Rosenspiel - Gitta Becker - E-Book

Rosenspiel E-Book

Gitta Becker

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Beschreibung

Eine kleine verräterische Geste ihres Mannes lässt Susanne Kramer neugierig werden. Der Gang in sein Büro, der Blick in seine E-Mails gibt ihr die Gewissheit und schickt sie von ihrer rosaroten Wolke direkt in die Hölle: Er betrügt sie! Sie spielt mehrere Möglichkeiten durch: Ihren Mann und seine Geliebte auf der Stelle zu töten, ihre Koffer zu packen und zu gehen oder in das Spiel einzugreifen, das mit ihr gespielt worden ist. Ist es Rache, ist es Gerechtigkeit oder Neid auf die Geliebte? Susanne ist das egal, als sie ihr Spiel entwirft, in dem ihr Mann und seine Geliebte ihre Spielfiguren sein werden. Wird sie das Spiel gewinnen?

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Gitta Becker

Rosenspiel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 Gehörnt

Kapitel 2 Detektivspiel

Kapitel 3 Das Golfturnier

Kapitel 4 Der Tag danach

Kapitel 5 Männer und Frauen in den Jahren

Kapitel 6 Beweise

Kapitel 7 Das Essen mit Lena

Kapitel 8 Der Plan

Kapitel 9 Liebesgeflüster

Kapitel 10 Erwischt!

Kapitel 11 Fata Morgana

Kapitel 12 Die Einladung

Kapitel 13 Ein schöner schwarzer Tag

Kapitel 14 Verführung und Hausputz

Kapitel 15 Der Adventskaffee

Kapitel 16 Der Tag danach

Kapitel 17 E-Mail-Intrige

Kapitel 18 Dreiecksbeziehung

Kapitel 19 Vorweihnachtszeit

Kapitel 20 Betrüger und Betrogene

Kapitel 21 Gestörte Kommunikation

Kapitel 22 Verhinderte Treffen

Kapitel 23 Überrascht und Glück gehabt

Kapitel 24 Das Drei-Generationen-Haus

Kapitel 25 Gesätes Misstrauen

Kapitel 26 Der Tag der Entscheidung

Kapitel 27 Weihnachten

Kapitel 28 Hannah weiß es

Kapitel 29 Zwischen den Jahren

Kapitel 30 Silvester

Kapitel 31 Der Neujahrsbeginn

Kapitel 32 Grüße

Kapitel 33 Die Anwältin

Kapitel 34 Das Treffen mit Dazu

Kapitel 35 Fazit einer Ehe

Kapitel 36 Der Wahrsager

Kapitel 37 Das Rosenspiel

Kapitel 38 Der Spieleabend

Kapitel 39 Am Scheideweg

Kapitel 40 Micha

Kapitel 41 Plötzliches Interesse

Kapitel 42 Bienen im Bauch

Kapitel 43 Noch mehr Micha

Kapitel 44 Showdown

Impressum neobooks

Kapitel 1 Gehörnt

Was soll Susanne jetzt tun? Soll sie ihn erschießen? Oder lieber diese Andere, die da so mir nichts dir nichts in ihre Ehe eingebrochen ist? Glaubt man den Zeitungsberichten, dürfte es kein Problem sein, sich hier in Berlin eine Waffe zu besorgen. Wie in einem Film laufen vor ihren Augen sämtliche ihr bekannte Tötungsarten ab.

Ihre Nebenbuhlerin aus dem fahrenden Auto heraus auf offener Straße zu erschießen, klingt gut. Allerdings scheint ihr die alte Familienkutsche nicht dafür geeignet. Sie ist zu klapprig und könnte am Ende noch mitten im Geschehen stehen bleiben.

Sie könnte die Andere auf der Straße abpassen und einfach überfahren, um es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Diesen Gedanken verwirft Susanne auch wieder, da sie ja die Blutspuren ihrer Opfer von ihrem Auto beseitigen müsste und sich die Finger schmutzig machen würde. Nein, nicht an dieser Frau.

Gift kommt ihr in den Sinn. Nein, das ist zu einfach. Frauen nehmen immer Gift, da es die eleganteste und sauberste Art des Tötens ist, und wenn man es geschickt anstellt, ist es sogar ganz schlecht nachweisbar. Aber nein, Susanne will sich da nicht einreihen. Susanne will es nicht wie all die anderen mordenden Frauen vor ihr, neben ihr, nach ihr machen. Die gefrorene Lammkeule in ihrer Tiefkühltruhe fällt ihr eben noch ein. „Bloß nicht, viel zu viel Kraftaufwand, das lasse ich lieber sein“, murmelt sie leise vor sich hin.

Wieso denkt sie eigentlich darüber nach, die Andere umzubringen? Wieso nicht ihn? ‚Auch keine schlechte Idee‘, denkt Susanne. Aber zu augenscheinlich. Der Verdacht fiele sofort auf sie. Und schließlich möchte sie weder ihren Kindern den Vater nehmen noch seinetwegen den Rest ihrer Tage im Gefängnis sitzen.

Vielleicht sollte sie ihm einfach eine Szene machen und ihn anschließend rauswerfen. Oder soll sie so tun, als wäre gar nichts geschehen?

Also umbringen fällt leider erst einmal weg. Susanne braucht einen anderen Plan. Denn irgendetwas muss sie tun, will sie tun, vor allem jetzt gleich, damit sie ihre unbändige, zerstörerische, mörderische Wut unter Kontrolle bekommt.

Was findet diese Frau nur an ihrem Mann? Ihrem Mann, der langsam aber sicher aus den Fugen geraten ist. Ihrem Mann, der immer öfter allergisch auf Wasser zu reagieren scheint und gerne mal die Dusche meidet. Ihrem Mann, dem es nichts ausmacht, sich seiner Familie gegenüber völlig gehen zu lassen und sich ihr fast immer ungepflegt und unrasiert präsentiert. Was will diese Frau ausgerechnet von ihrem in die Jahre gekommenen Mann, der durch Bauchansatz und hellgraue, fast weiß schimmernde Halbglatze besticht, über die er im Winter eine Kappe stülpt, um sie vor möglichen Erfrierungen zu schützen?

„Komm, denke nach, überlege“, sagt Susanne zu sich selbst. Sie zündet sich eine Zigarette an und irrt gedankenverloren durchs Haus. Susanne läuft die Treppen hinauf und wieder hinunter, verharrt für einen Augenblick, schüttelt den Kopf und geht weiter. Sie überlegt. Was stand da geschrieben? „Ich habe die Nacht frei“, ließ die andere Frau ihren Mann in ihrer jüngsten E-Mail wissen. Erneut keimt Wut in ihr auf. Er hatte es noch nicht einmal für nötig befunden, diese brisanten News ganz sicher vor ihr zu verstecken, fast so, als wünsche er sich, entdeckt zu werden. „Bis zum Morgengrauen kann ich wegbleiben, das ließe sich meiner Frau erklären!“, lautete seine Antwort. Susanne liest die Zeilen auf dem Bildschirm wieder und wieder. Sie ist entsetzt. Panisch rennt sie abermals im Haus hin und her, Treppe hoch, Treppe runter, und das gleich mehrmals hintereinander. Hat sie sich vielleicht doch verlesen? Es alles nur missverstanden? Also geht sie noch einmal in sein Büro hinunter, um die E-Mail zum wiederholten Male zu lesen. Sie sucht nach den Stellen, die eindeutig sind. Sie findet die Worte. Da stehen sie, schwarz auf weiß. Sie sucht nach Gegenbeweisen, findet aber keine. Sie hat sich nicht geirrt. „Nein, mein Lieber. Nicht mit mir. Heute Nacht sicher nicht.“ Abermals spricht sie leise mit sich selbst, als brauche sie eine Bestätigung dafür, dass sie nicht träumt.

Sauer wie eine Gurke und grün vor Schock blickt ihr kurz darauf ihr eigenes Spiegelbild entgegen. Reingefallen! Was jetzt? Soll sie verzweifeln oder lieber froh sein, dass sie ihn los ist und diesen Mann nicht mehr befriedigen muss. Alle Unarten, die er sich im Laufe ihrer langjährigen Ehe angewöhnt hat, gehen ihr durch den Kopf. Alles fällt ihr wieder ein, nichts entgeht ihr. Es ist nicht nur das Glas, das er immer auf statt in die Spülmaschine stellt, oder die Unordnung, mit der er sich und die Familie umgibt, nein, es ist hauptsächlich seine Trägheit, die sie stört. Um es auf den Punkt zu bringen: Es ist sein Sessel. Gegen diesen dummen, alten Sessel hat Susanne keine Chance. Dieser Sessel ist ihres Mannes bester Freund geworden.

Kaum ist er zur Tür hereingekommen, ist es, als säusle dieses Möbel: „Setz dich zu mir, mach’s dir in mir bequem.“ Ihr Mann fällt darauf herein, wie Odysseus auf die Sirenen, und lässt sich hineinfallen, um sich den restlichen Abend nicht mehr aus ihm zu erheben.

Wann sind sie denn das letzte Mal über den Ku’damm gebummelt? Haben sich in ein Café gesetzt, miteinander geredet oder schweigend den Menschen nachgeschaut, die mit bunten Tüten bepackt vorüberzogen? Es muss Jahre her sein. Sie kann sich nicht erinnern. Ein Kino- oder Konzertbesuch? Kommt nicht in Frage. Der Sessel hat die Übermacht. Er ist wichtiger.

Sie überlegt fieberhaft. Was braucht eine Frau, die ihrem Mann auf die Schliche gekommen ist und deren aufkeimender Verdacht, dass er tatsächlich eine Geliebte hat, sich auf so dermaßen dämliche Art und Weise auch noch bestätigt? Sie braucht jetzt erst mal eine Freundin. Doch wer käme da in Frage? Denn jeder Mensch hat ja die unterschiedlichsten Arten von Freundschaften. Da gibt es die Langjährigen, manchmal sogar noch aus dem Sandkasten. Es gibt Freundinnen für Unternehmungen. Oder Freundinnen gegen Wut und Frust. Es gibt wieder andere, die Nachrichten an den gewünschten Stellen platzieren, also eher die Nachrichtenfreundinnen. Susanne aber braucht jetzt eine, auf die sie sich hundertprozentig verlassen kann. Sie entscheidet sich für Lena Bremer. Die ist immer da, wenn Hilfe nötig ist. Auf ihre Verschwiegenheit kann sie zählen. Susanne beschließt sie anzurufen.

„Hi, ich bin es“, begrüßt sie wenig später ihre Freundin mit matter Stimme.

„Tachchen, Frau Kramer. Was für eine nette Überraschung! Was verschafft mir denn die Ehre am frühen Abend?“

„Ach, eigentlich was nicht ganz so Erfreuliches. Halt dich am besten fest: Mein Mann hat eine Geliebte“, fällt sie gleich mit der Tür ins Haus.

Sekundenlanges, betretenes Schweigen. Dann ein lang gezogenes „Waaassss? Bist du sicher? Ganz sicher?“ und mindestens hundert Fragezeichen schwirren durch die Luft.

„Ja, ich bin mir sicher“, bekräftigt sie. Sprachlosigkeit am anderen Ende.

„Das hätte ich ihm nie zugetraut, niemals von ihm gedacht!“, sagt Lena schließlich fassungslos.

„Aber ich rufe noch aus einem anderen Grund an. Kannst Du mir für den Fall der Fälle für heute ein Alibi geben? Ich meine, wenn er irgendwie durch Zufall danach fragen sollte, dann sag einfach, wir waren zusammen essen. Okay?“

Susanne bittet sie darum, obwohl sie weiß, dass ihre Freundin Lena es mit Daten nicht so hat. Schon so einige Male hat sie Einladungen vergessen. Aber jeder hat eben so seine Macken und trotzdem vertraut sie Lena.

„Und was soll das, was willst du jetzt tun?“, wispert Lena.

„Das erkläre ich dir ein anderes Mal, lass uns morgen vielleicht mal in Ruhe telefonieren. Ich muss jetzt los“, antwortet Susanne mechanisch.

„Aber bitte erklär mir doch noch schnell …“, hört sie noch die leiser werdende Stimme ihrer Freundin, während sie schon den Hörer vom Ohr nimmt, um die Austaste zu drücken.

Ja, was will sie tun? Das weiß sie in diesem Moment selbst noch nicht so genau.

Kapitel 2 Detektivspiel

Susanne hat den Entschluss gefasst, ihrem Mann nachzufahren. Sie weiß, wo er sich in diesem Moment aufhält oder zumindest aufhalten sollte. Er ist, wie jeden Freitagabend, bei seinem Männerabend. Sie weiß auch, wo er für gewöhnlich danach noch hingeht, weiß aber nicht, ob er seine Pläne nicht doch geändert hat oder vielleicht spontan ändern wird. Sie fährt einfach los und muss ihre Gedanken auf die Straße zwingen. Diese Nacht ist dunkel und regnerisch. Der nasse Asphalt spiegelt die Schwärze wider. Fußgänger in dunkler Kleidung laufen, ohne sich umzusehen, über die Straße. Immer und immer wieder kreisen die Gedanken um ihre Entdeckung in ihrem Kopf herum.

Ja, natürlich, er kann sehr charmant und liebevoll sein, sonst hätte sie ihn schließlich nicht geheiratet. Aber rein optisch betrachtet? Inzwischen? Nein! Da gibt es besser geformte Körper. Sie weiß, dass es Probleme in ihrer Ehe gab und immer noch gibt. Probleme, wie sie bei unendlich vielen anderen Paaren auch existieren: Geld, Sex, Eintönigkeit des Alltags, Fremdgehen. Okay, wegen einer Infektion hatten sie seit drei Monaten keinen Sex. Aber das war offenbar nicht ihr Verschulden. Ärger kommt hoch. Warum gleich so ein großes Ding, warum nicht nur so eine kleine Affäre, die er ordentlich vor ihr verheimlicht? Warum tut er ihr und seinen Kindern das an?

Als sie ihr Ziel erreicht und das Auto schräg gegenüber vom Eingang geparkt hat, fragt sie sich, wie sie es geschafft hat, ohne Unfall dort anzukommen. Es ist kalt, sie fröstelt. Kein Wunder, es ist ja auch Mitte November, was aber nicht der einzige, eisige Grund ist. Sie wartet. Im Radio gibt eine Wahrsagerin den Zuhörern Ratschläge für die Zukunft. Klingt irgendwie immer gleich, dennoch tippt Susanne die angesagte Telefonnummer in ihr Handy. Es klingelt. Jemand nimmt ab. Man rufe zurück, hört sie. Verdammt! Jetzt hätte sie Hilfe, jetzt hätte sie jemanden zum Reden gebraucht. Als man sie Tage später zurückruft, braucht sie keinen Rat mehr aus den Karten.

Jeder wird sich fragen, wieso sie ihn, diesen Verräter, nicht einfach in die Wüste schickt. Oder verpackt und mit Schleife dekoriert bei der Anderen abgibt. Aber sie gibt zu, sie verliert nicht gern. Schon gar nicht so. Sie sitzt immer noch im Auto. Damit ihr die Wärme nicht ganz verloren geht, fährt sie von Zeit zu Zeit um den Block. Sie ist nicht besonders geeignet, ihrem Mann nachzuspionieren, und schilt sich selbst eine dumme Kuh. Die Zeit will und will nicht vergehen, egal wie oft sie auch noch auf ihre Uhr schauen mag. Wieder holen sie ihre Gedanken ein.

Sie, die Andere, sieht ihn doch nur, wenn er sich fein rausgeputzt hat. Dann hat er gute Laune, und ein jugendliches Grinsen sitzt schelmisch auf seinem Gesicht. Zugegeben, von vorn im Gesicht sieht er noch ganz attraktiv aus, insbesondere wenn er kurze, ganz kurze Haare hat, so wie Susanne sie ihm gern schneidet. Warum ist ihr eigentlich die Schere nie ausgerutscht? Er hat, im Gegensatz zu ihr, die magische Grenze von fünfzig Jahren inzwischen überschritten.

Die Geliebte trifft ihn geschniegelt und gebürstet, mit beschwingtem Gang. Sie sieht ihn nicht, wenn er morgens neben ihr aufwacht, später dann, am ganzen Körper steif vom sich nun doch bemerkbar machenden Alter, die Treppe hinunter¬ hinkt. Denn das jugendlich-schwungvolle Hinunterschreiten hat sich in den letzten Jahren eher in schwerfälliges Schleichen verwandelt. Sie sieht auch nicht seine Wäsche mit den Spuren des vergangenen Tages und der letzten Nacht. Nein, sie sieht ihn frisch geduscht, vor allem in einem frisch gewaschenen Slip. Vielleicht trägt er sogar für sie den String, den Susanne ihm gekauft hat, um ihr eigenes Sexleben ein wenig anzuheizen? Irgendwann war er plötzlich aus seiner Schublade verschwunden. Ob die Andere ihn als Trophäe behalten hat?

Wie kann sie nur so albern sein, ihrem Mann hinterherzufahren? Was bringt es ihr? Hierzu gibt es schließlich Detekteien, die sich auf den Nachweis von Untreue spezialisiert haben. Nein, das ist nicht ihr Ding. Was hat sie davon zu wissen, ob er sich mit der Anderen hinterher noch trifft? Sie überlegt hin und her, schimpft sich erneut eine dumme Kuh, harrt aber aus.

Sie stellt sich vor, wie das so wäre, wenn die Andere nach drei Monaten des Zusammenlebens feststellt, dass der vermeintliche Haupttreffer leider doch eine ziemliche Niete ist. Sie weiß doch gar nicht, ob Susanne sich vielleicht nicht schon lange von ihm scheiden lassen will und es lediglich aus rein finanziellen Erwägungen noch nicht getan hat. Eins ist sicher, wie es auch ausgehen mag: Wenn er einmal fort ist, wird sie ihn nicht zurücknehmen, selbst dann nicht, wenn er eines Tages im Rollstuhl sitzend vor ihre Tür geschoben werden sollte. Nein, danke!

Bis du, liebe Dazu – sie nennt die Andere jetzt Dazu – erkennst, dass du keinen Haupttreffer gelandet hast, wird eure Beziehung schon abgekühlt sein und der ganze frische „Darling-Effekt“ weicht mit einem Schlag dem Einerlei des Alltags:

Dazu: Hi Darling, ich freue mich wieder ganz, ganz, ganz schrecklich auf dich.

Viel Liebe, viele Küsse, viele Knutscher, viele Streichler viele Krauler ...

Das ist dann mit einem Schlag dahin und sie wird überlegen, wie sie ihn wieder loswerden kann. Vergiss nicht, Dazu: Umtausch ausgeschlossen!

Ach, und seine neue Geliebte möchte, dass er endlich aufhört zu rauchen. Daran arbeitet sie ausdauernd und nachdrücklich. Sie lässt keine Gelegenheit aus, ihn daran zu erinnern. Susanne bezweifelt jedoch stark, dass er ihr zuliebe mit dem Rauchen aufhören wird. Und schon gar nicht zum neuen Jahr als guten Vorsatz. Das gelingt nie und nimmer. Falls doch, wäre der Punkt gekommen, an dem sich Susanne wirklich langsam ernsthafte Sorgen um ihre Ehe machen müsste.

Ach ja, das fällt ihr auch noch ein: Das gemeinsame Schlafengehen ist auch so eine Sache … Er ist inzwischen zum absoluten Nachtmenschen mutiert. Susanne dagegen ist das unermüdliche Stehaufmännchen der Familie. Seit unzähligen Jahren weckt sie morgens als Erste die gemeinsamen Kinder, versorgt sie mit Frühstück und Pausenbrot, erträgt ihre Launen. Da sie viel früher aus den Federn steigt, ist sie natürlich auch früher müde und geht zwei Stunden eher schlafen als ihr Mann. Wie soll man da noch zusammenkommen? Sein schlechtes Gewissen lässt es wohl seit Monaten nicht zu, gleichzeitig mit ihr und Dazu Sex zu haben. Ihm ist es ganz recht, dass Susanne eher ins Bett geht, denn sonst könnte ja als schwacher Mann von seiner Frau verführt werden, und dann würde er sie, seine Geliebte, ebenso wie seine Frau betrügen. Welch‘ eine Schande! Er wird, wie die meisten Fremdgänger, Dazu vorgejammert haben, wie unerfüllt sein Sexleben doch sei. Das weiß Susanne sicher. Ob Dazu bedenkt, dass ihres auch nicht besser war? Es macht nicht viel Spaß mit einem Mann im Bett, der sich ungepflegt zeigt! Und dann diese blöde Pilzinfektion. Wo hatte er sich die noch mal eingefangen? Vielleicht sogar bei noch einer anderen?

Denn er hat ja noch eine andere neben Dazu, ohne dass diese davon weiß. Jawohl, noch eine, sozusagen eine Dazu-Dazu. Das wird ihr jetzt erst so richtig klar, wenn sie die vorgefundenen E-Mails alle richtig deutet. Da gab es noch einen Unterordner namens Dazu-Dazu. Und der bezog sich eindeutig auf andere Situationen. Jetzt versteht sie es erst. Sie muss lachen, schallend lachen, hier allein im kalten Auto, als Laiendetektivin, zu der sie sich nicht wirklich eignet.

Wen betrügt er nun? Betrügt er Susanne oder Dazu oder sie beide mit einer Dritten im Bunde? Es handelt sich bei Dazu-Dazu wohl um so etwas wie eine verflossene Geliebte, zu der er noch locker Kontakt hält für das ein oder andere Stelldichein. Susanne ist ja nicht mehr so naiv anzunehmen, dass Dazu und die davor die einzigen sind oder waren, mit denen er sie betrogen hat und immer noch betrügt. Fragt sich nur, wann er damit angefangen hat. Doch ist das wichtig? Es schmerzt. So oder so! Wenn Dazu das wüsste! Soll Susanne es ihr vielleicht jetzt schon mitteilen?

Endlich strömen Scharen von Männern aus dem Haus, An seinem Körperbau erkennt sie den ihren mühelos. Er steigt in das Auto eines Mitstreiters, um noch eben jene Kneipe anzusteuern, wo der Abend regelmäßig seinen Ausklang findet. Sie ist sich sicher, dass er zumindest darüber nachdenkt noch zu Dazu zu fahren, einzig, wie soll er es seinen Kumpels erklären, dass er schon nach Hause fahren möchte, ohne dass das dann bei Susanne breitgetreten wird? Sie reibt ihre eiskalten Finger aneinander. Nein, Detektivarbeit ist wirklich nicht ihr Ding. Das war das erste und das letzte Mal, dass sie das getan hat. Es muss doch einen anderen Weg geben, ihren Mann zu kontrollieren. In flagranti wollte sie das Paar ohnehin nicht ertappen. Noch nicht jedenfalls. Diese Option hält sie sich noch offen, für später vielleicht.

Susanne hat es satt, im Auto zu warten, und überlegt, wie sie ihm stattdessen ein mögliches Rendezvous vermiesen könnte. Obwohl sie keine Sorge haben müsste, denn an einem reinen Männerabend fließt reichlich Alkohol. Es sei denn, er sich bis jetzt zurückgehalten und nichts getrunken. Trotzdem wäre es nicht allzu einfach, Dazu noch einen Besuch abzustatten. Er müsste immerhin erst nach Hause fahren, um das Auto zu holen, für ein Taxi ist er zu geizig. Nichts zu trinken, wenn die Gelegenheit da ist, das traut sie ihm auch nicht zu, allerdings fährt er auch nicht mehr Auto, wenn er etwas getrunken hat. Ihn sicher in der Kneipe wissend, fährt sie im Auto ihrer Tochter nach Hause und schickt ihm von dort eine SMS, in der sie ihm mitteilt, dass sie eventuell noch vorbeikommt. Wenn sie tatsächlich noch in die Kneipe kommen würde, könnte er unmöglich woanders sein. Es wirkt. Prompt kommt er nach Hause. Sehr schön! Es geht also auch anders. Sie ist sich sicher, es werden ihr da noch ein paar andere Gemeinheiten einfallen, um zärtliche Begegnungen zwischen Dazu und ihrem Mann zu verhindern. Aber jetzt sollte sie sich unbedingt erst mal ausruhen.

Susanne kann nicht einschlafen und wälzt sich in ihren Kissen hin und her. Als sie lautes Schnarchen aus dem Nachbarbett vernimmt, hat sie genug, steht auf und geht nach unten. Sie sieht aus dem Fenster in den Garten. Friedlich schaukeln die Zweige im Wind.

Das Licht des Bewegungsmelders geht an; sicher ist wieder ein Fuchs unterwegs. Der Garten ist hell erleuchtet, wodurch ihr Blick auf den Golfball gelenkt wird, der sich am Rand des Rasens mittlerweile häuslich eingerichtet hat. Susanne erstarrt – plötzlich fällt es ihr wieder ein: Sie kennt sie, die Andere, die Geliebte.

Kapitel 3 Das Golfturnier

Als sie Dazu zum ersten Mal sah, das kurze Aufblitzen in deren Augen bemerkte, als diese ihren Mann ansah, da spürte sie sofort eine gewisse Spannung zwischen den beiden. Irgendwann zuvor, so ganz nebenbei, hatte er erwähnt, dass da eine Frau aus dem Businessclub beim Golfturnier der Kategorie Spaß mitspielen würde. Und ganz zufällig, ganz beiläufig fügte er noch ein gemurmeltes „eine verheiratete Frau“ zu.

Da es Susanne eigentlich egal ist, wer mitspielt, maß sie seiner beiläufig hingeworfenen Bemerkung keine weitere Bedeutung bei. Ohne Argwohn, fast naiv war sie, als der Tag des Turniers kam. Wie immer richtete sie die Brote und Getränke, er packte die Schläger ins Auto. Im Gegensatz zu sonstigen Aktivitäten am Wochenende war er diesmal guter Laune. Als sie den Platz erreichten, sah sie in der Ferne eine etwa gleichaltrige Frau stehen.

„Da ist sie schon!“, sagte er freudig erregt und deutete in die Richtung eines strahlenden Gelbtons.

Susanne nickte irritiert und folgte seinem Blick. Die Frau war bereits auf der Driving Range und wärmte sich auf. Während sie sich ihr näherten, spürte Susanne, wie ein immer größeres Unbehagen ihren Mann beschlich. Er wurde sichtbar nervös und fing an herum zu hampeln wie ein Kind vor der Bescherung am Heiligen Abend.

Dazu trug eine gelbe, hautenge Hose, darüber ein ebenso enges Top in gleicher Farbe. Ziemlich sexy das Ganze. Man konnte Einzelheiten ihrer Figur gut erkennen – ob man wollte oder nicht. Ansonsten hatte diese Frau in Gelb eine freundliche, sympathische Ausstrahlung. Sie warf einen Blick auf ihren Mann. Was war bloß mit ihm los? Er benahm sich wie ein unreifer Pubertierender, eine leichte Röte trat in sein Gesicht. Völlig verunsichert, nicht wissend, was er tun sollte, stellte er die beiden Frauen einander vor.

Susanne begrüßte die Frau höflich, aber kühl. Denn jetzt war es nicht mehr zu übersehen. Da war etwas zwischen dieser Frau und ihrem Mann, etwas Aufregendes, Schönes, sogar etwas Hoffnungsvolles. Sie erkannte es daran, wie die beiden sich aufführten, es zeigte sich ihr mit jedem Blick und jeder Geste. Und noch während sich ihr dies alles in brutaler Klarheit offenbarte, tat sich unter ihr auch schon der Boden auf. Gleichzeitig begann die Erde zu beben und ein Hurrikan schickte seine ersten Windböen. Sie glaubte, ganz langsam in den Schlund der Hölle gezogen zu werden, fühlte, wie die züngelnden Flammen der Hölle ihr entgegenschlugen, während das Beben der Erde ihr das Gleichgewicht zu nehmen schien. Der Hurrikan begann an ihren Armen zu zerren, sie dieser Hölle aber nicht preisgeben zu wollen. All das fühlte sie in einem einzigen Moment. Sie wollte gleichzeitig lachen, weinen, kreischen. Sie tat es aber nicht. Kein Lachen, kein Weinen, kein Kreischen kam über ihre Lippen. Stattdessen hörte sie Dazus Worte wie aus weiter Ferne, nickte nur freundlich und suchte sich eine Stelle, um sich einzuschlagen.

Später, in den E-Mails, zwischen ihrem Mann und Dazu, abgelegt in der Ordner-Kategorie „Dazu“, werden sie über Susannes Unwissenheit lachen. Werden sich damit brüsten, wie toll sie sich doch damals auf dem Golfplatz beherrschen konnten, und nicht vor lauter Begierde im Gebüsch übereinander hergefallen sind. Sie haben sich sicher gefühlt. Doch das war ein Fehler. Sie haben sich ausgemalt, wie aufregend es wohl wäre, mit ihr, der Gehörnten, gemeinsam an einem Golfturnier teilzunehmen. Welch ein Affront! Welch eine Demütigung!

Brav wollte Dazu sein, ihn nicht mit schmachtenden Blicken anschauen. Was bildet die sich ein, was, denkt die empfindet eine Ehefrau wohl, deren Mann seit Monaten nichts mehr von ihr wissen will, und die dann beide – den Mann und die offensichtliche Geliebte – zusammen sieht? Susanne hätte noch so blind sein können, die Auswirkungen der Hormone, die die beiden nicht mehr unter Kontrolle halten können, würde sie aus drei Kilometer Entfernung riechen. Sie hat die Frau gesehen, hat gesehen, wie es ihrem Mann vor Begierde fast aus dem Mund tropfte. Sie hätte wirklich gerne zugeschlagen. Stattdessen gefror sie in ihrem Innern. Nachdem der Höllenschlund sich geschlossen, das Beben der Erde aufgehört und der Hurrikan sich verzogen hatte, kehrte die Eiszeit ein.

Als das Turnier dann vorbei war, trafen alle nach und nach im Clubhaus zur Siegerehrung ein. Ihr Mann setzte sich neben Susanne. Alibi. Dazu hatte schräg gegenüber von ihnen Platz genommen. So saß die Geliebte sowohl in seinem, als auch in ihrem Blickfeld. Susanne versuchte sich zusammenzureißen, aber ihre Laune besserte sich nicht. Sie saß zwischen ihrem Mann und einem der Jungs aus ihrem Team. Es muss die Katastrophe schlechthin für ihn gewesen sein, da sie zu allem, nur nicht zu Small Talk, aufgelegt war. Links von Dazu saßen Frauen, die fröhlich das Turnier durchhechelten und sich über ihre eigenen misslungenen Schläge und die ihrer Gegnerinnen und Gegner prächtig zu amüsieren schienen.

Wie gerne hätte sie die beiden abgeschossen. Sie oder ihn. Oder mit einem Bandenschuss gleich beide hintereinander. Susanne beobachtete Dazu und ihren Mann ununterbrochen. Zu ihrem Glück spielten sie in verschiedenen Teams. ‚Ein Golfschläger eignet sich nicht ausschließlich zum Golfspielen. Hätte ich einen Hang zur Gewalttätigkeit oder würden meine Blicke töten können, ich schwöre euch, ihr wäret augenblicklich umgefallen und längst nicht mehr am Leben‘, dachte Susanne, während sie Dazu auf der einen, ihren Mann auf der anderen Seite im Auge hatte.

Aber nichts von alledem geschah, ihre Blicke töteten nicht. Ihre Miene blieb wie versteinert. Sie stellte zu allem Übel auch noch verärgert fest, dass Dazu im Gegensatz zu ihr selbst total braun gebrannt war. Dieser dauernde Blickkontakt der Anderen mit ihrem Mann machte Susanne schier verrückt, obwohl Dazu sich bemühte, dies nicht allzu auffällig zu tun. Aber es gelang ihr nicht ganz. Kurz nach der Preisverleihung hatte er seinen Platz neben seiner Frau dann einfach verlassen und sich neben Dazu gesetzt. Er schob als Grund vor, dass er mal fragen wolle, ob ihr das Turnier gefallen hätte.

Er war zu ihr gegangen. Er hatte ihre Nähe gesucht. Er hat sie berührt, wie zufällig, für andere außer Susanne kaum wahrnehmbar. Für seine Frau war das offensichtlich. Da war was. Sie fühlte nur noch blankes Entsetzen.

Und um diesem Nachmittag noch die Krone aufzusetzen, gingen sie dann auch noch zu dritt gemeinsam zu ihren dicht beieinander geparkten Autos und plauderten ein wenig über völlig belangloses Zeug. Was hätte Susanne auch anderes tun sollen? Beiden eine Eifersuchtsszene erster Güteklasse hinlegen, vor allen Leuten, wo doch zu diesem Zeitpunkt noch rein gar nichts bewiesen war, alles nur auf erfühlter Wahrheit und Spekulation beruhte?

Sie hatte es nicht getan, hat es unterlassen. Auch im Auto, mit ihm allein, machte sie ihm keine Vorhaltungen und sprach ihren Verdacht nicht aus. Hätte er sich zu ihr bekannt? Oder hätte er, wie so gerne in ausweglosen Situationen, mal wieder an ihrem Verstand gezweifelt? Es geleugnet? Keine Ahnung, sie wollte es auch nicht wissen. Stattdessen fragte er sie auf der Rückfahrt auch noch mit äußerst unschuldiger Miene:

„Na, wie findest du sie so?“

Sie bebte vor Wut. Wie konnte er sie das fragen. Hatte er nicht mehr alle Tassen im Schrank?

„Was soll ich sagen? Ich habe ja kaum mit ihr gesprochen“, gab Susanne kalt zurück.

Sie fühlte sich verraten. Er hatte sich selbst entlarvt. Durch seine eigene Unsicherheit. Hatte er denn überhaupt keine Skrupel, sie unter einem fadenscheinigen Vorwand mit dieser Frau zusammenzubringen? Was dachte er sich dabei? Was dachte sie sich dabei? Hatten die beiden überhaupt kein Gewissen der Betrogenen gegenüber? Und hatte die Andere nicht selbst einen Mann?

Hätte ihr Mann diese Frau wie eine gute alte Bekannte begrüßt, mit einer herzlichen Umarmung, dann hätte sie sich nichts dabei gedacht, keinen Verdacht gehegt. Sie selbst begrüßte ihre engsten männlichen Freunde so. Durch sein albernes Rumgehüpfe hatte er sich offenbart. Sie ahnte, dass sich da etwas angebahnt haben könnte und diese Frau sogar der Grund seiner Abstinenz in ihrem Ehebett war. Susanne fühlte sich allein und verlassen.

Trotzdem hatte sie es geschafft, das Golfturnier zu verdrängen. Ihr eigener Schutzmechanismus gaukelte ihr vor, dass sie sich das alles nur einbildete. Sie war wohl, trotz der vielen Ehejahre, eifersüchtig, oder die Wechseljahre haben bei ihr enorm früh eingesetzt, und ihre Gefühle sind den Stimmungsschwankungen zuzuschreiben.

Sie hatte viele Vorwände gefunden, um sich nicht einzugestehen, dass ihr Mann eine andere Frau hatte.

Ihr Blick fällt auf das Bild, das ihre drei Kinder zeigt. Im Dunkel des Wohnzimmers kann sie es zwar nicht wirklich sehen, kennt aber jedes darauf abgebildete Detail, weil sie es immer und immer wieder anschaut.

„Mein Gott, was werden die Kinder sagen, wenn sie erfahren, dass unsere Ehe zu Ende ist?“, flüstert sie in die Stille der Nacht. Tom der Älteste, ist behindert. Er lebt seit einiger Zeit in einer Einrichtung, in der er sich sehr wohl fühlt. Tom ist ein erwachsener Mann, wird aber für immer ein Kind bleiben. Er ist unglaublich groß, und Susanne amüsiert sich immer prächtig, wenn er sich von oben zu ihr hinunterbeugt und sie in den Arm nimmt, wobei sie fast vollständig unter ihm verschwindet. Helena, Susannes erste Tochter, ist ebenfalls hochgewachsen und deutlich größer als ihre Mutter. Sie kleidet sich stets modisch, manchmal etwas schrill, und würde lieber tot umfallen, als ungeschminkt das Haus zu verlassen. Mit ihren glatten Haaren, die dicht und fest sind, hat sie so ihre Probleme. Gerne würde sie sie gegen die Locken ihrer Schwester eintauschen. Helena genießt alles, was sie tut, bricht nie in Panik aus und scheint immer die Ruhe selbst zu sein. Hannah, das Nesthäkchen, das einige Jahre nach ihren Geschwistern geboren wurde, ist das Gegenteil ihrer Schwester, temperamentvoller und viel schneller aus der Ruhe zu bringen. Allerdings kann Susanne sich nicht erinnern, dass sie ihre Jüngste jemals hat schnell laufen sehen. Äußerlich versucht sie nicht aufzufallen, ist aber keineswegs eine graue Maus. Zu den Kindern hat sich nun auch noch Helenas Freund Luca gesellt. Die beiden werden, sobald sie etwas Geeignetes gefunden haben, in ihre eigene Wohnung ziehen. Dann ist nur noch Hannah im Elternhaus. Susanne wird kein Interesse daran haben, einen Keil zwischen die Kinder und ihren Vater zu treiben. Warum auch? Sie sind erwachsen und treffen ihre Entscheidungen selbst.

Susanne schaut auf die Uhr. Es ist Zeit schlafen zu gehen. In diesem Moment hört sie das Bett oben quietschen, das Schnarchen verstummt endlich. Kurz darauf sind, einem Erdbeben gleich, Schritte zu hören. Nach einer Weile vernimmt sie die Klospülung, dann wieder Tritte und das Quietschen des Bettes. Sie weiß, dass er jetzt auf der Seite liegt und nicht mehr schnarcht. Sie geht nach oben, legt sich ins Bett und schläft bald darauf ein.

Kapitel 4 Der Tag danach

Verdammt, sie hatte das alles nicht geträumt. Ihr Mann hatte tatsächlich eine Geliebte – ¬Dazu. Sie hatte sich das auf dem Golfplatz, so sehr sie es sich gewünscht hätte, also nicht eingebildet. Seit Monaten nun turteln sie herum, flirten, sehnen sich nach einander, machen es miteinander, belügen und betrügen sie, die gehörnte Ehefrau.

Das waren gestern Nacht ihre letzten Gedanken und sind heute ihre ersten beim Aufwachen. Ihr wird klar, dass sie einen Fehler gemacht hat.

Anstatt ihm gestern nachzufahren und dabei fürchterlich zu frieren, hätte sie besser die Beweise sichern sollen. Sie geht hinunter und schaut in der Diele in ihren Zauberspiegel, denn sie braucht Gewissheit, ob ihre Hörner noch zu sehen sind. Den Schlafzimmer- und den Badspiegel hat sie extra gemieden. Könnte ja sein, dass da doch keine sichtbar sind. Trügerische Hoffnung, denn sie sind noch da. Grinsen sie an, amüsieren sich köstlich über ihre naive Annahme, sie könnten über Nacht verschwunden sein.

‚Hörner, wie lange bleibt ihr? Werde ich euch für den Rest meines Lebens tragen, oder verschwindet ihr langsam, jetzt da ich euch entdeckt habe?‘, überlegt Susanne, während sie ihr Spiegelbild betrachtet. Es ist keine Veränderung festzustellen. Sie sind nicht kleiner geworden, ziehen sich nicht zurück. Ob es wohl bei allen Betrogenen so ist? Sie stellt sich eine Veranstaltung mit mehreren Hundert Menschen vor, deren Hörner auf ein Fingerschnippen hin schlagartig sichtbar werden. Viele wären schockiert darüber, dass auch sie welche haben, und ihren Partnern wohl auf der Stelle eine Szene machen. Ob die Stärke und Länge der Hörner die Intensität und Anzahl des Betruges anzeigt? Oder richtet sich das einfach nach dem Habitus des Trägers? Sähe es nicht witzig aus, trüge ein gestandener Mann nur zwei kleine Futzelchen, während eine zierliche Frau unter ihrem Gewicht fast kopfüber umzukippen drohte?

Hörner zu tragen, ist keine besondere Auszeichnung. Lange genug läuft man unwissentlich damit herum, manchmal sehr zur Freude gemeiner Mitmenschen, die sich hinter vorgehaltener Hand an der Unwissenheit der Gehörnten geradezu ergötzen. Immerhin sieht man sie erst, wenn man es weiß. Ihre Entdeckung ist zweifelsfrei Ursache entstehender Rachegedanken, aus denen dann handfeste Rachepläne werden können. Von der Rache der Gehörnten wurde so manch einer hart getroffen. Es gibt unendlich viele Varianten: Telefonterror bei der oder dem Geliebten ausüben. Beide in flagranti erwischen und diese Szene richtig auskosten. Vielleicht auch noch im eigenen Heim, in das man von einer Dienstreise früher als geplant zurückkehrt. Wie viele Hörnende sich wohl panisch im Schrank oder nackt auf der Straße wiedergefunden haben, die nachgeworfenen Kleidungsstücke einzeln im Schein der Laterne vom dunklen Asphalt einsammelnd? Die Autoreifen zerstechen oder den Lack nachhaltig beschädigen, auch das sind beliebte Taten, vor allem, wenn in seiner ganz persönlichen Rangfolge nach der Geliebten erst das Auto und irgendwo weiter unten die Ehefrau vorkommt. Körperliche Gewalt anwenden oder gleich ermorden, auch das findet sich auf der unendlich langen Palette der Rachepläne wieder. Fazit: Es gibt eine Rache, die die Hörnenden sofort trifft, schmerzlich und direkt. Es gibt aber auch eine Rache, die sich sanft, aber unaufhaltsam, in einem schleichenden, zerstörerischen Prozess entwickelt.

Susanne kocht Kaffee, trinkt erst einen Schluck und geht dann wie jeden Samstag Brötchen kaufen. Dann setzt sie sich an den Tisch und frühstückt. Allein, wie immer. Alle aus ihrer Familie schlafen noch, sie würden sicher auch Brötchen holen gehen, wachten sie früher auf. Einzig ihr Mann geht auch dann keine Brötchen holen, wenn er mal vor ihr wach ist. Heute ist sie geradezu begierig darauf etwas zu essen. Denn sie kann mit knurrendem Magen nicht so gut nachdenken. Die Ruhe im Haus nutzt sie, um ihren Gedanken nachzugehen.