Rosalies Schlüssel - Paula Hering - E-Book

Rosalies Schlüssel E-Book

Paula Hering

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Beschreibung

Im Dezember endet das vertraute Leben der 20-jährigen Leni, denn als ihre geliebte Großmutter stirbt, ist nichts mehr, wie es vorher war. Dann trifft sie eine Entscheidung: Sie stellt sich dem Abenteuer, die zu sein, die sie wirklich ist. Es ist das Geheimnis und zugleich das Vermächtnis ihrer Großmutter, die von den Menschen in ihrem Dorf für eine Hexe gehalten wurde...

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2013

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ROSALIES SCHLÜSSEL

Paula Hering

Im Dezember legte mein Leben ab und trieb aufs offene Meer. Alle Gewissheit ließ ich am Ufer zurück. Verlust und Erinnerung sind zwei Pole zwischen denen ich seither lebe; sind Preis und Wert.

Meine Großmutter hatte wunderschöne Hände. Die Haut auf ihren Handrücken war durchscheinend wie Pergament und wenn sie erzählte, tanzten ihre Finger, als sprächen sie eine lautlose Sprache. Die starre Haltung ihrer grauen Hände an jenem Morgen machte mir ihren Tod deutlicher, als es der Anruf meiner Tante vermocht hatte.

„Oma ist tot“, hatte sie gesagt.

Kein „Hallo“, keine Einleitung, kein „Wie geht’s?“

Sie starb am Heiligen Abend. Ich war über Weihnachten bei meinen Eltern in Italien gewesen und wollte am zweiten Feiertag zu ihr fahren. Beim Kauf der Fahrkarte hatte mein Magen in freudiger Erwartung geprickelt, aber als ich sie einlöste, blickte ich in ein schwarzes Loch.

Die Zugfahrt durch ganz Deutschland, der bedrückende Gang durch das verlassene Haus und der traurige Anblick ihrer Sachen, hatten mich nicht begreifen lassen, was geschehen war.

Das Haus war in einem erbärmlichen Zustand. Sie hatte immer auf Sauberkeit geachtet, doch in den letzten Monaten ihres Lebens musste ihr alles zu viel geworden sein.

In der Küche türmte sich schmutziges Geschirr. Schimmel schwamm auf den Kaffeepfützen. Offenbar hatte sie versucht, durch Einweichen der Lage Herr zu werden. Ich stieß das Küchenfenster auf, denn der säuerliche Geruch verschlug mir den Atem.

Im Wohnzimmer war es dunkel. Hier auf dem Sofa hatte sie die letzten Tage verbracht. Eine Wolldecke lag auf dem Boden.

Ich öffnete auch dort die Fenster, um den Geruch von Einsamkeit zu vertreiben. Der Wind zog die Gardinen hinaus. Wie Geister flogen sie aus dem Haus, um der Welt zu verkünden:

„Ich gebe auf!“

Dann öffnete ich sämtliche Fenster in der unteren Etage, ließ alle Geister frei und ging nach oben.

Die schmale Treppe war lange nicht benutzt worden. Alles, was sie zum Leben brauchte, hatte sie nach unten gebracht.

Als ich die Tür am oberen Ende der Treppe aufstieß, empfing mich ein vertrauter Geruch: eine unvergleichliche Mischung aus Federbetten, Mottenkugeln, Uraltlavendel, Vertrautheit und feuchter Kühle. Ich ging ins Schlafzimmer und setzte mich auf das riesige Bett.

Wenn ich als Kind bei ihr übernachtet hatte, war es mir unmöglich gewesen, die schwere Bettdecke auch nur ein paar Zentimeter nach oben zu ziehen. Ich hatte mich mühsam mit den Hacken abstoßend weiter unter die Decke arbeiten müssen, wenn mir kalt war.

Als ich den sternförmigen Schlüssel des Kleiderschranks drehte und die Tür öffnete, knirschte es, als würden Sandkörner zermahlen. Dieses Geräusch hätte ich unter Hunderten erkannt.

Während ich noch schlief, war sie leise die mit rotem Teppich bedeckten Stufen hinunter in die Küche gegangen, hatte den Wasserkessel auf den Herd gestellt und den Frühstückstisch gedeckt. Wie viele Male hatte mich dieses Knirschen geweckt? Wie viele Male war mein erster Blick auf sie gefallen, die den Kopf in den Kleiderschrank steckte?

Später, als ich älter war, lag ich wach im Bett, wenn sie die Treppe hinunterging. Ich lauschte ihren Schritten auf dem kalten Terrazzoboden. Dem grellen „Autsch!“ des Wasserkessels, wenn sie den Deckel herauszog, um ihn zu füllen. Dem Geschirrklappern und dem Aufschrei der Besteckschublade, der wie ein erschrockenes „Huch!“ klang.

Und wenn sie wieder nach oben ins Schlafzimmer kam, beobachtete ich sie durch meine Wimpern hindurch und verfolgte mit Spannung jede ihrer Bewegungen bis zu dem Moment, wenn sie die Schranktür öffnete und sich zu mir umsah.

Wenige Tage nach ihrem Tod steckte ich den Kopf in ihren Schrank. Eine offene Parfumflasche stand auf dem unteren Regalbrett. In dem dunkelgrünen Glas waren Luftbläschen eingeschlossen. Sie hatte den Zeigefinger der rechten Hand auf die Öffnung gelegt und die Flasche mit Schwung auf den Kopf gedreht, um mit dem feuchten Finger erst rechts, dann links einen Hauch von Uraltlavendel hinter das Ohrläppchen zu tupfen. Die Flasche roch noch immer schwer und süß. Ich ließ sie in meine Jackentasche gleiten und fühlte mich wie eine Diebin.

Beklommen blätterte ich durch ihre Kleider. Ich kannte sie wie meine eigenen. Unter der Kleiderstange stapelten sich Schuhkartons und Taschen. Die Schuhe in den vergilbten Kartons hatte sie kaum getragen. Wie viele der Kleider hatte sie auch ihre guten Schuhe geschont. Nun würde sie niemand mehr anziehen.

Ich suchte ihr schönstes Kleid heraus, ein braunes, hochgeschlossen mit einem Schal, der senkrecht bis zur Taille verlief wie eine Krawatte. Der fein gemusterte Wollstoff hatte gut zur Farbe ihrer Hände gepasst. Er hatte ihre Zartheit unterstrichen und ihren transparenten Schimmer noch verstärkt.

Sie war nicht vermögend gewesen, aber ich hatte sie immer als reich empfunden, denn sie besaß alles, was sie brauchte und die Berührung ihrer Hände verlieh jedem Gegenstand seinen Wert.

Vor dem Fenster stand ein kleiner Frisiertisch mit einem Polsterhocker davor. Er gab federnd unter meinem Gewicht nach, als ich mich darauf setzte. Auf dem Tischchen standen lauter vertraute Dinge: ein Apothekerfläschchen aus braunem Glas mit winzigen Seemuscheln darin, eine elfenbeinfarbene Bonbonniere mit Goldrand. Als ich den Deckel der Bonbonniere vorsichtig anhob, durchzuckte mich das klirrende Geräusch. Es war Kleingeld darin, glänzende Fünfmarkstücke, einige Silbermünzen in Schutzfolien und ein kleiner goldener Schlüssel. In einer ovalen Porzellanschale, die mit Käfern bemalt war, lag ein Herz aus Perlmutt, eine Kleiderbürste in Form eines Igels, Haarbürste und Handspiegel, das Silber angelaufen, eine halbvolle Flasche Chanel Nr. 5, der Inhalt dunkelbraun.

Die Trauergemeinde zog vorbei an grauen Kirchenbänken, die zu schmal waren, um bequem darauf zu sitzen; wenige Bekannte und ein paar Nachbarn, Tante und Onkel passierten den offenen Sarg. Großmutter trug das Kleid, das ich für sie ausgesucht hatte.

Ich war die Letzte in der Reihe, aber es fiel mir schon auf, bevor ich bei ihr war. Ein weißes Band zog sich über den Ringfinger der linken Hand. Der Ring fehlte. Sie hatte ihn immer getragen. Jetzt war ihre Hand leer und tot ohne ihn. In dem Moment wurde mir bewusst, wonach ich in ihrem Haus gesucht hatte.

Den Blick starr auf ihre Hände gerichtet, weil ich nicht wagte, ihr Gesicht anzusehen und, um auch sonst niemanden ansehen zu müssen, ging ich mit gesenktem Kopf den Gang hinunter bis zu einer leeren Bank.

Die Kapelle war schmal, der Organist spielte auf einem kleinen Cembalo, das hinter dem Altar stand. Es war kaum Platz für Sarg und Blumen.

Großmutter hatte den Pastor nicht leiden können. Seine Besuche anlässlich ihrer Geburtstage hatte sie zähneknirschend über sich ergehen lassen. Und der Hauptgrund, warum sie nicht hundert hatte werden wollen, war der, ihn nicht Jahr für Jahr in ihrem Wohnzimmer ertragen zu müssen.

Nun stellte er sich vor die Trauergemeinde und sprach, als hätte er Kreide gefressen. Erzählte von einer Frau, die als Fremde ins Dorf gekommen sei, deren freundliches Wesen ihr schnell Sympathien eingetragen hätte und schloss mit den Worten, dass ihre Kinder in Trauer und Dankbarkeit am Sarg ihrer geliebten Mutter stünden. Tante Katharina saß in der ersten Reihe und schaute zu ihm auf.

Ich war wie in Trance. Die Gemeinde folgte dem kleinen Wagen, auf dem der Sarg bis zur Grabstätte gezogen wurde. Der Boden war gefroren und ein eisiger Wind schnitt in die Haut. Tante Katharina hielt eine Ansprache, der ich keine Beachtung schenkte. Erst beim „Asche zu Asche, Staub zu Staub“, kam ich wieder zu mir.

„Was passiert mit ihren Sachen?“, fragte ich sie später bei Kaffee und Kuchen im Dorfkrug.

„Ich will nichts davon haben und deine Mutter sicher auch nicht. Nimm dir, was du willst, du hast doch einen Schlüssel.“

Den hatte ich.

Am nächsten Morgen fuhr ich zu Großmutters Haus und klingelte in alter Gewohnheit. Die Tür ging auf und Katharina stand, den Kopf nach hinten gedreht, im Hausflur.

„Die Wohnzimmermöbel können Sie gleich mitnehmen“, rief sie hinter sich. „Ach, du“, begrüßte sie mich mit einem missbilligenden Blick auf den Schlüssel in meiner Hand.

Drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort zurück ins Wohnzimmer. Dort hörte ich sie laut mit einem Mann verhandeln, der in gebrochenem Deutsch antwortete.

Der Ausverkauf hatte begonnen!

Angesichts der Tatsache, dass ihr ganzes Leben in die Hände eines Trödlers zu fallen drohte, verlor ich meine Zurückhaltung und nahm, was mir gefiel. Den Ring fand ich nicht. Und vielleicht, um den Verlust zu kompensieren, steckte ich die Kleiderbürste ein, die Bonbonniere, das Schälchen mit den Insekten und schließlich das Apothekerfläschchen mit den Muscheln. Katharina quittierte meinen prall gefüllten Rucksack mit einem schiefen Lächeln.

„Schön, dass wenigstens einer aus deiner Familie sich noch interessiert.“

„Deine Familie“, das klang so, als gehöre sie ganz bestimmt nicht dazu.

Ich nahm den Rucksack von der Schulter, um ihr zu zeigen, was ich mitnehmen wollte.

Doch sie winkte ab:

„Lass sein, ich freue mich, dass dir noch was gefällt. Niemand kauft mehr solchen Plunder. Wir können froh sein, wenn sich jemand findet, der die Sachen abholt.“

Ich nahm allen Mut zusammen, um die Rede noch einmal auf den Ring zu bringen, aber sie schien nicht zu wissen, wovon ich sprach.

„Der Ring, den sie immer getragen hat, Silber mit einem Mondstein.“

„Jetzt weiß ich, welchen du meinst“, sagte sie gedehnt, „ein absolut wertloses Ding!“, und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich will ihn nicht verkaufen. Ich möchte ihn tragen“, erklärte ich und konnte zusehen, wie ihr Unbehagen wuchs.

„Hör zu“, sagte sie genervt, „falls ich ihn finde, werde ich ihn für dich aufheben, bis wir uns das nächste Mal sehen.“

Aber wir wussten beide, dass wir einander sobald nicht wiedersehen würden.

Nachdem sie gegangen war, ging ich wieder die Treppe hinauf, stellte den Rucksack ab und legte mich aufs Bett. Meine letzte Übernachtung an Großmutters Seite lag lange zurück. Aber so wenig ich es vermisst hatte, so schmerzlich war mir jetzt der Gedanke, es nie wieder tun zu können. Ich rollte mich auf den Bauch und steckte die Hände unter das Kopfkissen. Die Bettwäsche roch vertraut.

Ich hörte ihre Schritte in der Küche. Ich wartete gebannt, halb schlafend, halb wachend, auf das Knarren der Schranktür, doch stattdessen hörte ich eine Stimme von unten.

„Ist da jemand?“

Abrupt fuhr ich hoch. Ich musste eingeschlafen sein.

Meine Hände fuhren unter dem Kissen zusammen und ertasteten etwas, das nicht hätte da sein dürfen und doch genau dort lag, wo es hingehörte.

Großmutter hatte mir häufig kleine Geschenke unter mein Kopfkissen gelegt, wenn ich bei ihr übernachtet hatte, und wo früher einmal eine Feder und ein anderes Mal ein Stein gelegen hatte, lag jetzt der Ring. Ich nahm ihn und steckte ihn an meinen Finger. Dann hörte ich wieder die Stimme von unten.

„Hallo, ist da jemand?“

Mein Herz klopfte aufgeregt, als ich die Treppe hinunterschlich. Der Flur war dunkel bis auf einen schmalen Lichtstreifen, der unter der Küchentür hindurchfiel. In der Küche hörte ich Schritte, eine Schranktür wurde geöffnet, ein Stuhl verrückt. Es war tatsächlich jemand im Haus.

Ich öffnete die Tür und zunächst konnte ich niemanden entdecken, doch dann erhob sich eine Gestalt hinter dem Küchentisch. Da sie mir den Rücken zukehrte, räusperte ich mich, um sie nicht zu erschrecken.

„Entschuldigung“, sagte sie ohne Verlegenheit. „Ich konnte sie nicht mehr halten. Sie muss gespürt haben, dass etwas passiert ist.“

Es war die alte Nachbarin, die in dem verfallenen Haus hinter dem Rhododendron wohnte und weil ich sie verständnislos ansah, bückte sie sich unter den Tisch und tauchte mit einer Katze auf dem Arm wieder auf.

Ihr Fell war grauschwarz getigert, an den Pfoten und im Gesicht ging die Farbe in ein helles Braun über und um den Mund herum war sie rötlich, als hätte sie Spaghetti gegessen. Sie sah mich aus wissenden Augen an. Ihre Pupillen waren kreisrund, Halbmonde spiegelten sich darin. Sie blieb vollkommen ruhig auf dem Arm der Alten und beobachtete mich eindringlich, während wir uns unterhielten.

„Wo haben Sie den Ring gefunden?“, fragte sie forsch.

Und als schäme sie sich sogleich für ihre unverhohlene Neugier, drehte sie sich um, setzte die Katze ab und begann, Kaffee zu kochen.

Sie stellte zwei Tassen auf den Tisch und setzte sich mir gegenüber. Die Katze hatte das Schälchen ausgeleckt, das die Alte ihr auf die Erde gestellt hatte und rollte sich auf einem freien Stuhl zusammen.

„Es tut mir leid“, sagte sie.

Ich nickte nur.

„Als sie die Katze zu mir brachte, wusste ich, dass es mit ihr zu Ende ging. Sie hat mich gebeten, auf sie aufzupassen, weil sie es kaum noch schaffte, für sich selbst zu sorgen.“

„Was ist das für eine Katze?“

„Das war ihre und sie hat gesagt, Sie würden sie nehmen, wenn was passiert.“

Die Alte musste den Verstand verloren haben. Meine Großmutter hatte nie eine Katze gehabt.

„Sie hatte den Ring nicht um, als sie mir die Katze brachte“, sagte sie nach einer Pause. „Sie wissen doch, dass sie ihn nie abgenommen hat.“

Ich nickte wieder.

„Ich habe sie nach dem Ring gefragt und sie hat behauptet, sie hätte ihn verloren.“

„Was dachten Sie, was passiert wäre?“

„Sie hat ihn abgenommen und mir die Katze gebracht und dann ging sie zurück ins Haus, um zu sterben“, sagte sie und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, um dieser Ungeheuerlichkeit Nachdruck zu verleihen.

„Und Sie kümmern sich um die Katze!“

Das klang wie ein Befehl, nicht wie eine Frage.

Ich nickte müde.

Nachdem sie gegangen war, ging ich zurück nach oben und legte mich aufs Bett und am späten Nachmittag verließ ich mit der Katze unter dem Arm das Haus.

Eines Tages erhielt ich einen überraschenden Anruf. Ein Dr. Linde teilte mir umständlich mit, dass er mich sprechen müsse und wir vereinbarten ein Treffen in seiner Kanzlei in Hamburg. Es handle sich um einen Nachlass, mehr wollte er mir am Telefon nicht sagen.

Der Anruf meiner Tante wenige Tage später erstaunte mich nicht minder.

„Das Haus ist endlich leer“, begann sie. „Es hat länger gedauert als gedacht. Mutter hatte so viel Zeug angesammelt. Man kann ja nicht alles aufheben. Ich habe nur ihr Porzellan behalten und dann ist da noch der Karton.“

Es entstand eine Pause, in der sie offenbar auf eine Reaktion von mir wartete.

„Auf dem Karton steht dein Name. Hast du davon gewusst?“

„Nein“, hatte ich nicht.

„Es kann Zufall sein, dass dein Name draufsteht. Ich kann jedenfalls nicht finden, was diese Dinge ausgerechnet dich angehen.“

„Was willst du damit machen?“

„Ich?“, fragte sie empört. „Es steht dein Name drauf, das ist der einzige Grund, warum ich ihn nicht mit in den Container geworfen habe.“

„Soll ich ihn abholen?“

„Ich frage mich nur, was du damit anfangen willst?“

„Ich weiß nicht.“

„Schicken kann ich ihn jedenfalls nicht. Er ist zu schwer.“

Der Notar empfing mich in seinen Geschäftsräumen an der Außenalster. Er öffnete selbst die Tür und stellte sich förmlich vor.

„Linde, es ist mir eine Ehre.“

„Leni Moon-Leiser, angenehm“, stotterte ich.

„Es handelt sich um eine Erbschaft, das habe ich Ihnen ja bereits am Telefon mitgeteilt“, begann er.

Dann zog er einen silbernen Zylinder aus der Jackentasche und entfaltete eine winzige Lesebrille.

„Dieses Schriftstück wurde mir von Ihrer Großmutter anvertraut“, dabei schaute er prüfend über den Rand seiner Brille. „Mein herzliches Beileid.“

„Danke!“

„Ihre Großmutter hat Sie, abgesehen von dem Pflichtteil, den jedes ihrer Kinder erhalten hat, als Alleinerbin eingesetzt.“

Ich blieb stumm und wartete, und da er offenbar auf einer Reaktion bestand, zog ich anerkennend die Augenbrauen hoch.

„Sicher wundert es Sie, dass ich mich erst so lange Zeit nach dem Tod Ihrer Großmutter mit Ihnen in Verbindung setze?“

„Wie kommt es, dass Sie sich erst jetzt bei mir melden?“, fragte ich artig.

Herr Linde wirkte nervös und beobachtete jede meiner Regungen.

„Ihre Großmutter selbst hat diese Verzögerung verfügt. Es gibt zwei Testamente, von denen das erste die Erbschaft ihrer Kinder regelt. Erst wenn dieses von allen Parteien anerkannt worden ist, sollte meine Kanzlei eingesetzt werden, um Sie über den Inhalt des zweiten in Kenntnis zu setzen.“

„Dann bitte ich Sie, dem nachzukommen!“, platzte ich heraus und hörte mich schon an wie er.

Beim Anblick seines erschrockenen Gesichts, tat es mir leid, so forsch gewesen zu sein und ich lächelte.

Wenig später bereute ich mein Einlenken, denn er ließ den Schriftsatz auf den Tisch sinken und schob die Brille auf die Nasenspitze.

„Dieser Fall ist auch für mich kein alltäglicher“, begann er im Plauderton, erzählte von dem trockenen Juristenalltag und schien vergessen zu haben, weshalb ich gekommen war.

Als er merkte, dass ich erneut die Geduld mit ihm verlor, räusperte er sich und schob die Brille wieder in Position.

„Um nun zur Sache zu kommen, beginne ich mit den Rahmenbedingungen. Ihre Großmutter hat dem Testament einige Bedingungen vorangestellt. Ich werde Sie Ihnen nun vorlesen. Bitte unterbrechen Sie mich jederzeit, wenn Ihnen etwas unklar ist.“

Wir wussten beide, dass ich das nicht tun würde.

„Hiermit verfüge ich, Anna Helene Moon, geborene Luna, geboren am 25.11.1903 in Prag, dass nachfolgendes Testament frühestens einen Monat nach meinem Tod eröffnet werden darf…“

Er unterbrach sich ungebeten, um Erklärungen abzugeben, derer es nicht bedurft hätte, aber ich hielt meinen Blick starr auf meine Hände gerichtet und ließ alles über mich ergehen.

„Anliegendes Kuvert ist für meine Enkeltochter Leni Moon-Leiser bestimmt. Es ist ihr nach Vollendung ihres einundzwanzigsten Lebensjahres auszuhändigen.“

Sch…!

„Es gehört sich nicht, eine Dame nach ihrem Alter zu fragen. Also bitte, halten Sie mich nicht für unhöflich, wenn ich es dennoch tue. Wie alt sind Sie, Fräulein Leni?“

„Zu jung“, gab ich gepresst zurück. „Mein einundzwanzigster Geburtstag ist in sechs Monaten.“

„Dann tut es mir leid, dass ich Ihnen für heute nicht mehr sagen kann. Ich würde vorschlagen, wir treffen uns nach Ihrem Geburtstag wieder hier. Bis dahin werde ich das Kuvert für Sie verwahren. Ich selber habe keine Kenntnis des Inhalts und ich versichere Ihnen, dass Ihre Sache bei mir in guten Händen ist.“

Ein paar Wochen später fuhr ich aufs Land, um den Karton abzuholen.

„Dann zeige ich dir mal den Schatz“, scherzte Katharina ungewohnt aufgeräumt und führte mich zur Kellertreppe.

Ein schmaler Gang führte vorbei an einer Reihe von groben Holztüren. Vor der letzten Tür blieb sie stehen und schaute mich an.

„Was wirst du damit anfangen?“

„Ich weiß es nicht.“

Sie half mir, den Karton zu meinem Auto zu tragen, wo wir ihn umständlich auf den Rücksitz verfrachteten, weil er nicht in den Kofferraum passte.

Wir verabschiedeten uns noch am Auto, denn es gab nichts mehr zu sagen, und obwohl es bis zu Großmutters Haus nur wenige hundert Meter waren, fuhr ich mit dem Auto dorthin, um keine Erklärung geben zu müssen.

Ich hatte keine Zweifel, dass sich in Kürze ein Käufer für das Haus finden würde. Es war zwar klein und mit den Jahren baufällig geworden, aber es besaß mehr Charme als irgendein anderes Haus entlang der Dorfstraße.

Die alten Flügelfenster, die geschmiedeten Beschläge und die Fensterläden, die schon etwas schief in den Angeln hingen, machten seinen Reiz aus. Längliche Blumenkästen hingen unter den Fenstern. Großmutter hatte sie jedes Frühjahr mit einem neuen Anstrich versehen. In einem Jahr waren sie gelb, im nächsten rot oder blau. Auch die Fensterläden änderten ihre Farbe gelegentlich. Das Haus selbst war grau verputzt; es konnte jede Farbe tragen.

Von vorne sah es aus, als ob es lachte. Drei ausgetretene Stufen führten zu der breiten Haustür, das war der offene Mund. Links und rechts der Tür gab es je ein Fenster im Erdgeschoss, das waren die Wangen und zwei Fenster über der Haustür, das waren die Augen.

Während die anderen Holzteile ihre Farbe wechselten, blieb die Eingangstür in all den Jahren taubenblau. Inzwischen war die Farbe stellenweise abgeplatzt und gab den Blick frei auf uraltes Eichenholz, das Wind und Wetter über die Jahre getrotzt hatte. Der eiserne Türbeschlag war nach oben hin bauchig wie ein Zwiebeldach, nach unten hin verjüngte er sich und lief zu einer Pfeilspitze aus. Der Türgriff mündete in einem ovalen Teller, der wunderbar in der Hand lag und über dem Schlüsselloch war ein Herz ausgestanzt, wie ein kleines Mädchen es nicht schöner hätte malen können.

Das Haus war umgeben von einem großen Garten, aber im Winter war es schwer, seinen sommerlichen Charme zu erahnen. Die Westseite des Hauses war von wildem Wein bedeckt, dessen Blätter im Herbst in allen Rotschattierungen leuchteten. Efeu rankte an der brüchigen Gartenmauer, die das Grundstück nach hinten hin begrenzte. Hier konnte man den Mäusen bei ihrem Tagwerk zusehen.

In meiner Erinnerung erschienen die Sommer meiner Kindheit wie verzaubert. Die Tage dehnten sich unter der Sonne und im Schatten der Bäume stand die Zeit still. Sie waren zitronengelb und apfelgrün, sonnenbeschienen und ruhig, denn der Garten lag wie unter einer Glocke.

Dieser Eindruck entstand nicht zuletzt dadurch, dass beinahe jedes Fleckchen Erde von Blüten bedeckt war. Den Kiesweg vom Gartentor bis zum Haus säumten im Sommer Hunderte blauer Blüten. Entlang der seitlichen Grundstücksgrenze, zur unheimlichen Alten hin, wuchsen Rhododendren. An dem Weidenzaun, der das Grundstück zur Straße hin begrenzte, rankten Wicken und Kapuzinerkresse.

Hier und da waren Zinkwannen in die Erde eingelassen. Darin wuchsen Schilfgras und Lilien, Gaukler- und Trollblume, Calla und Pfeilkraut.

Großmutters besondere Fürsorge galt einigen Robinien, die sie nach Großvaters Tod gepflanzt hatte. Die Blätter der breiten säulenförmigen Bäume hingen paarweise zusammen wie Federn. Sie hatte bunte Flaschen in die Zweige gehängt, in denen Kieselsteine steckten, die, wenn der Wind sie bewegte, den Garten mit feinen Klängen erfüllten. Im Frühsommer verschwanden sie hinter weißen Blütentrauben.

Im Schatten der Bäume wuchsen wie in einem Feenwald Hunderte Maiglöckchen. Sie schossen nach dem Winter wie Speerspitzen aus dem Boden und wurden von Jahr zu Jahr mehr.

Von der Küche aus führten zwei Stufen hinab auf eine verwitterte Veranda. Großvater hatte sie gebaut. In den Morgenstunden war dies der schönste Platz im Garten. Ein Baldachin aus Winden und Mohn legte sich Jahr für Jahr darüber.

Wenige Schritte entfernt hatte Großmutter ihren Küchengarten. Dort wuchsen duftende und wohlschmeckende Kräuter und Gewürze von winzigen Buchsbaumspiralen gesäumt, aber auch Giftpflanzen, vor denen sie mich eindringlich gewarnt hatte.

In der Nähe der hohen Bäume, die vor dem weißen Februarhimmel noch größer wirkten, kam ich mir winzig vor.

Im hinteren Teil des Gartens stand eine alte Linde, rund um den Stamm hatte Großvater eine Bank gebaut. Dort hatten wir im Sommer Pfannkuchen gegessen oder Erdbeeren mit Zwieback und Milch.

In den Miniteichen lebten Wasserschnecken mit flachen Häusern wie Posthörner, andere mit spitzen Türmchen. Zitronenfalter gab es beinahe das ganze Jahr über und schillernd-grüne Libellen vom Schein des Wassers angezogen schwebten durch die Luft. Und Zaunkönige, klein und rund mit keck aufgestellten Schwänzchen. Sie lebten im schattigen Dickicht. Scheu kamen sie auf die Veranda und huschten wie Mäuse hin und her.

In Gedanken versunken drehte ich den Ring an meinem Finger und plötzlich glaubte ich, den Wind in belaubte Baumkronen fahren zu hören. Als wäre ich zurück in den unbeschwerten Sommertagen meiner Kindheit, baumelten meine nackten Füße über dem feuchten Gras. Ich fühlte den Wind in meinen Haaren und die Geschwindigkeit berauschte mich. Die Schaukel warf mich hoch in die Luft und riss mich einen Augenblick später wieder in die Tiefe, als würde ich fliegen und fallen.

Ich erwachte jäh, als sich jemand zu mir auf die Bank setzte. Einen Moment lang glaubte ich, Großmutter durch die Drehung des Ringes ins Leben zurückgeholt zu haben.

„Wie geht es der Katze in der Stadt?“, hörte ich eine raue Stimme fragen.

„Gut, tagsüber kann sie in den Garten hinter meinem Haus.“

„Rosalie, hat sie abends gerufen. Rosalie, kooom! Und dann kam sie angerannt wie ein Hund.“

„Rosalie? Ist das ihr Name?“, stotterte ich.

„Das hab ich doch gesagt“, gab die Alte unwirsch zurück.

Das hatte sie nicht.

Ich hatte, nachdem die Katze einige Tage namenlos gewesen war, diesen Namen für sie ausgesucht. Ich versuchte mich zu erinnern, wie ich darauf gekommen war.

„Haben Sie Post bekommen?“, unterbrach sie meine Gedanken.

„Woher wissen Sie das?“

„Tja“, sagte sie.

„Heißt das, Sie wissen, was in dem zweiten Testament steht?“

Sie verzog das Gesicht.

„Sagen Sie es mir“, bettelte ich. „Ich kann nicht bis zu meinem Geburtstag warten.“

„Dann wissen Sie es noch gar nicht?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Sie hat kein Vermögen hinterlassen, wenn Sie das denken.“

Ich wusste selbst nicht, was ich dachte.

Nach einer Weile bat sie mich beiläufig, ihr den Ring für einen Moment zu überlassen. Ich nahm ihn ab, doch als ich ihn eben übergeben wollte, erschreckte ich beim Anblick ihrer gekrümmten Finger. Die Nägel waren braun und gebogen wie die Klauen eines Tieres. Ich zog meine Hand zurück und sie griff ins Leere. Augenblicklich sprang sie wütend auf mich zu, als wolle sie mich fressen. Ich sah nun direkt in ihre gelben Augen, steckte hastig den Ring zurück an den Finger und hielt die Hand schützend vors Gesicht.

„Verschwinde!“, schrie ich.

Sie lief jaulend davon und verschwand in der Dunkelheit.

Ich blieb bis ins Mark erschüttert alleine im Garten zurück. Der Anblick der Alten, die sich im Schein des Mondes in eine grimmige Bestie verwandelt hatte, brachte mein Fundament ins Wanken. Ich war wie gelähmt und unfähig, auch nur einen Schritt zu tun, fiel ich auf die Bank zurück.

Als ich den Ring noch einmal drehte, trat der Mond hinter einem Wolkenfeld hervor. Die weiße Scheibe erhellte den Himmel und spiegelte sich in dem schimmernden Stein. Ein Licht schien aus seinem Inneren zu leuchten. Er wurde klar und ich erkannte Gestalten auf seinem Grund, Frauen mit wehenden Gewändern, die sich im Tanz bewegten. Das Schauspiel endete abrupt, als der Mond wieder hinter einer Wolke verschwand.

Die Haut um den Ring hatte sich erwärmt. Der Ring selbst war deutlich wärmer geworden, als es ein Stück Silber in einer frostigen Februarnacht hätte sein sollen.

Ich hatte schon früher Veränderungen in seinem Glanz bemerkt, aber in dieser Nacht zeigte der Mondstein ein ganzes Spektrum von Farben und Bildern, wie ein Projektor, der vom Mond beleuchtet, sein Innerstes an den Nachthimmel wirft.

Der Wind trug dumpfe Klänge an mein Ohr und ich lauschte so angestrengt, bis das Tosen meines eigenen Blutes mich zu umströmen schien.

Als ich den Garten verließ, war es bereits Nacht und der Kies vor dem Haus krachte so laut unter meinen Füßen, dass ich fürchtete, meine Schritte könnten die Nachbarschaft aufwecken, aber die Fenster blieben dunkel.

Ich hatte mein Auto auf dem kleinen Parkplatz in der Nähe des Waldes abgestellt, um nicht bemerkt zu werden. Dort war es jetzt stockfinster und als ich die Scheinwerfer einschaltete, sah ich eine dunkle Gestalt in den Wald huschen.

Als ich den Hausflur betrat, regte sich mein Nachbar hinter seiner Tür. Ich öffnete meine Wohnungstür und lächelte freundlich in Richtung des nachbarschaftlichen Spions. Ich richtete den Blick durch die Tür hindurch, sah ihm unverblümt ins Gesicht und sagte, ohne laut zu werden, gerade so als stünde keine Tür zwischen uns:

„Guten Morgen, Herr Radtke. Wären Sie vielleicht so freundlich, mir dabei behilflich zu sein, einen Karton aus meinem Auto zu holen?“

Keine Regung auf der anderen Seite.

Ich ging einen Schritt in den Flur hinaus, richtete meinen Blick fest auf die Tür und wiederholte meine Bitte im gleichen Wortlaut.

Diesmal konnte er sich nicht entziehen.

„Ja, gerne“, hörte ich ihn sagen.

Es entstand eine Pause, in der sich sein verdutztes Gesicht durch die grüne Wohnungstür hindurch abzuzeichnen begann. Er schüttelte den Kopf, offenbar peinlich berührt, setzte sich dann in Bewegung, griff nach einer verschlissenen Hausjacke, tauschte die Cordpantoffeln gegen ausgetretene Slipper und griff nach der Türklinke. Als er die Hand zurückzog, als habe er glühendes Eisen berührt, löste ich meinen Blick.

Er kam, die Schamesröte noch im verstörten Gesicht, zu mir in den Flur, und sein Blick fiel neugierig in meine Wohnung. Mein Nachbar zog die Tür seiner Behausung stets in linkischer Hast hinter sich ins Schloss. Man musste Angst haben, er würde sich eines Tages noch selbst darin einklemmen.

„Vielleicht mögen Sie im Anschluss, einen Tee mit mir trinken?“, sagte ich im Plauderton und ging, ohne eine Antwort abzuwarten, die wenigen Stufen bis zur Haustür hinunter.

Es entging mir nicht, dass er, dem ersten Impuls folgend, nach dem Haustürschlüssel in seiner Hosentasche tastete, um in den geschützten Raum seiner Wohnung zurückzukehren.

Ich hatte seine Ruhe gestört, aber ich hatte kein schlechtes Gewissen.

Das Ehepaar Radtke stahl seit Wochen meine Sonntagszeitung und beobachtete mich bei Tag und Nacht. Frau Radtke machte sich einen Spaß daraus, die Treppe am Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe zu wischen. Mit dem Schrubber schlug sie so lange gegen die Treppenstufen und schließlich gegen meine Wohnungstür, bis ich mich drinnen zu regen begann.