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Im Zuge einer Einweihungsfeier, die in den neuen Praxisräumen seines guten Freundes Doktor Hubert Brencken stattfindet, macht Jakob Johansson die Bekanntschaft mit Marlene Bergbrüstling. Die agile Powerfrau betreibt eine Agentur für professionelle Rollenspiele, die sich mit ihrer außergewöhnlichen Dienstleistung darauf spezialisiert hat, nicht nur hochbezahlte Mitarbeiter an die Grenzen ihrer gelobten Kompetenzen zu bringen, sondern auch ein grobes Fehlverhalten vorlauter Führungskräfte aufzudecken. Seit ein paar Monaten steht der erfolgreiche und angesehene Therapeut der jungen Firmenchefin nicht nur beratend zur Seite, sondern wirkt auch mit Vergnügen hin und wieder bei einem verdeckten Einsatz mit, indem er die Rolle einer wichtigen Schlüsselfigur übernimmt. Während die gesellige Dreier-Runde mit einem Glas prickelnden Champagner in der Hand über ein erlebtes Abenteuer philosophiert, gelingt es dem großartigen Taktiker, seinen Freund Jakob von der genialen Geschäftsidee zu überzeugen und ihn als Agent für temporeiche Undercover- Einsätze zu gewinnen. Parallel zum aufregenden Alltag wird Doktor Hubert Brencken plötzlich und ohne nachvollziehbare Gründe zur Zielscheibe eines heimlichen Provokateurs. Obwohl der nervenstarke Psychiater die dubiosen Belästigungen gegenüber seiner Person weder ernst nimmt, noch entsprechend darauf reagiert, erreichen die Nachstellungen des dreisten Unbekannten ihren Höhepunkt während einer mehrtägigen Studienreise, die er für sich und seine ehemalige Studentenclique organisiert hat. Mittlerweile eine bestimmte Person in Verdacht, geht der promovierte Hüne in die Offensive und trifft dabei auf seine große Liebe, die er vor über drei Jahrzehnten aus den Augen verloren hat.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2023
Richard von Ratoll
…. wünscht der Fantasie geistreiche
Ironie und bittersüßen Humor, der beflügelt.
Für Claus und Mathilde
Richard von Ratoll
Rollenspiele
Ein Gesellschaftsroman
© 2023 Richard von Ratoll
ISBN Softcover: 978-3-347-92985-2
ISBN E-Book: 978-3-347-92986-9
Druck und Distribution im Auftrag: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Cover
Widmung
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1 – Ein Schlagabtausch im Stehen
Kapitel 2 – Die Ratte im feinen Zwirn
Kapitel 3 – Pelikans Feuerproben
Kapitel 4 – Das Herzschlagduell
Kapitel 5 – Des Pudels Kern
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Kapitel 1 – Ein Schlagabtausch im Stehen
Kapitel 5 – Des Pudels Kern
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Kapitel 1 – Ein Schlagabtausch im Stehen
Die stolzen Champagnerkelche verlieren vor Freude über den kaltschäumenden Inhalt nicht nur ihren klaren Durchblick, sondern fast auch noch ihren klaren Verstand, dessen Philosophie sich der Schönheit eines schlichten Serviertabletts bedient und derzeit noch als nüchterne Tatsache über einer geselligen Runde gut gelaunter Gratulanten schwebt. Gespannt wartet ein Dutzend wacher Ohren auf einen bunten Strauß blumiger Worte, die im Nachgang auf ihre verwöhnten Zuhörer herabrieseln und gleichzeitig die hohen Ansprüche einer feierlichen Rede ausgiebig befriedigen.
„Verehrte Gäste und liebe Kollegen, Sie dürfen mir glauben und Ihrem Bauchgefühl bedenkenlos beipflichten, dass es mir nach über zwanzig Jahren alles andere als leichtgefallen ist, meine vertraute und stammhausvergleichbare Wirkungsstätte gegen diese lebhaften, ansprechenden und modernen Praxisräume einzutauschen. Allerdings werden Sie mir auch kopfnickend zustimmen, wenn ich ihnen unverblümt erzähle, dass es für mich mittlerweile ein unbeschreiblicher Genuss ist, mein trautes Heim ausschließlich als privates Reich nützen zu dürfen, in dessen Räume ich mich nach allen Regeln der Kunst ausleben kann und mich dabei von meiner eigenen Extravaganz nicht mehr nötigen lassen muss, die nur allzu gerne meine geliebte Ledercouch am Abend tagsüber meinen geliebten Patienten überlassen hat. Bitte erheben Sie Ihr Glas und stoßen Sie mit mir zusammen auf die Menschen an, die mit verlässlichem Fleiß und höchster Arbeitsqualität in allen Tätigkeitsbereichen eine Werkstatt geschaffen haben, die jeden Mann mit Stolz erfüllt. Zum Wohl.“
Der erdige Teil des mannshohen Säulenkaktus versteckt sich in einem außergewöhnlichen Blumentopf aus massivem Teakholz, dessen Oberfläche einem echten Baumstamm nachempfunden ist und der seine natürlich wirkende Schönheit vor einem vertikalen Lamellenvorhang in reinweiß optimal zur Geltung bringt.
„Stammt die stachelige Pflanze aus Ihrem privaten Fundus Herr Doktor Brencken oder handelt es sich bei der imposanten Dekoration um einen Neuzugang, der Ihre neuen Praxisräume zusätzlich verschönern soll? Das ist ja ein Bild von einem Zimmerkaktus.“
Die zierliche Nase kräuselt sich unter einem sympathischen Lächeln und unter zwei lebensfrohen Augen, die mit der Energie spielender Kinder durch ihr eigenes Blickfeld toben.
„Eine dreikantige Wolfsmilch. Der Grund für ihre weite Verbreitung ist neben ihrer Attraktivität vorwiegend ihre Fähigkeit, lange und unauffällig auch unter schlechten Bedingungen auszuharren. Sie ist somit in der Lage, auch sehr ungünstige Pflegeumstände jahrelang zu ertragen, ohne dass der Laie Anzeichen eines Leidens erkennen kann.“ Die informative Aussage entweicht einem nachdenklich wirkenden Mund, der zu einem in Gedanken verlorenen Gesicht gehört.
„Vielen Dank Hubert für die kleine Weisheit aus der großen Welt der Botanik, durch die nicht nur die Frage von Frau?“
„Bergbrüstling.“
„Durch die nicht nur die Frage von Frau Bergbrüstling beantwortet wurde, sondern die auch die Ideologie Deines überdurchschnittlich großen Daumens verrät, dessen Nagel mit Sicherheit alles andere als grün lackiert ist.“
Dankend nimmt der charmante Kommentator den lachenden Beifall entgegen und wartet gespannt auf ein amüsantes Kontra seines engen Freundes.
„Frau Michaelsen, würden Sie bitte umgehend meine Verteidigung übernehmen und Herrn Johansson aufklären.“
Die elegante Kurzhaarfrisur der damenhaften Sekretärin sitzt perfekt und schmeichelt dem gepflegten Gesicht reiferen Alters, dessen Rosé schimmernde Lippen das Wort ergreifen: „Der Kaktus wurde zusammen mit weiteren Blumenglückwünschen und als Präsent verpackt, von einem Boten angeliefert.
Leider befand sich keine Absenderkarte an dem guten Stück. Entweder ist sie auf dem Transport vom Blumenladen bis hierher verloren gegangen oder sie ist während der nicht ganz stressfreien Umbaumaßnahmen unabsichtlich abgerissen worden und versehentlich im Müllcontainer gelandet.“
„Aber dann wissen Sie ja nicht, Herr Doktor Brencken, wer oder welches Unternehmen Ihnen mit dem außergewöhnlichen Geschenk zur Praxiseröffnung eine Freude machen wollte?“
„Das ist richtig, Frau Bergbrüstling.“
Den unteren Teil seines Gesichts süffisant verzogen, legt Jakob seinen Arm um die vertrauten Schultern und hat weder Berührungsängste noch Hemmungen, seine eigene Theorie zu verkünden: „Anstatt auf ein Einweihungspräsent Hubert, tippe ich auf eine enttäusche Liebhaberin, die mit jedem Stachel ein deutliches Zeichen setzen will und wollte. Was der unbekannten Dame in meinen Augen übrigens perfekt gelungen ist.“
„Johansson?“
„Ja bitte, Herr Doktor Brencken?“
Unter Einfluss einer zeitlichen Entspanntheit baden die geladenen Gäste in einer lockeren Atmosphäre und genießen gleichzeitig eine unterhaltsame Konversation, die sich als idealer Spielball zwischen einem aufrichtigen Interesse und einer höflichen Aufmerksamkeit versteht. Bedenkenlos befolgt Jakob die gesellschaftlichen Regeln seiner Kultur und lässt sich dabei auf ein gefahrloses Vorstellungsritual ein.
„Jakob, darf ich Dir Frau Bergbrüstling persönlich vorstellen. Frau Bergbrüstling, Herr Johansson ist ein guter Freund und enger Vertrauter, mit dem ich zusammen auf eine erfolgreiche und bewegende Vergangenheit zurückblicken darf und mit dem ich hoffentlich noch viele interessante Erlebnisse und glückliche Momente in der Gegenwart und Zukunft erleben werde.“
„Marlene Bergbrüstling, ich bin sehr erfreut, Herr Johansson.“
„Ganz meinerseits, Frau Bergbrüstling.“
Ohne erotische Schwingungen reicht Jakob einer sympathischen Karrierefrau die Hand, die ihren hohen Wuchs in einem eleganten Hosenanzug perfekt zu Geltung bringt und sich über eine souveräne Ausstrahlung profiliert.
„Frau Bergbrüstling ist Inhaberin, Lebensader und ideenreicher Kopf eines außergewöhnlichen Dienstleistungsunternehmens, mit dem ich als beratende Funktion seit einigen Monaten eng zusammenarbeite. Vielleicht haben Sie ja Lust, Frau Bergbrüstling, Herrn Johansson einen kurzen, aber intensiven Blick durch das Schlüsselloch auf Ihre innovative Tätigkeit zu gewähren.“
Mit gesunder Neugierde infiziert öffnet Jakob die Tür zu seinem kommunikativen Bewusstsein und signalisiert der herb-schönen Endzwanzigerin mit einer typischen Handbewegung die Funktionalität seines aufnahmefähigen Gehörs.
„Frau Bergbrüstling, ich bin gespannt.“
„Herr Doktor Brencken hat in der Tat die richtige Beschreibung gewählt. Ich biete Unternehmen sämtlicher Branchen und Größen eine außergewöhnliche Dienstleistung an, die speziell auf den dafür fokussierten Mitarbeiter situationsbedingt zugeschnitten wird.“
„Sie betreiben also eine mobile Yogaschule, die sich auf autogenes Training spezialisiert hat.“
Äußerst überzeugend präsentiert Jakob seine nicht ganz ernst zu nehmende Annahme und hält dabei Blickkontakt mit zwei imposanten Menschen, die eine ähnliche Körpersprache sprechen und die ein fast identisches Lachen verbindet.
„Der Holzweg unter Deinen Füßen ist leider eine offizielle Sackgasse, mein lieber Jakob. Sobald Frau Bergbrüstling die ihr übertragene Regie übernimmt, beginnt für den auserwählten Mitarbeiter eine stressüberladene Zeitphase, in der an geistige und körperliche Entspannung leider nicht mehr zu denken ist.“
„Herr Doktor Brencken, ich glaube, wir sollten Herrn Johansson nicht länger auf die Folter spannen.“
„Ich bin ganz Ihrer Meinung, Frau Bergbrüstling. Herr Johansson wirkt auf mich wie ein aufgeblasener Luftballon, der vor Neugierde fast zu platzen droht.“
„Ich beneide Deine wundervolle Menschenkenntnis, die glaubt, sich in der Gefühlswelt anderer Menschen prinzipiell besser auszukennen als in der eigenen. Frau Bergbrüstling, darf ich bitten?“
„Ich habe mich mit meinem Team darauf spezialisiert, Mitarbeiter, die eine Führungsposition anstrebenden, oder diejenigen, die bereits eine entsprechende Position im jeweiligen Unternehmen innehalten, hinsichtlich ihrer Sozialkompetenzen auf Herz und Nieren zu testen.“
„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch Frau Bergbrüstling, aber mit fehlt trotz Ihrer verständlichen Erläuterung der eindeutige Bezug zur Außergewöhnlichkeit.“
„Das liegt daran Herr Johansson, dass Sie lediglich einen Bezug zu völlig abgehobenen Workshops und ineffizienten Seminaren für aufstrebende Führungskräfte haben, die ausschließlich der Unterhaltung dienen und ihren desinteressierten Teilnehmern ein buntes Rahmenprogramm von der Vollpension bis hin zum Bordellbesuch bieten. Machen wir uns doch nichts vor Herr Johansson, das abgedroschene Schlagwort praxisnah ist doch nur ein eleganterer Ausdruck für den negativen Begriff praxisfremd.“
Mit einem aufgeweckten Interesse beobachtet Jakob die agil wirkende Geschäftsfrau, die ihre weibliche Burschikosität mit Stolz nach Außen trägt und gleichzeitig mit Elan die eigene Werbetrommel rührt. Geruhsam nippt er an seinem Glas und lässt seinem zielstrebigen Blick freien Lauf, der die blond gelockte Walküre von den breiten Schultern bis zu ihrem halbhohen Schnürpumps genau unter die Lupe nimmt.
„Und welches ultimative Konzept bieten Sie Ihren Kunden an, Frau Bergbrüstling?“
„Unser Konzept basiert auf der simplen Theorie eines nüchternen Berufsalltags, der den ahnungslosen Prüfling vor zwischenmenschliche Herausforderungen stellt und ihn mit unangenehmen Situationen konfrontiert. Anschließend kann man für den hochpreisigen Problemlöser nur hoffen, dass sein im Vorstellungsgespräch angepriesenes stahlhartes Nervenkostüm, die hervorragenden Führungsqualitäten und sein Hang zur kooperativen Diplomatie sich nicht als haltlose Verkaufsargumente entpuppen, sondern wirklich der Wahrheit entsprechen.“
„Vielleicht sollten Sie Herrn Johansson einen Fall erzählen, der sich tatsächlich ereignet hat.“
„Sehr gerne Herr Doktor Brencken. Haben Sie Lust, Herr Johansson, oder langweilige ich Sie bereits?“
„Ich bitte Sie Frau Bergbrüstling. Mein Busenfreund und Seelenverwandter ist mir mit der Aufforderung nur leider zuvorgekommen.“
Liebevoll drückt eine breite Fingerkuppe die farbintensive Garnele in ein Bett aus würziger Mayonnaise und schüttelt anschließend mit Unterstützung eines gefühlvollen Daumens das in Mitleidenschaft gezogene Sträußchen zarten Dills wieder vorsichtig auf, bevor das aromatische Feinschmeckerhäppchen endlich Zunge und Gaumen befriedigen darf.
„Köstlich diese fantasievollen Kleinigkeiten. Frau Bergbrüstling, wenn ich einen Wunsch äußern dürfte.“ „Aber natürlich Herr Doktor Brencken.“
Gewissenhaft säubert die dünne Papierserviette den sich noch leicht bewegenden Mund samt seinen glänzenden Winkeln, während Jakob mit einem dezenten Kopfschütteln die ordentliche Arbeit kommentiert.
„Bitte erzählen Sie Herrn Johansson doch den Fall des rheinländischen Herstellers für Insektenschutz, der mir noch sehr gut in Erinnerung ist und an dem ich im Vorfeld und im Nachgang intensiv mitgearbeitet habe.“
„Oh ja, Herr Doktor Brencken, Sie sagen es. Ein kurioser Fall mit einem dramatischen Ende, das lediglich durch Ihr beherztes Eingreifen in letzter Sekunde nicht aus Kontrolle geraten ist.“
„Frau Bergbrüstling, meine Ohren sind mittlerweile überspitzt und ich bin vor Neugierde gleich überreizt.“
In Begleitung eines erfrischenden Lachens sucht eine stattliche Frauenhand den direkten Kontakt zu Jakobs Oberarm und verweilt für ein paar Sekunden auf der besagten Stelle.
„Entschuldigen Sie, Herr Johansson, ich lasse Sie nicht länger warten und hole Sie umgehend ab. Der Inhaber eines großen Produktionsunternehmens für Insekten- und Sonnenschutz bat uns auf Drängen seiner Ehefrau um Unterstützung. Und zwar hatte er eine Produktionsstätte für Fliegengitter in Rumänien errichtet und die Werksleitung der Empfehlung eines Bekannten übertragen, der wiederum im Management eines weltbekannten Elektronikkonzernes am gleichen Standort saß. Die Zielperson war ein begnadeter Diplom-Ingenieur mit den allerbesten Referenzen.“
„Sie sagten vorhin auf Drängen der Ehefrau?”
„Korrekt, Herr Johansson. Die Gattin und der gepriesene Manager hatten sich flüchtig auf der Eröffnungsfeier des neuen Werks kennengelernt. Die Ehefrau unseres Auftraggebers war eine Wissenschaftlerin aus der Welt der
Esoterik und erforschte permanent den spirituellen Erkenntnisweg. Sie warnte Ihren Mann eindringlich vor einer negativen Aura, die sie bei dem Werksleiter intensiv gespürt hatte.“
„Ein erfolgreicher Geschäftsführer und Inhaber eines gewinnorientierten Unternehmens hört tatsächlich auf den Rat seiner angeheirateten Hobbyhexe. Interessant Frau Bergbrüstling.“
„Nicht nur interessant, sondern eine weise Entscheidung Herr Johansson.“
„Und, über welches märchenhafte Ende durfte sich die rumänische Geschichte freuen?“
„Über eine bewaffnete Geiselnahme.“
„Meine liebe Frau Bergbrüstling, ich muss mich für meine giftige Zunge entschuldigen, aber Ihr Talent, mit freierfundenen Geschichten aus dem eigenen Werbeprospekt gutgläubige Zuhörer zu unterhalten, ist wirklich beneidenswert.“
„Frau Bergbrüstling, ich übernehme an dieser Stelle.“
„Sehr gerne, Herr Doktor Brencken.“
„Richtig, Sie erwähnten ja bereits Frau Bergbrüstling, dass Herr Hubert B. aus H. eine kriegsentscheidende Schlüsselposition besetzte.“
Auf das hämische Lachen des charmanten Provokateurs folgt eine niveauvolle Bestrafung in Form eines überlegenden Lächelns, dass mit einer diktatorischen Handbewegung das Kommando übernimmt und seinen verdienten Sieg im gleichen Atemzug ankündigt.
„Bitte legen Sie los, Herr Doktor Brencken.“
„Ich spielte in diesem Fall einen autoritären Betriebsleiter aus Deutschland, der seinen neuen Chef täglich mit Hiobsbotschaften konfrontierte. Angefangen von wilden Streiks der Mitarbeiter über einen Bombenalarm bis hin zum kompletten Ausfall der Anlagen. Es war alles perfekt inszeniert.“
„Hat sich die Mühe denn wenigstens gelohnt, Huber?“
„Das ganze Team erwartete bereits nach wenigen Tagen einen genervten Werksleiter, der seinen unfähigen Betriebsleiter letztendlich feuert und der trotz vergoldetem Ingenieurstitel eine gewisse Hemdsärmeligkeit beweist, bevor ihm die eignen Sicherungen restlos durchbrennen. Aber trotzdem, es hat sich gelohnt Jakob.“
„Und was hat das ganze Team stattdessen vorgefunden?“ „Einen hysterischen Psychopathen, der von der ersten Stunde an nur durch die geschlossene Tür seines Chefzimmers kommunizierte.“
„Bis zu einem rabenschwarzen Freitag, Punkt zwölf Uhr.“
„Hubert, bitte lass Dich von Frau Bergbrüstling nicht unterbrechen.“
„Völlig aufgelöst klopfte ich an seine Zimmertür, in dessen Vorraum seine ahnungslose Sekretärin saß und bat ihn eindringlich, mich reinzulassen. Er öffnete die Tür einen minimalen Spalt und antwortete mir, dass ich ihn am Arsch lecken könnte und ich mich gefälligst verpissen sollte.“
„Der Herr wählte aber nicht gerade die vornehmste Ausdrucksweise.“
„Ich teilte ihm gut hörbar mit, dass sich in der Werkshalle soeben ein tödlicher Arbeitsunfall ereignet hat und dass der Tod des Arbeiters alleine in seiner Verantwortung liegt, da er in letzter Instanz das vorgeschriebene Sicherheitskonzept nicht konsequent umgesetzt hat. Das war eindeutig zu viel für den vorbildlichen Werksleiter und sein aufgeweichtes Nervenkostüm.“
„Und was passierte dann.“
„Er stürmte aus seinem Zimmer und auf seine ahnungslose Sekretärin zu und drückte ihr eine geladene Schusswaffe an die Schläfe.
Anschließend erpresste er mich mit den Worten, dass er der verzweifelten Frau eine Kugel in den Kopf jagt, sollte ich nicht auf der Stelle ein Schuldanerkenntnis unterschreiben, indem ich den tödlichen Unfall auf meine Kappe nehme. Die irrsinnige Verzweiflungstat eines unberechenbaren Menschen.“
Ein ungläubiger Blick schwebt langsam durch die Luft und verrät Jakobs eindeutigen Wankelmut, der auf einem schmalen Pfad zwischen reiner Wahrheit und dreister Lüge vorsichtig spazieren geht.
„Das ist ja Wahnsinn. Wie hast Du darauf reagiert?“
„Ich habe dem Kerl ohne zu zögern die Waffe aus der Hand geschlagen, ihn mit vollem Körpereinsatz gegen die Wand gedrückt und somit die hilflose Sekretärin aus seinen Fängen befreit. Den Rest kannst und darfst Du Dir denken.“
„Respekt Hubert, Du scheinst Dich immer wieder neu zu erfinden. Eine wirklich außergewöhnliche Geschichte.“ „Die in dieser Form Gott sei Dank nicht ganz alltäglich ist, Herr Johansson.“
Mit einer vertretbaren Dominanz und ohne vorherige Nachfrage überreicht der weibliche Teil der anregenden Gesprächsrunde Jakob ein weiteres Glas Champagner, das dankend in Empfang genommen wird.
„Durch meine Dienstleistung gewinnt das kundenseitige Unternehmen wertvolle Zeit. Es dauert auf normalem Wege oft Monate, wenn nicht sogar Jahre Herr Johansson, der parfümierten Laus im übel riechenden Pelz auf die Schliche zu kommen. Ich rede von eingeschüchterten Mitarbeitern, die das grobe Fehlverhalten ihrer hoch bezahlten Vorgesetzten jahrelang auffangen und ausbügeln, sowie von undurchsichtige Seilschaften und diverse Vetternwirtschaften, die sich gegenseitig perfekt decken. Um nur einige Verschleierungstaktiken zu nennen.“
„Täusche ich mich Frau Bergbrüstling wenn ich hinter jedem Spezialauftrag einen immensen Arbeitsaufwand vermute?“
„Sie liegen mit Ihrer Vermutung haargenau richtig, Herr Johansson. Da ich keine Dienstleistung von der Stange anbiete, liegt der tatsächliche Erfolg in einer akribischen Vorbereitung bis ins kleinste Detail. Mein Team besteht zusammen mit mir aus vier Vollprofis, die im Vorfeld und im Nachgang eng mit beratenden Psychologen und entsprechenden Stellen zusammenarbeiten. Apropos Vollprofi Herr Johansson. Ich sehe in Ihnen von der Haarspitze bis zur Fußsohle das perfekte Bild eines grandiosen Geschäftsmannes. Was halten Sie von der Idee, sich wie Herr Doktor Brencken einfach neu zu erfinden und Ihr komfortables Hamsterrad für einen interessanten Spezialauftrag kurzfristig zu verlassen?“
„Ich kann Ihnen nicht folgen Frau Bergbrüstling.“
„Falsch, Sie wollen mir nicht folgen Herr Johansson.“
Überschüttet von einem sympathischen Zweigeschlechterlachen, leert Jakob sein halb volles Glas in einem Zug und fordert eine plausible Erklärung aus einem dezent geschminkten Mund, der dicht neben einem groß karierten Flanellanzug steht, der in verschiedenen Grautönen leuchtet.
„Frau Bergbrüstling?“
„Ich fasse mich kurz Herr Johansson. Ein Mitarbeiter von mir liegt nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus. Es wird noch Monate dauern, bis er wieder einsatzbereit ist.“
„Das tut mir für den armen Mann wirklich außerordentlich leid.“
„Jakob, Du solltest Frau Bergbrüstlings Angebot annehmen.“
„Ich soll bitte was?“
Energisch stellt Jakob den leeren Glasgegenstand in seiner rechten Hand auf der nächstgelegenen Möglichkeit ab und erwartet umgehend eine verträgliche Antwort auf seine mehr als deutlich in den Raum gestellte Frage.
„Das lukrative Angebot annehmen und die einmalige Chance nutzen, aus Deinem verstaubten und eingefahrenen Alltag auszubrechen, um interessante Lebenserfahrungen zu sammeln. Außerdem hätten wir somit endlich noch einmal die Möglichkeit, für ein paar Tage intensiv zusammen zu arbeiten.“
Im nächsten Moment identifizieren sich zwei dunkle Augenbrauen ausschließlich über eine tiefe Zornesfalte, die bemüht ist, sich ihren Weg über eine steile Stirn bis hin zu einem dichten Haaransatz zu bahnen.
„Mein Alltag ist genauso wenig eingefahren, wie ich verstaubt wirkte. Außerdem bin ich nicht scharf darauf, mit Dir endlich noch einmal und wenn auch nur für ein paar Tage intensiv zusammen zu arbeiten. Punkt.“
„Frau Bergbrüstling, bitte versuchen Sie genau auf Herrn Johansson zu achten. In dem Moment, wenn er seine Unterlippe weit nach vorne schiebt, schlüpft er gleichzeitig in seine Paraderolle als beleidigte Thusnelda im maskulinen Herrenfrack, die er nicht nur perfekt beherrscht, sondern auch überaus authentisch verkörpert.“
„Frau Bergbrüstling, bitte versuchen Sie genau auf die klein karierte Flanellschürze neben Ihnen zu achten, auf deren Vorderseite ich gleich eine volle Tube Delikates- Mayonnaise ausdrücken werde.“
Peinlich berührt über den zänkischen Auftritt des ungewöhnlichen Männerduos, entscheidet sich der weibliche Kopf augenblicklich für einen Ausstieg aus der hitzigen Diskussionsrunde und zieht das spontane Angebot vorsorglich zurück.
„Entschuldigen Sie meine Herren, ich wollte wirklich nicht für eine schlechte Stimmung unter Ihnen sorgen. Bitte vergessen Sie meine fixe Idee, Herr Johansson.“
Mit Vergnügen hört Jakob auf das Kommando seiner leidenschaftlichen Dominanz, die seine muskulösen Beine in eine hüftbreit stehende Position bringt und synchron dazu seine Arme vor der Brust verschränkt. Anschließend neigt sich sein Kopf leicht nach hinten und das markante Kinn wandert selbstbewusst nach oben, während ein stechender Blick von zwei angriffslustigen Augen tatkräftig bei seiner Arbeit unterstützt wird.
„Wenn ich Ihre fixe Idee vergessen soll Frau Bergbrüstling, muss ich leider Ihr vorlautes Gerede über das perfekte Bild eines grandiosen Geschäftsmannes als eine billige Verarschung meiner Person gegenüber hinnehmen. Wollen Sie das?“
„Herr Johansson, ich bitte Sie. Jetzt halten Sie aber mal die Luft an.“
„Ich werde mit Sicherheit nicht die Luft anhalten, nur weil Ihnen langsam die Puste ausgeht und gleichzeitig die Spucke wegbleibt. Es ist für mich als kleiner Amateur überhaupt nicht nachvollziehbar, warum ein erstklassiger Vollprofi wie Sie Frau Bergbrüstling, nach einem peinlichen Eigentor auch noch versucht, sich aus der eigenen Reserve zu locken und dabei ein klares Abseits provoziert.“
Zwei weibliche Fäuste kommunizieren mit einem angespannten Oberkörper und spielen in derselben Liga mit einer bebenden Oberlippe, die das perfekte Bild einer schockierten Person komplettiert, die sich kaum noch imstande sieht, ihre Wut zu kontrollieren.
„Herr Johansson, Sie.“ „Sind hiermit für die Rolle engagiert!“
Begleitet von einem lauten Applaus wird der unvollständige Satz von einem vergnügten Zuschauer nach eigenen Wünschen und Vorstellungen ergänzt, bevor er das energiegeladene Paar rechts und links in seine Arme nimmt.
„Meine liebe Frau Bergbrüstling, ich freue mich, das Sie Herrn Johansson in Bestform erleben durften und das er als facettenreiches Naturtalent ohne Aufwärmphase überzeugen konnte. Wir werden Sie gemeinsam unterstützen.“
„Das freut mich sehr, Herr Doktor Brencken. Herr Johansson, vielen Dank.“
„Bedanken Sie sich bei Herrn Doktor Brencken.“
Ein kräftiger Handschlag besiegelt die spontan getroffene Vereinbarung und steht als Symbol für verrauchte Wut und abgekühlte Emotionen, die bekanntlich erst aufgewärmt ihr volles Aroma entfalten.
Kapitel 2 – Die Ratte im feinen Zwirn
Guten Morgen Frau Michaelsen, wie fühlen Sie sich in Ihrem neuen Zuhause?“ Ein herzliches Begrüßungslachen verbindet sich mit den sanften Klängen wohltuender Entspannungsmusik, die bedingt durch ihre leisen Töne lediglich im Hintergrund agiert. Nach einer klaren Absprache zwischen seinem guten Benehmen und der ihm bekannten Umgebung lehnt sich Jakob vertraut an die geschwungene Empfangstheke und revanchiert sich mit einem umwerfenden Lächeln, das ihm hätte charmanter nicht gelingen können
„Guten Morgen Herr Johansson, ich fühle mich in der Tat so glücklich wie zu Hause. Das kann leider nicht jeder von seinem Arbeitsplatz behaupten.“
„Richtig, Frau Michaelsen und das Schöne an Ihnen ist, dass Sie dieses Glück ausgiebig zu schätzen wissen.“
„Vielen Dank, Herr Johansson.“
Unbewusst vergleicht Jakob den Zeigerstand seines exklusiven Chronografen mit der Anzeige einer originellen Wanduhr und äußert sich anschließend in einem schüchternen Tonfall, der fast schon nach einer Entschuldigung klingt.
„Ich bin leider etwas zu früh, Frau Michaelsen.“
„Das ist überhaupt kein Problem Herr Johansson. Herr Doktor Brencken erwartete Sie bereits zusammen mit Frau Bergbrüstling.“
„Sieh an, die liebe Frau Bergbrüstling. Immer vorne weg, voller Tatendrang und überschäumender Energie.“
„Das klingt ein wenig nach liebevoller Ironie, Herr Johansson.“
„Wo denken Sie hin, Frau Michaelsen. Die Schwingungen purer Begeisterung sind auch noch fünf Tage nach meiner ersten Begegnung mit Frau Bergbrüstling deutlich zu spüren.“
„Ich mag diese draufgängerischen Frauen der heutigen Zeit. Meine Tochter ist da ganz ähnlich gestrickt. Selbstbewusst bei jeder Gelegenheit, die sich ihr bietet und wenn es darauf ankommt, auch noch ein bisschen burschikos dazu.“
„Also das komplette Gegenteil von der Frau Mama.“
„Das ist richtig. Meine Tochter kommt ganz nach meinem Mann. Der leidet trotz seiner sechzig Jahre noch immer unter einem James-Dean-Syndrom.“
„Ich hätte nie vermutet, meine liebe Frau Michaelsen, das ich bis auf die besagten sechs Jahrzehnte so viel mit Ihrem Mann gemeinsam habe. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“
Augenzwinkernd verabschiedet sich Jakob von der aparten Assistentin und verlässt den freundlichen Eingangsbereich in Richtung seines eigentlichen Ziels, dessen schwere Massivholztüre nach einem gehaltvollen Anklopfen alles andere als zögerlich öffnet wird.
„Guten Morgen Jakob, pünktlich auf die Minute, die sich über einen zehnminütigen Vorsprung freut.“
„Guten Morgen Hubert. Frau Bergbrüstling, bitte bleiben Sie sitzen.“
Die langen Beine sind elegant übereinandergeschlagen und stecken in einer schmalgeschnittenen Bleistifthose, die ihre freie Meinung und die einer blazerartigen Jacke mit stilgetreuen Blasebalgtaschen, durch ein vollmundiges Safaribeige selbstbewusst zu vertreten weiß.
„Herr Johansson, ich grüße Sie. Wir haben gerade von Ihnen geredet.“
„Lassen Sie sich bitte nicht stören und führen Sie Ihre Unterhaltung zwanglos und in meinem Beisein weiter.“ „Jakob, bitte setz Dich. Darf ich Dir eine Tasse Kaffee servieren lassen?“
„Gerne auch ein ganzes Kännchen, mein lieber Hubert.“ „Dazu ein großes Stückchen köstliche Schwarzwälder Kirschtorte?“
„Vielen Dank, aber ich habe mir bereits zum Frühstück ein Stück original Sachertorte gegönnt. Jede weitere Todsünde wäre Hochverrat gegenüber meinem Cholesterinspiegel.“
Nach dem zynischen Schlagabtausch im Stehen bewaffnet sich Jakob mit einem ausgewogenen Maß an gutgekühlter Freundlichkeit und nimmt den ihm angebotenen Platz ein, während das sympathische Bild einer starken Frau die Gesprächsführung wieder an sich reißt.
„Meine Herren, ich hoffe Sie konnten sich trotz Ihres vollen Terminkalenders bereits mit dem Skript beschäftigen.“
„Das konnten wir, Frau Bergbrüstling.“
„Schön Herr Johansson, somit können wir also sofort und ohne Umschweife in unser Projekt einsteigen und die Einzelheiten ausgiebig und gemeinsam besprechen.“
Die spürbare Dynamik einer ausgefeilten Kommunikationsmethode nimmt die Aufmerksamkeit der Betroffenen mit Haut und Haaren in Beschlag, bis eine große Tasse ordinärer Filterkaffe die energiegeladene Besprechungsrunde schamlos ausbremst und anschließend auf einem schlichten Holztablett neben einem fröhlichen Blumengruß stehend, dem dankbaren Gast serviert wird.
„Entschuldigen Sie bitte Herr Johansson, dass Sie solange auf Ihren Kaffee warten mussten, aber unser Vollautomat der ersten Generation hat sich soeben wahrscheinlich für immer verabschiedet. Ich musste auf die bewährte Filtertechnik zurückgreifen.“
„Frisch aufgebrühter Kaffee von Hand, wunderbar. Was kann einem Gourmet schon Besseres widerfahren. Frau Michaelsen, ich bin begeistert.“
„Ich habe das frischgemahlene Kaffeepulver mit einer Prise Meersalz verfeinert. Probieren Sie Herr Johansson.“
Mit Bedacht und unter strenger Beobachtung führt Jakob die aromatische Spezialität zum Mund und gönnt vorweg seiner guten Nase den Luxus eines intensiven Dufterlebnisses, bevor er seinen Gaumen mit einem ausreichenden Schluck der schwarzen Köstlichkeit verwöhnt.
Den Kopf leicht in den Nacken gelegt und die Augen fest verschlossen, gibt Jakob summende Geräusche in verschiedenen Tonlagen an sein staunendes Umfeld ab und ist erst nach einigen Sekunden wieder in der Lage, sich klar und deutlich zu artikulieren.
„Unglaublich, wirklich unglaublich. Frau Michaelsen, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Dieser Genuss, einfach fantastisch.“
Freudestrahlend klatscht die elegante Bedienung in ihre Hände und gibt im Nachgang das Erfolgsgeheimnis ihrer besonderen Qualitäten preis.
„Glauben Sie mir, Herr Johansson, ich weiß, wie man Männer Ihres Kalibers rundum glücklich machen kann.“ „Frau Michaelsen?“
„Ja bitte, Herr Doktor Brencken.“
„Würden Sie mir freundlicherweise erklären, warum sich ausschließlich Herr Johansson von Ihnen bestens umsorgt fühlen darf? Ich fordere Sie hiermit auf, mir umgehend eine Tasse Ihres sagenumwobenen Kaffees zu servieren. Und zwar schnellstens.“
Auf den scharfen Ton der einfachen Aufgabenstellung folgt die pampig wirkende Reaktion einer sinnlichen Frau, die einen bepflanzten Blumentopf vom Tablett nimmt und ihrem Arbeitgeber vor die gefalteten Hände stellt.
„Bitte für Sie.“
„Was will ich mit dem farbenfrohen Unkraut?“
„Fragen Sie doch den Absender, diesmal scheint ja eine Grußkarte dabei zu sein. Ich muss mich jetzt erst einmal um Ihren Kaffee kümmern, Herr Doktor Brencken.“
Artig bleibt ein ketzerisch anmutender Spruch auf der bösen Zunge liegen und wartet geduldig ab, bis das reifere Mitglied einer kompetenten Frauenfraktion den Plenarsaal verlassen hat.
„Mein Gott, diese Weiber.“
Ein offenherziges Lachen applaudiert dem unkonventionellen Satz zu und fordert den Besitzer indirekt auf, durch eine einfache Tat die eigene Neugierde zu befriedigen.
„Wollen Sie denn nicht wissen, wer Ihnen mit der kleinen Aufmerksamkeit eine Freude machen will?“
„Ich nicht, aber Sie. Und deshalb mache ich Ihnen jetzt eine Freude und werde nachsehen, wer mir mit einem feurigen Mandarinengelb, das mich an sizilianische Orangen erinnert, versucht, mein großes Herz zu berühren. Zufrieden Frau Bergbrüstling?“
„Jawohl Herr Doktor.“
Die leichten Schwingungen eines hoffähigen Sarkasmus sind deutlich zu spüren und spiegeln die Ideologie ihres Vertreters wieder, der das blühende Präsent alles andere als zimperlich aus seiner knisternden Kristallfolie befreit. Leicht verärgert über die Zwangsunterbrechung einer seiner Meinung nach wichtigen Besprechung, beobachtet Jakob mit einer säuerlichen Mine seinen gegenübersitzenden Freund, der relativ emotionslos versucht, den weiblichen Hunger eines penetranten Wissensdurstes ohne nachvollziehbaren Grund fachgerecht zu sättigen.
Spontan eignet sich der pragmatisch veranlagte Zeigefinger die Aufgabe eines eleganten Brieföffners an und zerreißt an der auserwählten Stelle das zugeklebte Kuvert, während ihm die georderte Tasse Kaffee brühwarm serviert wird.
„Bitte sehr Herr Doktor Brencken, der gewünschte Filterkaffee.“
„Danke Frau Michaelsen.“
„Das darf doch nicht wahr sein, Herr Doktor.“
Der Ausruf der Entrüstung erfolgt von oben herab und mit Blick auf das ansprechende Design einer professionellen Traueranzeige, die auf originalgetreuem Zeitungspapier gedruckt wurde und die sich im Anschluss vom amüsiert wirkenden Opfer des makabren Scherzes eine objektive Beurteilung gefallen lassen muss.
„Respekt, da hat derjenige, der mir eine Freude machen wollte, keine Kosten und Mühen gescheut.
Wirklich richtig gut gemacht, die Anzeige wirkt täuschend echt auf mich. Sieh Dir das an Jakob.“
Schmunzelnd betrachtet Jakob das ihm überreichte Papier und übernimmt anschließend die ehrenvolle Aufgabe eines Vorlesers: „Niemals geht man so ganz, denn irgendwann werden wir uns wiedersehen. Wir nehmen Abschied von einem großartigen Menschen, treuen Freund und geliebten Ehemann Doktor Hubert Ignatius Brencken. In ewiger Liebe und tiefer Trauer. Deine Brigitte sowie alle Angehörigen. Die Beisetzung findet in aller Stille statt.“
Eine schweigende Fassungslosigkeit auf der femininen Seite, trifft auf die vertretbare Schadenfreude eines maskulinen Liebhabers des schwarzen Humors, der postum um seine Meinung gebeten wird.
„Was sagst Du dazu Jakob?“ „Ignatius der Feurige. Beschämt sei, wer schlecht darüber denkt. Deine Brigitte scheinst Du jedenfalls bis zum letzten Atemzug glücklich gemacht zu haben. Auch ohne Feuer.“
„Dir wird das Lachen noch vergehen, Johansson.“
Die nüchterne Drohung wird unter einem sympathischen Augenzwinkern ausgesprochen, das sich öffentlich zur praktizierenden Selbstironie bekennt und sich gleichzeitig nicht ganz so wichtig nimmt.
„Spaß beiseite Hubert, hast Du eine Idee, wer hinter dem gewöhnungsbedürftigen Humor steckt, der mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack trifft?“
„Ich muss leider passen. So sehr sich mein Gedächtnis auch anstrengt, es kann keine Verbindung zu einer Person Namens Brigitte herstellen. Weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart. Nein, ich tippe auf die Racheaktion eines ehemaligen Patienten, bei dem die Chemie noch weniger als nur nicht gestimmt hat.“
Mit einer ausgeprägten Selbstverständlichkeit eignet sich der bislang eher zurückhaltende Teil der interessanten Unterhaltung das blühende Corpus Delicti an und spielt im Nachgang auf eine fast schon kokettierende Weise mit der bodenständigen Pflanze, deren zarte Blütenblätter von zwei weichen Fingerkuppen sanft gestreichelt werden.
„Das Stiefmütterchen gilt als Symbol des Andenkens und der Erinnerung.“
„Es ist robust, sehr frostfest und zählt nicht nur hierzulande als beliebte Grabpflanze. Ich schenke es Ihnen, Frau Bergbrüstling. Hegen und pflegen sie das gute Stück und denken Sie bei jedem Gießvorgang an meine Wenigkeit.“
Begleitend von einer traditionellen Zeremonie wird der duftende Inhalt des weißen Porzellans einer Kennernase vorgestellt, bevor ein verwöhnter Gaumen und ein edler Tropfen gemeinsam über den Geschmack eines passionierten Weinkenners philosophieren.
„Frau Michaelsen, Ihr Kaffee ist wahrlich ein Hochgenuss. Vielen Dank.“
Mit einem rhythmisch ratternden Geräusch öffnet das aluminiumfarbene Rollgitter sein Tor zur hoteleigenen Tiefgarage, die durch ihre versteckte Zufahrt automatisch den Mythos einer modernen Bunkeranlage erweckt. Auf Knopfdruck schwebt die schwarzlackierte Heckklappe der begehrten Oberklasse nach oben und ermöglicht dem dunkelroten Schalenkoffer einen bequemen Ausstieg mit Schwung, bevor er auf vier stabilen Rollen stehend seinem typischen Anzugträger gehorsam von der unterirdischen Welt über den Fahrstuhl bis in die ansehnliche Eingangshalle folgt. Durch ihren professionellen Auftritt in jeglicher Hinsicht erobert die mondäne, aber dennoch einladende Rezeption das Vertrauen ihrer Gäste im Sturm und wirbt an der richtigen Stelle mit einem Gefühl von Geborgenheit auf höchst komfortable Art.
„Herzlich willkommen, was darf ich für Sie tun?“
Das unaufdringliche Empfangslächeln wirkt genauso charmant wie der feminine Serafino-Ausschnitt einer zarten Seidenbluse, die unter ihrem dunkelblauen Kostüm ein Festival weiblicher Eleganz feiert. „Welzkamb, mit scharfem Zeppelin und weicher Berta. Für mich wurde eine Suite reserviert.“
„Einen Augenblick bitte Herr Welzkamb.“
Der strenge Gesichtsausdruck deutet auf eine chronische Übellaunigkeit hin, die in der Lage ist, sämtliche Anzeichen einer bejahenden Lebensfreude umgehend zu vernichten.
„Ich heiße Sie in unserem Hause nochmals herzlich willkommen Herr Welzkamb und wünsche Ihnen in unserer Barbarossasuite einen angenehmen und komfortablen Aufenthalt. Sollten Sie einen speziellen Wunsch haben, und sollte dieser Wunsch auch noch so außergewöhnlich erscheinen, zögern Sie bitte nicht, unser Kompetenzteam rund um den verehrten Gast anzusprechen.“
Der stechende Blick aus dunkelbraunen Augen wirkt genauso angriffslustig wie die dazugehörende Männerhand, die mit einem übertriebenen Elan den Kugelschreiber einschließlich seiner Kette über das ihr vorgelegte Papier führt.
„Darauf können Sie sich verlassen. Vielen Dank.“
Das berühmte Luxushotel schlägt den perfekten Bogen von Art déco zu einem industriellen Design und verbindet eine klassische Perfektion bis in kleinste Detail mit der inspirierenden Nonchalance schöner Künste. Als architektonische Besonderheit begrüßt ein gläserner Pavillon in der Mitte des Innenhofes seine anspruchsvollen Gäste, die bewusst aufgefordert werden, sich gemeinsam mit den Ansprüchen ihrer persönlichen Lebensqualität treiben zu lassen. In aller Ruhe inspiziert Norbert Welzkamb seine exklusive Unterkunft hochwertiger Ausstattung und stimmt sich dabei mit einer ausgewogenen Selbstverständlichkeit und einem guten Whisky auf seinen nächsten Termin ein, der ihn bereits innerhalb der nächsten Stunde erwartet.
Die Gestaltung der angesagten Aperitifo-Bar spielt mit der positiven Wirkung ihrer sanften Komplementärfarben, die das Augenlicht ihrer Besucher mit einem winterlichen Rosa und frühlingshaften Grün verwöhnen und das rassige Temperament einer echten Lounge durch ihren farblichen Brillantschliff veredeln.
„Guten Abend Herr Welzkamb, ich freue mich, Sie zu sehen. Darf ich mich setzten?“
„Bitte, Herr von Haselstein.“
Nach einer leichten Verbeugung nimmt der bekennende Kavalier der alten Schule auf dem ihm angebotenen Barhocker seinen Platz ein und greift nach dem Gesprächsfaden einer freundlichen Unterhaltung.
„Vielen Dank. Eine wunderschöne Bar finden Sie nicht auch? Allerdings habe ich auf der Suche nach unserem Treffpunkt fast die Orientierung verloren. Haben Sie diese angesagte Lokalität denn auf Anhieb gefunden?“
„Ich bin in der Lage, Wegweiser zu lesen. Was trinken Sie?“
„Wenn Sie mich so nett fragen Herr Welzkamb, würde ich mich Ihnen geschmacklich anschließen und mit einem frisch gezapften Pils auf unseren Abend anstoßen.“
In der Mitte zweier Offiziersdegen befinden sich eine filigrane Nelkenblüte und ein stolzer Adler, der als Wahrzeichen eines berühmten Familienwappens gilt, dass mit einem goldenen Seidenfaden auf die äußere Brusttasche des schwarzen Sakkos aufgestickt wurde und sich zusätzlich mit einem klassischen Einstecktuch schmückt. Mit einem mürrisch verzogenen Mund und einer saloppen Handbewegung ordert Nobert Welzkamb die gewünschten Getränke und hüllt sich bis zum Servieren in ein hartnäckiges Schweigen.
„Zum Wohl, Herr Welzkamb. Auf Ihre Gesundheit und einen schönen Abend.“
„Prost.“
Freundlich nicken sich die beiden Gläser zu und führen ihren frisch gezapften Inhalt anschließend zum jeweiligen Mund, ohne vorher
