Röschen Dorn - Brigitta Ulusoy - E-Book

Röschen Dorn E-Book

Brigitta Ulusoy

0,0

Beschreibung

Röschen Dorn ist die Geschichte eines modernen Dornröschen mit Motiven aus dem Märchen der Gebrüder Grimm. Die Eltern, Albi und Liz Dorn hatten es endlich geschafft. Viel zu früh hatten sie das Hotel "Schlössle" übernehmen müssen und es mit viel Herzblut und noch mehr Arbeit modernisiert. Als ihnen dann nach langem Warten endlich auch das Wunschkind Rosalie, genannt Röschen, geschenkt worden war, schien das Glück vollkommen, hätte nicht am Taufessen eine ehemalige Mitschülerin, der im Internat übel mitgespielt worden war, diese unselige Verwünschung ausgesprochen. Doch dann vergingen die Jahre. Alle guten Wünsche der anderen Freundinnen der Mutter trafen ein: Röschen wurde hübsch, klug, kreativ. liebenswert und hilfsbereit und machte den Eltern nichts als Freude. Würde demnach auch die einzige, dafür umso schrecklichere Prophezeiung eintreten?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



… stört nicht auf, weckt nicht die Liebe, bis es ihr gefällt!

(aus »Das Hohelied«, Altes Testament)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Epilog

Kapitel 1

Albert Dorn, von seinen Freunden meist nur Albi genannt, und seine Ehefrau Elisabeth, mit Rufnamen Liz, hatten es geschafft. Einige Male hatte Albert seine Elisabeth gefragt:

»Wenn du damals gewusst hättest, auf was du dich einlässt, hättest du dich dann anders entschieden?« Doch Liz lächelte und gab ihm keine verbindliche Antwort.

»Was nützt es zu denken, wenn, dann? Es war nun mal so und nicht anders. Und jetzt wird alles leichter, du wirst sehen!«

Es schien wirklich, als wäre das Schlimmste überstanden. Das Hotel war nun ein »Vierstern-Plus-Haus«, und die Küche hatte verschiedene Auszeichnungen erhalten. Sie figurierten genauso unter den Wellness-, den Romantikhotels wie auch unter den für Seminare geeigneten Gasthäusern. Erst kürzlich, nachdem sie einen kleinen Streichelzoo und ein Spielzimmer eingeweiht hatten, waren sie auch in die Kategorie »kinderfreundliche Hotels« aufgenommen worden.

Das Hotel »Schlössle am Wald« strahlte nun im alten, ehrwürdigen Glanz und liess trotzdem keine Wünsche offen. Ja, in Wirklichkeit übertraf sein komfortables Innenleben die Vergangenheit bei Weitem. Doch bis es so weit gewesen war, hatte es viel Arbeit, viel Kopfzerbrechen und immer wieder horrender Bankkredite bedurft. Damals, vor 12 Jahren, als sie Hals über Kopf gezwungen waren, sich in das Abenteuer zu stürzen, hatte alles viel einfacher ausgesehen. Doch kaum hatten sie begonnen, zeigte es sich, wie viel Renovationsbedarf in dem alten Schlössle vorhanden war. Nichts hatte dem heute von den Gästen gewünschten Standard entsprochen.

Obwohl, die Eltern hatten das Haus keineswegs verlottern lassen. Darum waren die Mängel auf den ersten Blick auch kaum zu erkennen gewesen. Doch was sie getan hatten, war Flickwerk gewesen und konnte die Tatsache doch nicht verbergen, dass eine umfassende Umgestaltung von Nöten war.

So begannen sie bei den Zimmern, welche moderne sanitäre Anlagen bekamen. Die stilvollen Möbel wurden behalten und wo nötig restauriert, anderes wurde weggeben und durch Neues ersetzt. Die Teppiche liessen sie entfernen, so dass die schönen Parkettböden wieder zur Geltung kamen. Nachdem die Gästezimmer und Gänge auch frisch gestrichen und tapeziert und mit besserem Licht versehen waren, war schon einiges gewonnen.

Allerdings waren es zwölf harte Jahre gewesen. Eigentlich hatten sie sich ihre Jugendjahre anders, unbeschwerter vorgestellt.

Albert war 24 Jahre alt gewesen, hatte nach einer Handelsschule eine Kochlehre absolviert und vor etwas mehr als einem halben Jahr die erste Stelle in einem renommierten, grossen Hotel angetreten, als es passierte.

Einige Monate zuvor hatte er Liz kennengelernt. Sie war ein Jahr jünger als er, hatte zuerst ein Internat besucht, dann die Hotelfachschule absolviert und nach einem Praktikum an ebendiesem Hotel eine Anstellung als Gouvernante bekommen.

Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen zwischen den beiden. Sie war an der Rezeption gewesen, als er sich als Bewerber auf die ausgeschriebene Stelle gemeldet hatte, und es war um ihn geschehen. Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit, ihre sanfte Stimme, die glänzenden, blonden Locken, die grossen, blauen Augen, ihre schlanke Gestalt, alles entzückte ihn. Mit weichen Knien liess er sich ins Büro geleiten, um das Bewerbungsgespräch zu führen. Er riss sich dann allerdings zusammen. Er wollte diese Stelle unbedingt bekommen, konnte er dann ja in der Nähe dieser wundersamen Frau sein.

Er hatte Glück. Obwohl er noch wenig Erfahrung mitbrachte, schienen der Besitzer und der Chefkoch von ihm angetan. Vielleicht hatte auch die Tatsache, dass ihm, als Sohn eines Hoteliers, sozusagen das Flair für die Gastronomie seit der Wiege vertraut war, den Ausschlag gegeben. Der Chefkoch schien auch seinen Vater irgendwoher zu kennen, von einem Fortbildungskurs oder so was. Albi war es nur recht. Er hatte den Vertrag in der Tasche und konnte und wollte sofort beginnen.

Seine Vorgesetzten wurden nicht enttäuscht. Albi war tüchtig und fleissig, lernte rasch, hatte einen angeborenen Instinkt für das Kochen, entwickelte bald schon eigene Kreationen, aber nur soviel, dass sich der Chefkoch unterstützt und nicht von ihm herausgefordert fühlte. Die Arbeit war anstrengend und oft stressig, aber sie gefiel ihm.

In seiner Freizeit warb er um Liz, die sich zuerst spröde zeigte, aber bald schon zugänglicher wurde. Viel später erzählte sie ihm, dass er ihr auch auf den ersten Blick ausnehmend gut gefallen habe. Er sah gut aus, hatte ein einnehmendes Wesen und strahlte Zuverlässigkeit aus, wie es sehr selten ist bei einem Mann dieses Alters. Bald waren sie ein Paar, versuchten es einige Zeit vor den anderen Angestellten zu verheimlichen, was ihnen allerdings nicht gelang. Zu sehr strahlte die Liebe aus den Augen der beiden, als dass sie diese verheimlichen konnten.

Den Vorgesetzten war es nur recht. Geregelte Beziehungen waren besser, als ein unstetes Single-Leben mit dauernd neuen Partnern, Liebeskummer, Abstürzen etc. Auch würden die beiden tüchtigen Angestellten auf diese Weise bestimmt länger im Hause bleiben.

Die Verliebten hatten allerdings andere Pläne. Sie wollten noch etwa ein Jahr bleiben. Dann aber, ab ins Ausland! Die USA waren geplant, Kanada, dann Fernost. Um im Hotel- und Küchenfach weiterzukommen, waren solche Aufenthalte in verschiedenen Spitzenhotels unumgänglich. Sie hatten vor, sich möglichst früh zu bewerben, um möglichst im gleichen Haus eine Stelle zu finden, oder zumindest in der Nähe.

Doch das Schicksal machte den Verliebten einen Strich durch die Rechnung.

Eines Abends, sie sassen gerade gemütlich in Albis Studio bei einem Glas Wein, kam der traurige Anruf seiner Mutter. Sein Vater war ganz plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben. Er sei noch notfallmässig per Helikopter ins Spital gebracht worden, doch es war vergebens. Sein Vater, der Zeit seines Lebens kaum einen Tag krank gewesen war, der allerdings, wie viele seiner Berufskollegen, kein Kostverächter gewesen war, der gerne, wenn alle Gäste versorgt waren, selber einige Gläser getrunken und seine Zigarre dazu geraucht hatte, war tot. Albi konnte es kaum fassen.

Die Mutter war verzweifelt. Neben ihrer Trauer stellte sich die Frage: Was sollte sie nun mit dem Betrieb anfangen? Das Hotel »Schlössle am Walde« war ein Familienbetrieb. Der Vater hatte immer noch, unterstützt von einem Hilfskoch, eins, zwei Aushilfen und einem Lehrling, selbst hinter dem Herd gestanden. Die Mutter war der gute Geist, begrüsste die Gäste, war zuständig für die Dekorationen, schaute überall zum Rechten und zeichnete für das Büro verantwortlich.

Albi fuhr hin zur Beerdigung. Liz wollte ihn begleiten, bekam aber nicht frei, da es im Moment Hochsaison war und sie deswegen unabkömmlich.

Zu Hause herrschte das Chaos. Das Schlössle war voll belegt. Die Mutter hatte zwar einen pensionierten Koch, einen Freund des Hauses, aufbieten können. Doch der war natürlich nicht vertraut mit der Küche, den Menüs, den Geräten, die zu allem Überfluss auch noch Probleme machten, als spürten sie, dass sie nicht mehr mit den gewohnten Griffen bedient wurden. In Wirklichkeit war es aber eher so, dass vieles veraltet war und schon länger dringend ersetzt werden sollte.

In den wenigen Tagen, die ihm zur Verfügung standen, versuchte Albi das Wichtigste in die Wege zu leiten. Er holte Offerten ein für die ausgestiegenen Küchenmaschinen und telefonierte in seinem Bekanntenkreis herum, ob einer seiner Kollegen kurzfristig einspringen könnte, denn dem pensionierten Koch war es nur noch möglich zwei weitere Wochen zu bleiben, hatte er doch für sich und seine Frau eine längere Reise gebucht.

Nach langem Suchen fand Albi einen Koch, der mit ihm die Lehre gemacht hatte. Er war nicht seine erste Wahl gewesen, und der Sohn des Hauses liess ihn deshalb nicht mit dem besten Gefühl kommen, aber es war Not am Mann. Vielleicht hatte sich Norbert ja entwickelt und war nicht mehr so egoistisch wie früher.

Erschöpft und traurig reiste Albi zurück, zumal er eine ebenso erschöpfte und traurige Mutter zurückliess, wie er sie nie gekannt hatte. Seine Mutter war stark und immer der ruhige Pol gewesen, auch wenn es in der Küche hoch zu und her ging oder es Jahre gab, in denen das Hotel rote Zahlen schrieb.

Sein Trost war Liz, die ihn verständnisvoll sanft in die Arme nahm und sich grämte, dass sie ihm in den schweren Tagen nicht hatte beistehen können.

Albi stürzte sich in der Hotelküche förmlich in seine Arbeit. Er versuchte auf diese Weise die traurige Situation zu vergessen.

Doch bereits nach wenigen Wochen rief ihn die Mutter völlig verstört an. Norbert, der neue Koch, war untragbar. Er hatte sich mit den anderen Küchenangestellten zerstritten, es gab Beschwerden von Seiten der Gäste und nun, als sie mit ihm reden wollte, habe er sie angeschrien und ihr gedroht, fristlos zu kündigen.

Die Mutter bat ihren Sohn inständig, an seinem nächsten freien Tag zu ihr zu fahren, damit sie in Ruhe besprechen könnten, was zu machen sei. Auf diese Weise sehe sie sich jedenfalls nicht in der Lage das Hotel weiterzuführen.

Albi überlegte, was zu tun sei. Unterdessen hatte die Zwischensaison begonnen. Das Hotel war nicht mehr voll belegt. Er hatte genügend Überstunden geleistet und ausserdem seine Ferien für das laufende Jahr noch nicht eingezogen. So konnte er die Direktion mit gutem Gewissen um einen längeren Urlaub bitten. Und Liz? Könnte sie ihn vielleicht begleiten? Denn die Aussicht, einen Monat oder mehr von ihr getrennt zu sein, schien ihm unerträglich.

Es klappte alles. Sowohl er als auch Liz konnten Urlaub beziehen. Seine Freundin zwei Wochen und er selber einen ganzen Monat. Liz war es sehr angenehm, ihn zu begleiten, hatte sie doch seine Mutter noch nicht kennengelernt. So würde sie auch seinen Heimatort und das Hotel sehen und all die Dinge seiner Jugendzeit, von denen er ihr schon so viel erzählt hatte.

Liz verliebte sich im ersten Augenblick in das Hotel Schlössle. Dieses kleine, familiäre Haus fand sie ganz entzückend. Das war doch etwas anderes, als der grosse, unpersönliche Hotelkomplex, in dem sie momentan tätig waren. Und dann die Lage, diese Ruhe, hinten der Wald, nach vorne die schöne Aussicht ins Tal und auf den kleinen See. Und was für ein schöner schlossartiger Bau das war. Sogar ein kleines Türmchen war vorhanden. Einfach ein Traum! Sie wollte gar nicht mehr weg, sondern sofort kündigen, um Albis Mutter beizustehen.

Albi jedoch kannte die Mängel ihres Hotels, zumindest die offensichtlichen. Das Hotel hatte eine kritische Grösse, war zu klein, um es richtig professionell zu führen, aber zu gross, um ohne einige Angestellten auszukommen. Die Küche war total veraltet und konnte den Ansprüchen einer gehobenen Gastronomie, welche auch die seinen waren, nicht mehr genügen. Und was war mit ihren hochfliegenden Reiseplänen? Was sollte aus ihren unbeschwerten Jugendjahren werden, wenn sie erst im Familienhotel einstiegen?

»Aber wir können es doch versuchen«, meinte Liz, »wir müssen doch deiner Mutter über das Erste hinweghelfen. Dann, in ein bis zwei Jahren, wenn wir in Ruhe einiges in die Wege geleitet, gutes Personal gefunden haben, können wir uns immer noch davonmachen und unsere ursprünglichen Pläne verwirklichen.«

Schliesslich sah Albi ein, dass es keinen anderen Weg gab, um das Hotel nicht aufgeben zu müssen. Sie kündigten auf den nächstmöglichen Termin ihre alten Stellen und stürzten sich in das Schlössle-Abenteuer.

Kapitel 2

Und ein Abenteuer wurde es tatsächlich.

Von mehr Ruhe nach zwei Jahren konnte keine Rede sein.

Kaum am neuen Ort, begannen bereits die ersten Schwierigkeiten. Natürlich hatte der Sohn des Hauses zuallererst die Speisekarte inspiziert und die alte, deftige Kost durch leichte, raffinierte Menüs ersetzt.

In der Zwischenzeit hatte sich der pensionierte Koch – gut erholt von seinem langen Urlaub – bereit erklärt, einige Monate einzuspringen, nicht zuletzt, weil die teure, lange Reise einen schönen Teil der Ersparnisse verschlungen hatte.

Kaum stand nun der junge Chef mit grossem Elan und seinen vielen Neuerungen in der Küche, kam es zu teils heftigen Diskussionen zwischen den beiden Köchen. Der alte Koch fand, dass die neuen Kreationen kaum Anklang fänden bei der Klientel. Dass die neue Küche deshalb nur ganz allmählich eingeführt werden sollte. Es war aber für Albi ganz unmöglich, seine neuen Erkenntnisse über eine vernünftige Ernährung nicht einzubringen. Schliesslich hatte er nicht seine Karriere geopfert, um hier im Schlössle im wahrsten Sinne des Wortes vor sich hin zu wursteln. Man würde sehen. Bestimmt würden sich die Gäste begeistert zeigen von seinen wunderschön dekorierten, bekömmlichen Gerichten.

Bald waren Betriebsferien, wie jeden November. In dieser Zeit sollte einiges in Angriff genommen werden. So wurde der Hoteleingang mit den gemütlichen, aber etwas verstaubten und leicht verschlissenen Plüschgarnituren, die sowohl Albi wie auch Liz völlig veraltet fanden, durch eine moderne, aber trotzdem zum Stil des Schlössles passende Rezeption mit Bar und einigen Designer-Tischchen ersetzt. Eine raffinierte Beleuchtung war das berühmte Tüpfchen aufs i.

Die Mutter wurde angehalten, hier keine ihrer traditionellen bunten Sträusse aufzustellen. Als einziger Schmuck kam ein riesiges, modernes Gemälde an die Wand und eine kubische Vase, gefüllt mit Bambus-Stecken in eine Ecke.

Albi und Liz waren zufrieden. Der Eingang sah atemberaubend aus. Bestimmt würden die Stammgäste freudig überrascht sein über die Neuerungen.

Zusammen mit der neu eingerichteten Küche und der völlig überarbeiteten Speisekarte konnten sie fürs erste beginnen.

Und dann trafen die ersten Gäste ein, darunter manches Paar, das schon seit vielen Jahren ins Schlössle kam, also sozusagen mit dem Wirtepaar älter geworden war.

Die jungen Gastgeber hatten nicht bedacht, dass diese Leute gerade die Tradition suchten, dass es ihnen lieb war, alljährlich das Hotel gleich oder höchstens mal ganz sanft renoviert vorzufinden. Wo sollten sie nun ihr Schachbrett aufstellen oder ihrem Kartenspiel frönen? Manche hatten sich jeden Winter für eine Woche hier mit Freunden getroffen, um abends in der Hotelhalle zu spielen. Die winzigen Tischchen waren aber völlig ungeeignet für dieses Tun. Sie fanden den Eingangsbereich zwar auch schön, aber um gemütlich darin zu verweilen, bot er sich nicht an.

Auch mit dem Essen waren sie nicht so richtig zufrieden. Sie trauten es sich zwar kaum zu sagen, denn die Gerichte sahen wirklich wunderschön aus. Angerichtet auf grossen Tellern in originellen Formen, dekoriert mit exotischen Früchten und unbekannten Kräutern, wahrlich eine Pracht fürs Auge. Aber so richtig schmackhaft, wie früher so eine einfache Haxe oder eine deftige Wurstplatte, fanden sie die Speisen nicht. Und so richtig satt wurde man davon auch nicht, denn auch die Nachspeisen waren mehr schön anzusehen als sättigend.

Viele Stammgäste, die ein grosser Teil der Klientel des Schlössles ausmachten, beschlossen, im nächsten Jahr ein anderes Hotel aufzusuchen. So sank die Gästezahl bereits im ersten Jahr um über zwanzig Prozent.

Das junge Ehepaar sass manches Mal mit der Mutter zusammen, um zu besprechen, was zu tun sei. Natürlich hatte Letztere bei den Investitionen und den Veränderungen ihre Bedenken gehabt, doch war sie so froh gewesen, dass sich ihr Sohn entschlossen hatte herzukommen, dass sie kaum Einwände gemacht hatte. Auch wollte sie den jungen Leuten nicht sofort den Wind aus den Segeln nehmen.

Albi war sicher, dass nur eine Flucht nach vorne helfen würde. Wir müssen die veralteten Zimmer renovieren, vor allem auch die Bäder, die Gänge streichen, die Teppiche entfernen, so dass der ganze altmodische Mief draussen ist. Dann werden auch neue, jüngere Gäste bei uns Urlaub machen.

So wurde dieser Schritt in Angriff genommen, Offerten angefordert und erste Bankkredite eingeholt, denn das Eigenkapital war bereits ganz erbärmlich geschrumpft.

Die Zimmer und Gänge wurden schön, alles stilvoll, aus guter Qualität, kein Luxus zwar, aber doch gehobene Klasse. Viel Werbung war nötig. Tatsächlich kamen neue Gäste, aber es waren zu wenige, um auf längere Sicht überleben zu können.

Liz besprach sich mit einem guten Freund, der sich als Wirtschaftsberater auf Hotels und Restaurants spezialisiert hatte. Nach einem Augenschein gab er den ziemlich vernichtenden Kommentar ab:

»Das Schlössle ist nun für die alten Gäste zu modern und auch zu teuer.« (Die Pensionspreise hatten – bedingt durch die teuren Renovationen und das kostspieligere Kochen, leicht angehoben werden müssen) «Für die jüngere Generation bietet ihr jedoch viel zu wenig an. Was sollen junge Paare oder Familien hier schon anfangen? Ausser spazieren gehen wird hier praktisch nichts geboten, kein Wintersport, kein Swimmingpool, keine grossen Sehenswürdigkeiten, wenig Kulturveranstaltungen, keinerlei Wellness, nicht mal einen richtigen Kinderspielplatz, die rostige, alte Schaukel und die leicht wacklige Rutsche können ja nicht als solcher gelten, habt ihr im Schlössle. Etwas ganz Wichtiges fehle auch völlig: Heutzutage machen Seminar-Gäste einen nicht zu unterschätzenden Teil der Kunden aus. Ein Seminarraum mit der neuesten Infrastruktur ist also unumgänglich für ein Hotel an dieser leicht abgelegenen Lage. Diese Gäste könnten die flaue Zwischensaison beleben.«

Das Hotelleiter-Trio war zuerst wie vor den Kopf gestossen. Wie sollten sie das alles bewerkstelligen können und womit beginnen? Oder sollten sie das Schlössle vielleicht doch aufgeben, verkaufen, für Ferienwohnungen umbauen? Aber dafür hatten sie schon zuviel investiert, Geld und Herzblut. Sie wollten es versuchen.

Und so nahmen sie einen Punkt nach dem anderen in Angriff. Begannen mit dem Seminarraum, das war relativ einfach und nicht allzu teuer, gab es doch einen wenig benutzten kleinen Saal für kleinere Hochzeiten oder andere Festivitäten. Sie statteten ihn mit passenden Tischen und Stühlen aus und schafften die elektronischen Geräte an. Falls nötig, konnte dieser Raum mit wenigen Handgriffen auch wieder für ein festliches Essen hergerichtet werden.

Auch einige schöne Geräte für den Kinderspielplatz waren schnell angeschafft und aufgestellt. Dann erinnerte sich Albi an den schon fast vergessenen, uralten Tennisplatz hinter dem Haus, auf dem seit Jahren keiner mehr gespielt hatte. Im nächsten Frühling wurde auch dieser in Stand gestellt.

Und tatsächlich konnten sie im nächsten Jahr neue Gäste dazugewinnen, drei Seminare fanden statt, einige Eltern mit Kleinkindern, denen es gerade recht war, einmal Ferien weg vom Konsum-Rummel in Ruhe zu verbringen, meldeten sich an, und sogar einige junge Paare trafen ein. Doch es war immer noch zu wenig. Auch wenn sich die drei Leute kaum Lohn auszahlten, und Liz und Albi fast rund um die Uhr auf Trab waren, sie schrieben immer noch rote Zahlen.

Wieder kam es zu einer Dreier-Konferenz.

»Hören wir auf oder machen wir weiter?« warf Albi in die kleine Runde. Aber eigentlich war es keine Frage. Trotz allem dachte niemand der drei ans Aufgeben. Es gab ja auch Pluspunkte: Der pensionierte Koch hatte sich endgültig verabschiedet und einem jungen, ambitionierten Mann Platz gemacht, der Albis Begeisterung für kreative, etwas ausgefallene, aber auch bekömmliche Gerichte teilte, Liz verstand sich ausnehmend gut mit Albis Mutter. Sie hatten eine gute Aufteilung der anfallenden Arbeiten gefunden. Liz war besonders an der Rezeption, aber auch im Service tätig, fand sie doch ausgesprochen gut den Draht zu den verschiedensten Gästen. Albis Mutter war nach wie vor für die Dekoration zuständig, allerdings mit vielen Tipps der jungen Leute für eine neuzeitlichere Gestaltung, machte die Buchhaltung und überwachte die Reinigung und die Gartenarbeiten.

Das Renovieren ging mit immer grösseren Investitionen weiter: Einen kleinen Schwimmteich liessen sie bauen. Dann wurde der Keller ausgeräumt, denn bis auf wenige Tiefkühlschränke und den Wein- und Getränkekeller mussten keine grossen Vorräte gehortet werden, da die Lebensmittel durchwegs frisch zubereitet und die Zutaten mehrmals wöchentlich angeliefert wurden. Und seitdem die Wäsche auswärts gegeben wurde, stand auch die grosse Waschküche und der ehemalige Trocknungsraum leer. Genug Platz war also vorhanden, um einen kleinen Fitnessraum, zwei Saunen, einen Whirlpool, eine schöne, grosse Wellness-Wanne und einen Raum für Massagen einzubauen.

Das alles nahm wieder mehrere Jahre in Anspruch. Einige Male mussten wieder die Banken um neuerliche Kredite angegangen werden, was wie durch ein Wunder schliesslich immer klappte. Und irgendwann während der zwei Wochen Betriebsferien, die sich das Schlössle nun nur noch leistete, heirateten Liz und Albi in kleinem Kreis. An eine Hochzeitsreise war nicht zu denken, dazu fehlte sowohl das Geld, als auch die Zeit, war es doch im Jahr der grössten Investitionen durch den Wellness-Bereich. Sogar das Hochzeitsessen fand im eigenen Hotel statt. Allerdings gekocht und serviert von den Angestellten.

Die Mühe lohnte sich und trug allmählich Früchte. Albi hatte als Koch einen guten Namen und verschiedene Auszeichnungen erhalten. Es sprach sich herum, dass man im Schlössle am Walde gut aufgehoben sei und die verschiedensten Bedürfnisse und auch Spezialwünsche erfüllt würden. Die Freundlichkeit von Liz wurde gerühmt, und als das Hotel in verschiedenen Kategorien stets gut bis sehr gut bewertet wurde, war das Schlimmste überstanden.

Der einzige Raum, der noch keinerlei Renovation unterzogen worden war und seine Bestimmung noch nicht gefunden hatte, war das Turmzimmer. Liz schwebte vor, dort irgendwann eine Hochzeitssuite oder einfach ein Zimmer für Verliebte herzurichten. Irgendwann, in einer ruhigeren Zeit, wollte sie dieses Projekt in Angriff nehmen. Doch wie es oft so geht, diese ruhige Zeit kam nie. Immer stand etwas anderes, Wichtigeres im Vordergrund. Und schliesslich ging dieser Plan völlig vergessen.

Kapitel 3

Viel Zeit war vergangen. Albi und Liz waren älter geworden, er 36, sie 35 Jahre alt. Es war höchste Zeit, die Familienplanung in Angriff zu nehmen, denn beide wünschten sich von ganzem Herzen Kinder.

Als eine der letzten Neuerungen hatte Liz mit viel Liebe im Untergeschoss ein Kinderspielzimmer und in einer Ecke des Gartens einen kleinen Streichelzoo mit Meerschweinchen, Kaninchen und zwei Zwerggeissen eingerichtet. Dies war nötig, um auch in der Kategorie kinderfreundliche Hotels zu figurieren. In erster Linie aber war das Interesse von Liz daran so gross, weil sie in den letzten Jahren immer mehr an eigene Kinder dachte.

Aber die viele Arbeit und die Sorgen um das Hotel hatten stets im Vordergrund gestanden. Das Ehepaar war die ganzen Jahre über vernünftig gewesen und hatte die Erfüllung des Kinderwunsches auf ruhigere Zeiten verschoben. Ruhiger war es zwar nicht geworden. Immerhin stand das Hotel nun finanziell auf sicheren Füssen, so dass sie sich auch eine weitere Kraft für den Service leisten konnten.

Und nun stand der Familienvergrösserung nichts mehr im Wege. Liz und Albi konnten endlich mit gutem Gewissen die leidige Verhütung beiseite lassen und sich auf eine Schwangerschaft freuen.

Doch diese blieb aus. So oft sie sich auch liebten, Monat für Monat kam es zu einer Enttäuschung. Die vielen guten Ratschläge von Freundinnen und Besuchen bei Ärzten und Heilpraktikern halfen nichts, obwohl keine organische Störung vorgefunden worden war

Nach zwei Jahren hatten sie die Hoffnung aufgegeben und beschlossen, ihre ganze Kraft in ihr Hotel zu legen. Doch Albis Mutter spürte die Trauer der Beiden. Sie sollten sich endlich mal erholen. Sie erinnerte sich auch gut daran, dass sie selbst erst nach vielen Jahren der Kinderlosigkeit in den Ferien schwanger geworden war. Also schenkte sie ihnen zu Weihnachten einen Gutschein für eine Kreuzfahrt in südlichen Gefilden. Es war das erste und einzige Mal, dass sie ausserhalb der Betriebsferien verreisten. Das war nur möglich, weil sie einen überaus tüchtigen Auszubildenden im letzten Lehrjahr hatten, und zusätzlich war da ein junger Koch, der bei ihnen als Überbrückung für ein paar Monate eine Praktikumsstelle innehatte. Es war auch gerade Zwischensaison, als sie – mit einigen Bedenken zwar – abreisten.

Die Schiffsreise war in jeder Hinsicht ein Erfolg, denn tatsächlich, die Übelkeit, die Liz nach einigen Tagen auf dem Schiff jeden Morgen heimsuchte, war keine Seekrankheit. Liz war schwanger. Die Freude der werdenden Eltern und der Grossmutter war unbeschreiblich.

Und pünktlich nach neun Monaten, wie es sich gehört, kam ohne Probleme ein ganz allerliebstes Mädchen zur Welt, das sie Rosalie nannten, vorläufig, als es noch so winzig war, aber von allen nur Röschen genannt wurde.

Nun wollte die glückliche Mutter das Ereignis aber feiern.

»Wir haben kein richtiges Hochzeitsfest durchgeführt, keine Hochzeitsreise gemacht und hatten auch meistens kaum Zeit, unsere Geburts- und Hochzeitstage gebührend zu feiern. Dafür möchte ich nun ein besonders schönes Tauffest«, verkündete Liz. Der stolze Vater und die, wenn möglich, noch stolzere Grossmutter waren damit völlig einverstanden.

Es wurde geplant. Wann sollte das Ereignis stattfinden und wo? Wer sollte eingeladen werden? Schliesslich einigte man sich aber doch auf eine traditionelle Taufe nur mit Paten, Verwandten und engsten Freunden. Das Essen sollte in einem schmucken Restaurant in der Nähe stattfinden.

»Damit wir für einmal nichts zu tun haben«, bestimmte Albi.

»Dafür will ich aber einen Tag vorher meine Internats-Freundinnen ins Schlössle einladen, das bin ich ihnen schuldig«, erklärte Liz hartnäckig, »so was wie ein verspäteter Polterabend! Alle diese guten Feen haben mich immer unterstützt, mir Ratschläge erteilt, als ich so lange nicht schwanger wurde und mir auch vorher, all die schwierigen Jahre hindurch, immer wieder Mut gemacht.«

»Okay, du sollst dein Frauenfest haben«, gab Albi gutmütig zur Antwort. Und eigentlich machte es ihm selber auch grossen Spass, das Beste aus Küche und Keller auftischen zu lassen, um Liz’ Freundinnen zu beeindrucken.

Die Grossmutter war auch entzückt. Sie hatte bereits eine ganz hübsche Idee für eine Tischdekoration und tat geheimnisvoll

»Schau mal, Liz, ich zeige dir etwas, was du noch gar nicht gesehen hast«. Sie nahm sie nach oben in ihre kleine Wohnung, die sie seit dem Einzug der jungen Generation bezogen hatte, öffnete einen alten Schrank und brachte gut verpackte, alte Teller zum Vorschein.

»Sie sind noch von meinen Eltern. Das war damals das Fest-Porzellan im Hotel. Es war mir aber wirklich zu schade, um es im Speisesaal zu gebrauchen, zumal auch nicht mehr sehr viel davon vorhanden ist. Wie viele seid ihr denn?«

»Wir waren keine grosse Klasse«, Liz zählte die Namen auf, zögerte dann kurz und sagte:

»Zwölf sind es, also ohne mich!« Liz stiess einen Schrei vor Entzücken aus. »Die Teller sind ja herrlich«, rief sie aus, »dieses feine crème-weisse Porzellan, und dann der dicke Goldrand, fantastisch! Sag, gibt es noch genug davon?«

Es zeigte sich, dass es ganz genau genügend Teller gab, aber keinen einzigen zu viel. Die Grossmutter bemerkte nicht, dass Liz einen kurzen Moment nachdenklich wurde. Albis Mutter hatte bereits eine passende Tischdecke und Servietten zur Hand und würde zusätzlich mit Kerzen, Blumen und kleinen Wickelpüppchen den Tisch verzaubern.

Albi seinerseits dachte sich ein köstliches vielgängiges Menü aus, und Liz kreierte die Einladungskarten. Und bald schon trafen die Zusagen ein. Alle, ausnahmslos alle, wollten kommen.

Liz freute sich unbändig auf diesen Freundinnen-Abend, waren sie doch seit ihrer Internatszeit nie mehr vollzählig beieinander gewesen. Wenn sie ehrlich zu sich war, musste sie zugeben, dass sie sich auf diesen Polter-Taufabend sogar mehr freute als auf das eigentliche Tauffest.

Kapitel 4

Röschen Dorn lag an besagtem Abend schön herausgeputzt, friedlich schlafend im Kinderbettchen, als die Freundinnen alle zusammen eintrafen.

Der Tisch war festlich gedeckt, und nach der freudigen Begrüssung und gebührenden Bewunderung des Neugeborenen setzte man sich. Bei frohem Gespräch und vielen »weisst du noch?« wurden alsbald die köstlichsten Gerichte aufgetragen.

Vor der Nachspeise entschuldigten sich die 12 Freundinnen kurz, um gleich darauf wieder in einer langen Reihe einzutreten. Jede der Frauen trug einen wunderschönen Rosenstock in den verschiedensten Farben. Nacheinander traten sie an die Wiege, und jede hatte einen besonderen guten Wunsch für Röschen.

Die erste Freundin sagte:

»Ich war oft krank in meiner Jugendzeit. Darum wünsche ich dir für dein Leben Gesundheit«, und sie stellte einen Rosenstock mit schneeweissen, makellosen Blüten neben das Bettchen.

Die zweite Freundin kam an die Reihe:

»Als Schülerin war ich ein hässliches Entchen mit Pickel und dicker Brille, deshalb wünsche ich dir Schönheit!« Ihr Rosenstock war von einer edlen Lachsfarbe.

Die dritte Frau verkündete:

»Meine Schulnoten waren ziemlich durchschnittlich, darum wünsche ich dir Klugheit.« Von ihr wurde ein gelber Rosenstock deponiert.

Die Vierte verkündete:

»Ich war immer ziemlich bequem und faul, dir Röschen wünsche ich Fleiss.«

Eine Pflanze mit gelbroten Blüten wurde von ihr geschenkt.

Die fünfte Freundin wünschte Röschen Kreativität, weil sie anscheinend keine Fantasie hatte, diese Rosenblüten waren weiss-rosa.

Die sechste Freundin sagte von sich, dass sie ziemlich egoistisch gewesen sei während ihrer Schulzeit, deshalb wünsche sie Röschen Güte und stellte einen weiteren Rosenstock mit zitronengelben Blüten dazu.

Die siebte der Anwesenden erzählte, dass sie ein ziemlicher Trampel gewesen sei, deshalb war ihr Wunsch für Röschen Anmut. Dazu passte der Rosenstock mit zarten, rosafarbenen Blütenknospen wunderbar.

Dann war die achte Frau an der Reihe.

»Ich war immer so schnell aufgeregt und verärgert, deshalb ist es Gelassenheit, was ich dir wünsche.« Ein Topf mit samtigen, ganz dunkelroten Rosen wurde neben die Wiege gestellt.

Schon beugte sich die neunte der Freundinnen über Röschen.

»Ich habe mir immer viel zu viel Sorgen gemacht, dir Röschen wünsche ich Vertrauen,« sagte sie. Röschen bekam einen weiteren Topf Blumen. Diesmal waren seine Blüten crèmefarben.

Die zehnte Frau wünschte Röschen Beliebtheit, anscheinend hatte es ihr während der Internatszeit etwas daran gemangelt. Eine gelbrote Rosenpflanze kam nun dazu.

Die elfte ehemalige Internatsschülerin trat nun zum Bettchen.

»Ich war früher oft nicht so besonders nett mit den anderen Menschen, darum wünsche ich dir Freundlichkeit.« Auch die hellrote Rose, die sie mitgebracht hatte, war eine wahre Pracht.

Nun wollte die zwölfte und letzte der Freundinnen ans Bettchen treten, als die Gesellschaft durch einen Lärm abgelenkt wurde. Anscheinend versuchte jemand den Saal zu betreten, wurde jedoch vom Servicepersonal daran gehindert. Doch die Person liess sich nicht abweisen. Laut fluchend und schimpfend, in einen abgeschossenen, schmutzigschwarzen Kapuzen-Mantel gehüllt, verschaffte sie sich Einlass und trat mit torkelndem Gang näher. Als sie die Gruppe erreicht hatte, schlug sie ihre Kopfbedeckung zurück und schaute herausfordernd in die Runde.

»Roberta?« Liz schrie es beinahe, als sie ihre dreizehnte ehemalige Mitschülerin zu erkennen glaubte. Die Angesprochene lachte höhnisch auf, was allerdings eher nach einem Krächzen denn nach einem Lachen klang.

»Ja, die bin ich. Ich wollte doch mal sehen, wie schön euer Fest ist, zu dem ich nicht eingeladen wurde.«

Albi, inzwischen vom Personal auf den Zwischenfall aufmerksam gemacht, trat aus der Küche in den Saal, wo Totenstille herrschte. Fragend sah er zu Liz, die aber nur ganz leicht den Kopf schüttelte. Die abgerissene Gestalt sah schrecklich aus, hatte eine ungesunde gelbliche Hautfarbe, rotgeränderte Augen mit starrem Blick und ein eingefallenes, knochiges Gesicht. Bevor Liz sie daran hindern konnte, trat sie auf Röschens Wiege zu, beugte sich darüber und sagte:

»So, mein Kind, ich will dir auch etwas wünschen. Ich wünsche dir, dass du an einem Stich stirbst mit 18 Jahren, genauso wie ich durch den Stich in mein Herz, den du, Liz, mir beigebracht hast, in diesem Alter sozusagen gestorben bin. Und eine Rose schenke ich dir auch, vom Friedhof, frisch gestohlen!« Damit warf sie eine fast schon verwelkte, bräunlich-schwarze einzelne Rose auf die Decke des Bettchens.

Albi und Liz, die einen Moment vor Schreck wie erstarrt waren, stürzten gemeinsam auf Roberta zu und zogen sie vom Bettchen weg, denn man wusste ja nicht, was diese noch alles vorhatte mit ihrem Baby.

Roberta liess sich nun aber ganz zahm wegführen. Sie hatte ihre Mission erfüllt.

»Bekomme ich nichts zu trinken?« fragte sie, »das ist das Wenigste, was ihr für mich tun könntet, da ihr mich ja nicht eingeladen habt.« Albi veranlasste, dass sie an der Hotelbar etwas bekam, nahm ihr aber das Versprechen ab, dass sie danach anstandslos das Hotel verlassen würde.

Liz war bereits zu ihren Freundinnen zurückgekehrt, wo eine gedrückte Stimmung herrschte. Doch plötzlich trat die zwölfte der Frauen hervor. Sie trug immer noch den Rosenstock mit wunderschönen blutroten Rosen, vielleicht der schönste von allen. Sie trat behutsam ans Bettchen, beugte sich über das Kind und sagte:

»Meinen Wunsch habe ich noch nicht getätigt. Ich, Röschen, ich wünsche dir ein langes, erfülltes Leben.«

Alle Anwesenden klatschten. Damit hatte sie Robertas Verwünschung gemildert.

Liz bedankte sich bei ihren ehemaligen Klassenkameradinnen, und nachdem eine der Frauen zugegeben hatte, dass sie Roberta vor einigen Tagen völlig betrunken in der Stadt angetroffen hätte und ihr leider, leider von der Einladung erzählt habe, war das Rätsel über ihr Kommen gelöst.

Liz versuchte dann sofort, die Frauen durch ein anderes Thema abzulenken, und als Albi persönlich die wunderschönen Nachspeisen-Teller brachte, war die Stimmung bald wieder besser.

Roberta hatte das Hotel, noch etwas mehr schwankend, inzwischen verlassen.

Kapitel 5

Todmüde sanken Liz und Albi nach diesem Abend ins Bett. Nachdem die Freundinnen sich endlich verabschiedet hatten, mussten sie noch aufräumen, denn am nächsten Tag sollte ja das eigentliche Tauffest stattfinden, für das ein Teil der Gäste am Vormittag zum Kaffee eingeladen war.

Abgesehen vom unschönen Zwischenfall war es ein toller Abend gewesen. Alle Frauen hatten sich begeistert vom Hotel Schlössle und von Albis Kochkünsten gezeigt. Liz lächelte. Sie war sehr zufrieden mit ihrer Leistung. Nun wollte sie rasch einschlafen, damit sie morgen wieder frisch und munter die nächsten Gäste empfangen konnte.

Doch kaum war das Licht gelöscht, hatte sie die hässliche Szene mit Roberta vor den Augen, sah die krank aussehende, abgezehrte Gestalt vor sich, wie sie sich über Röschen beugte und die Verwünschung ausstiess. Sie begann innerlich zu zittern. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie wälzte sich unruhig im Bett umher, bis Albi fragte, was denn los sei.

»Ach, der schreckliche Auftritt von Roberta geht mir nicht aus dem Kopf. Ich habe solche Angst.«

»Also, ich finde, du übertreibst, was war denn schon? Du hast ja gesehen, die Frau war stockbetrunken, ist vermutlich Alkoholikerin, nimmt

vielleicht sonst noch allerlei ein. Die ist doch nicht ernst zu nehmen.«

»Aber weisst du, ich habe so ein schlechtes Gewissen. Damals im Internat haben wir ….«

Da hörte Liz ruhige, tiefe Atemzüge und schaute zu Albi hinüber. Dieser war bereits eingeschlafen. Liz war einen Moment ärgerlich. Sie hätte es so nötig gehabt, sich mit ihrem Mann zu besprechen. Andererseits, er hatte wirklich viel und lange gearbeitet heute. Während sie sich mit ihren Freundinnen amüsierte, hatte er meist in der Küche gestanden und alle die feinen Leckerbissen zubereitet. Da konnte sie ihm ja nicht verübeln, dass er nun seinen wohlverdienten Schlaf einzog. Vielleicht war es auch besser, die Sache fürs Erste auf sich beruhen zu lassen, denn Morgen war der Tauftag. Da wollte sie nicht an solche alten Geschichten denken.

Doch Liz fand noch lange keinen Schlaf. Als sie schliesslich doch noch etwas wegdämmerte, hatte sie unruhige Träume, von der Internatszeit, von den strengen Lehrerinnen, die sie verfolgten, von Roberta, die schwarze Flügel hatte, über ihr dahinflog, dabei krächzend, wie ein riesiger Vogel, Verwünschungen ausstiess.

Nach der Taufzeremonie, dem Gourmet-Essen, dem anschliessenden Spaziergang am kleinen See mit Kaffee/Kuchen im Wintergarten des dortigen Cafés, als sich schliesslich alle Gäste auf den Heimweg gemacht hatten und das Ehepaar, Grossmutter und Röschen endlich ihr Heim erreicht hatten, war das

Kind unleidlich, begann zu weinen und wollte gar nicht mehr aufhören damit. Anscheinend waren die verschiedenen Festivitäten, die vielen fremden Leute, etwas viel gewesen für das kleine Mädchen. Liz stillte und wiegte es. Das Baby wurde frisch gewickelt auf den Armen der verschiedenen Bezugspersonen im Haus umher getragen. Doch Röschen wollte sich einfach nicht beruhigen.

Mit der Zeit waren alle drei Erwachsenen völlig entnervt und müde. Zuerst zog sich die Grossmutter zurück, und schliesslich verschwand auch Albi ins Schlafzimmer. Liz, allein mit Röschen, begann sich allmählich Sorgen zu machen. War das Kind krank? Hatte Roberta es schlecht beeinflusst mit ihrem bösen Wunsch? Wieder hätte Liz so gerne mit ihrem Mann gesprochen, doch der lag bereits schlummernd im Ehebett. Endlich fand dann das Baby doch noch seinen Schlaf, und auch Liz konnte sich hinlegen.

Doch auch in dieser Nacht schlief sie wenig und schlecht. Mehrmals wachte sie auf, stand auf, um im Kinderzimmer nach Röschen zu sehen, prüfte, ob das Kind vielleicht Fieber hatte. Dann schlich sie sogar runter ins Erdgeschoss, um nachzusehen, ob auch alle Türen richtig verriegelt seien.

Die nächsten paar Tage und Nächte vergingen ähnlich. Liz fand keine Gelegenheit, um mit Albi zu reden, einmal war das Restaurant wegen einem Geschäftsessen ausgebucht, am anderen Tag hatte ihr Mann seinen freien Abend, an dem er sich regelmässig mit zwei guten, alten Freunden traf. Ein erleichterndes Gespräch ergab sich einfach nicht. Liz schlief weiterhin wenig, sah immer wieder nach dem Kind und hatte in der Nacht die fast schon zwanghafte Angewohnheit mehrmals nachzusehen, ob die Haustüre, die Fenster und auch ihre private Wohnungstüre wirklich abgeschlossen seien.

Dann, nach einigen Tagen, bemerkte Albi Lizes Unruhe.

»Was wälzt du dich auch dauernd im Bett herum und stehst immer wieder auf, ist etwas?« wollte er beunruhigt wissen.

»Ich mache mir halt einfach Sorgen wegen Roberta. Was, wenn sie plötzlich auftaucht, um Röschen etwas anzutun?«

»Ach, das ist es! Aber ich habe dir doch schon erklärt, dass die Frau betrunken war und deshalb nicht ernst zu nehmen ist. Sollte sie aber nochmals auftauchen und Schwierigkeiten machen, werde ich sie rauswerfen, ihr Hausverbot geben und notfalls auch die Polizei holen. Mach dir mal deswegen keine Sorgen!«

»Aber du weisst ja immer noch nicht, was bei uns in der Klasse passiert ist. Warum Roberta so gehandelt hat und ich ein schlechtes Gewissen habe. Das hat schon seinen Grund.«

»Dann erzähl mir doch einfach mal, was damals passiert ist!« Und Liz begann, sich die belastende Angelegenheit von der Seele zu reden.

Kapitel 6

»Ich habe dir ja bereits erzählt, warum ich die letzten anderthalb Jahre meiner Schulzeit im Internat verbracht und dort mein Abitur abgelegt habe. Wie du weisst, ging es meiner Mutter nach der Trennung von meinem Vater eine Zeitlang so schlecht, dass sie einige Male in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden musste. Ich war deshalb oft alleine zu Hause. Zu meinem Vater wollte ich nicht, da er damals bereits mit seiner Freundin, die zwei Kinder mitgebracht hatte, zusammenlebte. So fanden meine Eltern, dass ich von dieser Misère Abstand brauchte und meldeten mich im Internat an, obwohl diese private Schule eigentlich viel zu teuer war für sie. Ich war 16 ½ Jahre alt, als ich eintrat. Die anderen zwölf Mädchen, die du ja jetzt alle kennengelernt hast, waren zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre zusammen gewesen und eine verschworene Clique. Es waren alles Mädchen aus sogenannt gutem Hause, das merkt man ihnen ja immer noch an, oder nicht? Die gehen einfach mit einem anderen Selbstvertrauen durchs Leben, scheinen irgendwie zu schweben.

Gleichzeitig mit mir trat Roberta ein. Sie war von Anfang an eine Aussenseiterin, war ein Jahr älter alswir, erfahrener, irgendwie auch attraktiver, mit Kurven und langen, dunklen gelockten Haaren, andererseits immer irgendwie leicht schlampig. Sie hatte, falls das nicht rassistisch tönt, etwas Zigeunerhaftes an sich. Ich war fasziniert, gleichzeitig aber auch abgestossen von ihr. Die anderen Mädchen rümpften unisono die Nase über sie. Es wurde getuschelt, dass sie von der öffentlichen Schule geflogen sei. Sie sei einmal einige Tage vermisst gewesen. Die Polizei sei aufgeboten worden, es sei in der Zeitung und im Radio verkündet und bereits das Schlimmste befürchtet worden. Schliesslich habe man das Mädchen aber unversehrt bei einem Freund gefunden. Sie hätten sich im Dachstock ein Liebesnest eingerichtet, seien betrunken gewesen und high von irgendwelchen Drogen.

Sie sollte in ein Heim gebracht werden, da sie aus desolaten Familienverhältnissen stammte. Man munkelte sogar, dass ihre Mutter eine Nutte sei und ihr Vater? Da gab es auch die wildesten Gerüchte:Vvon Zuhälter, über Mafiaboss bis zu unbekannt kursierten alle möglichen Varianten. Roberta darauf angesprochen, lächelte nur. Anscheinend gefiel ihr das Geheimnisvolle, das sie umgab. Ein betuchter Onkel, vielleicht war es der neueste Freund der Mutter, hätte es dann fertiggebracht, sie im Internat unterzubringen, was nicht einfach gewesen sein soll, da die Internatsleitung auf Mädchen aus gehobenen Kreisen und mit guten Umgangsformen grossen Wert legte.

Das Einzige, was Roberta immer wieder sagte, war: »Wisst ihr, das ist meine letzte Chance. Wenn ich es hier nicht schaffe, gehe ich vor die Hunde!«

Das höre ich noch heute.

Da die anderen Mädchen bereits in zweier Zimmern untergebracht waren und sich keinesfalls trennen wollten, bekam ich mit Roberta zusammen ein Zimmer. So hatte ich von allen den intimsten Kontakt mit ihr, sah ihre gewagte Unterwäsche, ihre Schminkutensilien und die Zigaretten, die sie unerlaubterweise eingeschmuggelt hatte. Ich erhielt auch Aufklärungslektionen von ihr, wie sie umfassender kaum sein konnten, Natürlich war ich zu dieser Zeit biologisch aufgeklärt, und wir wussten auch damals aus den einschlägigen Heftchen so manches. Doch Roberta erzählte mir alles viel anschaulicher, ausführlicher und lebendiger, als hätte sie so manches bereits selber ausprobiert oder zumindest mitangesehen. Vielleicht war es ja wirklich so, wie gemunkelt wurde, und sie war in einem Bordell aufgewachsen. Als sie mich fragte, ob ich es schon mal getan hätte, und ich kleinlaut verneinen musste, lächelte sie mitleidig und nannte mich »süsses Baby«. Doch als ich sie danach fragte, lächelte sie weiter, diesmal geheimnisvoll, und blieb mir die Antwort schuldig.

Wie gesagt, Roberta interessierte mich irgendwie. Andererseits war es mir aber viel wichtiger, dass ich bei den anderen Mädchen gut ankam. Ich setzte alles daran, dass sie mich in ihren Kreis aufnahmen. Ich wünschte mir teure Markenklamotten zu Weihnachten und zum Geburtstag, damit sie nicht merkten, dass meine Eltern nicht so reich waren wie die ihren. Ich wollte nicht in einen Topf geworfen werden mit Roberta, denn es gab ja schon Ähnlichkeiten. Beide waren wir später eingetreten, beide waren wir nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden, und beide kamen wir ins Internat, weil es zu Hause nicht zum Besten stand. Erstaunlicherweise war ich sehr beliebt bei meinen Mitschülerinnen«.

»Was soll daran so erstaunlich sein. Das ist doch klar, so ein hübsches, liebenswürdiges, hilfsbereites Mädchen wie du. Du kommst doch sowieso mit allen Leuten klar,« warf Albi ein und küsste Liz auf die Stirne.

»Vielleicht habe ich das ja gerade während meiner Internatszeit gelernt«, gab Liz nachdenklich zurück, »ich habe mich bemüht auf alle aus der Klasse einzugehen, zu lachen, wenn sie es lustig fanden, zuzuhören, wenn sie ihre Geschichten erzählten, alles nur, damit ich beliebt und angenommen war von ihnen.

Roberta jedoch schien sich nicht darum zu scheren. Sie trat immer wieder ins Fettnäpfchen, spottete über das spiessige Grossbürgertum, über die goldenen Käfige, in die sich die reichen Mädchen nach ihrer Heirat wohl begeben würden und so weiter.