Romantic Thriller Spezialband 3046 - 3 Romane - Ann Murdoch - E-Book

Romantic Thriller Spezialband 3046 - 3 Romane E-Book

Ann Murdoch

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Beschreibung

Dieser Band enthält folgende Romane: (399) Das Erbe der Hexe (Frank Rehfeld) In Teufels Namen (Ann Murdoch) Patricia Vanhelsing und die Spinnenkönigin (Alfred Bekker) Die junge Anwältin Harry Beagle hat einen seltsamen Fall übernommen, bei dem der Angeklagte behauptet, sein Opfer sei vom Teufel besessen gewesen. Zusammen mit dem Journalisten Steve geht sie der Sache näher auf den Grund. Dabei ahnen die beiden aber noch nicht, dass sie schon bald dem Teufel höchstpersönlich gegenüberstehen werden.

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Frank Rehfeld, Ann Murdoch, Alfred Bekker

Romantic Thriller Spezialband 3046 - 3 Romane

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Inhaltsverzeichnis

Romantic Thriller Spezialband 3046 - 3 Romane

Copyright

Das Erbe der Hexe: Romantic Thriller

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In Teufels Namen

Patricia Vanhelsing und die Spinnenkönigin

Romantic Thriller Spezialband 3046 - 3 Romane

Ann Murdoch, Frank Rehfeld, Alfred Bekker

Dieser Band enthält folgende Romane:

Das Erbe der Hexe (Frank Rehfeld)

In Teufels Namen (Ann Murdoch)

Pstricia Vanhelsing und die Spinnenkönigin (Alfred Bekker)

Die junge Anwältin Harry Beagle hat einen seltsamen Fall übernommen, bei dem der Angeklagte behauptet, sein Opfer sei vom Teufel besessen gewesen. Zusammen mit dem Journalisten Steve geht sie der Sache näher auf den Grund. Dabei ahnen die beiden aber noch nicht, dass sie schon bald dem Teufel höchstpersönlich gegenüberstehen werden.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

COVER A. PANADERO

© dieser Ausgabe 2023 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Das Erbe der Hexe: Romantic Thriller

Romantic Thriller von Frank Rehfeld

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Es ist das Geburtstagsfest ihres Vaters und Juliette langweilt sich sehr. Aber dann fällt ihr ein Fremder unter den Gästen auf und dank Duncan wird der Abend doch noch schön. Am nächsten Tag fahren die beiden zu einem abgelegenen See. Wegen eines Gewitters müssen sie jedoch ihr Picknick abbrechen und zurückfahren. Juliette verliert die Gewalt über ihren Wagen und, als sie in dem Wrack ihres Wagens erwacht, muss sie feststellen, dass Duncan tot ist...

1

Selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde es meist als Märchen abgetan, dass man es vom Tellerwäscher bis zum Millionär bringen könnte. William Baker jedoch war das lebende Gegenbeispiel. Es war fraglich, ob er tatsächlich jemals für Geld Teller abgewaschen hatte, doch es stand fest, dass er als junger Mann jahrelang als mittelloser Abenteurer durch die Welt gezogen war, an archäologischen Ausgrabungen teilgenommen und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hatte.

Schließlich war er nach Amerika gekommen, hatte mit dem ersparten Geld eine heruntergewirtschaftete Maschinenfabrik übernommen und damit den Grundstein seines kometenhaften Aufstiegs gelegt. Binnen zweieinhalb Jahrzehnten hatte er sich ein bedeutendes Wirtschaftsimperium aufgebaut.

Juliette Baker gähnte. Gelangweilt lehnte sie am kalten Buffet, das im Garten des großen Anwesens aufgebaut war und bemühte sich, die Worte des Redners zu ignorieren, der von einem Podium aus eine Lobeshymne auf den Erfolg ihres Vaters verkündete.

Sie wusste auch so, dass er reich war, aber es war ihr völlig gleichgültig, in welchen Unternehmen und Handelszweigen er alles seine Finger hatte. An seinem Reichtum interessierten Juliette nur die Vorteile, die sich daraus für sie ergaben, beispielsweise ihre in fast unbegrenzter Höhe gedeckte Kreditkarte.

An diesem Tag war William Baker sechzig Jahre alt geworden und hatte aus diesem Anlass zu einem Empfang eingeladen. Wie alles, was er unternahm, hatte auch die Geburtstagsfeier gigantische Ausmaße angenommen. Über dreihundert Gäste waren erschienen, darunter nicht nur viele seiner Geschäftspartner, sondern auch zahlreiche Prominente aus Kultur und Politik.

Juliette sah einen älteren Mann auf das Buffet zukommen, dessen Fettleibigkeit auch sein maßgeschneiderter Anzug nicht zu verbergen vermochte. Harold Morell, ein Geschäftsfreund ihres Vaters, dem ein bedeutender Pharmakonzern gehörte. Sie mochte ihn nicht sonderlich. In ihren Augen war er ein aufgeblasener Wichtigtuer, und wann immer er sie sah, versuchte er sich bei ihr mit einer Flut abgedroschener Komplimente anzubiedern, die er wohl für galant hielt.

Bevor er das Buffet erreichte, tat sie so, als hätte sie gerade einen Bekannten entdeckt und tauchte zwischen den anderen Gästen unter, die den Garten bevölkerten. Als sie sich umblickte, um sich zu vergewissern, dass Morell ihr nicht folgte, stieß sie mit jemandem zusammen. Etwas von ihrem Drink schwappte über.

„Tut mir leid“, murmelte sie automatisch. Erst dann schaute sie ihr Gegenüber an. Es handelte sich um einen jungen Mann mit leicht gelockten braunen Haaren und einem scharf geschnittenen Gesicht, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die braungebrannte Haut bildete einen interessanten Kontrast zu seinem weißen Sommeranzug. Er hielt sich offenbar viel im Freien auf, denn es schien sich um natürliche Sonnenbräune zu handeln, die auch eine noch so gute Sonnenbank nicht perfekt zu imitieren vermochte. Dafür hatte Juliette einen Blick entwickelt.

„Wohin so eilig?“, erkundigte er sich lächelnd.

Juliette lächelte zurück. „Ich habe nur gerade jemanden entdeckt, dem ich nicht unbedingt begegnen möchte“, antwortete sie.

„Da geht es Ihnen wie mir“, behauptete er. „Solche formellen Empfänge sind nichts für mich. Am liebsten würde ich mich sogar vor allen Leuten hier verstecken.“ Er lächelte. „Von wenigen Ausnahmen natürlich abgesehen.“

Juliette erwiderte sein Lächeln.

„Ich hoffe doch, dass ich eine dieser Ausnahmen bin“, sagte sie kokett. Der junge Mann gefiel ihr. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen, aber er war ihr auf Anhieb sympathisch.

„Die einzige, die mir bislang begegnet ist“, erwiderte er. „Was halten Sie davon, wenn wir einfach von hier abhauen und irgendwo hinfahren, wo mehr los ist? In einer Viertelstunde könnten wir in Denver sein.“

Seine Direktheit gefiel Juliette, sie mochte es, wenn jemand nicht lange um den heißen Brei herumredete. Anderseits amüsierte es sie natürlich, dass er ausgerechnet ihr diesen Vorschlag unterbreitete.

„Das würde ich grundsätzlich gerne“, antwortete sie. „Nur fürchte ich, dass mein Vater es mir ziemlich übel nehmen würde. Er ist nämlich der Veranstalter dieses Empfangs.“

„Oh.“ Während Juliette sich über sie Situation amüsierte, war der junge Mann sichtlich peinlich berührt. „William Baker ist ihr Vater?“, vergewisserte er sich.

„Das ist er. Ich bin Juliette Baker.“

„Und ich ausgesprochen unhöflich, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Duncan Westerfield. Ich habe von meinem Vater eine Elektrofirma geerbt, die mit ihrem Vater seit einigen Jahren Geschäfte macht, deshalb bin ich hier. Zwar überlasse ich die Leitung der Firma weitgehend meinem Geschäftsführer, aber die Einladung für diesen Empfand war auf mich persönlich ausgestellt, da konnte ich mich nicht drücken.“

„So ein Pech aber auch“, spöttelte Juliette. „Soll ich eine Runde Mitleid bestellen?“

„Wie wäre es statt dessen noch mit einem Glas Wein?“, konterte Duncan und deutete auf das leere Glas, das sie in der Hand hielt.

„Einverstanden“, stimmte Juliette zu. Sie reichte Duncan das Glas. Während sie beobachtete, wie er zu einer der in jeder Ecke des Garten aufgebauten Bars ging, überprüfte sie mit einigen Handbewegungen den Sitz ihres rabenschwarzen hochgesteckten Haares.

„Na, schon wieder eine Eroberung gemacht?“, hörte sie plötzlich die Stimme ihres Vaters hinter sich. Sie drehte sich um und lächelte.

„Wenn du mehr solcher Geschäftspartner hättest, würde ich mich bestimmt auch mehr für deine Geschäfte interessieren.“

„Ich weiß noch nicht recht, was ich von ihm halten soll“, entgegnete William Baker. Er war eine stattliche Erscheinung, groß und kräftig. Volles, schlohweißes Haar umrahmte sein markantes Gesicht, das von seinen blauen Augen und dem vorspringenden Kinn beherrscht wurde, das auf seine Energie und Willensstärke hindeutete. „Mit seinem Vater habe ich über viele Jahre hinweg gut zusammengearbeitet, aber er ist vor knapp einem Jahr gestorben. Von Duncan muss ich mir erst noch ein Bild machen. Deshalb habe ich ihn in erster Linie eingeladen.“

„Mehr von seiner Sorte und weniger Typen wie den Langweiler, der die Rede über dich hält, dann hätte es ein richtig gutes Fest werden können“, sagte Juliette spitz. „Ist der Kerl noch nicht bald fertig? Diese Lobhudelei wird ja allmählich peinlich.“

„Was soll ich erst sagen? Du weißt, wie sehr ich Öffentlichkeitsrummel verabscheue, doch in einer Position wie meiner hat man eben auch Verpflichtungen. Aber ich hatte Ken extra gesagt, er soll nur eine knappe und prägnante Rede halten.“ Er seufzte. „Na ja, du hörst ja, was er darunter versteht.“

„Tja, es ist nicht immer ein reines Vergnügen, Geburtstag zu haben.“

„Du sagst es. Da kommt übrigens deine neue Eroberung zurück. Amüsiere dich noch schön.“

Juliette wandte sich wieder Duncan zu, der mit zwei Weingläsern zu ihr trat und ihr eins davon reichte.

„Zum Wohl“, sagte er. „Ihr Vater scheint sich auf seinem eigenen Fest auch nicht so richtig wohl zu fühlen, oder täusche ich mich?

„Er steht nicht gerne im Rampenlicht der Öffentlichkeit“, bestätigte Juliette. „Deshalb hat er auch keinen einzigen Reporter zu diesem Empfang zugelassen.“

„Und wie sieht es mit Ihnen aus? Was machen Sie beruflich?“

„Ich studiere“, berichtete Juliette. „Kunst und Wirtschaftswissenschaft.“

„Eine ziemlich merkwürdige Mischung.“

„Na ja, Kunst ist das, was mich eigentlich interessiert. Aber da ich Vaters einziges Kind bin, werde ich sein Unternehmen wohl irgendwann mal erben, auch wenn das hoffentlich noch in ferner Zukunft liegt. Er hat mich gedrängt, auch Wirtschaftswissenschaft zu belegen. Selbst wenn ich die Leitung des Unternehmens in die Hände eines oder mehrerer Geschäftsführer lege, soll ich wenigstens soviel vom Management verstehen, dass mich niemand so einfach über den Tisch ziehen kann.“

„Hört sich nach einer ganz vernünftigen Einstellung an“, kommentierte Duncan. „Darf ich fragen, was mit Ihrer Mutter ist?“

„Sie ist tot“, erklärte Juliette offen. „Schon seit vielen Jahren. Sie starb kurz nach meiner Geburt.“

„Oh, das tut mir leid. Ich wollte keine alten Wunden aufreißen.“

„Schon gut, das konnten Sie ja nicht wissen. Außerdem habe ich sie ja nie gekannt, deshalb tut es auch nicht weh, wenn ich über sie spreche.“ Sie lächelte. „Trotzdem sollten wir uns jetzt lieber angenehmeren Themen zuwenden.“

Im Laufe der folgenden Stunden unterhielt sich Juliette fast ausschließlich mit Duncan. Sie war ein offener, lebenslustiger Mensch und hatte selten Schwierigkeiten, andere kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. dass sie jedoch auf Anhieb zu jemandem einen so guten Draht fand, kam nur selten vor.

Sie sprachen über alles mögliche und stellten fest, dass sie eine ganze Reihe gleicher Interessen und zu vielem ähnliche Ansichten hatten. Duncan konnte so unterhaltsam plaudern, dass sie sich keinen Moment langweilte und kaum merkte, wie die Zeit verging.

Schließlich brachen die ersten Gäste auf, und nachdem sie erst einmal den Anfang gemacht hatten, wurden es rasch mehr und mehr. Als Tochter des Gastgebers hatte Juliette die lästige Verpflichtung, sich ebenso wie ihr Vater von allen zu verabschieden, so dass sie kaum noch dazu kam, ihr Gespräch mit Duncan fortzusetzen.

Nach einiger Zeit schloss auch er sich dem allgemeinen Trend an und verließ das Fest, doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich Juliette längst schon für den nächsten Tag mit ihm verabredet.

2

Duncan Westerfields Firma hatte ihren Sitz in einem kleinen Ort in der Nähe von Oklahoma. Für die Nacht nach dem Empfang hatte er sich ein Zimmer in einem Hotel in der Innenstadt von Denver genommen. Er hatte vorgehabt, direkt am nächsten Tag wieder zurückzufliegen, hatte sein Zimmer aufgrund der Verabredung mit Juliette jedoch noch verlängert.

Verabredungsgemäß traf er auf die Minute genau um neun Uhr am nächsten Morgen mit einem Taxi auf dem Baker-Anwesen ein. Juliette nahm es erfreut zur Kenntnis, denn Unpünktlichkeit gehörte zu den Eigenschaften, die sie besonders verabscheute.

Mit ihrem eigenen Wagen, einem kleinen Sportflitzer, fuhren sie weiter. Da das Wetter auch an diesem Morgen wieder so herrlich war, wie man es sich von einem Sommertag nur wünschen konnte, war ihr Ziel ein kleiner Bergsee in den Rocky Mountains. Er lag so abgelegen, dass normalerweise kein Mensch dorthin kam. Juliette hatte ihn selbst vor einiger Zeit nur durch puren Zufall bei einer Wanderung entdeckt.

Soweit es ihre Zeit und das Wetter zuließen, hielt sie sich gerne in der freien Natur auf, ging spazieren oder unternahm sogar ausgedehnte Wanderungen. Dies war eines der Hobbys, die sie mit Duncan teilte, deshalb hatte sie den Vorschlag zu diesem Ausflug gemacht. Es war mal etwas anderes, als die üblichen Aktivitäten bei einer ersten Verabredung, und es brachte ihm in ihrer Wertschätzung einen dicken Bonuspunkt ein, dass er so spontan darauf eingegangen war.

Nachdem sie ihren Wagen am Ende eines Weges geparkt hatten, mussten sie noch mehr als zwei Stunden laufen, um ihr Ziel zu erreichen, doch auch nach Duncans Aussage war das Ergebnis die Mühe mehr als wert.

Der See lag idyllisch in einem Talkessel zwischen den Bergen. Das Ufer war mit Tannen und Fischten bewachsen, doch es gab auch eine Stück mit Sommerblumen bewachsener Wiese, das bis direkt ans Wasser reichte. Dort breiteten sie eine mitgebrachte Decke aus und ließen sich darauf nieder. Juliette hatte einen Picknickkorb mit Getränken und einigen Resten des Buffets vom Vortag gepackt, so dass sie genug zu Essen und zu Trinken hatte.

Eine Zeitlang tollten sie ausgelassen wie Teenager im Wasser herum, die restliche Zeit sonnten sie sich und plauderten miteinander.

Am frühen Nachmittag wurde die Luft allmählich schwül und drückend, und erste Wölkchen zeigten sich am bis dahin blauen Himmel.

„Das gefällt mir nicht“, murmelte Juliette. „Wir sollten uns lieber auf den Rückweg machen.“

„Glaubst du, das ist wirklich nötig?“ Skeptisch blickte Duncan zum Himmel hinauf. „Das sind doch nur ein paar harmlose kleine Wölkchen.“

„Das kann sich ganz schnell ändern. Hier in den Bergen können sich Gewitter in Windeseile entwickeln, und solche Unwetter haben es hier meist in sich.“

„Wie du meinst“, gab Duncan nach. „Wir können ja in Denver noch etwas unternehmen.“

Sie packten ihre Sachen zusammen und machten sich auf den Rückweg. Schon bald zeigte sich, dass ihre Entscheidung richtig war. Immer mehr Wolken zogen auf, und im Osten verfinsterte sich der Himmel zusehends. Auch der Wind frischte auf. Es war nun unverkennbar, dass sich ein Unwetter zusammenbraute.

Schon bald gelang es der Sonne nicht mehr, sich durch die Wolken zu brennen. Kühler wurde es dadurch trotzdem nicht, nur noch schwüler.

Juliette fluchte lautlos in sich hinein. Bislang war es so ein herrlicher Tag gewesen, und sie wäre gerne noch länger geblieben. Längst schon war ihr klar geworden, dass sie Duncan nicht nur mochte, sondern sich in ihn verliebt hatte, und sein Verhalten zeigte deutlich, dass es ihm genauso erging.

Sie war ein offener und lebenslustiger Mensch, hatte keine Probleme damit, auf andere zuzugehen. Mit ihren siebenundzwanzig Jahren hatte sie bereits eine Menge Freunde und noch sehr viel mehr Verehrer gehabt, doch der Richtige war nicht dabei gewesen. Mit keinem von ihnen war es bislang jedoch so wie mit Duncan gewesen, dass sie sich auf Anhieb so gut mit ihm verstanden hatte, dass sie so viele Gemeinsamkeiten besaßen, und dass er innerhalb so kurzer Zeit so starke Gefühle in ihr geweckt hatte.

Juliette hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, doch die Bekanntschaft mit Duncan Westerfield belehrte sie eines Besseren.

Aber auch wenn sie das Picknick vorzeitig hatten abbrechen müssen, bedeutete das ja nicht zwangsläufig, dass der Tag dadurch gelaufen war. Wie Duncan vorgeschlagen hatte, konnten sie in Denver noch zusammen etwas unternehmen, vielleicht irgendwo nett zu Abend essen und anschließend zum Tanzen gehen.

Der Himmel verfinsterte sich immer mehr und immer rascher, wie Juliette besorgt feststellte, als ob die Abenddämmerung bereits jetzt anbrechen würde. Dunkle Wolkenberge türmten sich auf, wuchsen rasend schnell und drängten heran. Es war, als ob die Nacht ein Blutgefäß am Himmel zum Platzen gebracht hätte, als ob aus einer undichten Patrone schwarze Tinte in eine Wasserschüssel laufen würde.

In der Ferne begann es zu wetterleuchten, und erstes, zunächst noch sehr gedämpftes Donnergrollen war zu vernehmen.

Sie beschleunigten ihre Schritte, um zumindest den Wagen noch trocken zu erreichen. Ganz schafften sie es nicht mehr. Sie waren noch einige hundert Schritte davon entfernt, als die ersten Regentropfen fielen. Nach der Hitze kamen sie Juliette eisig vor, wie kalte Nadeln, die sich in ihre Haut bohrten.

So schnell sie konnten, rannten sie das restliche Stück. Nur wenige Sekunden, bevor der Himmel seine Schleusen richtig öffnete, ließen sie sich in die Sitze fallen und schlossen die Türen hinter sich.

Im nächsten Moment schien der Weltuntergang loszubrechen. Ein greller Blitz zuckte auf, dem fast unmittelbar ein gewaltiger Donnerschlag folgte, dann setzte ein Platzregen ein, wie Juliette ihn noch selten erlebt hatte. Es schien, als stünde der Wagen unmittelbar unter einem Wasserfall. Alles, was weiter als wenige Meter entfernt lag, verschwand hinter der niederrauschenden Flut.

„Puh“, stieß Duncan hervor. „Gut, dass ich auf dich gehört habe. Hätten wir uns nur ein paar Minuten mehr Zeit gelassen, wären wir pitschnass geworden.“

„Dafür können wir jetzt erst einmal eine Weile warten, bis das Unwetter wieder nachlässt“, entgegnete Juliette. „Bei diesem Regen zu fahren, wäre unverantwortlich. Hoffentlich dauert es nicht allzu lange.“

„Nun, es gibt Schlimmeres, als mit einer sympathischen, hübschen Frau eine romantische Stunde im Auto zu verbringen“, scherzte er.

„Ganz so romantisch finde ich es eigentlich gar nicht“, gestand Juliette. „Als Kind hatte ich vor Gewittern sogar panische Angst. Meistens habe ich mich dann unter der Bettdecke verkrochen und mir die Ohren zugehalten, bis alles vorbei war. So schlimm ist es heute nicht mehr, aber ganz wohl fühle ich mich bei einem Unwetter auch heute nicht.“

„Ganz im Gegensatz zu mir. Ich liebe Gewitter, betrachte sie als eine Art Feuerwerk der Natur. Blitze haben eine ganz eigene Faszination und Schönheit. Und wenn es dich beruhigt, man ist bei einem Gewitter nirgendwo sicherer als im Auto.“

„Ich weiß“, murmelte Juliette. „Aber das ist eine irrationale Angst, gegen die man mit logischen Argumenten nicht ankommt.“

Bei jedem Blitz und dem nachfolgenden Donner erschrak sie und zuckte zusammen, bis Duncan nach einigen Minuten schließlich den Arm um ihre Schultern legte. Seine Gegenwart löste ihre innere Anspannung und Furcht ein wenig. Soweit es die Konsole mit der Handbremse und der Gangschaltung zuließ, rutschte sie auf ihn zu und schmiegte sich an ihn.

Wenn er Gewitter mochte, dann kam er voll auf seine Kosten. Ein solches Feuerwerk wurde einem selten geboten. Fast pausenlos flackerten Blitze über den Himmel, und der Donner grollte ohne Unterlass. Sturmböen beutelten die Bäume und ließen den Regen auf das Dach und die Fenster des Wagens prasseln.

„Musst du morgen wirklich schon zurückfliegen?“, erkundigte Juliette sich.

„Es wartet eine Menge Arbeit in Oklahoma auf mich“, erklärte er. „Aber nichts davon ist so wichtig, als dass ich es nicht noch ein paar Tage liegenlassen könnte.“

„Das wäre schön.“

Duncan beugte den Kopf und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. Juliette richtete sich ein wenig auf. Seine Lippen glitten über ihr Gesicht, ihre Nase, ihre Wangen, bis sie ihren Mund berührten und damit verschmolzen.

Für Minuten vergaß Juliette alles andere um sich herum, nahm nicht einmal mehr die Blitze und den Donner wahr. Alles, was für sie jetzt noch zählte, war Duncan.

Verliebt blickte sie ihn an, als sich ihre Lippen schließlich wieder voneinander lösten.

„Daran könnte ich mich gewöhnen“, sagte sie leise.

„Dann sollten wir noch ein bisschen üben, damit es noch schöner wird“, entgegnete Duncan lächelnd.

Auf eine schönere Art war Juliette noch nie von ihrer Angst vor einem Gewitter abgelenkt worden, bis es nach einer knappen Stunde schließlich abzuziehen begann. Der Sturm flaute ab, und auch der Regen ließ nach.

Zur Sicherheit wartete Juliette noch eine weitere Viertelstunde, bis sich das Unwetter völlig gelegt hatte, und nur noch ein leichter Landregen vom Himmel fiel. Erst dann startete sie nach einem letzten Kuss den Motor.

Auch jetzt war das Fahren noch nicht gerade angenehm. Auf der rechten Seite stieg das dicht bewaldete Gelände in einem Winkel von fast fünfundvierzig Grad an, während es auf der Fahrerseite fast ebenso steil abfiel.

Stellenweise strömte das Regenwasser in regelrechten kleinen Sturzbächen von den Bergen herab über die schmale, kurvenreiche Straße. Aber nach diesem heftigen Regen hätte es Stunden gedauert, wenn sie gewartet hätte, bis die Straßen wieder trocken waren. Es würde besser werden, wenn sie erst einmal den gut ausgebauten Highway erreichte.

„So richtig wohl ist mir nicht“, murmelte sie. Den Straßenverhältnissen angemessen, fuhr sie kaum mehr als Schritttempo.

„Ich war nie glücklicher“, behauptete Duncan. Er legte ihr eine Hand auf den Oberschenkel, doch sie schüttelte den Kopf, und er zog die Hand rasch wieder zurück.

„Nicht“, sagte sie. „Ich muss mich jetzt voll auf das Fahren konzentrieren.“

Sie bog um eine Kurve und stieß gleich darauf einen Fluch aus. Fast unmittelbar hinter der Kurve hatte der Sturm eine der großen Fichten entwurzelt, so dass der Baum auf die Straße gestürzt war.

Juliette verfiel nicht in Panik, sondern trat nur vorsichtig auf die Bremse, da sie bei einer Vollbremsung auf der regennassen Fahrbahn mit Sicherheit die Kontrolle über den Wagen verloren hätte.

Dennoch geriet das Fahrzeug ins Schleudern und brach seitlich aus. Sofort löste Juliette den Fuß wieder von der Bremse und versuchte gegenzulenken, doch es gelang ihr nicht. Das Wasser machte die Straße so glatt, als wäre sie mit Schmierseife eingerieben, und die Reifen fanden bei dem Aquaplaning keinen Halt.

Unaufhaltsam driftete der Wagen zur Seite ab und drehte sich dabei halb um die eigene Achse, gehorchte der Lenkung nicht mehr im Mindesten. Schon kamen die beiden Räder auf der Fahrerseite von der Straße ab.

Juliette gab ihre sinnlosen Versuche auf, das Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie war wie gelähmt, jeder Muskel ihres Körpers war verkrampft. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass ihre Fingerknöchel sich weiß färbten.

Weiter rutschte der Wagen auf den Abgrund zu, neigte sich dabei immer mehr zur Seite und sackte dann abrupt weg.

Das Fahrzeug kippte seitwärts und prallte gegen einen Baum. Juliette wurde nach vorne geschleudert. Der Sicherheitsgurt schien wie ein scharfer Draht in ihre Brust zu schneiden und schnürte ihr den Atem ab, aber es war noch nicht vorbei.

Sie hatten den Baum nur mit der Kühlerhaube gestreift, aber der Aufprall reichte nicht aus, den Wagen zu stoppen. Er bekam vollends Übergewicht und überschlug sich seitlich.

Juliette hörte wie aus weiter Ferne einen Schrei, wusste aber nicht einmal, ob Duncan oder sie selbst ihn ausgestoßen hatte.

Gleich darauf gab es einen weiteren noch heftigeren Ruck, als der Wagen mit der Beifahrerseite gegen einen anderen Baum prallte.

Glas splitterte.

Das Kreischen und Ächzen von Metall, das eingedrückt wurde und zerbarst, erfüllte die Luft.

Wieder wurde Juliette bei dem Aufprall nach vorne geschleudert, und auch der letzte Rest Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Ihr Kopf schlug heftig gegen das Seitenfenster.

Das letzte, was sie mitbekam, war, dass der Wagen wieder auf die Räder zurückkippte, dann wurde es dunkel um sie.

3

Als sie wieder erwachte, wurde Juliette sofort bewusst, dass sie nur wenige Sekunden ohne Bewusstsein gewesen sein konnte, denn noch immer ächzte und knackte das verbogene Metall des Wagens.

Es gab keinen Moment der Orientierungslosigkeit, wie er das Erwachen aus einem Schlaf oder einer Ohnmacht sonst oft begleitete, sondern sie wusste augenblicklich wieder, wo sie sich befand und was geschehen war.

„Duncan?“ Ihre Stimme klang rau und krächzend.

Sie wandte den Kopf nach rechts. Er war auf dem Beifahrersitz in sich zusammengesackt. Der Kopf war ihm halb auf die Brust, halb auf die Schulter gesunken. Er bewegte sich nicht, hatte offensichtlich ebenfalls das Bewusstsein verloren und noch nicht wiedererlangt.

Aus einer Platzwunde an der rechten Schläfe rann Blut über sein Gesicht.

„Duncan?“, krächzte sie noch einmal, streckt die Hand nach ihm aus und stieß ihn leicht gegen die Schulter. Sein Kopf sackte zur anderen Seite, doch er antwortete nicht.

Juliette fingerte am Verschluss ihres Sicherheitsgurtes herum, doch es gelang ihr nur mit Mühe, ihn zu öffnen. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie für diese normalerweise ganz einfache Handbewegung mehrere Sekunden brauchte.

Überall um sie herum befanden sich Krümel von Sicherheitsglas, da sowohl die Windschutzscheibe wie auch das Fenster auf der Beifahrerseite zerborsten waren. Sie wischte sie von ihrem Kleid.

Auch roch sie nun leichten Benzingestank. Anscheinend war der Tank des Wagens aufgerissen. Obwohl es äußerst unwahrscheinlich war, dass es sich bei der Feuchtigkeit und dem immer noch fallenden Regen entzündete, wollte sie den Wagen sicherheitshalber so schnell wie möglich verlassen.

Die Tür hatte sich verzogen, ließ sich jedoch öffnen, als Juliette mit der Schulter kräftig dagegen drückte.

Anders sah es auf der Beifahrerseite aus. Dort war die Fahrgastzelle durch den Zusammenprall mit dem Baum nicht nur so kräftig eingedrückt, dass sich die Tür höchstens noch mit einem Schneidbrenner aufbekommen ließ, sie wurde zusätzlich auch noch durch den dicken Stamm blockiert.

Wenn sie Duncan ins Freie bringen wollte, dann ging es nur über ihre Seite.

Juliette öffnete auch seinen Sicherheitsgurt, dann fiel ihr etwas anderes ein. Sie beugte sich noch weiter vor, öffnete das Handschuhfach und nahm ihr Handy heraus, das sie vor dem Picknick dort verstaut hatte, weil sie nicht gestört werden wollte.

Rasch wählte sie die Nummer des Notrufs und wartete, bis sich jemand meldete. Sie verhaspelte sich ein paarmal und musste sich zur Ruhe zwingen, während sie schilderte, was passiert war, und so gut es ging ihre Position beschrieb.

Anschließend wandte sie sich wieder Duncan zu. Sie drehte ihn ein wenig zur Seite, bis sie seine Schultern packen konnte, und zog ihn zu sich heran.

Obwohl er schlank war, schien sein Körper Tonnen zu wiegen, und obwohl sie ihre ganze Kraft aufbot, konnte sie ihn nur zentimeterweise bewegen. Es war zu eng in der Fahrgastzelle, so dass sie ihn nicht richtig packen konnte und auch selbst keinen richtigen Halt fand.

Dennoch gab sie nicht auf. Sie hoffte, dass er durch die Bewegungen zu sich kommen würde, und rief immer wieder seinen Namen, doch er wachte nicht auf.

Als Duncan mit dem Kopf halb auf ihrem Schoß lag, stieg sie aus. Nun konnte sie ihn besser packen, und mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zerrte sie ihn schließlich ebenfalls ins Freie und ließ ihn zu Boden sinken.

Um wieder zu Kräften zu kommen, gönnte Juliette sich einige Sekunden Ruhe, in denen sie keuchend nach Luft schnappte. Dann erst begann sie, Duncan genauer zu untersuchen.

Die Platzwunde an seiner Schläfe blutete noch immer etwas, war jedoch die einzige erkennbare Verletzung. Wahrscheinlich war er mit dem Kopf gegen den Türholm oder das Fenster geschlagen, bevor es zerbrochen war. Aber selbst wenn der Aufprall heftig genug gewesen war, ihm das Bewusstsein zu rauben, verstand sie nicht, warum er nicht wieder zu sich kam.

Dann entdeckte sie, dass er nicht mehr atmete. Sie beobachtete seine Brust ein paar Sekunden lang, doch er rührte sich nicht. Nur langsam, als widersetzte sich ihr Geist dieser Erkenntnis, begriff sie, was das zu bedeuten hatte.

„Nein!“, keuchte sie.

Der Gedanke, dass der Mann, in den sie sich gerade erst verliebt hatte, auf diese grausame Art schon wieder von ihr gerissen werden könnte, schnitt wie ein glühendes Messer in ihr Herz.

Mit stärker noch als zuvor zitternden Fingern ergriff sie sein Handgelenk und tastete nach seinem Puls, doch es war kein Herzschlag zu spüren.

„Nein!“, stieß sie noch einmal hervor, aber diesmal schrie sie so laut sie nur konnte, als ob sie ihn dadurch zurückholen könnte.

Juliette presste ihre Lippen auf seine und blies ihren Atem in ihn hinein. Mit den Händen drückte sie auf seinen Brustkorb.

„Atme!“, keuchte sie immer wieder und wieder in einer endlosen Litanei, einer Beschwörung. „Atme doch endlich!“

Mehrere Minuten lang mühte sie sich mit Wiederbelebungsversuchen ab, bis sie die Augen schließlich nicht mehr vor der Wahrheit verschließen konnte und die Sinnlosigkeit ihres Tuns einsah.

„Nein“, schluchzte sie noch ein drittes Mal.

Tränen traten ihr in die Augen, so dass sie ihre Umgebung nur noch undeutlich erkennen konnte, doch das war nun unwichtig. Alles war unwichtig geworden.

Duncan war tot.

Ein Teil von ihr wusste es, aber ein anderer, weitaus größerer Teil weigerte sich auch jetzt noch, diese Wahrheit anzuerkennen. Sie wusste nicht, woran er gestorben war, ob sein Gehirn möglicherweise beim Aufprall gegen die Scheibe verletzt worden war, da es die einzige sichtbare Wunde war, ob er einen Herzschlag erlitten hatte, oder was auch sonst immer.

Sie konnte es nicht glauben, konnte sich nicht damit abfinden. Sein Kopf ruhte in ihrem Schoß, ihre Tränen tropften auf sein Gesicht, vermischten sich mit dem Regen, der auf sie herab prasselte und sie mittlerweile bis auf die Haut durchnässt hatte.

Es war so unfair, ein so unglaublich grausamer Schachzug eines bösartigen Schicksals, dass sie sich weigerte, es einfach hinzunehmen.

Eine unmenschliche Wut auf eben dieses Schicksal erfüllte sie plötzlich. Sie beugte sich vor und hämmerte mit den Fäusten auf Duncans Brustkorb ein, als könnte sie das Leben auf diese Weise in ihn zurück prügeln. Die Wut überschwemmte ihr Bewusstsein, fegte jeden klaren Gedanken hinweg, sogar ihren Schmerz und die Trauer, erfüllte sie bis in die letzte Faser ihres Seins, und dann...

Juliette wusste nicht, was geschah. Es war, als ob irgend etwas in ihr zerreißen würde, eine Tür tief in ihrem Inneren zum ersten Mal aufgestoßen wurde, von deren Existenz sie bislang nicht einmal etwas geahnt hatte.

Eine ihr gänzlich fremde Kraft erfüllte sie mit einem Mal, durchdrang ihren Körper und ihren Geist und schien explosionsartig aus ihren Händen hervorzubrechen, die sie in Höhe des Herzens auf Duncans Brust presste.

So plötzlich, wie es gekommen war, war es gleich darauf wieder vorbei.

Juliette fühlte eine tiefe Leere in sich, eine Erschöpfung, wie sie sie selbst nach der größten körperlichen Anstrengung noch nie gespürt hatte.

Das Gefühl dauerte ein, zwei Sekunden lang an, dann forderte diese Erschöpfung ihren Preis, raubte ihr zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit das Bewusstsein.

4

Die alte Frau fuhr abrupt aus ihrem Schlaf hoch. Sie lauschte auf das Echo des Impulses, den sie verspürt und der sie geweckt hatte.

War es wirklich möglich, nach all der langen Zeit?

Sie lauschte tief in sich hinein. Ja, sie hatte sich nicht getäuscht, und es war auch keine Halluzination aus einem Traum gewesen. Sie hatte den Impuls gespürt, und damit besaß sie nach so vielen Jahren endlich eine Spur des Diebes und Betrügers.

Sie schwang die Beine aus dem Bett, so schnell es ihre alten Knochen zuließen, warf einen Hausmantel über und rief einen ihrer Diener herbei.

„Es ist soweit“, keuchte sie. „Ich habe ihn, endlich habe ich ihn.“

Noch einmal lauschte sie in sich hinein, verfolgte die Spur des Impulses zurück. Er war von weit her gekommen, fast vom entgegengesetzten Teil der Welt, aus Amerika.

Sie teilte ihrem Diener mit, was sie erfahren hatte.

„Du weißt, was du mit deinen Brüdern zu tun hast“, schloss sie.

Der Mann nickte. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er den Raum.

„Endlich“, seufzte die alte Frau, ließ sich wieder auf das Bett zurücksinken und gestattete ihren Träumen, Flügel zu entwickeln und emporzusteigen. Doch an Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken, dafür war sie zu aufgeregt. So verdrängte sie die Tagträumereien schließlich und erhob sich erneut.

Es galt noch viele Vorbereitungen zu treffen.

5

Als Juliette das nächste Mal erwachte, war sie deutlich länger ohne Bewusstsein gewesen. Es hatte zu regnen aufgehört. Stimmen drangen an ihr Ohr, und als sie die Augen aufschlug, hasteten zahlreiche Menschen in der Uniform von Rettungssanitätern um sie herum. Auch einige Polizisten entdeckte sie.

Zwei der Sanitäter versuchten gerade, sie auf eine Trage zu heben, verzichteten dann aber darauf.

„Doktor, Sie ist aufgewacht!“, rief einer von ihnen statt dessen. Wenige Sekunden später beugte sich ein Mann in mittlerem Alter mit bereits leicht angegrautem Haar über sie.

„Ich bin Doktor Beltram“, stellte er sich vor und lächelte sie mit berufsmäßiger Routine aufmunternd an. „Wie fühlen Sie sich?“

„Es... geht“, murmelte Juliette. Das Sprechen fiel ihr schwer; ihre Kehle schmerzte, und ihre Zunge fühlte sich trocken und pelzig an.

„Wissen Sie, was passiert ist? Erinnern Sie sich an Ihren Namen?“

„Juliette Baker. Wir... hatten einen Unfall. Was... was ist mit Duncan?“

Sie wollte sich aufrichten, aber der Arzt verhinderte es, indem er mit der Hand leicht gegen ihre Schulter drückte.

„Ihr Begleiter? Wir kümmern uns um ihn. Bitte bleiben Sie noch liegen. Haben Sie Schmerzen? Ist Ihnen übel?“

„Nein“, murmelte Juliette. Sie verspürte eine tiefe Erschöpfung, aber keine Schmerzen. „Was ist mit Duncan. Er... er ist tot, nicht wahr?“

Sie wusste es, aber dennoch brauchte sie die Bestätigung des Arztes für das Unfassbare.

„Tot?“ Wie kommen Sie darauf?“, fragte Dr. Beltram, doch Juliette wusste, dass er sich nur verstellte, um ihr die Wahrheit schonend beizubringen. Sie hatte gesehen, dass Duncan tot war, dass er nicht mehr atmete, hatte gefühlt, dass sein Herz nicht mehr schlug. In diesem Moment hasste sie den Arzt geradezu, der so tat, als wüsste er nicht einmal, wovon sie sprach.

Die Strategie war ihr klar. Derzeit galt sie als Patientin, um deren Wohl er besorgt war, und von der er deshalb alle schlechten Nachrichten fernhalten wollte, um ihr zusätzliche Depressionen zu ersparen.

Sie durchschaute das Spiel, aber gerade deshalb weckte es ihren Zorn, und dieser Zorn erwies sich sogar als stärker als ihre Schwäche.

„Machen Sie mir nichts vor!“, blaffte sie den an sich völlig harmlosen Arzt an. „Ich weiß, dass er tot ist, also tun Sie nicht so, als hätten Sie es mit einem kleinen, dummen Kind zu tun.“

„Bitte, Miss, das ist jetzt...“ Dr. Beltram unterbrach sich mitten im Satz. Er überlegte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, aber Sie dürfen sich nicht in eine Wahnvorstellung hineinsteigern. Deshalb sage ich Ihnen lieber direkt, dass ihr Begleiter noch am Leben ist, und dass es ihm den Umständen entsprechend sogar recht gut geht. Angesichts der Schwere des Unfalls haben Sie beide erstaunliches Glück gehabt.“

„Er... lebt?“, stieß Juliette fassungslos hervor. Mit einem Ruck richtete sie sich nun doch auf. Die Decke, die man über sie gebreitet hatte, glitt von ihren Schultern. „Aber das ist... Sie lügen! Ich weiß, dass er tot ist. Ich habe mich bemüht, Wiederbelebungsversuche zu machen, aber es... es war bereits zu spät. Also sagen Sie mir nicht, dass es ihm gut geht!“

Zornig funkelte sie den Arzt an.

„Miss Baker, Sie haben einen Schock erlitten. Ich habe Ihnen eine Spritze gegeben, aber es wird noch ein paar Minuten dauern, bis das Mittel seine volle Wirkung entfaltet. Vermutlich liegt es an diesem Schock, dass Sie sich etwas einbilden, was so nicht stimmt. Ich schwöre Ihnen, dass Ihr Begleiter nicht tot ist. Er hat eine Gehirnerschütterung und Quetschungen im Brustbereich erlitten, möglicherweise noch weitere innere Verletzungen, das wird erst eine genauere Untersuchung im Krankenhaus ergeben. Aber er lebt, und es besteht auch keinerlei akute Lebensgefahr für ihn.“

„Er ist... nicht tot?“

Eine wilde, verzweifelte Hoffnung keimte in Juliette auf. Sie blickte sich um und sah, wie gerade eine Trage in einen der Rettungswagen gehoben wurde. Für einen kurzen Moment konnte sie Duncans Gesicht sehen, der auf der Trage festgeschnallt war. Sein Gesicht war blass, aber seine Augen geöffnet, und als ihre Blicke sich für einen Moment trafen, verzog er die Lippen sogar zur matten Andeutung eines Lächelns.

Der Anblick fegte den Rest von Juliettes klarem Verstand beiseite. Duncan lebt!, war alles, was sie noch denken konnte.

Sie sprang auf, ohne sich um das entsetzte Gesicht Dr. Beltrams zu kümmern. Im ersten Moment war sie noch etwas schwach auf den Beinen, taumelte ein paar Schritte und wäre fast wieder gestürzt, aber dann überwand sie ihre Schwäche und hastete auf den Rettungswagen zu.

Die Sanitäter hatten die Trage mit Duncan bereits vollständig ins Innere geschoben, wo sich ein Arzt weiter um ihn kümmerte. Sie wollten gerade die Türen schließen.

„Warten Sie!“, rief Juliette. „Ich fahre mit.“

„Das geht nicht“, erklärte Dr. Beltram, der ihr nachgelaufen war. „Bitte, Miss Baker, seien Sie doch vernünftig. Es scheint Ihnen bereits wieder recht gut zu gehen, aber Sie dürfen Ihre Kräfte jetzt nicht überschätzen. Wir werden Sie mit dem anderen Wagen ebenfalls ins Krankenhaus bringen und Sie dort gründlich untersuchen. Wenn sich herausstellt, dass Ihnen wirklich nichts fehlt, können Sie Ihren Begleiter besuchen, aber, bitte, verkomplizieren Sie die Situation nicht unnötig.“

Widerstrebend gab Juliette nach. Der kurze Lauf war tatsächlich fast über ihre Kräfte gegangen. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, musste sich noch schonen.

Wichtig war im Moment nur, dass Duncan noch lebte.

6

Den Rest des Tages verbrachte Juliette fast wie in Trance, in einer Art Dämmerzustand zwischen Traum und Realität. Zum Teil, so erklärte Dr. Beltram ihr, lag das an dem starken Mittel, das man ihr gegen den Schock gespritzt hatte, aber das war es nicht allein.

Wie er gesagt hatte, brachte man sie ebenfalls ins Krankenhaus, wo sie eine Reihe Untersuchungen über sich ergehen lassen musste. Schließlich jedoch stellte sich heraus, dass sie bis auf eine harmlose Beule am Kopf und einige leichte Quetschungen, die der Sicherheitsgurt verursacht hatte, völlig gesund war, was angesichts der Schwere des Unfalls recht erstaunlich war.

Auch die Polizei interessierte sich für sie, wollte von ihr genauere Angaben über den Unfall haben. Juliette machte eine knappe Aussage, doch war sie gar nicht richtig bei der Sache. Das lag nicht nur an der Benommenheit durch die Spritze, sondern vor allem daran, dass ihre Gedanken immer wieder um das Wunder kreisten, das sie erlebt hatte.

Sie hatte ihren Vater angerufen, und er kam sofort zum Krankenhaus gefahren, um sich davon zu überzeugen, dass sie wirklich wohlauf war und ihr zur Seite zu stehen. Nach einer knappen Stunde schickte Juliette ihn jedoch wieder weg. Es gab nichts, was er im Moment tun konnte, um ihr zu helfen. Seine Gegenwart stellte sogar eher eine Belastung für sie dar. Sie wollte vor allem Ruhe, um über alles nachzudenken.

Duncans Überleben warf zahlreiche Fragen auf, auf die sie keine Antworten fand. Ihre erste Vermutung war die, dass es den Ärzten gelungen war, ihn nach ihrem Eintreffen durch Elektroschocks oder dergleichen erfolgreich wiederzubeleben, zumal gerade die Reanimationstechnik in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht hatte.

Dem war jedoch nicht so, wie Dr. Beltram ihr versicherte. Beim Eintreffen der Rettungskräfte an der Unfallstelle war Duncan ebenso wie sie selbst ohne Bewusstsein gewesen, aber am Leben.

Eine andere Vermutung Juliettes war die, dass ihre eigenen Wiederbelebungsversuche nach ihrer Ohnmacht doch noch Erfolg gezeigt hatten, doch wusste sie selbst, wie unwahrscheinlich dies war. Immerhin hatte sie sich minutenlang abgemüht, in denen Duncan keinerlei Reaktion gezeigt hatte.

Letztlich akzeptierte sie notgedrungen die These, von der Dr. Beltram sie von Anfang an zu überzeugen versuchte, dass sich nämlich ihre Erinnerungen durch den Schock verwirrt hatten, dass sie Duncans Tod vermutlich nur geträumt hatte.

Ein Verwirrung der Erinnerungen, das klang in ihren Ohren nach nichts anderem als einer freundlicheren Umschreibung für geistige Verwirrung, und das lag erschreckend nahe bei verrückt. Wohl niemand akzeptierte bereitwillig, dass er zumindest zeitweise verrückt gewesen wäre, nicht mehr zwischen Traum und Realität unterscheiden konnte, und entsprechend schwer tat sich auch Juliette mit dieser Erklärung, aber es war die einzige, die einigermaßen Sinn ergab.

Trotzdem spürte sie, dass es nicht so einfach war.

Zu deutlich waren ihre Erinnerungen, als dass es sich nur um einen Traum gehandelt haben könnte. Immerhin hatte sie auch die Rettungskräfte telefonisch bei weitgehender geistiger Klarheit verständigt.

Schließlich durfte sie Duncan besuchen. Man hatte ihn gründlich untersucht, aber keine weiteren Verletzungen festgestellt als die, die man ihr bereits an der Unfallstelle genannt hatte. Er würde voraussichtlich noch eine, im ungünstigsten Fall maximal zwei Wochen im Krankenhaus bleiben müssen, hauptsächlich eine Vorsichtsmaßnahme, damit er seine Gehirnerschütterung richtig auskurieren konnte, doch es bestand keinerlei Lebensgefahr für ihn.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden, doch auch in Duncans Zimmer brannte nur stark gedämpftes Licht. Er lag völlig flach, ohne ein Kopfkissen. Um den Kopf hatte er einen Verband, doch sein Gesicht war fast ebenso blass wie die Mullbinden. Ein bisschen sah er wirklich wie ein lebender Leichnam aus.

„Juliette“, murmelte er, als er sie sah und lächelte schwach.

„Wie geht es dir?“, fragte sie und trat an sein Bett.

„Nicht so gut“, antwortete er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er schob seine Hand unter der Bettdecke hervor und griff nach ihrer. Seine Finger waren erschreckend kraftlos. „Etwa so, als hätte ich gerade meinen ersten Arbeitstag als Crashtest-Dummy hinter mir.“

Eine Mischung aus Lachen und Schluchzen entrang sich Juliettes Kehle. Sie wertete es als ein gutes Zeichen, dass er schon wieder Scherze machen konnte.

„Der Arzt hat mir gesagt, dass man dir ein paar starke Medikamente gegeben hat“, erklärte sie. „Damit du keine Schmerzen hast und gut schläfst. Man wollte mich heute erst gar nicht mehr zu dir lassen, aber ich habe solange Rabatz gemacht, bis man es mir für ein paar Minuten erlaubt hat.“

„Es ist schön, dass du hier bist“, sagte er. „Du scheinst weniger abbekommen zu haben als ich.“

„Im Grunde gar nichts. Ich brauche nicht einmal hier zu bleiben, sondern kann gleich nach Hause fahren. Aber ich komme dich morgen auf jeden Fall wieder besuchen. Ich bin so froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist.“

„Man sagte mir, dass ich wohl mindestens eine Woche hierbleiben muss, aber ich bin entschlossen, früher gesund zu werden. Wenn ich eine Woche in diesem Zimmer eingesperrt bleibe, bekomme ich noch Depressionen.“

„Es tut mir alles so leid. Es war so ein schöner Tag, und dann so ein schrecklicher Ausgang. Aber ich konnte nichts machen. Der Wagen gehorchte mir plötzlich einfach nicht mehr u...“

„Ich weiß, dass es nicht deine Schuld war“, unterbrach er sie. „Und deshalb mache ich dir auch keine Vorwürfe. So etwas passiert einfach so, ohne dass jemand dafür kann. Du darfst dich auch selbst nicht mit Vorwürfen belasten.“

Seine Worte schnürten Juliette die Kehle zu. Ihre Augen begannen zu brennen, und sie musste gegen die Tränen ankämpfen. Es war unglaublich, dass Duncan selbst jetzt, in dieser Situation besorgt um sie war und ihr Gewissen zu erleichtern versuchte.

„Ich liebe dich“, sagte sie leise. Die Worte klangen so prosaisch, wurden oft mehr oder weniger gedankenlos einfach so dahingesagt, aber sie waren die einzigen, mit denen sie dem intensiven Gefühlssturm in ihrem Inneren Ausdruck verleihen konnte.

„Ich liebe dich auch“, antwortete er, dann fielen ihm die Augen zu, und seine Hand glitt aus der ihren.

Im ersten Moment erschrak Juliette, doch dann erkannte sie, dass er nur eingeschlafen war.

„Bis morgen“, murmelte sie, beugte sich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Nase, dann verließ sie das Zimmer und machte sich mit einem Taxi auf den Rückweg nach Hause.

7

Nach ihrer Rückkehr nach Hause musste sie ihrem Vater erst noch einmal ganz genau erzählen, was sich zugetragen hatte. Sie konnte seine Sorge verstehen, dennoch war es eine äußerst unangenehme Aufgabe, da es sie zwang, den schrecklichen Augenblick noch einmal in Gedanken zu durchleben.

Lediglich von ihrer offensichtlich falschen Erinnerung an Duncans Tod und ihre erfolglosen Wiederbelebungsversuche erzählte sie nichts.

Im Gegenzug berichtete ihr Vater, dass er sich um die Bergung des Wagens gekümmert hatte. Das Fahrzeug war zu einer Werkstatt geschleppt worden, doch hatte sich die gesamte Karosserie so verzogen, dass eine Reparatur sich nicht lohnte. Um so bemerkenswerter war es, dass sowohl sie wie auch Duncan mit relativ leichten Blessuren davongekommen waren.

Obwohl Dr. Beltram ihr zur Sicherheit ein starkes Beruhigungsmittel mitgegeben hatte, das Juliette nahm, ehe sie sich zu Bett legte, schlief sie in dieser Nacht nur schlecht. Mehrfach schrak sie schweißgebadet aus irgendwelchen wirren Alpträumen auf, die ihr erst gar nicht länger als bis zum Moment des Aufwachens im Gedächtnis haften blieben.

Erst gegen Morgen wurde ihr Schlaf ruhiger. Ganz gegen ihre übliche Gewohnheit wachte sie erst am späten Vormittag auf, fühlte sich dafür aber auch einigermaßen ausgeruht und erfrischt. Die Schreckensbilder des Vortages begannen in ihrer Erinnerung bereits an Intensität zu verlieren.

Sie frühstückte ausgiebig und mit großem Appetit, dann machte sie sich direkt auf den Weg zum Krankenhaus, um nach Duncan zu sehen.

Auch wenn sie keine direkte Schuld an dem Unfall trug, fühlte sie sich dennoch dafür verantwortlich, denn schließlich hatte sie am Steuer des Wagens gesessen. Schuldbewusstsein und Gewissensbisse waren jedoch der geringste Antrieb für ihren Besuch.

Sie freute sich bereits darauf, Duncan wiederzusehen. Als sie ihm am vergangenen Abend gesagt hatte, dass sie ihn liebe, war das ihre tiefempfundene Überzeugung gewesen, und an diesen Gefühlen hatte sich nichts geändert.

An diesem Tag wirkte er bereits sehr viel munterer als am vergangenen Abend, als er von der Wirkung des Beruhigungsmittels so benommen gewesen war. Er sah auch schon wieder sehr viel gesünder aus. Sein Gesicht war nicht mehr leichenblass, sondern hatte wieder Farbe bekommen, und bei ihrem Eintreten lächelte er sie verschmitzt an.

Juliette begrüßte ihn mit einem Kuss.

„Wie geht es dir heute?“, fragte sie, während sie den mitgebrachten Blumenstrauß in eine Vase stellte.

„Ich könnte Bäume ausreißen“, behauptete er. „Na ja, zumindest ganz kleine. Aber das soll gesünder sein, als sie umzufahren.“

„Du bist einfach unmöglich.“

„Unmöglich ist nur, dass ich tatsächlich noch die ganze Woche hierbleiben soll. Als ich aufwachte, hatte ich ein bisschen Kopfschmerzen, und auch die Brust tat mir etwas weh, ansonsten fühle ich mich pudelwohl. Nachdem man mir eine Tablette gegeben hat, sind auch die Schmerzen verschwunden. Und wenn das Essen hier die ganze Zeit so furchtbar ist wie das Frühstück heute morgen, dann bin auch ich spätestens morgen verschwunden. Ich überlebe doch keinen solchen Unfall, nur um mich anschließend hier vergiften zu lassen.“

„Von wegen, das lässt du schön bleiben.“ Juliette drohte ihm mit dem Zeigefinger. „Du wirst brav tun, was die Ärzte sagen, sonst spreche ich kein Wort mehr mit dir.“

Duncan seufzte und tat, als müsste er nachdenken. „Hm, mal überlegen, was schlimmer ist. An einer Vergiftung durch das Essen hier zu sterben, oder die schreckliche Aussicht, nie mehr mit dir zu sprechen. Anderseits gibt es hier eine äußerst hübsche und nette Krankenschwester...“

Juliette schnitt eine Grimasse.

„Unter den Umständen werde ich natürlich sofort dafür sorgen, dass man dich auf eine andere Station verlegt.“

„Du gönnst einem aber auch gar nichts.“

„Du hast es erfasst, mein Lieber. Ich bin nämlich in Wahrheit ein ausgesprochener Hausdrache und Tyrann, und wenn man mir nur widerspricht, kann ich zur Furie werden. Habe ich noch etwas vergessen? Ach ja, und außerdem bin ich extrem eifersüchtig. Damit du erst gar nicht auf dumme Gedanken kommst, werde ich am besten ebenfalls mein Domizil hier aufschlagen, solange du hierbleiben musst.“

„In dem Fall würde ich es vielleicht sogar die ganze Woche hier aushalten. Vorausgesetzt, du lässt mir zwischendurch genügend Zeit, mich auch mal mit meiner netten Krankenschwester zu treffen.“

„Habe ich dir schon mal gesagt, wie sehr ich dich hasse?“, fauchte Juliette.

In dieser und ähnlicher Form blödelten sie noch einige Zeit weiter. Am frühen Nachmittag dann verließ Juliette das Krankenhaus für einige Zeit, weil sie noch einiges zu erledigen hatte.

Sie musste zur Versicherung und zu der Werkstatt, die ihren Wagen abgeschleppt hatte, um sich um die Verschrottung zu kümmern, und dergleichen mehr. Anschließend fuhr sie noch einmal zum Krankenhaus, ehe sie abends nach Hause zurückkehrte.

Juliette konnte ihren Vater nirgendwo finden, bis einer der Hausangestellten ihr auf ihre Frage hin schließlich mitteilte, dass er sich in der Bibliothek aufhielt.

Es handelte sich um einen großen Raum mit einem Deckenfenster aus farbigem Glas. Die Wände waren mit Regalen bedeckt, auf denen unzählige Bücher standen, hauptsächlich alte bibliophile Exemplare, Bücher, die noch in echtes Leder gebunden waren. Außerdem gab es eine lederne Sitzecke und einen Kamin, der angesichts der derzeit herrschenden sommerlichen Temperaturen jedoch aus war.

Mit einer Zigarre in der Hand hatte William Baker es sich in einem der großen Clubsessel bequem gemacht. Auf einem Tischchen neben ihm standen eine Flasche Cognac und ein reichlich eingeschenktes Glas. Gedankenverloren starrte er ins Leere, bemerkte nicht einmal, dass Juliette eintrat. Erst als sie die Tür hinter sich schloss, blickte er auf.

„So nachdenklich heute Abend?“, wunderte sie sich und nahm ihm gegenüber in einem der anderen Sessel Platz. „Was ist los mit dir?“

„Ich muss nur mal in Ruhe über ein paar Sachen nachdenken“, erklärte er. „Beispielsweise über mein Alter. Immerhin bin ich jetzt schon sechzig, und ich kann kaum glauben, wie schnell die letzten zwanzig, dreißig Jahre vergangen sind, seit du noch ein kleines Kind warst.“

„Soviel hat sich nicht geändert, außer dass ich jetzt ein großes Kind bin“, erwiderte Juliette lächelnd. „Weißt du noch, wie du mich jahrelang ermahnt hast, ich solle endlich erwachsen werden, und ich immer nur gesagt habe, dass ich dass gar nicht wolle?“