfreulicher Anblick.
Manfred stieg ein und zog die Tür zu. Der Fahrersitz, verunstaltet mit einem zum Gelbton des Außenbleches vollkommen unpassenden Velourstoff in dunklem Braun, entstellt mit hellgrünen vertikalen Streifen, knarzte in seiner Halterung wie ein altes Sofa. Vermutlich hatte der Entwerfer des Fahrzeugs, denn als Designer konnte man ihn wegen der vollkommenen Abwesenheit jeglichen Verdachtes von Design nicht bezeichnen, dieser Entwerfer also hatte vermutlich wegen heftiger Verdauungsprobleme eine längere Zeit kopfüber in der Sanitäreinrichtung des Feuchtbereichs neben seiner Entwurfsabteilung zubringen müssen, um auf eine derart unappetitliche Gesamtfarbkombination zu kommen.
Manfred fiel das überhaupt nicht auf. Er war kein Augenmensch, schon wegen der ständig verschmierten Brille. Seine Welt bestand nur aus reizlosen Zahlen, und das Einzige, was ihn beim Gebrauchtwagenhändler seines Vertrauens zum Kauf dieser optischen Scheußlichkeit motiviert hatte, war der Preisnachlass. Er registrierte auch nicht, dass Erika, seine Frau, 36 Jahre alt, Geburtstag 24. Juni 1986, Staatsangehörigkeit Deutsch, Geburtsort Hinterunterkleinsttrödelingen, Augenfarbe grün, Haarfarbe blond, Größe 165 cm, Gewicht 962 kg, Anschrift 05180 Hinterunterkleinsttrödelingen, Wiesengasse 17, sich nach ausführlicher Inspektion der attraktivitätsfernen Personenkraftwagenneuanschaffung neben dem Eingang des Gebrauchtwagenmarktes mehrfach übergeben musste, während er den Kaufvertrag unterschrieb.
Gelegentlich wunderte er sich über die aus seiner Sicht unerklärlichen Würgegeräusche, auch über ihre ungewohnte Sprachlosigkeit, wenn sie neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz nahm, was ihm an sich aber sehr gelegen kam, denn er mochte allzu kommunikative Menschen nicht. Er mochte auch unkommunikative Menschen nicht. Eigentlich mochte er überhaupt keine Menschen. Die ungesunde Gesichtsfarbe, die sich auf Erikas Gesicht zeigte, sobald sie das Auto bestieg, nahm er hingegen nicht wahr – Pestgrün und Ebolagelb.
Nachdem Erikas Gewicht immer weiter anstieg, hatte es sich mit dem Beifahrerdasein sowieso erledigt, denn sie passte nicht mehr ins Auto und verbrachte ihr Leben überwiegend zwischen Wohnzimmercouch und Ehebett. Ohnehin hätte ihre weitere Anwesenheit verkehrsgefährdende Dimensionen angenommen, denn zusammen mit ihrem Gewicht stieg auch das Ausmaß ihres Mundgeruchs bedenklich an.
Minus drei, minus zwei, minus eins. Manfred steuerte das abstoßende Fortbewegungsmittel vorsichtig durch die engen Etagen des Parkhauses der Ausfahrt entgegen. Dort angelangt, blickte er nach links und rechts: alles frei. Freie Fahrt!
Noch bis vor wenigen Jahren hatte Manfred den öffentlichen Nahverkehr genutzt. Inzwischen waren die Fahrgäste unerträglich geworden. Niemand nahm mehr Rücksicht auf andere. Die Leute führten ungehemmt laute Telefonate, besprachen private Dinge vollkommen ungeniert vor Fremden. Junge Menschen standen nicht mehr auf, wenn ältere, gebrechliche Personen einstiegen. Lieber daddelten sie mit tief gesenktem Kopf irgendwelche Spiele oder beschallten Bahn und Bus mit lautem Schrott, denn als Musik konnte man die aus den Brüllwürfeln drängenden Geräusche wegen der vollkommenen Abwesenheit jeglichen Verdachtes von Anmut und Komposition nicht bezeichnen. Auch legten diese jungen Leute ein recht interessantes Gebaren an den Tag, sobald sie einem potenziellen Balzpartner gegenübersaßen. Die Männchen starrten übertrieben desinteressiert aus dem Fenster, die Ohren mit Brüllstöpseln verbarrikadiert, die Weibchen griffen bei Blickkontaktaufnahme hektisch zu ihren Smartphones, um sie gespielt geschäftig auf neue Nachrichten zu überprüfen, die gar nicht da waren.
Wir werden aussterben, dachte sich Manfred und erinnerte sich, wie damals, also zu seiner Zeit, also als er jung war, also als er und Erika, also …
Also damals lernte man sich in der Disko kennen. Das war einfach so. Mann forderte Frau zum Tanzen auf, die zierte sich meist auch nicht. Nicht mal hinterher, nach dem Tanzen. Alles ging ganz schnell, also damals war das so, also …
Es wurde jung geheiratet, viel rummachen war nicht, damals, also …
Also zumindest nicht bei Manfred, denn er sah nicht sonderlich attraktiv aus, auch damals schon nicht, weshalb es mit den Weibchen oft nicht so klappte, wie gewünscht. Doch auch Erika sah nicht sonderlich attraktiv aus, und genau wie Manfred war sie kein Augenmensch, außer in dem einen Moment, als sie den abstoßend hässlichen Gebrauchtwagen in pestgrün und ebolagelb erblickte, sonst eigentlich nie, insofern passte das schon.
Dann kam recht schnell das erste Kind. Ficken können sie alle, nur verhüten eben nicht. Hans, inzwischen 12 Jahre alt, Geburtstag 19. Juni, Staatsangehörigkeit Deutsch, Geburtsort Hinterunterkleinsttrödelingen, Augenfarbe grüngrau, Haarfarbe dunkelblond, Größe 155 cm, Gewicht 59 kg, Anschrift 05180 Hinterunterkleinsttrödelingen, Wiesengasse 17, kurz darauf folgte Renate, heute 11 Jahre alt, Geburtstag 25. September, Staatsangehörigkeit Deutsch, Geburtsort Hinterunterkleinsttrödelingen, Augenfarbe graugrün, Haarfarbe hellblond, Größe 148 cm, Gewicht 50 kg, Anschrift 05180 Hinterunterkleinsttrödelingen, Wiesengasse 17.
Nach dem zweiten Kind hegte Erika allmählich den Verdacht, was da unten herausgekommen war, musste eventuell auch auf diesem Wege hineingekommen sein. Ab da war es vorbei mit dem Geschlechtsverkehr.
Manfred war das egal, auch er hegte gewisse Vermutungen, zum Beispiel die, es könnte eventuell nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, als die Lust ihn gepackt und auf dieses schwabbelige, walartige Wesen mit dem strohigen Gestrüpp auf dem Kopf und dem stechenden Mundgeruch geschubst hatte. Man hörte da so einiges, von Hormonen und Enzymen, die den freien Willen beeinflussten, aber nein, bloß nicht nachdenken! Denken war anstrengend, es kostete Energie und führte nur zu unangenehmen Gedanken. Eigentlich hatte er nur ein wenig tanzen wollen, und nun war das dabei herausgekommen, eine Frau, zwei Kinder und ein abzuzahlendes Einfamilienhaus im Grünen.
Nein, Moment mal, das war jetzt unfair, gestand Manfred sich ein, das schwabbelige walartige Wesen, das war nicht ganz korrekt, so hatte Erika ja nicht immer ausgesehen. Anfangs, also damals in der Disko, als er sie das erste Mal zum Tanzen aufgefordert hatte, da sah sie durchaus … nicht gerade schön … auch nicht unbedingt hübsch … sondern eher so … naja … sagen wir mal – libidinös animierend aus. Er hatte sie tanzen sehen, mit recht aufreizenden Bewegungen, die seine Begierde weckten, den Verstand vorübergehend deaktivierten und letztendlich zu dem führten, was nun war. Erst nach der Geburt von Hans veränderte sich Erika. Zuerst einigermaßen ansprechend, dann plötzlich dieses schwammige Mutterwesen, in das sich viele Frauen nach der Geburt ihrer Kinder transformierten, so als wäre es genetisch vorbestimmt, resümierte Manfred ratlos. Wie unter diesen eher ungünstigen Ausgangsbedingungen ein zweites Kind entstehen konnte, war ihm ein unberechenbares Rätsel, daher ließ er die elektronische Berechnungsapparatur diesmal gleich stecken.
Die Autobahn war recht voll um diese Zeit, Berufsverkehr. Manfred hatte eine einfache Regel für seine persönliche Einschätzung: Unterschritt der Abstand des vorausfahrenden Fahrzeugs die minimal zulässige Abstandsmarkierung der Abstandseinhaltungserfassungsvorrichtung, so bezeichnete Manfred das Verkehrsgeschehen kurzerhand als Stau.
Aber es war egal, heute kam er gut voran, nur noch 438 Meter bis zur Autobahnanschlussstellenausfahrt, gab die Navigationsfunktion in der Multifunktionsfarbanzeige des im Armaturenbereich eingebetteten Kombinationsinstruments bekannt, dann 848 Meter die Landstraße entlang, wie Manfred im Internet herausgefunden hatte, einbiegen in den Weg zwischen den Grundstücken der Siedlung „Edles Tannengrün“ und 355 Meter fast ganz bis zum Ende durch, zum vorletzten Haus, nahe der langen, breiten Brache, die früher mal ein Feld gewesen war, bis der Landwirt wegen übermächtiger Billigkonkurrenz aus Osteuropa hatte aufgeben müssen.
Manfred stieg aus, öffnete das verrostete Gartentor und fuhr den Wagen aufs Grundstück. Feststellbremse aktivieren, als zusätzliche Sicherung gegen unbeabsichtigtes Wegrollen den ersten Gang einlegen, aussteigen, Tür zu, abschließen, Gartentor schließen, Tür aufschließen, reingehen, Tür zu, Schuhe ausziehen, in die ursprünglich eierschalenweißen, jetzt ergrauten, speckigen Pantoffeln hineinschlüpfen, die mit ihrem rundum abstehenden Kunstfaserfell als Füße zu einem Eisbärenfaschingskostüm gedacht waren, Mantel ausziehen, an den freien Haken der kunstgewerblich anmutenden, verschnörkelten, horizontalen Garderobenaufnahmeeinrichtung hängen, ein Lächeln aufsetzen, ins Wohnzimmer gehen, hallo sagen: „Hallo!“
Das schwabbelige, walartige Wesen mit dem strohigen Gestrüpp auf dem Kopf und dem stechenden Mundgeruch wälzte sich auf der dunkelgrünen Velourcouch herum, versuchte behäbig, seine Beine zu orten, diese nach erfolgreichem Auffinden von der Sitzfläche in Richtung Fußboden zu manövrieren, wo sie nach einem endlos scheinenden Moment mit laut patschendem Geräusch aufschlugen, was ein sekundenlanges Nachvibrieren der um die Schenkel verteilten biologisch abbaubaren Weichgewebemassen zur Folge hatte. Nun bemühte sich der unförmige Rumpf, die nicht weniger voluminösen Arme in Bewegung zu setzen, wobei dem linken Arm von der Schaltzentrale im Kopf die Beibehaltung des Gleichgewichts überantwortet wurde, indem er den Leib neben sich auf dem Sitzpolster abstützte, und der rechte Arm den Befehl erhielt, sich zur wenige Zentimeter entfernt liegenden Fernbedienung auf dem Tisch durchzuschlagen, deren Existenz es überhaupt erst ermöglichte, den nervigen Ton der hirnlosen Vorabendserie für intellektuell überforderte Präkariatsunterschichten leiser zu stellen, ohne dafür extra die Weich- und Festgewebegesamtkörpermasse von der Couch bis direkt zum Fernseher bewegen zu müssen, was auch nicht viel schwieriger gewesen wäre, als die Fernbedienung zu erreichen, die ihren Namen nur deswegen trug, weil sie stets unerreichbar in der Ferne lag, statt dort, wo man sich gerade aufhielt.
„Ja, auch!“, antwortete Erika. „Wie war Arbeit?“, fragte sie desinteressiert, den Blick weiter auf das Geschehen im Fernsehen gerichtet. „Ging so“, sagte Manfred. „Un’ Kinder?“
„Oben“, sagte sie. Er fragte: „Abendbrot?“ Sie nickte: „Mach doch.“ Er seufzte und schickte sich an, in die Küche zu gehen. Im Weggehen fragte er: „Sonst irgendwas Neues?“
„Päckchen.“
„Wo denn?“
„Müller.“
„Wieso beim Müller? War denn keiner zu Hause?“
„Hat nicht geklingelt.“
„Wer?“
„Paketbote.“
Manfred ärgerte sich. „Kannst du nicht in ganzen Sätzen sprechen? Wieso klingelt der beim Müller aber nicht bei uns?“
„Dauert vielleicht zu lange, bis ich zur Tür bin“, mutmaßte Erika. Es war der erste, den amtlichen Grammatikregeln wenigstens halbwegs entsprechende Satz des heutigen Abends.
„Ach so, ja das kann sein“, antwortete Manfred. Den mitschwingenden Sarkasmus schien seine Frau zu überhören. „Hat er denn eine Benachrichtigungskarte dagelassen?“
„Flur.“
Manfred ging in den Flur, suchte nach einer gelb bedruckten Karte und fand sie in der bunt lackierten Schlüsselschale, deren Preisschild wegen des unverhältnismäßig stark haftenden Klebstoffes nicht entfernt worden war. Ein Euro neunundneunzig.
Er inspizierte die Karte. „Max?“, rief er in Richtung Wohnzimmer. „Wieso Max? Bei uns gibt es doch gar keinen Max!“
„Was?“, rief Erika. Manfred lief zurück. „Der Empfänger! Dort steht Max Mustermann, nicht Manfred“, erklärte er.
„Hasse deinen Familiennamen“, maulte Erika. „Das sagst du jedes Mal, wenn Post kommt“, antwortete Manfred, „besonders, wenn Post von meiner Familie kommt. Du hättest meinen Nachnamen ja nicht annehmen müssen. Warum hast du deinen nicht einfach behalten? Erika Gabler?“
„Und ich hasse deine Familie!“, rief Erika. Subjekt, Prädikat, Objekt – der Satz war vollständig und hätte jeden anständigen Diplom-Germanisten in Entzücken versetzt. Nur Manfred war nicht entzückt. Er verzog das Gesicht. „Kannst dich ja wieder umbenennen lassen.“
„Kann mich auch scheiden lassen!“, zischte sie zurück.
„Auch das sagst du immer. Wenn du’s nur endlich tun würdest …“ murmelte er. Schnell biss er sich auf die Lippen. Nur keine Scheidung! Das Haus war nicht abbezahlt, und das Zusammenleben würde noch schwieriger werden, wenn sie …
„Mustermann! Ich weiß, dass du da bist! Ich kann dich durch’s Fenster sehen! Schwing deinen verdammten Arsch hier rüber und hol deine beschissene Kiste ab! Die steht hier halb vor meiner Ausfahrt. Das war die letzte Lieferung, die ich für euch entgegengenommen habe! Du kannst nicht jedes Mal davon ausgehen, dass ich mich um euren Scheiß kümmere, nur weil deine Alte und die beiden Kackbratzen zu faul sind, die verdammte Tür aufzumachen! Immer diese Scherereien!“
Das war Nachbar Müller, 57 Jahre alt, Geburtstag 29. Februar, Staatsangehörigkeit Deutsch, Geburtsort Hinterunterkleinsttrödelingen, Augenfarbe grau, Haarfarbe grau, Größe 175 cm, Gewicht 72 kg, Anschrift 05180 Hinterunterkleinsttrödelingen, Wiesengasse 18, ein echter Stinkstiefel. Manfred öffnete das Fenster und rief: „Tut mir leid, wir können nichts dafür, der Paketbote hat mal wieder nicht geklingelt. Außerdem – warum nehmen Sie die Lieferung denn an, wenn Sie damit nicht einverstanden sind?“ Er versuchte es in versöhnlichem Ton, aber offenbar half das nicht. „Ach, Blödsinn, bei mir klingelt er ja auch! Also beweg dich, Mustermann, hol endlich die Kiste hier ab!“ Manfred versuchte zu verhandeln: „Reicht es auch morgen?“ Müller wandte sich ab. „Nein, verdammt, heute!“, rief er im Weggehen.
Manfred grübelte. Kiste? Wieso denn Kiste? Erika sprach doch von einem Päckchen.
„Erika? Ist es nun ein Päckchen oder was?“
„Was weiß ich denn? Ist aus Holz. Und groß.“
„Wie groß?“
Hans und Renate waren unbemerkt die Treppe heruntergeschlichen und mischten sich ein: „Ziemlich groß!“, sagte Renate. „Ja, echt riesig! Und lang!“, ergänzte Hans.
Eine Kiste? Groß? Ziemlich groß? Und lang? Missmutig setzte Manfred sich in Bewegung. Seine Neugier gewann die Oberhand, er zog das Tempo an. Tür auf, rausgehen, Tür zu, den Gartenweg entlang, Tor auf, Tor zu, nach links, zur langen, breiten Brache, die früher mal ein Feld gewesen war, dann wieder links, die nicht lebende Einfriedung entlang, landläufig auch bekannt als Gartenzaun, bis zum Nachbargrundstück.
„Wo denn?“ Seine Augen durchsuchten die Dämmerung. „Na, da!“ Die Kinder waren ihm gefolgt, Hans zeigte auf den etwas helleren Feldweg, der sich im Zwielicht nur schwach von der Umgebung abhob. Zusammen mit dem Fingerzeig verwandelte sich das, was eben noch Feldweg schien, in eine Holzkiste mit beeindruckenden Ausmaßen. Manfreds Gehirn hatte sich durch die jahrelange Erfahrung, das Bild, das sich in hunderten Spaziergängen eingeprägt hatte, täuschen lassen und das helle Holz für den Feldweg gehalten.
Kein Päckchen. Eine Kiste. Riesengroß! In Gedanken visualisierend stellte Manfred eine Person daneben, etwa eins achtzig groß. Die Kiste überragte seine Fantasie um gut einen Meter. Wesentlich beeindruckender war die Länge. Manfred schritt die Seitenlinie ab und zählte 22 Schritte. Ein Koloss. Nie zuvor hatte er eine so große Holzkiste gesehen.
„Jaja, schau sie dir ruhig genau an! Dann begreifst du Spatzenhirn vielleicht, warum ich sie hier weghaben will!“, ätzte der Nachbar über den Gartenzaun.
„Ja, tut mir leid, ich sehe schon. Ich weiß nur nicht … wie schwer wird sie wohl sein?“
„Nicht mein Problem!“, bemerkte Müller hämisch und lehnte sich grinsend mit verschränkten Armen auf die grün gestrichenen Zaunlatten. Er saß am längeren Hebel und wollte, dass Manfred Mustermann das weiß.
„Aber … wissen Sie, eigentlich ist das auch nicht mein Problem, denn die Kiste ist ja nicht an mich adressiert. Auf der Benachrichtigungskarte steht ,Max Mustermann‘, und ich heiße Manfred“, reklamierte Manfred in einem waghalsigen Anflug von Aufmüpfigkeit. Müller schüttelte drohend den Zeigefinger: „Wie viele Mustermänner leben denn noch hier in der Wiesengasse? Das seid doch nur ihr vier Hängeohren! Also keine Ausreden, das Ding muss weg!“
„Na schön, also dann …“ Manfred knickte ein und rief nach den Kindern: „Hans? Renate? Fasst ihr bitte mal mit an?“ Murrend kehrten die beiden zurück. Sie hatten schnell gemerkt, worauf die Sache hinauslief und versucht, sich davonzuschleichen. Hans probierte einen kleinen Aufstand: „Die ist ja viel zu schwer! Die kriegen wir nicht alleine weg!“ Renate jammerte los: „Mir tut der Rücken weh. Ich kann da nicht mithelfen.“
Manfred verlor die Geduld. „Ihr werdet jetzt mit anfassen! Los, Hans, linke Ecke, ich nehme die rechte. Renate schiebt von hinten.“ Es war nicht ganz klar, ob die Geräusche, die nun von den Kindern abgesondert wurden, gutartiger Natur waren, denn sie klangen verdächtig nach Flüchen und Verwünschungen. Als alle in Position standen, gab Manfred das Kommando: „Na los, schieben!“ Die Geräusche, die nun von allen drei Personen abgesondert wurden, waren eindeutig nicht gutartiger Natur, was wohl dem Umstand geschuldet war, die Kiste nach dem kläglichen Versuch in unveränderter Position vorzufinden. „Verdammt, ist die schwer! Hat einer von euch sie auch nur einen Millimeter bewegen können?“ Die Kinder verneinten.
„Herr Müller, entschuldigen Sie vielmals, würden Sie vielleicht mal mit anfassen?“ Heftiger Protest: „Auf keinen Fall! Ich bin doch nicht bescheuert! Lös’ deine Probleme gefälligst selbst!“ Müller drehte ihnen den Rücken zu und verschwand im Haus. Manfred rief hinterher: „Dann bleibt sie halt hier stehen bis morgen, so!“
Inzwischen war es viel zu finster, um irgendetwas erkennen zu können. Die DIN-Norm-5044-konforme, ortsfeste Verkehrsbeleuchtung vom Typ „Betonmast-Gasentladunglampe, Landmodell Standard“ des mitteldeutschen Herstellers Finstermann Leuchten GmbH reichte nicht bis zum Ende des Weges, daher lag dieser Teil nahezu im Dunkeln. Mit der Lampenfunktion seines Smartphones ging Hans neugierig auf Entdeckungstour rund um die Kiste. „Hier stehen ein paar Buchstaben und Zahlen, wie mit einem Pinsel draufgemalt, aber sie ergeben keinen Sinn: CC-20. Was soll das bedeuten?“
Manfred dachte kurz nach und beschloss, jede weitere Erkundung auf morgen zu verschieben. „Kommt, Kinder, lasst uns zurückgehen. Morgen ist auch wieder ein Tag.“
Hatten Hans und Renate soeben noch nicht schnell genug verschwinden können, um nicht beim Tragen helfen zu müssen, war ihre Neugier nun umso mehr angestachelt. Sie maulten herum, es sei noch nicht spät, über Nacht könnte die Kiste von Unbekannten gestohlen werden, und man solle sie wenigstens mal kurz aufmachen, um zu schauen, was sie enthielt. Letztlich mussten sie sich geschlagen geben, als ihr Vater die Aktion nachdrücklich beendete.
Wie immer ging Manfred als letzter zu Bett. Diese fundamental wichtige Maßnahme bewahrte ihn davor, wie von einem Trampolin hochgeschleudert zu werden und einem Eierkuchen gleich an der Decke klebenzubleiben, wie es schon einige Male passiert war, wenn Erika sich neben ihm ins Bett fallen ließ, während er bereits darin lag. Zu den wichtigen allnächtlichen Überlebensstrategien gehörte es auch, so weit wie möglich an den äußersten Rand des Bettes zu rücken und die Decke über den Kopf zu ziehen, um wenigstens halbwegs von den olfaktorischen Verwesungsrückständen aus Erikas Zahnzwischenräumen, bestehend aus mariniertem Fisch mit Remouladensoße von Montag, Knoblauchzehensuppe von Dienstag, Kassler mit Sauerkraut von Mittwoch, Schweinshaxe von Donnerstag, Flammkuchen mit Zwiebelmus und extrascharfen Kräutern von heute, sowie einigen schalen Bieren, unzähligen Zigaretten und Kaffeesatzresten verschont zu bleiben und nicht daran zu ersticken. Er erwägte kurz, ihr mal wieder die Benutzung von Zahnseide zu empfehlen, aber eine theoretisch nicht ganz auszuschließende Erwiderung, herausgehaucht auf kurze Distanz, hätte ihn wohl augenblicklich dahingerafft.
Wenige Stunden später fand Manfred noch immer keinen Schlaf. Die Grübelei hielt ihn wach, ließ ihn sich unruhig hin- und herwälzen. Wer nur schickte ihm eine solch große Kiste? Vor allem, warum? Was mochte in ihr verborgen sein? War es wertvoll? Oder vielleicht nur Ramsch? War die Kiste womöglich leer? Ein Scherz von einem Nachbarn? Doch wer würde so etwas tun? Seine ganze Familie hatte hier in der Gegend keine nennenswert intensiven Kontakte. Auch in keiner anderen Gegend.
Als es dem Morgen graute, sprang Manfred voller Tatendrang aus dem Bett, was ungewöhnlich war, denn als Buchhalter entsprach er so gar nicht dem Klischee eines Abenteurers. Auch wenn jetzt, Ende März, draußen weiterhin recht tiefe Temperaturen herrschten, so nötigte ihn der reine Selbsterhaltungstrieb, schnellstmöglich die Fenster zu öffnen, um die lebensgefährlichen Gase der Nacht aus dem Schlafzimmer entweichen zu lassen. Dann schlüpfte er in seine professionelle Gärtnerbekleidung, für die er sich in einem Gartenzubehörmarkt von gut geschultem Fachpersonal extra hatte ausgiebig beraten lassen. Ihr Tragen zum Zwecke der feierlichen Eröffnung einer überformatigen Holzkiste hatte in seinen Augen ein wenig von unentschuldbarer Zweckentfremdung. Doch dieses eine Mal würde er eine Ausnahme tolerieren.
Das Frühstück war Manfred normalerweise heilig und jeden Tag strikt zur gleichen Zeit einzunehmen. Heute ließ er es unbeabsichtigt ausfallen. Zu groß war die Anziehungskraft, die von dieser geheimnisvollen Kiste ausging, weshalb er es glatt vergaß. Er lief in den Schuppen, griff sich dort vom obersten Regalbrett die blankgeputzte lederne Werkzeugumhängetasche, verstaute in ihr die sorgfältig ausgewählten Zangen und Schraubenzieher, einen Hammer sowie mehrere Brecheisen. Alles Werkzeuge, die schon seit Jahren exakt ausgerichtet, penibel gereinigt und auf Hochglanz poliert am jeweiligen festen Platz in der Wandbefestigung auf ihren Ersteinsatz warteten. Nun endlich war es so weit!
Die Umhängetasche hangelte geschickt über den Kopf hinüber, baumelte elegant von der Schulter hinab und schmiegte sich aufgeregt an Manfreds gut gepolsterte Hüfte. Der hängte sich die Klappleiter über die andere Schulter und setzte sich in Bewegung. Auf der kurzen Strecke, vom Schuppen durch das Tor, den sandigen Weg entlang bis zum Feldweg neben der Brache, klapperte das Werkzeug erwartungsvoll in der Tasche.
Besonders hell war es um diese Zeit noch nicht. Blick aufs Handgelenk – Uhr vergessen. Manfred fluchte verhalten. Seine Hände begannen leicht zu zittern. Er mochte keine unangenehmen Überraschungen. Alles sollte stets perfekt vorbereitet sein, nur keine Fehler, bloß nichts übersehen!
Jedes andere Mal wäre er zurückgegangen, um die Uhr zu holen. Aber nicht heute. Die Kiste vor ihm hatte etwas Magisches, Anziehendes, man konnte sich ihrer Faszination nicht entziehen, obwohl noch gar nicht klar war, was sie eigentlich enthielt.
Manfred umrundete sie gemessenen Schrittes, betrachtete sie sorgfältig, nahm jede Holzlatte, jede Spalte genauestens in Augenschein. Billiges Holz war das offensichtlich nicht, keine nachlässig geschlagene Kiefer, keine ungehobelte Fichte, keine lieblos zusammengenagelte Tanne. Das hier war etwas Edleres! Eiche vielleicht? Oder Teak? Die Kanten waren gezahnt, die Zähne verschränkt, die Kontaktstellen verleimt. Die Oberfläche fühlte sich glatt und gleichmäßig an, als wäre sie geschliffen und mit Wachs versiegelt worden. Allein schon die Kiste musste eine Menge Geld gekostet haben. Wie wertvoll würde dann erst der Inhalt sein?
Neben der Stirnseite fand er die Zeichen, die Hans bereits entdeckt hatte: CC-20. Geschrieben von Hand, mit einem Pinsel, nicht besonders stilvoll, eher unbedacht dahingeschmiert. Irgendwie passten die Buchstaben nicht zur ansonsten sorgfältig ausgeführten Arbeit. Bis auf die Zeichen war der Rest wirklich sehr ordentlich gefertigt. Von einem Meister seines Faches. Die penible Arbeit entsprach ganz Manfreds Geschmack. Exaktheit lag ihm im Blut, Unordnung hatte stets sein Missfallen erregt.
„Ich glaube, ich mag ihn, den Schöpfer dieser Kiste“, flüsterte Manfred in zärtlichem Gedenken und strich sanft mit der Hand über die glatte Oberfläche. Nun muss ich sein Werk leider etwas in Unordnung bringen, sonst werde ich wohl nie herausfinden, was die Kiste enthält.
Er suchte nach einem günstigen Ansatzpunkt für sein Werkzeug und fand an der Stirnseite stattdessen mehrere Klappverschlüsse aus Metall, wie bei einer Munitionskiste vom Militär.
Ratlos schaute er sich um. Bei Müller war kein Licht zu sehen. Am Wochenende schlief er immer länger. Warum, wusste Manfred nicht, denn Müller war schon lange Zeit Invalidenrentner, ging also seit Jahren nicht mehr arbeiten, stand werktags aber trotzdem früher auf. Vielleicht um die arbeitende Nachbarschaft besser terrorisieren zu können, vermutete Manfred, denn die stand ja werktags auch früher auf. Ich sollte mich beeilen, damit ich mit der Kiste fertig bin, bevor Müller wach ist und wieder durch die Gegend brüllt.
Schnell öffnete er die Verschlüsse, sie waren nicht zusätzlich besonders gesichert und angenehm leichtgängig. Schon bei einem leichten Ziehen mit dem Finger schnappten sie einfach so auf und gaben den Deckel frei. Leider etwas zu leicht, denn als die letzte Verriegelung geöffnet war, gab der schwere Deckel nach, kippte nach hinten weg und stürzte mit lautem Knall auf den Weg. Manfred hatte in letzter Sekunde zur Seite springen können, sonst wäre er wohl erschlagen worden. Der aufgewirbelte Staub waberte vom Aufschlagpunkt wellenförmig in alle Richtungen.
