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Es sieht nach einem angenehmen Auftrag aus: Markus "Tullius" Römer soll an der kroatischen Adria die Suche nach einem verschwundenen deutschen Geschäftsmann unterstützen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Tanja Bilić reist Römer Festland und Inseln ab, manchmal behindert und manchmal unterstützt von den Behörden. Die Sache wird schwieriger als erwartet: Immer tiefer verfangen sich Römer und Bilić in einem gefährlichen Gestrüpp aus Geschäftsinteressen, Verbrechen und Politik. Schaffen sie es, sich daraus zu befreien?
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Geert Karsien
Römer und der schöne Herr
Ein Kroatien-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Natürlich... ein Roman
Hauptpersonen
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Nachwort
Geert Karsien
Impressum neobooks
Handlung und Figuren dieses Buches sind frei erfunden.
Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, beziehungsweise mit wirklichen Personen oder Unternehmen wäre reiner Zufall.
Markus Römer ist irgendwie beim Auslandsstudium hängengeblieben. Den Spitznamen „Tullius“ hat er seit seiner Schulzeit.
Botschaftsrat Martin Abraham zieht im Hintergrund Strippen.
Christian Schönherr, Reiseunternehmer organisiert die „Adriatic Adventure“, Bootsrundfahrten für junge, wohlhabende Leute.
Evalotta Holmen, seine attraktive, mäßig treue Partnerin.
Željko Purini, deutscher Honorarkonsul in Split. Im Hauptberuf ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann.
Tanja Bilić, seine Mitarbeiterin, tritt auf als die personifizierte Büronüchternheit und braucht keinen Mann, um glücklich zu sein.
Saša Martinić, junge und ehrgeizige Kriminalkommissarin.
Branko Pramac, Bürgermeister mit politischen Ambitionen.
Gojko Pilica, Polizeichef.
Marjan Ribar, Lokaljournalist.
Frau Meyer-Riedler, Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten.
Timo Stadlmaier, der Wassermann.
Zur Aussprache kroatischer Namen und Worte:
Die Aussprache des Kroatischen entspricht weitgehend der des Deutschen. Zu den wichtigsten Unterschieden zählt, dass das „c“ wie „tz“ (wie in „Plätzchen“) gesprochen wird, das „s“ stets scharf (wie in „Kuss“) und das „z“ immer weich (wie in „super“) Ein „š“ bedeutet „sch“ („schön“). Das „ć“ wird „tsch“ gesprochen, wie in „plantschen“. Ein „ž“ klingt sehr weich, etwa wie das zweite g in „Garage“.
Saša Martinić spricht man also „Sascha Martinitsch“, und Tanja Bilić „Tanja Bilitsch“. Tatsächlich finden sich derartige Schreibweisen regelmäßig in deutschsprachigen Dokumenten aus der Zeit, als große Teile des Balkans zum Habsburgerreich gehörten.
Prolog
Theresa, diese dumme Pute! Ein paar Tage vor dem lang geplanten Urlaub alles abzusagen und ihn alleine zu lassen. Timo war sauer.
Insgeheim musste er allerdings zugeben, dass sie Anlass zur Verärgerung hatte: Theresa hatte ihn in inniger Umarmung mit Arijana gefunden, die im „Gasthof zur Post“ die Tische bediente und außerdem öfters am Wochenende in der „Tenne“ hinter der Bar stand. War aber auch fesch, diese Arijana, und hatte überhaupt nichts gegen seine Annäherungsversuche. Gerade, als es zur Sache gehen sollte, war Theresa aufgetaucht, hatte einen Mordszirkus veranstaltet und Timo angebrüllt, wenn er seine Zunge nicht aus dem Mund und seine Hände aus der Bluse von anderen Frauen lassen könne, dann solle er in Zukunft ohne sie auskommen. Hatte sich umgedreht, war fortgegangen und nicht zurückgekommen. Ein paar Tage vor den Urlaub!
Kurz hatte er daran gedacht, Arijana anstelle Theresas mitzunehmen zum Segeln – aber wie hätte das ausgesehen? Timo, der Sohn vom Stadlmaier Josef, dem Mann mit dem größten Autohaus weit und breit, fährt mit einer bosnischen Kellnerin in den Urlaub? Wo er doch eigentlich mit Theresa, der Tochter vom Ortsvorsteher, so gut wie verlobt war? Das ging überhaupt nicht.
Und so saß Timo bei der Fahrt zum Flughafen Wien-Schwechat alleine auf den Ledersitzen des 650i Cabrio in Saphirschwarz-metallic – nicht sein eigenes Auto, sondern ein Vorführwagen aus dem Autohaus des Vaters, aber das wusste ja niemand. Timo fand, der Wagen stehe ihm gut. Er hatte sich das so romantisch vorgestellt: Theresa und er zusammen, die warme Sonne des Spätsommers auf den Landstraßen, das Verdeck hinuntergeklappt, ihr Haar, das im Fahrtwind leicht wehte, später der Flug ans Meer, der Urlaub mit anderen jungen Leuten auf einer weißen Segelyacht... Theresa wäre gar nicht mehr rausgekommen aus dem verliebten Gurren! Stattdessen war er allein, es gab Stau auf der Stadtautobahn, das Verdeck war geschlossen, und es regnete.
Am Flughafen stellte Timo den Wagen ins Parkhaus und ging zur Abflughalle. Unterwegs spähte er links und rechts, ob Theresa vielleicht in letzter Minute doch noch auftauchte – vergeblich. Das Check-in war dann peinlich: „Ich habe hier eine Doppelbuchung für Sie…“ – „Ja, aber ich reise alleine.“ Keine weiteren Fragen. Zu allem Überdruss war der Airbus nach Split überbucht, so dass der eigentlich für Theresa vorgesehene Platz neben ihm vergeben wurde an eine etwa fünfzigjährige, dicke Frau mit Schweißflecken unter den Achseln, die Leberwurstbrote auspackte, kaum, dass sie sich hingesetzt hatte. Dafür war sie ausgesprochen freundlich, was Timo in seiner schlechten Laune aber noch mehr vergrätzte.
Nach der Landung ging es weiter mit den Peinlichkeiten: Transfer gebucht für zwei Personen, Kabine auf der Yacht für zwei Personen, und Timo immer alleine – man hätte ihm auch ein Schild umhängen können: „Bin gerade von meiner Freundin verlassen worden, suche Ersatz.“
Reiseleiter waren ein gutaussehender Deutscher, Mitte Dreißig, mit jenem etwas zu langen, feinen, hellen Haar, das man im Rheinland häufiger fand, und eine etwas jüngere Schwedin in sehr knappen Shorts. Die würde er gerne mal etwas näher kennenlernen, auch horizontal! Beide waren freundlich und effizient. „Schade – Du hättest uns sagen sollen, dass Deine Begleitung ihre Pläne geändert hat. Wir hätten den Platz in Deiner Kabine vielleicht noch anderweitig vermitteln können. Das hätte Dir eine Menge Geld gespart!“
„Geld spielt keine Rolle“, erwiderte Timo großspurig.
Die Yacht war ein Traum. Schneeweiß, mit einem Mast, der in den Himmel zu ragen schien und einem blauen Sonnensegel über dem hinteren Teil. „Plicht“, nannte man das wohl. Geräumige Teakholzbänke mit blauen Kissen darauf luden zum Hinsetzen und Ausruhen ein. Als er aber die Kabine unter Deck sah, war Timo ganz froh, sie für sich alleine zu haben: Zwei enge Stockbetten übereinander, daneben kaum Platz zum Stehen. Weil ein Bett unbesetzt blieb, konnte er wenigstens seine Reisetasche darauf abstellen. Direkt nebenan war das Klo, das, wie er schnell feststellte, bei jeder Benutzung knackte und seufzte. Durch die engen Sperrholzwände war das nur allzu gut zu hören – wie auch alles andere, was sich an Bord der Yacht abspielte. Zehn Personen waren sie alle zusammen: vier Paare oder Pärchen, Timo alleine und ein unverschämt braungebrannter, drahtiger und ellenlanger kroatischer Skipper. Die Pärchen hatten jeweils eine Kabine mit Doppelbett im Bug oder im Heck. Der Kroate schlief auf dem Sofa im Salon.
Neben ihnen lagen im Hafen etwa dreißig weitere Yachten, die alle zusammen die nächsten Tage durch die kroatische Inselwelt streifen würden. „Adriatic Adventure – das ultimative Segelabenteuer“ hatte der Reiseveranstalter versprochen; eine Mischung aus Seemannsromantik, Luxusurlaub und Partys an coolen Locations.
Timo fragte sich, ob es außer ihm noch weitere Singles gab. Wenn ja, würde man hier bestimmt ganz gut zum Schuss kommen. Beim Begrüßungscocktail auf der Mole schaute er sich schon einmal um. Da waren Leute aus aller Welt: Deutsche, Skandinavier, Amerikaner, Briten; er hörte Französisch und Spanisch und ärgerte sich, dass er in der Schule bei den Fremdsprachen eher schwach abgeschnitten hatte. Die meisten schienen zwischen zwanzig und vierzig zu sein. Viele Paare waren unterwegs, aber eine ganze Menge war offensichtlich ohne Anhang. Nicht übel, dachte Timo, während er den dritten Gin-Tonic in sich hinein kippte und sich auf die Suche nach dem vierten machte.
„Willst Du wirklich noch einen?“ fragte der Junge an der Bar.
„Na klar. Ich habe Durst!“
„Nimm besser nur ein Tonic Water, ohne Gin. Heute Abend ist ja noch die große Auftaktparty. Dafür musst Du fit sein!“
„Erzähl mir nicht, was ich trinken soll!“ knurrte Timo. Der Barkeeper mixte ihm den vierten Gin Tonic dennoch deutlich dünner als die Vorgänger. „Die Drinks lassen nach – findest Du nicht auch?“ fragte Timo die schwarzhaarige Frau, die zufällig neben ihm stand. „Sorry, I don’t speak German“, antwortete die und wandte sich ab. Timo fühlte sein Gesicht puterrot werden – ob vor Hitze, aus Peinlichkeit oder wegen des Alkohols, wollte er nicht wissen.
Zur Auftaktparty wurden sie mit Schlauchbooten abgeholt, die in irrer Geschwindigkeit aus dem Hafen hinausschossen und ein Stück die Küste entlang fuhren, bevor sie dann vor einem alten Kastell anlegten. Dort hatte jemand eine richtige Disco eingerichtet, mit hypermoderner Soundanlage, Light- und Lasershow und allem, was dazu gehörte. Zeitweise spielte eine Band, die gar nicht einmal so schlecht war. Essen gab es umsonst, genauso wie Getränke. Timo sprach reichlich zu und merkte, wie seine Arme und Beine schwerer wurden. Er überlegte, zu tanzen, aber alleine hatte er dazu keine Lust. Ein paar Mal versuchte er, Frauen anzubaggern, aber die gaben ihm alle einen Korb. Zu Hause war ihm das kaum jemals passiert. Nicht dem Stadlmaier Timo! Der ist eine gute Partie, wusste dort jeder, der Vater hat Geld wie Heu. Heute Abend aber stand er alleine am Rande der Tanzfläche, schaute in die Menge und fühlte sich verloren.
„Müde?“ hörte Timo eine Stimme neben sich. Sie gehörte dem Reiseleiter, dem effizienten Rheinländer mit den feinen, hellen Haaren.
„Ja, ein bisschen“, erwiderte Timo. Die Wahrheit wollte er nicht sagen: Dass er sich nicht wohl fühlte in seiner Haut, und dass er Heimweh hatte.
„Hier, nimm das. Das bring Dich wieder auf die Beine!“ Der Rheinländer hielt ihm eine kleine Pille hin.
„Was ist das für ein Zeug?“
„Nichts Schlimmes. Nur etwas, das Dir ein bisschen Energie gibt. Wie heißt es bei Euch in Österreich so schön? ‚Verleiht Flüüüügel‘!“
Timo nickte und nahm die Pille. Es war nicht das erste Mal, dass er sich beim Feiern etwas nachhalf. „Bekomme ich von Dir bei Bedarf Nachschub?“
Der Rheinländer nickte. „So viel Du brauchst.“
Einsamkeit und Heimweh hin, Verlorenheit her: Die nächsten Tage boten alles, was Timo für Theresa und sich selbst erträumt hatte: Urlaub auf eleganten Yachten, Faulenzen unter weißen Segeln, Baden im warmen Wasser, Abende mit rauschenden Partys. Nur, dass Theresa nicht mit von der Partie war. Und was Timo nicht gelang, war, richtig Anschluss zu finden. Natürlich war es Pech, dass die anderen Gäste ausgerechnet auf seinem Schiff Pärchen waren, aber auf anderen Booten der Flottille gab es jede Menge Einzelgäste. Dennoch fand er zu niemandem richtig Kontakt, zu den Männern nicht, und schon gar nicht zu den Frauen – was ihn Theresa umso schmerzhafter vermissen ließ. Immer mehr hatte Timo das Gefühl, nicht wirklich hierher zu gehören, in diese polyglotte Gruppe von Weltbürgern, denen Staatsangehörigkeit nichts zu bedeuten schien, die überwiegend Englisch sprachen, aber auch Spanisch oder Französisch parlierten, die beim Morgenkaffee (gegen Mittag) Investmenttipps austauschten und beim Sundowner Konzepte für ein Start-up entwickelten, und bei denen am Abend Yaron aus Tel Aviv eng umschlungen mit Samir aus Beirut tanzte. Gelegentlich kam er sich unzulänglich vor, sein Körper teigig, sein Auftreten ungelenk, sein Wissen unzureichend. Niemand schien Interesse an einem Austausch über die Modellpflege beim 5er zu haben oder über das Sakrileg, dass BMW zunehmend von Hinterrad- auf Vorderradantrieb umstieg. Auch konnte Timo niemanden beeindrucken mit dem 650i, dem Auto, das weit weg am Flughafen in der Garage stand. Die Rolex Daytona am Handgelenk wäre da schon eher nützlich gewesen, aber er musste feststellen, dass „man“ gar keine Armbanduhr mehr trug, sondern die Uhrzeit vom Smartphone ablas – sofern man überhaupt den Bedarf verspürte, zu wissen, wie spät es war.
Konnte Timo die Situation am Tag noch überspielen, so waren die Abende unangenehmer. Statt auf Partys mit Theresa die Nächte zum Tag zu machen, stand er am Rande und schaute zu, wie andere es sich gut gehen ließen. Seine Versuche, mitzutanzen, Frauen kennen zu lernen, liefen ins Leere. Einmal drohte ihm ein anderer Gast mit Prügel, wenn er nicht aufhöre, seine Freundin anzubaggern, und der Rheinländer musste eingreifen, um die Gemüter zu beruhigen.
Der effiziente Rheinländer. Gemeinsam mit der Schwedin schien er allgegenwärtig, organisierte die Segeltouren bei Tag, die Badeaufenthalte, er reservierte Buchten und ließ der Partys steigen. Und er hatte Pillen für Timo, mit denen der seinen Kater bekämpfen, die Müdigkeit vertreiben und die Stimmung aufhellen konnte. Nicht nur Pillen: Als Timo nach Koks fragte, war auch das verfügbar – in prima Qualität.
„Ich bin schon wieder müde“, dachte Timo. „Zuviel Sonne heute. Zu wenig Schlaf letzte Nacht.“ Irgendwo in seinem Hinterkopf sagte eine Stimme: „Zu viele Drinks. Und viel zu viel Stoff“, aber er hörte nicht zu. Stattdessen warf er einen erfreuten Blick auf den Chemiecocktail, den der Rheinländer ihm verkauft hatte. Wie schon in den letzten Tagen stand Timo ein wenig abseits vom Gedränge einer Abendparty. Die Musik hämmerte in seinem Hirn, und Blitze zuckten vor seinen Augen. Oder vielleicht waren es auch die Auswirkungen von Alkohol, ungesundem Essen und Schlafmangel, die diesen Effekt bei ihm hervorriefen. Die Medizin würde jedenfalls helfen – da war er sicher. Der Rheinländer hatte es versprochen, und der Rheinländer hatte bisher alle seine Versprechen gehalten. Timo warf die erste Pille ein und nahm einen Schluck Gin-Tonic. Dann die zweite Pille und einen weiteren Schluck. Noch eine, und noch einen. Timo schaute sich um. Ein paar Meter weg stand die schwedische Partnerin des Rheinländers; sie schielte ihn über die Schulter gewandt an. Ihr Blick schien ein wenig zweifelnd. Timo bewunderte ihren Hintern, der in den knappen Shorts gut zur Geltung kam, und winkte ihr. Unterdessen nahm das Dröhnen in seinem Kopf zu, schwoll an zu einem gewaltigen Donnern, bevor es auf einmal völlig abflaute. Gleichzeitig lösten sich die Blitze vor seinen Augen auf in einen bunten Sternenwirbel, gefolgt von einer tiefen Schwärze. Kurz stieg Übelkeit in ihm hoch, und dann knickten Timo die Beine weg. Als er hinfiel, kam die Schwedin zu ihm gelaufen, beugte sich über ihn.
„Wir haben ein Problem“, sagte sie zu dem Rheinländer, der auch herbeigekommen war. „Ich glaube, er ist tot.“
Markus Römer hatte schon bessere Morgen erlebt. Das Bett war zu breit für ihn alleine und obendrein auch noch leer. Sein Kopf tat weh – ein Glas Rotwein zu viel am Vorabend. Mindestens eins.
Er lag eine Weile halbwach im Bett, bevor ihn der Druck auf der Blase schließlich in die Senkrechte trieb. Mit dröhnendem Kopf schlurfte er ins Bad, griff auf dem Weg drei Ibuprofen und spülte sie mit Leitungswasser runter.
Es war heiß, selbst jetzt am Morgen. Die Spätsommernacht hatte kaum Abkühlung gebracht. Vor dem weit offenen Fenster stampfte laut dröhnend eine Diesellok entlang, zog gemächlich eine lange Schlange Güterwaggons hinter sich her. Viel befahren war die Eisenbahnstrecke hinter dem Haus nicht, dafür aber machte jeder Zug, der vorbeifuhr, einen Heidenradau. Das drückte die Miete, was Römer ausgesprochen entgegen kam.
Zähneputzen, Rasieren, Duschen. Anschließend, vor dem beschlagenen Spiegel, fühlte er sich besser, musterte sein Bild halb kritisch, halb selbstzufrieden im Dampf: Markus Römer, den alle Welt nur „Tullius“ oder „Tull“ nannte, seit ihm in der siebten Klasse sein Geschichtslehrer diesen Spitznamen als Witz angehängt hatte: „Markus Tullius Römer, wie Markus Tullius Cicero, der Römer“. Immerhin weniger langweilig, als „Markus“ gerufen zu werden. Ein Meter achtzig, schlank, breitschultrig, aber mit leider immer weniger definierten Bauchmuskeln. Tull atmete tief aus. Besser. Er sollte mehr Sport treiben und weniger trinken.
Markus „Tullius“ Römer. Geboren und aufgewachsen in Brandenburg an der Havel als Sohn eines Arztes und einer Erzieherin. Rumtreiber, Weltenbummler nach der Schule, einer, der von Job zu Job wechselte, häufig am Rande der Legalität, aber nie ganz und gar auf der falschen Seite des Gesetzes. Dann irgendwann Studium, erst erfolglos ein paar Semester Jura, weil er dachte, das sei einfach, Umstieg auf Geschichte und Slawistik, weil er in der Schule ein bisschen Russisch gelernt hatte. Während eines Gastsemesters in der kroatischen Hauptstadt Zagreb hatte er eine Kommilitonin kennengelernt, die ihm zunächst beim Studium der Landessprache half, bald auch beim Studium der Landessitten. Und die konnten ziemlich locker sein, wie sie ihm beibrachte. So war er nach seinem Gastsemester nicht nach Hause zurückgefahren, sondern in Zagreb geblieben. Hatte mit Mühe und Not irgendeinen Studienabschluss gebastelt und hielt sich seither mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser: Deutschunterricht – häufig und schlecht bezahlt; Übersetzungsarbeiten – weniger häufig und mäßig bezahlt; Dolmetsch-Aufträge – gut bezahlt, aber selten. Seit Jahren wohnte er jetzt schon in der kroatischen Hauptstadt Zagreb, wollte nicht weg und war sich doch nicht sicher, ob er dort auch zu Hause war, lebte weiter wie ein alt gewordener Student. Die Sprachlehrerin war irgendwann gegangen, arbeitete mittlerweile für die kroatische Niederlassung einer deutschen Firma; die Kenntnisse, die sie ihm vermittelt hatte, waren geblieben.
Kaffee. Er brauchte Kaffee! Tull kleidete sich an – eine leichte Hose und ein verwaschenes T-Shirt reichten aus in der Hitze – und schlug die Wohnungstür hinter sich zu. Unten im Haus – einem Altbau aus der Jahrhundertwende – befand sich ein Café. Er setzte sich an einen freien Tisch, der Kellner brachte ungefragt einen Cappuccino und ein frisches Hörnchen. Man kannte sich. Eine Straßenbahn ratterte vorbei, hinterließ einen Schwall öliger und leicht faulig riechender Luft. Um die Tische des Cafés herum suchten Tauben nach Krümeln.
Tull griff sich eine bereits zerlesene Ausgabe der Tageszeitung „Jutarnji List“ und studierte die jüngsten Nachrichten: Der Ministerpräsident hatte etwas Unmögliches gesagt, der Bürgermeister hatte hochfliegende Pläne geäußert, irgendein Minister war angeblich mit einem knackigen Schlagersternchen am Strand eines Badeorts gesehen worden, während seine matronenhafte Gattin ihn bei einer Sitzung in Brüssel wähnte. Das Übliche.
Das Telefon klingelte. Nanu, dachte Tullius, wer war das denn? Vielleicht jemand, der dringend etwas übersetzt haben wollte? Ein Urlauber, der sich in eine Ferienwohnung an der Küste verguckt hatte, sie kaufen wollte und jetzt den Vertrag auf Deutsch brauchte? Oder gar ein Unternehmer, der als Aussteller auf der Herbstmesse einen Dolmetscher suchte? Messeverträge waren ein Hauptgewinn, da konnte man richtig absahnen.
„Römer“, meldete er sich.
„Abraham hier“, dröhnte ihm eine joviale Stimme entgegen.
Tull war enttäuscht. Martin Abraham war ein entferner Bekannter, Mitarbeiter an der deutschen Botschaft. Ein großer und ungemein fetter Bär von einem Mann, freundlich im Auftreten und sehr gut vernetzt. Was Abraham eher nicht war: Eine Quelle lukrativer Verträge. Die Botschaft hatte ihre eigenen Dolmetscher und Übersetzer.
„Herr Botschaftsrat, was für eine Überraschung!“ Tullius bemühte sich, Freude in seine Stimme zu legen. Man wusste ja nie.
„Reden Sie mich doch bloß nicht so gespreizt an“, erwiderte Abraham. „Mein Name reicht völlig.“
„Tut mir leid“, sagte Tullius, der genau wusste, dass Abraham auf seinen Titel Wert legte, das aber nicht zugeben mochte. Ein bisschen Schmeichelei konnte nicht schaden.
„Lieber Herr Römer, ich frage mich, ob Sie etwas Zeit für mich hätten?“ Nanu – was war das denn? ‚Lieber Herr Römer‘ und ‚ob Sie etwas Zeit für mich hätten?‘ Solche Schalmaientöne hatte Tull von Abraham noch nie gehört.
„Lassen Sie mich sehen. Heute wird es schwierig“, log Tullius. „Ich habe eine dringende Übersetzungsarbeit.“ Falls Abraham einen Auftrag für ihn hatte, konnte es nicht schaden, sich zu zieren, um den Preis in die Höhe zu treiben.
„Schade“, hörte er den Botschaftsrat sagen. „Ich hätte da möglicherweise eine interessante Sache für Sie. Nicht allzu aufwändig und potentiell lohnend.“
„Worum handelt es sich denn?“ Tullius hatte angebissen.
„Das erkläre ich Ihnen am besten persönlich. Kommen Sie doch bei mir vorbei – sagen wir, in einer guten halben Stunde?“
Obwohl er eben noch Beschäftigung vorgetäuscht hatte, stimmte Tullius zu. „Was schert mich mein dummes Geschwätz von vor wenigen Minuten?“ fragte er sich selbst und legte auf.
Er ließ den Wagen stehen; allzu gerne bewegte das altersschwache Gefährt sich ohnehin nicht mehr. Es war eine halbe Stunde Fußweg zur deutschen Botschaft. Der Weg führte überwiegend durch die Mitte des 19. Jahrhunderts bebaute Unterstadt. Viele Fassaden waren in Krieg, Diktatur, Sozialismus, wieder Krieg und Wirtschaftskrise ergraut, der Putz abgebröckelt, viele mit Graffiti besprüht. Dennoch zeigten sich zunehmend die Spuren eines frischen Aufschwungs: Mehr und mehr renovierte Häuser, neue Straßenlaternen, reparierte Bürgersteige. Schilder mit der stolzen Flagge der Europäischen Union als Dank dafür, dass sie hier viele Mittel einsetzte.
Die deutsche Botschaft duckte sich mit grauen Steinfassaden und bronzierten Fenstern zwischen neugebauten Hochhäusern an der Avenija Vukovar, vormals Allee der proletarischen Brigaden. Kurz nach halb zehn schritt Tull zur Einlassschleuse, fragte den mürrischen Pförtner nach Botschaftsrat Martin Abraham. Wenige Minuten später kam der höchstpersönlich herangeschnauft, um ihn abzuholen. In einen zu engen Anzug gepresst, schwitzte der dicke Mann sichtlich in der Glut; auf seiner Stirn standen Wasserperlen, und unter seinen Achseln schien das Hemd klatschnass.
Tull folgte dem massigen Körper des Botschaftsrats in dessen Büro, grüßte auf dem Weg freundlich dessen Vorzimmerdame, eine schlanke Mittvierzigerin mit dem Familiennamen „Drache“, was ihr ganz bestimmt uncharmante Spitznamen eintrug. Abraham ließ seine zwei-Zentner-plus seufzend auf das Sofa fallen. Die Ledergarnitur – amtliche Ausstattung – stöhnte auf.
„Kaffee?“ Tull nahm dankend an. Der Botschaftsrat rief ins Vorzimmer: „Frau Drache, können Sie uns bitte zwei Tassen Kaffee bringen? Und eine Flasche Mineralwasser?“ Dann wandte er sich wieder seinem Besucher zu: „Herr Römer, ich hätte eventuell einen Auftrag für Sie“.
Der Vorzimmerdrache kam mit zwei dampfenden Tassen Blümchenkaffees, zwei Gläsern und einer grünen Flasche „Jamnica“-Wasser herein, stellte alles ab. Bis sie fort war, sagte der Botschaftsrat nichts, sondern wischte sich nur die nasse Stirn ab. Er schenkte die Gläser mit Mineralwasser voll und leerte seines auf einen Zug. „Ah, besser“, meinte er. Dann setzte er die Unterhaltung fort:
„Heute Morgen kam ein Anruf aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Der Leitungsstab höchst selbst – das Parlamentsreferat, um genau zu sein. Offenbar hat irgendein Abgeordneter dort einiges aufgemischt. Ein deutscher Staatsangehöriger sei hier im Lande verschwunden, und die kroatischen Behörden kümmerten sich nicht darum.“
Tull nickte stumm. Er sah noch nicht so ganz, was das mit ihm zu tun hatte.
Abraham fuhr fort: „So soll die deutsche Botschaft im schönen Land Kroatien jetzt Wunder wirken und den verlorenen deutschen Sohn finden. Worauf die hiesige Polizei – die nach aller Erfahrung professionell arbeitet – bestimmt nur gewartet hat.“
„Und was wollen Sie von mir?“ erkundigte sich Tullius jetzt doch.
Abraham lächelte. „Sie könnten mir aus einer Verlegenheit helfen. Sehen Sie, so einen Auftrag aus dem Leitungsstab kann ich nicht liegen lassen. Sonst reißt mir die Entourage des Ministers den Kopf ab oder versetzt mich zumindest nach Masar-e-Scharif.“
„Wo ist das denn?“
„In Afghanistan... Aber egal. Ich muss etwas veranlassen, Aktivität vorschützen. Andererseits wünschen die Kroaten garantiert nicht, dass die deutsche Botschaft sich in die Arbeit ihrer Polizei einmischt. Deswegen mein Gedanke: Könnten Sie, als Privatperson, vielleicht nach Split fahren und sich ein bisschen nach dem verschwundenen Deutschen umschauen? Dann kann ich Berlin gegenüber Tätigkeit vorweisen, ohne den Behörden hier unmittelbar auf die Füße zu treten.“
Tullius schüttelte den Kopf. „Ich bin doch kein Detektiv.“
„Sie würden mir einen großen Gefallen tun. Die Familie des Vermissten wohnt offenbar im Wahlkreis eines Parteigenossen des Ministers.“
„Das mag ja sein, aber dennoch bin ich nicht der Richtige dafür.“
Der Bär ließ sich nicht beeindrucken. „Der Verschwundene heißt übrigens Christian Schönherr“, fuhr er fort. „Wohl so ein Reiseunternehmer, organisiert in Dalmatien Gruppenausflüge mit Segelbötchen.“
Erneut unterbrach ihn Tull. „Oh Gott, doch nicht die ‚Adriatic Adventure‘?“
Abraham nickte. „Doch, genau. Das sagt Ihnen etwas?“
„Die ‚Adriatic Adventure‘ ist eine Art Flottillensegeln. Die Organisatoren vermitteln Segelyachten an junge Leute und organisieren gemeinsame Törns. Tagsüber wird gesegelt, jeden Abend wird an einem anderen Ort gefeiert. Das Ganze ist sehr umstritten: Die Flottillen nehmen viel Platz weg, und andere Urlauber klagen, die Feiern seien sehr laut und sehr feucht. In den hiesigen Medien wird ziemlich kontrovers darüber diskutiert.“
„Worin besteht bei der Sache das ‚Adventure‘?“
„Keine Ahnung. Wenn ich den bösen Stimmen Glauben schenke, in erster Linie darin, jeden Morgen hinreichend viel Alka Seltzer aufzutreiben.“
Der Botschaftsrat verzog seine fleischigen Backen zu einem Grinsen. „Um zusammenzufassen: Der Organisator dieser Reisen ist vor einigen Wochen verlustig gegangen. Meldet sich nicht mehr bei den lieben Verwandten zu Hause. Die haben nichts Besseres zu tun, als das Wahlkreisbüro des nächsten Bundestagsabgeordneten madig zu machen, und der ist eben ein Spezi unseres BM – Verzeihung, des Herrn Bundesministers. Der Minister gibt die Sache ab an einen Mitarbeiter, und der wiederum findet, wir hätten uns der Sache anzunehmen. Un-ver-züg-lich. Blöderweise funktioniert das im wirklichen Leben nicht so, wie man sich das im Raumschiff Berlin vorstellen mag. Nicht nur wegen Unwillens der kroatischen Behörden, sondern auch, weil wir im Moment personell unterbesetzt sind: Es ist Ferienzeit, einer unserer Mitarbeiter ist versetzt worden und sein Nachfolger nicht in Sicht, eine andere Kollegin ist im Mutterschaftsurlaub, und um das Maß voll zu machen, ist unser wichtigster Dolmetscher längerfristig erkrankt. Das Herz… Da fällt mir ein: Es kann gut sein, dass wir dessen Stelle bis zu seiner Genesung neu besetzen müssen. Wäre das nicht etwas für Sie?“
Tullius musste kein Esel sein, um eine Möhre zu erkennen, wenn man sie ihm direkt vor die Nase hielt. „Sie meinen, es wäre gut für eine etwaige Bewerbung, wenn ich diesen Auftrag annähme?“
Der Botschaftsrat nickte. „Ich kann nichts versprechen. Aber sollte die Stelle ausgeschrieben werden, und sollte es mehrere Bewerber geben – dann wäre es natürlich von Vorteil, schon einmal erfolgreich in einer sensiblen Sache für uns gearbeitet zu haben.“
Eine feste Dolmetscherstelle bei der deutschen Botschaft! Das war keine schlechte Aussicht für Tullius, der sich mit seinen Gelegenheitsaufträgen mehr schlecht als recht über Wasser hielt. Er nickte. „Na gut. Ihr Wort sei mir Befehl.“
Abraham lächelte. „Sehr schön Dann fahren Sie am besten gleich nach Split, reden mit den Leuten da. Honorarkonsul Purini kann Ihnen ein paar Türen öffnen. Morgen oder übermorgen kommen Sie zurück und berichten bitte, Sie hätten alles Menschenmögliche getan, auf der Suche nach dem verschollenen Herrn Schönherr unten an der dalmatinischen Felsenküste jeden Stein einzeln umgedreht. Ich bezahle Ihren üblichen Satz, ihre Unkosten, und Sie verdienen sich ein Fleißbienchen für Ihre Bewerbungsmappe.“
Tull erhob sich. „In Ordnung. Ich kann meine Termine für die nächsten Tage absagen. Aber Hoffnung auf Erfolg mache ich Ihnen nicht!“
Abraham schenkte ihm ein Bärenlächeln. „Ihren Erfolg, lieber Herr Römer, lassen Sie meine Sorge sein!“
Ohne sonderliche Eile schlenderte Tull wieder nach Hause und suchte ein paar Sachen zusammen, die er in Split brauchen würde. Dann stieg er in seinen stark alternden Golf, den der deutsche TÜV aus guten Gründen vor deutlich mehr als zwei Jahren zuletzt gesehen hatte, und machte sich auf den Weg an die dalmatinische Küste. Heute, in der Mitte der Woche, war der Verkehr leicht – ganz im Gegensatz zu dem Verkehrschaos, das am Wochenende in der warmen Jahreszeit entstand, wenn sich regelmäßig halb Mitteleuropa auf der Rennstrecke an die Adria zu tummeln schien. Bei Karlovac war Tull versucht, die Autobahn zu verlassen und die alte Landstraße, vorbei an den Plitvicer Seen und der ehemaligen Serbenhochburg Knin, zu nehmen. Das schien ihm dann aber doch zu riskant: Falls der Golf liegen blieb, war auf der Autobahn ein Abschleppdienst schnell zur Stelle – in den Wäldern und menschenleeren Karstfeldern links und rechts der Landstraße konnte man unter Umständen lange auf Hilfe warten.
Obwohl er die Strecke schon öfter gefahren war, hatte Tull nie herausfinden können, wo genau man dir gemäßigte Zone verließ und in den Mittelmeerraum gelangte. Irgendwo musste es doch einen Punkt geben, an dem eine Steineiche sich hervorwagte, der erste Olivenbaum wuchs. Er hatte diesen Punkt nie entdeckt. Es war jedes Mal so, dass Tullius' Blick irgendwo von der Straße abwich und er auf einmal dachte: „Aha. Orangenbäume. Oleanderbüsche. Palmen. Mittelmeer.“
Nachdem er die Autobahn verlassen und auf die Einfallstrecke nach Split gebogen war, bewunderte er ein römisches Aquädukt, das in stoischer Ruhe seit knapp zweitausend Jahren ein flaches Tal überbrückte. Dahinter standen riesige Einkaufszentren mit vermutlich kürzerer Lebensdauer und ganz gewiss geringerem ästhetischen Anspruch.
Er parkte seinen Wagen in der Nähe der Riva, der breiten Fußgängerpromenade am Hafen, und spazierte die wenigen Meter zum Büro des deutschen Honorarkonsuls. Obwohl es spät in der Saison war, drängten sich Menschen dicht an dicht – Touristen. Kaum ein Einheimischer wäre jetzt, mitten am Nachmittag, auf den Gedanken gekommen, sich in ein Café zu setzen, selbst wenn dort große Sonnenschirme Schatten spendeten: Das machte man später am Tage, wenn die Arbeit erledigt war, die Sonne niedrig stand und eine kühlende Brise vom Meer her wehte.
Honorarkonsul Željko Purini hatte sein Büro in einem der stolzesten Gebäude der alten Kaiserstadt, einem Palazzo mitten an der Riva. Vom Balkon im ersten Stock hing schlapp die deutsche Flagge, neben der Halterung das schwarz-rot-goldenen Blechoval mit dem Bundesadler. Der Hausflur war kühl, dunkel und roch ein wenig feucht. Tull stieg die breiten Stufen hinauf, klingelte. Die Sekretärin öffnete: „Sie müssen Herr Römer sein. Die Botschaft hat sie angekündigt. Herr Purini freut sich auf Sie.“
Tull hatte den Honorarkonsul einige Male bei Empfängen und auf der Zagreber Messer getroffen. Er war kein Berufsbeamter, sondern ein wohlhabender Geschäftsmann, der das Konsulamt als ehrenvolle Nebenaufgabe ausübte. Trotz seines italienischen Namens war er kroatischer Staatsangehöriger. Deutsch sprach er fließend, aber nicht akzentfrei. Für einen Dalmatiner ungewöhnlich, war Purini klein und wirbelig. Jetzt kam er in seinem Maßanzug aus dem Büro herausgestürmt, empfing Tull mit offenen Armen und unbegründetem, mediterranem Elan: „Tullius! Wie schön! Was für eine angenehme Überraschung…“ Seine Augen funkelten hinter einem goldenen Brillengestell. „Sag mir, mein Freund, hast Du schon zu Mittag gegessen?“ Tull nickte – das stimmte zwar nicht, aber wenn er jetzt mit Purini essen ginge, würde das vermutlich eine Angelegenheit von mehreren Stunden werden, in deren Verlauf auch eine Flasche Wein geleert werden würde. An Arbeiten wäre dann wohl nicht mehr zu denken. „Danke, Herr Honorarkonsul, ich habe unterwegs gegessen.“
Purini runzelte die Stirn. „Warum so formal?“ rief er. „Wir waren doch beim ‚Du‘, seit jenem Abend im letzten Herbst bei der Messe…“ Tullius hatte eine verschwommene Erinnerung daran. Er hatte zwischen Purini und einem deutschen Küchengerätehersteller gedolmetscht. Nicht dass der kleine Konsul das nötig gehabt hätte – aber er hielt es vermutlich für eine Frage des Prestige, mit einem Dolmetscher in Verhandlungen zu gehen. Jedenfalls hatte ein feucht-fröhlicher Ausflug erst in eines der besten Restaurants der Stadt und später durch die zahlreichen Kneipen der Altstadt zu einem Vertragsabschluss geführt, mit dem Purini äußerst zufrieden war.
„Auf ein Eis lade ich Dich gerne ein“, schlug Tull vor. Er erinnerte sich, dass der Konsul dafür eine Schwäche hatte.
Der wehrte ab: „Kommt überhaupt nicht in Frage. Wenn Du in Split bist, bezahle ich. Aber ein Eis essen – das ist eine gute Idee. Komm, wir können eine Erfrischung brauchen!“
So begleitete Tull den schmächtigen Dalmatiner die Treppe wieder hinab und hinaus auf die Riva, von dort durch ein kleines Tor in der Stadtmauer zu einer Eisdiele gleich um die Ecke. Unter dem Glastresen häuften sich Berge frischen Speiseeises in den verschiedensten Geschmacksrichtungen: Von den Klassikern Vanille, Erdbeere, Nuss und Schokolade bis zu modernen Varianten, wie Salzkaramell (hellbraun und körnig), Naturkakao (tiefschwarz und bitter) und zweifelhaften Eigenkreationen – Tull entdeckte Čokolino-Griesbrei und Neapolitanerwaffel. Er entschied sich für Joghurt-Melone; Purini – nicht ohne vorheriges, eingehendes Studium – für eine doppelte Portion Schokoladeneis. Ihre leicht tropfenden Waffeln in der Hand, schlenderten sie zurück zum Büro des Konsuls.
„Botschaftsrat Abraham hat mir schon erzählt, warum Du kommst“, eröffnete Purini. „Du suchst nach diesem Christian Schönherr.“
„In der Tat. Kennst Du ihn?“ Die Frage war berechtigt. Der Honorarkonsul kannte Gott und die Welt. Er hatte seine Hände in ziemlich vielen Unternehmungen in Split, in der Region Dalmatien, und im ganzen Land. Den Grundstein für sein erhebliches Vermögen hatte er bereits vor Jahrzehnten, zu jugoslawischer Zeit, mit der Herstellung von Kühlapparaturen gelegt, wobei er die Einschränkungen der sozialistischen Arbeiterselbstverwaltung recht kreativ ausgelegt hatte: Der junge Željko Purini führte ein Entwicklungsbüro für Kühlaggregate sowie, verbunden in seiner Person als Geschäftsführer, eine gesonderte Firma, die Kompressoren und Kühlrippen herstellte. Sein Bruder Matija Purini hatte eine dritte Firma, die Kühlventilatoren baute. Ein weiteres Unternehmen, registriert auf einen Cousin namens Marjan Purini, montierte dann die von Purini und Purini gelieferten Kompressoren, Kühlrippen und Ventilatoren… Jede dieser Firmen hatte die im sozialistischen Jugoslawien gesetzlich erlaubte Höchstzahl an Mitarbeitern. Wie es der Zufall wollte, führte Purinis Ehefrau Zdravka ein kleines Unternehmen, das Klimaanlagen und Kühlgeräte vermarktete und seine Schwägerin Branka ein weiteres, das Verwaltungs- und Buchhaltungsdienstleitungen für Firmen im Kühlsektor anbot. Die jugoslawischen Behörden hatten die engen Geschäftsbeziehungen zwischen den vielen, eigenständigen Unternehmungen in den Händen der vielköpfigen Familie Purini stets toleriert, was möglicherweise durch den Umstand befördert wurde, dass die Häuser höherer sozialistischer Funktionäre durchweg mit Purini-Klimaanlagen ausgestattet waren. Dabei handelte es sich selbstverständlich um Ausschussware, kostenlos abgegeben, da am Markt nicht verkäuflich, aber wundersamerweise dennoch funktionsfähig. Purini-Geräte funktionierten sogar ausgezeichnet – sonst hätten nicht so viele von ihnen den Weg über die Adria gefunden, wo sie in einem italienischen Schuppen mit dem Schild „Made in EU“ versehen und europaweit erfolgreich verkauft wurden. Dieser Vertriebsweg hatte zwar mit dem EU-Beitritt Kroatiens seine Attraktivität verloren, aber die Geschäfte liefen dennoch weiter wie geschmiert.
Auf Tulls Frage nach Schönherr zuckte der geschäftstüchtige Honorarkonsul die Achseln und drehte die Handinnenflächen nach außen. „Ich kenne ihn flüchtig. Sein Bedarf an Kühlaggregaten ist begrenzt, aber ein paar der größeren Yachten, die seine Leute mieten, haben Klimaanlagen – und die gehören gewartet. Insofern haben wir Geschäftsbeziehungen.“
Tull lächelte. „Ich wusste schon: Du kennst jeden, der in Split und Umgebung zum Wirtschaftsleben gehört.“
„Ja, aber ich muss sagen: Besonders sympathisch ist mir dieser Schönherr nicht.“
„Warum?“
Purini zuckte erneut die Achseln. „Keine Ahnung. Irgendetwas stört mich an ihm. Er achtet sehr auf sein Aussehen und kommt im Gespräch sehr effizient und zielgerichtet rüber – aber da ist etwas... Ich kann den Finger nicht darauf legen.“
„Könnte es damit zu tun haben, dass Du sein Geschäftsmodell nicht magst?“
