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Die beliebte Schriftstellerin Friederike von Buchner hat mit dieser Idee ein Meisterwerk geschaffen: Die Sehnsucht des modernen Großstadtbewohners nach der anderen, der ursprünglichen Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und bodenständiger Natur bildet Kern und Botschaft dieser unvergleichlichen Romanserie. Liebe und Gefühle, nach Heimat und bodenständiger Natur bildet Kern und Botschaft dieser unvergleichlichen Romanserie. Die Waldkogeler blieben auf den Höfen und auf der Straße stehen und staunten, als der Traktor mit den drei Anhängern sich wie ein Lindwurm langsam durch den Ort schob. Pamela steuerte. Astrid und Nancy saßen winkend auf den Sitzen, die über den großen Rädern angebracht waren. Rosalie, genannt Rosa, zweifellos die schönste der vier jungen Frauen, stand hinter Pam. »Halte dort an, Pam! Wir müssen dann links abbiegen. Ich springe nur mal schnell bei den Baumbergern rein.« Noch während Pamela langsam abbremste, sprang Rosa hinunter auf die Straße und rannte davon. Zwei Stufen auf einmal nehmend sprang sie die Treppe zum Wirtshaus und der Pension hinauf. Das Schild über dem Eingang ›Beim Baumberger‹ leuchtete in der späten Nachmittagssonne. »Meta! Xaver! Überraschung!« Die beiden kamen aus der Küche. Meta Baumberger schloß die junge Frau in die Arme. »Madl! Du bist schon da?« »Ja, habt ihr mich denn erwartet? Ich wollte euch doch überraschen.« »Grüß Gott, Rosa!
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Waldkogeler blieben auf den Höfen und auf der Straße stehen und staunten, als der Traktor mit den drei Anhängern sich wie ein Lindwurm langsam durch den Ort schob. Pamela steuerte. Astrid und Nancy saßen winkend auf den Sitzen, die über den großen Rädern angebracht waren. Rosalie, genannt Rosa, zweifellos die schönste der vier jungen Frauen, stand hinter Pam.
»Halte dort an, Pam! Wir müssen dann links abbiegen. Ich springe nur mal schnell bei den Baumbergern rein.«
Noch während Pamela langsam abbremste, sprang Rosa hinunter auf die Straße und rannte davon. Zwei Stufen auf einmal nehmend sprang sie die Treppe zum Wirtshaus und der Pension hinauf.
Das Schild über dem Eingang ›Beim Baumberger‹ leuchtete in der späten Nachmittagssonne.
»Meta! Xaver! Überraschung!«
Die beiden kamen aus der Küche. Meta Baumberger schloß die junge Frau in die Arme.
»Madl! Du bist schon da?«
»Ja, habt ihr mich denn erwartet? Ich wollte euch doch überraschen.«
»Grüß Gott, Rosa! Natürlich haben wir gewußt, daß du kommen tust. Alle Waldkogeler sprechen seit Wochen nur noch von den ›Herzmadln‹. Ihr seid ja richtig berühmt.«
Rosa schaute sich um.
»Wo ist denn der Toni?«
Dann lachte sie und fuhr sich durch ihr langes mittelbraunes Haar.
»Dumme Frage! Entschuldigt! Toni wird oben auf der Berghütte sein. Ich will da heute noch rauf mit den Freundinnen. Der Toni hatte mich ja zu seiner Hochzeit eingeladen. Aber leider war ich da im Ausland und konnte nicht kommen. Ich bin gespannt auf die Anna. Wie ist sie denn so?«
Metas Augen strahlten.
»Unsere Anna, des is eine ganz liebe. Ein fesches Madl und ein Madl mit Herz. Besser hätt’s unser Antonius net treffen können. Von so einer Schwiegertochter, wie aus dem Bilderbuch, hab’ i net zu träumen gewagt. Aber du wirst die Anna ja kennenlernen.«
Rosalie umarmte Meta.
»Ich würde so gern mit euch noch plaudern, aber wir müssen uns ranhalten, damit wir noch rechtzeitig rauf zur Oberländer Alm kommen. Dort wollen wir den Traktor und die Wagen abstellen.«
Xaver Baumberger warf einen Blick durch das Fenster auf die Straße.
»Donnerwetter, des is ja eine gewaltige Zugmaschine. Wo habt ihr die denn her?«
»Die gehört mir!« verkündete Rosa stolz.
»Mei Gott, Madl! Was du net sagst. I’ kann des kaum glauben.«
Xaver Baumberger ging hinaus. Die Hände in den Hosentaschen seiner Lederhose umkreiste er den Traktor.
»Des is ein Traum!«
Rosalie stellte ihre Freundinnen vor.
»Das sind Astrid, Pamela und Nancy!«
»Und z’sammen seid ihr die ›Herzmadln‹!«
»Richtig, Baumberger! Zusammen sind wir die ›Herzmadln‹.«
»Und in dem Anhänger wohnt ihr während eurer Tournee? Des sind ja richtige Zirkuswagen.«
»Ja, Baumbergerin! Ich würde dir und deinem Mann gern alles zeigen. Aber wir müssen los. Am Wochenende spielen wir ja auf der Kirchweih. Dann könnt ihr alles besichtigen. Wir laden euch zum Kaffee ein.«
Pamela, die hinterm Steuer saß, deutete auf ihre Armbanduhr.
Rosa verabschiedete sich von den beiden und kletterte hinauf auf den Bock des Traktors.
»I’ ruf’ den Toni und die Anna an, daß ihr heut’ noch rauf auf die Berghütte kommt. Aber ihr müßt mir versprechen, wenn’s zu dunkel wird, daß ihr erst morgen früh aufsteigen tut.«
»Mach dir keine Sorgen, Bamberger! Der Aufstieg zur Berghütte ist nicht so gefährlich, wie in der Hauptverkehrszeit über eine belebte Straße zu gehen.«
»Des Madl is immer noch so schlagfertig wie eh und je. Hat sich kein bisserl verändert in den drei Jahren, wo wir sie net gesehen haben, Meta.«
»Die Rosa, die is schon richtig. Jetzt halt’ des Madl net auf. Wir sehen sie ja am Wochenende.«
Pamela ließ den starken Dieselmotor an. Unter großem Lärm fuhren sie an. Meta und Xaver Baumberger standen noch auf der Straße und sahen den vier Frauen nach, bis sie mit ihrem Gefährt verschwunden waren.
»Schaut glücklich aus, die Rosa!«
»Ja, Xaver! Des stimmt! Mei, wie die Zeit vergeht. I’ erinner’ mich, als wär’s erst gestern gewesen, als die Rosalie zum ersten Mal mit ihrer Großtante bei uns war. Damals war sie noch ein Schulkind. Blaß is sie gewesen und schüchtern, als sie am Anfang der Ferien gekommen sind.«
Xaver lachte.
»Und am End’, da hatte sie rote Backen und war ein richtiger Wildfang. Kein Baum war ihr zu hoch. Sie konnte es kaum abwarten, bis sie älter wurde, um dann endlich auf die Gipfel klettern zu können.«
»Jedesmal hat’s Abschiedstränen gegeben nach den Ferien, wenn die Rosa wieder in die Stadt mußte.«
»Ja, des Madl, des is schon was Besonderes.«
*
Hilda und Wenzel Oberländer freuten sich, Rosa wiederzusehen. Auch sie kannten die junge Frau von früher.
»Du kannst den Traktor und die drei Zirkuswagen gern hier abstellen, Rosa! Die kommen net weg.«
»Schmarren, Wenzel! Wer soll denn was mit den Wagen machen?« Hilda schüttelte den Kopf.
»Ich möchte die Wagen auch am Wochenende hier stehenlassen, Oberländerin.«
Is der Weg runter ins Dorf net zu weit? Und wie wollt ihr nachts raufkommen?«
Auf Hildes Gesicht standen Sorgenfalten.
»Nachts müssen wir nicht herauf. Wenn wir singen und spielen, dann geht das meistens bis zum Morgen. Wir kommen dann im Morgenlicht herauf. Tagsüber müssen wir schlafen. Abends haben wir dann wieder unseren Auftritt.«
Wenzel schüttelte den Kopf.
»Des is doch ein bisserl umständlich!«
Rosa lächelte.
»Des is schon in Ordnung so.«
Dann schulterten die jungen Frauen ihre Rucksäcke. Trixi, Pam und Nancy trugen außerdem noch ihre Instrumente.
Wehmütig schaute ihnen der alte Wenzel nach, wie sie den Weg zur Berghütte einschlugen.
»Des gibt bestimmt eine schöne Hausmusik heut’ abend auf der Berghütte. Da wär’ i gern dabei.«
»Du weißt, daß des net geht, Wenzel. Aber wenn’s möglich is, dann kann uns der Knecht von der Nachbaralm einen Abend mit runternehmen. Der hat sein Auto da. I’ würd’ die ›Herzmadln‹ auch gern singen und spielen hören.«
»Ja, wenn man dabeisitzt, is des besser als im Radio. Des gibt eine Gaudi, mei, des wird was geben!«
Der alte Wenzel schlug sich vor Freude und Erwartung auf die Oberschenkel, daß es nur so krachte.
»Die Burschen, die werden ganz schön narrisch werden bei dem Anblick. Die vier, des sind wirklich fesche Madln. I’ kann net verstehen, daß die so allein ’rumziehen. Mei, die müßten doch Burschen haben! Meinst net auch, Hilda?«
»Wenzel! Was machst du dir da wieder für Gedanken! Geh’ lieber und kümmere dich um das Vieh.«
*
Die Abendsonne schickte den letzten zarten Hauch von Licht über die Berge, als Rosa die Berghütte als erste erreichte.
»Toni!« stürmte sie über die Terrasse und durch die offene Tür in die Hütte. Alle Hüttengäste schauten sie neugierig an. Bello, der vor dem Kamin lag, seinem Lieblingsplatz, hob kurz den Kopf und musterte die junge Frau.
»Ja, is des denn die Möglichkeit! Die Rosa! Des is ja eine Überraschung! Grüß Gott!« rief Toni.
Sie begrüßten sich herzlich und lagen sich in den Armen.
»Entschuldige, Toni! Aber du kennst ja mein Temperament. Du bist jetzt verheiratet. Nicht, daß deine Frau eifersüchtig wird.«
»Da mußt dir keine Gedanken machen, Rosa.«
Anna trat neben ihren Mann. Toni legte den Arm um sie.
»Des i meine Anna! Meine liebe, liebe Anna! Meine Hüttenwirtin! Die Flachlandindianerin, die sich in die Berge verliebt hat und geblieben ist.«
Die beiden Frauen begrüßten sich.
»Ich war richtig gespannt auf dich. Der Toni hat mir ja im Brief viel geschrieben. Leider konnte ich nicht zur Hochzeit kommen. Da war ich gerade im Ausland. Ich freue mich, dich endlich kennenzulernen.«
»Ich mich auch, Rosalie!«
»Sag auch Rosa zu mir! Die Rosalie, die habe ich daheim bei den Eltern zurückgelassen.«
Anna schaute Rosa in die Augen. Sah sie da einen Hauch von Kummer?
»Wo sind denn deine Freundinnen? Meine Mutter hat angerufen und gesagt, daß du drei Freundinnen mitbringen wirst. Sind die doch drunten auf der Oberländer Alm geblieben?«
Rosa schüttelte den Kopf und lachte.
»Weißt du, auf die trifft der Ausdruck Flachlandindianerinnen gut zu. Denen geht schnell die Puste aus. Wir singen von den Bergen, aber Bergtouren, das ist nicht so ihr Ding. Sie gehen auch schon mal in die Berge, aber am liebsten per Seilbahn. Wandern und kraxeln, dafür konnte ich sie bisher noch nicht begeistern. Na ja, vielleicht kann ich sie irgendwann doch dafür begeistern. Ich hoffe, daß der Aufenthalt hier in Waldkogel und bei dir in der Berghütte dazu beiträgt.«
In diesem Augenblick schleppten sich Pam, Trixi und Nancy die letzten Meter bis zur Terrasse der Berghütte. Dort stellten sie ihre Instrumentenkästen ab, ließen ihre Rucksäcke auf den Boden fallen, dann sanken sie, nach Atem ringend, auf die Stühle.
»Rosa! Wie konntest du uns das antun?« keuchte Pamela.
Anna brachte sofort vier große Gläser mit kaltem Quellwasser. Sie nickten ihr dankbar zu und tranken aus. Erst dann fanden sie die Puste wieder.
»Pam! Trixi! Nancy! Das ist Toni mit seiner Frau Anna!«
Sie begrüßten sich.
»Dann bist du für die totale Bergverrücktheit von Rosa verantwortlich.«
»Das glaub’ i net«, lachte Toni. »Die Berge machen des ganz allein. Wenn’s mal einen Menschen gepackt hat mit der Liebe zu den Bergen, dann läßt ihn die Bergbegeisterung ein Leben lang net mehr los. I’ bin daran unschuldig.«
Pam wackelte energisch mit dem Zeigefinger.
»Nein! Nein! Nein! Das lassen wir nicht gelten. Du mußt mit der Rosa etwas gemacht haben. Zumindest haben die Klettertouren mit dir tiefe, unauslöschliche Spuren bei ihr hinterlassen.«
»O ja«, stimmte ihr Nancy zu. »Das ist kaum zu beschreiben. Folgendes: Wir geben ein Konzert irgendwo in Amerika oder Australien – irgendwo! Da gibt es Hochhäuser. Rosa steht davor und träumt, das wären Felswände, die man hinaufklettern könnte. Wir nehmen immer den Aufzug. Rosa steigt die Treppen hinauf, und wenn es sein muß, bis…«
Trixi unterbrach Nancy.
»Der Konzertmanager hatte in Chicago sein Büro in der einundachtzigsten Etage, also ganz oben. Rosa nahm die Treppe.«
»Ich habe euch angeboten, daß ihr unten auf der Oberländer Alm bleiben könnt«, warf Rosa ein.
»Du glaubst doch nicht, daß das auch nur im entferntesten in Betracht kam. Wir wollten die Berge von Waldkogel endlich mal kennenlernen. Da muß etwas Besonderes dran sein, was Rosa selbst in den Anden, den Rocky Mountains und anderen Hochgebirgen nicht finden konnte.«
Pam legte die Hand auf Rosas Schulter.
»So, meine Liebe! Jetzt will ich es wissen. Wir wollen es wissen. Warum sind diese Berge so besonders? Da ist ein Gipfel! Dort ist ein Gipfel! Dahinten sind noch mehr Gipfel!«
»Genau! Jetzt wollen wir es wissen. Die Berge sind hoch, aber es gibt höhere. Sind Gipfel nicht gleich Gipfel? Also, ich kann dabei keinen Unterschied sehen.«
Pamela und Astrid nickten Nancy zu.
Die vier Freundinnen standen neben Toni und Anna auf der Terrasse. Rosa sah mit leuchtenden Augen, wie sie sonst nur Kinder hatten, hinauf zu den Gipfeln vom ›Engelssteig‹ und ›Höllentor‹.
Da trat ein junger Mann hinzu. Er hatte etwas abseits auf einer Bank an der Hüttenwand gesessen und Pfeife geraucht. Er war groß, breitschultrig und hatte brünettes Haar.
»Des sind eben unsere Berge. In die muß man sich verlieben! Dann is des net entscheidend, daß es irgendwo auf der Welt Berge gibt, die höher sind und größer. Des is was, was mit dem Herz entschieden wird und net mit dem Verstand. So is des doch, Toni, oder? Stimmst mit zu?«
»Ja, so is des! Des is ein Gefühl. I’ versteh’ die Rosa gut. Für die is Waldkogel so ein bisserl wie Heimat, auch wenn sie ein Stadtmadl is. Verstehen kann man des net. Des muß man mit dem Herzen erfahren. Jetzt bleibt ein paar Tage hier, dann lernt ihr die Berge schon lieben.«
»Wir bleiben! Aber wir gehen keinen Meter weiter, als bis hierher zur Berghütte. Rosa, wir haben es dir versprochen. Aber mach dir keine Illusionen, wandern tun wir mit dir nicht.«
»Richtig, Pam! Wir singen zwar von den Bergen. Aber deshalb muß man ja noch lange nicht rauf auf jeden Gipfel.«
»Genau! Es ist wie mit vielem im Leben. Man kann das Meer lieben. Deshalb muß man kein Seemann sein«, fügte Trixi hinzu.
Toni und Anna baten die Gäste hinein.
Anna zeigte Rosa, Trixi, Pam und Nancy ihr Wohnzimmer.
»Da könnt ihr schlafen. Toni hat noch Matratzen auf den Boden gelegt. Die Kammern sind alle belegt, und auf den Hüttenboden ist nichts mehr frei. Dann packt mal aus. Die Hüttengäste haben schon gegessen. Ich mache euch noch etwas warm. Dann bis gleich.«
Etwas später, als sich die vier mit einem kräftigen Essen aus Rösti, mit verschiedenen Beilagen, gestärkt hatten, setzten sie sich an den Kamin. Die Hüttengäste waren noch nicht schlafen gegangen. Die vier Musikerinnen waren bekannt. Alle hofften, daß sie spielen und singen würden. So war es dann auch. Der musikalische Hüttenabend dauerte bis tief in die Nacht. Trixi spielte Geige, Pamela, die Schlagzeug und Keyboard spielte, unterstützte mit einem Tamburin den Takt, Nancy blies auf der Trompete. Rosa spielte Gitarre und sang.
Es war wunderschön. Alois stimmte auf der Ziehharmonika ein, und Toni griff in die Zither. Im Kamin brannte das Feuer und warf seinen hellen Schein auf die Gesichter der Hüttengäste. So musizierten sie viele Stunden.
Der alte Alois legte als erster sein Instrument zur Seite.
»Leut’, i bin net mehr der Jüngste. I’ hau’ mich jetzt auf die Matratze. Morgen is auch noch ein Tag, und morgen is auch noch ein Abend. Gute Nacht, alle beisammen!«
Nach und nach zogen sich die Hüttengäste zurück. Die ›Herzmadln‹ packten ihre Instrumente ein. Sie waren auch müde und gingen schlafen.
*
Pamela, Trixi und Nancy schliefen sofort ein. Rosa hörte, wie sie gleichmäßig atmeten. Leise stand sie auf und schlüpfte in etwas Warmes. Dann schlich sie auf Zehenspitzen in ihren Hüttenschuhen hinaus. Im Kamin lagen die letzten Glutreste des Feuers. Ohne Licht zu machen, tastete sich Rosa zur Tür. Sie wunderte sich, daß diese nicht nur nicht verschlossen, sondern auch nur angelehnt war.
Rosa trat hinaus auf die Terrasse. Über den Bergen wölbte sich der klare Nachthimmel mit seinen Sternen. Der Mond stand wie eine schmale Sichel dazwischen.
Rosa setzte sich auf die Stufen, die zur Terrasse hinaufführten und legte sich zurück auf den Rücken. Voller Glück seufzte sie leise.
Dann hörte sie ein Räuspern in der Dunkelheit.
»Ich will dich net erschrecken. Darf ich mich zu dir setzen?«
In der Dunkelheit erkannte Rosa die Stimme des jungen Burschen wieder, der sich in das Gespräch auf der Terrasse kurz eingemischt hatte.
»Gern! Wo bist du?« fragte sie ins Dunkel hinein.
Er trat näher, setzte sich neben sie und lehnte sich auch zurück.
»I’ bin der Joe! Joe Wiesner!«
»Rosa!«
»Des hab’ ich schon mitbekommen. Wer weiß des net! Die ›Herzmadln‹ sind ja bekannt. Mein Vater hat sogar eine Schallplatte von euch gekauft.«
»Das freut mich. Welche?«
»Darauf singst’ ›Mein Herz schlägt für die Berge‹ und auf der Rückseite ist des Lied ›Oben beim Gipfelkreuz, da jauchzt meine Seel’‹. Des Lied gefällt mir am besten.«
»Das freut mich, Joe. Es ist auch mein Lieblingsstück.« Dann erzählte Rosa. »Der Text fiel mir schon vor vielen Jahren ein, als ich einmal mit Toni oben auf dem ›Engelssteig‹ war. Damals war ich gerade fünfzehn und schrieb Gedichte. Später habe ich den Text etwas verändert und eine Melodie dazu gemacht.«
Leise summte Rosa die Melodie. Joe hörte ihr zu.
»Weißt du, Joe! Das Lied spendet mir immer Trost in der Ferne. Wenn ich es singe, schließe ich die Augen und dann bin ich wieder oben auf dem ›Engelssteig‹.«
»Du bist mit Leib und Seele eine Berglerin, wie?«
»O ja! Wenn man ständig oben auf dem ›Engelssteig‹ sein könnte, dann wäre ich dort oben, würde dort oben wohnen.«
»Der Herrgott wird dich später als Engel dorthin schicken, da bin ich mir sicher, weil du den Berg so liebst.«
»Das hast du schön gesagt, Joe!«
Sie schwiegen eine Weile und schauten hinauf in die Sterne.
Langsam fing Rosa zu erzählen an.
»Ich hatte solches Heimweh nach den Bergen. Ich mußte hierher. Nur hier kann ich Kraft tranken. Mein Leben ordnen.«
Sie seufzte.
»Weißt du, das war alles etwas hektisch, die letzten Wochen und Monate. Aber ich will dich mit meiner Lebensgeschichte nicht langweilen. Nur, was so in den Zeitungen steht, das mußt du nicht alles glauben. Das haben die Journalisten zum Teil erfunden.«
»Du tust mich net langweilen. I’ hör’ dir gern zu. Was willst neu ordnen in deinem Leben? Hast Kummer?«
»Kummer, so kann man das nicht sagen. Weißt du, ich vergleiche das immer mit dem Aufstieg auf einen Gipfel. Da gibt es verschiedene Routen, die man wählen kann, einfache und schwierigere. Oder man kann unten bleiben. Ich will aber nicht unten bleiben.«
Rosa lachte leise. »Das mag für dich alles etwas sonderbar klingen.«
Rosa seufzte erneut, dann begann sie zu erzählen.
»Ich habe mein Abitur gemacht. Nächstes Jahr muß ich, ich betone, muß ich Jura studieren. Das habe ich meinen Eltern versprechen müssen. Dafür gaben sie mir Zeit, in der ich alles machen konnte, was ich wollte. Ich packte meine Gitarre ein, kaufte mir ein Flugticket und flog nach Amerika. Dort fuhr ich herum und spielte Musik. Dabei lernte ich Pamela und Nancy kennen. Sie waren ein Duo. Sie traten in kleinen Kneipen auf und machten Jazzmusik. Mit der großen Karriere klappte es nicht so, wie sie es sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhofft hatten. Wir freundeten uns an. Ich überredete sie, es einmal mit Liedern aus und über die Berge zu probieren. Wir taten uns für einen Auftritt zusammen. Es war ein großer Erfolg. So beschlossen wir weiterzumachen. Als ich wieder zurück mußte, kamen die beiden mit. Wir besuchten Trixi. Sie war mit mir auf der Schule und studierte Musik. Wir taten uns zusammen, zogen einige Wochen von Fest zu Fest und spielten auf der Straße. Dabei wurden wir von einem Musikproduzenten entdeckt, der uns zum Fernsehen brachte. Du kennst ihn sicherlich, seine Familie ist ja auch hier aus Waldkogel. Dann ging alles ganz schnell. Wir sind jetzt ziemlich bekannt.«
»Des is schön, daß du, bei all’ der Berühmtheit, Waldkogel und den ›Engelssteig‹ net vergessen hast.«
»Ich mußte hierher! Wenn ich in Amerika die Sterne gesehen habe, dann schickte ich ihnen Grüße für die Berge mit. Die Welt da draußen ist schön, aber hier ist es schöner. Ich versuche das meinen Freundinnen immer verständlich zu machen. Aber das ist schwer. Ich wünsche mir, daß sie es fühlen lernen. Da drin im Herzen müssen sie es fühlen.«
