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Nun hat sich Georg Steiger auf das Schreiben von kleinen Geschichten, wie sie das Leben mitunter schreibt, eingeschossen – eine Fülle von zuweilen urkomischen Begebenheiten, die seinen geschätzten Lesern sicherlich Spaß bereiten werden. Eine bunte Mischung meist tatsächlicher Ereignisse, in den letzten beiden Jahren seinem Gedächtnis entrissen, manchmal auch unmittelbar vor Steigers Augen geschehen. Sie spielen überwiegend in Gebesee, dem Heimatort des Autors und während mancher Urlaubsreise. Hin und wieder kommt er ins Sinnieren. Zwei der Geschichten sind ihm erzählt worden. Die eingestreuten Illustrationen stammen ebenfalls aus der Feder des Autors. – Georg Steiger wurde 1947 als fünftes Kind einer Pfarrersfamilie im Landstädtchen Gebesee bei Erfurt geboren. Nach dem Abitur an der Erweiterten Oberschule »Arnoldi« in Gotha Studium an der Technischen Universität Dresden mit Abschluss als Diplomingenieur für Längenmesstechnik. Ab 1971 bis 1992 Konstrukteur für betriebliche Messmittel im VEB Optima Büromaschinenwerk Erfurt. Von 1993 bis 2004 Sachbearbeiter in Oberfinanzdirektion und Bundesvermögensamt Erfurt. Seit 2005 Objektmanager in der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Direktion Erfurt. Im November 2008 trat er in die Freistellungsphase der Altersteilzeit ein. Er wohnt in Gebesee und ist verheiratet mit Marianne Steiger geb. Kranhold.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2013
Georg Steiger
Rolle hinterwärts
Kurzgeschichten
ISBN eBook: 978-3-86268-112-9
Printausgabe:
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86268-022-1
Copyright (2010) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Nun habe ich mich auf das Schreiben von kleinen Geschichten, wie sie das Leben mitunter schreibt, eingeschossen – eine Fülle von zuweilen urkomischen Begebenheiten, die meinen geschätzten Lesern sicherlich Spaß bereiten werden. Eine bunte Mischung meist tatsächlicher Ereignisse, in den letzten beiden Jahren meinem Gedächtnis entrissen, manchmal auch unmittelbar vor meinen Augen geschehen. Sie spielen überwiegend in meinem Heimatort Gebesee, während mancher Urlaubsreise und hin und wieder komme ich eher ins Sinnieren. Erneut sind mir zwei Geschichten erzählt worden. Den Erzählern gilt mein Dank! Die eingestreuten Illustrationen stammen ebenfalls aus meiner Feder.
Georg Steiger
An der Art der Haustiere erkennt man den Menschen – seit wir auf den Hund gekommen sind, lieben wir die Menschen – Du siehst aus, wie Dein Waldi – sag mir, was Du für ein Haustier hast und ich sage Dir, wer Du bist. Einen von diesen Sätzen hat jeder schon gehört.
Es gibt viele Menschen, die haben keinen tierischen Begleiter. Zumeist schauen sie distanziert, ablehnend, zuweilen ängstlich zu denen, die ein Haustier besitzen. Wenn wer in Springerstiefeln, Glatze oder rotem Haarkamm daher kommt und neben ihm ein schwarzer Kampfhund läuft, da sollte man tatsächlich Vorsicht walten lassen. Doch eher sind es harmlos aussehende Hundebesitzer, die ihren Liebling einfach so auf ihre Besucher loslaufen und abschlecken lassen, die Vorderpfoten auf der Schulter. Der will doch nur spielen! Horror!
Nein, es muss kein Rottweiler sein. Es reicht auch schon eine irgendwie entstandene Wald- und Wiesenmischung. Zum Beispiel der Fastdackel aus der Verwandtschaft mit dem stolz verkündeten Blutanteil eines Terriers. Das sieht man am Zittern, sagte Kerstin, und ließ ihn auch gleich bei uns. Einschließlich Liegeplatz und Fressnapf und Leine und noch einiger anderer Kleinigkeiten. Er muss jeden Tag zwei Mal ausgeführt werden! Zu Befehl!
Ich weiß nicht, womit ich es verdient hatte, aber Flocki – so heißt dieses liebenswerte Geschöpf – hatte mich sofort in sein Herz geschlossen und wich fortan keinen Meter von meiner Seite. Immer den Blick nach oben – hechel, hechel – auf mich gerichtet – hechel, hechel! Was fang ich bloß mit Dir an? Ich muss Dich den ganzen Tag ertragen! Ich, der ich ein Katzenliebhaber bin. Das sind wenigstens Geschöpfe, die einen eigenen Willen haben und den auch durchsetzen: Futter, Streicheln, ich will in den Garten, ich will auf den Dachboden, ich will auf Deinen Schoß, ich habe Hunger, kraul mich, lieg doch endlich ruhig, das Futter ist ja grauenhaft, kotz, ich will anderes! Und nun dieser Hund. Ständig stolperte ich über ihn, so dicht folgte er mir auf den Fersen. Und dieser Blick – zugleich unterwürfig und freundlich fordernd: Mach was mit mir! Du kannst es!
Mit unserer Hauskatze Schnurri entwickelte sich so etwas wie ein Status quo. Das Katzenfutter fraß Flocki zwar immer umgehend, sobald er welches entdeckte. Näherte er sich jedoch Schnurris Liegeplatz an der Heizung, so ging er zwar direkt auf sie zu, drehte aber den Kopf demonstrativ in eine andere Richtung. Zu nah durfte er auch nicht kommen, da setzte es unter Fauchen Hiebe. Seltsamerweise traf sie ihn nie. Entweder er war zu schnell oder sie wollte es nicht wirklich auf einen direkten Kampf ankommen lassen, wer weiß.
Eine absolute Unsitte war sein ständiges Markieren. So schnell konnte niemand sein, um das zu verhindern. Ich weiß nicht, wie viele Pfützen in der Wohnung wir beseitigen mussten. Von derart Reinlichkeit hatte Flocki garantiert noch nie etwas gehört. Das Tierheim ersetzt eben keine gute Kinderstube. Am schlimmsten war es, wenn er meinte, es müsse nun hinaus auf die Straße gehen, in die Welt der vieltausendfachen Gerüche. Unter ununterbrochenem Bellen drehte er sich derart schnell im Kreis, dass es fast unmöglich war, Hundegeschirr und Leine zu befestigen. Hatte man es wider Erwarten doch geschafft, wurde wir Zeuge einer schier unglaublichen Menge Urin, der in anfangs noch recht respektablen Dosen auf jede Ecke, jeden Pfahl, jeden Baum und bestimmt jede Hinterlassenschaft anderer Hunde aus Flockis Hinterteil schoss. Peinlich! Und als ob das nicht genug sei: Er musste auch an den unmöglichsten Stellen seine Würste drapieren. Anfangs taten wir noch so, als ob gar nichts passiert sei, später nahmen wir dann doch lieber Plastiktüten für die Entsorgung seiner Hinterlassenschaften zu Hilfe. Eine Tüte für das Aufnehmen der warmen unappetitlichen Masse, eine andere Tüte wiederum für diese Tüte. Und dann so schnell wie möglich hinein damit in eine gerade herum stehende Mülltonne.
So ein Hundespaziergang gestaltete sich also außerordentlich unregelmäßig. Ständig Pausen für die neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt. Ich bin richtig froh, dass ich diese Zeitung nicht lesen kann. Könnte ich es, würde ich nie einen längeren Spaziergang hin bekommen. Ich müsste immerzu meine Nase über den abenteuerlichsten Dingen schwenken. Also, das wäre nichts für mich. Es reicht, wenn sich bei Süd-Ostwind die lieblichen Gerüche der Schweinemastanlage des Nachbarortes bis zu uns verirren. Himmlisch! Doch wir dürfen uns nicht beschweren. Schweinefleisch schmeckt auch uns.
Einen großen Vorteil hatte die ganze Hundeschose: ich kam mit unserem Teilzeithund bis an die letzten seit meiner Kindheit nicht mehr besuchten Ecken unseres Umlandes. Egal, ob es gerade schneite oder ob es regnete oder ob ein ganz und gar unangenehmer Wind pfiff – wir stürmten hinaus in die Welt, in die Anonymität der Dunkelheit, hinaus zu den ganzen anderen Hundebesitzern auf der Strecke, die sofort ein Gespräch mit mir begannen. Dieses unser Los, bei jedem Wetter präsent sein zu müssen, verband uns ganz offensichtlich zutiefst miteinander. Wieder war jemand ein Hundefreund geworden!
Ziemlich geschafft, aber auch irgendwie stolz, den inneren Schweinehund überwunden zu haben, kamen wir schließlich nach so ein oder zwei Stunden zurück an den heimischen Herd, wo sich Flocki sofort über die letzten Reste vom Katzenfutter hermachte. Da, wo eine Katze genüsslich jeden einzelnen Bissen mehrfach beäugt, dann langsam frisst und schließlich auch mal liegen lässt, da machte Flocki kurzen Prozess: Happ, schlapp und weg! Und große Augen – was gibt es noch Leckeres?! Und wie selbstverständlich mit kurzem Anlauf hinauf auf das Sofa, dorthin wo nur Schnurri ein wirkliches Anrecht besitzt. Deren Augen hättet Ihr sehen müssen! Es nutzte auch nichts, dass ich mich im Obergeschoss verstecken wollte. Der Terrier im Dackel hatte für etwas längere Beine gesorgt, die Flocki diese Treppe locker bewältigen ließ. Die einzige Chance auf ein ungetrübtes Leben wie zuvor, bestand im zeitweiligen Aussperren in den Garten. Aber diese Dackelaugen! Denen konnte man einfach nicht widerstehen.
Schnurri geht uns beiden ja auch zuweilen tüchtig aufs Gemüt, so dass ich sie nach einem Gartenausflug schon mal eine Weile vor dem großen Terrassenfenster „tanzen“ lasse, d. h., sie macht sich dann ganz lang, so lang wie sie kann und stützt sich am Fenster ab, was entsprechend aussieht. Wie gekreuzigt. Ich frage mich, was die immer für Filme sieht. Dann rennt sie an eine andere Stelle und wiederholt das Ganze, bis alle Stellen des Fensters gleichmäßig verschmutzt sind. Kaum, dass meine Marianne dessen gewahr wird, ruft sie laut: Böser Georg! Hat er dich wieder nicht rein gelassen! Wenn ich da draußen rum liefe – ich glaube, sie ließe mich nicht rein! Schon gar nicht ein Wort des Bedauerns. Was mich beruhigt, ist, dass Schnurri – egal wie lange sie da draußen warten muss – jedes Mal beim Passieren der Tür ein und dasselbe Begrüßungsschnurren absetzt. Das kann also so schlimm nicht für sie sein.
Flockis Aufenthalt bei uns war zum Glück weniger stressig, als vermutet. Bei vorherigen Besuchen war er ungleich wilder, Schnurri stets über die Maßen schnell auf dem Apfelbaum. Hatte er inzwischen an Weisheit gewonnen oder einfach nur an Alter, wer weiß? Auf jeden Fall haben wir an Erfahrung gewonnen. Trotz treuem Hundeblick: Einen Hund werden wir uns eher nicht anschaffen!
Manchmal will mir einfach nichts einfallen. Es gibt solche Tage. Warum sollte es auch. Will ja ohnehin niemand wissen, was ich mir aus den Fingern sauge. Ich sauge und sauge. Das einzige: meine Finger werden etwas sauberer. Das ist ja auch schon ein Ergebnis. Hätte nicht gedacht, dass einfaches Saugen zu sauberen Fingern führt. Hätte ich mir die Hände ordentlich gewaschen, brauchte ich nicht zu saugen. Aber so muss ich. Dabei werden ja doch nur die Finger schwammig. So wie beim Baden in heißem Wasser. Etwas aufgedunsen. Will man niemanden zumuten, solche Finger. Deshalb schmiere ich sie anschließend mit einer Handcreme ein. Aber keine aus dem Westen. Da kommt schon genug her. Die aus dem Osten ist sowieso besser. Da habe ich ein heimeliges Gefühl. Zu Hause. Schmiere von zu Hause, hach. Wunderbar, einfach wunderbar. So ein Gefühl, dass man die heimische Wirtschaft unterstützt mit seinem Saugen. Da scheint doch mehr dran zu sein. Man saugt und schmiert und stützt. Die Drei-S-Methode. Toll. Sollte jeder im Lande anwenden, dann ginge es der Wirtschaft wieder besser. So einfach kann Politik sein. Man saugt genüsslich und prompt geht es aufwärts im Lande. Da muss erst mal einer drauf kommen. Wenn ich weiter sauge, bekomme ich vielleicht noch einen Preis. Den für die beste Marktlücke. Für das Erkennen und sportliche Nutzen einer wirtschaftlichen Lücke. Das Konto wächst und wächst. Die Haut brennt, die Nägel sehen mitgenommen aus.
Wir müssen alle Opfer bringen fürs Vaterland. Ein echter Patriot bringt Opfer. Es schaut nicht auf seinen Vorteil, nein. Er schaut geradeaus in die Zukunft und saugt. Ein Visionär. Man weiß nie, wohin ein Visionär schaut. Wie viele Denkmäler habe ich schon mit Visionären gesehen. Kühn das Kinn in die Zukunft gestreckt, das Pferd gezähmt, das Gewehr vorgestreckt, die Augen trotz schwarzer Patina irgendwie stumpf glühend. Lange tot und trotzdem Vorbild. Das erstere will ich nicht werden. Jedenfalls nicht bald. Und Vorbild – dann darf ich keine Fehler mehr machen. Fehler stehen nicht auf visionären Sockeln. Wäre sicher nicht gut für die Zukunft. Mit Fehlern ist man keinesfalls Vorbild. Vorbilder haben niemals Fehler. Jedenfalls keine offiziellen. Auf Vorbilder soll verklärt geschaut werden. Schaut her: macht es so wie ich und dann steht ihr auch hier. Vielleicht sogar auf einem Sockel. Das gäbe einen Sockelwald. Auch nicht so gut. Das gute an einem Vorbild ist deshalb, dass es gerade nicht jeder genauso machen soll. Das wäre ja auch blöd: Was nützte es, wenn z. B. 100 Leute den Wankelmotor erfunden hätten. Ist schon gut so, dass es nur der Herr Wankel war. Sonst könnte man den Namen nicht mal aussprechen. Niemand könnte ihn sich merken und schon deshalb hätte die Idee keine Chance. Sicher hat auch Herr W. gesaugt bis er seine revolutionäre Idee an den Mann bringen konnte. Anfangs an der Mutterbrust und später an den Fingern. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen.
Da stehen sie nun fest und unverrückbar an der Außenmauer unserer Laurentiuskirche: zwei große Rundbögen aus Travertin, jeweils einer links und einer rechts des Haupteinganges. Zwei richtige Schmuckstücke! Gesichert mit jeweils zwei Metallankern aus Edelstahl, eingeklebt mittels einem innerhalb von 5 Minuten aushärtenden Superklebstoff. Travertin ist ein wirklich edler Stein, der auch heute noch gern für ganz besondere Gestaltungen verwendet wird. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden diese tollen Bögen vor Jahrhunderten, ganz in der Nähe meines Ortes Gebesee in den Steinbrüchen von Bad Langensalza gebrochen. Echte Thüringer also! Und ich wollte sie in fremde Hände geben! Jetzt für mich einfach unvorstellbar, aber noch vor wenigen Tagen?
Der Handwerker aus Döllstedt, den wir mit dem Verputzen der großen Fenster unserer Kirche beauftragt hatten, meinte nur: An dieses Fenster komme ich nicht! Da liegen zu viele Steine davor, die müssen weg. Tatsächlich, da lagen eine ganze Menge Steine aus Travertin und aus Sandstein, die vor Jahren beim Abriss des alten Vorbaus am Haupteingang der Kirche übrig geblieben waren, aber auch Steine, die noch vom Umbau des alten Pfarrhauses stammten. Was sind diese Steine nicht schon hin- und hergerückt worden! Immer mit schwerer Technik. Mit den Jahren waren die Bestände zwar geschrumpft, doch es waren noch immer sehr viele und so wurden sie in einer letzten Aktion aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit hinter die Kirche gekarrt. Dort lagen sie schon wieder lange Jahre. Nun aber beliebten sie wieder einmal zu stören. Das Schlimme war, dass ich gerade irgendwie im Gemeindekirchenrat den Hut auf und mich darum zu kümmern hatte.
Unser Handwerker meinte zu mir, als ich sagte, dass die Steine nun aber ganz weg müssten, schließlich hätten sie lange genug sinnlos herum gelegen: Solche Steine gibt man nicht weg! Doch wenn schon – vielleicht braucht die Gemeinde Herbsleben einige Steine davon, z. B. die Rundbögen. Die bauen gerade an ihrem alten Schloss. Oder die Denkmalspflege in Erfurt oder die Dombauhütte. Ich vergewisserte mich der Zustimmung einiger Mitglieder des GKR und auch eines ehemaligen Mitgliedes dieses Gremiums, dessen Meinung mir wichtig ist. Es musste schnell gehandelt werden, denn allzu lange würde es nicht dauern und unser Handwerker wäre an besagtem Fenster angekommen.
Ich begann erst einmal mit der Gemeinde. Die war mir am sympathischsten. Schließlich grenzt sie direkt an die Gebeseer Flur, doch aufgrund von Kreisgrenzen, früherer herrschaftlicher Grenzen und auch kirchlicher Grenzen kamen die beiden Orte nur schwer miteinander aus. Es gibt auch keine richtige Straße, wie sonst zu jedem angrenzenden Ort. Immerhin verbindet uns nun der Unstrut-Radweg – der erste ordentlich befestigte Weg in der Geschichte. Zu schmal für Autos, was Autofahrer trotzdem nicht davon abhält, ihn zu benutzen. Ein Auto passt schließlich drauf. Die Metallschranke, welche dies verhindern soll, wurde mehrfach abgesägt. Ein Mal auch einfach überfahren. Sogar ein Ordnungsamtleiter einer Herbsleben benachbarten Stadt soll unter den Tätern gewesen sein.
Der Bauamtsleiter von Herbsleben bemerkte lakonisch: Mit den Arbeiten an unserem Schoss sind wir fast fertig. Die Bögen können wir dafür nicht brauchen, vielleicht ein paar einzelne Steine. Wir kommen zu Ihnen und sehen sie uns an! Natürlich hatte ich auch bei der eigenen politischen Gemeinde angefragt und die Steine angeboten, doch auf diese Weise gingen nur wenige Exemplare einer künftigen sinnvollen Nutzung entgegen. Immerhin. Als die Herbslebener kamen, suchten sie sich mit Kennerblick einige wenige Steine für eine Mauer aus und bemerkten zu den übrigen: solche Steine gibt man nicht weg! Das saß ja nun. Von Anfang an hatte ich wirklich ein ungutes Gefühl gehabt, die Steine wegzugeben oder gar an einen Steinschredder auszuliefern. Das wäre die letzte Option gewesen, wenn niemand Interesse gezeigt hätte.
Nun war ich überzeugt, wollte auch ich die Steine einer Nutzung zuführen, nur wohin damit? Manchmal ist man mit Blindheit geschlagen, obgleich man sieht! Wieder der gerade tätige Handwerker machte den befreienden Vorschlag: Warum stellen wir einen Rundbogen nicht so auf, dass man ihn vom Kirchplatz aus sehen kann? Er würde ihn auch gleich anbringen. Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung! Und den zweiten Bogen stellen wir auf die andere Seite. Plötzlich war alles ganz klar. Wir waren Feuer und Flamme! Ein ganz lieber Vertreter der Agrar-GmbH des Nachbarortes, dem man für seine Dienste nicht genug danken kann, erklärte sich bereit, die beiden Rundbögen nach vorn zu transportieren, so wie er auch schon die Steine weggefahren hatte, die das Gerüst behinderten und weniger schöne Bruchsteine nach Ringleben auf den für den Schredder bestimmten Haufen gefahren hatte. Unser ursprünglicher Steinhaufen jedenfalls hatte sich bereits ordentlich gelichtet. Wir wollten wirklich nur noch Steine aufheben, die an Kirche und Pfarrhaus Verwendung finden könnten: Für das Weiterführen einer Grundstücksbegrenzungsmauer, für evtl. Reparaturen an der Kirche und ein weiteres Vorhaben auf dem Pfarrgrundstück.
Als der Tag des Transports und des Aufstellen gekommen war, passte alles wie am Schnürchen. Unglaublich! Es waren genügend Helfer da, die Bohrungen wurden an den richtigen Stellen eingebracht, der Bürgermeister hatte noch die gute Idee, die Bögen etwas höher zu setzen. Leider wurde unsere lange Travertinbank, auf die man sich gut hätte setzen können, deshalb zerstückelt. Macht nichts, das Ergebnis war es wert! Der Kleber hielt, was er versprach. Der große Gabelstapler – vielmehr sein Fahrer – vollbrachte wahre Kunststücke mit der tonnenschweren Last. Es war vollbracht!
Da stehen sie nun fest und unverrückbar: der große Rundbogen vom früheren Treppenanbau, durch den Generationen von Kirchgängern jeden Alters zu Gottesdiensten, Taufen und Hochzeiten gegangen sind und der etwas kleinere Rundbogen vom alten Eingang neben dem Tor zum Pfarrgrundstück. Das war so ein Eingang, auf dessen gleich mitgearbeiteten Sitz ich als Kind oft gesessen habe. Man kann solche Eingänge noch in manchem thüringischen Ort bewundern. Wie viele Male bin ich wohl durch diesen Bogen gegangen? Er gehörte zu meinem Zuhause, wie Haus und Grundstück insgesamt. Ein Stück meiner Kindheit hat völlig unvorhergesehen einen neuen Platz gefunden. Ich bin glücklich, dass sich alles so einfach gelöst hat.
Nun müssen wir nur noch darauf achten, dass die noch immer übrig gebliebenen Steine nicht wieder Jahrzehnte hinter der Kirche auf ihren Einsatz warten müssen. Eines weiß ich: wenn Gott es will, so wird es geschehen. Hoffentlich bald! Vielleicht liegt es ja aber auch nur an mir?
Urlaub in Mecklenburg. Ein großer Zeltplatz, noch nicht übermäßig gefüllt. So, wie ich es liebe. Wir haben eine schöne Zeit. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu betätigen – auch sportlich. Unser Essen bereiten wir täglich selbst frisch zu. Zu Mittag hat es heute leckeres Sauerkraut mit Kartoffeln und Würstchen gegeben. Ich bin satt und zufrieden.
Nach einer ausgiebigen Mittagsruhe – wir sind schließlich zur Erholung da und nicht zum Arbeiten – spiele ich mit meiner Freundin Gisela Federball. Wir wollen fit bleiben, zumal bei diesem tollen Sonnenwetter. Alle überflüssigen Anziehsachen werfen wir nach einiger Zeit von uns. Ich jedenfalls habe nur noch mein kurzes Freizeithöschen und einen BH an. Mitten im schönsten Spiel – ich habe Gisela den Federball gerade mit einem wuchtigen Schlag um die Ohren gehauen – durchfährt mich ein menschliches Rühren. Instinktiv lasse ich meinen Schläger fallen, laufe nach kurzem Innehalten und intensivem In-mich-hinein-hören in Richtung Toilettenanlage, über 100 m entfernt. Gisela schaut, nachdem sie den Federball aufgehoben hat, verblüfft hinter mir her. Sind die weit weg! Mit letzter Anstrengung hechte ich in eine unbesetzte Toilette.
Was ich befürchtet habe, ist eingetreten: diese Hose kann wahrscheinlich das beste Waschprogramm nicht mehr retten. Pfui-baba! Aber was nun? Ich habe nichts weiter mit! Ich müsste mich dringend waschen, aber das geht ja auch nicht hier. Bleibt nur übrig, um Hilfe zu rufen. Aber wie? So rufe ich nach Gisela und einer neuen Hose. Ich rufe natürlich nicht mit voller Lautstärke. Sie hört mich nicht! Ist das peinlich! Ich rufe lauter: sie hört es nicht. Peinlich! Ich könnte sie umbringen! Endlich erscheint sie doch, um nachzusehen, wo ich denn bleibe. Mein Missgeschick ist schnell erklärt.
