Rolf Sonne - J. Gold - E-Book

Rolf Sonne E-Book

J. Gold

0,0

Beschreibung

Rolf Sonne, ein erfolgreicher deutscher Filmkomponist im Hollywood der 1970er Jahre, sieht sich in der Mitte seines Lebens gefangen in einer Sackgasse. Seine Arbeit befriedigt ihn nicht mehr, die hektische Großstadt wird ihm unerträglich, seine Ehe ist erkaltet. In ihm reift der Mut, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen - in der Hoffnung, dass diese letztlich in die ersehnte Freiheit führen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 87

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Am Stillen Ozean stand ein weißes Haus.

Vor dem Haus hatte ein Lastwagen gehalten, und aus seinem Inneren wurde ein dreieckiges Paket, das so groß und schwer war, dass drei Männer zum Ausladen erforderlich waren, seitlich und hochkant auf einen Rollwagen geladen und danach ins Haus bis vor eine Treppe geschoben, die hinauf in den ersten Stock führte. Zwei der Männer legten sich Tragegurte an und hievten, zogen und zerrten die schwere Ladung Stufe für Stufe nach oben, während der dritte den Rollwagen hinterhertrug. Oben angekommen, setzten sie das Frachtgut wieder auf dem Wagen ab und rollten es über den Gang bis vor einen Raum, aus dessen weit und einladend offenstehenden Doppeltüren helles Sonnenlicht drang. Nachdem die Türschwelle passiert und das Paket in der Mitte des Raumes abgesetzt worden war, befreiten die Männer den sperrigen Inhalt aus seiner Verpackung und setzten ihm Beine mit Rollen an. Rolf Sonne, der sich eine Zigarette angezündet und den ganzen Vorgang schweigend am Fenster stehend beobachtet hatte, sagte schließlich:

„Prima, meine Herren. Drehen Sie den Flügel bitte jetzt noch so, dass man beim Spielen Aussicht aufs Meer hat.“

Die Männer taten wie geheißen, gaben dem Instrument die gewünschte Richtung, sammelten dann mit von großzügigem Trinkgeld befeuertem Eifer das Verpackungsmaterial ein und verabschiedeten sich. Rolf Sonne, die Zigarette im Mundwinkel, rückte die Klavierbank zurecht, nahm aber noch nicht Platz, sondern umkreiste den Flügel mehrmals mit dem abschätzenden Blick des Kenners, so als hätte er einen neuen Wagen vor sich. Dass seine Frau sich bei der Farbwahl für das Instrument etwas außergewöhnlich Anmutendes aussuchen würde, hatte er geahnt, hatte sich jedoch standfest vorgenommen, als Geste von Langmut und Duldsamkeit und auch des guten Willens gegen keinen ihrer Vorschläge aufzubegehren, wie ausgefallen es auch kommen möge, und jetzt war es sehr ausgefallen gekommen, denn der neue Flügel gleißte in der schräg in den Raum stechenden Nachmittagssonne mit seiner ganzen Strahlkraft wie ein gigantischer Block gelben Edelmetalls in der vom Hersteller ‚Bahama Gold Metallic‘ genannten Sonderlackierung. Rolf Sonne hatte keine besseren Vorschläge gehabt – das ewige und für Klaviere so typische und oft gesehene Schwarz erinnerte ihn an Tod und Trauer, auch mit Weiß mochte er sich nicht anfreunden, und jene Instrumente aus braunem Nussbaumholz schienen ihm wie aus Planken altmodischer Wohnzimmerschränke seiner alten Heimat zusammengeklebt. Und das schließlich ausgewählte Gold war vielleicht doch noch weniger ungewöhnlich als die ursprüngliche Idee seiner Frau, den neuen Flügel aus durchsichtigem Plexiglas herstellen zu lassen.

Rolf Sonne beendete seine prüfenden Runden um die teure Neuerwerbung, stellte den Aschenbecher darauf ab, nahm an der Tastatur Platz, legte die Zigarette ab und spielte die ersten Noten, was ihm aber keine Freude bereitete, denn das Instrument war verstimmt, man musste also zunächst noch einmal den Klavierstimmer kommen lassen, bevor es einsatzfähig war.

Von draußen trippelten Schritte heran, und in der großen Öffnung der Doppeltüren stand ganz klein Rolf Sonnes Tochter, einen roten Ball in den Händen. Sie hielt dort, den Kopf wiegend, noch einen Moment inne, lief dann ins Zimmer, ging, um den Ball sorgfältig auf dem Boden ablegen zu können, mit einer drolligen Bewegung in die Knie, krabbelte danach ihrem Vater auf den Schoß und blickte mit großen Augen auf das sonnig schimmernde Instrument. Die plappernden, von lustigen Gesten untermalten Kommentare, mit der sie ihre Meinung über den neuen Flügel kundtat, konnte Sonne nicht verstehen, aber er freute sich über die ansteckende fröhliche Stimmung der Kleinen, tätschelte übermütig ihre Wangen und küsste sie, sie aber entzog sich kichernd seiner Zuneigung und wischte sich mit dem Ärmel den Kuss ab. Dann rief von unten jemand seinen Namen, zweimal, ohne dass er reagierte, und schließlich klapperten Schritte die Treppe hoch, und Rolf Sonnes Frau betrat den Raum. Wie ihr Mann zuvor umrundete auch sie das goldene Instrument ausgiebig, dabei wortreich wie lautstark dessen luxuriöse Erscheinung preisend, ihre übertriebene Begeisterung mit ausladenden Handbewegungen untermalend, danach abrupt das Thema wechselnd und ihren Mann daran erinnernd, dass man heute Abend bei den Nachbarn speisen würde, und sie bat ihn, er solle sich schick machen und sich nicht wieder kleiden wie jemand, der in den Straßen wohnte, damit hätte er sie bei der letzten Gelegenheit nachhaltig unmöglich gemacht. Danach angelte Frau Sonne ihre Tochter vom Schoß ihres Mannes und verließ das Musikzimmer, und er hörte, wie ihre Schritte zunächst die Treppe hinunter-, dann über den Marmorboden in der Eingangshalle klapperten, bis das Klappergeräusch mit einem Mal aufhörte, und er wusste, dass sie jetzt den weichen Teppich des Wohnraums erreicht hatte. Er widmete sich zunächst wieder in langen Zügen seiner Zigarette, klimperte dann erneut ein paar Töne auf dem goldenen Flügel, fand aufgrund ihrer Unreinheit jedoch immer noch wenig Gefallen daran, erhob sich, trat ans Fenster und betrachtete die horizontalen Streifen der kalifornischen Sommertrikolore: Türkiser Himmel, blauer Ozean, goldener Strand. Gedankenlos rauchte er dabei die Zigarette zu Ende, griff dann nach dem Telefon, um den Klavierstimmer anzurufen, wusste jedoch dessen Nummer nicht, schlug im Telefonbuch nach und vereinbarte anschließend einen Termin. Gerne wäre er dann auf den Balkon, an die zwar warme, aber von Meeresbrisen erfrischte und bewegte Luft, aber dort gab es um diese Uhrzeit keinen Schatten. So fand er sich zunächst wieder auf der Klavierbank und entzündete die nächste Zigarette. Dann kam der Gedanke an den bevorstehenden Besuch bei den Nachbarn zurück. Sonne dachte angestrengt nach, ob ihm nicht eine Ausrede einfallen wollte, um sich dieser Verpflichtung zu entziehen, aber die rettende Idee fand ihn nicht. Er verspürte überhaupt kein Verlangen danach, sich wieder einmal einen Abend lang den endlosen Vorträgen seines Nachbarn übers Filmgeschäft auszusetzen, noch dazu im Beisein dessen einfältiger Ehefrau, die stets allem, was ihr Mann von sich gab, kritiklos beipflichtete, und sich dabei immer dienerhaft und unterwürfig verhielt, während sie Essen und Getränke verteilte. Aber so würde es auch heute wieder sein, Sonne wusste es, und er sah keine Möglichkeit, sich dieser Belästigung, diesem verschwendeten Abend, diesem anmaßenden Diebstahl von Zeit zu entziehen, und beschloss, die kommenden Ereignisse mannhaft zu ertragen. Schließlich legte er die verglühenden Reste seiner Zigarette in den Aschenbecher, setzte sich an das alte elektrische Piano in der Ecke, improvisierte über eine Melodie, die er im Kopf hatte, die aber nicht von ihm stammte, von der er aber auch nicht sagen konnte, woher sie ihm zugeflogen war, freute sich des warm perlenden Klanges des Instruments, spielte sich selbst eine Auswahl seiner eigenen Themen aus alten Filmen vor, wechselte, die Melodien gutgelaunt vor sich hin brummelnd, zu einigen beliebten Tonfolgen der letzten Jahre, bis seine Frau von unten rief, er solle bei diesem Lärm doch bitte die Türen schließen.

Sonne schaltete das Piano aus, verspürte immer noch den Drang nach frischer Luft, so hob er den Ball seiner Tochter auf, ging nach unten, kickte das runde Spielgerät mit leichtem Schwung von der Eingangshalle ins Wohnzimmer, von wo die erwartete Reaktion jedoch ausblieb, und trat dann auf den Vorplatz auf der Nordseite des Hauses. Er spähte kurz nach einer passenden Sitzgelegenheit umher, ließ sich auf einer der niedrigen Mauern nieder, welche die Grünflächen einfassten, und zündete die nächste Zigarette an. Missbilligend bemerkte er, dass der Gärtner den Rasen wieder so kurz geschnitten hatte, wie es technisch irgend möglich war, hinunter bis zur blanken Erde, so dass die Rasenstücke dalagen wie struppige, schmutzig olivbraune Matten. Stachlig und abweisend waren darauf dürre Nadelbäume verwachsen, und Sonne fand, dass diese überhaupt keinen Zweck erfüllten, sie waren unansehnlich, gaben kaum Schatten, blühten nie, und trugen lediglich das ganze Jahr über als absonderliche Missgeschöpfe unverhohlen ihre nadelige Widerborstigkeit zur Schau. Genauso leblos und öde wie die Grünflächen schien ihm auch sein Haus, mit seinen riesigen, weißen Flächen, die in der Sonne immer scharf blendeten und dem Auge schmerzten, über die sich keine grüne Ranke wand, die von schwarzgerahmten Fenstern durchbohrt waren, welche diesen Namen gar nicht verdienten, sondern nichts weiter waren als düstere, verglaste Löcher. Der Vorplatz glänzte grau und sauber und staubfrei, so dass sich Sonnes Wagen auf der Fahrt in die Garage die Reifen nicht schmutzig machen musste, und weder am Haus noch auf den kläglichen Resten von Grün schien etwas zu leben, kein Vogel sang, keine Eidechse flitzte, keine Biene summte, kein Schmetterling flatterte.

Rolf Sonne rauchte auch diese Zigarette zu Ende und ging zurück ins Haus, ins Wohnzimmer. Seine Tochter lag dort bäuchlings auf dem Teppich, ein Bilderbuch verkehrt herum vor der Nase, sie brabbelte leise vor sich hin und wiegte den Kopf dazu hin und her. Unweit von ihr lag der Ball, und Sonne spielte ihn vorsichtig in ihre Richtung, aber sie beachtete ihn gar nicht. Er trat näher ans Sofa, um zu sehen, ob seine Frau schlief, aber sie schlief nicht, war in ein Buch vertieft, und sah ihn, auch als er ein paar Sekunden verstreichen ließ, nicht an.

„Der Gärtner hat den Rasen auf dem Vorplatz schon wieder bis auf den Grund abgemäht“, sagte Rolf Sonne. „Sag ihm bitte, dass er das in Zukunft nicht mehr machen soll, und überhaupt reicht es, wenn er künftig nur noch alle zwei Monate mäht. Und er soll die hässlichen Nadelgewächse abholzen und etwas Blühendes pflanzen. Darüber hinaus macht er am Vorplatz und im Garten künftig nichts mehr, ohne mich zu fragen.“

Monica Sonne lugte hinter ihrem Buch hervor, die Augenbrauen hochgezogen, die Miene überrascht, und sie fragte ihn, was in ihn gefahren sei.

„Ich möchte nicht länger diese tote Steppe vor dem Haus haben“, antwortete Rolf Sonne. „Ich will etwas Lebendiges, nichts Totes.“

Sonne fühlte, als er diese Sätze sprach, ein nervöses Wühlen in seinem Bauch, denn es war nicht oft der Fall, dass der Filmkomponist seiner Frau sagte, wie und was zu tun sei, denn meist war sie es, welche die Anweisungen zur Organisation des täglichen Zusammenlebens ausgab, und fast war es ihm, als hätte er seine Zuständigkeiten überschritten; zudem lag ihm noch viel mehr auf der Zunge als nur die äußere Erscheinung des Hauses. Aber er scheute die Auseinandersetzung, wollte keinen Streit und keine Krise auslösen, ging nach oben in sein Musikzimmer, setzte sich auf die Klavierbank, starrte zum Fenster hinaus und durchs Meer hindurch und spürte sein Herz im Hals schlagen. Eine weitere Beruhigungszigarette half ihm, sich zu entspannen, und er sah den wabernden Schwaden zu, wie sie sich im einfallenden Sonnenlicht auflösten.